Gespenster-Krimi 65 - Hal W. Leon - E-Book

Gespenster-Krimi 65 E-Book

Hal W. Leon

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Beschreibung

Finstere Nacht lag über dem kleinen Friedhof am Rand der Urwaldsiedlung und hüllte die Gräber fast vollständig ein. Nur verschwommen waren die verwitterten Grabkreuze zu erkennen. Dazwischen ragte hier und da ein matt schimmernder Marmorblock auf.
An einer Stelle brannte verloren ein Licht. Es war eine Kerze, die ihren unruhig flackernden Schein auf einen frisch aufgeworfenen Erdhügel warf.
Welke Blumen lagen auf diesem Grab, Kränze und Sträuße, die man für den kürzlich Verstorbenen niedergelegt hatte.
Plötzlich geriet das Erdreich in Bewegung ...


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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Cover

Zombie-Rache

Vorschau

Impressum

Zombie-Rache

von Hal W. Leon

Finstere Nacht lag über dem kleinen Friedhof am Rand der Urwaldsiedlung und hüllte die Gräber fast vollständig ein. Nur verschwommen waren die verwitterten Grabkreuze zu erkennen. Dazwischen ragte hier und da ein matt schimmernder Marmorblock auf.

An einer Stelle brannte verloren ein Licht. Es war eine Kerze, die ihren unruhig flackernden Schein auf einen frisch aufgeworfenen Erdhügel warf.

Welke Blumen lagen auf diesem Grab, Kränze und Sträuße, die man für den kürzlich Verstorbenen niedergelegt hatte.

Plötzlich geriet das Erdreich in Bewegung ...

Eine menschliche Hand bohrte sich ins Freie und stieß dabei die Wachskerze um.

Die Finger waren gespreizt. Jetzt krümmten sie sich, die Hand machte eine Faust. Dann öffnete sie sich wieder, packte die verdorrten Blumengebinde und schleuderte sie zur Seite.

Große Erdklumpen folgten. Die Hand schuf Platz für eine zweite Hand, die ebenfalls sofort zu scharren begann. Das Loch erweiterte sich, und ein gedrungener Schädel tauchte auf.

Es war ein männlicher Kopf. Dunkle Augen starrten leer aus einem Gesicht, das so grau wie die lehmige Erde war. Die wulstigen Lippen waren fest geschlossen. In den Nasenlöchern und in den strähnigen Haaren des Unheimlichen hatte sich Ungeziefer festgesetzt.

Schon drängten breite Schultern nach. Kraftvoll stießen sie an die Oberfläche und schoben einen ganzen Berg von Erde vor sich her.

Wenig später stieg die Gestalt aus dem Grab. Es war ein höchstens dreißigjähriger, auffallend muskulöser Mann, der zerschlissene Kleidung trug. Ohne nach der gewaltigen Anstrengung verschnaufen zu müssen, orientierte er sich kurz, dann setzte er sich schleppend in Bewegung.

Er ging, als wären seine Glieder eingerostet. Alles an ihm wirkte schwerfällig. Doch er bewegte sich trotz der Dunkelheit zielstrebig und stolperte auch nicht über die herumliegenden Steine.

Die Nacht war heiß, aber der Unheimliche spürte das nicht. Er wusste nicht mehr, dass er als Lebender Carlos geheißen hatte, erinnerte sich auch nicht an den Zombie, der ihm das Leben ausgesaugt hatte. Denn er war jetzt selbst ein Zombie, ein durch geheime Riten Wiedererweckter, der bedingungslos alles tun würde, was sein Herr und Meister von ihm verlangte.

Schon hatte Carlos den Totenacker hinter sich gelassen. Vor ihm lag die Siedlung, in der trotz der späten Stunde noch Leben herrschte.

Vor den armseligen Hütten saßen in Gruppen Männer beisammen, die Cachaça tranken, den selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps. Dabei unterhielten sie sich lachend.

Ohne Zögern näherte sich der Untote den Hütten und gelangte in den Lichtschein.

Da bemerkte man ihn. Schlagartig verstummte die Unterhaltung der Indios. Alle starrten erschrocken auf die mit feuchter Erde bedeckte Gestalt, die mit plumpen Schritten auf sie zukam.

»Carlos!«, stieß ein junger Bursche fassungslos hervor. »Er hat sein Grab verlassen!«

»Rettet euch vor ihm!«, schrie ein anderer Mann entsetzt. »Sonst seid ihr verloren!«

Die Indios fuhren hoch und sprangen in ihre Hütten, warfen die Türen zu und verrammelten sie.

Auch auf der Straße ergriffen die Leute die Flucht. Schreiend stoben sie auseinander, denn sie alle wussten, dass ihnen nichts Schlimmeres passieren konnte, als einem Zombie zu nahe zu kommen.

Aber der Wiedererweckte kümmerte sich nicht um sie. Er setzte seinen Weg unbeirrt fort. Eine innere Stimme befahl ihm, sich unverzüglich zum Iriri zu begeben, einem Nebenfluss des Rio Xingú.

Er ließ das Dorf hinter sich und verschwand im nahen Dschungel.

Behäbig tuckerte der alte Flussdampfer den Iriri hinauf, dessen Ufer von den grünen Mauern des Urwalds gesäumt waren. Eileen Ashley stand an der Reling und blickte in die trüben Fluten, die sich vor dem Bug des Schiffes teilten und hinter dem Heck wieder zusammenflossen.

Sie dachte an Bob Carter, ihren Verlobten, der sich in seine Kabine zurückgezogen hatte, weil ihm die Hitze nicht guttat. Das Klima in diesem Land war einfach mörderisch. Obwohl Eileen keinen Finger zu rühren brauchte, floss auch ihr der Schweiß in Strömen über den Körper.

Einige Meter von ihr entfernt stand Ray Brendon, einer der beiden jungen Amerikaner, die sie schon im Flugzeug gesehen hatte, mit dem sie von Brasilia nach Manaus gekommen waren. Wie sie wusste, hatten auch sie Schiffsfahrkarten bis Entre Rios genommen.

Die hübsche Engländerin spürte, dass sie von Brendon beobachtet wurde. Aber sie ließ sich nichts anmerken.

Plötzlich kam er näher und stellte sich direkt neben sie.

»Sie erlauben doch?«

Eileen wandte den Kopf. Ihre Augen trafen sich mit denen von Ray, der sie entwaffnend anlächelte. Da konnte sie nicht anders, als zustimmend zu nicken.

»Ziemlich anstrengend, diese Reise, nicht wahr?«, fuhr er mit seiner sympathisch klingenden Stimme fort. »Sagen Sie, hat denn Ihr Verlobter keine Angst, dass Sie über Bord stürzen könnten?«

»Ich kann schwimmen«, antwortete Eileen.

»Das bezweifle ich nicht. Es fragt sich nur, ob es die Piranhas daran hindern würde, über Sie herzufallen.«

»Piranhas – gibt es denn welche in diesem Fluss?«

»Und ob! Diese Biester sind imstande, einen Menschen innerhalb einer Minute bis auf das Skelett abzunagen. Aber sie sind nur eine von tausend Gefahren, mit denen wir in Brasilien zu rechnen haben.«

»Wollen Sie mir Angst machen?«, fragte die junge Frau in leicht ärgerlichem Ton.

»Nein, durchaus nicht.« Ray Brendon grinste breit. »Aber mich hätte der Grund Ihrer Reise interessiert. Das heißt, wenn ich ihn erfahren darf«, bemerkte er einschränkend und fügte rasch hinzu: »Ich möchte nämlich nicht neugierig sein.«

»Ich will zu meinem Vater«, entgegnete Eileen.

»Lebt er denn in dieser Gegend?«

»Ja. Er ist Botaniker und geht irgendwo am Oberlauf des Iriri seiner Forschungsarbeit nach. Allerdings habe ich schon seit mehreren Monaten nichts mehr von ihm gehört.«

»Und deshalb glauben Sie, es könnte ihm etwas zugestoßen sein?«

Die blonde Frau nickte ernst. »Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht. Als auch mein letzter Brief nicht beantwortet wurde, habe ich mich entschlossen, Nachschau zu halten.«

»Ich hoffe für Sie, dass Sie Ihren Vater wohlbehalten wiedersehen werden.«

»Danke! Und was führt Sie in diese unwirtliche Gegend?«

»Ich möchte mit meinem Freund einen Dokumentarfilm über Sitten und Gebräuche wilder Indios drehen.«

»Wie aufregend!«, rief Eileen Ashley. »Aber ist das, was Sie vorhaben, nicht sehr gefährlich?«

»Kann schon sein.« Der athletisch gebaute, ungefähr sechsundzwanzigjährige Amerikaner zuckte unbekümmert mit den Schultern. »Viele Indianerstämme am Amazonas sind noch Kopfjäger und töten jeden Weißen, der in ihr Gebiet eindringt. Aber wir werden schon auf uns achtgeben. Außerdem haben wir in Entre Rios einen Freund, der genau weiß, wie man mit den Indios umgehen muss, um ihr Zutrauen zu gewinnen. Er heißt übrigens Ernesto Vargas und lebt schon sehr lange in dieser Gegend. Leicht möglich also, dass er Ihren Vater kennt und etwas über seinen Verbleib zu sagen weiß. Ich werde ihn jedenfalls danach fragen.«

»Da wäre ich Ihnen sehr dankbar«, erwiderte Eileen.

Sie wollte noch etwas sagen, schwieg aber, weil in diesem Moment Harry Webb auf sie zukam, der zweite Amerikaner.

Harry war wie Ray sehnig und braun gebrannt und hatte ein gut geschnittenes, leicht verwegenes Gesicht. Er nickte der junge Frau freundlich zu, dann wandte er sich an Ray. »Hier steckst du also! Tut mir leid, eure Unterhaltung stören zu müssen. Aber ich denke, es ist Zeit, sich fertigzumachen. Hinter der nächsten großen Flussschleife sind wir am Ziel.«

Entre Rios lag, wie schon sein Name besagte, zwischen zwei Flüssen: dem wilden Iriri und dem hier einmündenden Curua. Es war eine armselige Bretterbudenstadt, in der hauptsächlich Mischlinge lebten, letzter Vorposten der Zivilisation und Endstation für den Schiffsverkehr. Wer von hier weiterreisen wollte, war auf kleine Boote angewiesen.

Schwitzend gingen die Passagiere an Land. Eileen Ashley tat es mit gemischten Gefühlen. Ihr wäre plötzlich viel wohler gewesen, hätte sie heimatlichen Boden unter den Füßen gehabt.

Noch im Hafen verabschiedete sie sich von den beiden Amerikanern, die von einem jungen Indio abgeholt wurden. Sie und Bob würden in dem einzigen Hotel der Stadt wohnen, wohin sie ihr Gepäck bringen ließen.

Es war bereits spät. Unbemerkt versank die Sonne hinter schweren Regenwolken, die seit einer Stunde den Himmel verdüsterten. Sicher würde es heute noch ein Gewitter geben.

Eileen war von der langen Reise so müde, dass sie sich gleich nach dem Abendessen zu Bett begab. Das gemietete Zimmer war klein, aber verhältnismäßig sauber.

»Was ist mit dir?«, fragte sie Bob durch das feinmaschige Moskitonetz, das sie im Schlaf vor den lästigen Blutsaugern schützen sollte. »Gehst du nicht zu Bett?«

»Ich sehe mich noch etwas um«, antwortete er. »Vielleicht kann ich jemand finden, der uns zu deinem Vater bringt.«

»Hat das nicht bis morgen Zeit?«

»Sicher, Liebling. Aber ich kann jetzt noch nicht schlafen. Dazu ist es einfach zu schwül.« Bob zündete sich eine Zigarette an und fügte hinzu: »Draußen ist es bestimmt angenehmer als hier.«

»Aber du weißt doch, was man uns gesagt hat. Es ist nicht ratsam, nachts allein auf die Straße zu gehen.«

Der mindestens einsneunzig große und breitschultrige Bob Carter lachte unbeschwert. »Was kann mir schon passieren? Du machst dir wirklich unnötige Sorgen, Eileen.«

»Trotzdem, ich möchte nicht, dass du mich allein lässt«, meinte sie schmollend.

»Ich bin ja bald wieder zurück«, versprach er. »Spätestens in einer Stunde hast du mich wieder.«

Da ließ sie ihn gehen.

Er trat vor das Hotel und streifte ziellos in der Stadt umher, in der mit Einbruch der Dunkelheit jegliche Betriebsamkeit zum Erliegen gekommen war. Niemand befand sich mehr auf der Straße. Es war, als hätten die Bewohner von Entre Rios Angst davor, sich im Freien aufzuhalten.

Bob Carter schrieb diesen Umstand dem drohenden Gewitter zu, das jeden Moment losbrechen konnte. Der Himmel war merkwürdig fahl, in der Ferne ertönte bereits dumpfes Donnergrollen.

Der junge Brite schlenderte unbekümmert weiter. Ihn konnte kein Wetter davon abhalten, sich die Füße zu vertreten.

Plötzlich hörte er Schritte hinter sich. Er blieb stehen, drehte sich um und blickte suchend umher, sah aber niemanden.

Hatte er sich getäuscht? Bob zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Er hatte Durst bekommen. Unten am Schiffsanlegeplatz gab es eine Kneipe, die, wie er hoffte, noch offen hatte. Dort wollte er etwas trinken, ehe er sich zurück ins Hotel begab.

Schon tauchten die primitiven Anlagen des kleinen Hafens vor ihm auf. Da vernahm er abermals Schritte, diesmal so nah, dass er erschrocken herumfuhr und unwillkürlich in Abwehrstellung ging.

Doch er ließ seine Fäuste schnell wieder sinken. Nicht ein verdächtiger Kerl war ihm auf den Fersen, sondern ein junges Mädchen mit schulterlangen Haaren, das nun ebenfalls stehenblieb.

Ihre zierliche Gestalt fesselte ihn sofort. Trotz der Dunkelheit sah er, dass sie ungewöhnlich hübsch war. Sie hatte ein exotisches Gesicht und nachtschwarze Mandelaugen, mit denen sie ihn schweigend musterte.

»Was willst du von mir?«, fragte Bob. »Warum bist du mir gefolgt?«

Die Unbekannte lächelte nur, wobei sie ihre makellosen Zahnreihen zeigte. Sie warf ihm einen lockenden Blick zu, dann bewegte sie sich leichtfüßig weiter, nach rechts, wo ein schmaler Pfad in einen Palmenhain führte.

Ihr starkes Parfüm wehte Bob in die Nase. Es war ein Geruch, der schlagartig sein erotisches Verlangen weckte.

»Warte!«, rief er heiser. »Sag mir, wer du bist!«

Ihm wurde gar nicht bewusst, dass er Englisch sprach und ihn die junge Frau daher kaum verstehen konnte. Sie reagierte auch nicht, sondern lief weiter, bis sie den Rand des Palmenhains erreichte.

Hier hielt sie an und sah zurück, gab ihm mit einer einladenden Kopfbewegung zu verstehen, dass er nachkommen sollte.

Und Bob hatte keine Bedenken, ihr zu folgen. Die schöne Fremde übte auf ihn einen seltsamen Zwang aus und ließ ihn sogar seine Verlobte vergessen.

Als sie ihn nachkommen sah, lief sie den Pfad entlang weiter. Nach einigen Schritten blieb sie jedoch wieder stehen und vergewisserte sich, dass er ihr folgte. Sie wartete, bis er sie fast eingeholt hatte. Dann lief sie weiter.

Dieses Spiel wiederholte sie mehrere Male. Dann gelang es ihm doch, sie einzuholen. Ungestüm wollte er die junge Indianerin in die Arme nehmen.

In diesem Augenblick setzte ein heftiger Regenguss ein. Im Nu durchdrang er die Palmenwedel und traf Bob mit voller Wucht.

Die Fremde hatte sich mit einem raschen Sprung zur Seite seinem Zugriff entzogen. Nun wies sie lächelnd auf einen nahen Pfahlbau, der im grellen Licht eines aus dem Gewölk zuckenden Blitzes für Sekunden deutlich zu erkennen war.

Schon eilte sie weiter, gefolgt von Bob, dem vor Erregung heiß geworden war.

Bis auf die Haut durchnässt, erreichte er den Pfahlbau und stieg hinter der Frau eine Leiter hinauf.

Er dachte an keine Gefahr. Für ihn zählte jetzt nur dieses Mädchen, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste es besitzen!

In dem Pfahlbau war es dunkel. Laut prasselte der Regen auf das Dach aus Blättern, ohne es durchdringen zu können.

Bob war nahe dem Eingang stehen geblieben und hielt Ausschau nach dem Mädchen, das noch immer kein Wort gesprochen hatte. Er sah es nur verschwommen.

»Wie heißt du?«, fragte er.

Als sie auch diesmal keine Antwort gab, ging er entschlossen auf sie zu und wollte sie verlangend an sich ziehen.

Erschrocken ließ er sie wieder los, denn ihre Haut war kalt wie Eis. Außerdem ging jetzt ein Geruch von ihr aus, der in ihm heftigen Ekel hervorrief.

Es war Verwesungsgeruch!

Bob Carter wurde jäh ernüchtert. Fassungslos starrte er auf die vor ihm stehende Gestalt.

War diese Person überhaupt jenes bildhübsche Mädchen, das ihn hierhergelockt hatte?

Nein, vor ihm stand ein uraltes verhutzeltes Weib. Er sah das ganz genau, als ein Gewitterblitz das Innere der Hütte für einen kurzen Moment taghell beleuchtete.

Von Entsetzen gepackt, wollte er schleunigst das Weite suchen. Aber er war nicht fähig, sich von der Stelle zu rühren. Eine fremde Kraft, die stärker war als er, bannte ihn am Platz fest.

Lautlos kam die Alte auf ihn zu, streckte ihre knöcherne Rechte nach ihm aus und berührte seine Schulter.

Bob war es, als würde er von einem heftigen Stromstoß durchzuckt. Aufschreiend taumelte er gegen die Hüttenwand und brach in die Knie.

Vor seinen Augen flimmerte es. Grenzenloser Abscheu schüttelte ihn, als sich die Alte über ihn beugte und ihren zahnlosen Mund dem seinen näher brachte.

Und dann hatte er das Gefühl, als würde er ausgesaugt. Schrittweise floh das Leben aus seinem Körper und schien in den der alten Hexe überzugehen.

Don Ernesto Vargas besaß eines der wenigen stabil gebauten Häuser, die Entre Rios aufzuweisen hatte. Er war ein knapp vierzigjähriger Mann mit leicht angegrauten Haaren, dem man auf den ersten Blick ansah, dass in seinen Adern das Blut eines verwegenen Abenteurers rollte.

Vargas verdankte seinen Wohlstand einem glücklichen Zufall. Er war in jungen Jahren als Paranusssammler durch den Urwald gezogen und hatte dabei Diamanten gefunden. Seit damals konnte er sich sein Leben so einrichten, wie es ihm beliebte.

Im Vorjahr war er auf die Idee gekommen, einen Abstecher nach Nordamerika zu machen. Dabei hatte er Ray und Harry kennengelernt und sie nach Brasilien eingeladen.

Jetzt saßen die drei Männer bei einer Flasche Wein beisammen und feierten ihr Wiedersehen.

»Wie, sagten Sie, heißen jene Indios, zu denen Sie uns hinführen werden?«, fragte soeben Harry Webb und lehnte sich weit in seinem Stuhl zurück.

»Die Trumai«, antwortete Ernesto Vargas. »Es ist ein mörderischer Kopfjägerstamm. Aber nur keine Angst, Freunde. Was wir vorhaben, ist zwar gefährlich, wird uns aber mit fünfzigprozentiger Sicherheit nicht das Leben kosten. Ich habe das Dorf dieser Indios in den vergangenen Wochen dreimal überflogen und Geschenke abgeworfen, um sie friedlich zu stimmen. Wenn wir Glück haben, werdet ihr einen prächtigen Film drehen können.«

»Andernfalls werden die Trumai unsere ehrenwerten Häupter zu Schrumpfköpfen verarbeiten«, meinte Ray Brendon mit Galgenhumor.

»Ja, das ist die zweite Möglichkeit«, gab Ernesto Vargas unumwunden zu. »Aber das ist nicht das Schlimmste, was einem in diesem Land passieren kann.«

»Was könnte es Schlimmeres noch geben?«, fragte Ray.

»Ein Zombie zu werden.«

»Sie meinen, einer von jenen willenlosen Sklaven, mit deren Hilfe die Voodoo-Priester die Gegner ihres heidnischen Kultes erbarmungslos verfolgen? Jene Unglücklichen, die keine Seele mehr haben?«

»Ganz recht.« Vargas nickte, trank sein Glas leer und schenkte sich nach. »Ich sehe, Sie wissen Bescheid.«

»Ich habe einiges über Zombies gelesen«, sagte Ray. »Wollen Sie etwa behaupten, dass es hier welche gibt?«

»Das ist sogar bewiesen, lieber Freund. Ihre Zahl ist vermutlich viel größer, als allgemein angenommen wird. Ich bin zwar noch keinem begegnet, kenne aber eine Menge Leute, die ihre Existenz bezeugen können. Das Heer der Zombies wächst von Tag zu Tag.«

Ray und Harry wechselten einen ernsten Blick. Dann fragte Ray: »Warum geschieht nichts dagegen?«

»Weil die Leute Angst haben, selbst vom Bannstrahl des Magiers getroffen zu werden, der diese Kreaturen befehligt. Er ist bereits viel zu mächtig, als dass man ihn noch vernichten könnte.«