Get Away with Me - Rose-Lise Bonin - E-Book

Get Away with Me E-Book

Rose-Lise Bonin

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Beschreibung

Eine Bankräuberin auf der Flucht. Ein trauernder Staatsanwalt-to-be. Ein Roadtrip zwischen Liebe und Gesetz. Nach einem Banküberfall strandet die flüchtige Stacy am Grand Canyon, wo Jurastudent Silvester gerade die Asche seiner verstorbenen Freundin verstreuen will. Um nicht aufzufliegen, gibt Stacy vor, einen Roadtrip zu machen. In der Hoffnung, seiner Trauer zu entkommen, schließt sich Silvester ihr unerwartet an. So stürzen sie sich in ein Abenteuer, bei dem ihnen nicht nur die malerischen Landschaften der USA unter die Haut gehen. Zwischen Wüste und Highway, Motel und Mietwagen schlagen die Herzen schneller. Doch die Polizei ist Stacy und den gestohlenen Diamanten dicht auf den Fersen. Mit jeder Meile droht die Realität die beiden einzuholen. Wird der gewissenhafte Silvester Stacy glauben, wenn ihre Wahrheit ans Licht kommt? Erlebe prickelnde NEW ADULT ROMANCE mit abenteuerlichem ROADTRIP-Setting mit Book Tropes wie SLOW BURN, GOOD GUY x BAD GIRL, ONE BED, OPPOSITES ATTRACT und mehr!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über die Autorin
Playlist
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
Epilog
Content Notes & Hinweise
Weitere Bücher von Rose-Lise Bonin
Danksagung

Rose-Lise Bonin

Get Away with Me –

Der Roadtrip deines Lebens

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage, 2026

© 2026 Rose-Lise Bonin

c/o Autorenglück #72858

Albert-Einstein-Str. 47

02977 Hoyerswerda

www.rlb-autorin.de

[email protected]

Lektorat: Katrin Weißenböck, Lektorat Heimathafen

Korrektorat: Dr. Christin Bonin

Umschlaggestaltung: Elke Dunn

Buchsatz: RLB Autorin

ISBN: 9783819482625

Herstellung (Printausgabe): Autaria – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Rose-Lise Bonin

Über die Autorin

Rose-Lise Bonin, Deutsch-Französin (1997), schreibt Bücher wie Lieblingsserien: emotional fesselnd, bildstark und mit unvergesslichen Figuren. Nach der Zeitreise-Fantasy-Trilogie Zeitsprung und dem Superheldinnen-Roman Perfect (nominiert für den tolino Newcomerpreis 2023) folgt mit Get Away with Me ihre erste New-Adult-Romance – inspiriert von einem Roadtrip quer durch die USA. Innovative Crossover-Genres zu erschaffen und für ihre Leser:innen pures Kopfkino zu erzeugen, zählen zu ihren Markenzeichen. In ihrer Freizeit ist die selbstständige Content-Marketing-Expertin am liebsten auf Reisen, mit ihrer Kamera oder ihrem Dackel unterwegs, immer auf der Suche nach neuen Geschichten.

Mehr erfahren unter: www.rlb-autorin.de/buecher

Folge mir auf Instagram & TikTok: @rlb_autorin

Für alle, denen schon mal gesagt wurde:

»Der Weg ist das Ziel«.

Das stimmt. Aber verdammt, ist es schwer, sich das selbst einzugestehen und sich diesem Weg zu stellen, sich zu trauen, ihn zu beschreiten, wenn es doch so viel einfacher wäre, es nicht zu tun.

Ich hoffe, diese Geschichte hilft dir, den Mut und das Selbstvertrauen zu finden, dich auf deinen Weg zu begeben. Bei mir hat sie das.

Herzlich – Rose-Lise

Liebe Lesende,

Get Away with Me ist eine positive Geschichte, die euch beim Lesen die größtmögliche Freude bereiten soll. Nichtsdestotrotz werden Erlebnisse erwähnt oder beschrieben, die bei manchen möglicherweise keine guten Erinnerungen auslösen. Der Klappentext deutet bereits auf einige solcher Themen hin. Solltet ihr darüber hinaus sichergehen wollen, dass ihr das bestmögliche Leseerlebnis habt, empfehle ich, euch vorab die Inhaltshinweise am Ende des Buchs durchzulesen. Bitte beachtet, dass diese eventuell Spoiler zur Handlung aufweisen.

Viel Spaß mit Stacy und Silvester auf ihrem Roadtrip!

Playlist

Manchild – Sabrina Carpenter

marjorie – Taylor Swift

Miles on It – Marshmello, Kane Brown

Meant to Be– Bebe Rexha, Florida Georgia Line

Lose Somebody – Kygo, OneRepublic

Fearless – Taylor Swift

I Hope You End Up Alone (With Me) – KAMRAD

Backup Plan – Bailey Zimmerman, Luke Combs

Roots – Calum Scott

I Ain’t Worried –OneRepublic

Bad Blood (Taylor’s Version) – Taylor Swift

A Bar Song (Tipsy) – Shaboozey

TEXAS HOLD ’EM – Beyoncé

Fake ID – Big & Rich, Gretchen Wilson

Stargazing – Kygo, Justin Jesso

Higher Love – Kygo, Whitney Houston

I Had Some Help – Post Malone, Morgan Wallen

Should’ve Said No – Taylor Swift

Blink Twice – Shaboozey, Myles Smith

Fast Car – Jonas Blue, Dakota

(Make My) Country Rock – Cory Marks, Travis Tritt, Godsmack, Mick Mars

Wildest Dreams – Taylor Swift

Run – OneRepublic

Bloodline – Alex Warren, Jelly roll

But Daddy I Love Him – Taylor Swift

Prolog

Silvester

Ich schreie. Ich schreie, bis mein Hals brennt, mir die Stimme versagt und ich kein Bläschen Luft mehr in der Lunge habe. Das Echo hallt im Canyon wider wie der nervige Beat eines Popsongs.

»Bist du jetzt endlich fertig?«

Ah. Fast hätte ich vergessen, dass es hier etwas noch Nervigeres gibt.

Ich drehe mich um. Ihr Blick verliert sich in der Ferne, als ob sie nach etwas oder jemandem Ausschau hält. Doch wir sind die einzigen, die um sechs Uhr morgens am Rande einer scheinbar endlos tiefen, pechschwarzen Schlucht stehen.

»Sie werden bald da sein.«

»Jup«, murmelt sie.

Wie auf Kommando heulen in der Ferne Sirenen auf.

»Was machen wir jetzt?«

»Was heißt hier wir?«

Sie schluckt kräftig. »Mit den Diamanten. Der Asche. Und … uns.«

»Es gibt kein Uns.«

Ihre Augen werden groß und düster wie die Dämmerung. Ich weiß, wovor sie sich fürchtet – oder eher vor wem. Unfähig, sie länger anzusehen, drehe ich mich weg.

»Shit!« Ihr zischender Fluch vibriert durch die Schlucht, die sich im Licht der aufgehenden Sonne rötlich färbt.

Ich kann mir nicht erklären, was mit mir passiert, aber ich kichere. Es überkommt mich wie eine natürliche Reaktion, wie atmen.

»Hey! Was soll das?! Verdammt, hör’ auf!«

Wieder gehen die Sirenen los – lauter und näher.

Doch mein Lachen übertönt sie und ich bin unfähig, mich dagegen zu wehren. Aus meinem Gekicher wird ein Glucksen und ehe ich mich versehe, echot mein Gelächter durch die Weite des Canyons. Mein Körper bebt und ich weiß gar nicht mehr, ob ich lache oder weine.

Eigentlich hielt ich mein Leben für ein Buch, das ich schon tausendmal gelesen hatte. Ich wusste immer, was als Nächstes kommt, weil ich jede Seite in- und auswendig kannte. Deshalb war ich mir bis eben sicher, dass die letzten drei Tage bloß Druckfehler waren, ein paar schiefe Seiten, die nicht weiter auffallen würden.

Aber ich kann nicht so tun, als wäre nichts passiert. Denn scheiße, das ist es.

»Stacy?«

Keine Antwort. Die Sirenen sind ebenso verstummt wie mein Gelächter.

»Stacy!« Ihr Name verliert sich im Canyon, während ich mich umdrehe und losrenne.

VOR 72 STUNDEN …

1. Kapitel

Ich halt dir den Rücken frei, Stace.

Stacy

Ich hasse es, zu lügen. Dafür bin ich aber verdammt gut darin.

Komm schon, wäre es fair gewesen, dem superlieben Tankstellenjungen die ganze Wahrheit zu sagen? Er muss nicht wissen, dass ich mit seinem Auto doch nichtzu meinem eigenen gefahren bin, um den Platten zu wechseln. Eigentlich beschütze ich ihn, indem ich es ihm nicht gesagt habe. Sonst hätte er einer Kriminellen geholfen. Und das würde ihm deutlich mehr Ärger einbringen als ein geklautes – ich meine geliehenes – Auto.

Nur hätte ich den superlieben Tankstellenjungen vielleicht bitten sollen, mir seins vollzutanken.

Der Tankanzeigenpfeil verlässt gerade den tiefroten Bereich, und zwar nach unten.

Ich packe das Lenkrad fester, während ich schnell auf die alte Armbanduhr gucke, die am Rückspiegel hängt. Kurz nach fünf. Mitten im Nirgendwo. Nur die Straße vor mir, auf beiden Seiten ein stockdunkler Kiefernwald.

»Great«, sage ich zu niemandem und wippe vor und zurück. Als würde ich diese Blechkiste damit provozieren, gurgelt sie, wie wenn man unter Wasser nach Luft ringt.

Shit. Jetzt ist es bloß eine Frage von Sekunden.

Ich beiße mir auf die Unterlippe, ziehe mit den Vorderzähnen die trockene Haut ab und zucke zusammen, als sie reißt. Wie eine Schlange fahre ich blitzschnell mit der Zunge darüber – und erkenne direkt den metallischen Geschmack von Blut wieder.

Dann reagiert das Gas nicht mehr.

»Nein, nein, nei…!« Mein Flehen wird von lautem Rattern übertönt, als mich das Auto nach vorne wirft.

Der Gurt frisst sich in meine Schulter, aber verhindert wenigstens, dass mein Kopf gegen die Scheibe knallt. Zum Schluss stirbt der Motor ab.

»Verdammt!« Ich boxe auf das Armaturenbrett, als ob ich die Karre wiederbeleben könnte. Stattdessen verarscht mich der alte Schrotthaufen und rollt tiefenentspannt aus, was mich allerdings nur noch wütender macht. »Du nutzloses, dummes, bescheuertes, sinnloses Ding! Du …« Ich brülle mir die Seele aus dem Leib, bis ich merke, dass ich gar nicht mehr das Auto beleidige.

Begleitet von einem unzufriedenen Grunzen kommt es zum Stehen. Und ich bleibe mit bebendem Atem sitzen.

Es ist das erste Mal seit Stunden, dass ich mich nicht weiterbewege. Dass ich mich nicht auf den nächsten Schritt oder die kommende Kurve konzentriere. Und dass so die Bilder von dem, was passiert ist, sich in meine Gedanken drängen.

Die Angst in ihren Gesichtern.

Der kühle, feste Druck des Pistolenlaufs in meinem Rücken.

Seine Worte, die gegen die Wände des metallenen Tresors hallen: »Hau ab! Bring sie in Sicherheit. Du weißt wo, oder? Unser Spot, okay? Ich halt dir den Rücken frei, Stace.«

Ich muss weiter. Distanz schaffen, Zeit gewinnen, einfach von der Bildfläche verschwinden.

Mein ganzer Körper brennt, meine Wangen glühen, als wäre ich die letzten Stunden gerannt statt gefahren. Am Oberschenkel kriege ich einen blauen Fleck, weil mein Bein ununterbrochen zittert und gegen das Lenkrad prallt.

Auch der Laufmasche in meiner Strumpfhose hilft das kaum weiter, aber ich unterbinde das Gewackel nicht. Im Gegenteil: Ich fokussiere mich ganz auf den Schmerz, denn er ist das Einzige, was mich davon abhält, komplett zusammenzubrechen.

Mein Blick wandert zu der Sporttasche auf dem Beifahrersitz. Der Riemen ist eingerissen, weil ich beim Rausrennen an der Türklinke hängen geblieben bin.

Viel ist nicht drin. Zwei Fake-IDs. Ein paar Hundert Dollar. Kleidung. Eine Wasserflasche, natürlich leer. Ein Fotorahmen. Und eine fein geschnitzte Schmuckschatulle aus kastanienrotem Holz – mit ungefähr einem Dutzend funkelnder Diamanten drin. Hoffentlich nur noch für kurze Zeit.

Ich hole tief Luft und löse den Gurt. Dann greife ich mir die Tasche mit allem, was von meinem Leben übrig ist, reiße die Tür auf und steige aus.

Die kühle Morgenluft riecht nach Moos, Tau und Wald. Ich zittere kurz, als ihre Frische meine Lunge füllt, und ziehe die Bomberjacke enger um mich. Zum Glück reicht mir mein Oversized-Shirt bis über die Jeansshorts und die Combat Boots sind warm. Weit und breit ist nichts und niemand. Die Stille ist erdrückend.

Da sticht mir etwas ins Auge.

Die tütenförmigen Autoscheinwerfer beleuchten ein Schild auf zwei Holzpfosten. Als wäre es eine Rettungsboje und ich im Meer verschollen, renne ich drauf zu. Voller Hoffnung lese ich »Red View Lodge«, drunter:»3 Miles«. Im Hintergrund ist eine mit kupferroten Strichen angedeutete Holzhütte zu erkennen.

Bring die Diamanten in Sicherheit. Ich halt dir den Rücken frei, Stace.

Nur noch drei Meilen. Dann habe ich es hinter mir und bin frei. Mein Magen zieht sich bei dem Gedanken wie ein Akkordeon zusammen. Aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss die Diamanten verstecken, so wie er es gesagt hat.

In der Ferne knallt ein Auspuff. Instinktiv springe ich zur Seite und suche Deckung im Schatten des Walds.

Wenn ich das hier durchziehen will, muss ich vor Sonnenaufgang da sein. Denn das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist ein Zeuge.

Drei Meilen. Dann sind die verfluchten Diamanten nicht länger mein Problem. Und ich bin raus aus der Sache, endgültig.

»Let’s go«, murmle ich, rapple mich auf und marschiere los.

2. Kapitel

Tut mir leid, kleiner Freund.

Silvester

Becky liebte Popcorn. Wenn es Popcorn gab, war sie glücklich. Und als es sie noch gab, war ich glücklich.

Jetzt liege ich hier, allein, in einem fremden Bett, in einem fremden Land, ohne sie.

Na ja. Nicht ganz ohne sie.

Ich drehe mich auf die andere Seite. Kurz bevor die Neunundfünfzig auf die Doppel-Null springt und das schrille Klingeln des Weckers ertönt, drücke ich auf den Aus-Knopf. Ich schlafe schon seit einer Stunde nicht mehr, wahrscheinlich wegen des Jetlags. Oder weil ich genau weiß, was mich erwartet, wenn ich aufstehe.

Aber ich kann es nicht länger vor mir herschieben.

Ich gehe ins Bad, um mich vorzubereiten. Eigentlich sollte ich durch die Zeitverschiebung kaum die Augen aufbekommen. Stattdessen sind sie weit geöffnet und es fällt mir erstaunlich leicht, die Kontaktlinsen auf den Augäpfeln zu positionieren. Dann ziehe ich mir den waldgrünen Rollkragenpullover aus Wolle an, der mich zwar am Hals kratzt, dafür angenehm warm ist. Laut Wetter-App wird es tagsüber bis zu zwanzig Grad warm, doch jetzt am frühen Morgen ist es frisch und es gibt nichts, was ich mehr hasse, als krank zu sein.

Na ja, das stimmt nicht ganz. Meine Freundin vor etwas über einem Jahr zu verlieren, war schlimmer.

Das Holz knarzt, während ich zu dem trichterförmigen Aluminiumeimer auf dem Schreibtisch laufe. Senkrecht verlaufen rote und weiße Streifen um das Gefäß, waagerecht schlängelt sich eine Filmrolle zweimal darum. Deren Kästchen zeigen Szenen aus Kult-Blockbustern. Jurassic Park. Indiana Jones.Star Wars. Marvel’s The Avengers.

Becky hat nicht nur Popcorn geliebt, sondern auch Filme. Unser erstes Date war im Kino, sie hat den XXL-Eimer ganz allein verputzt. Ich erinnere mich nicht an den Film, nur wie ihre Lippen lange nach dem Ende noch nach Karamell geschmeckt haben.

Der Deckel ist zwar halb durchsichtig, doch der Popcornaufdruck darauf erschwert die Sicht ins Innere. Wahrscheinlich ist das besser so. Ich werde nie glauben können, dass die staubige Masse darin einmal ein wunderbarer Mensch gewesen sein soll. Aber ich muss. Vielleicht haben ihre Eltern deshalb diesen Behälter statt eine Urne ausgewählt, egal, wie skurril es ist. Und womöglich sind sie deshalb nicht in der Lage, das zu tun, was ich jetzt tun muss.

Als ich die stickige Hütte verlasse, fühlt sich die Kälte wie eine willkommene Umarmung an.

Bin ich der Einzige, der so früh unterwegs ist? In allen anderen Häusern ist es stockdunkel. Die Dämmerung taucht alles in blaues Licht. Hinter den Tannen und den Kiefern sickert ein leichter Farbverlauf durch: Bald geht die Sonne auf.

Ich folge dem ausgeschilderten Weg, bis ich die Aussichtsplattform erreiche. Dort tummeln sich ein paar Fotografen, weshalb ich stattdessen den parallel zur Schlucht verlaufenden Trampelpfad einschlage. Das Letzte, was ich brauche, sind Zuschauer.

Dicke Wurzeln ragen aus der sonst platt getretenen, kupferfarbenen Erde. Ich stolpere fast, als es hinter mir knistert, und drehe mich um.

Mindestens genauso erschrocken wie ich bin, blickt mich ein Eichhörnchen mit Kulleraugen an. Als ich mich wieder bewege, rast es an mir vorbei, nur um kurz stehen zu bleiben, sich auf die Hinterbeine zu stellen und zu warten, bis ich es eingeholt habe.

»Tut mir leid, kleiner Freund«, sage ich, nachdem sich das Spiel einige Male wiederholt hat. »Ich habe nichts für dich.«

Wahrscheinlich vermutet das Tierchen eine ordentliche Ladung Nüsse in meinem Eimer. Irritiert legt es den Kopf schief, nur um dann blitzschnell nach rechts abzubiegen, wo der Canyon liegen sollte.

Ich gehe in die Knie. Hinter tief hängenden Ästen und einigen Büschen verbirgt sich eine kleine Plattform aus nacktem Fels, dahinter erspähe ich die Schlucht.

Das ist er.

Das ist der Ort, an dem ich von Becky, meiner ersten großen Liebe, Abschied nehmen werde.

Kurz darauf ragen meine Schuhspitzen gefährlich über die Felskante. Die Schwerkraft will mich in die Tiefe des Canyons ziehen. Ich halte dagegen und lasse den Blick über die gigantische Schlucht vor mir schweifen. Der Anblick erinnert an eine Skizze, die lediglich Konturen und Schatten zeigt. Erst durch die Sonne wird das Kunstwerk vollendet.

Eigentlich sollte es mich friedlich stimmen, dass sie am Grand Canyon, einem der sieben Weltwunder und an ihrem absoluten Lieblingsort auf der ganzen Welt, ruhen wird. Nur um ehrlich zu sein, würde ich am liebsten schreien. Diese leere Weite vor mir mit allem füllen, was ich fühle, denke, spüre – nur für ein einziges Mal.

Aber das kann ich nicht. Denn wenn ich das alles herauslasse, dann bleibt nichts mehr von mir übrig.

Ich atme tief durch die Nase ein und halte die Luft einige Sekunden lang an, bevor ich sie zwischen den geschürzten Lippen kontrolliert entweichen lasse.

Das hat Becky mir beigebracht, um dem Herzrasen vor unseren Prüfungen entgegenzuwirken. Es half nicht, aber gab mir das Gefühl, nicht allein zu sein.

Und das bin ich auch jetzt nicht.

Ich trete einen Schritt auf der bröckligen Erde zurück und öffne den Deckel des Popcorneimers. Mein Magen dreht sich einmal um die eigene Achse, ein dicker Kloß macht sich im Hals breit.

Ich kann das nicht. Ich bin nicht bereit dafür. Ich will das nicht!, brüllt eine Stimme tief in mir voller Verzweiflung. Ich verdränge sie genauso wie die Tränen, die sich in meinen Augen sammeln wollen.

Es ist egal, ob ich es will oder nicht – dieses Kapitel in meinem Leben ist vorbei. Schon lange. Bin ich nicht deshalb hier? Weil ich unfähig bin, die nächste Seite aufzuschlagen? Weil ich Abschied nehmen muss, um weiterzumachen? Auch wenn ich mir mein Leben, meine Geschichte ohne sie darin nicht vorstellen kann.

Ihre Eltern wollten, dass ich das tue. Vielleicht hätte Becky es auch gewollt, wenn wir darüber gesprochen hätten.

Aber wer redet bitte schon mit zwanzig Jahren über den Tod, wenn das ganze Leben vor einem liegt und man sich unbesiegbar vorkommt?

Zähneknirschend tauche ich die Hand in den Eimer. Doch statt Asche spüre ich …

Sand. Zerbrochene Muscheln. Ihre warme Hand in meiner. Die Zick-Zack-Narbe auf ihrem Handrücken von ihrem Fahrradsturz als Kind. Ihre Wange, die gegen meine drückt, nachdem sie bei unserem ersten Kuss in glückliches Gelächter ausgebrochen ist.

Meine Hand ballt sich zu einer Faust. Ich hebe sie heraus. Alles, was ich tun muss, ist loslassen. Einen Finger nach dem anderen zu lösen. Die Brise macht den Rest. Wie im Schnelldurchlauf spielen sich tausend Erinnerungen vor meinem inneren Auge ab. Ihr Lachen, ihr Weinen, ihre Korkenzieher-Locken, die bei jeder Kopfbewegung auf und ab hüpfen.

Nein.

Meine Faust wandert zurück zum Eimer. Ich kann das nicht. Wenn ich das tue, verliere ich sie.

Für immer.

»Shit!« Der zischende Fluch hallt durch den Canyon.

Ich taumle seitwärts. Die Asche rieselt zurück in den Eimer, ich hebe die Hand heraus und drücke das Gefäß an mich. Da nehme ich erst die Person, nein, die Frau wahr. »Ähm, sorry …« Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was macht sie hier? »Are you okay?« Mein ohnehin schon karger Englischwortschatz hat sich vollends in Luft aufgelöst.

»Aaah. Du sprichst Deutsch?«

Obwohl die Sonne jeden Moment aufgeht, fällt es mir schwer, Details zu erkennen. Doch was mir direkt ins Auge sticht, ist ein seltsames Glänzen in ihrem Haar. Als würden manche Strähnen … leuchten?

»Ähm, ja!«, bestätige ich, als ich merke, dass sie auf meine Antwort wartet. Ich spüre ihren Blick auf mir. Weiß sie, was ich vorhatte? Was ich gerade im Begriff war zu tun? Oder nicht zu tun? »Ähm, was machst du hier?«

»Was machst du hier?« Sie überrascht mich gleich doppelt. Zum einen, weil ihr Deutsch nahezu akzentfrei ist. Zum anderen, weil ich deshalb unmissverständlich den Vorwurf aus ihrer Frage heraushöre.

Als hätte ich siedabei gestört, die Asche ihrer großen Liebe zu verstreuen.

Moment. Auch sie hält etwas an ihren Körper gedrückt. Ich bin kurz davor, es zu identifizieren, als die ersten Sonnenstrahlen des Tages mich wie Scheinwerfer blenden. Ich kneife die Augen zusammen und drehe mich zur Seite.

Hatten wir etwa … dasselbe vor?

3. Kapitel

Man muss sich von den schlechten Erinnerungen befreien und die guten im Herzen tragen.

Stacy

Ich bin seit fast zwanzig Stunden auf den Beinen und sechzehn Stunden auf der Flucht. Meine Muskulatur ächzt vor Daueranspannung. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann mein Kopf das letzte Mal nicht gehämmert hat. Dafür spüre ich beinahe schon, wie ich in die weiche, dicke Matratze eines Kingsize-Betts einsinke. Wie ich mich in eine flauschige Decke einwickele, als wäre ich ein Burrito.

Und dann holt mich die Realität in Form eines ungepflegten, widerwärtigen Fellbündels – auch Eichhörnchen genannt – ein.

»Offenbar hatten wir denselben Plan.«

Mein Blick huscht von dem Nager, der mich so tierisch – was für ’ne Ironie – erschrocken hat, zum Fremden. Im Sonnenlicht sehen seine dunkelblonden Haare fast wie flüssiges Gold aus. Er presst einen rundlichen Behälter an seinen Oberkörper.

Ist es ein inoffizieller Lifehack, unerwünschte Dinge am Grand Canyon loszuwerden? Denn ich bin mir zu tausend Prozent sicher, dass Mr. Stranger hier dasselbe vorhatte wie ich. Okay, vielleicht nicht genau dasselbe. Es wäre schon ein verdammt großer Zufall, wenn er in diesem Behälter auch gestohlene Diamantenverstecken würde …

»Und was ist das für ein Plan?«, frage ich vorsichtig nach.

»Na ja.« Er räuspert sich, als hätte er Schwierigkeiten, die Worte auszusprechen. Schließlich hebt er kurz das Ding an, das sich als Popcorneimer herausstellt.

»Wa…?!« Mir bleibt das Wort im Hals stecken. Entweder halluziniere ich vor Stress und Erschöpfung, oder … »Ist das Asche?«

Welcher Weirdo befüllt bitte einen Popcorneimer mit Asche?

»Ähm, ja. Wieso bist du denn sonst hier?« Sein Blick wandert auf die Höhe meiner Brust, wo ich die hölzerne Schmuckbox schützend an mich presse. Er glaubt doch nicht, dass …?

»Uhm …« Was soll ich darauf nur verflucht noch mal antworten? Dass ich mit einem geklauten Auto liegen geblieben bin, während ich auf dem Weg war, nach einem Bankraub gestohlene Diamanten am Grand Canyon zu verstecken? »Roadtrip.« Das Wort purzelt schneller aus meinem Mund als einer der Kieselsteine, der durch meine Schuhspitze in die Schlucht fällt. »Du weißt schon, um ….« Ich hebe die Schmuckbox hoch.

»Abschied zu nehmen?« Mr. Stranger will es offenbar genau wissen.

»Jup. Genau.« Damit ich aus diesem Schlamassel irgendwie heil rauskomme, ist es einfacher, mitzuspielen und ihn in seinem Irrglauben zu lassen. »Bist du etwa nicht deshalb hier?« Ich lege noch eine Schippe drauf. »Ich meine, das ist der Hotspot aller Roadtrips in den Staaten.«

»Doch, natürlich.« Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Was heißt, dass er das natürlich nicht ist. Er fährt sich seufzend durchs Haar. »Also nein, nicht ganz. Ach, ich weiß es nicht. Ähm, entschuldige. Für gewöhnlich bin ich nicht so …«

»… ehrlich?« Irgendwas bringt mich dazu, einen Schritt näher zu treten und den Fremden anzulächeln.

»… planlos«, korrigiert er mich. »Sie … meine Freundin ist seit über einem Jahr tot. Und ich dachte, wenn ich hier bin, weiß ich es. Also, wie es weitergeht. Aber …«

»Keine Erleuchtung?«

Er schüttelt den Kopf und verzieht für eine Millisekunde die Lippen zu einem traurigen Schmunzeln. Dann dreht er sich zurück zur Schlucht und setzt sich schweigend auf die Erde.

Wahrscheinlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um abzuhauen und mich wieder dem zu widmen, was ich eigentlich vorhatte. Nämlich die Diamanten zu verstecken und wegzulaufen.

Nur … irgendwie bewegen sich meine Füße wie von selbst zum Rand des Abgrunds.

Und schon plumpse ich neben ihn und sehe zu, wie das Tageslicht den Canyon flutet und die scheinbar unendlichen Felsschichten von Dämmerblau in Kupferrot färbt.

»Meine Grandma hat immer gesagt, man muss sich von den schlechten Erinnerungen befreien und die guten im Herzen tragen.« Vielleicht liegt es an dem Naturspektakel, vielleicht auch an der Erschöpfung, dass ich so etwas mit einem Fremden teile.

»Also befreist du dich von deinen schlechten Erinnerungen?«

Ich blicke zu ihm.

Seine Haare wirken gepflegt, aber zu lang. Immer wieder fallen ihm wellige Strähnen ins Gesicht und am Nacken bilden sich schon richtige Löckchen.

Er sieht mich ebenfalls prüfend an, bis ich merke, dass er auf meine Antwort wartet.

»Ja, so was in der Art.« Und das ist nicht mal gelogen. »Du?«

Er seufzt. »Ich weiß nicht, ob das hier richtig ist.«

»Verstehe ich. Ist auch ganz schön mies hier. Man sieht viel zu viel vom Canyon. Und dieser direkte Blick auf den Sonnenaufgang … voll kitschig, hm?«

Mr. Stranger dreht das Gesicht zu mir, sodass die aufgehende Sonne es anstrahlt. Ist das etwa ein Hauch eines Zuckens an seinem Mundwinkel?

»Absolut.« Jup, er schmunzelt. Es ist vorsichtig, als wüsste er nicht mehr, wie es geht. Da ändert sich sein Ausdruck schlagartig: Er legt die Stirn in Falten, senkt den Blick zu Boden.

Ich drücke die hölzerne Box, in der ich vor gestern noch Kleinkram statt gestohlener Juwelen aufbewahrt habe, enger an mich.

Ich hätte nicht bleiben sollen. Ich hätte meinen Plan zu Ende bringen müssen: die verdammte Beute loswerden und verschwinden.

Da holt der Fremde tief Luft. »Ich weiß, das klingt jetzt total verrückt. Aber … wollen wir vielleicht den Roadtrip zusammen machen?«

Silvester

Entweder bin ich aufgrund meines »Witwerstatus« komplett vereinsamt oder diese Situation ist so abstrus, dass meine Vernunft kurzzeitig ausgesetzt hat.

Wir kennen uns seit … Ja, seit wann? Zweieinhalb Minuten? Und ich schlage einer Wildfremden vor, sie auf ihrem Roadtrip zu begleiten?

»Bitte entschuldige. Das war nicht wirklich ernst gemeint.« Räuspernd stehe ich auf und hoffe, dass mein Gesicht nicht rot anläuft.

Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Ich strample hoch und klopfe mir den Staub von der Hose.

»Hey, hey, hey, warte mal!« Sie springt auf und stellt sich mir in den Weg, eine Hand vor sich ausgestreckt. Doch es ist vielmehr ihr Grinsen, das mich aufhält. »Das ist genial!«, fährt sie fort. »Ich meine, ich will sowieso bald weiter. Und allein ist man weniger einsam als zusammen. Nope, das geht anders …«

Jetzt, da die Sonne wie eine Sichel über den Horizont herausragt, erkenne ich endlich die Ursache für das Leuchten in ihrem schulterlangen Haar: Es ist voller türkisfarbener Strähnen.

Ein leichter Wind wirbelt sie wie blaue Flammen umher und lässt die Blätter hinter uns rascheln.

»Zusammen ist man weniger allein«, helfe ich ihr auf die Sprünge. »So heißt das Sprichwort.«

Ein süßlicher Duft strömt mir in die Nase und erinnert mich an … Vanilleeis? Ist das sie?

»Bäääm! Genau das meine ich!« Wie ein Champion reckt sie die Faust in die Luft, bevor sie die Hand wieder öffnet und damit zwischen uns hin und her wedelt. »Ich meine, das hier kann doch unmöglich ein Zufall sein, oder?«

»Na ja. Es ist unwahrscheinlich, nicht unmö…«

»Komm schon. Wie oft passiert es, dass sich zwei Fremde am Grand Canyon treffen und quasi dasselbe vorhaben? Das ist der Inbegriff von Zwei Lustige und ein Gedanke.«

»Zwei Doofe,ein Gedanke.«

Sie blickt mich weiterhin erwartungsvoll an.

In meiner Brust zieht es, aber ich muss nun einmal Vernunft walten lassen. »Es ist ein großer Zufall, dass wir uns beide in dieser außergewöhnlichen Lage wiederfinden.« Es sollte mir leichter fallen, Gegenargumente vorzubringen. Jedoch hat ihr durchdringender Blick auf meine Gedanken dieselbe Wirkung wie eine Löschtaste. »Aber wir kennen uns nicht. Ich … weiß ja noch nicht mal deinen Namen.«

»Namen sind Peanuts!« Ihre Worte hallen im Canyon wider.

Peanuts?

»Aber ich bin ein völlig fremder Mann. Hast du gar keine Bedenken?«

Sie hebt die Augenbrauen, ihre Lippen zu einem schiefen Grinsen geformt. »Muss ich welche haben?«

»Nein! Natürlich nicht. Ich will nur nicht, dass …«

»Du willst nur nicht was?« Dieses Mal klingt sie fordernd, intensiv. Sie tritt näher und stemmt die freie Hand in die Hüfte. »Sag mal, warum wehrst du dich eigentlich so krampfhaft gegen deinen eigenen Vorschlag?«

Ich möchte antworten. Wirklich. Aber da trifft das Sonnenlicht auf ihre Augen. Der Tag auf die Nacht. Sie sind so dunkel, fast schwarz, dass sie mich wie ein Wurmloch augenblicklich in eine völlig andere Dimension ziehen – und ich keine Ahnung mehr habe, was ich sagen oder tun wollte.

»Okay, weißt du was? Shit happens! Du hattest recht, das ist alles einfach nur verrückt.«

Nur langsam kehrt mein Gefühl für Zeit und Raum zurück. Doch es ist zu spät, denn sie dreht sich ab, um zu gehen.

»Warte!«, rufe ich ihr hinterher und will instinktiv nach ihrem Arm greifen. Dort entdecke ich allerdings etwas anderes. »Ähm, Achtung …«

Sie wirbelt herum.

Auf ihrer Tasche sitzt mein felliger Begleiter von vorhin, wobei ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen kann, dass es genau dasselbe Eichhörnchen ist.

»AAAH!« Sie taumelt zurück, gefährlich nah an der ungeschützten Kante.

Und das Tier krallt sich ebenso verängstigt an den Ärmel ihrer Jacke.

»Vorsicht!« Mein Schrei hallt durch die Schlucht.

Durch ihr Rutschen lösen sich erste Brocken vom porösen Felsen und sie rudert mit den Armen. Die Schwerkraft will sie in die Tiefe zerren.

Währenddessen registriert das Eichhörnchen, dass der Arm nicht länger eine sichere Option ist.

Es springt weg und ich werfe mich auf die Fremde, ziehe sie zu mir, weg vom Canyon, in den sie sonst gestürzt wäre.

Wir prallen auf die Erde. Roter Staub wirbelt wie Rauch über unseren Köpfen umher, während wir zu Atem kommen.

»Du … du hast mir vorhin die falsche Frage gestellt«, bringe ich heraus.

»Dieses eklige Monster hätte uns gerade fast in den Canyon stürzen lassen und das ist das Erste, was du danach sagst?«

»Na ja. Eigentlich wärst nur du hineingestürzt«, korrigiere ich sie. »Und du hast gefragt, wieso ich mich so wehre. Aber warum hast du mich nicht gefragt, wieso ich das überhaupt vorgeschlagen habe?«

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie sich auf einem Ellbogen aufrichtet. Ein Grinsen schleicht sich auf ihre Lippen. »Sag mal, falls ich deinen Vorschlag annehme, würdest du mich dann den ganzen Roadtrip über korrigieren?«

»Wieso? Würde dich das davon abhalten?«, spiele ich mit und richte mich auf ihre Augenhöhe auf.

Vielleicht ist es der Jetlag, das grelle Licht der aufgehenden Sonne oder einfach bloß das Adrenalin, aber irgendetwas treibt mich an, sie weiter zu provozieren, nur damit sie dieses freche Grinsen beibehält.

»Nope!« Stolz schüttelt sie den Kopf und setzt sich auf. »Und um auf deine Frage zu antworten: Weil’s mir egal ist. Du hast deine Gründe, es vorzuschlagen. Ich hab meine, mich drauf einzulassen. Außerdem … hast du mir gerade das Leben gerettet, keine schlechte Voraussetzung. Also«, sie legt den Kopf schief wie ein Hund, »brechen wir auf?«

Es zwickt wieder so an meinen Lippen, die sich nach oben zu einem Schmunzeln wölben wollen.

Ich blicke zur Seite, wo ich den Popcorneimer sicherheitshalber abgestellt habe.

Ja, einen Roadtrip würde Becky mögen.

Und es gibt mir etwas mehr Zeit, um Abschied zu nehmen. Danach bin ich bestimmt in der Lage, ihre Asche zu verstreuen.

In diesem Sinne drehe ich mich zurück zur Fremden und nicke. »Nur unter einer Bedingung.«

Stacy

Mr. Stranger räuspert sich und streckt mir wie ein Gentleman die Hand entgegen. »Mein Name ist Silvester. Schön, dich kennenzulernen.«

Die Sonne bringt seine Handfläche zum Glitzern. Ich starre sie an. Sein Ernst?

»Sil-ves-ter«, wiederhole ich schnaubend und betone ungläubig jede Silbe. Silvester ist zwar ein amerikanischer Name, aber er kommt definitiv nicht aus den Staaten. Ist er tatsächlich nach einem deutschen Feiertag benannt? Auf keinen Fall kaufe ich ihm das ab. »Lass mich raten: Deine Geschwister heißen Ostern und Weihnachten.«

»Was? Nein! Das ist mein echter Name.« Er hält mir weiterhin die Hand hin.

»Ganz schön ungewöhnlich für einen Deutschen«, murmle ich unzufrieden.

»Möchtest du mir vielleicht auch deinen Namen verraten? Oder heißt du etwa Ostern?«

Da! Da ist es wieder. Dieser Anflug eines Schmunzelns, das irgendwas Seltsames in mir auslöst, als würde es mich herausfordern.

Er meint es ernst – Silvester ist sein wahrer Name.

Ich kann ihm meinen nicht nennen. Oder? Das ist zu riskant. Andererseits ist es schon riskant genug, dass ich überhaupt hier bin und mir noch kein Loch gebuddelt habe, in dem ich mich für den Rest meines Lebens verstecke.

Trotzdem ist dieser spontane Roadtrip, den Silvester vorgeschlagen hat, das Beste, was mir passieren kann. Wir sind eine Weile unterwegs, ich tauche unter und haue zum geeigneten Zeitpunkt ab. Nur was mache ich mit den verdammten Diamanten?

Seine Hand schwebt immer noch zwischen uns.

»Stacy«, kommt es mir letztlich über die Lippen.

»Klingt auch nicht ganz deutsch.« Seine Augen funkeln flaschengrün in der Morgensonne.

»Bin ich auch nicht«, antworte ich knapp, bevor meine Hand endlich in seiner landet. »Schön, dich kennenzulernen, Silvester.«

Erst als ich den Namen laut ausspreche, merke ich, dass er einfach wahr sein muss, weil er perfekt zu ihm passt: vornehm, feierlich und mit einem Hauch von Unvorhersehbarkeit.

»Hey, everything okay?«

Wie von einem Stromschlag getroffen, ziehen Silvester und ich die Hände weg und reißen die Köpfe nach hinten.

Zwischen den Büschen guckt ein Mann hervor. Sein gebräuntes Gesicht ist von Falten übersät, so sehr, dass ich einen Moment brauche, um seine winzigen, leuchtend blauen Augen zu entdecken. Etwas misstrauisch sieht er zwischen uns hin und her, bevor er raustritt – in beiger Uniform mit der eingenähten Aufschrift »Park Ranger« auf der Brust.

»Jup«, bestätige ich locker, füge auf Englisch hinzu, dass wir nur die Aussicht genießen und winke ab.

Silvester ist schon aufgesprungen und seine Beine verdecken passenderweise den Popcorneimer.

Ich selbst war nicht so schnell.

»O-kay«, zieht der Grandpa-Ranger misstrauisch das Wort lang. Ich kann es zwar nicht genau erkennen, aber bin mir sicher, dass er die Holzbox in meinen Händen anstarrt. Shit.

»Was macht ihr hier wirklich, Kids?«, hakt er auf Englisch nach und deutet zum Canyon, während ich aufstehe. »Das kann ganz schön gefährlich sein, da an der Kante.«

»Wie gesagt, wir wollten uns nur diesen fantastischen Sonnenaufgang ansehen«, säusle ich mit einem zuckersüßen Lächeln. Dann kommt mir eine Idee und ich trete näher an Silvester. »Und … die Privatsphäre genießen.«

Plötzlich verwandelt sich die dünne Linie, die die Lippen des Rangers geformt haben, zu einem breiten Grinsen. Es ist so breit, dass die hintersten Goldzähne zum Vorschein kommen und sogar in der Sonne funkeln. »Aah, ihr lovebirds«, nuschelt er mit seiner rauen Stimme und zwinkert uns übertrieben zu.

»Oh, ähm, no …«, stammelt Silvester.

»Eeeerwischt«, übertöne ich ihn, kralle mich an seinem Arm und lehne mich wie eine Frischverliebte an ihn. Lächelnd wispere ich: »Spiel mit, sonst will er wissen, was wir hier wirklich tun.« Nicht, dass es illegal wäre, Asche zu verstreuen – das ist am Grand Canyon gar nicht so selten. Aber gestohlene Diamanten zu verstecken? Jup, das ist definitiv nicht normal.

Silvesters Arm ist so angespannt, dass er sicher wie eine Statue aussieht. Wenn er nicht bald locker wird und mitmacht, dann … »Yes. Loffbörts«, wiederholt er mit seinem grausamen Akzent, lässt die Schultern sinken und hält Händchen mit mir.

Was dem Ranger zum Glück nur schallendes Gelächter entlockt, das im Canyon widerhallt. »Well, well, well … ich lass euch zwei Süßen mal wieder eure Privatsphäre genießen.« Grinsend tippt er seinen Hut an und setzt sich in Bewegung.

»Danke, Sir. Ihnen einen wunderschönen Tag!«, säusle ich. Und halte weiterhin Silvesters erstaunlich warme und weiche Hand.

»Euch auch, lovebirds. Und hey, seid vorsichtig, ja? Immer schön vernünftig sein.« Mit seinem Zeigefinger wedelt er mahnend hin und her, bevor er hinter dem Gebüsch verschwindet.

Vernünftig sein? Das war noch nie meine Stärke …

»Das hätte unangenehm werden können«, spricht mir Silvester aus der Seele. »Aber es ist nicht verboten. Ich habe es nachgeprüft.«

»Huh?« Mein Blick rast zu ihm.

»Na ja, Asche zu verstreuen. Deshalb sind wir ja hier.« Wieder schleicht sich ein trauriges Lächeln auf sein Gesicht. Er blickt zu unseren immer noch ineinander verschränkten Fingern runter. Und lässt los. »Beziehungsweise waren. Wollen wir aufbrechen?«

»Wolltest du nicht …?« Mit dem Kinn deute ich von Popcorneimer zum Canyon und versuche nicht an das seltsame Prickeln zu denken, als ob meine Hand seine vermissen würde oder so was.

»Ähm, schon erledigt.« Sein Adamsapfel hüpft und er meidet meinen Blick.

So ganz überzeugt wirkt er nicht von seiner eigenen Aussage. Und er kann unmöglich den ganzen Eimer geleert haben, höchstens eine Faust.

»Von mir aus können wir los. Also, wenn du so weit bist, natürlich.« Er nickt mir zu und sein Blick verharrt erwartungsvoll auf der Schmuckbox.

Da setzen sich in meinem Kopf plötzlich winzige Rädchen in Bewegung. Sie drehen sich schneller und schneller. Gedanken verknüpfen sich, werden zu Worten, Sätzen und schließlich einer Idee.

Einer noch abgefahreneren Idee als der Roadtrip.

Mein Plan, die verfluchten Diamanten hier zu lassen, ist durch diese Begegnung gescheitert. Egal, wo ich die Juwelen verstecken würde, Silvester ist und bleibt ein Zeuge, der weiß, dass ich hier war.

Was wäre, wenn ich sie doch nicht loswerde? Zumindest noch nicht.

Mein Blick wandert zum wahrscheinlich immer noch prall gefüllten Popcorneimer.

»Jup, klar. Ich bin ready«, verkünde ich.

Es ist unmoralisch. Völlig absurd.

Aber ich meine, er würde es ja nicht mal mitkriegen, oder? Und es wäre nur vorübergehend.

»Gut. Ich muss kurz meine Sachen aus dem Zimmer holen. Du sicher auch, nicht?« Er läuft los und schlüpft wie der Ranger zuvor zwischen die Büsche.

Ich folge ihm. »Nope, ich hab alles, was ich brauche. Aber ich komm mit.«

Im Grunde genommen ist es nichts anderes als bei dem Tankstellenjungen: Ich borge mir etwas, um uns letztlich beide zu schützen.

Nur, dass ich ihn nicht dazu bringen muss, mir sein Auto zu überlassen, sondern das derzeit Wertvollste in seinem Leben: die Asche seiner Freundin.

4. Kapitel

Doch das bilde ich mir bestimmt nur ein.

Silvester

Ob aus Notwendigkeit oder Prinzip: Zu lügen ist überhaupt nicht meine Art. Im Gegenteil: Ich hasse Lügen, denn sie sind meistens die Ursache allen Übels. Wer lügt, hat längst verloren. Deshalb kann ich mir bei bestem Willen nicht erklären, wieso ich Stacy angelogen habe.

Jemand klopft – zum vierten Mal. »Hey, wie lang brauchst du noch?«, klingt Stacys Stimme gedämpft durch die Tür.

»Ich bin gleich so weit.« Ich lasse den Blick durchs Zimmer schweifen, in dem ich mich höchstens zwölf Stunden aufgehalten habe.

Demnach musste ich nicht viel zusammenpacken.

Mit dem kleinen Rucksack und meinem Handgepäckkoffer reise ich leicht. Ich hatte auch keine Zeit, mehr einzupacken: Zwischen der Entscheidung, um die halbe Welt zu fliegen, und dem Abflug lagen nicht einmal vierundzwanzig Stunden.

Und da wäre noch der Popcorneimer, den ich aber erst nach meiner Landung in Las Vegas gestern bei Beckys Eltern abgeholt habe. Sie wollten von Anfang an, dass ich ihre Asche verstreue. Nur dass ich …

Schon erledigt.

Mein Magen zieht sich zusammen. Warum ist mir nur diese Unwahrheit herausgerutscht? Soweit ich weiß, ist Stacy in derselben Situation wie ich – sie von allen Menschen müsste verstehen, wie schwer es ist. Andererseits ist sie eine Fremde, die ich vor nicht einmal einer Stunde kennengelernt habe und mit der ich mich jetzt auf einen Roadtrip begebe. In der Hoffnung, dass ich dann in der Lage sein werde, von Becky Abschied zu nehmen.

»Ich komm jetzt rein!«

Ich wirble herum und bevor ich reagieren kann, schlägt die Tür auf.

Stacy stampft über das knarzende Holz der Hütte. In den Händen hält sie zwei Pappbecher, aus denen es herausdampft – einen davon reicht sie mir mit einem zufriedenen Grinsen herüber.

»Kaffee? Sorry, Milch und Zucker gabs nicht.« Sie muss meine Ablehnung bemerken, denn ich mache keine Anstalten, danach zu greifen. »Warte mal, du bist doch nicht so ein Teeschlürfer, oder?«

»Nein. Ich …«, setze ich an, um zu erklären, was mein Problem ist: Verletzung der Privatsphäre, ungebetenes Eintreten … ich merke sofort, wie lächerlich das klingt. Wenn ich diesen Roadtrip wirklich machen will, muss ich anfangen, ihr zu vertrauen. »Danke, aber ich mag keine heißen Getränke. Überhaupt ist alles, was heiß ist, nicht so meins.« Statt den Kaffee anzunehmen, drehe ich mich um und greife nach den fertiggepackten Sachen. »Wir können dann, wenn du magst …«

Doch Stacy blickt mich so entsetzt mit offenem Mund und geweiteten Augen an, dass sie eine erstaunlich große Ähnlichkeit mit der Figur aus dem Gemälde Der Schrei aufweist.

»Du. Magst. Nichts. Heißes.« Ungläubig hebt sie die Augenbrauen.

»Ja. Genau. Wollen wir jetzt los?«

»Was ist mit Suppe?«

»Gazpacho? Ja. Alles andere? Nein.«

»Und heiße Himbeeren auf Vanilleeis?« Sie lächelt. Ihr Tonfall klingt, als hofft sie auf ein Ja.

Ich kräusle die Nase bei der Vorstellung, wie diese Extreme aufeinandertreffen. »Auf gar keinen Fall!«

Ihr Gesicht verzerrt sich wieder zu Der Schrei-Figur. »Aber geschmolzenen Käse auf der Pizza doch sicher?«

»Igitt. Nein. Viel zu heiß.«

»Hotte Frauen?«

»N…«, setze ich an und halte inne, als ich ihr Grinsen sehe. »Das ist etwas anderes.«

Unsere Blicke begegnen sich wieder.

Warum ist mir so heiß, als hätte ich einen Feuerball verschluckt? Sicher liegt das an den steigenden Außentemperaturen. Oder daran, dass ich Stacy gesagt habe, ich hätte Beckys Asche verstreut. Trotzdem lenke ich meine Aufmerksamkeit schnell auf etwas anderes.

Stacy trägt mindestens vier unterschiedliche Ketten um den Hals. Stil, Farbe, Länge – sie unterscheiden sich alle voneinander. Gepaart mit der dunklen Kleidung, halb zerrissenen Strumpfhose und den bunten Strähnen gibt sie ein sonderbares Bild ab.

»Okay, Kaltesser«, betont sie lachend, als wir aus der Hütte treten. Sie kippt einen Kaffee in den anderen und steckt die Becher ineinander. Offenbar waren sie nur jeweils halb voll. »Hast du alles? Bist du bereit? Noch mal aufs Klo?«

»Ja. Hoffentlich. Nein«, beantworte ich ihre Fragen wie aus der Pistole geschossen.

Da fällt mir etwas an ihrem Grinsen auf. Ein Zucken. Ich habe es vorhin schon bemerkt, kurz nachdem wir von dem Ranger angesprochen wurden. Es wirkt fast wie ein Riss in der Fassade, als ob ihr Lächeln nur aufgesetzt wäre. Doch das bilde ich mir bestimmt nur ein.

»Sicher?«

Ihre Rückfrage klingt zwar freundlich. Aber ihre höhere Stimmlage verrät mir, dass sie nervös ist. Kein Wunder: Das Ganze muss für sie genauso seltsam und verrückt zugleich sein wie für mich.

»Musst du vielleicht noch mal?«, versuche ich die Situation mit einem Schmunzeln aufzulockern.

»Ja!«, ruft sie, sodass ein vorbeigehender Besucher und sein wolfsähnlicher Hund sich zu uns drehen.

Deshalb sehe ich es gar nicht kommen, aber spüre im nächsten Moment kühles, glattes Holz in meiner Hand – ihre Schmuckschatulle.

»Pass gut drauf auf, okay?«

Ich nicke. Wenn das nicht ein Zeichen von Vertrauen ist, weiß ich auch nicht.

Und das bringt mich auf einen Gedanken … »Oh, ähm«, rufe ich Stacy hinterher, als sie wieder in die Hütte tritt, »ich würde nach dir auch schnell gehen, ja?«

Stacy

Wir wollten die Welt verändern. Ich weiß, das klingt kitschig. Im Nachhinein war es das auch: ein unrealistischer, unsinniger, kitschiger Traum.

Aber wenn man sich jahrelang so hilflos, so gefangen gefühlt hat wie ich und endlich die Möglichkeit bekommt, was zu bewirken, dann … glaubt man einfach an alles.

Sogar an die Lügen, die einem von dem Menschen ins Ohr geflüstert werden, den man am meisten liebt.

Ich schüttle die Gedanken und die Erinnerungen ab. Der Klo-Trick klappt jedes Mal – anderen was Wertvolles anzuvertrauen, bringt sie immer dazu, dasselbe zu tun. Nachdem ich vom Klo zurückgekommen bin, hat mir Silvester seinen Popcorneimer in die Hände gedrückt.

Die Tür der Hütte ist hinter ihm grade zugefallen. Innen knarzt der Boden unter seinen Schritten. Die Uhr tickt und das ist wahrscheinlich meine einzige Chance.

Ich biege um die Ecke in den Schatten der Hütte. Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Vor ein paar Monaten haben wir, also mein – wie sich jetzt rausstellt krimineller – Freund und ich, in der Nähe gecampt, weshalb er das seitdem als »unseren Spot« bezeichnet. Ein gutes Versteck, das muss man sagen.

Ein Rundumblick bestätigt: Ich bin allein. Ich knie mich hin, stelle den Popcorneimer auf die kupferfarbene Erde und lege den Deckel daneben ab.

In meinen Händen halte ich nur noch die hölzerne Schmuckschatulle, deren Wert in den letzten vierundzwanzig Stunden sicher von ‘nem Quarter auf Hunderttausende Dollar gestiegen ist.

Soll ich das wirklich tun? Wenn, dann gibt es kein Zurück mehr. Ich ziehe einen Unschuldigen ohne sein Wissen in die Katastrophe rein, die sich mein Leben nennt. Aber welche Wahl habe ich sonst?

Ich fröstle. Könnte an der feuchten Kälte der Morgenluft liegen, die sich wie Säure in meine Haut frisst, oder auch daran, dass mein moralischer Kompass gerade in Tausend Stücke zerbricht. Denn da macht der rostige Verschluss »klick« und offenbart das schwarze Samtsäckchen.

Winzige Erhebungen stechen heraus. Bis jetzt habe ich mich nicht einmal getraut, die Diamanten anzufassen. Meine Finger prickeln, als würden tausend Ameisen drauf rumkrabbeln. Deshalb fühle ich erst gar nichts, als ich mit den Fingerkuppen über den Stoff fahre. Aber dann erahne ich die scharfen Kanten der Juwelen.

Wenn ich das wirklich tue, habe ich keinen Back-up-Plan, keinen Ausweg. Ich setze alles auf eine Karte und wenn ich sie verspiele, bin ich verdammt noch mal aufgeschmissen.

Doch bin ich das nicht schon, seitdem ich aus der Bank geflüchtet bin?

Die zitternde Hand mit dem Säckchen schwebt über den Eimer. Ich traue mich nicht genau hinzusehen, erkenne nur unscharf eine graue, unebene Masse. Eine Klospülung ertönt direkt neben mir – vor Schreck lasse ich los.

Wie Treibsand verschluckt die Asche den schwarz schimmernden Stoff.

Was habe ich nur getan?

»Shit!«

Ich will danach greifen, da höre ich das Wasserplätschern vom Händewaschen. Mir bleiben nur noch Sekunden.

Okay, das war ja eigentlich mein Ziel, oder? Die Diamanten in der Asche verstecken, bis ich einen besseren Plan habe. So bleiben die Juwelen bei mir.

Und wenn mein Scheißkerl von Freund, oder jetzt besser gesagt Ex-Freund, sie haben will, dann brauche ich nur einmal reingreifen und ta-da: Alle Probleme sind gelöst.

Außer Silvester greift zu tief in den Eimer – dann bin ich erledigt.

Nein. Ich kann nicht einfach meine Freiheit, mein ganzes Leben in fremde Hände legen. Nicht schon wieder. Diese Lektion habe ich doch gestern in der Bank gelernt, als dieser Scheißkerl mich, ohne mit der Wimper zu zucken, hintergangen hat.

Die Tür vom Bad wird geöffnet.

Wieder knarzt das Holz, während Silvester sich dem Ausgang nähert.

Nein! Tu’s nicht!,versucht die Stimme der Vernunft irgendwo gaaanz tief in mir, mich aufzuhalten. Es gibt immer einen anderen Weg!

Ich beiße die Zähne zusammen.

In Filmen und Büchern mag das vielleicht stimmen, wenn den Helden in letzter Sekunde doch noch ein »Plan C« einfällt.

Das Problem ist nur: Das hier ist keine bloße Geschichte und ich bin keine Heldin.

Also muss ich mich auch nicht wie eine verhalten.

»Stacy?«, hallt Silvesters Stimme zu mir rüber.

Verdammt! Ich bin zu spät.

In wenigen Handgriffen ist alles vorbei.

»Du bist jetzt mein Back-up-Plan«, flüstere ich der Schmuckbox zu, die zwischen zwei Holzlatten in einem Loch kaum zu erkennen ist.

»STACY!« Sein Ruf ist heiser vor Angst und Misstrauen.

Ich springe auf und während ich zurückjogge, lege ich mir meine Cover-Story zurecht.

5. Kapitel

Wann ist man schon je wirklich bereit?

Silvester

»Waren Badeentengelb und Barbiepink etwa schon vergeben?« Mit einem fassungslosen Lachen schüttelt Stacy beim Anblick meines knallorangefarbenen Mietwagens den Kopf.

Ich hingegen verziehe keine Miene.

---ENDE DER LESEPROBE---