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Manina Robbins zog am Strand unwiderstehlich die Blicke aller Männer auf sich. Sie war Anfang zwanzig, hatte eine atemberaubende Figur und langes dunkelbraunes Haar. Ihr hellblauer Bikini verhüllte nicht mehr, als unbedingt erforderlich war. Die Pupillen ihrer grauen Augen waren von einem braunen Kranz umgeben, der ihnen einen ungewöhnlichen Reiz verlieh.
Jetzt sah Manina nach der Sonne, die wie eine reife Orange im Meer versank. Spätestens in einer halben Stunde würde es dunkel sein. Höchste Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Sie erhob sich, zog sich an und wandte sich in die Richtung, in der eine schmale Küstenstraße in die nahe gelegene Stadt Paratinga führte.
Da stockte jäh ihr Schritt. Ihre Augen weiteten sich erschrocken. Ihrem Mund entfuhr ein halblauter Schrei. Denn das, was sie vor sich sah, war so ungeheuerlich, dass sie meinte, den Verstand verlieren zu müssen ...
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Seitenzahl: 131
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Das Skelett auf der Klippe
Vorschau
Impressum
Das Skelett auf der Klippe
von Hal W. Leon
Manina Robbins zog am Strand unwiderstehlich die Blicke aller Männer auf sich. Sie war Anfang zwanzig, hatte eine atemberaubende Figur und langes dunkelbraunes Haar. Ihr hellblauer Bikini verhüllte nicht mehr, als unbedingt erforderlich war. Die Pupillen ihrer grauen Augen waren von einem braunen Kranz umgeben, der ihnen einen ungewöhnlichen Reiz verlieh.
Jetzt sah Manina nach der Sonne, die wie eine reife Orange im Meer versank. Spätestens in einer halben Stunde würde es dunkel sein. Höchste Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Sie erhob sich, zog sich an und wandte sich in die Richtung, in der eine schmale Küstenstraße in die nahe gelegene Stadt Paratinga führte.
Da stockte jäh ihr Schritt. Ihre Augen weiteten sich erschrocken. Ihrem Mund entfuhr ein halblauter Schrei. Denn das, was sie vor sich sah, war so ungeheuerlich, dass sie meinte, den Verstand verlieren zu müssen ...
Drüben, auf halbem Weg zur Stadt, stand auf einer dem Strand vorgelagerten hohen Felsenklippe eine Gestalt, die zu absurd war, um existieren zu können.
Es war ein Skelett. Ein mindestens acht Meter großer Knochenmann, der drohend eine überdimensionale Sense schwang. Von schwärzlichen Lumpen umschlottert, drehte er den wuchtigen Schädel nach allen Seiten, wobei er seine daumenlangen Zähne zu einem hämischen Grinsen fletschte.
»Nein!«, stammelte die junge Frau entsetzt. »Nein, das ist nicht wahr! Ich träume ...«
Oder litt sie unter einem Hitzekoller, der ihr Trugbilder vorgaukelte? Hatte sie zu lange in der Sonne gelegen?
Nein, sie fühlte sich völlig gesund. Und sie begriff, dass sie nicht unter Halluzinationen litt. Auch andere Leute waren auf die makabre Erscheinung aufmerksam geworden.
Erregte Rufe wurden laut. Eine Frau schrie hysterisch. Wer noch am Strand gelegen hatte, sprang auf und wandte seinen Blick schaudernd der grässlichen Spukgestalt zu. Die einen gestikulierten heftig, die anderen waren vor Schreck wie gelähmt und rührten keinen Finger.
Auch Manina Robbins bewegte sich nicht von der Stelle. Keiner Reaktion fähig, starrte sie fassungslos auf den Unheimlichen, der sie aus leeren faustgroßen Augenhöhlen tückisch anzuglotzen schien.
Schweiß brach ihr aus. Gleichzeitig begann sie zu frieren. Angst griff nach ihr mit nackten Fingern und ließ sie nicht mehr los.
Das ist der Tod, durchzuckte es sie. Der Tod persönlich!
Sie musste fort von hier! Nein, sie konnte den Anblick des schrecklichen Knochengerippes nicht mehr länger ertragen. Ihre Nerven hielten das nicht aus.
Aber die Küstenstraße führte direkt an der schroffen Klippe vorbei, auf der das Monster in lauernder Haltung stand. Um nichts auf der Welt hätte Manina es gewagt, diesen Weg einzuschlagen.
Der Pfad durch den Palmenhain – ja, den würde sie nehmen. Das war zwar ein Umweg, aber dafür riskierte sie nichts.
Mit Gewalt überwand sie ihre Erstarrung und lief taumelnd wie eine Betrunkene auf die Kokospalmen zu, zwischen deren gebogenen Stämmen sich der Pfad hindurchschlängelte.
Schon nach wenigen Schritten stieß sie mit einem massigen, bis zum Gürtel nackten Mann zusammen. Er war fast zwei Meter groß und hatte eine breite, dicht behaarte Brust und muskelbepackte Oberarme. Dass er ihr absichtlich den Weg verstellte, kam ihr zu spät in den Sinn.
Aber sein seltsames Grinsen flößte ihr sofort Unbehagen ein. Erschrocken blickte sie in seine bernsteingelben Augen.
»Entschuldigen Sie!«, stammelte sie verstört. Damit wollte sie an dem Mann vorbei.
Doch er hielt sie grinsend fest. Sie glaubte, in einem Schraubstock zu stecken – so hart war sein Griff.
»Was fällt Ihnen ein?«, protestierte das Mädchen. »Lassen Sie mich sofort los, sonst schreie ich um Hilfe! Hiil...«
Weiter kam sie nicht. Der Hüne mit den Wolfsaugen erstickte ihren Schrei, indem er seine behaarte Pranke brutal auf ihren Mund presste. Obwohl sie ihn kräftig in die Hand biss, ließ er nicht los, sondern verstärkte noch auf grausame Weise den Druck.
Die Luft wurde ihr knapp. In ihren Ohren begann es zu brausen. Sie wehrte sich verzweifelt, biss, kratzte und trat mit den Füßen um sich. Aber sie hatte keine Chance.
Ich bin verloren! Ich kann dieser Bestie nicht entkommen!
Das waren Maninas letzte Gedanken, ehe die Wogen des Vergessens über ihr zusammenschlugen und sie in einen feurigen Abgrund rissen.
†
Niemand beobachtete diesen Vorfall. Niemand sah, wie der riesige Mann den erschlafften Körper der jungen Frau aufhob und damit im Dickicht verschwand.
Alle Augen hingen gebannt an dem gigantischen Skelett, das sich schwarz gegen den verblassenden Himmel erhob.
Aber nicht nur die Leute am Badestrand konnten den Sensenmann sehen. Er wurde auch von anderen Stellen aus gesichtet, so im Hafen von Paratinga und in der Stadt selbst. Nicht zuletzt in den Slums am Rande der Stadt, wo der ärmere Teil der Bevölkerung wohnte.
Überall strömten die Menschen zusammen und starrten entgeistert auf das grauenhafte Wesen, das weder Fleisch noch Blut hatte, aber dennoch zu leben schien. Die schrecklichen Kiefer klappten auf und zu. Unaufhörlich pendelte der gebleichte, beinahe fassgroße Schädel hin und her, während der zerfetzte Umhang des Monsters im Wind flatterte.
Ein penetranter Geruch breitete sich aus. Gestank, der nicht vom Meer zu stammen schien, nicht von Tang und toten Fischen. Es war ein dumpfer, atemabschnürender Modergeruch, den offenbar das knöcherne Scheusal verströmte. Es hatte den rechten Arm gehoben und bewegte nun auf eine Weise die Hand, als wolle es die Menschen auffordern, doch näher zu kommen.
Plötzlich geschah etwas höchst Merkwürdiges. Viele Menschen reagierten auf das Winken und rannten wie unter einem inneren Zwang los. Rannten zum Meer und stürzten sich in die unruhig gewordenen Fluten, um wie besessen drauflos zu schwimmen.
Die betroffenen Personen, die sich am Strand aufgehalten hatten, mussten zum Ufer nur wenige Schritte zurücklegen. Etwas weiter hatten es bereits jene Leute, die im Hafengelände den Drang verspürten, ein kühles Bad zu nehmen. Sie sprangen samt den Kleidern in das Brackwasser im Hafenbecken und trachteten, die offene See zu erreichen.
»Die müssen verrückt geworden sein!«, rief ein bärtiger Matrose, der mit einem zweiten am Kai stand und ebenfalls das noch immer winkende Knochengerüst angestarrt hatte. »Sind die alle lebensmüde?«
»Es scheint so«, sagte der andere Seemann und wies mit dem Kopf in eine bestimmte Richtung. »Da kommen noch welche, Bud!«
Von der Stadt her nahten im Laufschritt einige Dutzend Männer und Frauen, die alle den Wunsch zu haben schienen, möglichst schnell ins Wasser zu gelangen.
Schon erreichten die ersten die Bucht. Sie sprangen kopfüber in die aufspritzende Flut. Ihre Gesichter waren bleich und verzerrt, und ihre Augen hatten einen fiebrigen Glanz. Obwohl die durch den zunehmenden Wind entstandenen Wellen bereits in die Bucht rollten und die Nacht nicht mehr fern war, ließ sich niemand davon abschrecken, das sichere Land zu verlassen.
»Wir müssen sie zurückhalten!«, schrie Bud mit einem Blick auf eine weitere Kolonne von Menschen, die aus der Stadt heranhastete. »Wenn wir nichts dagegen tun, finden diese Irren den Tod!«
Der andere Matrose nickte nur. Gemeinsam mit Bud versuchte er, die Lebensmüden von ihrem Vorhaben abzubringen.
Sie bekamen Unterstützung von einigen Kameraden und von Beamten der Hafenpolizei. Mit vereinten Kräften stemmten sie sich gegen die aus der Stadt vordringende Menschenmauer und schrien die Leute an, doch vernünftig zu sein. Es fruchtete nichts. Die Betreffenden schienen nicht mehr Herr ihrer Sinne zu sein. Sie überhörten jeden Zuruf, stießen die ihnen im Weg stehenden Männer zur Seite oder überrannten sie einfach. Dann sprangen sie ins Wasser.
Dabei handelte es sich bei den Polizisten, Seeleuten und Hafenarbeitern durchweg um stämmige Kerle, die nicht so leicht von den Beinen zu bringen waren. Aber die in selbstmörderischer Absicht handelnden Menschen waren weitaus stärker als sie. Sogar die Frauen unter ihnen besaßen Riesenkräfte und ließen sich von niemandem aufhalten.
Aus Paratinga drängten unaufhörlich neue Menschenmassen nach. Es mussten Hunderte sein, wenn nicht gar Tausende. Von einer unheimlichen Macht vorwärtsgepeitscht, strömten sie zum Hafen und füllten mit ihren Körpern die Bucht.
Je eine Kolonne war auch zum Sandstrand und zur felsigen Küste auf der gegenüberliegenden Seite des Hafengeländes unterwegs. Hier fielen schroffe Klippen aus einer Höhe bis zu dreißig Metern fast senkrecht ins Meer ab. Ohne Rücksicht sprangen hier die Menschen in Scharen in die Tiefe, und jene, die den gefährlichen Sprung überlebten, schwammen sofort nach ihrem Auftauchen aufs offene Meer hinaus.
Der Wind hatte an Heftigkeit zugenommen. Wütend peitschte er die Wasseroberfläche, sodass sich hohe Wellenberge bildeten, auf denen weiße Schaumkronen tanzten. Trotzdem schwammen die ins Meer gesprungenen Leute weiter und weiter. Für sie existierte keine Gefahr.
Der riesige Knochenmann stand noch immer an seinem Platz. Auf seine Sense gestützt, verharrte er in leicht gekrümmter Haltung und bleckte das schreckliche Gebiss zu einem schaurigen Grinsen. Offensichtlich erfüllte ihn die sich anbahnende Tragödie mit höchster Zufriedenheit. Wenig später verschlang ihn die Dunkelheit.
Gleichzeitig verließen Patrouillenboote der Küstenwache und ein Boot der Hafenpolizei die Bucht. An Bord des letzteren befand sich Roberto Alvarez, ein junger Kriminalinspektor, der sich dienstlich im Hafen aufgehalten und die Gelegenheit genutzt hatte, um seine uniformierten Kollegen zu begleiten.
Man wollte die Todesschwimmer zur Umkehr bewegen, wollte sie zurückholen und in Sicherheit bringen.
Grelle Scheinwerfer durchschnitten die Finsternis und überfluteten die aufgewühlte Meeresoberfläche. Überall sah Roberto Alvarez menschliche Köpfe aus den Fluten ragen, und Arme, die unermüdlich gegen die meterhohen Wellenberge kämpften.
»Kommt zurück, ihr Narren!«, schrie er durch einen Lautsprecher. »Oder wollt ihr wie Ratten ersaufen? Seid doch vernünftig und schwimmt zurück!«
Auch aus den anderen Booten wurden die Leute zum Umkehren aufgefordert. Doch sie reagierten nicht auf die gut gemeinten Zurufe, sondern ergriffen vor den Rettungsmannschaften regelrecht die Flucht.
Die Beamten fluchten. Was hier vorging, stellte sie vor ein unlösbares Problem. Außerdem war mehr als einer unter ihnen, der es mit der Angst zu tun bekam.
Aber es gab auch Männer wie Inspektor Alvarez. Obwohl er den furchtbaren Sensenmann mit eigenen Augen gesehen hatte, dachte er keine Sekunde lang daran, dass der Tod auch ihn holen könnte, wenn er sich zu weit auf das nächtliche, überaus stürmische Meer hinauswagte. Seine ganze Sorge galt den bedauernswerten Menschen, die offenbar nichts anderes im Sinn hatten, als sich das Leben zu nehmen. Er ergriff die Initiative und erreichte, dass sämtliche Boote das Heer der Schwimmer überholten und ein Stück weiter draußen eine Kette bildeten, um den Todeskandidaten den Weg abzuschneiden.
Die Scheinwerferkegel kreisten über der Wasseroberfläche und blendeten die Schwimmer. Aber auch das brachte diese nicht dazu, ihre Richtung zu ändern.
»Ihr wollt wohl wirklich alle sterben?«, fragte Roberto Alvarez durch den Lautsprecher. »Kommt zur Besinnung, Leute, und schwimmt an Land zurück! Noch ist es nicht zu spät!«
Sein Appell hatte auch diesmal keinerlei Erfolg. Die Lebensmüden schienen ihn nicht einmal zu hören. Obwohl sie wegen des hohen Seegangs schon ziemlich erschöpft waren, kämpften sie sich weiter, um die Sperre zu durchbrechen.
Hier und da streckte der nasse Tod bereits seine Krallen aus und zog die ersten Opfer in die Tiefe. Die Leute versanken lautlos, ohne Hilfeschrei, anscheinend völlig in ihr Schicksal ergeben.
Niemand unternahm den Versuch, sich in eines der Boote zu retten. Niemand griff nach den hilfreich ausgestreckten Händen der Besatzung. Da beschlossen die Beamten, mit Gewalt nachzuhelfen.
»Wir müssen so viele wie möglich von ihnen retten!«, rief Roberto Alvarez und entledigte sich eilig seiner Oberbekleidung. »Wenn diese Verrückten nicht freiwillig wollen, bringen wir sie eben unter Zwang zurück!«
Schon sprang er in der Nähe einer jungen Frau in die schäumenden Fluten. Er packte die Lebensmüde an der Schulter und wollte sie schwimmend zu dem Motorboot schieben.
Doch die Frau wehrte sich. Wild schlug sie um sich und versuchte, Roberto unter Wasser zu drücken. Da betäubte er die Tobende mit einem Fausthieb an die Schläfe.
Wenig später hatte er die Frau an Bord gebracht.
Nun konzentrierte er sich auf einen älteren Mann, der, offenbar schon völlig erschöpft zwischen den dunklen Wellenbergen hin und her geschleudert wurde. Doch als er den Alten mit sich ziehen wollte, entwickelte dieser plötzlich ungeahnte Kräfte. Wuchtig stieß er dem Retter die Faust ins Gesicht. Roberto schwanden fast die Sinne. Dann schwamm der Alte weiter. Schon nach wenigen Zügen versank er im Meer.
Roberto konnte es nicht verhindern. Er musste jetzt an sich selbst denken, wollte er nicht ebenfalls ertrinken. Mit Mühe gelangte er in das Boot zurück und erbrach das Wasser, das er hatte schlucken müssen.
Da erwachte die junge Frau aus ihrer Ohnmacht. Sichtlich benommen richtete sie sich auf. Sie starrte mit leerem Blick um sich und traf dann Anstalten, abermals ins Wasser zu springen.
Roberto handelte spontan. Er riss die Frau am Arm zurück und wollte sie in die kleine Kajüte schieben. Doch sie gebärdete sich wie eine Wahnsinnige. Mit wutverzerrtem Gesicht riss sie sich los, stieß Roberto heftig zurück und stürzte sich über Bord.
Schon versank sie in den Wogen und tauchte nicht wieder auf.
»Alles sinnlos!«, keuchte Roberto resignierend. »Die Leute lassen sich nicht retten. Man müsste jeden einzeln bewusstlos schlagen und in Eisen legen.«
»Das Beste ist, wir kehren um«, entgegnete ein Offizier der Hafenpolizei. »Sonst gehen wir am Ende noch selbst drauf. Diesen Besessenen können wir ja doch nicht helfen.«
Dieser Meinung waren auch die Beamten der Küstenwache. Auch sie hatten vergeblich versucht, mehrere Selbstmörder aus dem Wasser zu ziehen. Nacheinander drehten die Boote ab und kehrten in den Hafen von Paratinga zurück.
Eine knappe Stunde später nahm ein einzelnes Schiff erneut Kurs auf das offene Meer. Aber die Besatzung erblickte draußen keinen einzigen Menschen mehr. Damit wurde es zur schrecklichen Gewissheit, dass alle, die dem Wink des Sensenmannes gefolgt waren, den Tod gefunden hatten.
†
Dr. Robbins war ein schlanker drahtiger Mann von siebenundvierzig Jahren, der ein im Kolonialstil erbautes Haus bewohnte. In ihm hatte er auch seine Arztpraxis eingerichtet.
Allein saß er an diesem Abend in dem fast luxuriös eingerichteten Wohnzimmer, in dem ein monoton summender Ventilator für Kühlung sorgte.
Jetzt schob Dr. Robbins seinen Teller zurück, ohne das Essen angerührt zu haben. Er hatte keinen Appetit – und das hing nicht nur mit der Hitze und dem schrecklichen Massenselbstmord zusammen. Seine Tochter Manina war nicht vom Baden zurückgekehrt. Das wäre an und für sich kein Grund zur Besorgnis gewesen. Doch heute war eben kein normaler Tag.
Sollte sie sich gleich vom Strand weg mit Roberto, ihrem Verlobten, getroffen haben? Dr. Robbins glaubte nicht so recht daran. Manina musste doch wissen, dass er sich Sorgen um sie machte, wenn sie so mir nichts, dir nichts von zu Hause wegblieb. Nein, das war nicht ihre Art.
Dennoch hoffte der Arzt, dass seine Tochter jetzt bei ihrem Verlobten war. Denn wenn das nicht zutraf dann blieb vermutlich nur noch eine Möglichkeit.
Robbins wollte diesen Gedanken nicht weiter verfolgen. Abrupt stand er auf und wanderte unruhig in dem großen Raum hin und her.
Plötzlich klingelte es. Der Doktor blieb stehen und lauschte gespannt.
Lincoln, der Diener, lief zur Tür und öffnete sie. Gedämpfte Stimmen erklangen. Schritte. Dann klopfte es. Lincoln steckte seinen Kopf durch die Wohnzimmertür und sagte: »Ein Besucher, Herr. Es ist Inspektor Alvarez.«
»Was, nur er?«, entfuhr es Robbins.
»Ja, nur ich«, sagte eine sonore Stimme. »Guten Abend, Doktor!« Roberto Alvarez trat ein. Er blickte sich kurz um, als hielte er nach jemandem Ausschau, und musterte dann ernst den Besitzer des Hauses. »Haben Sie denn noch jemanden erwartet?«
»Das fragen Sie noch?«, rief der Arzt. »Wo ist meine Tochter?«
»Die habe ich leider nicht gesehen. Ich wollte mich bei ihr entschuldigen, weil ich nicht pünktlich zu unserer Verabredung kam«, antwortete Roberto und wurde bleich. »Um Himmels willen, sagen Sie bloß nicht, es könnte ihr etwas zugestoßen sein!«
»Was soll ich sonst annehmen?«, entgegnete Robbins. »Sie sagen ja selbst, dass Sie Manina nicht getroffen haben.« Er sank wie erschlagen in einen Stuhl und vergrub sein Gesicht in den Händen.
»Wir müssen sie suchen!«, rief Roberto.
»Draußen auf dem Meer?« Dr. Robbins hob wieder den Kopf und blickte den jungen Inspektor mit ernster Miene an. »Da lebt keiner mehr. Das steht bereits fest.«
