Gespräche, die ich nie geführt habe - Elfriede Hammerl - E-Book

Gespräche, die ich nie geführt habe E-Book

Elfriede Hammerl

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Beschreibung

Wie umgehen damit, wenn es in einer Paarbeziehung Dinge zu besprechen gibt, die für eine:n oder beide nicht angenehm anzuhören sind? Von denen man selbst nicht weiß, ob sie relevant genug sind, um überhaupt angesprochen zu werden. Eine Möglichkeit: Das Selbstgespräch. Furios und schonungslos. Unter Einbeziehung der teils mehr, teils weniger schlüssigen Argumente des Partners und eines imaginierten Therapeuten. Elfriede Hammerl nimmt uns in einer schlagfertigen Erzählung mit in solch eine Selbstreflexion und wirft ein Schlaglicht auf die Beziehungswelt einer anonym bleibenden Frau, die sich so ihre Gedanken macht über ihr Zusammenleben mit einem ebenso anonym bleibenden Mann, über Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung, über Alltägliches und Nicht-ganz-so-Alltägliches. Ein spritziger und scharfsinniger Wortwechsel, der nicht unbedingt nach einer Siegerin oder einem Sieger verlangt. Am Ende bleibt es jedoch dem Publikum überlassen, SIE oder IHN nach eigenem Gutdünken dazu zu bestimmen (Achtung: auch ein Unentschieden ist nicht ausgeschlossen).

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Elfriede Hammerl

Gespräche, die ich nie geführt habe

Eine Ratlosigkeit

Inhalt

Cover

Title

Inhalt

Gespräche, die ich nie geführt habe

ER

Wir waren dreißig Jahre verheiratet. Das wischt man nicht so einfach weg.

SIE

Ich wische nichts weg. Für mich ist nichts zum Wegwischen da. Ich war nicht dreißig Jahre verheiratet.

ER

Aber ich.

SIE

Ich erwarte ja nicht, dass du die dreißig Jahre vergisst. Erinnere dich daran. Aber müssen wir uns gemeinsam erinnern?

ER

Du kannst dich gar nicht erinnern. Du warst nicht dabei.

SIE

Genau. Und deswegen könntest du deine Erinnerungen für dich behalten. Gelegentlich.

ER

Das tue ich. Gelegentlich.

SIE

Zum Beispiel, wenn es um meinen Geburtstag geht.

ER

Ich habe nur gesagt, Irina hat ihren immer mit einer Gartenparty gefeiert. Und deshalb hat sie ihn in den Juni verlegt.

SIE

Wie die Queen selig.

ER

Das ist doch gescheit, wenn man im Jänner Geburtstag hat.

SIE

Man kann auch im Jänner feiern. Wie die Ballsaison beweist.

ER

Eben: Ballsaison. Da wird sowieso schon gefeiert.

SIE

Es wundert mich, dass ihr keinen Geburtstagsball für sie veranstaltet habt.

ER

Ein Gartenfest war uns lieber.

SIE

In großem Stil.

ER

So groß es eben ging. Aber wenn du lieber nicht im Juni feiern möchtest –

SIE

Ich habe im Juni Geburtstag! Ganz echt.

ER

Wo ist dann das Problem?

SIE

Das Problem ist, dass dir zu meinem Geburtstag im Juni nur Irinas Gartenfeste einfallen.

ER

Das verstehe ich nicht.

SIE

Ich weiß. Irina. Kommt das eigentlich von Irene?

ER

Nicht direkt.

SIE

Was heißt »nicht direkt«?

ER

Eigentlich hat sie Gabi geheißen. Aber das hat nicht zu ihr gepasst.

SIE

Warum? Gabi ist ein ehrenwerter Name. Gabriele. Hat mir immer gut gefallen.

ER

Sie hat sich schon als junges Mädchen Irina genannt.

SIE

Falscher Name, falscher Geburtstag. Was kommt da noch alles?

ER

Sie war… einfach glamourös. Wenn du verstehst, was ich meine.

SIE

Nein.

ER

Du weißt doch, wie sie ausgesehen hat. Du kennst doch die Bilder.

SIE

Ja. Kenne ich.

ER

Du bist gehässig.

SIE

Ich bin verstimmt.

ER

Aber das musst du nicht sein.

SIE

Für dich trägt sie eine goldene Krone. Das verdrießt. Auf die Dauer.

ER

Würde es für mich sprechen, wenn ich über sie schimpfen würde?

SIE

Es würde für dich sprechen, wenn du aufhören würdest, von ihr zu schwärmen.

ER

Wäre ich nicht ein Trottel, wenn ich dreißig Jahre mit einer Frau verheiratet gewesen wäre, für die es sich nicht zu schwärmen gelohnt hat?

SIE

Manchmal ist man auch ein Trottel, wenn man für eine schwärmt und nicht merkt, dass es da nichts zum Schwärmen gibt.

Dieses Gespräch haben wir natürlich nie geführt. Ich hüte mich, so mit ihm zu reden, einem anständigen Mann, der dreißig Jahre mit derselben Frau verheiratet war und ihr über den Tod hinaus die Treue hält. Man muss froh sein, so einen Mann zu treffen, in dieser Welt voll treuloser Kerle. Man muss das zu schätzen wissen. Kein Lügner, kein Betrüger, kein Heiratsschwindler, keiner, der dir im Internet das Blaue vom Himmel verheißt und dich dann abzockt wegen eines Notfalls, den es nicht gibt und nie gegeben hat. Die klügsten Frauen sind schon auf die schäbigsten Scharlatane hereingefallen. Ich könnte Geschichten erzählen! Ich erzähle sie aber nicht, weil er sich dann für noch kostbarer hielte als ohnehin schon. Er weiß, dass er auf dem Partnermarkt gute Karten hat. Bei aller Bescheidenheit, ich bin ein Glücksfall, würde er sagen, wenn ihn seine Bescheidenheit nicht zurückhielte.

Und vielleicht könnten wir ja auch ein ganz anderes Gespräch nicht geführt haben.

SIE

Irina. Warum? Was du von ihrer Familie erzählst … Da denkt man doch eher, die haben ihre Vornamen von Generation zu Generation weitergegeben. Immer dieselben.

ER

Ihre Mutter hatte eine Schwäche für das Russische. Leider.

SIE

Aha. Die böse Mutter. Ein Klassiker.

ER

Ihre Mutter war tatsächlich sehr dominant.

SIE

Die böse Schwiegermutter. Auch ein Klassiker.

ER

Wie war denn deine Mutter?

SIE

Unauffällig. Was nicht heißt, dass sie ohne Schuld war. Es gibt keine schuldlosen Mütter. Wie war Irina als Mutter?

ER

Bewundernswert.

SIE

Finden das auch eure Kinder?

ER

Meine Kinder verdanken ihr viel. Durch sie habe ich eingesehen, dass Schulnoten nicht so wichtig sind.

SIE

Sind sie nicht?

ER

Nein.

SIE

Deswegen studiert dein Sohn noch immer?

ER

Was heißt noch immer?

SIE

Naja, er wird demnächst fünfunddreißig.

ER

Er ist vielseitig interessiert.

SIE

Meine mussten irgendwann arbeiten.

ER

Ja. Und?

Richtig: Und? Ich werde doch wohl nicht neidisch sein, wenn er seinem Sohn ein womöglich lebenslanges Studium finanziert. Neuer Versuch:

SIE

Ich habe im Juni Geburtstag.

ER

Ich weiß.

SIE

Einen runden.

ER

Ich weiß. Wie möchtest du ihn feiern? Mit einem Gartenfest vielleicht?

SIE

Ich möchte ans Meer. Fährst du mit mir ans Meer?

ER

Wäre ein Gartenfest nicht schöner? Wir könnten viele Gäste einladen.

SIE

Ich finde es immer ein wenig sonderbar, andere Leute einzuladen, damit sie einen feiern, weil man geboren ist.

ER

Du willst aber deinen Geburtstag doch feiern?

SIE

Ja, für mich. Mit dir.

ER

Versteh’ ich nicht.

SIE

Ich weiß.

ER

Also, Irina hat immer ein Gartenfest gemacht zu ihrem Geburtstag.

SIE

Ich weiß.

ER

Wohin möchtest du denn?

SIE

Irgendwohin, wo es schön ist. In ein kleines, feines Hotel.

ER

Die kleinen, feinen Hotels sind am teuersten.

SIE

Ich zahle meine Hälfte.

ER

Ich dachte, du willst mich einladen? Das macht man nämlich an seinem Geburtstag: Man lädt andere ein.

SIE

– – –

ER

Das war ein Scherz. Herrgott, das war ein Scherz! Sei doch nicht so humorlos.

Ihr Frauen habt einfach keinen Humor.

SIE

Ihr Frauen?

ER

Dieses Problem hatte ich schon mit Irina. Sie hat meine Witze nicht verstanden.

SIE

Ich fange an, sie ins Herz zu schließen.

APROPOSNAMEN: In Gedanken nenne ich ihn TG, Trophy Guy, weil er sich für einen Haupttreffer hält. Ja, Ironie. Aber vielleicht würde es ihm sogar gefallen, wenn er es wüsste, nur erfährt er es nicht.

Was ich mir wünsche: Ich wünsche mir einen Mann, der nicht bloß Dekoration in meinem Leben ist. Ich wünsche mir einen Mann, der nicht beim Abendessen sitzt wie ein Gast und den anderen Gästen vorspielt, dass wir eine Lebensgemeinschaft sind, nachdem ich die Einkäufe gemacht und bezahlt habe, nachdem ich gekocht und den Tisch gedeckt habe, während seine Rolle nur vorsieht, dass er die Getränke einschenkt, die ich herangekarrt habe. Ich wünsche mir einen Mann, der mich stützt und unterstützt.

Wahrscheinlich sollte er jetzt sagen dürfen, was er sich wünscht, aber nein, ich bin dran.

ER

Ich finde schon, dass ich auch was sagen dürfen sollte.

SIE

Ich nicht.

ER

Das wäre gerecht. Oder?

SIE

Wer sagt, dass ich gerecht sein möchte? Ich führe gerade ein Gespräch, das ich nie geführt habe. Das kannst du doch nicht auch noch an dich reißen.

ER

Ich darf nichts zu meiner Verteidigung sagen?

SIE

Was willst du denn zu deiner Verteidigung sagen?

ER

Schau, wir sind keine Teenager mehr. Wir haben eine Vergangenheit. Sollen wir so tun, als hätten wir keine?

SIE

Wir könnten so tun, als wäre sie vergangen. Wir könnten so tun, als hätten wir eine Zukunft. Auch wenn es keine dreißigjährige Zukunft ist.

ER

Trotzdem gehört unsere Vergangenheit zu uns. Ich kann ja nichts dafür, dass du keine guten Erinnerungen an die Männer in deinem Leben hast.

SIE

Das stimmt gar nicht. Ich habe gute Erinnerungen. Aber es sind gute Erinnerungen an eine Zeit, die vorbei ist.

ER

Das ist neu. An wen hast du gute Erinnerungen?

SIE

Das ist gar nicht neu.

ER

An diesen Werbefuzzi vielleicht? Oder an den Kerl, der nach Barcelona abgedampft ist?

SIE

Interessant, wie du zwei Männer charakterisierst, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben.

ER

Oder an den Herrn Oberarzt?

SIE

Primarius, bitte.

ER

Der war Primarius?

SIE

Damals nicht.

ER

Na eben.

SIE

Was: Na eben?

ER

Naja, das sind doch windige Gestalten gewesen. Mit Verlaub. Das ist doch klar, dass du die verdrängt hast.

Ärgerlicherweise hat er nicht ganz unrecht. Aber was ist mit seiner heiligen Ehefrau? Er schildert sie als hochnäsige Tochter aus reichem Haus, die ihn ständig mit ihrem ach so tollen Papi verglichen hat. Zu seinen Ungunsten, versteht sich. Er schildert sie natürlich nicht explizit so. Nicht mit diesen Worten. Er schwärmt von ihrer Liebenswürdigkeit, sogar von ihrer Warmherzigkeit, aber alle Geschichten, die er dann erzählt, deuten darauf hin, dass nicht viel Wärme von ihr ausging.

Obwohl, wäre es mir lieber, wenn Irina-Gabi, die er nicht vergessen kann, eine Frau gewesen wäre, die ich sympathisch gefunden hätte? Eindrucksvoll? Zu Recht bewundernswert?

ER

Genau, wäre dir das lieber?

SIE

Ich weiß nicht.

ER

Sei ehrlich!

SIE

Du bist in diese Überlegung nicht einbezogen. Halt dich da raus!

Vielleicht bin ich ja wirklich nur neidisch, weil er seine Vergangenheit mit Irina-Gabi so verklärt und rosig sehen kann, während ich mit ausgesprochenem Missvergnügen an den Herrn Oberarzt, später Primar, denke. An Alex, den von ihm so genannten Werbefuzzi, denke ich eigentlich mit Vergnügen, aber mit Missvergnügen daran, dass ich so blöd war, ihn einzutauschen gegen –

lassen wir das.

ER

Du hast eine bewegte Vergangenheit.

SIE

Und du eine – abwechslungslose.

ER

Ich führe ein solides Leben.

SIE

Hast du Irina-Gabi nie betrogen?

ER

Wenn ja, würde ich es dir nicht sagen.

SIE

Ich stelle mir gerade vor, wie du einer heimlichen Geliebten von der anbetungswürdigen Irina vorschwärmst… Das kann ihr nicht gefallen haben.

ER

Für wie blöd hältst du mich?

SIE

Wenn du deiner heimlichen Geliebten nichts von Irina-Gabi erzählt hast, warum dann mir?

ER

Ich möchte aufrichtig zu dir sein. Nimm es als Kompliment. Nimm es als Zeichen, dass ich es ernst mit uns meine.

SIE

War es eine? Waren es mehrere?

ER

Was?

SIE

Heimliche Geliebte.

ER

Ich hatte keine heimlichen Geliebten.

SIE

Du hast es gerade zugegeben.

ER

Was?

SIE

Du hast gesagt: Zu dir möchte ich aufrichtig sein. Also gab es welche, zu denen du nicht aufrichtig warst.

ER

Das ist absurd. Ich habe gar nichts zugegeben.

SIE

Neuer Versuch: Wenn ich Gäste habe –

ER

Ja, was ist dann?

SIE

Dann habe ich Gäste. Aber sollten es nicht auch deine Gäste sein? Unsere Gäste?

ER

Von mir aus. Unsere Gäste.

SIE

Wenn es unsere Gäste wären, müsstest du aber was beitragen.

ER

Was?

SIE

Du kommst wie ein Gast. Du gehst wie ein Gast. Du kümmerst dich um nichts.

ER

Du bist eine selbstständige Frau. Dachte ich.

SIE

Du könntest wenigstens fragen, was die Lebensmittel gekostet haben.

ER

Du bist finanziell unabhängig. Dachte ich.

SIE

Wie war das bei Irina-Gabi? Hat sie auch alles bezahlt?

ER

Du weißt schon, dass du gerade anfängst, von ihr zu reden? Nicht ich.

SIE

Und? Hat sie?

ER

Natürlich nicht.

SIE

Natürlich nicht?

ER

Wir waren verheiratet. Wir waren eine Wirtschaftsgemeinschaft.

SIE

Und welche Art von Gemeinschaft sind wir?

ER

Ich dachte, die patriarchale Ehe ist nicht dein Ding.

SIE

Stimmt. Aber alles zu zahlen auch nicht.

ER

Übrigens hat Irina einiges an Vermögen in unsere Ehe mitgebracht. Nur damit kein falscher Eindruck entsteht.

SIE

Ach. Wenn ich mehr Geld hätte, würdest du mich glatt heiraten wollen?

Dieses Gespräch habe ich selbstverständlich ebenfalls nie geführt. Man rechnet doch dem anderen nicht vor, was man für ihn ausgegeben hat. Sieben dicke Thunfischsteaks, davon eins für dich und drei für dieses Paar, dem du eine Einladung schuldig bist, weil er ein Geschäftspartner von dir ist – drei deshalb, weil er, wie du mich vorgewarnt hast, mindestens zwei verdrückt –, und ein Steak in Reserve, das prompt du verputzt hast, sodass nichts mehr da war für den zweiten Gast, der sich ebenfalls als Vielesser entpuppt hat. Entpuppt hätte, wenn nicht du… Jedenfalls sieben Stück und es musste Thunfisch in Sashimi-Qualität sein, und für den Käse nachher hätte ich vielleicht nicht gerade den Trüffel-Pecorino und den preisgekrönten Époisses genommen, aber du hast erklärt, wir dürften keinesfalls den Eindruck von Knausrigkeit erwecken. Wir! Lustig.

Und nicht, dass du beim Einkaufen dabei gewesen wärst, sonst wäre ja vielleicht auch die Rechnung nicht an mir hängen geblieben, du hast mir nur gesagt, was du dir in etwa vorstellst, wie in den glücklichen Zeiten mit Irina, die auch ohne dich eingekauft hat, allerdings mit deinem Geld. Oder doch mit ihrem? Egal, das ist kleinlich, kleinlich, kleinlich, es sollte doch hier um Liebe gehen und nicht um solche Banalitäten!

SIE

Liebe … was ist das?

ER

Sag du es mir.

SIE

Für dich heißt Liebe, dass ich dir zuliebe auf die letzte Schokotrüffel in der Packung verzichten soll.

ER

Oder umgekehrt. Ich für dich.

SIE

Geh bitte. Für dich ist es schon Liebe, wenn du sie gnädig mit mir teilst.

ER

Du stellst mich als Monster hin.

SIE