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Stellen Sie sich diese grausige Situation vor: Sie treiben halb verdurstet im Pazifik, als plötzlich ein uraltes Segelschiff vor Ihnen auftaucht. An Bord keine Menschenseele, nur vermoderte Skelette in den Kojen.
Schlafende Skelette, die erwachen werden, sobald die Sonne untergeht!
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Geister-Piraten
Vorschau
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati / BLITZ-Verlag
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7517-0657-5
www.bastei.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Geister-Piraten
von Hal W. Leon
Das Boot legte dort an, wo ein paar Felsklippen den weißen Sandstrand unterbrachen. Sechs zerlumpte Gestalten sprangen heraus und zogen die Jolle an Land. Dann duckten sie sich hinter die Klippen.
Vor ihnen lag die Lagune, eine dunkel glänzende Wasserfläche, auf der sich der Mond spiegelte ...
Drüben, auf der anderen Seite, flackerte ein Feuer vor dem schwarzen Hintergrund der Kokospalmen, die sich im Nachtwind wiegten. Es beleuchtete ein Zelt, vor dem an einem Klapptisch zwei Menschen saßen und gebratenen Fisch zu sich nahmen.
Der junge Mann trug nur eine Badehose. Sein sehniger Körper war sonnengebräunt, ebenso sein kantiges Gesicht.
Viel seidig schimmernde nackte Haut präsentierte auch seine hübsche, höchstens zwanzigjährige Gefährtin. Ihr genügte ein sehr knappes Bikini-Höschen. Um den Hals trug sie eine Muschelkette.
Wer sollte die zwei Verliebten hier stören, an diesem einsamen Strand von Pitcairn?
Das nächste Fischerdorf war mehr als fünf Kilometer entfernt, und man wusste dort nicht einmal, dass sie an dieser Stelle kampierten. Außerdem war den sehr freizügig eingestellten Insulanern kaum zuzutrauen, dass sie einem Liebespaar nachspionierten.
Für Alain Dubois und seine Freundin Clarice war mit der Südseereise ein langersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie hatten jahrelang darauf gespart, und nun war ihr Traum endlich Wirklichkeit geworden.
Ursprünglich wollten sie ihren Urlaub auf Hawaii verbringen. Doch dann hatten sie umgebucht, weil ihnen zu Ohren gekommen war, dass die verlockenden Prospekte nur zum Teil hielten, was sie in den herrlichsten Farben versprachen. Statt paradiesischer Unberührtheit wurde dort Touristenrummel geboten, wofür die zwei jungen Franzosen wenig übrig hatten.
Aus diesem Grund hatten sie sich für Pitcairn entschieden, für dieses winzige Eiland im weiten Pazifik, wo der Massentourismus noch nicht Einzug gehalten hatte und Begriffe wie Stress, Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung völlig unbekannt waren.
Sie hatten ihren Entschluss nicht bereut. Hier, an dieser zauberhaften Lagune, war jeder Urlaubstag wie ein Traum. Sie waren glücklich und mochten gar nicht daran denken, schon in zwei Wochen in die Hektik des Alltags zurückkehren zu müssen.
Die Nacht war heiß. Auch der Wind, der unablässig in den Palmenblättern rauschte, konnte keine Kühlung verschaffen. Am Himmel zogen einige Wolken dahin.
»Schon satt, Chéri? «, fragte das Mädchen.
»Ja, mein Schatz.« Alain Dubois schlürfte den letzten Rest Fruchtmilch aus einer selbstgepflückten Kokosnuss, lehnte sich dann zurück und grinste seine Gefährtin herausfordernd an. »Das heißt, der Nachtisch ist noch fällig.«
Sie verstand, was er meinte, und lächelte verführerisch. In ihren dunklen Augen spiegelten sich die Flammen des Feuers.
Clarice war äußerst attraktiv, schlank, langbeinig, mit einer atemberaubenden Figur und blauschwarzen Haaren, in denen eine Blume befestigt war. Ihre gebräunte Haut war makellos. Sie hatte einen vollen Mund, der Leidenschaft verriet. Außerdem war sie intelligent und sehr selbstbewusst.
»Ich schlage vor, wir machen noch einen Strandspaziergang«, sagte sie und erhob sich, um ihre aufregende Gestalt zu strecken. »Im Zelt ist es ja doch zu heiß.«
»Einverstanden.« Alain stand ebenfalls auf und zündete sich eine Zigarette an. »Also komm, mein Schatz.«
Hand in Hand traten sie hinaus in die Tropennacht.
Das Zelt ließen sie offen zurück. Diebe gab es hier nicht. Außerdem hatte das junge Paar kein Vermögen bei sich. Für Robinsonferien zu zweit brauchte man nicht viel.
Unter ihren nackten Füßen knirschte leise der feinkörnige Sand. Lautlos huschende Krabben flohen vor ihren Schritten. In Claires langen Haaren spielte der Wind.
Die beiden jungen Menschen legten einige hundert Meter zurück. Zu ihrer Linken lag das spiegelglatte Meer, rechts war die Kulisse des Dschungels, die sich wie ein schwarzer Scherenschnitt gegen den nächtlichen Himmel abhob.
Hinter der Krümmung begannen die Klippen. Alain und Clarice hatten dort bei Tag nach seltenen Muscheln gesucht, die die letzte Flut angeschwemmt hatte.
Plötzlich blieb das Mädchen stehen.
»Der Mond«, sagte sie, seltsam berührt. »Sieht er heute nicht anders aus?«
»Hm«, brummte Alain und warf einen kurzen Blick nach der leuchtenden Scheibe am Himmel, die gespenstisch durch die Palmwedel schimmerte. »Was soll anders an ihm sein?«
»Seine Farbe, sie ist rot wie Blut. Heißt es nicht, dass in solchen Nächten die Teufelspiraten erscheinen und Jagd auf neue Opfer machen?«
»Diese blöde Geschichte. Die hat man uns nur deshalb erzählt, weil man uns ein Hotelzimmer andrehen wollte. Geschäftstüchtige Leute kommen auf die verrücktesten Ideen. Aber da haben sie sich in den Finger geschnitten. Ich fühle mich in unserem Zelt ausgesprochen wohl.«
»Ich auch«, stimmte Clarice zu und zog Alain weiter. »Aber wenn diese Geschichte nun doch wahr ist?«
»Ausgeschlossen. Das Einzige, was daran stimmen dürfte, ist, dass der berüchtigte Captain Blackbeard tatsächlich existiert hat. Aber das war im 18. Jahrhundert.«
»Trotzdem gibt es Leute auf der Insel, die allen Ernstes behaupten, das Geisterschiff gesehen zu haben. Diese Berichte können doch nicht ganz aus der Luft gegriffen sein.«
»Jetzt mach aber einen Punkt. Wenn die Inselbewohner an Gespenster glauben, ist es ihre Sache. Ich tue es jedenfalls nicht. Oder kannst du dir vorstellen, dass Tote wieder zum Leben erwachen und Morde begehen? Noch dazu, wo sie seit mehr als zweihundert Jahren in einem Schiffswrack unten am Meeresgrund liegen.«
»Natürlich ist das Unsinn.« Clarice lachte, wobei ihre weißen Zahnreihen wie Perlmutt glänzten. »Ich glaube ja selbst nicht daran. Aber in dieser Umgebung geht eben manchmal die Fantasie mit einem durch. Sag mal, was haben denn diese berüchtigten Seeräuber mit ihren Gefangenen – mit den weiblichen – gemacht?«
»Auf eine unbewohnte Insel haben sie sie verschleppt, angeblich nicht weit von hier«, antwortete Alain Dubois. Er hatte sich, als sie im Fischerdorf waren, die unheimliche Geschichte im Gegensatz zu Clarice ganz angehört und wusste daher jetzt besser Bescheid. »Dort haben sie die bedauernswerten Geschöpfe missbraucht, bis sie ihrer überdrüssig waren. Danach haben sie sie zu Tode gepeitscht.«
»Einfach schrecklich, nicht wahr?« Clarice schüttelte sich. »Das müssen ja wahre Bestien gewesen sein.«
»Allerdings«, erwiderte Alain und warf den Rest der Zigarette in den Sand. »Komm, nun lass dieses Thema. Die Nacht ist viel zu schön, um sich mit solchen Dingen zu belasten. Außerdem bin ich im Moment nur an dir interessiert.«
Er legte seinen Arm um ihre Hüften und wollte sie an sich ziehen und küssen. Doch sie entglitt ihm gewandt und lief hell auflachend davon.
»Fang mich doch, Chéri! Oder denkst du, die Beute fällt dir so leicht in den Schoß?«
»Na warte, du Biest!« Flink sprang er ihr nach.
Sie hatte bereits mehrere Meter Vorsprung, doch er hatte die längeren Beine und holte rasch auf. Als er schon dicht hinter ihr war, schlug sie einen Haken. Alain verfehlte sie und stürzte dadurch beinahe in den Sand. Übermütig lachend rannte sie weiter, zuerst noch ein Stück am Strand entlang, dann hinein ins aufspritzende Wasser, das sogar nachts eine angenehme Temperatur hatte.
Alain setzte ihr nach, war jetzt wieder dicht hinter ihr. Clarice quietschte. Er erwischte sie am linken Arm und riss sie mit sich, tiefer hinein in die salzigen Fluten, in denen ihre überhitzten Körper Kühlung fanden.
Sie umklammerten einander, versuchten sich gegenseitig zu tauchen, küssten sich stürmisch. Danach schwammen sie ein Stück um die Wette.
Und dann, als sie sich ausgetollt hatten, strebten sie ans Ufer und warfen sich in den glitzernden Sand.
Ihr Atem ging heftig. Sie verschnauften ein wenig.
Da plumpste in der Nähe etwas schwer zu Boden. Gestrüpp raschelte.
»Was war das, Chéri?«
»Eine Kokosnuss. Lass sie doch herunterfallen. Was geht uns das an? Hauptsache, wir sind hier allein.«
Sie lachte leise auf. »Was würdest du tun, wenn jetzt die Geisterpiraten kämen? Was würdest du sagen?«
»Fängst du schon wieder damit an?«, fragte er etwas unwillig.
»War nur ein Spaß. Trotzdem – was würdest du sagen, Chéri?«
»Ich würde sagen: Stört uns nicht. Ihr seht ja, dass wir beschäftigt sind. Und du? Wie würdest du reagieren?«
»Ich würde sie auslachen und fragen: Was wollt ihr von mir? Ich brauche ganze Männer, nicht lächerliche Figuren, die nur aus morschen Knochen bestehen.«
Alain grinste und küsste Clarice auf die Nasenspitze.
Sie ahnten beide nicht, dass sie schon die ganze Zeit über beobachtet wurden.
Erst ein verdächtiges Scharren im Sand ließ sie aufhorchen.
»Das war aber keine Kokosnuss!«, rief Clarice und wurde steif.
Alain antwortete nicht, sondern lauschte.
Das Scharren wiederholte sich. Im nächsten Moment fiel ein schwarzer Schatten auf ihn und das Mädchen.
Sie fuhren erschrocken auseinander, erstarrten dann vor namenlosem Grauen. Rings um sie herum standen mehrere Gestalten, die die Hölle ausgespuckt zu haben schien.
Gebleichte Totenschädel mit leeren Augenhöhlen, in denen unheimliche Lichtpunkte glommen. Hämisch bleckende Zähne. Schwärzliche Lumpen, die um teils bloßliegende Gerippe schlotterten. Rostige Messer und Degen in knöchernen Fäusten. Und Modergeruch, so stark, dass es einem den Atem raubte.
Lähmendes Entsetzen legte sich wie eine eisige Hand auf Alains Brust. Die Teufelspiraten!, fuhr es ihm durch den Sinn. Es gibt sie also doch.
Weiter konnte er nicht mehr denken. Er sah nur noch, wie einer der Unholde auf ihn zusprang, und spürte den grausamen Schmerz, als ein verrosteter Degen sein Herz durchbohrte.
Clarice schrie gellend auf. Lange Krallen griffen nach ihr und rissen ihr die Schulter auf. Schreiend wälzte sie sich herum, kam auf die Beine, versuchte zu fliehen. Doch eine Gräuelgestalt mit schwarzer Augenbinde und umgebundenem Kopftuch verstellte ihr den Weg.
Sie stieß das Monster zurück, schlug in das entsetzliche Gesicht. Ein unmenschliches Knurren ertönte. Wütend fletschte der Unheimliche die Zähne. Clarice sprang mit einem verzweifelten Satz an ihm vorbei und rannte los.
Sie kam nur zehn oder zwölf Schritte weit. Dann stolperte sie und stürzte in den Sand. Wertvolle Sekunden gingen verloren. Ehe sie sich wieder aufrappeln konnte, packte eine kalte Knochenhand ihr linkes Bein und hielt es fest.
Für die junge Französin gab es kein Entrinnen mehr. Zwei, drei dieser scheußlichen Knochenmänner warfen sich auf sie und begruben sie unter sich.
Dann versank die Welt um sie herum. Ohnmacht erlöste Clarice von dem Grauen. Gleichzeitig war aber auch ihr Schicksal besiegelt.
†
»Ein Amulett, Mister? Kaufen Sie ein Amulett«, sagte der kraushaarige Eingeborenenjunge und hielt Frank Farring ein paar seltsame Gebilde aus Kaurimuscheln und Tierzähnen entgegen, die an Schnüren aufgereiht waren. »Es ist nicht teuer.«
»Wogegen hilft denn das Zeug?«, erkundigte sich der schlaksige Amerikaner.
»Es schützt Sie vor den Teufelspiraten.«
»Was du nicht sagst.« Frank Farring wechselte einen bezeichnenden Blick mit seinem Begleiter, der nur widerwillig stehen geblieben war. »Hast du das gehört, Tom?«
»Bin ja nicht taub«, meinte Tom Bixby, ein muskulöser, dunkelhaariger Mann mit bulligem Gesicht. »Lass dir von dem Bengel bloß nichts aufschwatzen, Frank. Wir wollen zusehen, dass wir endlich was zu trinken bekommen, sonst rostet uns noch die Kehle ein.«
Sie waren erst vor einer Stunde mit einem Wasserflugzeug an der Küste von Pitcairn gelandet und hatten soeben im einzigen Hotel des Ortes ihr Gepäck verstaut. Nun plagte sie der Durst. Die drückende Hitze, die zurzeit herrschte, war für einen Weißen alles andere als angenehm, besonders wenn man gerade keine Gelegenheit hatte, im nahen Meer ein erfrischendes Bad zu nehmen.
Die beiden Amerikaner waren beruflich unterwegs, als Sensationsreporter. Frank war Journalist, Tom Fotograf. Sie leisteten Teamarbeit, ohne dabei in irgendeiner Weise gebunden zu sein. Feste Termine oder Verpflichtungen gab es für sie nicht.
Ihre Bildreportagen fanden reißenden Absatz, und das nicht nur in den Staaten. Auch alle führenden Illustrierten Europas veröffentlichten ihre spannenden Berichte, was ihnen natürlich beachtliche Honorare eintrug. So waren sie finanziell in der Lage, in die entlegensten Winkel der Erde vorzudringen, wo es noch Interessantes und Unbekanntes zu finden gab. Zwangsläufig führten ihre Erfolge zu immer neuen Erfolgen.
Zuletzt waren die zwei Freunde einige Wochen auf der Osterinsel gewesen. Dort hatten sie Material gesammelt für einen umfangreichen Bericht über jene gigantischen Steinskulpturen, die dort in grauer Vorzeit auf rätselhafte Weise entstanden waren. Während ihres Aufenthalts – es war in Hanga Roa – hatte ihnen ein ehemaliger Seemann von einem Gespensterschiff erzählt, dessen Besatzung aus lebenden Leichen bestand. Die grässlichen Gestalten seien Seeräuber einer längst vergangenen Epoche, die unter ihrem Anführer Captain Blackbeard die Bewohner zahlreicher Südseeinseln in Angst und Schrecken versetzten.
Frank Farring und Tom Bixby wollten der unwahrscheinlich klingenden Geschichte zunächst keinen Glauben schenken. Doch da der alte Mann aus seinem Bericht kein Kapital zu schlagen gedachte und die Wahrheit seiner Worte bei allen Heiligen beschwor, hatten die Freunde ihre Meinung geändert und beschlossen, der Sache nachzugehen.
Deshalb waren sie jetzt auf der Insel Pitcairn. In dieser Gegend nämlich traten die blutrünstigen Teufelspiraten angeblich sehr oft in Erscheinung. Außerdem sollten sie auf einem benachbarten, völlig unbewohnten Eiland ihren Unterschlupf haben.
Bis zu ihrer Ankunft waren die beiden Amerikaner allerdings noch immer etwas skeptisch gewesen. Sie hatten damit gerechnet, dass sich das Gehörte als Legende entpuppen würde, die hier kein Mensch mehr ernst nahm. Nun wurde zumindest Frank sehr schnell vom Gegenteil überzeugt.
»Vielleicht sind diese Amulette gar nicht so unnütz«, sagte er zu Tom. »Ich denke, ich werde eins kaufen.«
»Deine Sache«, gab Tom Bixby zurück. »Ich lege auf solchen Schnickschnack keinen Wert. Ein Gin mit Tonic ist mir auf jeden Fall lieber.«
»Den bekommst du schon noch.« Frank zog einen Dollar aus der Tasche und kaufte ein Amulett. Er wollte den dunkelhäutigen Jungen nicht enttäuschen.
»Sie müssen es aber stets bei sich tragen, Mister«, sagte der Bursche, »sonst hat der Abwehrzauber keine Wirkung.« Nach diesen Worten wandte er sich an Tom Bixby und fügte ernst hinzu: »Wenn Sie kein Amulett kaufen wollen, ist es Ihre Sache. Aber Sie werden es vielleicht noch bereuen.«
Tom ging grinsend weiter. Er war viel zu sehr Realist, um von solchen Warnungen etwas zu halten.
»Und was willst du mit dem Ding anfangen?«, fragte er, als er mit Frank etwas später in einem offenen Straßencafé saß.
»Ich werde es als Andenken aufheben. Solange wir auf dieser Insel sind, werde ich es als Schmuck tragen. Schaden kann es auf keinen Fall.«
»Aber nützen auch nicht«, meinte Tom und schlürfte aus seinem Glas.
»Vielleicht doch. Hast du nicht bemerkt, dass hier fast jeder Eingeborene ein solches Amulett um den Hals hängen hat? Das beweist doch, dass die Leute an die Existenz der Teufelspiraten glauben und sich gegen sie zu schützen versuchen.«
»Allerdings«, gab Tom zu. Er wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. »Wir können also hoffen, dem berüchtigten Captain Blackbeard tatsächlich auf die Spur zu kommen. Wenn nicht, haben wir eben Pech gehabt. Ich schlage vor, wir bleiben hier eine Woche. Wenn sich bis dahin nichts tut, reisen wir ab. Eine spannende Story können wir ja trotzdem machen.«
Frank nickte nur und blätterte in seinem Notizbuch, in dem er alles aufgeschrieben hatte, was ihm bis jetzt über die Teufelspiraten zu Ohren gekommen war.
Demnach hatten Captain Blackbeard und seine Mannschaft Mitte des 18. Jahrhunderts in der Südsee ihr Unwesen getrieben. Sie überfielen Handelsschiffe und ermordeten die Besatzungen. Frauen und Mädchen verschleppten sie, um hohes Lösegeld zu erpressen, sofern die Bedauernswerten aus vermögenden Familien stammten. Die meisten Opfer verschwanden auf Nimmerwiedersehen auf einer öden Insel, nur einige Dutzend Seemeilen nordwestlich von Pitcairn.
Blackbeard hatte nämlich eine Vorliebe für das weibliche Geschlecht. Hatte er genug von den geraubten Frauen, oder hatten sie sich zu sehr gegen seine Wünsche gesträubt, überließ er sie seinen Leuten, die ihm an Sadismus in keiner Weise nachstanden.
