Gespenster-Krimi 45 - Hal W. Leon - E-Book

Gespenster-Krimi 45 E-Book

Hal W. Leon

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Der Hexenjäger kommt!"
Niemand vermag heute noch das Grauen erahnen, das dieser Ruf vor dreihundert Jahren in den Menschen weckte.
Es war eine grausame, lebensfeindliche Zeit. Und die Inquisitoren waren der Inbegriff des Schreckens. Ihre Jagd nach Hexen und Teufelsdienern kostete Tausende von Unschuldigen das Leben. Unter der Folter gestanden sie unmögliche Verbrechen und belasteten ihre besten Freunde. Ein erschreckendes (weil realistisches) Bild jener Zeit gibt Ihnen Hal W. Leon mit diesem Roman. Denn eben darin liegt der Schrecken: Genau so hat es sich damals abgespielt!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

Die Geliebte des Hexenjägers

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati / BLITZ-Verlag

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9636-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die Geliebtedes Hexenjägers

von Hal W. Leon

Es war wenige Minuten nach Mitternacht, als ein schwarzer Mercedes den Stadtkern verließ und über eine breite Ausfallstraße auf einen Vorort zuhielt, der fast ausschließlich aus Villen bestand.

Um diese Zeit herrschte nur wenig Verkehr. Dennoch dachte der Fahrer des Taxis nicht daran, das Tempo zu erhöhen. Die Sicht war einfach zu schlecht, und die regennasse Fahrbahn war zu glatt. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren. Suchend tasteten die Scheinwerfer durch die Finsternis, ohne das Blickfeld wesentlich zu erweitern …

Wasserfontänen prasselten dumpf gegen das Bodenblech des Mercedes, wenn er durch eine der zahlreichen Pfützen fuhr.

Es regnete nun schon den vierten Tag. Und es sah keineswegs nach einer baldigen Wetterbesserung aus. Seit zwei Stunden goss es sogar in Strömen.

Der Taxilenker äußerte sich dazu, doch sein Fahrgast reagierte nicht darauf und blickte starr geradeaus.

Oswald Furtner saß reglos neben dem Fahrer. Er war ein stattlicher Mann Anfang vierzig, Antiquitätenhändler von Beruf. Er wohnte draußen im Villenviertel.

Das miserable Wetter war ihm offenbar gleichgültig. Oder es war ihm nicht nach Unterhaltung zumute, denn auch die weiteren Worte des Fahrers fanden bei ihm kaum ein Echo. Furtner antwortete entweder nur einsilbig oder überhaupt nicht, während er mit mürrischem Gesichtsausdruck in den strömenden Regen hinausstarrte, der unablässig gegen die Windschutzscheibe klatschte.

So gab der Fahrer es bald auf, mit Oswald Furtner in ein Gespräch zu kommen, und konzentrierte sich auf die Fahrbahn und den spärlichen Gegenverkehr.

Wenige Minuten später tauchte das Villenviertel auf. Der Fahrer bog nach rechts in eine schmale Seitenstraße ein und hielt nach kurzer Fahrt vor einem schmiedeeisernen Tor, an dem ein Schild mit einer Nummer befestigt war. Zu beiden Seiten schloss sich ein hoher Zaun an, der von üppig wuchernden Büschen umsäumt wurde.

»Wir sind da!«, brummte der Fahrer.

Ohne den Motor abzustellen, schaltete er die Innenbeleuchtung ein, warf einen Blick auf den Taxameter und nannte den Fahrpreis.

Im nächsten Moment erschrak er. Denn er blickte nun in Oswald Furtners Gesicht, das auffallend bleich und verzerrt war. Die in tiefen Höhlen liegenden Augen waren merkwürdig gerötet.

»Ist Ihnen nicht gut?«, stotterte der Fahrer.

Der Antiquitätenhändler schien die Frage nicht zu hören. Schweigend holte er einen Geldschein aus der Tasche, reichte ihn dem Fahrer, öffnete dann die Wagentür, spannte seinen Regenschirm auf und stieg grußlos aus.

»Sie bekommen noch was raus!«, rief ihm der Taxifahrer nach.

Doch Oswald Furtner wandte sich nicht mehr um. Er trat auf das Gartentor zu.

Der Taxifahrer schüttelte verwundert den Kopf. Oswald Furtner war ihm plötzlich unheimlich. Er hatte ihn schon öfter zu später Stunde nach Hause gebracht, doch so wie heute hatte er ihn noch nie erlebt. Nein, irgendetwas stimmte nicht mit diesem Mann.

Froh, den schweigsamen Fahrgast los zu sein, schloss er die Beifahrertür und fuhr eilig davon.

Oswald Furtner war allein. War allein mit seiner Angst vor der Nacht, mit seiner Angst vor diesen schrecklichen Albträumen, die ihn seit einigen Wochen aus völlig unerfindlichen Gründen quälten.

Furtner war körperlich gesund. Das hatte ihm jedenfalls sein Hausarzt bestätigt. Er hatte ihm ein Beruhigungsmittel verschrieben, doch geholfen hatte es nicht. So hatte sich Furtner in den Alkohol geflüchtet, was aber ebenso wenig nützte. Er litt nach wie vor unter furchtbaren Träumen und Schlaflosigkeit, sodass er anfing abzumagern und auch tagsüber immer häufiger von Depressionen heimgesucht wurde.

Mittelalterliche Folterungen waren der Inhalt seiner Träume.

Und, was das Schlimmste dabei war, er war nicht nur Zuschauer, sondern Akteur! Er selbst legte mit Hand an, wenn die schreienden Opfer grausam gepeinigt wurden. Er selbst befahl, sie auf dem Scheiterhaufen oder durch das Henkerbeil hinzurichten!

Die grausigen Szenen rollten so deutlich vor seinem geistigen Auge ab, dass er hinterher jedes Mal glaubte, sie wirklich erlebt zu haben. In Angstschweiß gebadet, schreckte er auf und konnte dann stundenlang nicht mehr einschlafen.

Oswald Furtner wusste, dass es auch diese Nacht so sein würde. Deshalb hatte er es vermieden, früher nach Hause zu kommen, und war gleich nach Geschäftsschluss in eine Gaststätte gegangen, um sein Angstgefühl und seine schlechte Laune mit Alkohol zu bekämpfen. So wie an den Abenden zuvor. Nein, er war in den letzten Wochen keine Nacht vor zwölf ins Bett gekommen. Auf diese Weise entging er zwar nicht den gefürchteten Albträumen, schob sie aber um einige Stunden hinaus.

Vor dem Tor blieb er stehen. Dann gab er sich einen Ruck und schob es auf. Ob er wollte oder nicht, er musste sich in das Unvermeidliche fügen. Außerdem war er hundemüde. Er hatte in der vergangenen Woche keine Nacht länger als zwei Stunden geschlafen.

Die Angeln quietschten wieder, als er das Tor hinter sich ins Schloss warf. Vor ihm lag der geräumige, fast parkähnliche Garten, in dem seine Villa stand, die er erst vor wenigen Jahren erworben hatte. Seine Geschäfte waren so gut gegangen, dass er sich diesen Luxus leisten konnte. Er bewohnte die Villa allein mit seiner Frau, denn ihre Ehe war bisher kinderlos geblieben. Allerdings hatte Agnes aus ihrer ersten Ehe eine inzwischen fast erwachsene Tochter, die jedoch in einer anderen Stadt ihrem Studium nachging und nur ein- oder zweimal im Monat auf Besuch kam.

Obwohl Furtner seinen Schirm bei sich hatte, war er im Nu an mehreren Stellen bis auf die Haut durchnässt. Bäume und Büsche ließen unter der feuchten Last ihre Zweige hängen. Sie standen als dunkle, bedrohliche Silhouetten im Garten und flößten dem Mann Unbehagen ein. Die schwarzen Schatten dazwischen hatten etwas Drohendes an sich und schienen ihn anspringen zu wollen.

In vorgebeugter Haltung folgte er dem mit Kies bestreuten Weg und bemühte sich, weder nach links noch nach rechts zu sehen.

Er schwankte leicht, denn er hatte wieder zu viel getrunken. Gegen ein paar Gläschen hatte er zwar nie etwas einzuwenden gehabt, doch seit ihm eine unbekannte Macht diese grauenhaften Albträume aufzwang, hatte sich sein tägliches Quantum an Alkohol vervielfacht.

Natürlich wirkte sich das nachteilig auf seine Ehe aus. Es gab täglich Streit, seit er so unmäßig trank. Agnes überhäufte ihn mit Vorwürfen.

Energisch hatte sie am vergangenen Morgen gefordert, mit dem Trinken Schluss zu machen. Und Oswald hatte ihr versprochen, an diesem Abend zeitig nach Hause zu kommen. Nüchtern.

Doch er hatte sein Wort nicht gehalten.

Schuldbewusst blickte er zum Haus und sah, dass es völlig im Dunkeln lag. Agnes ging immer früh zu Bett. Spätestens um zehn wurde das Licht gelöscht.

Auf eine heftige Auseinandersetzung gefasst, ging Oswald Furtner taumelnd weiter.

Dabei stieß er gegen einen vor Feuchtigkeit triefenden Strauch und spürte, dass ein nasser Zweig gleich einer Totenhand seinen Nacken streifte. Schauernd beschleunigte er seine Schritte.

Atemlos erreichte er das große Haus und fand unter dem auf Säulen stehenden Vorbau Zuflucht vor dem nicht nachlassenden Regen. Er schloss den Schirm und holte den Haustürschlüssel aus der Tasche, um ihn mit zitternden Fingern ins Schloss zu schieben. Doch es ging nicht, weil innen ein anderer Schlüssel steckte.

Agnes, dachte er. Das hat sie absichtlich gemacht.

Oder sollte sie nur vergessen haben, ihren Schlüssel abzuziehen? Sie Schloss sich immer ein, wenn sie sich allein im Haus befand, denn sie war von Natur aus ängstlich und misstrauisch.

Oswald drückte die Klingel, vernahm aber nur ein kaum hörbares Summen. Der Kontakt war unterbrochen.

Also doch!, dachte er verärgert. Agnes hatte den Schlüssel absichtlich stecken lassen und die Klingel außer Betrieb gesetzt, damit er sie nicht aus dem Schlaf läuten konnte.

Aber es gab auch noch andere Mittel, um das widerspenstige Eheweib aus dem Bett zu holen. Entschlossen trat Oswald auf den Hof, hob einige Kiesel auf und warf sie gegen ein im ersten Stock befindliches Fenster.

Doch im ehelichen Schlafzimmer blieb es dunkel. Das verriet ihm, dass Agnes nicht geneigt war, ihn einzulassen. Überhört konnte sie das Klirren der Fensterscheiben bestimmt nicht haben, denn sie hatte keinen allzu festen Schlaf. Sie lag jetzt sicher wach im warmen Bett und freute sich diebisch, dass er draußen im Regen stehen musste.

»Wenn du heute nicht pünktlich bist, kannst du im Garten schlafen! Ins Haus kommst du mir jedenfalls nicht.«

Das waren ihre Worte gewesen, als sie gemeinsam gefrühstückt hatten. Oswald hatte diese Drohung auf die leichte Schulter genommen, doch Agnes hatte sie wahrgemacht.

Was nun? Die Tür einschlagen? Nein, das war nicht der richtige Weg. Eine solche Handlungsweise würde alles nur noch schlimmer machen.

Sollte er in die Stadt zurückkehren? Einige Bars waren jetzt noch geöffnet.

Er verwarf diesen Gedanken. Um ins Zentrum zu gelangen, wo er auch seinen Laden hatte, hätte er einen halbstündigen Fußmarsch auf sich nehmen müssen. Das erschien ihm in Anbetracht des miserablen Wetters nicht sehr verlockend. Anders wäre es gewesen, hätte er sein Auto zur Verfügung gehabt. Doch er war vorige Woche betrunken gegen einen Zaun gefahren, sodass der Wagen jetzt in einer Reparaturwerkstätte stand.

Oswald Furtner musste gähnen. Er spürte plötzlich nur einen Wunsch – möglichst rasch ins Trockene zu kommen und sich irgendwo hinzulegen, um sich dem Schlaf zu überlassen.

Nach kurzem Überlegen lenkte er seine Schritte zu einem Holzschuppen, der im Hintergrund des Gartens stand. Entschlossen stemmte er sich mit der Schulter gegen das Tor und schob es keuchend auf. Dann betrat er den Schuppen.

Pechschwarze Dunkelheit umfing ihn. Oswald griff nach seinem Gasfeuerzeug, knipste es an und sah im aufflammenden Licht zwei fette Ratten quiekend unter altes Gerümpel fliehen. Er bekam unwillkürlich eine Gänsehaut.

Die kleine Flamme zuckte. Ihr rötlicher Schein geisterte durch das Innere des Schuppens und fiel auf eine uralte Pferdekutsche, die hier abgestellt war. Eine schwarze Karosse, der man noch den einstigen Prunk ansah, obwohl der Zahn der Zeit unerbittlich an ihr genagt hatte. Der Antiquitätenhändler hatte sie erst vor wenigen Wochen von einem Bauern erworben und als Zierstück in den Garten gestellt. Vor einigen Tagen hatte er sie allerdings in den Schuppen geschoben, um sie vor dem Regen zu schützen.

Er schloss das Schuppentor, näherte sich der Kutsche und öffnete den Einstieg, um einen Blick ins Innere zu werfen. Dann kletterte er auf das Trittbrett und ließ sich aufatmend in die zerschlissene Polsterung fallen.

In seiner Rocktasche befand sich eine kleine Kognakflasche. Er schraubte sie auf und leerte sie in zwei Zügen. Anschließend warf er sie aus der Kutsche und zog die Tür schwungvoll zu.

Müde gähnend streckte er sich auf der Polsterung aus. Sie roch nach Staub, doch das war ihm egal. Hauptsache, er hatte einen Platz gefunden, an dem er nicht dem Regen ausgesetzt war.

Der Alkohol tat schnell seine Wirkung. In der vagen Hoffnung, vielleicht diese Nacht ruhig schlafen zu können, schloss Oswald Furtner die Augen. Er vergaß schon nach wenigen Sekunden seine Umwelt.

Doch kaum war er eingeschlafen, geschah etwas höchst Merkwürdiges. Die Kutsche begann zu schwanken, und der Betrunkene wurde heftig durchgeschüttelt. Erschrocken fuhr er hoch.

Zuerst schrieb er das Rütteln und Schwanken seiner Trunkenheit zu. Es war ihm wohl übel geworden, sodass sich jetzt um ihn alles drehte. Vielleicht musste er mal ... Nein, sein Magen war in Ordnung. Das Rütteln und Stoßen kam von außen!

Er wurde von unsichtbaren Gewalten auf die andere Seite des Sitzes geschleudert. Hart schlug er sich dabei den Kopf an. Er krallte sich stöhnend an der Polsterung fest und bemerkte im nächsten Moment die graue Helligkeit, die durch die Fensteröffnungen drang.

Die Kutsche – sie stand nicht mehr im Schuppen!

Zugleich mit dieser Feststellung hörte er hämmernden Hufschlag und Räderrattern. Die alte Karosse befand sich in rasender Fahrt!

Oswald Furtner packte das Grauen. Unfähig, sich zu rühren, starrte er um sich und fragte sich verzweifelt, ob das Erlebte ein Hirngespinst oder Wirklichkeit war.

Hatte er wieder einen Albtraum? Nein, er war doch wach und sah, hörte und spürte alles um sich herum ganz bewusst. Die Kutsche war wirklich in Fahrt. Da gab es keinen Zweifel.

Durch ein Seitenfenster sah er die dunklen Stämme einer Baumallee schemenhaft vorüberziehen. Es ging offenbar eine holperige Landstraße entlang.

Der Regen hatte aufgehört. Doch der Nebel war so dicht, dass die Gegend draußen kaum zu erkennen war. Dunkle Schwaden jagten wie Geisterreiter an der Kutsche vorbei und hüllten sie sekundenlang ein.

Er kletterte auf den Vordersitz, um festzustellen, wer die Kutsche lenkte.

Zwei seltsam gekleidete Männer saßen auf dem Bock. Ein breitschultriger Hüne, der mit der einen Hand die Zügel führte und mit der anderen eine lange Peitsche schwang, mit der er vier feurige Rosse antrieb. Daneben ein bedeutend kleinerer Mann mit einem Schlapphut, unter dem strähnige Haare hervorquollen.

Was waren das für Kerle? Was hatten sie mit ihm vor? Oswald Furtner begriff, dass er so schnell wie möglich ins Freie gelangen musste.

Entschlossen bewegte er sich zur Tür und blickte durch das Fenster hinaus in die Nacht, hinaus auf die unheimlich anmutende Landschaft, die rasend schnell vorüberglitt.

Ein Sprung ins Freie konnte ihn bei diesem Tempo um Kopf und Kragen bringen. Aber Oswald wollte dieses Risiko in Kauf nehmen.

Er versuchte, die Tür zu öffnen, und musste erschrocken feststellen, dass sie nicht aufging. Sosehr er auch daran rüttelte, sie gab keinen Millimeter nach.

Oswald versuchte es auf der anderen Seite. Doch auch die zweite Tür war verschlossen.

Angstschweiß brach ihm aus. Er begriff, dass er gefangen war. Gefangen in seiner eigenen Kutsche.

Keuchend kletterte er wieder nach vorn und schrie den zwei Kerlen durch eine schmale Fensterluke zu: »Haltet sofort an! Ich will aussteigen! Habt ihr gehört? Haltet die Pferde an und lasst mich raus!«

Doch die beiden Subjekte reagierten gar nicht. Sie wandten nicht mal den Kopf.

»Ihr sitzt wohl auf den Ohren?«, brüllte Oswald Furtner und schlug mit der Faust gegen die Fensterumrahmung. »Anhalten! Bleibt stehen, verdammt noch mal!«

Der Erfolg war gleich Null. Der riesige Kutscher trieb weiterhin die Pferde an, und die andere abenteuerliche Gestalt tat ebenfalls so, als hätte sie die Rufe nicht gehört.

Oswald stöhnte verzweifelt auf. Was hatte das alles zu bedeuten? Leistete sich mit ihm jemand einen üblen Scherz? Oder wurde er auf verbrecherische Weise entführt? Wohin ging die wilde Fahrt?

Er wollte sich nicht dem Schicksal überlassen. Die Türen – eine von ihnen musste sich doch öffnen lassen. Vielleicht waren sie nur verklemmt oder wurden durch den scharfen Fahrtwind an die Kutsche gepresst. Wenn er mehr Kraft anwandte ... Mit aller Gewalt trat er mehrmals gegen die linke Tür. Doch alles, was er erreichte, war ein schmerzender Fuß. Genauso erging es ihm mit der rechten Tür. Beide schienen aus Eisen zu sein.

Da gab der Mann auf. Jeder weitere Befreiungsversuch hätte nur unnötig Kraft gekostet. Es gab keine Flucht.

Erschöpft ließ er sich auf eine gepolsterte Sitzbank fallen und schloss sekundenlang die Augen, als könne er dadurch alles Böse verscheuchen.

Draußen war es eine Spur heller geworden. Der Nebel hatte sich gelichtet, und Sterne blinkten zwischen den hohen Alleebäumen über einem Berg, auf dem sich in schwarzen Umrissen eine klobige Burg erhob.

Die Ruine Falkenstein. Ja, nur sie konnte das sein. Und da sie links lag, wusste Oswald auch, wohin die unfreiwillige Fahrt ging: Nach Eichenbrück, einer benachbarten Ortschaft.

Doch Moment mal! Nach Eichenbrück führte doch eine Autobahn. Die alte Kutsche aber fuhr auf einer schmalen, steinigen Landstraße dahin, die voller Schlaglöcher war.

Und wo waren die modernen Industrieanlagen, die sich in dieser Gegend angesiedelt hatten? Wo das neue Kraftwerk und die unübersehbaren Stahltürme der Hochspannungsleitung?

Er bemerkte nichts davon. Vergeblich hielt er Ausschau nach bekannten und vertrauten Dingen.

Er sah nur alte, mit Stroh gedeckte Bauernhäuser, die hier und dort in der nächtlichen Landschaft standen und die er nie zuvor gesehen hatte.

Die Landschaft selbst machte einen vertrauten Eindruck. Zumindest kam sie ihm sehr bekannt vor. Allerdings wunderte er sich über die weiten Wiesen und Felder, die es hier in dieser Gegend doch längst nicht mehr gab.