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"Na endlich!", sagte Bob Carter und stellte den Presslufthammer ab. "Ich dachte schon, wir schaffen es heute nicht mehr."
Gespannt blickte er durch das Loch in der meterdicken Mauer, an dem sie tagelang gearbeitet hatten. Und das nur aus dem Grund, weil der Besitzer der Ruine wissen wollte, was sich hinter der Mauer befand.
Hinter dem Loch war ein unterirdischer Raum. Carter sah kahle Steinfliesen, aber das war auch schon alles. Schon nach zwei Metern verlor sich alles in undurchdringlicher Finsternis. Deshalb griff Carter nach einer Stablampe und knipste sie an. Ein dünner Lichtschimmer fraß sich durch die Schwärze, tastete sich über den Boden und über dunkles Gemäuer.
"Was siehst du?", fragte Ollie Pitters, ein nicht allzu intelligenter Bursche, der Carter bei der Arbeit geholfen hatte. "Da ist eine Halle. Ziemlich groß, glaube ich. Die Lampe ist zu schwach, um sie ausleuchten zu können. Ich muss hinein!"
"Das darfst du nicht!", sagte Ollie. "Mister Howard hat doch gesagt, dass wir ihn sofort verständigen müssen, wenn wir ..."
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Sklavinnen des Vampirs
Vorschau
Impressum
Sklavinnen des Vampirs
von Hal W. Leon
»Na endlich!«, sagte Bob Carter und stellte den Presslufthammer ab. »Ich dachte schon, wir schaffen es heute nicht mehr.«
Gespannt blickte er durch das Loch in der meterdicken Mauer, an dem sie tagelang gearbeitet hatten. Und das nur aus dem Grund, weil der Besitzer der Ruine wissen wollte, was sich hinter der Mauer befand.
Hinter dem Loch war ein unterirdischer Raum. Carter sah kahle Steinfliesen, aber das war auch schon alles. Schon nach zwei Metern verlor sich alles in undurchdringlicher Finsternis. Deshalb griff Carter nach einer Stablampe und knipste sie an. Ein dünner Lichtschimmer fraß sich durch die Schwärze, tastete sich über den Boden und über dunkles Gemäuer.
»Was siehst du?«, fragte Ollie Pitters, ein nicht allzu intelligenter Bursche, der Carter bei der Arbeit geholfen hatte.
»Da ist eine Halle. Ziemlich groß, glaube ich. Die Lampe ist zu schwach, um sie ausleuchten zu können. Ich muss hinein!«
»Das darfst du nicht!«, sagte Ollie. »Mister Howard hat doch gesagt, dass wir ihn sofort verständigen müssen, wenn wir ...«
»Ja, ja«, unterbrach ihn Bob Carter. »Der alte Spinner! Glaubt wohl, wir machen die Arbeit, und er kann auf Entdeckung gehen. Aber nur keine Sorge, Freund Ollie. Einer von uns beiden muss sowieso hier hinein, um von innen das Loch zu erweitern. Sonst kommt Howard mit seinem Bauch da nicht durch.«
In Wahrheit ging es ihm nur darum, als Erster einen Schatz zu entdecken. Dass es einen gab, hoffte Carter sehr. Ja, vielleicht waren in dem jahrhundertealten Gewölbe Gold und Silber versteckt, und das konnte der meist arbeitslose Bob Carter viel dringender gebrauchen als der ohnehin schon reiche Geoffry Howard, der das Grundstück mit der Ruine vor etlichen Monaten gekauft hatte.
Auf dem Bauch schob sich Carter durch das Loch, bemüht, sich möglichst dünn zu machen. Bald erreichte er das andere Ende. Er kroch aus der Öffnung, richtete sich auf dem Steinfußboden auf.
Die Luft in der unterirdischen Halle war muffig und kalt, beklemmend. Wie in einer Gruft. Carter wagte kaum zu atmen, als er zögernd vorwärts ging und die dunklen Wände ableuchtete.
Wo standen die mit Gold gefüllten Truhen? Wo waren die Juwelen und anderen Kostbarkeiten, an denen Bob Carter sich zu bereichern gedachte?
Da war nichts. Nichts als ein länglicher Steinklotz – und auf dem lag etwas.
Eine menschliche Gestalt. Ein Toter!
Carter bekam eine Gänsehaut. Auf die Enttäuschung wegen des nicht vorhandenen Schatzes folgte nun der Schreck. Plötzlich fror er, und es war ihm sehr unheimlich zumute.
»Ollie!« Sein Ruf brach sich dumpf am Gewölbe.
»Ja, Bob?«, schallte es von draußen zurück.
»Komm rein, Ollie. Schnell!«
Wenig später tauchte Ollie im Mauerdurchbruch auf. »Was ist denn los, Bob?«
»Da hinten«, erwiderte der bullige Carter mit heiserer Stimme und richtete den Strahl der Taschenlampe auf den Steinklotz. »Da liegt einer!«
»Tatsächlich!«, entfuhr es Ollie Pitters. Sein Mund klappte auf. »Ist das ein Grab?«
»Scheint so. Komm, wir sehen uns den Toten mal an.«
Ihre Schritte hallten dumpf, als die beiden Männer durch die Halle gingen. Nebeneinander traten sie an den Steinklotz heran.
Als sie ihn erreichten, zuckten sie vor Entsetzen zurück.
Der Tote sah scheußlich aus. Es war eine Mumie, bekleidet mit vermoderten Lumpen. Kopf- und Barthaare wucherten in langen Strähnen auf dem schwarzen Totenschädel, der mit einer pergamentartigen Haut bedeckt war. An den Knochenfingern befanden sich lange Krallen. Da und dort standen nackte Knochen aus dem schwarzen, längst verdorrten Fleisch.
An der Stirn hatte der Tote ein kreuzförmiges Mal. Es sah aus, als sei es eingebrannt worden.
»Der ist lebend eingemauert worden«, sagte Bob Carter beklommen. »Wahrscheinlich noch zu Zeiten der Inquisition. Der Mann muss qualvoll verhungert sein. Schrecklich, was?«
Ollie Pitters gab keine Antwort. Von einer plötzlichen Panik erfasst, warf er sich herum und stürzte zum Ausgang.
Dabei schlug er Bob Carter ungewollt die Lampe aus der Hand. Scheppernd fiel sie zu Boden, und das Licht erlosch.
»Idiot!«, knurrte Carter. Er bückte sich, um die Lampe aufzuheben, doch sie brannte nicht mehr.
Ollie kroch bereits ins Freie. Carter blieb noch stehen und starrte auf den Toten, den er jetzt nur noch in schwachen Umrissen ausnehmen konnte. Schon wollte er sich ebenfalls abwenden, da bemerkte er zwei rot leuchtende Punkte. Genau dort, wo sich die Augen der Mumie befanden.
Carter schalt sich einen Narren. Er erlag sicher einer Täuschung. Die Augen dieses vermoderten Leichnams konnten doch unmöglich leuchten!
Dennoch wurde jetzt auch Carter von einer heftigen Angst gepackt, und er trachtete, so schnell wie möglich ins Freie zu kommen. Draußen stand mit zitternden Gliedern Ollie Pitters und starrte Bob mit bleichem Gesicht an.
»Beeil dich!«, rief er. »Wir müssen so schnell wie möglich zu Mister Howard!«
»Nein, nicht ihn werden wir verständigen, sondern die Polizei«, beschloss Carter. »Aber es genügt, wenn ich mich auf den Weg mache, Ollie. Du passt inzwischen hier auf.«
»Ich soll hierbleiben?«, rief Pitters entsetzt. »Bei dieser schrecklichen Leiche? Um nichts auf der Welt!«
»Angsthase!«, brummte Carter. »Ein Toter kann dir doch nichts tun.«
»Trotzdem fürchte ich mich! Ich würde vor Angst sterben, wenn ich hierbleiben muss.«
»Na gut, dann verständigst du die Polizei, und ich bleibe hier.« Carter gab nach. »Du kannst mein Fahrrad nehmen, Ollie. Dann schaffst du es schneller.«
Ollie seufzte erleichtert. Er rückte seine Zipfelmütze zurecht und verschwand durch einen verfallenen Torbogen, hinter dem das Fahrrad abgestellt war.
Bob Carter war allein. Eine Weile hörte er noch das Klappern des Fahrrads, dann verstummte auch das.
Nur noch der Wind war zu hören, der zwischen den Mauern der Ruine rumorte und vereinzelte Schneeflocken vor sich hertrieb. Es war Anfang Februar, die Tage waren noch kurz. Schon kündigte sich die Dämmerung an. Dabei war es noch nicht einmal fünf Uhr.
Carter fröstelte. Unbehaglich blickte er auf das Loch in der Mauer und auf die Steine davor. Wenn er die mit dem Schubkarren wegräumte, würde er Bewegung haben und sich etwas aufwärmen. Doch nach Arbeit war ihm nicht zumute. So steckte er die Hände in die Taschen und ging zwischen den brüchigen Gebäuderesten nervös auf und ab.
Die Ruine war angeblich mal ein Kloster gewesen. So genau wusste Carter das nicht. Sie stand auf einem bewaldeten Hügel, zwei Meilen außerhalb von Sudbury, und wurde nur selten betreten. Denn man munkelte, dass hier zu nächtlicher Stunde Geister umgingen und man seines Lebens nicht sicher war.
Carter kannte das Gerede, hatte aber nie viel darauf gegeben.
Heute war es plötzlich anders. Nun glaubte auch er, dass es hier spukte – nach dem, was er vorhin gesehen hatte.
Und ausgerechnet er musste jetzt hier Wache halten. Musste? So ein Blödsinn! Er selbst hatte sich das eingebrockt. Wäre es nicht besser gewesen, sie hätten sich zu zweit auf den Weg nach Sudbury gemacht? Wer würde die unterirdische Halle schon betreten? Hierher wagte sich ja doch niemand um diese Zeit. Nicht mal ein Fuchs würde diese grässliche Mumie anrühren wollen.
Doch Carters Stolz ließ es nicht zu, diese unheimliche Ruine zu verlassen Er wollte nicht als Feigling gelten, wollte sich nicht blamieren. Deshalb beschloss er, hier auszuharren, bis der Polizeiwagen kam.
An versteckte Schätze dachte er nicht mehr. Ob es nun welche gab oder nicht – er hätte sich um keinen Preis mehr in die Halle gewagt. Jedenfalls nicht allein.
Er zündete sich eine Zigarette an, rauchte hastig. Das Schneetreiben wurde stärker. Das erbärmliche Wimmern des Windes schwoll an. Irgendwo rieselte Sand aus dem alten Gemäuer.
Carter fuhr zusammen. Kurz darauf erschrak er nochmals, als in der Nähe ein Vogel kreischte.
Nimm dich doch zusammen!, dachte er verärgert. Wenn du so weitermachst, fürchtest du dich noch vor deinem eigenen Schatten ...
Aber das tat er bereits. Alles ringsum sah plötzlich unheimlich aus, grauenerregend. Ob er wollte oder nicht, er musste immerfort an die Mumie denken. An die glühenden Augen, die er zu sehen geglaubt hatte. Und er spürte instinktiv, dass ihm nichts Gutes bevorstand, wenn er noch länger hierblieb.
Wie unter einem Zwang starrte er in der hereinbrechenden Dunkelheit auf das schwarz gähnende Loch in der Mauer. Im nächsten Moment spannte sich seine Kopfhaut, und ein eisiger Schauer rann über seinen Rücken.
Zwei rote Punkte leuchteten in der Öffnung, schienen Carter anzustarren.
Die Augen der Mumie!
Carter schluckte. Das gibt es doch nicht, dachte er verzweifelt. Sicher bilde ich mir das nur ein.
Fieberhaft hantierte er an der Stablampe, aber er brachte sie nicht mehr in Gang. Das Birnchen war kaputt. Ohne Licht aber konnte Carter nicht feststellen, ob er sich getäuscht hatte oder nicht.
Jetzt waren die glühenden Punkte nicht mehr zu sehen. Das beruhigte ihn etwas.
Ollie – musste er nicht schon längst in Sudbury sein? Wenn er den Polizisten von der Mumie erzählte, würden sie bestimmt sofort losfahren. Vielleicht waren sie sogar schon unterwegs. Hoffentlich!
Carter lauschte angestrengt nach einem Motorengeräusch, hielt Ausschau nach Scheinwerferlicht. Aber er konnte weder das eine noch das andere wahrnehmen. Stattdessen hörte er von der Höhle her ein schabendes Geräusch. Erschrocken fuhr er herum.
Einen Augenblick später setzte fast sein Herzschlag aus. Von namenlosem Grauen gepackt, starrte er auf die Schreckensgestalt, die auf allen vieren durch die Maueröffnung kroch.
Die Mumie – sie war nicht tot! Sie lebte, obwohl sie nur aus verdorrter Haut und Knochen bestand!
Die Augen in dem verwitterten Totenschädel glühten in einem unheimlichen Licht. Graue Zottelhaare hingen vom Schädel herab. Der lebende Leichnam krallte die Knochenhände in das rissige Gemäuer und zog den mit Lumpen behangenen Körper nach – etwas mühsam, wie es schien.
Bob Carter fühlte sich in einen Horrorfilm versetzt. Doch was er hier sah, war grauenhafte Wirklichkeit. Dieses Monster war echt!
Das Entsetzen lähmte ihn und schüttelte ihn zugleich. Er zweifelte an seinem Verstand. Weit quollen ihm die Augen aus den Höhlen, als er schaudernd auf das Scheusal starrte, auf diese Ausgeburt der Hölle, die unbeholfen aus der Maueröffnung kletterte und sich langsam aufrichtete.
Mit staksigen Schritten, wie ein Roboter, ging der Untote auf Carter zu. Die Arme hielt er vorgestreckt, die Klauenfinger gespreizt. Der Schädel pendelte leicht.
Carter stand angstschlotternd da. Er wollte fortlaufen, aber er konnte sich nicht rühren. Die glühenden Augen der Mumie schienen ihn zu hypnotisieren. Doch dann konnte er seine Starrheit mit Gewalt überwinden. Er bückte sich nach einem faustgroßen Stein und schleuderte ihn der Mumie entgegen.
Hart krachte der Stein an den Totenschädel. Es gab ein trockenes Geräusch. Das Monster fletschte die schwärzlichen Zähne und stieß ein heiseres Knurren aus. Dann tappte es weiter.
Bob Carter erkannte, dass ein weiterer Steinwurf zwecklos war. Mit solchen Mitteln konnte er dieses Ungeheuer nicht besiegen. Nur Flucht konnte ihn retten!
Die Mumie war nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Sie bewegte sich zwar langsam, aber er wollte sie auf keinen Fall aus den Augen lassen, solange er nicht wenigstens den Torbogen hinter sich hatte. Deshalb ging er rückwärts, während sein Herz wie rasend pochte und die Angst ihn fast auffraß.
Die Schauergestalt folgte ihm schwankend, mit tollpatschigen Schritten, doch unaufhaltsam. Die Lumpenkleidung flatterte im Wind. Schon war Carter nahe dem Torbogen, da stolperte er über einen Stein, verlor das Gleichgewicht und stürzte hin.
Carter schrie auf. Heftiger Schmerz zuckte durch seine angeschlagenen Glieder. Er wollte sich erheben, doch da war das Monster bereits über ihm. Fauliger Gestank strömte Carter entgegen, als sich die Mumie über ihn beugte. Die Lumpen, die sie am Leib hatte, klafften auseinander, und Carter konnte jetzt deutlich eine bloßliegende Rippe sehen. Aber er sah auch die glühenden Augen und das schwarze, bleckende Gebiss, das die wie Lefzen zurückgezogenen Lippen freigaben. Er schrie gellend auf und streckte in Abwehr beide Arme aus.
Der Untote fuhr dem Aufbrüllenden mit den klauenartigen Nägeln an den Hals.
Warmes Blut sprudelte hervor. Die Mumie fauchte, grub die langen, spitzen Eckzähne in die Wunde, um den hervorströmenden Lebensquell mit ihrem Mund zu verschließen.
Carter wehrte sich nicht mehr. Sein Schrei erstarb in einem Gurgeln.
Das letzte, was er dachte, war, dass er einem Blutsauger zum Opfer gefallen war. Einem Vampir, deren Existenz er stets bezweifelt hatte, bis er in der Stunde seines Todes vom Gegenteil überzeugt wurde.
Er röchelte noch kurz. Dann war nur noch ein Saugen zu hören. Ein grässliches Schlürfen.
Als die Mumie endlich von ihrem Opfer abließ, war kein Tropfen Blut mehr in ihm. Die Bestie verharrte noch kauern und gab ein wohliges Grunzen von sich. Dann richtete sie sich auf.
Endlich wieder satt! Endlich befreit von diesem unerträglichen Hunger! Und endlich wieder frei!
Trunken von der schaurigen Mahlzeit, tappte der Vampir mit bluttriefendem Bart auf den verfallenen Torbogen zu. Er wirkte jetzt bei Weitem nicht mehr so gebrechlich, seine Schritte waren nicht mehr so plump.
Schnell ließ er das Gelände der Ruine hinter sich und verschwand im nahen Wald.
†
Die Scheinwerfer der schwarzen Limousine tasteten sich den kurvenreichen Weg entlang, der zum Hügel hinaufführte, huschten über Bäume und Sträucher und erfassten schließlich die Mauern der Ruine.
Vor dem alten Gemäuer war ein freier Platz. Dort hielt Polizeisergeant Webster den Wagen an, zog den Startschlüssel ab und stieg aus.
O'Connor, der zweite Polizist, stieg auf der anderen Seite aus und hielt Ollie Pitters den Wagenschlag auf.
»Komm, alter Junge«, sagte er. »Nun wollen wir mal sehen, ob an deiner Geschichte was Wahres dran ist.«
Die Beamten glaubten Ollie nicht recht, nahmen seine Erzählung von der Mumie nicht für bare Münze, denn sie wussten, dass er nicht ganz richtig im Kopf war. Vielleicht hatte er nur geflunkert, um sich wichtigzumachen. Aber als Polizisten hatten sie die Plicht, jedem Hinweis nachzugehen.
Ollie lief voraus. Webster hatte eine lange Stablampe eingeschaltet und leuchtete ihm damit den Weg.
»Bob«, rief Ollie, als sie zu dritt durch den Torbogen liefen. »Bob, wir sind hier!«
Es kam keine Antwort. Nur der Wind stöhnte im alten Gemäuer.
»Bob«, wiederholte der schwachsinnige Bursche. »Wo steckst du denn, Bob? Die Polizisten sind da!«
»Dein Freund ist anscheinend nicht hier«, brummte Webster. »Aber da vorn, da scheint man ja tatsächlich gearbeitet zu haben!«
Der Lichtkegel der Lampe hatte den Durchbruch in der Mauer erfasst sowie eine mit Steinen gefüllte Schubkarre und herumliegendes Werkzeug.
»So weit stimmt also sein Bericht«, sagte O'Connor mit einem Blick auf Ollie Pitters. »Sag mal, Frank, steht diese Ruine nicht unter Denkmalschutz?«
»Schon möglich«, antwortete der Sergeant. »Auf alle Fälle hätte der alte Howard zum Durchbrechen dieser Mauer eine behördliche Bewilligung gebraucht, auch wenn die Ruine sein Eigentum ist. Aber dieser Eigenbrötler glaubt ja, er kann tun, was er will.« Er richtet den Lichtstrahl der Stablampe auf das im Gemäuer klaffende Loch. »Ich sehe mal hinein, ihr wartet hier.«
Sehr darauf bedacht, dass seine Uniform keinen Schaden nahm, kroch der schlanke Sergeant durch den finsteren Schlund. Die Zurückbleibenden hörten in dem unterirdischen Raum seine Schritte hallen und sahen Lichtschein herumgeistern. Schließlich kam Webster wieder heraus und brummte verärgert:
»Da drin ist nichts. Nur der Steinklotz, auf dem die Mumie gelegen haben soll.« Er blickte Ollie Pitters streng an. »Hast du uns angelogen, Junge?«
»Nein!«, beteuerte Pitters. »Ich habe die Wahrheit gesagt!«
»Und wo ist dann Bob Carter? Du hast uns doch erzählt, dass er hier warten würde.«
»Ja, Inspektor, das hat er versprochen. Aber er wird davongelaufen sein, weil es ihm hier zu unheimlich war.
»Dann hätte er uns begegnen müssen«, knurrte Webster und leuchtete in die Runde. »Das war aber nicht ...«
Seine Stimme erstarb. Er atmete scharf aus. Seine Augen weiteten sich. Denn der Lampenschirm umriss eine menschliche, reglos am Boden liegende Gestalt. Es war Bob Carter. Er lag neben dem Torbogen, so, dass sie ihn nicht gleich gesehen hatten, als sie angekommen waren. Er war grässlich zugerichtet.
Ollie Pitters schrie bei dem furchtbaren Anblick entsetzt auf und wurde kreidebleich. Aber auch Webster und O'Connor verloren die Farbe im Gesicht. Sie hatten in ihrer Polizistenlaufbahn schon eine Menge schlimmer Dinge gesehen, doch so etwas Schreckliches noch nicht.
»Wer kann das getan haben?«, fragte Webster schaudernd.
»Wer? Die Mumie natürlich!«, rief Ollie Pitters, und seine Stimme zitterte vor Angst. »Sie hat Bob Carter zerfleischt!«
»Quatsch!«, brummte Webster.
»Eine Mumie kann doch keinen Mord begehen. Außerdem ist keine da.«
»Aber es war eine da!«, behauptete Ollie steif und fest.
»So – und wo soll die hingekommen sein? Willst du uns vielleicht einreden, dass deine Mumie wieder zum Leben erwacht ist und sich, nachdem sie deinen Freund ermordet hatte, aus dem Staub gemacht hat? Sag mal, wie viel hast du heute getrunken, Ollie?«
»Überhaupt nichts, Sergeant! Aber jetzt – jetzt könnte ich eine ganze Flasche vertragen.«
»Ich auch«, meinte O'Connor, dem schlecht geworden war. Er wandte sich ab.
Webster nahm den Lichtstrahl der Lampe von der Leiche, denn auch sein Magen begann zu rebellieren. »Für die Tat kommt wohl nur ein Raubtier infrage«, sagte er heiser. »Wahrscheinlich ein Wolf. Ollie, wäre es nicht möglich, dass ihr euch getäuscht habt, dass da drinnen keine Mumie war, sondern ein Wolf?«
»Nein, es war ein Mensch! Ein Toter, der fürchterlich ausgesehen hat «
