Getrennte Wege im Land der Träume - Moos König - E-Book

Getrennte Wege im Land der Träume E-Book

Moos König

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Beschreibung

USA 1865: Der dritte Band erzählt die bewegenden Lebensgeschichten von Verlust, Brüderlichkeit und der Suche nach einem Neuanfang in einem fremden Land. Martin und Reinhard Engel hatten sich im Nebraska-Territorium am idyllischen White River Creek niedergelassen. Sie leben ein gut gelebtes Leben. Doch dann ereilt sie ein Schicksalsschlag und ihre Welt zerbricht. Reinhard ist am Boden zerstört und unfähig, den Verlust zu verkraften. Martin erkennt die Verzweiflung seines Bruders und beschließt, ihn aus der Umgebung des Schmerzes herauszureißen. Er setzt Reinhard aufs Pferd und gemeinsam reiten sie fort, hinaus in die endlose Weite der amerikanischen Landschaft. Martin opfert seine Ehe, weil ihm die Bindung zu seinem Bruder wichtiger ist. Die beiden schließen sich Cowboys an und treiben Rinder durch die beeindruckende, unberührte Natur. Doch Reinhard versinkt immer tiefer in seinen Schmerz und die Spannungen zwischen den Brüdern nehmen zu. Es eskaliert ein heftiger Streit und zum ersten Mal in ihrem Leben trennen sich ihre Wege. Werden Martin und Reinhard wieder zueinander finden, oder verlieren sie sich in der Einsamkeit der Prärie?

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Moos König

Getrennte Wege im Land der Träume

M.E. 1856 - 1942

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1Vorwort

2Rückblick

3Nebraska 1865

4Caroline

5Texas und die Viehwirtschaft

6Galveston

7Sehnsucht und Reinhards Verbleib

8Abschied und Wiedersehen

9Kansas – Die erneute Trennung

10Utah und das Wiedersehen mit Reinhard

11Anna

12Die Reise in die alte Heimat – Erster Halt New York

13Ankunft im alten Land

14Richinfish heißt jetzt Webber County

15Reinhard, Reinhard

16Überfall - Clémont Copain Cytise stirbt

17Der Absturz vom Absturz

18Fred Baldwin und Bison müssen sterben

19Reinhard geht zurück nach Nebraska

20Rocky Mountains

21Geister

22Gesichter aus den Fäden des Schicksals

23Nebraska

Impressum neobooks

1Vorwort

Dies ist der dritte Band aus der Romanreihe der M.E.-Romane vom Autor Moos König. In diesem Band wird die Geschichte von Reinhard und Martin, zwei Brüdern aus Deutschland, deren Wege sie im 19. Jahrhundert in den amerikanischen Westen führt, weitererzählt. Ihre Geschichte ist, wie so viele dieser Zeit, geprägt von Aufbruch, Verlust, innerem Wandel und der Suche nach einem Platz in dieser Welt. Die kursiv gesetzten Passagen geben Martin Engel selbst eine Stimme. Nicht als Held, sondern als Zeuge seines eigenen Weges, mit der stillen Weisheit eines Mannes, der rückblickend erkennt, was damals vielleicht verborgen blieb. Martin Engel wurde 1840 im damaligen Königreich Württemberg geboren und starb im Jahr 1942 in den Vereinigten Staaten von Amerika.

»Wenn ich im hohen Alter zurückblicke, so erkenne ich: Der Mensch bleibt gleich. Ob man im Jahre 1840 geboren ward, wie ich, oder hundert Jahre später, wie meine Nachfahren. Ein jeder sucht Frieden. Den in der Welt und den im eigenen Herzen. Möge mein Weg anderen zu Ermutigung gereichen, dem Leser eine gute Stunde schenken, vielleicht gar einen Gedanken in ihm wecken. Und möge am Ende Frieden sein.«

»Als ich geboren wurde, da gab es ihn noch, den Wilden Westen. Ich sah die Natur, wie Gott sie schuf. Unverstellt. Unberührt. Ich spürte den Wind, der keinem gehorchte, nur sich selbst. Ich trank aus Bächen, so rein und klar, als hätten sie nie zuvor einen Menschen gespiegelt. Ich durfte es erleben. Zusammen, mit meinem Bruder. Zumindest für eine gewisse Zeit.«

2Rückblick

Die beiden Brüder, Martin und Reinhard Engel, hatten sich nun schon eine Weile in den damals noch jungen Vereinigten Staaten niedergelassen. Im Jahr 1856 waren sie aus Deutschland aufgebrochen und mit einem der ersten Dampfschiffe in die Neue Welt übergesetzt. Von Anfang an nannten sie dieses Land ihr neues Zuhause. Sie fühlten sich wohl in New York City, jener Stadt, die sie für einige Jahre ihre Heimat nannten.

Als sie die Nachricht eines bevorstehenden Krieges erreicht hatte, brachen sie nach Westen auf und kamen schließlich in Nebraska an. Dort lebten sie ein gut gelebtes Leben. Der Bürgerkrieg war vorbei. Er wütete von 1861 bis 1865. Seine bedeutendste Errungenschaft, die Abschaffung der Sklaverei, war zumindest auf dem Papier vollbracht. Doch in vielen Köpfen lebte die Überheblichkeit gegenüber anderer Menschen weiter.

Trotz dieser dunklen Schatten erlebten die Brüder eine Zeit des Aufbruchs und der Möglichkeiten. Ihr neues Leben in Nebraska war geprägt von Lebensfreude, Arbeit und einer starken Gemeinschaft. Martin Engel heiratete Louna und Reinhard fand sein Glück mit Caroline, zwei Schwestern französischer Einwanderer. In ihren selbstgebauten Holzhäusern, die nebeneinander standen, lebten sie schlicht, aber zufrieden.

Jeder Tag hielt etwas Neues bereit. Es war genau dieses Neue in den Vereinigten Staaten, das die Brüder so sehr faszinierte und das sie antrieb.

3Nebraska 1865

Ein weiter Himmel spannte sich über das Land, so grenzenlos blau, als wäre in dieser Weite jeder Weg möglich und kein Traum zu groß. Als würde das Leben dort ein wenig leichter atmen. Die Prärie dehnte sich bis zum Horizont, flüsterte im leichten Wind, der durch das hohe Gras die sanften Hügel hinaufstrich. Er erzählte Geschichten aus einer Zeit, in der noch kein Pflug die Erde berührt hatte, als noch keine Menschen hier waren. Der Wind bewegte die wilden Sonnenblumen, die sich wohlig zur Sonne reckten, streifte an purpurroten Coneflowers vorbei und erfreute sich an den zarten, gelben Blüten des Compass Plant. Hoch oben im gleisenden Blau, zog ein Adler seine Kreise, während sein Laut wie eine vergessene Sprache durch die Weite hallte. Zwischen all dem ritten die Brüder Reinhard und Martin schweigend über das wellende Präriegras. Sie lauschten dem Wind, denn er kennt sie alle, die Vorübergehenden, die Bleibenden und die Verlorenen. Sie ritten über sanfte Hügel, die sich mit weiten Ebenen abwechselten. Dazwischen passierten sie kleine Baumgrippen, die wie Oasen in der offenen Landschaft wirkten. Die Luft war erfüllt vom Summen der Insekten und in der Luft lag der erdige Duft frischer Erde und blühender Wildblumen.

Dort, wo sich der kleine Fluss namens White River Creek durch die Prärie schlängelte, hatte sich ein neues Dorf gebildet. Eine Ansammlung europäischer Einwanderer, die ihren Traum in hölzernen Häusern und einfachen Ställen und Gärten lebten. Am Ufer wuchsen Weiden, deren lange Zweige im Wasser tanzten. Kinder liefen barfuß durch das seichte, klare Wasser, fingen Frösche, bauten Dämme und lachten. Hühner gackerten in den Gärten, Kühe muhten träge hinter hölzernen Zäunen. Aus den Häusern duftete es nach frisch gebackenem Brot. Das Leben war einfach, doch es war reich. Reich an Gemeinschaft, Geschichten, Natur und an Freiheit. Man sprach nicht viel über den Bürgerkrieg. Nachrichten erreichten die Siedlung nur durch Reisende, Prediger oder Soldaten. Und wenn die Nachrichten kamen, dann kamen sie in Fetzen, wie zerrissene Erinnerungen, derer die dabei waren. Dass in Virginia hart gekämpft wurde, in Georgia Städte brannten und in Washington Präsidenten gestürzt wurden, das war weit weg, fast wie Geschichten aus einem anderen Land.

Die Farmen der Brüder Reinhard und Martin Engel lagen etwas außerhalb des Dorfes, auf einer leichten Anhöhe, von der man den glitzernden Fluss sehen konnte. Die Ernten waren jedes Jahr reich an Äpfeln, Mais, Kürbisse und Weizen. Martin und Reinhard waren stets großzügig. Wenn im Dorf jemand zu wenig hatte, verschenkten sie einen Sack Mehl oder ein halbes Dutzend Eier. Wer nicht mehr konnte, dem halfen sie bei der Arbeit. Im Dorf sagten die Leute, dass der liebe Gott im Himmel ein Wohlgefallen an ihnen hatte. Ihre Frauen, Caroline und Louna waren sehr fleißig. Schon vor Sonnenaufgang stand der Teig in der Schüssel, die Brote im Ofen und der Duft von Hefe und Gebackenem zog aus den Häusern.

Bald verkündeten Caroline und Reinhard Nachwuchs. Caroline wollte nicht laut über ihre Schwangerschaft sprechen, um das Wunder nicht zu erschrecken. Manchmal legte sie im Schatten der großen Weiden ihre Hand auf den Bauch und blickte lächelnd in die Ferne, als könne sie bereits sehen, wer da auf sie zukam. Reinhard hatte in dieser Zeit Caroline besonders umsorgt und versorgt. Wenn sie leise über ihr Wunder sprachen, lag ein neues Gewicht in ihren Worten: Ein stilles Versprechen, das stärker war als jedes Wort.

Abends saßen die vier Freunde, Reinhard mit seiner Frau Caroline und Martin mit seiner Frau Louna, auf der Veranda, während die Sonne das Präriegras in flüssiges Gold tauchte. In diesen Augenblicken gab es nur sie. Kein großes, neues Land. Keine Politik. Keine andere Welt. All das war in diesen Momenten nicht mehr als ein Schatten am Rand ihres Lichts. In ihrer Welt hatten sie alles, was zählte. Land, das trug. Liebe, die hielt und den Wind, der ihre Geschichten kannte.

Und doch – manchmal, wenn der Tag sich neigte und das Licht wie flüssiger Bernstein über die Felder rann, geschah es, dass Martin und Reinhard schweigend in die Ferne blickten, genau dorthin, wo der Himmel das Land berührte. Etwas in ihnen spannte sich dann an. Es war kein Wunsch zu fliehen, keine Undankbarkeit, nur ein Ziehen tief im Innern, ein namenloses Fernweh, das sie nicht erklären konnten. Sie träumten von unbegangenen Wegen, vergessene Geschichten und neuen Abenteuern. Sie sprachen nur mit Toothless darüber, der eifrig nickte: »Das nennt man Itchy Feet. So was wie Wanderlust.«

Dann kam ein Brief aus New York City von ihrem alten Freund Jim Bayer. Er hatte Zeitungen mitgeschickt. Auf einer prankten in großen, schwarzen Lettern:

Das Eiserne Pferd auf dem Vormarsch – Eine neue Ära der Fortbewegung beginnt. ... Ein dampfendes Ungetüm aus Eisen und Stahl. … Kein Reisen in Postkutschen mehr nötig. … Schnelleres Vorankommen. … Wo gestern noch tagelange Reisen notwendig waren, genügt heute ein einziger Tag. … Wird das alles zum Besseren führen? … Es zieht in unsere Zukunft ein – mit Volldampf.

Reinhard saß auf der knarrenden Holzveranda vor seinem Haus. Die Knie angewinkelt, die Zeitungen, die ihnen Jim Bayer aus New York geschickt hatte, in der Hand. Das letzte Licht des Tages tastete sich durch die Äste der Bäume und schenkte ihm gerade noch genug Helligkeit, um die schwarzen Buchstaben entziffern zu können. Begeistert sagte er zu seinem Bruder, der neben ihm saß und genüsslich in einen Apfel biss: »Die Eisenbahn ist auf dem Vormarsch. Sie haben im Westen und im Osten angefangen. Wo sie sich wohl treffen werden? Wie aufregend. Die erste große Eisenbahnstrecke hier im Land. Wie gerne wäre ich bei so einem Abenteuer dabei.« Martin nickte und dachte daran, dass so ein Apfel mehr als Essen war. Es war Nahrung für die Seele. Ohne den Blick von der Ferne zu nehmen, antwortete er: »Du wirst bald Vater werden, Reinhard. Unser Leben ist jetzt hier.« Reinhard atmete schwer aus. Er lehnte sich zurück, das Holz der bequemen Stühle war warm vom Tag. Eine angenehme Wärme. Er hielt das Papier gegen das letzte Licht. Der Wind spielte mit dem Zeitungseck. Dann faltete Reinhard die Zeitungen rasch zusammen und ließ sie auf den Boden fallen: »Ach, Martin. Wir sollten dankbar sein. Dankbar für den Augenblick. Für unser jetziges Leben. Schau dich um, so weit wir sehen können, gehört das Land uns. Sogar noch weiter. Wenn man das jemand aus der alten Heimat erzählt. Die Felder tragen. Die Obstbäume biegen sich unter der Last.« Kurz verweilte er, als hätte er nicht ganz entschieden, ob sich die Bäume unter der Last bogen oder er sich selbst. Doch er fuhr weiter fort: »Und zwei Frauen, die uns lieben. Ein warmes Zuhause. Ein Name, der etwas bedeutet. Meine Frau erwartet ein Kind. Das ist wundervoll.« Martin nickte langsam. Das letzte Stück Apfel bot er seinem Bruder an, der kurz seinen Kopf schüttelte. Reinhard sah seinen Bruder fragend an. Der hob die Augenbrauen und nickte eifrig, um seine Zustimmung kund zu tun. Aber in diesem Nicken lag kein echtes Ja. Für den Rest des Abends waren sie still. Nur der Wind bewegte sich, schlich um sie herum, durch die Bodendielen unter ihren Füßen, fuhr durch Reinhards blonden Haarschopf, trug den Geruch von Erde und Wald mit sich. Die Brüder sahen in die Ferne. Sie sagten kein Wort. Aber in ihren Blicken lag alles, was sie dachten. Der Wind fuhr ihnen um die Schultern, wie ein alter Freund, der sie tröstete und zugleich lockte. Er kannte sie. Die Brüder. Das Land. Er kannte sie alle. Er hatte sie als Kind spielen sehen, sie über das große Meer begleitet. War dabei, wie sie träumten, Pläne schmiedeten und nun dort saßen, von fernen Abenteuer träumten. Was auch immer das Schicksal mit ihnen vor hatte. Er wollte der Wind unter ihren Flügeln sein.

4Caroline

Es war ein Sonntag wie eh und je. Die Dorfbewohner machten sich auf den Weg zur Kirche, so wie sie es von Anfang an gewohnt waren. Doch diesmal war etwas anders. Es sollte der Beginn etwas Schrecklichen sein. Der Pfarrer stand nicht, wie üblich, am Eingang, um die Gemeinde persönlich zu begrüßen. Stattdessen hielt er sich mit beiden Händen am Pult fest, als müsse er sich gegen eine unsichtbare Kraft stemmen. »Ist ihnen nicht gut?«, fragte Reinhard diskret, nachdem er seine schwangere Caroline an ihren Platz geführt hatte. Der Pfarrer hob müde den Blick: »Es geht schon, danke. Das ist sehr nett von dir.« Reinhard klopfte dem Pfarrer leicht auf den Arm und fragte, ob er einen Schluck aus seinem Wasserbeutel haben wolle. »Ein Schluck Wasser tut ihnen vielleicht gut. Bitte trinken sie so viel sie wollen. Seit Caroline schwanger ist, müssen wir ständig Wasser mit uns herumtragen, da es sie jederzeit durstet.« Der Pfarrer nahm einen Schluck. Das war das Verhängnisvolle. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass sich der Pfarrer mit Gelbfieber angesteckt hatte. Reinhard hatte es gut gemeint, sein Angebot war eine Geste der Fürsorge gewesen. Doch mit dem Wasser aus seinem Beutel, hatte er das Fieber in sein Haus gebracht.

Nach sechs Tagen begann Caroline zu fiebern. Zum ersten Mal blieb sie dem Sonntagsgottesdienst fern. Als Reinhard von der Kirche zurückkehrte, lag sie im Fieberwahn und war kochend heiß. Ihre Haare klebten ihr nass an den Schläfen. Reinhard holte sofort den Arzt. Der alte Mann untersuche sie rasch, runzelte die Stirn und suchte nach möglichen Antworten: »Fieber. Hohes Fieber.« Er scherzte noch: »Bei Schwangeren ist alles immer ein bisschen schlimmer. Gönnt ihr Bettruhe und kocht ihr eine Suppe.«

Am nächsten Tag war das Fieber so hoch, dass Reinhard ihr nicht von der Seite wich. Louna, Carolines Schwester, saß ebenfalls an ihrem Bett und hielt ihre Hand, tupfte ihr die Stirn mit einem feuchten Tuch und flüsterte beruhigende Worte. Ein paar Tage später ging es Caroline wieder besser. Das Fieber sank, sie atmete ruhiger. Dafür fühlte sich Louna nun krank. Erst klagte sie über stechende Schmerzen hinter den Augen, dann über starke Kopfschmerzen. Am Abend zitterte ihr Körper wie Espenlaub. Am darauffolgenden Morgen erlitt Caroline einen Rückschlag. Sie wurde gelb im Gesicht. Diesmal war der Arzt nicht mehr zum Scherzen aufgelegt. Ernst nahm er Martin beiseite, die Stimme gesenkt: »Halten sie sich fern von den Kranken. Ich befürchte, es ist das Gelbfieber. Hoch ansteckend.«

»Ich werde sie pflegen«, entgegnete Martin ruhig. Der Arzt senkte den Blick: »Verstehen sie doch! Wenn sie sich nähern, werden sie auch krank! Das ganze Dorf könnte sich anstecken.« Martin blieb ruhig, als er sagte: »Es ist mir egal, wenn ich mich anstecke, mein Bruder und ich werden unsere Frauen pflegen. Wann werden sie wieder gesund?« Der Arzt schritt an Martin vorbei und ließ ihn stehen.

Caroline klagte über Schmerzen im Unterleib. Reinhard wurde krank vor Sorge. Ihm war permanent übel und er erbrach sich hin und wieder. Er grämte sich furchtbar und die Brüder dachten fieberhaft darüber nach, was sie für ihre Frauen und vor allem für das ungeborene Kind tun könnten. Louna hatte sich inzwischen zu Caroline ins Bett gelegt. Sie wollte bei ihrer Schwester sein. Als Caroline Blut erbrach, erschrak sie zu Tode und rief laut nach Reinhard und Martin. Ihre Stimme klang wie splitterndes Glas. Martin holte den Arzt zurück. Der stellte das Haus unter Quarantäne. Nur Reinhard durfte noch hinein. Martin hatte Medizin und Essen vor die Haustüre zu stellen und unterhielt sich mit seinem Bruder nur hinter verschlossener Türe. »Martin, ich mache mir solche Sorgen. Es sieht nicht gut aus«, flüsterte Reinhard durch den schmalen Spalt der Holzbretter, »beide Frauen schütteln sich vor Fieber.«

»Verliere die Hoffnung nicht«, antworte Martin leise. »Ich bete und bete. Die ganze Zeit über. Ich bleibe an ihrem Bett sitzen und flöße ihnen Suppe ein und Medizin. Desinfiziere den Raum mit Alkohol. Nichts scheint zu helfen. Ich bin so verzweifelt, Martin.«

Caroline starb an einem Sonntagmorgen. Sie wachte einfach nicht mehr auf. Als Reinhard das Zimmer betrat, stand Louna vor dem Bett. Reglos. Sie starrte abwesend auf ihre tote Schwester. Carolines Gesicht war gelb und grau zugleich. Ihre Augen geschlossen, ihre Hände an ihren Seiten. Reinhard blieb stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Die ersten Gedanken, die ihm in diesem Moment in den Kopf schossen, sagte er ausversehen laut zu Louna: »Warum sie und nicht du?«

Louna verweilte in ihrer erstarrten Haltung. Sie tat, als hätte sie ihn nicht gehört. Reinhard sank auf das Bett und hielt seine tote Frau im Arm, während sich ein Meer aus Tränen über sie ergoss. Er klammerte sich an sie, an etwas, das nicht mehr war.

Als Carolines Körper abgeholt wurde, bestand der Arzt darauf, das Haus komplett zu desinfizieren. Doch Reinhard trieb ein übler Hass gegen alles und jeden an diesem Tag. Er verweigerte jedem den Zutritt zu seinem Haus. Am selben Abend, als der Himmel sich dunkel über das Land legte, goss Reinhard Lampenöl auf die Holzdielen im Haus. Er setzt damit alles in Brand. Auch das Haus seines Bruder brannte. Bevor die Flammen um sich griffen, öffnete er den Stall und jagte die Tiere heraus. Er sah ihnen nach, wie sie auf der Flucht vor den Flammen, das Weite suchten. Das Feuer schlug hoch und heiß in den schwarzen Himmel. Ein gleißendes, wütendes Feuer mit beißenden Rauch. Die Dorfbewohner kamen angerannt. Zu spät. Zu machtlos. Sie konnten nichts mehr tun, außer einen zutiefst verbitterten Witwer von den Flammen wegzuziehen. Martin kam mit Toothless angeritten. Als sie den Rauch am Horizont sahen, ahnte Martin was passiert war. Im Schein der züngelnden Flammen, bat er Toothless, Reinhard sein Pferd zu überlassen. »Die Pferde aus dem Stall werden bald zurückkommen,« sagte er zu seinem alten Freund Toothless. »Versorge sie. Genauso wie die Rinder. Mein Bruder und ich ziehen weiter.« Er trat zu Louna, küsste sie und brachte sie zu ihrem Elternhaus. »Verkaufe die Farm«, sagte er, »sie wird dir gutes Geld bringen. Verwirkliche deinen Traum. Geh nach Kalifornien.«

»Was wirst du tun?«, fragte sie leise. »Ich nehme Reinhard und wir reiten weg von hier. Einfach weg vom Geschehenen.«

»Sehe ich dich wieder?«

»Ich weiß es nicht.«

Er setzte seinen stummen Bruder auf das Pferd und sie ritten in die Nacht hinaus. Reinhard wirkte wie aus Stein. Starr, bleich und still. Sie drehten sich nicht mehr um.

Louna blieb zurück. Toothless trat neben sie und sah sie traurig an. »Kommen sie wieder?«, fragte sie ihn. Toothless schüttelte den Kopf: »Nein, Louna. Die kommen nicht wieder. Zumindest wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.« Der Wind strich Louna liebevoll um die Arme, berührte sie im Gesicht und trug die Funken der Flammen von ihr fort. Er flüsterte ihr zu: »Manchmal helfen keine poetischen Worte, liebe Louna. Manchmal ist es einfach nur ein Jammer.«

Zu Toothless flüsterte er: »Alter Mann, das Leben gibt, es das Leben nimmt es. Verdammter Mist.«

»Ein Jahr später bekam ich von Jim aus New York die Scheidungspapiere, die Louna ihm zugeschickt hatte. Sie hatte sie an Jim geschickt, weil sie nicht wusste, wo wir waren. Jim wusste es meistens. Louna und ihre Eltern hatten sich einer Gruppe deutscher Siedlern angeschlossen, die ihre neue Heimat Anaheim nannten, irgendwo bei San Francisco in Kalifornien. Sie hatte sich in einen Winzer verliebt und wollte ihn heiraten. Ich freute mich, dass es ihr gut ging und ihr Herz erneut Liebe empfand. Die Liebe, die ich ihr nie wirklich hatte erwidern können.«

5Texas und die Viehwirtschaft

Auch wenn man ziellos ist, erreicht man irgendwann ein Ziel. Sie ritten nach Süden.

»Immer den Ohren der Pferde nach.«

Ihre Reise führte sie durch Nebraska, Colorado, Oklahoma und schließlich nach Texas. Der Bürgerkrieg hatte seine Spuren hinterlassen. In den Städten hungerten die Menschen und die Abschaffung der Sklaverei war noch nicht überall durchgesetzt.

Nebraska war ein Land des Aufbruchs und der Hoffnung. Aber auch des rauen Überlebens. Der Boden war fruchtbar, das Wetter wechselhaft. Als sie nach Colorado kamen wechselte die Landschaft abrupt. Der weite Horizont wich den Umrissen der Rocky Mountains, deren schneebedeckte Gipfel majestätisch in den Himmel ragten. Hier roch die Luft kühler und schärfer. Ein Hauch von Wildnis lag in jedem Atemzug. Die dichten Wälder aus Kiefern und Fichten wirkten wie ein Bollwerk gegen die Zivilisation. In den Tälern glitzerten klare Bergbäche. Oklahoma war damals noch kein Staat, sondern ein Land im Umbruch. Die Heimat verschiedener indianischer Stämme und einigen Siedlern. Die Landschaft war eine Mischung aus Prärie und Wald. Überall summte das Leben. Vögel zwitscherten, wechselten sich des Nachts mit Grillen ab. In Texas angekommen schien es ihnen, als ob dort alle Klimazonen und Landschaften dieser Welt zusammenkommen. Die Prärien waren weiter und karger, das Gras gelber und der Himmel spannte sich über einer schier endlosen Weite.

Reinhards Lächeln war verschwunden. Sein überall bekanntes und beliebtes Gesicht, das immerzu gestrahlt hatte, war düster geworden. Ein dunkles Band aus Dornen umschlang sein Herz, seit dem Tag, als seine Frau und das ungeborene Kind starben. Tag für Tag durchlebte er den Schmerz aufs Neue. Am Morgen, wenn die Sonne aufging, war der Schmerz am schlimmsten. Es zerriss sein Herz und schnürte ihm die Kehle zu, so sehr, dass er bis zum Mittag nie etwas sagte. Erst wenn die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte, fand er langsam seine Stimme wieder und konnte sich etwas mit Martin unterhalten. Wenn es auch nur das Nötigste war. Sein Herz fühlte sich an, als läge es unter dem Zwang eines Dornenbandes, das sich immer wieder fest zu zog. Die Prärie, die Landschaft, den Himmel und die Wolken, die er einst so geliebt hatte, waren ihm nun verhasst. Eine tiefe Verbitterung durchschwamm seinen Körper und ließ seine Muskeln verkrampfen. Selbst sein Bruder war ihm von Zeit zu Zeit zuwider.

In Texas angekommen, trafen sie auf viele deutsche Einwanderer. Es war heiß und schwül. Für Reinhard eine Tortour. »Die Sommer sind sehr schwül«, sagte einer der Siedler, »wenn ihr das nicht aushaltet, müsst ihr weiter in den Westen reiten. Dort ist es milder. Die Winter sind dagegen warm und windig. Schnee haben wir keinen. Das letzte Mal, als ich Schnee sah, das war, ja das war noch in Europa. Ist also eine Zeit lang her. Ich vermisse es aber nicht. Mir gefällt es hier.«

Sie waren in einem Dorf, das mehr Rinder beheimatete als Menschen. »Es gibt Millionen von verwilderter Rinder. Sie haben hier keine natürlichen Feinde und vermehren sich in rasantem Tempo. Das Land bietet ihnen reichlich Gras zum Fressen.«

»Ganz schön lange Hörner«, sagte Martin. Er und Reinhard standen vor einer eingezäunten Rinderherde und Martin unterhielt sich mit einem älteren Mann. Martin war aus Höflichkeit von seinem Pferd abgestiegen, um auf Augenhöhe mit dem Fremden zu sprechen. Reinhard blieb teilnahmslos auf seinem Pferd sitzen. Höflichkeit? Er scherte sich einen Dreck darum.

»Deswegen nennt man sie Longhorns. Ich meine, mal gehört zu haben, dass diese Tiere von den Spaniern eingeführt wurden. Irgendwann im 17. Jahrhundert kamen sie über den Rio Grande nach Texas.«

»Wem gehören sie?«

Der Mann kratzte sich am Kopf. »Nun ja, irgendwie niemandem. Aber die Großgrundbesitzer beanspruchen sie für sich. Wenn sie einmal ihr Brandzeichen tragen, dann gehen sie in deren Besitz über. Das ist Amerika, meine jungen Freunde, man nimmt sich einfach.«

Mit seinen blauen Augen funkelte er die beiden an: »Ich möchte so gerne meine deutsche Sprache wieder sprechen. Seid meine Gäste. Erzählt mir vom alten Land, wie war es, als ihr fortgegangen seid? Kommt, ich bringe euch in mein Haus. Meine Enkel sollen euch etwas zu essen kochen und ihr erzählt mir von eurem Leben. Man nennt mich Djoser.«

Das Gespräch mit dem alten Mann hatte die Brüder bereits in Gedanken in die alte Heimat gebracht. Sie erinnerten sich daran, wie sie damals liefen und liefen, um endlich Hamburg zu erreichen. Die Stadt der Auswanderer. Die Wanderung war so ganz anders, als ihre Trecks im neuen Land. Im Haus angekommen, durchfuhr beide ein stechender Schmerz. Reinhard sah zu Boden, als das kleine Enkelkind des Mannes, sie war etwa sieben Jahre alt, den Tisch deckte. Kurz dachten sie an ihr Leben mit Louna und Caroline. An einen Tisch, in einem Haus, mit einer Tischdecke und – doch sie verdrängten die Gedanken rasch und wandten sich den Fragen des alten Mannes zu. Martin konnte besser mit der Situation umgehen, als Reinhard. Er lächelte gequält und erzählte: »Man sah mehr Menschen, mehr Dörfer und Städte im alten Land. Die Landschaft in Europa ist vom Menschen geprägt. Hier, da ist die Landschaft wie Gott sie schuf. Neu, unverbraucht und die Dörfer sind jung. Es erscheint, als sei alles möglich, da noch wenig bis nirgends Hand angelegt wurde.«

»Habt ihr ein Zuhause in Amerika?«, fragte der Alte. Reinhard antwortete spöttisch: »Der Herr gibt es und der Herr nimmt es. Wir haben kein Zuhause.« Martin versuchte die Stimmung nicht allzu düster werden zu lassen und fuhr weiter fort: »Unsere Heimat ist die Weite der Prärie, der Sternenhimmel und die Sonne.«

Der alte Mann verstand und sagte mit gedämpfter Stimme zu Reinhard: »Der Schmerz verändert sich. Er wird nie vergehen, aber er wird sich verändern.«

Reinhard antwortete nicht. Er presste die Lippen fest aufeinander und sah aus dem Fenster in die Ferne. Die weißen, verschnörkelten Vorhänge kamen ihm lächerlich vor.

Reinhard und Martin sahen an dem großen Esstisch, mit feiner Tischdecke und weißem Porzellangeschirr, etwas verloren aus. Die raue Natur hatte sie ebenso rau werden lassen und Martin hatte Mühe, mit seiner großen, schwieligen Hand, den kleinen Henkel der Kaffeetasse zu greifen. Er saß auf dem Stuhl wie auf einem Pferd, die Beine links und rechts davon. Reinhard hatte Umstände sich den alten Gewohnheiten anzupassen. Sein Herz war schwer und seine Manieren hatte er vergessen. Er hing im Stuhl, umklammerte die Tasse mit seiner ganzen Hand und süffelte, langsam und lautstark das heiße Getränk. Aus der Küche kam ein angenehmer Duft.

»Meine Enkelin hat die Steaks bald fertig«, sagte der alte Mann. Die Steaks waren größer, saftiger und leckerer, als alles, was die Brüder jemals gegessen hatten. Martin ließ es sich schmecken und dankte Gott für diese Gabe. Reinhard schmeckte es wohl auch, doch konnte er seine Freude darüber nicht Martin gleich tun. Der alte Mann bot ihnen ein Dach über dem Kopf an. Aber die Brüder zog es nach draußen. Sie schliefen unter freiem Himmel, wie sie es die letzten Wochen getan haben. Es gab Reinhard das Gefühl, mehr Luft zum Atmen zu haben.

»Räume erdrücken mich.«

Der alte Mann machte sie mit Johannes Bäcker bekannt. Einem Cowboy, der große Rinderherden nach Norden trieb. Er wollte John genannt werden. John war ein rechtschaffener, ruhiger Mann. Stets glattrasiert und ordentlich gekleidet. Seine souveräne Art tat Reinhard in seiner dunklen Stimmung gut. John fragte nicht, warum Martins jüngerer Bruder so verbittert war. Er konnte sich schon denken, dass ihm etwas zugestoßen war. John erklärte: »Wir treiben die Rinder etwa 800 Kilometer in den Norden. Nach Abilene, in Kansas. Dort bringen wir sie zu den Stockyards, das sind Viehhöfe. Von dort aus werden sie zum Bahnhof gebracht, verladen und weitertransportiert.«

»Wie groß sind die Herden in etwa?«, fragte Martin. »Beim letzte Mal hatten wir eine Herde von 1000 Rindern.« Martin viel die Kinnlade herunter: »So viele?« »Es werden jedes Jahr mehr. Hier sind die Rinder nicht viel wert, weil es Millionen von ihnen gibt. Aber im Norden, da zahlen die Leute bis zu 40 Dollar für ein Tier.« »So viel Geld für ein Rind?«

Martin erinnerte sich, wie sie in den größeren Städten hungerten. »Bei 1000 Rindern macht das 40.000 Dollar!«

»Wenn alle gesund ankommen. Aber so ist es nicht. Außerdem hat man Unkosten. Man muss die Cowboys bezahlen, den Chuckwagon, die Wrangler, für manche Passagen braucht man Wegzoll.«

»Was ist ein Chuckwagon?«, fragte Martin neugierig. »Das ist der Küchenwagen. Er ist wohl das Wichtigste auf so einer Reise. Nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für alles, was man sonst so braucht. Hufeisen, Werkzeuge, Äxte, Medikamente, Nähzeug, Stoffe, Waffen und Munition. Unser Koch, den wir Opa nennen, kümmert sich um uns. Er versorgt uns mit Essen und wenn er guter Laune ist, hat er schon gekocht, bevor wir da sind. Dann riecht man das Essen schon von weitem. Wenn wir uns nicht ordentlich rasieren oder die Fellpflege unserer Pferde vernachlässigen, dann rügt er uns und zieht uns die Ohren lang. Er kann auch ganz gut Haare schneiden. Lasst euch aber nicht von ihm rasieren, das tut weh«, scherzte John. »Wollt ihr denn mitmachen?«, fragte er schließlich. Martin sah Reinhard an. Doch Reinhard sah nur teilnahmslos drein und zuckte mit den Schultern. John lockte mit einem Preis: »Jeder von euch bekommt 40 Dollar. Aber lasst euch gesagt sein, dass es kein Spaziergang wird. Eine so große Herde im Zaum zu halten, ist anstrengend. Ihr seid vielleicht die Natur gewöhnt, aber es kommen noch andere Strapazen zum Aushalten auf euch zu. Ihr müsst im Sattel bleiben, bis ich euch sage, dass ihr absteigen dürft. Manchmal ist das erst mitten in der Nacht.«

»Was ist ein Wrangler?«, fragte Martin interessiert. »Das ist derjenige, der sich um die Pferde kümmert. Als Cowboy hast du fünf verschiedene Pferde. Ein Pferd kann nicht so lange unter dem Sattel sein, wie es von Nöten ist. Man wechselt nach ein paar Stunden die Pferde aus. Wenn ihr dabei sein wollt, dann kommt morgen zu mir. Wenn ihr da seid, seid ihr da. Wenn nicht, auch gut. Entscheidet selbst. Wenn ihr aber dabei seid, dann brauche ich euch mit Haut und Haaren.« John nickte den beiden zu: »Also dann, vielleicht sieht man sich morgen. Ansonsten wünsche ich euch alles Gute. Und sag' deinem Bruder, er soll nicht so ein finsteres Gesicht machen. Keiner wird ihn fragen, warum er so dreinschaut. Er ist nicht der Einzige, der hier etwas auf dem Kerbholz hat. Ich will damit sagen, freundet euch nicht zu sehr mit den Viehtreibern an.«

Anfang März setzte sich der Treck in Bewegung. In den ersten Tagen waren die Cowboys damit beschäftigt, die Rinder von den verschiedenen Ranches zusammenzutreiben. Für jedes Tier zahlten sie den Ranchern vier Dollar. Die Männer, die den Treck begleiteten, waren alle mit großen Halstüchern ausgestattet, die sie sich bei starkem Staub über Mund und Nase zogen. Reinhard und Martin hatten über ihre dunklen Baumwollhemden noch Westen, die bei starkem Wind warm hielten. Ihre schweren Bisonjacken hatten sie hinter dem Sattel befestigt. Auch ihre Decken und Gewehre waren dort sorgfältig festgeschnallt. Ihre wenigen Kochutensilien hatten sie dem Mann übergeben, den alle nur Opa nannten. Er hieß eigentlich Wilhelm Grünberger, bestand darauf Chuck genannt zu werden. Opa fand er lästig. Er lenkte den Küchenwagen. Es war ein mit einem Segeltuch überspannter Wagen, der die Geräte und Lebensmittel transportierte. Auf der Rückseite des Wagens war die Chuckbox befestigt. Eine solide Holzkiste, etwa einen Meter breit und gut 1,60 Meter hoch. In mehreren Fächern waren Dosen, Mehl, getrocknete Bohnen, Speck, Salz, Kaffeepulver, Zwiebeln, Kartoffeln und das Kochgeschirr verstaut. Ein breites Holzbrett konnte ausgeklappt werden und wurde von zwei Holzbeinen gestützt. Auf dem Brett bereitete er die Mahlzeiten zu. Die meiste Zeit gab es Kartoffeln mit Mehlsoße und viel Salz. Der Chuckwagen fuhr stets voraus und wenn Chuck Lust und Laune hatte, war das Essen schon zubereitet, wenn die Männer mit der Herde an den vorbestimmten Plätzen ankamen.

John war der Trail Boss, der Anführer des Trecks. Auf ihn mussten alle hören. Es waren zehn Cowboys, darunter Martin und Reinhard. Zwei junge Burschen, kaum älter als vierzehn Jahre, waren als Wrangler eingestellt. Sie betreuten die Pferdeherden. John nannte die Pferdeherde Remuda und lobte die Mustangs mit ihrem instinktiven Sinn Herden zu treiben. CowSense nannte er es, ein instinktives Gespür dafür, wie sich eine Rinderherde bewegt und wie man sie lenkt.

An der Spitze der Herde ritten die sogenannten Point Riders. Sie waren die erfahrensten Cowboys und kannten den Weg. Die Männer, die an den vorderen Seiten ritten, nannte man Swing Riders. Sie lenkten die Bewegung der Herde und hielten sie auf Kurs. Noch etwas weiter hinten ritten die Flank Riders. Sie hatten die Aufgabe die Herde zusammenzuhalten. Am Ende mühten sich die Drag Riders ab. Dies war der schlechteste Platz, denn hier war es am staubigsten und manche Rinder wollten einfach nicht weiter und mussten mühselig vorangetrieben werden.

»Wir ziehen!«, rief John und Mensch und Tier setzten sich in Bewegung. Anfangs waren alle sehr nervös. Die ruhigsten unter ihnen waren die Pferde. Martin und Reinhard schätzten den Cow Sense bei ihren Pferden sehr. Oft ließen sie die Zügel locker und ihre Pferde wussten, was zu tun war. Sie trieben die störrischen Rinder voran, als wären sie Teil der Herde. Die Rinder waren in der Anfangszeit besonders unruhig. Sie kannten sich gegenseitig nicht, noch die Umgebung, genauso wenig die Männer, die sie mit lauten Rufen und flatternden Zügeln angingen. In den ersten Tagen legten sie eine längere Strecke zurück. So waren die Rinder abends müde. John, der als Trail Boss bemüht war, den jungen Cowboys die Regeln beizubringen, hatte einen raueren Tonfall in der Stimme bekommen. »Es wird nicht geschrien oder galoppiert. Erstes Gesetz ist es, die Herde ruhig zu halten. Alles was sie nervös machen könnte, muss vermieden werden.«

Reinhard und Martin ritten mit zwei anderen Cowboys am Ende der Herde. Der staubigste Platz. Ihre Halstücher zogen sie sich tief über Mund und Nase. Doch der feine Staub kam über den Tag verteilt trotzdem hindurch. Ihre Lungen brannten und zum ersten Mal schätzten sie es, wenn sie am Abend die Masken abnehmen konnten, um frei durchzuatmen. Der Staub setzte sich überall ab, auf ihrer Kleidung und in den kleinsten Hautfalten. Selbst zwischen den Zähnen schmeckten sie die Erde. Am schlimmsten war es, wenn zu viel Staub in die Augen kam. Mit den staubigen Händen war es mühselig und fast unmöglich die Körnchen aus den Augen zu reiben. Und das Wasser, das sie bei sich trugen, war zu kostbar, um es zum Waschen herzunehmen. Die beiden Cowboys, mit denen sie ritten, stellten sich als Calamity und Bale vor. Martin sah Reinhard an, als er die Namen hörte und sagte auf Deutsch zu seinem Bruder: »Sie nennen sich Katastrophe und Unheil. Na, das kann ja was werden.«

Es stellte sich bald heraus, dass sich die beiden Cowboys, Calamity und Bale, überraschend gut mit Reinhard verstanden. Mit Martin war es nicht so. Die zwei Katastrophen Cowboys kannten sich mit Viehherden aus und halfen den Brüdern in ihrer neuen Rolle. Sie brachten Martin und Reinhard das Lassowerfen bei, das gar nicht so leicht war. Das Hanfseil war zwar viel steifer als gewöhnliche Seile, aber um es über den Kopf eines Rindes zu werfen, bedurfte es reichlich Übung. Wenn sich die Schlinge zu zog, begann die eigentliche Kunst, denn man musste das Seil schnell um das Sattelhorn winden, sodass das Pferd, das sich wehrende Rind, zurückhalten konnte und nicht der Reiter vom Pferd gezogen wurde. Anfangs passierte dies den Brüdern noch häufig, da sie nicht schnell genug das Seil am Sattel festziehen konnten. Es gab immer ein lautes Gelächter von den Cowboys. Martin lachte mit, Reinhard hingegen fühlte sich ausgelacht und verspottet.

Calamity war der Typ Mann, der schon im Stehen aussah, als würde er reiten. Über seine Hosenbeine trug er breite Lederschürzen, die ihn vor Abnutzung und Dornen schützten. Sein Hemd war derart ausgeblichen, dass man nicht mehr sagen konnte, ob es einmal grau gewesen war, oder ob das harte Leben der Prärie es grau gefärbt hatte. Um seine Handgelenke trug er breite Lederriemen, die mit Nieten zusammenhielten. Er musterte Reinhards Hose und nickte anerkennend: »Ähnlich wie eure Hosen zusammenhalten.«

Hinter seinem roten Halstuch, das er so gut wie immer über die Nase gezogen hatte, verbarg sich ein ernstes Gesicht. Calamitys und Bales Halstücher waren immer staubig. Die ganze Zeit über, hatten sie den aufgewirbelten Dreck im Gesicht und auf ihrer Kleidung. Sie gaben es früh auf, sich abends abzuklopfen und zu waschen. Vor allem, weil man viel Wasser und Mühe brauchte, um wieder einigermaßen sauber zu werden. Bales Gesicht war rau und in seinen Falten klebte der Staub von vorgestern. Ein Schnauzbart filterte den gröbsten Schmutz vor seiner Nase und sah entsprechend dreckig aus. Er machte sich nichts daraus und war sich um keinen Scherz zu schade, besonders, wenn sie auf Kosten anderer gingen. Wer immer darüber laut lachte und sich dabei auf die Schenkel klopfte war Calamity.

Zum Abend hin umritten die Cowboys die Herde in immer kleiner werdenden Kreisen, bis die Tiere dicht aneinander standen und sich für die Nacht zur Ruhe legten.

»Man muss ihnen etwas vorsingen«, hatte Calamity gesagt, »das beruhigt sie.«

Die Lieder, die Calamity und Bale sangen, kamen von der Melodie her den Brüdern bekannt vor. Nur der Text war neu. Ein Lied handelte von einem sterbenden Cowboy, der nicht in einem Hospital sterben wollte, sondern unter einem Baum in der Prärie.

Let me out to the prairie where I belong, don't let me die fenced in. Lass mich zurück in die Prärie gehen, wo ich hingehöre, lass mich nicht eingesperrt sterben. I want to see the sky over my head, when I close my eyes.

Ich möchte den Himmel über mir sehen, wenn ich meine Augen schließe. I want to feel the wind, when I say good bye. Ich möchte den Wind spüren, wenn ich mich verabschiede. So take me back to the prairie where I belong and let my horse run free. Bringe mich zurück in die Prärie, wo ich hingehöre und lass mein Pferd frei.

Die Melodie ähnelte einem Lied, das die Brüder aus der Kirche kannten. Nach einigem Male zuhören, konnten sie mitsingen. Es war melancholisch, fast andächtig und genau das Richtige auf einem so beschwerlichen Ritt. Die Brüder konnten nicht, wie sonst anhalten und Rast machen, sie mussten dem Trail Boss Folge leisten und wachsam sein, falls eines der Rinder meinte, sich von der Herde zu lösen.

Während der Nacht mussten vier Männer Nachtwache halten. Anfangs fiel es ihnen noch leicht, für ein paar Stunden wach zu bleiben, bis man abgewechselt wurde. Aber nach einigen Tagen hatte der Trail Spuren hinterlassen und die Männer waren müde und ihre Knochen taten weh. John verteilte Tabak. »Der ist nicht zum Kauen«, befahl er, »wenn ihr müde werdet, reibt ihn euch in die Augen. Wenn euch die Lieder zufallen, wisst ihr warum.« Der gefürchtete Tabak verursachte einen brennenden Schmerz in den Augen. Deswegen versuchte man mit allen Mitteln wach zu bleiben, ohne, dass man sich das Teufelszeug in die Augen reiben musste. Nach etwa vier Stunden durfte man seine Ablöse wecken. John hatte eine Taschenuhr, die er nachts den Wächtern gab, damit sie wussten, wann es Zeit war. »Zweites Gesetz: Wer beim Schlafen erwischt wird, wird nach Hause geschickt. Ohne Pferd und ohne Essen.«

Die Wrangler sattelten die Nachtpferde, sobald die anderen sich schlafen legten. Die sogenannten Night Horses. Sie standen bereit, falls man schnell aufs Pferd springen musste.

Die ersten Wochen waren einfach nur staubig und unangenehm. Waschen konnte man sich nur, wenn sie an einen See oder Fluss vorbeikamen. Das mitgeführte Wasser war zum Verzehr vorbehalten und einfach zu kostbar, um es für Körperhygiene zu verschwenden.

»Gesetz Nummer drei: Wasser ist stets vernünftig zu verzehren. Gebt eurem Pferd mehr Wasser, als euch selbst. Wir werden, wenn Gott uns hilft, regelmäßig an Wasserstellen vorbeikommen. Es kann aber auch mal eine Wasserstelle ausgetrocknet sein oder verdorben. Spart euer Wasser und füllt es nach, so oft es geht.«

An einem dieser Abende saßen Martin, Reinhard, Calamity und Bale zusammen am knisternden Feuer. Chuck war dabei sein Geschirr wegzuräumen und die anderen Cowboys hatten es sich wo anders gemütlich gemacht. Calamitys Gesicht war an diesem Abend besonders staubig. Als er seinen Hut abnahm, kam eine gerade gezogene Linie auf seiner Stirn zum Vorschein. Unterhalb der Linie war sein Gesicht staubig, darüber blass weiß. Es wirkte geradezu komisch. Gelbe Zähne blitzten aus seinem Mund hervor, wenn er sprach. Er erzählte von den vielen Trecks, auf denen er schon dabei war und von seinem vielen Geld auf der Bank in Kansas. Jede seiner Erzählungen war umhüllt von Glanz und Gloria. Bale stachelte ihn immer wieder an, auf eine Art und Weise, die ihn in seinem eigenen Lobgesang bestätigte. Martin hörte anfangs nur aus Höflichkeit zu. Reinhard hingegen fand bald einen Freund in Calamity, was Bale erzürnte. Er versuchte Reinhard gegen seinen eigenen Bruder aufzuhetzen, um einen Keil zwischen die beiden zu treiben. Warum wusste er wohl selbst nicht. Er äußerte, dass Reinhard viel dünner als Martin sei. Martin wäre viel größer und kräftiger. Er nur der kleine, dürre Bruder, der immer im Schatten seines großen Bruders stehen würde. Martin ignorierte diese Sprüche. Reinhard anfangs ebenfalls. Doch fiel dieser Spott auf einen nahrhaften Boden, auf dem bald etwas samen sollte.

Früh am Morgen, weckte John Martin mit einem heftigen Schulterrüttler. »Steh auf, Martin. Du musst mir helfen!«, flüsterte er, doch die anderen wurden ebenso wach davon. »Ein einfacher Schulterstups hätte gereicht. Was ist denn?« John sah sich um, seine Stimme war ernst: »Wir müssen heute Wegzoll zahlen. Begleite mich. Bei denen weiß man nie, ob man heil zurückkommt.«

Martin und John ritten davon. Bale nickte in ihre Richtung und sah zu Reinhard. »Er nimmt deinen Bruder mit. Nicht dich.« Reinhard drehte sich um und rollte sich in seine Decke ein. »Soll mir recht sein, dann kann ich mich nochmal einrollen.«

Sie ritten etwa eine Stunde der Sonne entgegen. Es war ein frischer, aber warmer Morgen. Die Sonnenstrahlen tasteten sich langsam über die Bergspitzen. Die Luft war klar und rein. Sie kamen an eine Schlucht. »Hier müssen wir die Rinder durchtreiben«, erklärte John, »es ist für die Indianer ein Einfaches uns hier zu töten und uns die Rinder wegzunehmen. Deswegen zahlen wir ihnen Wegzoll.« Martins Herz schlug heftig. Sein Blick schweifte unruhig über die Felswände und das dichte Gestrüpp. Ideal für einen Hinterhalt. »Indianer?«, fragte er mit einer Mischung aus Faszination und Sorge in der Stimme, »kannst du dich mit ihnen verständigen?«

»Ja, ein paar von ihnen sprechen ein paar Brocken Englisch. Überlass mir das Reden. Sei du einfach nur dabei. Ich wollte nicht allein sein. Und du, als großer, weißer Mann, machst bestimmt Eindruck.«

Sie lenkten ihre Pferde durch die Schlucht und blieben an einem markanten Felsen stehen. John sprang vom Pferd und kletterte auf den Felsen. In einer ausgewaschenen Mulde legte er etwas hinein und stieg wieder hinab. Die letzten Meter rutschte er mit seinen Stiefeln hinunter und fluchte, als er sich bei dem Versuch, sich irgendwo festzuhalten, die Hände aufriss. Er klopfte den Staub von der Kleidung, sah neidisch auf Martins Hose, blies vorsichtig den Staub von seinen Händen und wollte sich gerade verarzten, da hielt er inne. »Hast du das gehört?« Sie lauschten. Martin schüttelte sachte seinen Kopf. Er hatte nichts gehört. »Da hat jemand gelacht«, sagte John beleidigt. Angestrengt versuchten sie, etwas zu hören. Aber es war nur der Wind, der sanft durch das Tal wehte, oder die Hufe der Pferde, die sich während des Wartens abwechselnd von einem Bein auf das andere stellten. Hin und wieder rasselten sie mit ihrem Zaumzeug. Dann zeigte er sich. Ein junger Indianer. Braun gebrannt, etwa so groß wie John, kräftig und entschlossen. Eine braune Lederhose mit Riemen an den Seiten kleidete ihn. Sein Oberkörper war frei. Um den Hals trug er eine enge, bunte Kette. Sein offenes, langes, schwarzes Haar wehte im sanften Wind. Sein Gesicht war freundlich und seine Augen lächelten. Er sah John und Martin abwechselnd an. Martin freute sich und lächelte zurück. John ergriff das Wort. Er stand direkt vor ihm. »Friede!«, sagte er und machte dabei eine Handbewegung. Der Indianer schaute auf Johns Hand, lächelte erneut und führte seine eigene Hand vom Herzen zum Kopf, so, als wollte er sagen: So geht das. John sprach laut weiter: »Ich, Rinder, heute, hier durch. Wegzoll. Du sehen. Da oben.«

Er deutete auf den Felsen und auf das kleine Versteck, in das er etwas vor ein paar Minuten gelegt hatte. Flink sprang der Indianer auf den Felsen und genauso beweglich sprang er wieder hinab. Ohne auszurutschen oder sich festzuhalten. Er packte die in ein Tuch gewickelten Gegenstände aus und betrachtete sie. Ein paar Hufnägel, ein zerbrochenes Stück Glas und ein Becher. John nickte und ging zu seinem Pferd. »Jetzt bloß weg hier«, murmelte er. Doch da sagte von hinten der Indianer: »Moment mal, Freundchen. Glaubst du allen Ernstes, dass du dafür etwas bekommst? Das hier ist och wertloser Kram. Vor eurem Krieg habt ihr uns noch mit Besserem bezahlt. Habt ihr denn alles verloren in eurem absurden Gemetzel? Wisst ihr eigentlich, wie wir über euch denken? Erst bekämpft ihr uns, dann euch selbst. Wer ist denn als Nächstes dran? Geht das immer so weiter? Wenn ich mir diesen Unrat ansehe, dann befürchte ich es.« John blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich langsam wieder zu ihm um. Der Indianer fuhr fort: »Außerdem ist es sehr unhöflich, jemandem den Rücken zuzukehren. Besonders nach dieser Farce.«

»Nach dieser was?«, fragte John verblüfft, überrascht, den Indianer mit solch gehobener Sprachkenntnis anzutreffen. Martin antwortete: »Farce. Das bedeutet nach dem du so eine lächerliche Bezahlung eingepackt hast. Woher kannst du so gut Englisch?« Der Indianer lächelte: »Wo sind nur eure Manieren, Gentlemen. Wollen wir uns nicht erst mit Namen vorstellen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte er: »Mein Volk nennt mich Kaletaqua. Die Deutschen nennen mich Kale. Die Engländer nennen mich Kelly.«

»Johannes Bäcker, die Engländer nennen mich John Baker.«

»Martin Engel, die Engländer nennen mich... Martin Engel.«

»Freut mich, euch kennenzulernen. Lasst uns aus der Schlucht raus und am Wasser Rast machen. Dort können die Pferde ihren Durst stillen.«

»Und wir auch«, fügte Martin hinzu. Der Indianer holte sein Pferd und sie ritten ihm nach. Martin war erpicht darauf, mehr von Kaletaqua zu erfahren und ritt neben ihm. John hingegen fühlte sich überrumpelt und dachte fieberhaft darüber nach, was er dem Indianer noch anbieten könnte. Wenn sie den Weg umgehen müssten, würde das Wochen in Anspruch nehmen. Hinzu käme, dass er keine Wasserstellen auf dem neuen Weg kennt. 'Vor dem Krieg war es einfacher. Die Indianer waren mit ein paar Glitzersachen zufrieden und stammelten nur einzelne Wörter. Aber der hier, der spricht besseres Englisch als wir.'

Martin lächelte den Indianer an. Ihm fiel seine Hose auf. »Robuste Hosen trägst du.«

»Ja, aber sie sind nicht sehr dehnbar. Deine Hose ist aus einem anderen Stoff als gewöhnlich. Darf ich mal anfassen?«

»Natürlich. Die ist von einem Freund aus New York.«

»Sehr schönes Material. Was ist das?«

»Ein etwas derberer Baumwollstoff.«

»Und diese Knöpfe?«

»Das sind Nieten. Reißfester, als wenn man es näht.« »Sehr klug, dein Freund aus New York. Mir gefällt auch dein Hut. Aber keine Sorge, den möchte ich nicht anfassen. Ich weiß, es gehört sich nicht.«

»Nun sag‘ schon, Kaletaqua, woher kannst du die englische Sprache so gut?« Der Indianer freute sich, dass Martin sich seinen richtigen Namen gemerkt hatte. Er sah ihn respektvoll an und senkte dabei kurz seinen Kopf. »Martin Engel«, wiederholte er, »als kleines Kind wurde ich von meinem Stamm entführt und von einer englischen Familie nach Boston verschleppt. Dort bin ich aufgewachsen und dort lebte ich bis ich siebzehn Jahre alt war. Eines Tages traf ich auf einen Schwaben, aus dem Königreich Württemberg. Er war groß und breitschultrig. So ähnlich wie du. Er war sehr elegant gekleidet und brachte mich zurück zu meinem Stamm. Das ist nun auch schon wieder einige Jahre her. Er nannte mich Kale und brachte mir ein paar Wörter Schwäbisch bei.«

»Tatsächlich, welche denn?«

»Grüß Gott, wir wollet Frieden, wenn ihr ihn auch wollt. Wir kämpfet, wenn ihr kämpfe‘ wollt.«

»Gute Worte.«

Sie setzten sich an einen kleinen Teich nieder und unterhielten sich über Boston, lachten über die Engländer und Martin erzählte von sich und seinem Bruder. John wurde dabei immer ungeduldiger. »Es tut mir leid, aber die Rinderherde wird bald hierdurch müssen. Werdet ihr uns denn passieren lassen?«

»Natürlich nicht.«

John stockte der Atem. »Aber warum denn nicht? Ich kann, … wir können keine Verzögerung hinnehmen! Was wollt ihr denn?«

»Das sage ich dir. Gib uns zwanzig Rinder und wir lassen dich passieren. Wir lassen dich nicht nur passieren, wir werden dir sogar helfen. Denn ich weiß etwas, was du nicht weißt.« Er lächelte souverän. »Bevor ich es dir sage, musst du mir versprechen, für immer und für alle Zeiten uns Einheimische mit Respekt zu behandeln. Meine Brüder und Väter sind nicht so nett wie ich. Wenn sie mitbekommen, dass du uns mit Kram abspeisen wolltest, wären sie schon längst auf dem Weg zu euch.«

»Uns zu überfallen?«

»Ja, euch zu überfallen und euch einige Rinder abzunehmen. Ihr Weißen habt uns unsere natürlichen Nahrungsquellen genommen. Wir Indianer verhungern. Und ihr, ihr treibt hier Tausende von Rindern durch unser Gebiet, während wir unseren Frauen und Kindern erklären müssen, dass wir nichts abbekommen. Nein, nein. Ihr Weißen hattet eure Zeit. Jetzt, da wir eure Sprache und eure Gepflogenheiten kennen, weht ein neuer Wind.«

Der Blick des Indianers war klar und sein Gesicht trug den Ausdruck großer Rechtschaffenheit. Er hatte feingliedrige Gesichtszüge, die er zu keiner Zeit zu einer Grimasse oder zu einem übertriebenen Ausdruck reizte. Martin nickte ihm zustimmend zu: »Ich wünschte, die Indianer und die Weißen hätten Freunde werden können.«