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In seinen Sagen und Gruselgeschichten hat sich der Mensch viele Schrecken und Dämonen geschaffen. Die Ghouls gehören zu den widerlichsten: stumpfsinnige, stinkende Aasfresser, die unter den Friedhöfen leben und sich von den Toten ernähren.
Mit seinem Roman "Totentanz der Ghouls" betritt Hal W. Leon diese unterirdische Welt und führt uns geradewegs ins Grauen. Zudem entwickelt er eine erschreckende Theorie, wie die Ghouls einst entstanden.
Ein lesenswerter Roman erwartet Sie, in dem Sie wohl mehr über diese niedersten aller Dämonen erfahren, als Ihnen lieb sein kann ...
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Totentanz der Ghouls
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati/BLITZ-Verlag
Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-9230-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Totentanz der Ghouls
von Hal W. Leon
In seinen Sagen und Gruselgeschichten hat sich der Mensch viele Schrecken und Dämonen geschaffen. Die Ghouls gehören zu den widerlichsten: stumpfsinnige, stinkende Aasfresser, die unter den Friedhöfen leben und sich von den Toten ernähren.
Mit seinem Roman »Totentanz der Ghouls« betritt Hal W. Leon diese unterirdische Welt und führt uns geradewegs ins Grauen. Zudem entwickelt er eine erschreckende Theorie, wie die Ghouls einst entstanden.
Ein lesenswerter Roman erwartet Sie, in dem Sie wohl mehr über diese niedersten aller Dämonen erfahren, als Ihnen lieb sein kann …
Die Turmuhr der nahen Kirche schlug Mitternacht, als der Totengräber von Danville sein Häuschen verließ, das er am Rand des Friedhofs bewohnte.
Sein großer Buckel warf einen bizarren Schatten auf die verwitterte Wand. Mack Hubbard war sechzig Jahre alt, wirkte aber wie siebzig. Er war kahl bis auf einen schütteren Haarkranz, der strähnig seinen knochigen Schädel umgab.
Dumpf klangen die zwölf Stundenschläge. Dann waren nur noch die Schritte von Mack Hubbard zu hören, der schlurfend zum angebauten Werkzeugschuppen ging. Er brabbelte mürrisch vor sich hin und zog die Tür auf.
Die rostigen Angeln quietschten und knarrten. Hubbard nahm einen Pickel und einen Spaten und wandte sich um.
Vor ihm lag der nächste Totenacker in seiner unheimlichen Stille. Dunkel ragten überall die Grabkreuze auf. Die weißen Marmorsteine schimmerten matt.
Der Totengräber setzte sich in Bewegung und lenkte seine Schritte auf einen schmalen Kiesweg. Er hatte das Werkzeug geschultert. In der linken Hand hielt er eine Laterne, die er später anzünden wollte. Vorläufig brauchte er kein Licht. Er fand sich auf dem Friedhof mit traumwandlerischer Sicherheit zurecht.
Wie ein Gnom huschte der Bucklige auf dem von Gräbern und Buschhecken gesäumten Weg dahin. Er verschmolz fast mit seiner Umgebung. Unter seinen Stiefeln knirschte der Kies.
Sein Ziel war ein frisches Grab am anderen Ende des Friedhofs. Das Grab des alten Riley, der am vergangenen Nachmittag beerdigt worden war.
Hubbard hatte die Grube nur zur Hälfte zugeschaufelt, weil die Hitze ihn müde gemacht hatte.
Seine Müdigkeit war jedoch nicht der einzige Grund dafür gewesen, dass er die Arbeit erst am nächsten Tag beenden wollte.
Riley war ein vermögender Mann gewesen, der den Mund voller Goldzähne hatte. Die wollte Hubbard sich holen. Riley brauchte die Zähne ja doch nicht mehr, vielleicht hatte er auch einen Ring am Finger. Einen Ring aus Gold, der sich ebenfalls zu Geld machen ließ.
Mack Hubbard war ein Säufer und daher ständig in Geldverlegenheit. So beraubte er hin und wieder einen Toten, um ein paar Dollars für Schnaps zu haben. Nein, es war heute wirklich nicht das erste Mal.
Der Mond war in dieser Nacht früh untergegangen. Das war für Hubbards Vorhaben günstig. Zielbewusst und furchtlos bewegte er sich durch die Reihen der Gräber. Er hatte keine Scheu vor den Toten. Er wusste, dass ihm die Verstorbenen nichts anhaben konnten. Nur die Lebenden waren gefährlich.
Zur Linken tauchte eine lebensgroße Engelstatue auf. Die Arme schützend über ein Kindergrab gebreitet, warf sie von einem Sockel herab einen gespenstischen Schatten.
Nun war es nicht mehr weit. Der Bucklige bog ohne Zögern nach rechts ab, in eine Allee aus gestutzten Büschen. Dahinter lag Rileys Grab.
Plötzlich stockte sein Schritt. Rötlicher Lichtschein drang aus dem halb zugeschütteten Grab und überflutete einen Teil des braunen Erdwalls.
War schon jemand in der Grube? War ihm ein anderer Leichenfledderer zuvorgekommen?
Hubbard lauschte mit angehaltenem Atem und hörte das Brechen von Holz. Die Sargbretter!
Also doch, dachte der bucklige Totengräber und spürte, dass Zorn in ihm aufstieg. Niemand außer ihm hatte seiner Meinung nach ein Recht, die Toten zu bestehlen. Schließlich machte er hier die ganze Arbeit.
Aber diesem Kerl würde er es schon zeigen! Wer immer es auch war, der alte Hubbard hatte keine Angst und dachte keine Sekunde lang daran, dass ihm der andere körperlich überlegen sein konnte. Immerhin hatte er das Überraschungsmoment auf seiner Seite.
Entschlossen stellte er die Laterne zu Boden, legte den Spaten daneben und umfasste den Pickel mit beiden Händen. So schlich er entschlossen näher.
Aber das, was er wenige Sekunden später sah, ließ doch Angst in ihm aufkommen. Eine gedrungene Gestalt mit langen Armen beugte sich in der Grube über den freigelegten, jetzt offenen Sarg. Sie war so grauenvoll, dass dem Totengräber fast das Blut gefror.
Es war kein Mensch. Nein, es war ein völlig unbekanntes Wesen, ein zottiges Monster, das nur ein einziges, dafür umso größeres Auge besaß, das mitten in der Stirn wie ein Scheinwerfer glühte.
Hinter dem Monster führte ein kreisrundes wagenradgroßes Loch in die Tiefe. Aber das sah Hubbard nicht. Der Blick seiner schreckgeweiteten Augen hing unverwandt an der grässlichen Schauergestalt, die mit ihren behaarten klauenartigen Pranken nach Rileys Leichnam griff und ihn aus dem Sarg zerren wollte.
Doch da zögerte das Monster. Witternd ruckte der schreckliche Schädel herum, und der rote Lichtstrahl des glühenden Auges erfasste den wie erstarrt dastehenden Totengräber.
Mack Hubbard war jetzt so bleich wie die Leiche im Sarg. Die nach Verwesung stinkende Ausdünstung des Monsters schlug ihm wie eine Giftwolke entgegen und nahm ihm den Atem.
Das furchtbare Geschöpf ließ von dem Toten ab und richtete sich auf, wobei aus seiner Kehle ein drohendes Knurren kam. Schleimiger Geifer troff aus dem Maul mit den spitzen gelben Zähnen. Der Kiefer schnappten auf und zu. Dann stieg das Monster über den Sarg hinweg und näherte sich Hubbard.
Der Bucklige begriff, dass er verloren war, wenn er jetzt nicht handelte. Verzweifelt riss er den Pickel hoch und schlug so heftig zu, dass die Waffe in der Schulter des Monsters stecken blieb.
Aufbrüllend taumelte das Monster zurück. Es stolperte über den Sarg und flog an den gegenüberliegenden Grubenrand. Erde rutschte nach und verschüttete das Loch, aus dem das einäugige Scheusal gekommen sein musste. Es riss sich den Pickel aus der Wunde, heulte schaurig und scharrte dann wie besessen in der klumpigen Erde, um den Fluchtweg freizulegen. Doch es war nicht schnell genug.
Hubbard packte einen schweren Stein. Einen Brocken, der bestimmt einen halben Zentner wog. Ächzend stemmte er ihn hoch und schleuderte ihn hinunter in die Grube, direkt auf den Schädel des Monsters.
Das Untier sackte zusammen. Noch glühte schwach das riesige Auge, dann brach das unheimliche Licht.
Mack Hubbard zitterte am ganzen Körper. Vom Grauen gepackt, warf er sich herum und rannte davon, so schnell ihn seine Beine tragen konnten.
✞
Am nächsten Vormittag drängte sich eine große Menschenmenge um Rileys Grab und bestaunte schaudernd und fassungslos das erschlagene Monster.
Einer von diesen Leuten war Mack Hubbard. Der bucklige Totengräber hatte die ganze Nacht keine Ruhe mehr gefunden und ein Glas Schnaps nach dem anderen getrunken. Immer wieder hatte er sich gefragt, ob er den Kampf mit dem Monster wirklich erlebt oder ob er sich alles nur eingebildet hatte.
Als endlich der Morgen graute, hatte Hubbard sich wieder ans Grab gewagt und mit einer Mischung aus Schrecken und Erleichterung festgestellt, dass neben Rileys Sarg tatsächlich ein totes Scheusal lag.
Hubbard wollte nicht zugeben, dass er seine Arbeit vernachlässigt hatte. Außerdem wollte er der peinlichen Frage entgehen, was er nachts bei Rileys Grab getan hatte. Deshalb hatte er den grausigen Kadaver aus der Grube gezerrt, den Sarg mit den zertrümmerten Brettern des Deckels notdürftig verschlossen, das Grab zugeschaufelt und den Grabstein vom Nebengrab auf das Monster gekippt, sodass man glauben konnte, der schwere Block habe es erschlagen.
Danach war Hubbard zu Sheriff Donegan gelaufen und hatte ihm eine Lüge aufgetischt. Ganz zufällig wollte er das tote Scheusal gefunden haben.
Fred Donegan hatte sich trotz seiner fast sprichwörtlichen Behäbigkeit sofort in Bewegung gesetzt, um zu sehen, ob etwas Wahres an der Sache dran war. Und dann gab es für ihn keinen Grund, zu bezweifeln, dass das Monster von dem umstürzenden Grabstein erdrückt worden war.
Die Nachricht von dem grausigen Fund hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Dafür hatten vor allem ein paar Friedhofsgänger gesorgt, die das Ungeheuer entdeckt hatten, ehe der Sheriff eingetroffen war.
Jetzt drängten sich die Neugierigen gegenseitig aus dem Weg. Jeder wollte das Monster aus der Nähe betrachten, obwohl es niemanden gab, den bei diesem Anblick nicht das Entsetzen überkam.
Irgendjemand hatte den vom Sockel gestürzten Grabstein zur Seite gewälzt. So waren alle Merkmale des Monsters deutlich erkennbar. Es hatte an Fingern und Zehen scharfe Krallen, und sein menschenähnlicher Körper war mit einem eisgrauen Fell bedeckt. Das zottige Kopfhaar war schwarz, jedenfalls viel dunkler als der übrige Pelz. Auch im Gesicht wucherten Haare. Gesicht? Eine scheußliche Fratze war es, die noch im Tod die gelben Zähne fletschte.
Im Übrigen sah das Wesen unvorstellbar schmutzig und ekelerregend aus. Niemand war geneigt, es anzufassen.
Die Leute redeten erregt durcheinander.
»Was ist das für ein Wesen?«, fragte jemand mit heiserer Stimme. »Ist es ein Tier?«
»Wahrscheinlich handelt es sich um die Missgeburt eines Affen«, mutmaßte ein anderer Friedhofsbesucher.
»Es geht schon in Verwesung über«, sagte ein dritter und rümpfte die Nase. »Es muss schon länger tot sein.«
Zwei Männer schoben sich näher an das penetrant riechende Ungetüm heran.
»Ist es weiblich oder männlich?«, fragte der eine. »Was meinst du, Jack?«
»Weder das eine noch das andere. Es scheint ein Zwitter zu sein.«
»Wie kommt es wohl hierher?«
»Und von wo kam es her?«
»Was wollte es hier?«
Mehrere Leute redeten nun gleichzeitig.
»Vielleicht hat es Futter gesucht.«
»Ausgerechnet hier auf dem Friedhof?«
»Warum denn nicht?« Mack Hubbard, der bis jetzt schweigend neben dem Sheriff gestanden hatte, mischte sich ein. »Vielleicht hat es irgendein Tier verfolgt, eine Katze vielleicht, und dabei ist es am Grabstein angestoßen, hat ihn umgeworfen und wurde erdrückt. Aber das kann auch passiert sein, als es die Beeren vom Busch fressen wollte«, fügte er listig hinzu und zeigte auf den betreffenden Strauch.
»Beeren? Dass ich nicht lache!«, rief ein bärtiger Mann. »Sieh dir doch seine Zähne an! Ein Wesen mit einem solchen Raubtiergebiss frisst bestimmt nur Fleisch!«
»Wie dem auch sei«, sagte John McLeed, der dicke, grauhaarige Pastor, und bekreuzigte sich zum zehnten Mal. »Dieses unglückselige Wesen muss ein Geschöpf des Teufels sein. Deshalb muss es schnellstens vom Friedhof verschwinden. Hubbard, Sie graben es draußen irgendwo ein!«
»Nein!«, rief da eine weibliche Stimme.
Sie gehörte einem höchstens neunzehn- oder zwanzigjährigen Mädchen, das inmitten der Männer stand und bisher keinen Blick von dem toten Monster gelassen hatte. Ihr Name war Mabel Sinclair.
»Nein?«, fragte der Priester überrascht und musterte stirnrunzelnd das hübsche, blauäugige Mädchen, in dessen goldblonden Haaren das Sonnenlicht spielte. »Was sollte denn sonst mit diesem schrecklichen Wesen geschehen?«
»Es muss untersucht werden!«
»Untersucht?«
»Man muss feststellen, wo es herkommt. Wie Sie wissen, bin ich Zoologiestudentin, Pastor. Als solche weiß ich immerhin, dass dieses Tier zu keiner bekannten Art gehört. Mehr kann ich auch nicht sagen. Aber ich bin sicher, dass dieses Wesen etwas Einmaliges ist, eine Sensation im Bereich der Tierwelt.«
»Sie meinen, die Wissenschaft könnte sich dafür interessieren?«
»Und ob!« Mabel nickte, und ihr apartes Gesicht glühte vor Eifer. »Sogar dann, wenn es sich lediglich um die Missgeburt eines Menschenaffen handelt – was ich aber nicht glaube. Es wäre ein Fehler, die Überreste dieser Kreatur einfach zu verscharren, um sie verrotten zu lassen.«
»Ich glaube, sie hat recht«, sagte Fred Donegan und rieb mit Daumen und Zeigefinger nachdenklich seine große Knollennase. »Wir dürfen die Wissenschaft nicht um neue Erkenntnisse bringen. Erinnern Sie sich noch daran, als man in Arizona das Skelett eines Sauriers gefunden hat? Das war vielleicht eine Aufregung, Pastor. Jeden Tag konnte man neue Schlagzeilen lesen. Dabei wusste jeder Mensch, dass es auf unserem Planeten mal Millionen von Sauriern gegeben hat. Aber niemand hat bisher von der Existenz eines einäugigen Lebewesens gewusst. Deshalb ist dieser Fund bestimmt nicht weniger wichtig als das Saurierskelett.«
Mabel Sinclair warf dem Sheriff einen dankbaren Blick zu. Sie konnte Schützenhilfe gebrauchen.
»Sie wollen der Wissenschaft doch nicht im Weg stehen, Pastor?«, sagte sie sofort.
»Nein, bestimmt nicht«, antwortete McLeed und nestelte an seinem steifen Kragen. »Aber – aber wer soll dieses höllische Geschöpf untersuchen?«
»Professor Crowell, einer meiner Lehrer an der Universität. Er ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Zoologie. Ich werde ihn anrufen, Pastor, und ich möchte wetten, dass er auf dem schnellsten Weg nach Danville kommt.«
»Na gut«, erklärte McLeed schließlich. »Was mit dem Untier geschieht, soll nicht mein Problem sein. Aber aus dem Friedhof muss es verschwinden.«
»Das wird es auch, Pastor. Es muss auf Eis gelegt werden. Damit es noch möglichst frisch ist, wenn Professor Crowell mit seiner Forschungsarbeit beginnt.«
Mack Hubbard war der Einzige, der den hässlichen Kadaver anfassen wollte. Er verlud ihn auf einen Karren und schaffte ihn zunächst auf ein brachliegendes Grundstück.
Mittlerweile sprach Mabel beim Besitzer des Schlachthofs vor. Dieser Platz war der Einzige, wo man das Monster einfrieren konnte. Aber der Mann wollte nicht so recht und hatte alle möglichen Bedenken. Erst als der Sheriff intervenierte, gab er nach und stellte einen Kühlraum zur Verfügung.
Mabel war erleichtert. Nachdem das tote Ungetüm im Schlachthof abgeliefert worden war, lief sie nach Hause und kramte ihr Notizbuch hervor, in dem etliche Telefonnummern standen.
Wie sie befürchtet hatte, hielt sich Professor Crowell während der Semesterferien nicht in seiner Wohnung in Houston auf. Er war zu seinem Landsitz nach Florida gefahren, seinem Lieblingsaufenthalt. Zum Glück war eine Verwandte anwesend, die der Studentin Crowells zweite Telefonnummer nannte. Aber die Verbindung kam nicht gleich zustande. So wählte sie eine andere Nummer: die von Rick Ellis, ihrem Verlobten, der Reporter war.
Rick lachte, als er von dem Monster hörte, versprach aber zu kommen.
»Du wirst es nicht bereuen«, sagte Mabel.
»Deine Nähe habe ich noch nie bereut«, erwiderte Rick. Er hauchte einen Kuss in die Sprechmuschel und legte auf.
Danach versuchte Mabel abermals, den Professor zu erreichen. Aber es dauerte noch eine volle Stunde, ehe sich seine dunkle Stimme meldete.
»Hallo, wer ist dran?«
»Mabel Sinclair. Tag, Professor!«
»Ach, meine Musterschülerin! Freut mich, dass Sie anrufen. Ich wette, Sie brauchen irgendeinen Rat.«
»Ausnahmsweise nicht. Es handelt sich um eine Sache, die Sie in Erstaunen setzen wird.«
Geduldig hörte der Professor seiner besten Schülerin zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen.
»Ich fahre morgen los«, sagte er dann mit ernster Stimme.
✞
Rick Ellis war am nächsten Tag bereits nah am Ziel. Er fuhr einen nagelneuen metallicfarbenen Wagen mit offenem Verdeck, durch das ungehindert der Staub der Landstraße zog, die quer und schnurgerade durch die Wüste von Nevada führte.
Rick war freier Mitarbeiter beim »Las Vegas Courier«, einem auflagenstarken Wochenblatt, das von Sensationsberichten lebte. Er war ein sportlicher Typ, sonnenverbrannt, schlank und sehnig mit widerspenstigem blondem Haar.
Er glaubte kein Wort von dem, was ihm das Mädchen am Telefon mitgeteilt hatte. Die Geschichte klang einfach zu fantastisch.
Endlich tauchte die Abzweigung nach Danville auf. Rick war froh darüber, denn die eintönige Landschaft hatte seine Augen ermüdet.
Er bog in die Ortschaft ein. Danville war ein Nest, in dem die Zeit fast stehen geblieben war. Vieles hier erinnerte noch an die Pioniertage des Wilden Westens.
Da er noch nie hier gewesen war, brauchte er eine Zeit lang, um Mabels Elternhaus zu finden. Es stand versteckt in einem weitläufigen Garten und hatte ein rotes Dach und eine helle Fassade mit einer offenen Veranda davor.
Mabel, die gerade die Blumenbeete pflegte, hörte schon von Weitem seinen Wagen und erkannte ihn am Motorengeräusch. Lachend lief sie Rick entgegen und öffnete das Tor zur Einfahrt.
»Na, wo ist dein einäugiges Monster?«, fragte er, nachdem er sie umarmt und ihr einen Kuss gegeben hatte. »Ich nehme an, es hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst.«
»Du glaubst mir wohl nicht?«
»Nein.« Grinsend musterte er das langbeinige Mädchen, das in dem knappen Minirock äußerst aufregend aussah.
»Aber die Geschichte ist wahr!«
»Tatsächlich?« Spöttisch grinsend tippte er mit dem rechten Zeigefinger Mabels Stupsnase an.
»Ja, sie ist wahr. Ich schwöre es dir! Aber du wirst dich ja selbst davon überzeugen können.«
