Gestohlene Identität - Roland Benito-Krimi 5 - Inger Gammelgaard Madsen - E-Book

Gestohlene Identität - Roland Benito-Krimi 5 E-Book

Inger Gammelgaard Madsen

4,8

Beschreibung

Für alle Skandi-Krimi-Liebhaber Eine Karnevalsreise nach Venedig endet für Sara Dupont und ihren Freund mit einem Schock: Ihre Tasche wird gestohlen und am nächsten Morgen wird im Kanal vor ihrem Hotel eine junge Dänin tot aufgefunden. Ein Jahr später flieht eine junge Frau, die wegen Mordes einsitzt, aus der Gerichtspsychiatrie in Risskov und ermordet auf der Flucht eine Krankenschwester. Schnell stellt sich für Roland Benito die Frage, ob beide Fälle zusammenhängen. Und nicht nur für ihn. Auch die Journalistin Anne Larsen, die sich mit ihrem früheren Praktikanten Nicolaj selbständig gemacht hat, begibt sich auf die Spur der Mörderin. "Es ist eine rundum gelungene Geschichte, eines hat mit dem anderen zu tun, oder doch nicht? Geschickt webt die Autorin das Netz und gerade zum Schluß wird es sehr spannend. Wird eine junge Frau noch rechtzeitig gefunden?" - Ukeli

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Inger G. Madsen

Gestohlene Identität

Kriminalroman

Aus dem Dänischen vonKirsten Krause

SAGA

Für Per

Der Hochzeitstag

Sie musste alle Lagen des langen, elfenbeinfarbenen Kleides aus dicker Seide und Tüll hochraffen, als sie die Stufen zum ersten Stock hinaufging. Die hochhackigen Schuhe hatte sie am Fuße der Treppe stehen lassen. Sie lauschte ihrem eigenen hyperventilierenden Atem, fühlte sich schwindelig und dachte darüber nach, ob es an zu viel Champagner, Sauerstoffmangel oder beginnendem Wahnsinn lag. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie das Kinderzimmer erreichte. So kam es ihr jedenfalls vor. Die Sommerbrise ließ den Vorhang leicht flattern und trug die Musik und das Gelächter der Gäste aus dem Garten zu ihr nach oben. Die Giraffe, der Elefant und der Affe in dem Mobile über dem Gitterbett hüpften auf und ab und sahen ganz lebendig aus. Es war ein Taufgeschenk. Als Kind hatte sie ein ähnliches gehabt. Die Figuren lächelten ihr entgegen und wirkten viel zu fröhlich im Verhältnis zu den Gedanken, die in ihrem Kopf dröhnten. Der Rausch und die Freude waren jäh verschwunden, als wäre ihr Tag nie davon erfüllt gewesen. Der größte Tag im Leben einer Frau. Es war wie ein Kurzschluss im Gehirn, eine Überhitzung, zu viel unverdientes Glück, das zusammenbrach, wie wenn man zu viel Strom auf einmal verbraucht und die Sicherung rausfliegt. Der vertraute, süßliche Duft von Babylotion wurde ihr sanft von der Brise vom Fenster entgegengetragen. Sie inhalierte ihn begierig, als sie in der Tür innehielt, und fühlte sich einen Augenblick lang beruhigt. Es war niemand in dem Zimmer. Endlich erreichte sie das Gitterbett. Jede Bewegung fühlte sich wie in Zeitlupe an. Die Aufhängung des Mobiles verhedderte sich in ihrer eleganten Frisur, als sie sich über den Jungen beugte. Eine der vielen duftenden Apfelblüten, die ihr ihre Freundinnen ins Haar gesteckt hatten, segelte langsam nach unten wie ein kleiner weißer Schmetterling und landete auf seinem Rücken. Er lag auf dem Bauch. Ganz still. Ihr Herz raste und ließ den Schmuck in ihrem tiefen Dekolletee im Takt wippen. Sie stand lange da, schaute auf ihn hinunter und konnte nicht erkennen, ob er atmete. Die Decke mit den kleinen, hellblauen Autos hatte er weggestrampelt, und der Windelpo ragte über den molligen Oberschenkeln in der Luft. Die eine gehäkelte Babysocke war heruntergerutscht und ihr Blick blieb an dem perfekten Füßchen mit fünf wohlgeformten kleinen Zehen hängen. Apathisch näherten sich ihre Hände dem Bett und ihre Finger griffen nach ihm, als ob sie ihn hochheben wollte, aber Angst hätte, was sie zu sehen bekommen würde; dann ließ das Geräusch des angespannten Atems eines anderen, der sich mit ihrem eigenen vermischte, sie mitten in der Bewegung innehalten. Langsam drehte sie sich um und erstarrte; sie konnte nicht einmal schreien.

***

1

Die modernen Gebäude der Abteilung für Forensische Psychiatrie mit reihenweise Fenstern, die den dunklen Abendhimmel und die Lichter der Straßenlaternen widerspiegelten, bildeten einen starken Kontrast zu Gottlieb Bindesbølls hübscher Psychiatrischer Klinik. Im 19. Jahrhundert dachte man nicht so pragmatisch; das war echte Maurerarbeit aus massivem Naturstein – nicht nur grauer Beton mit dünnen, aufgeklebten Steinplatten zur Tarnung. Die Außenmauern waren mit einem gestreiften Effekt versehen in der gleichen Farbe wie das Dach, das gemütlichen Erkern Raum bot. Damals wurde es als Staatskrankenhaus in Risskov errichtet. Der Kontrast fiel besonders ins Auge, weil die Gebäude aneinandergrenzten, nur durch die krummen Bäume zu beiden Seiten des Skovagerwegs vereint. Die Zweige ähnelten amputierten Armen und die Bäume erinnerten ihn an missgestaltete, verkrüppelte Hände, die sich in Verzweiflung gen Himmel streckten und die Gefühle widerzuspiegeln schienen, mit denen viele innerhalb der Mauern kämpften.

Am Eingang traf Kriminalkommissar Roland Benito Vizepolizeidirektor Kurt Olsen.

»Traurig, dass das hier draußen nun wieder passiert – und dann sind die Entflohenen obendrein immer geistig gestört«, war seine Begrüßung. Roland antwortete nur mit einem kurzen Nicken, er fühlte sich selbst so. Geistig gestört. Als er sich gerade neben Irene ins Bett gelegt hatte, kam der Anruf vom Polizeipräsidium. Der Nachtschlaf wurde erneut ruiniert, aber nicht aus dem gleichen Grund wie in den übrigen Nächten, die aufgrund privater Pro­bleme auch nicht die besten gewesen waren. Nicht zuletzt, weil er kürzlich aus Italien zurückgekehrt war, wo er seine jüngste Tochter weggegeben hatte an einen Mann, dessen Wesen er ebenso wie dessen Beruf und Familie wie die Pest verabscheute.

Auf dem Flur von Station R1 stießen sie auf den Rechtsmediziner, Henry Leander. Er saß in der Hocke neben der toten Krankenschwester. Ihr Kopf war unnatürlich an die Wand gelehnt, sodass die Todesursache unmittelbar nach einem Genickbruch aussah. Davon abgesehen war sein Eindruck nur Blut. Unmengen von Blut. An der Wand hinter ihr waren ebenfalls Blutspritzer. Ein Kriminaltechniker machte Bilder von jedem einzelnen; sie konnten enthüllen, wo sich sowohl Opfer als auch Täter befunden hatten, als der Mord stattfand. Die leitende Oberärztin war auch eingetroffen, stand in angemessener Entfernung und versuchte mit vor der Brust verschränkten Armen zu verbergen, dass sie zitterte. Das Kunstgemälde hinter ihr mit fröhlichen, aufmunternden Farben passte gar nicht zu der Szene. Abwesend rieb sie ihre Oberarme, während sie mit einem verlorenen Ausdruck im Gesicht auf das Blut starrte. Kurt Olsen sprach mit ihr und nickte Roland gleichzeitig auffordernd in Richtung Tür zu, die zum Flur mit den Personalbüros führte. Er nickte zurück und betrachtete einen Augenblick die Arbeit des Rechtsmediziners bei der Leichenschau.

»Es besteht ausnahmsweise kein Zweifel an der Todesursache und der Mordwaffe. Stumpfe Gewalt. Zahlreiche Schläge gegen den Hinterkopf und die linke Schläfe.«

Leander hob seine weiße Latexhand mit blutbefleckten Fingerspitzen und zeigte auf eine Steinfigur, die mal weiß gewesen war und wie ein dicker Buddha aussah. Sie lag nicht weit von der Leiche hingeworfen mit einem Schild daneben, auf dem Nr. 2 stand; die Spurensicherung hatte sie sich schon vorgenommen.

»Fingerabdrücke?«

Einer der Techniker in der Nähe machte Bilder von einem länglichen Abdruck auf der Glastür, der von einer blutigen Hand stammen konnte, die am Glas hinuntergeglitten war. Er schaute ihn an und schüttelte den Kopf.

»Die sind leider im Blut verwischt.«

»Was ist das?« Roland nickte zu der Figur auf dem Boden, die die Mordwaffe sein musste.

»Das ist eine Art schweres Steingut. Vielleicht etwas von der Kunst der Klinik oder der eigenen der Patientin.«

»Es gibt mehrere Schläge post mortem«, wandte Leander ein.

»Eine komplett geisteskranke Handlung. Aber das ist hier ja nur natürlich. Es gibt wohl keinen Zweifel, wer die Schuldige ist«, bemerkte der Kriminaltechniker allwissend.

Roland nickte verschlossen und überging diese achtlose Schlussfolgerung. Zweifel gab es immer. Er schaute wieder zu Leander hinunter.

»Wann findet die Obduktion statt?«

»Morgen Nachmittag …«, er sah auf seine Uhr, »… heute Nachmittag«, korrigierte er sich. »Ich kann sie bestimmt noch dazwischenschieben. Sollen wir 15 Uhr sagen?«

Roland bejahte und folgte dem Vizepolizeidirektor und der Oberärztin in ein kleines, spärlich eingerichtetes, aber helles Büro, wo es nach einem milden Parfüm oder vielleicht einem gut duftenden Putzmittel roch. Oberärztin Mai Andersen stand auf einem Schild an der Tür. Sie schloss sie hinter ihm, gab ihnen beiden die Hand und stellte sich vor.

»Ich bin natürlich sehr schockiert über den Vorfall«, fügte sie bewegt hinzu. Ihr blasses Gesicht verriet die Gemütslage, ein Mundwinkel zuckte nervös. »Wir hätten nicht geglaubt, dass es noch möglich wäre, von hier zu fliehen. Ich hoffe, ich kann behilflich sein.« Sie setzte sich hinter den Schreibtisch, räumte ein paar Unterlagen in eine Schublade, schaute sie an und strich sich kampfbereit die mittelblonden Haare hinter die Ohren.

»Dann gab es also noch eine Gefangenenflucht?« Der Vorwurf in Kurt Olsens Stimme war deutlich. Es war von politischer Seite großer Wert auf Sicherheit gelegt worden, aufgrund einiger Ausbrüche, oft von Patienten, die als gefährlich oder sogar extrem gefährlich bezeichnet wurden. Die Presse hatte daraus eine Sensation gemacht, was sie ja immer tat. Seit Neujahr war es 19 Gefangenen gelungen zu entfliehen. Jedoch hatten die Ausbrüche nie zu einem Mord geführt.

»Wie kann es mit Sicherheitsglas vor den Fenstern und verschlossenen Türen mit sicheren Schließanlagen immer noch möglich sein, hier durchzubrennen?«, fuhr Kurt fort.

»Ich weiß nicht, wie Ditte in der Schleuse getötet werden konnte. Einiges deutet darauf hin, dass sie gerade dabei war aufzuschließen, als es passierte. Aber die Patienten haben dort nichts zu suchen … danach ist Sara den Flur hinuntergelaufen, der zum Parkplatz führt.«

»Ohne dass jemand sie gesehen und gestoppt hat? Das hätte nicht passieren dürfen!«

»Da sind wir uns einig. Aber wir bekommen immer mehr gewalttätige Gefangene, die auf ihren Geisteszustand untersucht werden sollen und in der Regel danach eingewiesen werden. Dafür haben wir schlicht und einfach keinen Platz. Die Sicherheit muss überall noch mehr verbessert werden, wenn sie den Anforderungen genügen soll, die gestellt werden, um solche Patienten einzusperren. Das ist eine Frage des Geldes und …« Sie sah schnell zu Roland, der sich räusperte und die Stirn runzelte über eine Entschuldigung, die leeres Stroh drosch, egal, welche Regierung an der Macht war.

»… es geht auch darum, dass heutzutage größerer Wert darauf gelegt wird, wie wir behandeln als wie wir es vermeiden«, fuhr sie fort.

»Und damit meinen Sie …?«

Mit einem Kopfschütteln lehnte Kurt Olsen den angebotenen Kaffee ab; sie zeigte mit einem fragenden Ausdruck auf eine Thermoskanne auf dem Schreibtisch, während sie sprach. Roland schüttelte ebenfalls den Kopf, als sie ihn auffordernd ansah. Die Kaffee war wohl kaum frisch, es sei denn, jemand brühte hier spätabends noch welchen auf. Mai Andersen schenkte sich selbst ein in eine weiße Tasse mit dem roten Logo der Region Mitteljütland. Der Kaffee dampfte nicht.

»In den letzten Jahren wurden viele Betten für die psychisch Kranken gestrichen. Gleichzeitig ist die Anzahl gerichtspsychiatrischer Patienten merklich gestiegen. Meiner Ansicht nach hängt das zusammen. Die fehlenden Plätze führen dazu, dass Patienten aus der Allgemeinpsychiatrie bloß in die Gerichtspsychiatrie verlegt werden. Darüber hinaus kamen viele der Patienten, die wir heute haben, früher ins Gefängnis, aber die inzwischen herrschende Ansicht, dass ein Verbrechen einer psychischen Krankheit geschuldet sein kann, führt dazu, dass sie nun bei uns landen«, erläuterte die Oberärztin. Kurt Olsen öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Roland hustete provozierend und unterbrach. Obwohl Politik das Gebiet des Vizepolizeidirektors war, hielt er es nicht für relevant, das ausgerechnet jetzt zu diskutieren, wenn es der Sache nicht dienlich war und seine Zeit für Ermittlungen in einem Mordfall und einer Gefangenenflucht vergeudete.

»Die Tote kann gerade damit befasst gewesen sein aufzuschließen, sagten Sie. Für einen Gast? Wann endet die Besuchszeit?«, fragte er. Die Oberärztin wandte ihm den Blick mit einem Anflug von Erleichterung zu. Es war immerhin nicht so leicht, eine weitere Flucht und einen Mord mit mangelnden Finanzen und Ressourcen wegzuerklären und auch nicht, dass für die psychisch Kranken Betten fehlten.

»Besuch wird im Voraus individuell abgesprochen. Wir sind eine Spezialabteilung mit geschlossenen Bereichen. Aber in der Regel endet die Besuchszeit spätestens um 22 Uhr.«

Roland schaute schnell auf seine Uhr. »Hatte die Patientin heute Abend Besuch?«

»Das kann ich so aus dem Stegreif nicht sagen, ich bin um 18 Uhr gegangen, aber ich kann es herausfinden.«

»Ich bitte darum. Können Sie uns ein bisschen über die geflüchtete Patientin und die ermordete Krankenschwester erzählen? Ditte – richtig?«

»Ja, die Krankenschwester heißt … hieß Ditte. Ditte Sandfeldt. Die Patientin heißt Sara Dupont. Sie wurde hier vor etwas mehr als zwei Monaten zur Verbüßung ihrer Strafe eingewiesen. Es lief eigentlich ganz gut mit ihr, sie wirkte ruhiger, daher …«

»Sie ist wegen Mordes verurteilt worden, nicht wahr?«, unterbrach Kurt Olsen.

»Kindsmord. Ihr eigenes. Das Baby war erst drei Monate alt und wurde tot auf dem Bauch liegend in seinem Gitterbett gefunden. Sara hat einen Selbstmordversuch unternommen, der später als ein weiterer Beweis für ihre Schuld gegen sie verwendet wurde. Als die Beweise vor Gericht vorgelegt wurden, hat sie auch ihren Mann, Kasper Dupont, verloren. Sie haben seinen Namen vielleicht in der Laufschrift im Fernsehen gesehen? Er ist Kameramann beim DR. Man ging zunächst von einem plötzlichen Kindstod aus. Sara arbeitete als Gesundheitspflegerin, also sollte man meinen, sie wüsste alles darüber, und dass man sein Baby nicht auf dem Bauch schlafen lassen sollte.«

Ein Bild auf dem Schreibtisch von einem Mädchen um die zwei Jahre, das Mai Andersen so sehr ähnelte, dass es an der Mutterschaft keinen Zweifel gab, enthüllte, woher sie selbst dieses Wissen hatte.

»Sara beteuert weiterhin ihre Unschuld und schiebt die Schuld auf alle anderen – sogar ihren Mann –, aber das hat etwas mit ihrer Psychose zu tun. Zwangsgedanken und Paranoia.« Mai Andersen sprach schnell und kurzatmig, und die kleinen Schlucke von ihrem Kaffee wirkten, als würde sie nur aus Nervosität trinken und nicht, weil sie Lust darauf hatte. Die Tasse zitterte leicht in ihrer Hand.

»Würden Sie sie als gefährlich bezeichnen?«

Die Oberärztin schüttelte langsam den Kopf und stellte ihr Getränk ab, während sie gleichzeitig so aussah, als ob sie eine Möglichkeit in Erwägung zöge, die sie selbst nicht bedacht hatte.

»Nein, bis jetzt nicht. Sie war sonst nur eine Gefahr für sich selbst, aber der Mord an der Krankenschwester und die Flucht zeigen deutlich, dass sie nicht auf dem Weg der Besserung war, wie wir glaubten. Im Gegenteil.«

»Also gefährlich«, nickte Kurt Olsen.

»So wird die Presse sie ganz sicher darstellen«, entgegnete Mai Andersen mutlos.

»Hätte die Krankenschwester nicht Hilfe holen können?«, fragte Roland.

»Doch, sie hätte den Alarmknopf drücken können, den wir immer bei uns haben, dann wäre sofort Hilfe gekommen, aber sie hat es offenbar nicht mehr geschafft. Es deutet darauf hin, dass sie auf das, was passierte, überhaupt nicht vorbereitet war.«

»War sie schon lange hier?«

»Ja, sie war eine der äußerst erfahrenen Kräfte. Sie hat seit über zehn Jahren hier gearbeitet.«

Roland stand auf. »Mit wem war Sara Dupont hier in der Abteilung am meisten verbunden? Jemand, mit dem wir sprechen können.«

»Von den Patienten, meinen Sie?« Die Oberärztin schüttelte den Kopf mit einem blassen, gezwungenen Lächeln. »Es gibt keinen, mit dem Sie hier sprechen können. Die meisten verabscheuen die Polizei und werden sich garantiert nicht äußern wollen. Ich weiß das von den anderen Ausbrüchen, die wir hatten.«

»Also sprechen Sie aus großer Erfahrung«, murmelte Kurt Olsen fast unhörbar ohne die großen warmen Gefühle in der Stimme und stand ebenfalls auf. Mai Andersen sah ihnen freudlos nach und begleitete sie nicht nach draußen.

Roland und Kurt Olsen fuhren gemeinsam mit dem Aufzug im Polizeipräsidium nach oben. Zwischen ihnen herrschte tiefes Schweigen.

»Wusstest du, dass sie es war?«, fragte Roland, bevor sich die Aufzugtür öffnete.

»Nicht mit Sicherheit. Sie ist ja nicht die Einzige im Maßregelvollzug.«

»Aber eine der wenigen Frauen. Die meisten sind ja Männer. Welche Beweise wurden vorgelegt?« Rolands Gedanken waren wieder bei Olivia, die in zwei Monaten entbinden sollte. Wie würde sein kleines Mädchen damit klarkommen, selbst Mutter zu werden?

»Die Obduktion hat gezeigt, dass es Spuren am Nacken des Kindes gab, das Gesicht war gegen das Kissen gedrückt worden, bis es aufhörte zu atmen. Tragischerweise geschah es an Sara Duponts Hochzeitstag, der bei dem Paar zu Hause im engsten Familien- und Freundeskreis gefeiert wurde.«

»Und wie konnte man wissen, dass sie es war, und nicht einer der Hochzeitsgäste?«

Paradoxerweise durch ihren Ehering. In den Ring war ein Herz graviert und drei kleine Diamanten eingesetzt; er hat die Spuren hervorgerufen, die in die Nackenhaut des Kindes gedrückt waren, deutlich genug, dass es keinen Zweifel gab. Der Ring muss sich an ihrem Finger gedreht haben und das hat sie verraten. Später wurde sie leblos im Garten gefunden. Sie hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden.«

Roland erinnerte sich, dass in der Kantine immer Morten Hol­steds Fall Thema gewesen war, wenn es um Kindsmord ging, besonders, wenn es sich um einen wehrlosen Säugling handelte.

2

Februar, ein Jahr und sieben Monate zuvor

Schimmernde, lächelnde, hasserfüllte oder neugierige fremde Augen starrten sie in der Dunkelheit aus runden, ovalen oder mandelförmigen Löchern an, einige von ihnen waren von glitzerndem Strass, Vergoldung und kunstvollen Ornamenten umgeben. Die Volksmenge schubste und drückte, sodass sie keine Luft bekam. Ihre eigene Maske hatte sie längst verloren. Kleidung, die an eine vergangene Zeit erinnerte, und große Hüte schlugen ihren rauen Stoff in ihr Gesicht. Heute Nachmittag hatte sie sich über die vielen flatternden Tauben hier auf dem Markusplatz erschreckt. Alles mit Federn verursachte ihr Atemnot, nachdem sie als Kind Hitchcocks Horrorfilm Die Vögel gesehen hatte. Deswegen mochte sie auch eine lila Federmaske nicht, die zwei Vogelschwingen mit schiefen, lauernden Augen in der Mitte ähnelte, die ihr viel zu nah gekommen war. Alle waren viel zu nah. Sie war mitten in einem Umzug gelandet und schnappte nach Luft, atmete aber erleichtert auf, als sie spürte, wie Kasper ihre Hand ergriff und sie aus der lebhaften Schar schreiender, lärmender und singender Italiener zog, die wohl hauptsächlich Touristen wie sie selbst waren.

»Lass uns einfach zurück zum Hotel und in die Bar auf einen Schlummertrunk gehen, ja?« Seine Stimme konnte den Lärm fast nicht übertönen, aber sie fing die Worte dennoch auf, es waren die einzigen, die auf Dänisch gerufen wurden. Damit war sie sehr einverstanden und zwängte sich willig durch das Gewimmel, von einer Hand nach vorne gezogen, deren Besitzer sie so gut kannte: die Hautoberfläche, den warmen, festen Griff und die Sicherheit. Dann kam Luft, und es war eine wahre Befreiung, das Licht der Fenster in der Hotelrezeption zu sehen. Sie liefen lachend die Treppe hoch, als ob sie Schutz vor einem heftigen Gewitterschauer suchten. Die Bar war beinahe genauso proppenvoll wie der Markusplatz und die Straßen und Gassen, aber Kasper fand einen freien Tisch in einer Ecke, wo sie erleichtert auf ein bequemes Sofa sank, während er etwas von der Bar holte. Sie zog die Schuhe aus und rieb sich ihre schmerzenden Füße; sie pochten und waren angeschwollen. In einer Boutique hatte sie einfach nicht widerstehen können und hatte diese neuen, italienischen Schuhe gekauft. Jetzt wirkten sie plötzlich drei Nummern zu klein. Es war eine Wohltat, sie auszuziehen und den kalten Marmorboden an den Fußsohlen zu spüren. Kasper reichte ihr das Glas mit Sambuca mit einem müden Lächeln, nachdem er fast eine halbe Stunde in einer kilometerlangen Schlange vor der Theke der Bar gewartet hatte. Sie nahm es entgegen und atmete den Anisduft ein. Sie war diesem wasserklaren Likör erlegen im Laufe der Woche, die sie in Venedig im Urlaub gewesen waren, um genau den Maskenball zu erleben, von dem sie nun geflüchtet waren.

»Ich habe doch gesagt, dass du nicht diese Stilettos anziehen sollst, Sara«, warf er ihr mit dem altklugen Wundert-sich-über-Frauen-Kopfschütteln eines Mannes vor und setzte sich neben sie.

»Ich weiß, aber wir sind ja in Italien, oder? Ich will nicht völlig daneben aussehen. Die Leute hier sind so elegant.«

»Na, nicht alle – die Touristen schon gar nicht. Es ist ja auch Karneval, also was soll’s?« Er lächelte und nahm einen großen Schluck von seinem Bier. Er mochte keinen Likör.

»Ich habe meine Maske verloren, die war wirklich ganz schick.«

»Wir kaufen morgen einfach eine neue, das schaffen wir locker, bevor wir abfliegen. Wir müssen ja schon bis Mittag hier raus sein, also haben wir nichts anderes zu tun, bis wir zum Flughafen fahren müssen.«

Sie lehnte sich zurück und entspannte sich endlich mit seinem Arm an ihrem Nacken. Hier, an seine Brust gelehnt, gab es nichts zu befürchten, nicht einmal Masken oder Vogelschwingen.

»Wer wohl auf die Idee gekommen sein mag, dass man sich so verkleiden und feiern sollte?« Kasper bewunderte ein paar weibliche Bargäste mit prachtvollen Perücken und schmalen Stabmasken, hinter denen sie ihre Augenpartie verbargen. Sie sahen aus wie Wiedergänger aus dem Barock. Sara lächelte, sie hatte Lust, ein wenig zu glänzen nach dem Misserfolg des abendlichen Maskenballs, der nicht ganz wie erwartet verlaufen war. Sie hatten vorgehabt, sich nicht aus den Augen zu verlieren, und sie wusste, es war ihre Schuld, dass es passiert war. Ihre Neugier hatte sie von Kasper weggezogen. Curiosity killed the cat, pflegte er sie schelmisch zu warnen, wenn sie ihm entschwand.

»Die Tradition reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück und ist eng mit der Geschichte Venedigs verbunden. Damals war es ganz normal, dass man seine Identität hinter Masken verbarg, wenn man sich in der Stadt amüsierte.«

»Damit der Ehepartner es nicht entdeckte?«

»Vielleicht auch deswegen, aber hauptsächlich um Standesunterschiede und anderes auszugleichen, was ansonsten eine Person aus dem sozialen Netzwerk ausschließen kann. Man konnte sich verstecken und für einen anderen ausgeben als der, der man war.«

»Das Facebook von damals?«

»Ja, irgendwie schon.« Sie lachte, als sie sah, dass er seine Maske wieder aufgesetzt hatte. Sie war nicht so hübsch, wie ihre es gewesen war, aber auch nicht eine der unheimlichen, die er sonst gekauft hätte. Das hatte sie verhindern können. Sie hatte mit ihrem verschlossenen, roten Mund etwas Trauriges an sich, was seine lächelnden Augen, die sie aus den mandelförmigen, übertrieben von Goldglitzer umgebenen Augenhöhlen anschauten, ganz unpassend wirken ließ. Auf die eine Wange war eine schwarze Träne gemalt.

»Schaffen wir es morgen auch noch ins Ca’Rezzonico-Museum? Da kann man die Gemälde des Rokokomalers Pietro Longhi aus dem Alltag von damals sehen, als sowohl Männer wie Frauen die bekannte weiße Bauta-Maske trugen, die ich so unheimlich finde. Sie erinnert mich an den Tod in Venedig.«

»Du guckst zu viele Filme, mein Schatz. Wo liegt das Museum?«, fragte er durch die Maske mit dumpfer Stimme.

»Soviel ich weiß, in einem der Paläste am Canal Grande.«

»Das schaffen wir bestimmt noch.«

Sie saßen eine Weile ohne zu reden da, damit beschäftigt, Leute zu beobachten. Die meisten waren mit aufwendigen und originellen Kostümen verkleidet.

»Die beiden Mädchen da drüben sind Däninnen. Bisher haben wir nicht viele Dänen getroffen. Die eine kommt sogar auch aus Aarhus«, sagte Kaspar beiläufig, und sie versuchte seinem Blick zu folgen. Sie saßen an der Bar, ein Stückchen von ihnen entfernt, und trugen beide Masken.

»Woher weißt du das? Hast du mit ihnen geredet?«

»Ja, mit der Blonden da stand ich in der Schlange an der Bar.« Sara verbarg ein kleines Lächeln.

»Natürlich mit der Blonden.«

»Was meinst du damit?«

»Ach, es hätte mich bloß gewundert, wenn du dich mit der Brünetten unterhalten hättest. Du weißt doch, Männer und Blondinen.« Sie sagte das ohne Eifersucht, weil sie Kasper vertraute. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und die Freundschaft aus diesen Tagen hatte sich genau so ruhig und stetig entwickelt, wie sie aufgewachsen waren. Nur ein paar Jahre waren sie getrennt, als Kasper im Ausland studiert hatte. Dann kam er nach Aarhus zurück, sie wurden ein richtiges Paar und zogen in eine kleine Zweizimmerwohnung in Trøjborg. Als sie einen Job als Gesundheitspflegerin und Kasper als Kameramann bei Danmarks Radio bekam, kauften sie ein gemütliches kleines Haus ein bisschen außerhalb von True. Kinder und Ehe waren noch kein Thema gewesen, und Sara wartete geduldig, ohne Kasper zu drängen.

»Sie hat mich angesprochen, nicht umgekehrt. Sie muss wohl gehört haben, dass wir Dänen sind. Sie hat gefragt, ob ich Fotograf wäre, weil ich die große Kameratasche über der Schulter hatte, und als ich geantwortet habe, dass ich ein Kameramann fürs Fernsehen bin, war sie sofort Feuer und Flamme.«

»Gute Anmache!« Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu und nippte an dem Sambuca.

»Die jungen Leute heutzutage wollen partout bekannt werden, so ist das einfach. Scheißegal, ob sie Talent haben oder nicht. Heute berühmt, morgen vergessen. Guck dir nur an, wie beliebt Sendungen wie ›X-Factor‹, ›Teenie-Mütter‹, ›Paradise Hotel‹ oder ›Der Bachelor‹ sind. Das ist eine einfache und schnelle Art, ein Promi zu werden, die nicht allzu viel Hirn erfordert – im Gegenteil.« Sara warf wieder einen Blick zu den beiden jungen Mädchen an der Bar hinüber, die die Aufmerksamkeit der italienischen Baristi genossen. Sie flüsterten geheimnistuerisch miteinander und kicherten. Sie sann darüber nach, ob sie wohl allein oder mit ihren Eltern verreist waren, ob sie Schwestern oder bloß Freundinnen waren. Vielleicht hatten sie sich gerade erst getroffen.

»Du kannst das doch nicht verallgemeinern, Kasper. Hast du ihr denn eine Chance gegeben, vor deiner Kamera zu posieren?«

»Ich habe sie schlecht gesehen. Sie hat ja eine Maske auf, es ist irgendwie nicht genug, bloß eine Blondine zu sein. Übrigens wer weiß, ob es eine Perücke ist? Das kannst du also gleich vergessen, Kleine. Warum glaubst du, habe ich mich in dich verliebt?« Er nahm eine ihrer langen, kupferfarbenen Locken zwischen seine Finger und kitzelte sie neckend damit am Ohr. »Vielleicht bevorzuge ich Rotschöpfe.«

Sie lächelte, schließlich wusste sie das ja auch.

Es lichtete sich in der Bar, je weiter die Nacht fortschritt. Die meisten Gäste verschwanden draußen im Nachtleben. Kasper hatte gerade an der Bar Espresso geholt, als die beiden dänischen Mädchen angetrunken und leise lachend auf dem Weg nach draußen an ihrem Tisch vorbeikamen. Plötzlich blieb die eine stehen. Sie nahm ihre Maske ab und reichte sie schnell Sara. »Die kannst du haben, ich bin sie leid«, sagte sie, bevor das andere Mädchen sie wegzog. Sara schaffte gerade noch zu sehen, dass es die Blondine gewesen war, die ihr ihre Maske verehrt hatte, bevor sie draußen im Gewimmel verschwanden.

»Die ist doch gut, dann müssen wir dir morgen vielleicht gar keine mehr kaufen?«

»Ich hätte mir eigentlich gerne selbst eine ausgesucht, aber die hier ist schon okay.«

Es war eine silberne Maske mit raffinierten Gold- und Glitzermustern, rund um die Augenlöcher zog sich eine Reihe von kleinen Steinen, die wie Diamanten aussahen, der Mund war schwarz angemalt und sinnlich. Kasper half ihr dabei, das Band hinter ihrem Kopf zuzubinden. Die Maske roch schwach nach dem Parfüm der Blondine. Sie lehnte wieder den Kopf zurück gegen seinen Arm. Irgendwie war es ziemlich angenehm, sich zu verstecken, es war ein bisschen, als ob sie völlig vergaß, wer sie war.

Sara fühlte sich ein bisschen betrunken, als sie aus dem Bad kam. Der Sambuca knallte ordentlich, weil er so unschuldig schmeckte. Der Anisgeschmack war nicht verschwunden, obwohl sie Zähne geputzt hatte. Kasper lag im Bett und wartete auf sie.

»Zieh die Maske auf«, kommandierte er. Er hatte seine eigene nicht abgenommen.

»Wir werden ja wohl nicht damit schlafen?«

»Nein! Wir werden absolut nicht schlafen.«

Seine Augen schimmerten in der Maske, während sie ihre umband, ohne sich zu beeilen, damit er reichlich Zeit hatte, ihren Körper durch das dünne Nachthemd anzuschauen. Es war, als ob sie sich hier in Venedig auf eine ganz andere Art liebten. Viel intensiver. Schärfer. Vielleicht war es bloß die Urlaubsstimmung, die dafür sorgte. Dass sie Zeit für einander hatten und die Sorgen in Dänemark geblieben waren. Sie war freier als sonst und spürte deutlich, dass Kasper diese neue Seite an ihr genoss.

Der Klang heulender Sirenen weckte sie. Zuerst wusste sie nicht so recht, was sie hörte und wo sie war, aber als sie das orangefarbene Interieur des Hotelzimmers erkannte, wurde es ihr schnell klar, und sie wunderte sich noch mehr über die Sirenen in einer Stadt ohne Autos. Der Sambuca-Geschmack war immer noch nicht verschwunden. Es pochte in ihrem Kopf; sie griff danach, als wollte sie feststellen, ob der Druck im Gehirn weniger geworden war. Sie wollte Kasper wecken, brachte es aber doch nicht übers Herz. Stattdessen wand sie sich vorsichtig aus seinem Arm, schlich aus dem Bett und schob die schweren Vorhänge ein bisschen auseinander. Von ihrem Fenster im Albergo San Marco hatte man Aussicht auf den Kanal und eine kleine Brücke.

Die blinkenden Blaulichter des Polizeiboots warfen ein gespenstisches Licht in den Nebel, der leicht über der Wasseroberfläche lag. Es war noch nicht hell. Sie kniff die Augen zusammen, konnte aber nicht erkennen, was sich dort unten abspielte. Einige Schaulustige hatten sich um die Stelle versammelt. Ohne zu viel Lärm zu machen öffnete sie den Schrank, zog ihre Jacke über das Nachthemd und schlüpfte mit den nackten Füßen in ein Paar Sandalen. Kasper drehte sich im Bett um. Sie wartete, bis er wieder ruhig atmete, ging leise aus der Tür und lief die Treppe hinunter. Der Morgennebel schlang sich wie kalte Zungen um ihre Füße und nackten Beine. Ein schwacher Geruch von Salzwasser und Tang, von dem ihr übel wurde, lag in der Luft. Die kleine Schar, der sie sich langsam näherte, stand ganz am Rand des Kanals. Die Gruppe war still, fast wie gelähmt oder versteinert. Jemand schubste sie nach vorn, und, ohne es zu wollen, stand sie plötzlich in der ersten Reihe. Ein Polizist hielt sie zurück, aber sie schaffte es, einen zweiten hinter ihm wahrzunehmen, der den Reißverschluss eines schwarzen Leichensacks schloss, schaffte es, eine blutige Masse unter blonden Haaren zu erspähen, die nass vom schmutzigen Wasser zusammenklebten und dunkel wirkten, schwach gelblich. Der Beamte schob die vordersten Schaulustigen wieder weiter zurück und rief etwas auf Italienisch, das sie nicht verstand. Sie nahm daher nicht wahr, dass sich ihr jemand von hinten genähert hatte. Ihr kalter Körper zuckte, als sie fest an den Schultern gepackt wurde. Kasper stand hinter ihr. »Was ist da los?«

»Sie … haben eine junge Frau im Kanal gefunden; sie … ist tot.« Ihre Stimme klang vor Kälte und Entsetzen abgehackt. Kasper drehte sich um und sprach Englisch mit einem Paar hinter ihnen, sie hörte nicht zu, damit beschäftigt, dem Polizeiboot nachzuschauen, das in dem schmalen Kanal wegsegelte und Kielwasser aufwirbelte, das die ersten Gondeln des Morgens ins Schwanken brachte. Ein Klumpen aus einer Plastik-Colaflasche, zerknüllten Zigarettenschachteln, Eispapier und Kippen schlug gegen die algengrüne Mauer bei der Brücke, von den Wellen nach vorne geworfen, als ob sie den Abfall wieder an Land drücken wollten: zurück zu denen, die ihn weggeworfen hatten.

»Komm, lass uns gehen. Es ist zu kalt. Komm jetzt.« Kasper hielt sie wieder an den Schultern. Schwach und willenlos folgte sie ihm zurück zur Treppe des Hotels. Es war das erste Mal, dass sie einen toten Menschen gesehen hatte, und das Gesicht war weg gewesen. Zerschmettert.

»Was haben die, mit denen du geredet hast, gesagt?« Die Stimme zitterte.

»Sie wussten nicht so viel, aber einer der beiden meinte, es sei ein dänisches Mädchen, vielleicht eine von denen an der Bar heute Abend. Sie muss in den Kanal gefallen sein. Die beiden waren ja auch ziemlich betrunken. Schrecklich.«

»Was ist dann mit dem anderen Mädchen?«

Kasper zuckte die Schultern.

Das Hotel wirkte auch wie ausgestorben. Es kam nicht der übliche Lärm aus der Küche und das Klirren mit Tassen aus dem Speisesaal, der sie sonst morgens um diese Zeit immer geweckt hatte. Sie waren sich einig, mit dem Kofferpacken anzufangen, da ohnehin keiner von ihnen schlafen konnte. Sie stopfte den Laptop in ihr Handgepäck. In den Zimmern gab es kein WLAN, nur in den Gemeinschaftsräumen, und es kostete zehn Euro pro Stunde. Kaspers Gesicht hatte gestrahlt, als sie sich darüber beschwert hatte, dann hatte er aber begriffen, auf sie verzichten zu müssen, wenn sie mit dem Laptop unterm Arm verschwand. Ihre Facebook-Freunde wären enttäuscht, wenn sie nicht mit täglichen Berichten und direkten Fotos von der Reise auf den neuesten Stand gebracht werden würden. Sie hatte es ihnen versprochen.

»Hast du meine Tasche gesehen, Kasper?« Sie suchte immer verzweifelter, verwirrt und fassungslos, als sie nicht auf dem Stuhl an der Tür stand, wo sie sie für gewöhnlich hinstellte, und auch sonst nirgendwo in ihrem Zimmer zu finden war.

»Nee. Hattest du sie eigentlich aus der Bar mitgenommen?«

Sie versuchte sich zu erinnern, wie es war, als sie spät in der Nacht aufs Zimmer gegangen waren. Hatte sie die Tasche dabeigehabt? Hatte sie sie in der Bar liegen gelassen? Alles verschwamm wie im Nebel. Sambucanebel. Normalerweise hatte sie nicht besonders oft eine Tasche mit, daher wäre es nicht so abwegig, dass sie sie vergessen hatte.

»Verdammter Mist! Wie blöd kann man sein?!«, rief sie aus und gestikulierte ärgerlich mit den Armen.

»Das kann doch mal passieren. Du warst sicher auch nicht ganz du selbst heute Nacht. Die Maske hat etwas mit dir gemacht.« In seinem Blick lag ein gespielter Vorwurf, aber sie konnte spüren, dass auch ihn der Zwischenfall vor dem Hotel erschüttert hatte.

Die Maske! Sie starrte auf den Nachttisch. Da lag die Maske des toten Mädchens. Sie war sich beinahe sicher, dass sie diejenige war, die in dem Leichensack gelegen hatte, obwohl sie ihr Gesicht nicht gesehen hatte. Plötzlich kam sie ihr unheimlicher vor als die weißen Baute-Masken. Eine noch eindrücklichere Erinnerung an den Tod in Venedig.

»Wie kannst du mit dieser Maske Witze machen, Kasper. Das war ihre! Das war die, die ich gesehen habe … tot.«

»Du hast das tote Mädchen gesehen?«

Sie nickte und konnte die Panik unter der Haut spüren.

Kasper legte schnell einige zusammengefaltete Hemden in seinen Koffer und nahm sie in den Arm.

»Wieso bist du auch da runtergegangen, Schatz? Warum hast du mich nicht geweckt? Das mit der Katze, du weißt schon.«

Sie bemühte sich vergeblich um ein Lächeln.

»Wir kannten sie doch nicht, Sara. Und was können wir tun?«

Sie verbarg das Gesicht an seiner Schulter. »Was ist denn mit meiner Tasche?«, murmelte sie in den weichen Baumwollstoff des T-Shirts, das nach Kasper duftete. Klammerte sich an ihn und an etwas, das ihre Gedanken von dem Anblick der Toten ablenken könnte.

»Ich laufe runter zur Bar und hör mal, ob sie sie gefunden haben. Hast du Wertsachen da drin, außer Kreditkarten, die wir sperren lassen, falls sie weg ist?«, fragte er.

Was war in der Tasche? Das Ganze rotierte wie eine Zentrifuge in ihrem Kopf.

»Ich glaube nicht, ich … doch! Mein Pass! Wir hatten ihn doch gerade von der Rezeption zurückbekommen. Verdammt noch mal, mein Pass ist in der Tasche!«

»Wir finden sie«, versprach Kasper.

***

3

Kasper Dupont hatte aggressiv gewirkt, als sie frühmorgens durch seine Haustür getreten waren und ihn befragt hatten, ob er wüsste, wo sich seine Frau aufhielt. Vielleicht klang es auch, als ob sie ihn verdächtigten, sie versteckt zu halten, aber war dieser Verdacht so weit hergeholt? Ihre Eltern hatten sie nicht gesehen, sie hatten auch nicht gehört, dass sie aus der Gerichtspsychiatrie geflohen war. Nach dem, was geschehen war, sprachen sie nicht mehr mit ihrem Schwiegersohn. Dass er Sara nicht glaubte und sie nicht unterstützte, war die Erklärung der Mutter für den Zusammenbruch ihrer Tochter; natürlich hatte Sara Recht, wenn sie sagte, dass sie ihren kleinen Sohn nicht getötet hatte. Sie liebte ihn über alles.

Während Isabella Munch, die einzige Frau in Rolands Team versuchte, den Mann wieder zu beruhigen, guckte sich Roland, den der Wutausbruch völlig überrascht hatte, das Bild des Sohnes an. Ein gelungenes Porträtfoto, das in einem Montana-Regal mit so vielen Fächern stand, dass es an ein Labyrinth erinnerte. Der Junge trug einen hellblauen Strampler mit kleinen weißen Kaninchen und hatte die spezielle tiefblaue Augenfarbe von Babys. Der Fotograf – sicher der Vater selbst – hatte einen besonderen Blick eingefangen, der vor Neugier und Unschuld strahlte. Rolands Zwerchfell zog sich zusammen; wie überleben Eltern es, ein Kind in diesem Alter zu verlieren? War es nicht Folter, so ein Bild herumstehen zu haben? Waren alle Erinnerungen es wert, bewahrt zu werden? In einem anderen Regelfach stand ein Foto von Sara und Kasper. Es war nicht gerahmt, sondern gegen eine silberne, venezianische Maske mit Gold und Glitzer gelehnt, als hätte man es dort vor langer Zeit hingestellt und vergessen. Das Paar saß eng aneinander geschmiegt in einer Gondel mit dem Ponte di Rialto im Hintergrund. Mitten von der Brücke hing ein riesiges Banner. Aufgrund der Distanz war der Text nicht lesbar, aber er konnte ein Bild von zwei Masken erkennen, daher schätzte er, dass die Reise nach Venedig während des Karnevals stattgefunden hatte. Sara lehnte ihren Kopf an Kaspers Schulter, sodass die Brücke hinter ihnen sichtbar war. Ihre Haare schimmerten im Sonnenlicht wie Kupfer. Roland erinnerte sich, wie Irene dort in dem obersten Bogen der Brücke gestanden und zu ihm heruntergewinkt hatte. Damals hatte sie keine Lust auf Bootsfahrten gehabt; sie war mit Rikke schwanger und kämpfte viel mit Übelkeit. Er selbst hatte in einer gewaltig schaukelnden Gondel unten auf dem dreckigen Kanalwasser gesessen und zurückgewinkt. Seitdem waren sie nicht mehr in Venedig gewesen und nun würden sie vielleicht nie wieder dorthin zurückkehren können, wie sie es sich damals geschworen hatten. Irene blieb am liebsten zu Hause und drinnen, wo sie sich sicher war, dass sie mit dem Rollstuhl vorwärtskam.

In den meisten anderen Regalfächern standen Bücher. Hauptsächlich Fachliteratur über Fotografie, Kameras und Kinderbetreuung. Kein Hochzeitsbild, stellte er fest. Einige Erinnerungen waren es also nicht wert, bewahrt zu werden.

Kasper Dupont hatte sich auf ein beigefarbenes Ecksofa gesetzt und sich ein bisschen beruhigt. Die Arme waren demonstrativ vor der Brust verschränkt. Das Gesicht verbissen. Abwehr oder Ohnmacht.

»Sie sind Fotograf, richtig?«

»Gewesen. Jetzt bin ich Kameramann. Aber was hat das zu tun mit …«

»Wie war die Venedigreise?«, unterbrach Roland.

Kasper sah ihn verständnislos an, als ob er das Bild im Regal wirklich vergessen hatte.

»Ach, die. Das ist über ein Jahr her … Februar. Zum Karneval. Wieso fragen Sie danach?«

»Das Foto«, antwortete er mit einer Kopfbewegung dorthin. »Sie beide sehen glücklich aus.«

»Das waren wir auch. Damals. Wie konnte sie fliehen? Wo kann sie sein? Ich schwöre, dass ich sie weder gesehen noch von ihr gehört habe.«

»Isabella hat völlig Recht. Wir beschuldigen Sie selbstverständlich nicht wegen irgendetwas. Wir müssen nur Sara finden, das ist unsere einzige Aufgabe. Sie wissen also nicht, bei wem Sara vielleicht sein könnte? Jemand, zu dem sie volles Vertrauen hat und der ihr Versteck nicht verraten würde?«

»Nein, da gibt es niemanden. Alle haben ihr den Rücken gekehrt, als sie … als William gestorben ist.«

Roland nickte und setzte sich neben ihn. Isabella stand vor ihnen, ebenfalls mit verschränkten Armen, wie in einem gegenseitigen Machtkampf: Er konnte an ihrer Körpersprache ablesen, dass Kasper Dupont nicht ihr Fall war. Er wirkte auch ein wenig arrogant, zog man die Situation in Betracht, aber Roland wusste aus Erfahrung, dass einige Attitüden in solchen Krisen missdeutet werden konnten und oft nur eine Sache kaschierten: Verletzlichkeit. Der Versuch, diese zu verbergen.

»Können Sie ein bisschen von dem Tag erzählen, an dem das passiert ist?«

»Wozu? Das habe ich jetzt seit mehreren Monaten durchgemacht. Die reine Hölle. Ein Verhör nach dem anderen. Und das ändert ja nichts daran, dass William tot ist, dass seine eigene Mutter …«

Kasper ballte die Hände, sodass die Knöchel weiß wurden. Er hatte den Punkt erreicht, an dem die Trauer zu Wut geworden war. Tiefer Hass auf denjenigen, der seinen Sohn ermordet hatte. Dass der sich als die Frau entpuppte, die er liebte und gerade geheiratet hatte, musste viele widersprüchliche Gefühle ausgelöst haben. Roland verstand seinen Frust und seine Aggressivität.

»Wer hat William gefunden?«

»Zum zehntausendsten Mal: Die Babysitterin.«

»Die Babysitterin? Und wer ist das?«

»Ein junges Mädchen, das uns geholfen hat. Warum wühlt ihr darin wieder rum? Sollt ihr nicht Sara finden?« Kaspers Stimme klang mit einem Mal so erschöpft und entmutigt, dass Roland der Tatsache ins Auge sah, dass er seine Neugier an dem alten Fall verbergen musste. Er konnte darüber in dem Bericht im Präsidium nachlesen.

»Sie haben viele hübsche Dinge.«

Kasper sah ihn erneut verwundert an. »Vieles stammt von meinen Auslandsreisen, aber Sara mochte Nippes, sie …«

»Ihnen fehlt nicht zufällig ein weißer Buddha? Eine Steinfigur?«

»Buddha?« Kasper sah zuerst aus, als ob er keine Ahnung hätte, wovon Roland sprach, dann nickte er plötzlich. »Da war einer, den Sara von einer Freundin bekommen hatte, als sie mit William schwanger war … sie hatten angefangen, zusammen Yoga zu machen und zu meditieren, und die Figur wurde ein Teil dieses … Rituals. Sie hat sie mitgenommen, glaube ich …«

»Wie heißt diese Freundin?«

»Lærke Bendixen.«

»Hat Sara noch andere Freundinnen, mit denen wir Ihrer Meinung nach sprechen sollten?« Isabella hatte ebenfalls kapituliert, die Stimme hatte einen mitfühlenden Klang angenommen – ein bisschen widerwillig sicherlich.

»Es gibt zwei, mit denen sie sich früher oft getroffen hat. Lærke und Freja. Mit Lærke hatte sie am meisten zu tun.«

»Haben Sie die Adressen?«

Kasper stand notgedrungen auf und ging die Treppe zum ersten Stock hoch. Isabella setzte sich neben Roland.

»Also, ich mag ihn nicht«, fing sie flüsternd an. »Das ist seine Frau, über die er spricht, verdammt noch mal. Was, wenn sie nun wirklich unschuldig ist, wie sie sagt? Ihr eigenes Kind! Müsste er ihr nicht glauben? Er ist so …«

»Deine Meinung über diesen Mann ist nicht von Bedeutung, Isabella. Du bist professionell … die Frau hat zwei Morde auf dem Gewissen, also kann man ihm wohl keinen Vorwurf machen … und jetzt komm mir nicht wieder mit deiner Erklärung von wegen weibliche Intuition.«

Isabella schaffte es gerade nur, den Mund zu einer Entgegnung zu öffnen, da war Kasper schon mit einem Notizbuch zurück. Er blätterte darin vor und zurück und gab ihnen die Adressen und Telefonnummern der beiden Freundinnen.

»Aber ich glaube nicht, dass eine von ihnen Sara versteckt. Sie sind in Feindschaft auseinandergegangen. Wer würde auch einer solchen Mörd… Mutter helfen?« Roland stand auf. »Haben Sie etwas dagegen, dass wir uns ein wenig umsehen, bevor wir gehen?«

Kasper Dupont gestikulierte theatralisch. »Herzlich gerne. Ich verstecke sie jedenfalls nicht.«

Roland nickte Isabella zu, die schnell die Treppe hoch verschwand, die Kasper gerade hinuntergekommen war.

»Das mit Ihrem Sohn tut mir wirklich leid«, sagte Roland, als sie allein waren. »Ich habe gehört, dass es an Ihrem Hochzeitstag passiert ist, während das Haus voller Gäste war.«

Kasper Dupont schaute aus dem Fenster in einen vernachlässigten und zugewucherten Garten, oder vielleicht war das einer von diesen modernen Gärten, in denen die Natur selbst bestimmen darf und alles wild und unkontrolliert wächst. Da draußen hatte sicher die Hochzeitsfeier stattgefunden. Und dort hatten sie wohl auch seine Braut mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden.

»Sara war an dem Tag so glücklich, ich habe nicht verstanden, was passierte. Natürlich hatte es sie nervös gemacht, Mutter zu werden. Die große Verantwortung für einen anderen kleinen Menschen zu haben, der total von einem abhängig ist. Aber das geht doch eigentlich allen Erstgebärenden so? Ich war es ja auch. Das klingt natürlich merkwürdig, weil Sara doch Gesundheitspflegerin ist, aber das eine ist, anderen Ratschläge zur Kinderbetreuung zu geben; derjenige zu sein, bei dem die Verantwortung liegt, ist etwas anderes. Wenn jemand wusste, was schiefgehen konnte, dann sie. Aber von postnataler Depression war überhaupt keine Rede. Und dass sie nun wieder gemordet hat. Eine Gesundheitspflegerin! Ich kannte sie ja überhaupt nicht!«

»Sie haben anfangs an ihrer Schuld gezweifelt? Damals, als Verdacht auf plötzlichen Kindstod bestand?«

Kasper wandte ihm den Blick zu. An dem Ausdruck seiner Augen sah Roland sofort, dass Isabella den Mann völlig falsch eingeschätzt hatte.

»Ich gebe zu, dass ich nie gedacht hätte, dass Sara zu so etwas fähig wäre. Sie hat ihn ja geliebt. Sie liebt alle Kinder. Wenn sie nicht anschließend versucht hätte, sich das Leben zu nehmen, wenn die Beweise nicht so klar gewesen wären, wenn sie jetzt nicht noch einen Menschen ermordet hätte, um zu fliehen, dann …«

»Aber sie erklärt sich doch für unschuldig an Williams Tod. Hatte sie kein Alibi, das diese Behauptung beweisen könnte? Es war Ihr Hochzeitstag mit Gästen im Haus.«

Kasper schüttelte den Kopf und presste die Lippen zu einem blutlosen Strich zusammen. In diesem Moment kam Isabella die Treppe hinuntergelaufen, zuckte in Richtung Roland mit den Schultern und hatte nichts gefunden, was bewies, dass Sara sich in dem Haus aufhielt.

»Dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten, aber bitte melden Sie sich, falls sie Sie kontaktiert oder sonst noch etwas ist.« Er reichte Kasper Dupont seine Visitenkarte und folgte Isabella nach draußen.

Es war niemand zu Hause in dem Reihenhaus in der Møllevangs Allee, wo die Freundin Lærke Bendixen wohnte, aber der Nachbar, der gerade dabei war, einen hohen Busch zu einer Spirale zu trimmen, die an einen gigantischen Korkenzieher erinnerte, erzählte ihnen ohne Aufforderung, dass sie einen Vortrag im Scandinavian Congress Center halte. Er war, soviel er wusste, weggefahren, um die Kinder aus dem Kindergarten und der Schule abzuholen.

»Hübscher Schnitt«, lobte Roland zum Dank.

»Das ist meine größte Leidenschaft. Topiary works, wie es in der Fachsprache heißt, ich habe seit vielen Jahren …«

Der Mann könnte sicher den Rest des Tages und die ganze Nacht über den Formschnitt von Büschen und Bäumen reden. Er war genau der Typ dafür; ein Mann in Rente, während die Frau noch arbeiten ging. Schade, dass er keinen größeren Garten hat, dachte Roland, bevor er ihn unterbrach, indem er ihm noch einmal dankte und die Autotür fest zuschlug. Isabella versuchte ein Lächeln zu verbergen.

»Fahren wir direkt zum Kongresszentrum oder warten wir, bis Lærke Bendixen nach Hause kommt?«

»Ich finde, es könnte interessant sein zu hören, worüber Sara Duponts beste Freundin einen Vortrag hält«, antwortete Isabella und schnallte sich an.

»Okay, das war auch mein Gedanke. Hauptsache es geht nicht um Topiary works«, murmelte Roland, bevor er das Auto anließ und mit einem letzten Blick über die Hecke auf den hochkonzentrierten Gärtner rückwärts aus der Einfahrt fuhr.

»Das ist doch ein hübscher kleiner Garten, den er da hat. Was hast du eigentlich gegen Gärten, Büsche – oder vielleicht Gärtner?«, fragte Isabella mit schlecht verhülltem Amüsement. Sie setzte eine dunkle Sonnenbrille auf. Die Sonne war durch die Wolkendecke gebrochen und blendete von den weißen Mauern der Reihenhäuser. Roland hasste es, wenn er Leuten nicht in die Augen sehen konnte, sondern stattdessen sein eigenes Spiegelbild sah. Er antwortete nicht. In Wahrheit plagte ihn sein schlechtes Gewissen. Es war immer Irene gewesen, die sich um den Garten bei der Villa in Højbjerg gekümmert hatte, die ihr Elternhaus war. Nun war es seine alleinige Verantwortung, und Gartenarbeit war noch nie sein Ding gewesen. Das Gras war viel zu lang, in den Beeten musste Unkraut gejätet und die Büsche und Bäume zurückgeschnitten werden. Der Herbst war eine arbeitsreiche Zeit für Gartenbesitzer. Er könnte Irene selbstverständlich einen natürlichen Garten vorschlagen, der wild wuchs wie der der Duponts, aber darauf würde sie sich nie einlassen. Gepflegtheit und saubere Linien entsprachen ihr eher. Er fürchtete den Laubfall, der bald kommen würde, obwohl die vielen verrotteten Blätter natürlich sein Versäumnis verbergen könnten. Aber Irene sah es. Oft saß sie da und schaute aus dem Fenster des ersten Stocks in den Garten hinunter, sagte aber nichts. Er musste sich einfach zusammenreißen und in die Gänge kommen, nicht in Selbstmitleid baden, sondern mehr Mitgefühl für Irene aufbringen, die gern im Garten arbeiten würde, körperlich aber nicht dazu in der Lage war.

Isabella war diejenige, die das Schild als Erste entdeckte, das den Weg zu dem Raum wies, in dem Lærke Bendixen ihren Vortrag hielt. Roland nahm eine der Broschüren mit, die in ordentlichen, kleinen Reihen in einem Aufsteller vor der Tür standen, und las die Überschrift Wir haben mehrere Persönlichkeiten und den Untertitel Persönlichkeitsspaltung ist NICHT Schizophrenie. Vortrag von Psychotherapeutin Lærke Bendixen.

»Ach nein, nicht eine von diesen selbsternannten Therapeutinnen«, seufzte er und steckte die Broschüre zurück in den Aufsteller.

»Sie ist sicher mehr als das. Sie hat eine dreijährige Ausbildung an der Akademie für Psychotherapie in Kopenhagen absolviert und zwei Jahre als selbständige Therapeutin gearbeitet. Steht auf der Rückseite.« Isabella faltete die Broschüre zusammen, stopfte sie in die Tasche ihrer Lederjacke und öffnete vorsichtig die Tür zu dem Raum. Darin war es dunkel. Wechselnde farbige Bilder mit Säulen, Zahlen und Diagrammen blinkten auf einer Leinwand auf. Der Raum war nicht voll besetzt und Roland und Isabella setzten sich auf die ersten freien Stühle direkt an der Tür. Nur wenige drehten sich um und sahen sie an, konzentrierten sich jedoch schnell wieder auf die ruhige, tiefe Stimme der Rednerin.

»Wie das Diagramm hier zeigt, wird bei jedem zehnten psychiatrischen Patient in den USA DIS diagnostiziert. Oft ist die Diagnose Kindheitstraumata geschuldet, in der Regel sexueller Missbrauch, aber eine neue Theorie ist, dass auch gesunde Menschen die Persönlichkeit wechseln. Es ist einfach eine Notwendigkeit, mehrere Persönlichkeiten zu haben, um sich dem wechselnden Alltag der Gegenwart anzupassen.«

Roland schluckte ein weiteres Mal. Er war selbst in zwei Personen aufgeteilt; Roland auf der Arbeit und Rolando in seinem Privatleben.

»DIS ist eine der umstrittensten psychiatrischen Diagnosen, weil sie oft mit Kriminalität verknüpft wird. Seit sie als psychische Krankheit bekannt ist, haben mehrere Verbrecher diese Diagnose benutzt und erklärt, dass sie für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden könnten. Bei diesen Fällen spricht man von einer pseudologischen Störung.«

Lærke Bendixen blickte auf einige Papiere vor sich. Sie setzte eine moderne Brille auf, während sie in einem fast unbemerkten Augenblick eine Karte las und dann den Blick wieder auf die Leinwand richtete, als ein neues Bild von einer Frau mit langen Haaren, lila Halstuch und einem sympathischen Lächeln erschien.

»Simone Reinders vom King’s College in London ist der Ansicht, dass es mehrere Typen gibt. Ihrer Meinung nach ist DIS eine Krankheit, die sowohl von den Behandelnden als auch dem juristischen System differenziert betrachtet werden muss. Simone Reinders leitete 2003 einen DIS-Versuch, wo sie mit Hilfe von PET-Scans nachgewiesen hat, dass DIS-Patienten traumatisches Material im Gehirn unterschiedlich behandeln, je nachdem, in welchem Persönlichkeitszustand sie sich gerade befinden. Elf Patientinnen waren an dem Versuch beteiligt. Alle konnten mit Hilfe eines Therapeuten zwischen ihren beiden Persönlichkeitszuständen wechseln. Die eine Persönlichkeit erinnerte sich an traumatische Erlebnisse, über die die andere nichts wusste. Der Versuch zeigte also, dass Menschen, die an DIS leiden, verschiedene Identitäten haben, von denen jede Zugang zu unterschiedlichen Erinnerungen haben kann.«

Das Bild der Forscherin verschwand, und es wurde dunkel im Raum, bis die Deckenlampen angeschaltet wurden und die Zuhörer dazu brachten, die Augen zusammenzukneifen. Lærke nahm die Brille ab und schaute über ihr Publikum. Roland schien es, dass sie ihn direkt anschaute. So empfanden das sicher alle in dem Raum. Das war das Kennzeichen einer routinierten Rednerin.

»Persönlichkeitsspaltung wird gebraucht – oder missbraucht – in der Welt des Films und der Literatur. Bestimmt erinnern sich alle an Robert Louis Stevensons Novelle von 1886 über Dr. Jekyll und Mr. Hyde?«

Das wurde wie eine Frage gesagt und wie in einer Kindersendung im Fernsehen ertönten vereinzelte bestätigende Antworten aus dem Publikum.

»Auch Gollum aus Der Herr der Ringe hat eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung.« Hier lächelte Lærke, und das stand ihr.

»Im Alltag denken wir nicht darüber nach, dass die meisten von uns rein faktisch die Identität wechseln und dass wir unterschiedliche Persönlichkeiten aufweisen in unterschiedlichen Zusammenhängen und je nachdem, mit wem wir gerade zusammen sind. Wir würden Probleme bekommen, würden wir nicht die Elternrolle ablegen, wenn wir mit Kollegen und Freunden zusammen sind, und die geschäftsmäßige Rolle, wenn wir mit unseren Kindern spielen.«

Sie trank aus einem Wasserglas, und Roland wunderte sich darüber, wie still es in dem Raum war. Niemand hustete, niemand nieste, niemand tuschelte – es war beinahe, als ob sie nicht einmal atmeten. Andere als er selbst saßen sicher nun da und dachten an ihre verschiedenen Persönlichkeiten. Doch dann schloss Lærke Bendixen mit den erlösenden Worten: »Machen Sie frei von ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten Gebrauch. Sie sind deshalb noch nicht gleich schizophren. Viel zu viele suchen nach ihrem wahren Ich, aber wir sollten für alle unsere Persönlichkeiten dankbar sein und uns daran erinnern, sie konstruktiv zu gebrauchen, um das Beste daraus zu machen.«

Ohne Zweifel waren dies die abschließenden Worte. Einige standen auf und Roland ärgerte sich darüber, dass sie nicht etwas früher in den Vortrag gekommen waren. Er schien interessant gewesen zu sein. Lærke Bendixen verstand es, ihr Publikum mit ihrem psychologischen Wissen zu fesseln; aber konnte sie mit diesem Hintergrund nicht gerade diejenige sein, die ihre Freundin versteckt hielt?

Er und Isabella blieben sitzen, während die anderen plaudernd den Raum verließen. Erst als sie aufstanden und zu ihr hingingen, bemerkte Lærke Bendixen sie. Roland zeigte seinen Dienstausweis.

»Können wir einen Moment mit Ihnen sprechen?«

Lærke schob die Papiere in ihre Tasche und schloss sie. Dann stöpselte sie den Projektor aus und rollte ohne Eile das Kabel auf.

»Selbstverständlich, womit kann ich Ihnen helfen?«

Die Stimme war sachlich, sie rechnete sicher damit, dass es um den Vortrag ging, der auch für die Polizei brauchbar sein könnte. Das Polizeipräsidium könnte eine Einladung bekommen haben, die in der ›Ablage P.‹ unter dem Schreibtisch gelandet war wie so vieles andere.

»Das war ein guter Vortrag. Was bedeutet DIS eigentlich?«

Lærke sah sie lächelnd an, während sie fortfuhr, das Kabel aufzurollen.

»Sie waren sicher nicht von Anfang an hier. Sie waren diejenigen, die am Ende des Vortrags gekommen sind, richtig?«

Isabella nickte.

»DIS ist eine Abkürzung für Dissoziative Identitätsstörung, englischDID, Dissociative Identity Disorder.«

Sie legte das Kabel zu dem Projektor auf einem Rolltisch. Es war kein Equipment der modernen, drahtlosen Art.

»Ich hoffe, Sie konnten mit dem, was Sie gehört haben, etwas anfangen. Es wäre sehr nützlich, wenn die Polizei mehr über dieses Leiden wüsste.«

»Und Ihre Freundin, Sara Dupont, ist ihre Diagnose auch DIS?«, fragte Roland geradeheraus.

Lærke Bendixen erstarrte fast unmerklich.

»Nein, Sara leidet nicht an DID. Geht es um sie? Es ist doch wohl nichts passiert?«

»Sara ist gestern Abend aus der Gerichtspsychiatrie geflohen. Bevor sie verschwunden ist, hat sie einer Krankenschwester den Kopf zertrümmert.« Isabella konnte sich auch kurz fassen.

Jetzt verhärtete sich Lærkes Haltung sichtlich, während sie mehrmals den Kopf schüttelte. »Nein, das kann nicht sein. Sara ist keine Mörderin!«

»Sie sind vielleicht auch der Meinung, dass sie nicht am Mord ihres Sohnes schuld ist?«

»Doch, aber … nein, anfangs nicht. Es konnte einfach nicht sein, aber dann kamen ja die Beweise ans Licht, sodass wir …« Sie geriet ins Stocken und starrte hinauf an die leere, weiße Projektor-Leinwand.

»Haben Sie nicht versucht, Sara zu helfen? Als Psychotherapeutin, meine ich«, fragte Isabella.

»Doch, doch. Natürlich habe ich das, aber ich kann nicht mit ihr über das, was passiert ist, reden. Ich bin sicher auch viel zu dicht dran, wir kennen uns seit dem Gymnasium. Aber sie bleibt dabei, die Schuld auf alle anderen zu schieben und will keine Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen. Das ist eine schwierige Situation, die bessere professionelle Behandlung erfordert, als ich sie als Therapeutin geben kann. Die sie in der Gerichtspsychiatrie bekommen hat. Ist sie wirklich geflohen …?«

»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Ähm, das ist sehr lange her, sicher einen Monat. Ich war in letzter Zeit so mit Vorträgen beschäftigt, daher …«

»Wie ist denn Ihre Einschätzung ihres Zustandes? Wie war sie, als Sie sie vor einem Monat gesehen haben?«

»Das ist schwer zu sagen … aufgrund der Medikamente war sie sehr umnebelt und es war sehr schwierig, sich mit ihr zu unterhalten. Sie müssen die Dosis wohl verringert haben, da sie ja flüchten konnte, und …« Gedankenvoll geriet sie wieder ins Stocken. Plötzlich wirkte sie unsicher und war nicht länger die eloquente Referentin, der sie gerade gelauscht hatten. Auch sie jonglierte offenbar mit mehreren Identitäten.

»Ihre Einschätzung ist also, dass sie ansonsten außerstande gewesen wäre auszubrechen?«

»Ja, das meine ich – ganz bestimmt. Es sei denn, ihr wurde dabei geholfen …«

»Und wer, glauben Sie, hätte ihr helfen sollen?« Isabella steckte die Hände in die Jackentasche. »Sie vielleicht?«

Lærke sah schnell zu ihr. »Ich? Warum in aller Welt hätte ich ihr raushelfen sollen, wenn ich finde, dass sie genau die richtige Hilfe bekommt, dort wo sie ist … war. Ich finde, es ist schrecklich, dass sie nun ohne Behandlung ist.«

Roland glaubte ihr; der überrumpelte Ausdruck war echt. Sie richteten alle drei die Aufmerksamkeit auf die Tür, als sie lautlos geschlossen wurde, aber nicht lautlos genug. Jemand hatte gerade den Raum verlassen.

4

Anne Larsen rutschte auf dem Stuhl unwillkürlich ein kleines Stückchen tiefer, als sie sah, wer durch die Tür gekommen war, obwohl sie deutlich versuchten, das unbemerkt zu tun; es waren Kommissar Roland Benito und die Beamtin. Sie erinnerte sich nicht an den Namen der jungen Blonden mit Pferdeschwanz, die nun so oft anstelle des Kriminalbeamten Mikkel Jensen der Partner des Kriminalkommissars war, dass es sehr verdächtig wirkte. Würde sie Roland nicht so gut kennen und nicht zuletzt seine liebevolle Ehrerbietung gegenüber seiner Frau, hätte sie glatt auf den Gedanken kommen können, dass zwischen ihnen etwas lief. Sie setzten sich auch ziemlich dicht zusammen, ahnte sie, auch wenn es halbdunkel war. Und das, obwohl die Beamtin mit Mikkel Jensen zusammenwohnte. Auch im Polizeipräsidium gab es Schmutz und Intrigen. Sie hatte überhaupt kein Gefühl mehr dafür, was dort vor sich ging. Nicht, seit sie ihren Job als Kriminalreporterin verloren hatte, als das Tageblatt aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen musste wie so viele andere kleine lokale Zeitungsredaktionen. Damit verlor sie auch ihren Zugang zu Roland Benitos kleinem, unaufgeräumtem Büro. Aber vielleicht änderte sich das jetzt, wo sie in vollem Gange war, auf Freelancebasis etwas zusammen mit ihrem früheren Praktikanten Nicolaj zu starten. Deswegen war sie hier. Nach dem Putzjob, den sie leider immer noch beibehalten musste, um die Miete bezahlen zu können, hatte Nicolaj sie zu dem Vortrag im Scandinavian Congress Center geschickt, obwohl sie an einem anderen Artikel über die illegale Zucht von Kampfhunden arbeitete. Der Vortrag handelte von Persönlichkeitsspaltung und wie Verbrecher die Diagnose gebrauchen könnten, um das Strafmaß zu verringern. Nicolaj hatte sie geschickt, weil sie sich weigerte, an solche Krankheiten zu glauben. Sie hatten darüber diskutiert, als er ihr von dem Vortrag erzählte. »Wir haben nur eine Persönlichkeit, und die haben wir durch Gene, Erziehung und Umwelt. Wir schaffen sie selbst im Laufe des Lebens«, hatte sie gesagt. Aber nun sah sie, dass der Vortrag auch ihr Stoff zum Nachdenken und für die Arbeit als Kriminalreporterin gab. Ein Wissen, das nützlich werden könnte. Es freute sie, dass Nicolaj darauf bestanden hatte, sie teilnehmen zu lassen. Redakteur Thygesen beim Tageblatt hatte sie nie zu Vorträgen oder Kursen geschickt. Das sei nur Zeitverschwendung, meinte er. Vielleicht existierte die Redaktion deswegen nicht mehr. Sie waren einfach nicht ehrgeizig genug gewesen. Hatten den Finger nicht am Puls der Zeit gehabt.

Sie setzte sich in die hinterste Reihe. Der Kriminalkommissar saß ganz vorne an der Tür am anderen Ende der gleichen Reihe, sodass er sich hätte vorbeugen und die Reihe entlang schauen müssen, um sie zu entdecken. Sie freute sich insgeheim darüber, nicht besonders groß zu sein, sodass sie sich gut verstecken konnte. Wenn der Beamte sie sähe, würden sie ihr Anliegen hier sicher verschieben, selbst wenn Roland natürlich nicht das Geringste von ihrer Zusammenarbeit mit Nicolaj und davon, dass sie vielleicht wieder auf dem Weg in die Branche war, ahnte. Er glaubte sicher, dass sein Quälgeist für immer weg war und zur Putzfrau verdammt. Aber was machten sie hier? Wenn sie gekommen wären, um den Vortrag zu hören, wären sie doch wohl gekommen als er anfing, jetzt war er fast vorbei. Sie konzentrierte sich wieder auf die Rednerin, als ein neues Bild von dem Projektor aufleuchtete. Anne musste zugeben, dass der Vortrag sehr interessant war, und er hatte tatsächlich auch ein wenig an ihrer Auffassung gerüttelt. Wenn so viele Forscher mit Hilfe von Scannings und Versuchen dokumentieren konnten, dass normale Menschen faktisch mehrere unterschiedliche Persönlichkeiten haben konnten, dann war das wohl so. Was war mit ihr selbst? War sie nicht mit Adomas eine andere als mit Esben und eine dritte, wenn sie mit Nicolaj zusammen war? Eine vierte, noch andere, bei ihrer Mutter, wo sie sich nicht wie die Tochter, sondern eher wie die Erwachsene fühlte? Es war ja ganz richtig, dass sie unbewusst ihr Verhalten änderte, je nachdem, mit wem sie zusammen war. Ohne schizo­phren zu sein. Nach den Schlussworten der Referentin begann sich der Raum schnell zu leeren. Anne bemerkte, dass Roland und die Polizistin sitzen blieben, und als sie aufstanden und zu der Vortragenden gingen, entgegen dem Strom, wurde sie neugierig. Vielleicht war die Therapeutin eine Betrügerin. Vielleicht sollte sie verhaftet werden, dann könnte Anne nach Hause fahren und Nicolaj sagen, dass das Ganze eine Luftnummer war. Man hat nur eine Persönlichkeit, wie sie es die ganze Zeit gesagt hatte. Sie folgte den anderen in Richtung Ausgang, von der Gruppe verdeckt, aber als der Letzte draußen war, schloss sie die Tür und ging schnell in die Hocke hinter den Stuhllehnen, unbemerkt von den drei Personen, die vorne bei der großen, weißen Leinwand standen. Aber dank der guten Akustik dieses Raumes konnte sie alles hören, was sie sagten.

5

Juli, ein Jahr und zwei Monate zuvor

Sara lehnte sich auf der Sonnenliege in dem Schatten unter der Kastanie zurück und schloss die Augen. Sie liebte den Garten mit den alten Obstbäumen und den vielen Rosenbüschen. Rosen waren die Leidenschaft des Vorbesitzers gewesen. Der Garten war ausschlaggebend dafür gewesen, dass sie das Haus gekauft hatten, obwohl sie es sich damals eigentlich gar nicht hatten leisten können und es ihnen immer noch schwer zu schaffen machte.