Gewalt: Das Dilemma mit dem Selbstwert - Bernd Heyder - E-Book

Gewalt: Das Dilemma mit dem Selbstwert E-Book

Bernd Heyder

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Beschreibung

Gewalttäter so zu therapieren, dass sie nach einer Haftstrafe oder Verurteilung auf Bewährung nicht mehr rückfällig werden, ist das Ziel vieler Resozialisierungsmaßnahmen. Erfolgreich sind jedoch nur wenige – denn sie setzen nicht an der richtigen Stellschraube an. Bernd Heyders Ansatz der Klientzentrierten-Gewalt-Analyse® (KGA) bietet einen innovativen Ausweg, der im Rahmen des Anti-Aggressivitäts-Trainings angewandt werden kann. Die KGA® erkennt, dass Gewalttäter ein massives Selbstwertproblem haben, das sie mittels Gewalt – zumindest kurzfristig – kompensieren können. Ihre Gewalttaten allerdings sind gegen ihre eigenen Wertvorstellungen gerichtet. Die Schuldgefühle, die sie dafür eigentlich haben müssten, werden auf selbstbetrügerische Weise neutralisiert. Damit stecken sie in einem Dilemma fest, denn Gewalt führt nicht, wie sie denken, aus der Selbstwertproblematik hinaus, sondern immer tiefer in sie hinein. Die KGA® unterbricht diese Negativspirale und lässt den Tätern das aufgezeigte Dilemma bewusst werden. So werden in ihnen Energie und Motivation für dringend notwendige Veränderungen freigesetzt, die sie für den Weg in ein gewaltfreies Leben nutzen. Bernd Heyder entwickelte seine Methode auf Grundlage jahrelanger Praxiserfahrung als Sozialpädagoge in der Resozialisierung Straffälliger. In seinem vorliegenden Buch beschreibt er das Dilemma der Täter und die Anwendung der KGA® im Anti-Aggressivitäts-Training anschaulich am Beispiel realer Gewalttaten und Gewalttäter. Das Buch richtet sich an Pädagogen, Psychologen, Lehrer, Sozialarbeiter sowie an Beschäftigte in Justiz und Verwaltung. Die Lektüre ist ein Muss für jeden professionellen Helfer, der mit Menschen konfrontiert ist, für die übersteigerte Aggressionen und Gewalt ein Mittel zur Problemlösung darstellen.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2016

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung
Teil 1: Begriffserklärungen
Gewalt
1. Aggression
2. Bin ich ein Gewalttäter?
3. Gewalt hat einen Täter und ein Opfer
4. Gewalt verletzt Körper und Seele
5. Gewalt nutzt ungleiche Kräfteverhältnisse aus
6. Gewalt ist feige
7. Gewalt hat Ursachen, Auslöser, zielgerichtete Absichten und Konsequenzen
Moral
1. Definition von Moral
2. Gerechtigkeit und Fairness als menschliche Grundmotivation
3. Moral ist eine intuitive Fähigkeit
4. Moral ist ein grundsätzlicher Anspruch
5. Moral ist eine feste Größe
Selbstwert
1. Definition von Selbstwert
2. Der innere Selbstwert
3. Der äußere Selbstwert
4. Selbstwert und Selbstnutzen
5. Selbstwertmangel
6. Die Selbstwertverletzung als Aggressionsauslöser
Teil 2: Die Auswirkungen der Erkenntnisse auf die Klientel
Das Dilemma
1. Das ideale Selbstbild und das reale Selbstbild
2. Der moralische Selbstbetrug
3. Der persönliche Selbstbetrug
4. Die kognitive Dissonanz
Die Logik der Gewalt
1. Die misserfolgsorientierten Persönlichkeitsstrukturen
2. Der sozialisierte Gewalttäter
Schlussfolgerungen für eine erfolgsorientierte Behandlungsstrategie
Teil 3: Die Klientzentrierte-Gewalt-Analyse (KGA®)
Die Grundlagen
1. Neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung
2. Das Moralempfinden ist eine intuitive Fähigkeit des Menschen
3. Die kognitive Dissonanz
Inhalte und Methoden
1. Arbeiten mit negativen Persönlichkeitsanteilen
2. Arbeiten mit moralischen Grundwerten
3. Arbeiten mit konfrontativen und provokativen Methoden
4. Persönliche Erfahrungen
Die Durchführung
1. Die Spiegelung
2. Die Vorarbeit: Voraussetzungen schaffen für konfrontatives Arbeiten
3. Die Nacharbeit: Installieren erfolgsorientierter Handlungsstrategien
Anwendungsmöglichkeiten der KGA
1. Die „Klientzentrierte-Gewalt-Analyse“ im „Anti-Aggressivitäts-Training“
2. Die Persönlichkeitsanalyse
3. Gewaltprävention an Schulen
Evaluation
1. Ambulante Maßnahmen für jugendliche und heranwachsende Intensivtäter
2. Cool at School: Eine gewaltpräventive Maßnahme für Schulklassen
3. Ambulante und stationäre KGA® für erwachsene Straftäter
Feedback
1. Stanis verabschiedet sich von seinen alten Verhaltensweisen
2. Stefan verabschiedet sich von seinem alten Leben
3. Sinar beantwortet Fragen in seiner Abschlussarbeit
4. Erhan beantwortet Fragen in seiner Abschlussarbeit
5. Robert, der Sicherheitsverwahrte, verabschiedet sich von seiner massiven Gewaltbereitschaft
6. Hassan verabschiedet sich von seinem alten Ich
Teil 4: Übergeordnete Betrachtungsweisen
1. Eine philosophische Betrachtung
2. Eine gesellschaftskritische Betrachtung
3. Schlusswort
Anmerkungen

Vorwort

Dieses Buch ist keine weitere theoretische Abhandlung über das Thema Gewalt. Es ist kein weiterer Versuch, das Phänomen Gewalt anhand von anonymen Statistiken oder Evaluationen zu erklären. Es ist aus der Praxis entstanden und für die Praxis geschrieben. Es beschränkt sich deshalb auch nicht darauf, die allgemein bekannten Risikofaktoren wie geringer Bildungsstatus, geringer ökonomischer Status oder innerfamiliäre Gewalterfahrung aufzuzählen.

Dieses Buch geht einen Schritt weiter. Es beantwortet die Fragen nach dem Warum. Es fasst die Realitäten der Täter, die Ursachen, die Auslöser, die Zielsetzung und die Konsequenzen ihrer Taten in einem schlüssigen Konzept zusammen. Damit wird das Phänomen Gewalt nachvollziehbar. Es zeigt am Beispiel realer Geschehnisse auf, wie und warum Gewalt entsteht. Es erklärt das Dilemma der Täter, das dabei sichtbar wird, und es erklärt die therapeutischen Methoden, die als wirksame Antwort auf dieses Dilemma entwickelt wurden.

Dass sich diese Schlussfolgerungen mit den neuesten neurobiologischen Erkenntnissen der Aggressionsforschung decken, bestätigt zum einen, dass die in der Praxis des realen Lebens beobachteten Zusammenhänge neurobiologisch nachweisbar sind, und zum anderen, dass die unter Laborbedingungen erzielten Forschungsergebnisse auf reale Lebensbedingungen übertragbar sind.

Die hier vorgestellten Erkenntnisse basieren auf den Daten von über 600 jugendlichen und erwachsenen Gewalttätern, die alle bei mir gewaltpräventive Maßnahmen, wie z.B. Anti-Aggressivitäts-Training, Soziale Trainingskurse, Klientzentrierte-Gewalt-Analyse etc., absolviert haben. Sie alle haben ihre Biographien, ihre Taten, ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Ziele und Sehnsüchte dokumentiert und reflektiert, sodass ich Gemeinsamkeiten, Muster und Tendenzen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln erkennen konnte. Die Behandlungsmethoden konnten so auf die spezifischen Probleme und Persönlichkeitsstrukturen dieser Klientel ausgerichtet werden. Sie wurden in der Praxis entwickelt, erprobt und immer weiter optimiert. Sie werden vom pädagogischen und psychologischen Fachpersonal geschätzt, und sie werden von den Teilnehmern wohlwollend angenommen und rückblickend als eine lebensverändernde Erkenntnis und Erfahrung bewertet. Sie haben sich bereits über Jahre hinweg in der praktischen Arbeit der Gewaltprävention bewährt.

Deshalb sind die Methoden, um die es hier geht, auch nicht neu. Neu ist aber, dass sie zu einer einzelnen Maßnahme gebündelt und unter dem eigenständigen Namen Klientzentrierte-Gewalt-Analyse (KGA®) vorgestellt werden.

Anmerkung:

Gewalt hat viele Facetten und kennt viele unterschiedliche Formen. Wir beschränken uns in diesem Buch auf die individuelle Gewalt, weil letzten Endes jede Form der Gewalt von einem Individuum ausgelöst oder ausgeübt werden muss. Gesellschaftliche, ideologische, religiöse oder kulturelle Hintergründe kommen zur Sprache, stehen aber nicht im Mittelpunkt, denn Gesellschaften, Ideologien, Religionen oder Kulturen können keine Verantwortung übernehmen und lassen sich auch nur schwer verändern – Individuen allerdings schon.

Einleitung

„Kaum etwas anderes dürfte eine solche Plage sein wie der Minderwertigkeitskomplex von Menschen, die um ihre Achtung fürchten und deren mangelnde Selbstachtung sie zum Äußersten verleitet. Viel mehr als jeder schnöde Egoismus tyrannisiert er die Menschheit.“1

Mit dieser Aussage liefert Precht die zutreffendste Beschreibung eines Gewalttäters, die ich je gelesen habe. Unsere Geschichtsbücher sind voll mit ruhmreichen Königen, Feldherren, Diktatoren, Revolutionsführern oder Präsidenten, auf die diese Definition zweifellos zutrifft. Unzählige namenlose getötete Männer, geschändete Frauen, verschleppte Kinder und gebrandschatzte Städte zeugen von dem großen Leid, das diese Gewalttäter einzig und allein zur Steigerung ihres persönlichen Ansehens seit Jahrtausenden über die Menschheit gebracht haben. Auch heute befinden sich etliche solcher Persönlichkeiten in Amt und Würden und wir können täglich in den Medien beobachten, wie sie zur Festigung und Steigerung ihres persönlichen Ansehens Angst und Schrecken in ihrem Machtbereich verbreiten. Erst Mitte des letzten Jahrhunderts, nach tausenden von Jahren der geduldeten Tyrannei und des Machtmissbrauchs, wurden die ersten gewalttätigen Führungspersönlichkeiten durch den internationalen Gerichtshof verfolgt, öffentlich angeklagt und als Kriegsverbrecher verurteilt.

Aber nicht gewalttätige Könige, Diktatoren oder Präsidenten aus fernen Ländern sind unser Thema, sondern gewaltbereite junge Männer in Deutschland, auf die die Beschreibung von Precht ebenso zutrifft, weil auch sie sich auf Grund mangelnden Selbstwertempfindens zum Äußersten verleiten lassen.

Sie alle, ob Präsident oder Jugendlicher, haben aus den unterschiedlichsten Gründen diesen Mangel an Selbstwert entwickelt. Vielleicht waren es traumatische Kindheitserlebnisse, vielleicht war es eine Erziehung, die von Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit geprägt war, vielleicht waren es Diskriminierungen auf Grund ihres Status (z.B. soziale oder ethnische Zugehörigkeit), ihrer seelischen Verfassung (z.B. Schüchternheit, Ängstlichkeit) oder eines körperlichen Merkmals (z.B. kleiner Wuchs, Übergewicht, Hautfarbe), vielleicht waren es auch einfach nur Misserfolgserlebnisse in der Schule, im Freundeskreis oder bei Mädchen. Es könnte auch eine einzige Niederlage gewesen sein, die sich als traumatische Schmach im Selbstwertempfinden manifestiert hat. Was es auch gewesen sein mag, sie alle fühlten sich durch ihre Erlebnisse zutiefst gedemütigt und dadurch mit einem Makel behaftet, der ihr Selbstwertempfinden erheblich herabgesetzt hat. Sie alle haben sich irgendwann in ihrem Leben dazu entschlossen, diese ständig schmerzende Wunde auszumerzen, die Demütigungen rückgängig zu machen und solche Erlebnisse nie mehr geschehen zu lassen. Sie alle wurden in ihrem Sinne erfolgreich, und zwar um jeden Preis, und konnten damit sich selbst und dem Rest der Welt beweisen, dass sie nicht klein, sondern groß sind.

Die erfahrenen Demütigungen allerdings lassen sich nicht rückgängig machen. Mit dem Anhäufen von persönlichen Erfolgen kann man lediglich zeitweise vom eigentlichen Makel ablenken und bestenfalls kurzfristig das Verlangen nach Wiedergutmachung der Selbstwertverletzungen befriedigen. Eine Auflösung des Minderwertigkeitsproblems erreicht man dadurch nicht. Diese lässt sich nur über Erkenntnis bewerkstelligen – die Erkenntnis, dass es eine persönliche Schwäche gibt, und die Erkenntnis über Ursache und Wirkung dieser Schwäche. Aber genau an diesem Punkt beißt sich die Katze in den Schwanz, denn eine von mangelnder Selbstachtung geplagte Persönlichkeit wird alles meiden, was auf persönlichen Misserfolg, Mangel oder Makel hindeutet. Und so ist dieser Mensch nicht nur gezwungen, seine Schwäche immer weiter zu leugnen, sondern im Gegenzug auch getrieben, durch immer neuere und größere Erfolge auf anderen Ebenen die ersehnte Aufwertung der eigenen Persönlichkeit zu erlangen.

Selbstwertverletzungen und die Sehnsucht, diese durch erfolgreiches Handeln zu kompensieren, muss aber nicht zwangsläufig negative und destruktive Auswirkungen haben. Ob im alltäglichen Leben, im Sport, in der Kultur, in der Politik oder in der Wissenschaft: In allen Bereichen des Lebens können Niederlagen immer wieder Ansporn und Triebfeder für Höchstleistung sein. Die Erde wäre heute noch eine Scheibe, wenn nicht mutige Wissenschaftler und Philosophen trotz Hohn, Spott, Demütigung und Verfolgung, also trotz massiver Selbstwertverletzungen, das angestammte Wissen in Frage gestellt hätten. Wenn allerdings das eigene Ansehen nicht durch eine herausragende persönliche Leistung, sondern nur auf Kosten seelischer und körperlicher Unversehrtheit Anderer gesteigert werden kann, dann haben wir es mit Gewalt zu tun. Dieses Handeln entspricht nicht unserem moralischen Wertekodex. Häufen sich solche Fälle oder wird solches Verhalten alltäglich oder sogar üblich, dann ist das eine gefährliche Entwicklung, die unsere demokratischen und freiheitlichen Grundwerte erschüttern kann.

Dank flächendeckender Überwachungskameras können wir in den Medien immer häufiger Bilder brutaler tätlicher Übergriffe auf unschuldige Bürger sehen. So z.B., als im Jahr 2009 zwei junge Männer in der Münchener U-Bahn hemmungslos auf einen wehrlosen, alten Mann einschlugen und eintraten, obwohl er bereits bewusstlos am Boden lag. Auslöser für diese Brutalität war eine Rüge des alten Mannes, mit der er die rauchenden jungen Männer auf das Rauchverbot in der U-Bahn hinweisen wollte. Als Reaktion auf diesen brutalen Überfall ging zu Recht ein Aufschrei der Entrüstung durch die Medien, die Politik und die Bevölkerung. Diese öffentliche Aufmerksamkeit und die darauf folgende Diskussion über die zunehmende Gewaltbereitschaft junger Menschen haben wir allerdings nicht der Einsicht zu verdanken, dass wir hier mit einer ernst zu nehmenden Fehlentwicklung konfrontiert sind, sondern wohl eher der Sensationsabhängigkeit der Medien, die Live-Bilder von diesem Geschehen liefern konnten.

Sensationen sind kurzlebig, wen kümmert die Zeitung von gestern. Dementsprechend war das Thema schnell wieder aus dem öffentlichen Interesse verschwunden. Doch das Problem blieb uns erhalten und wurde uns durch die nächste massive Attacke in der Münchner S-Bahn schmerzlich ins Gedächtnis gerufen. Diesmal wurde ein 50-jähriger Unternehmer von aggressiven Jugendlichen zu Tode geprügelt, weil er sich schützend vor eine Gruppe Kinder stellte, die von diesen Jugendlichen bedrängt wurde.

Jetzt war das Thema wieder aktuell. Man sah in den TV-Talkshows die gleichen Politiker, Wissenschaftler und Publizisten und hörte die gleichen Argumente zu Ursachen, Hintergründen und Lösungsmöglichkeiten. Auf der einen Seite wurden härtere Strafen gefordert, weil es der breiten Wählermasse angesichts solcher Brutalität nach Rache dürstet. Auf der anderen Seite wurden gebetsmühlenartig die anonymen Statistiken der Wissenschaft bemüht, die eindeutig aufzeigen, dass es solche Gewalttaten schon immer gegeben habe. Es handele sich hierbei lediglich um ein von den Medien künstlich aufgebautes, subjektives Empfinden. Der Mangel an Bildung wurde einstimmig als Hauptursache für die Gewaltbereitschaft junger Menschen verantwortlich gemacht.

An der Basis, dort wo Pädagogen und Psychologen in der Gewaltprävention arbeiten, veränderten sich die Bedingungen wenig. Im Gegenteil, die Arbeit wird immer schwieriger. Zum einen werden die eigentlichen Ursachen für Gewalttaten nicht gesehen – gewollt oder ungewollt – und zum anderen wird mit den finanziellen Mitteln gegeizt. Den professionellen Helfern gehen die Argumente aus angesichts einer galoppierenden Inflation unserer moralischen Grundwerte. Wie soll man glaubhaft moralische Integrität von Straftätern einfordern, wenn in den Führungsetagen unserer Gesellschaft hemmungsloser, antisozialer Egoismus vorgelebt wird. Und wie soll man die eigene Arbeitsmoral hoch halten, wenn man um jeden notwendigen Cent aus öffentlichen Geldern feilschen muss, aber gleichzeitig Milliardenbeträge aus dem gleichen Topf in zwielichtige Geschäfte unserer Bankenelite fließen.

Diese Ignoranz ist fatal. Die Realität der Täter, abseits von Medien, Politik, Wissenschaft und Talkshows, ist anderen Gesetzen unterworfen. Wer mit den unzähligen Gewaltattacken, die tagtäglich irgendwo in unserem Land passieren, zu tun hat, wer sich für die Täter, deren Motive und vor allem für die Ursachen, die zu diesen Motiven führen, interessiert, der weiß, dass wir es mit einer bedrohlichen Entwicklung zu tun haben, der man mehr ernsthafte Aufmerksamkeit entgegenbringen sollte.

Härtere Strafen sind keine Lösung, weil der Gewalttäter im Augenblick der Tat nicht von der Sorge um die Konsequenzen seiner Tat geleitet wird, sondern einzig und alleine von der Sorge um sein Selbstwertgefühl, das er subjektiv derart verletzt sieht, dass er es nur noch mit Gewalt wieder herstellen kann. Zudem hat die USA, obwohl die Todesstrafe existiert, eine zehn Mal höhere Mordrate als Deutschland2. Das ist Beweis dafür, dass härteste Strafen brutale Gewalt nicht verhindern. Drakonische Strafen dienen also nicht der Gewaltprävention, sondern lediglich der Befriedigung des Rachegefühls.

Auch die Statistiken der Wissenschaft geben keine ausreichenden Antworten. Kann die Statistik das Ausmaß der Gewalt auf der Straße überhaupt erfassen, wo doch die meisten Gewaltattacken gar nicht zur Anzeige, geschweige denn zur Aufklärung kommen, und ist die Zunahme der Brutalität nicht auch eine Zunahme der Gewalt?

Die empirische Forschung nennt uns drei grundsätzliche Risikofaktoren für Gewalt:

Innerfamiliäre Gewalterfahrung

Geringer Bildungsstatus

Geringer ökonomischer Status

Aus diesen Erkenntnissen können wir herleiten, dass die meisten Gewalttäter eines oder mehrere dieser Kriterien erfüllen, nicht aber, warum sie häufiger als andere zur Gewalttätigkeit neigen. Wenn ich Gewalttäter erfolgreich behandeln will, dann stellt sich die Frage nach der Ursache:

Was, bitteschön, hat z.B. fehlende Bildung damit zu tun, dass einer gerne einem anderen die Fresse eintritt?

Die Antwort finden wir, indem wir die Auswirkungen betrachten, die diese Risikofaktoren für den Einzelnen zur Folge haben. Alle drei genannten Faktoren verursachen Gefühle der Erniedrigung und Demütigung, wodurch die Entwicklung eines tragfähigen Selbstwertgefühls verhindert oder zumindest gestört wird. Der so entstandene Mangel an Selbstwert erhöht die Sensibilität für Herabsetzungen erheblich. Dadurch entsteht bei unserer Klientel häufiger als bei anderen (Menschen mit gesundem Selbstwert) das Gefühl, den Wert der eigenen Person verteidigen oder wiederherstellen zu müssen. Zu diesem Zweck ist Gewalt ein probates Mittel. Einerseits stellt sich mit der Erniedrigung des Opfers gleichzeitig die Aufwertung für den Täter unmittelbar und sichtbar ein und andererseits genießt er die Aufmerksamkeit und die Anerkennung der Gleichgesinnten innerhalb seiner Subkultur. Ein junger, erfolgloser Deutscher, der freiwillig in den Irak gegangen ist, um sich den radikalen Kämpfern des Islamischen Staats anzuschließen, brachte dies in einem Interview auf den Punkt. Auf die Frage nach dem „Warum“ antwortete er: „Dort bin ich wer.“

So funktioniert Gewalt. Allerdings werden bei der Ausübung von Gewalt stets die moralischen Grundwerte missachtet, die auch alle Gewalttäter für sich selbst einfordern, nämlich faires, respektvolles und wohlwollendes Verhalten. Damit ist Gewalt gegen die eigene moralische Integrität gerichtet und schwächt so den inneren Selbstwert. Das ist ein Dilemma.

Einerseits wird Gewalt benutzt, um den angeschlagenen Selbstwert wiederherzustellen.

Andererseits schwächt Gewalt den inneren Selbstwert, weil sie unmoralisch ist.

Die Antwort auf dieses Dilemma ist die Klientzentrierte-Gewalt-Analyse (KGA®). Eine therapeutische Methode der tertiären Gewaltprävention, die in der ständigen Arbeit mit dieser Klientel entwickelt wurde und die durch neuere neurobiologischer Erkenntnisse ihre Bestätigung findet. In drei Schritten visualisiert sie die verdrängten Realitäten der Täter und stellt sie damit unumkehrbar in ihr Bewusstsein. Dieser schonungslose und ehrliche Umgang mit sich selbst bringt den Protagonisten nicht nur Einsicht und Erkenntnis, sondern auch die Achtung und den Respekt aller Beteiligten. Diese Erfahrungen stärken den inneren Selbstwert.

Teil 1: Begriffserklärungen

Die Begriffe Gewalt, Selbstwert und Moral spielen, wie bereits angedeutet, in diesem Buch eine tragende Rolle. Will man das Phänomen Gewalt verstehen und nachvollziehen, dann müssen diese Begriffe erklärt und definiert werden. Die folgenden Ausführungen beziehen sich vorwiegend auf Straftaten und Biographie-Daten strafrechtlich verurteilter Gewalttäter und sind deshalb nicht unbedingt allgemein gültig. Aber gerade deswegen eignen sie sich hervorragend für die selbstkritische Reflexionsarbeit, die diese Klientel auf dem zwingend notwendigen Weg der Selbsterkenntnis leisten muss.

Gewalt

Bevor wir uns dem Thema Gewalt widmen, sollten wir den übergeordneten Begriff der Aggression kurz beleuchten. Schließlich ist Gewalt auch eine Form der Aggression.

1. Aggression

In der praktischen Arbeit der Gewaltprävention haben sich etliche Programme etabliert, die sich ganz allgemein gegen Aggression wenden. Das wohl bekannteste ist das Anti-Aggressivitäts-Training, kurz AAT®. Diese Bezeichnung ist allerdings irreführend, denn sie vermittelt, dass Aggression an sich ein nicht wünschenswertes, destruktives Verhalten sei, dem man entgegensteuern müsste. So finden sich an vielen Schulen allerlei präventive Methoden und Projekte, die jegliche Form der Aggression bei den Schülern verhindern oder unterbinden wollen.

Aggression ist aber nicht zwangsläufig negativ oder destruktiv. Die neuesten neurobiologischen Forschungen erkennen in der Aggression ein soziales Regulativ. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Prof. Dr. med. Joachim Bauer beschrieb dies in seinem 2011 erschienenen Buch „Schmerzgrenze“ eindrucksvoll.

„Aggression ist ein evolutionär entstandenes, neurobiologisch verankertes Verhaltensprogramm, welches den Menschen in die Lage versetzen soll, seine körperliche Unversehrtheit zu bewahren und Schmerz abzuwehren. Die neurobiologischen Schmerzzentren des menschlichen Gehirns reagieren jedoch nicht nur auf körperlichen Schmerz, sondern werden auch aktiv, wenn Menschen ausgegrenzt oder gedemütigt werden. Nach dem Gesetz der Schmerzgrenze wird Aggression nicht nur durch willkürlich zugefügten Schmerz, sondern auch durch soziale Ausgrenzung hervorgerufen. Nicht ausgegrenzt zu sein, sondern befriedigende Bedingungen zu pflegen, zählt zu den menschlichen Grundmotivationen. Wer Menschen von Beziehungen abschneidet, indem er sie ausgrenzt und demütigt, tangiert die physische und psychische Schmerzgrenze und wird Aggression ernten.“3

Der Aggressionsapparat des Menschen ist somit ein neurobiologisches Hilfssystem, das in seiner biologischen Grundkonzeption im Dienst des sozialen Zusammenhalts steht.

„Aggression hat die Funktion, Störungen, die im sozialen Zusammenleben unvermeidlich immer wieder auftreten, zu regulieren. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Aggression als ein Signal verstanden werden kann, d.h. wenn sie eine kommunikative Funktion erfüllt.“4

Für die übereifrigen Aggressionsbekämpfer ist es wichtig zu wissen, dass das Unterbinden von Aggressionen nur die aktuelle Situation entschärft, nicht aber das eigentliche Problem.

„Wenn Aggression, aus welchen Gründen auch immer, nicht kommuniziert werden kann oder darf, dann bleiben die Komponenten des Aggressionsapparates, insbesondere die Angstzentren, neurobiologisch geladen.“5

D.h., diese Aggression wird nicht aufgelöst, sondern lediglich an einen anderen Ort und in eine andere Zeit verschoben und dort in der Regel unverhältnismäßig ausgelebt.

Bleibt die Frage: Wann ist Aggression in Ordnung, also kommunikativ, und ab wann ist sie das nicht mehr?

Bauer definiert Aggression folgendermaßen:

„Aggression ist jede physische oder verbale Handlung, die darauf angelegt ist, andere Personen zu konfrontieren, anzugreifen, zu schädigen oder zu töten. Dabei wird vorausgesetzt, dass es sich um eine Aktion handelt, die von der geschädigten Person abgelehnt wird oder der sie auszuweichen trachtet.“6

Er fasst im ersten Teil seiner Definition die Erkenntnisse verschiedener neuerer Forschungen zusammen und zeigt damit ein aktuelles und umfassendes Bild, das die ganze Bandbreite aggressiver Handlungen beinhaltet. Im nächsten Satz allerdings, wenn er von den Voraussetzungen für aggressives Verhalten spricht, schränkt er dieses umfassende Bild wieder ein, indem er lediglich von einer geschädigten, nicht aber von einer konfrontierten oder angegriffenen Person spricht. Dieser kleine, aber entscheidende Unterschied markiert die Grenze zwischen kommunikativer und gewalttätiger Aggression. Denn Konfrontationen und zum Teil auch verbale Angriffe sind aggressive Handlungen, die in einer Auseinandersetzung sich streitender Parteien, im Sinne einer Klärung, durchaus konstruktiven Charakter haben können. Auf Schädigungen und Tötungen trifft das nicht zu.

Damit verlassen wir den kurzen theoretischen Diskurs über Aggression und kommen wieder zu unserem Thema Gewalt (althochdeutschwaltan: stark sein, beherrschen). Wenn wir in der realen Arbeit mit Gewalttätern diesen Begriff therapeutisch sinnvoll definieren wollen, dann müssen wir allgemein verständliche und logisch nachvollziehbare Kriterien benennen.

2. Bin ich ein Gewalttäter?

Im Therapieraum einer Justizvollzugsanstalt, ein Gefängnis der höchsten Sicherheitsstufe, beginnt heute ein neues „Anti-Aggressivitäts-Training“. Die Kursteilnehmer sind alle wegen schwerer Gewaltdelikte zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und nehmen freiwillig an dieser Maßnahme teil. Sie haben alle die Indikationsvoraussetzungen erfüllt, denn sie haben sich in einem intensiven Anamnesegespräch einsichtig gezeigt und die Verantwortung für ihre Gewalttaten übernommen. Auf den ersten Blick optimale Therapievoraussetzungen: Einsichtige Täter, die freiwillig gekommen sind, um sich zu verändern.

Aber der Schein trügt, denn die Motivation für diese Maßnahme kommt weniger aus der Einsicht über ihr gewalttätiges Fehlverhalten als vielmehr durch die Aussicht auf persönliche Vorteile, wie z.B. Hafturlaub, offener Vollzug oder vorzeitige Entlassung. Auf diese Vollzugslockerungen könnten sie nicht hoffen, würden sie die Therapie ablehnen. Außerdem bietet die Therapie eine willkommene Abwechslung im langweiligen Gefängnisalltag.

So sitze ich zusammen mit meinem Kollegen und sechs Gewalttätern zum Warm-up (gegenseitiges Kennenlernen) in einem Stuhlkreis und stelle wie immer die eigentlich überflüssige Frage: „Wer denkt von sich selbst, dass er ein Gewalttäter ist?“ Und ich erhalte, bis auf wenige Ausnahmen, auch immer die gleiche Antwort:

Ich bin doch kein Gewalttäter.

Dieser Widerspruch, nämlich auf der einen Seite massive Gewalt ausgeübt zu haben, aber auf der anderen Seite kein Gewalttäter sein zu wollen, macht deutlich,

dass gewalttätiges Verhalten durch Verdrängungsmechanismen verharmlost oder geleugnet wird,

dass Gewalt ein dehnbarer Begriff ist, den man zum eigenen Vorteil unterschiedlich auslegen kann und

dass Gewalttäter zu sein nicht zu den eigenen moralischen Wertvorstellungen passt und deswegen keine Identifikation hergestellt werden kann.

Damit sind die Klienten gleich zu Beginn bei der wichtigsten Frage in der KGA angelangt.

Bin ich ein Gewalttäter oder bin ich kein Gewalttäter?

Die Antwort auf diese Frage ist für den Erfolg oder das Scheitern dieser Maßnahme von entscheidender Bedeutung. Sehe ich mich nicht als Gewalttäter, dann funktionieren meine Rechtfertigungs- und Verdrängungsmechanismen. Ich habe im Grunde nichts Unrechtes getan und sehe mich als moralisch integren Menschen. Dementsprechend sehe ich auch keine Notwendigkeit, mich zu verändern. Diese Einstellung macht eine Therapie überflüssig. Sehe ich mich allerdings als Gewalttäter, dann ist mir mein gewalttätiges Verhalten als Unrecht bewusst. Wenn ich zukünftig nicht mehr so sein will und vor allem nicht mehr ins Gefängnis kommen möchte, muss ich mich verändern. Diese Einstellung macht eine Therapie erst möglich.

Wenn diese Maßnahme Erfolg haben soll, müssen die Teilnehmer ihre Taten als Fehlverhalten erkennen und damit auch die Notwendigkeit zur Veränderung einsehen. Zu diesem Zweck werden wir in der Folge drei Kriterien benennen, die den Begriff Gewalt so eindeutig und unmissverständlich definieren, dass

jeder Einzelne sich selbst und die anderen in Hinblick auf die begangenen Straftaten zielsicher einordnen kann und

Täter keine Möglichkeiten mehr haben, sich mittels Verdrängungsmechanismen aus ihrer Verantwortung zu stehlen.

Der Sitzkreis wird aufgelöst. Es beginnt Frontalunterricht über Gewalt. An der Wand hängt die Frage: „Was ist Gewalt?“

Gleich zu Beginn stelle ich folgende provozierende Frage in den Raum: „Könnt ihr euch eine Situation vorstellen, in der einer so lange mit voller Kraft auf einen anderen einschlägt, bis dieser kampfunfähig zu Boden geht, und es ist trotzdem keine Gewalt.“ Unverständnis macht sich über diese absurde Frage breit und die Teilnehmer fühlen sich von mir „verarscht“. Alle sind sich einig, dass es sich bei einem solchen Verhalten natürlich um Gewalt, sogar um massive Gewalt handelt, denn alle kennen solche Situationen zu genüge aus eigener Erfahrung.

Vermutlich fragen Sie als Leser genauso, was diese blöde Frage soll. Im besten Fall vermuten Sie dahinter einen Gag oder eine therapeutische List. Aber dem ist nicht so. Diese Frage ist absolut ernst gemeint und sie ist berechtigt, denn die Antwort heißt „ja“. Es gibt solche Situationen und sie markieren das erste Kriterium unserer Gewaltdefinition.

Sie alle kennen solche Auseinandersetzungen, denn sie haben sie selbst schon im TV gesehen oder zumindest darüber gehört oder gelesen. Ich spreche von einem Boxkampf. Zwei Kämpfer steigen in den Ring und schlagen aufeinander ein, mit der eindeutigen und gewollten Absicht, den Gegner möglichst schnell kampfunfähig zu Boden zu bringen. Sie fügen sich Verletzungen zu, die zum Teil ärztlich behandelt werden müssen, einen stationären Krankenhausaufenthalt erfordern oder in Einzelfällen sogar schon zum Tod geführt haben. Trotzdem wird keiner wegen Körperverletzung oder Totschlag verhaftet, angeklagt oder gar verurteilt. Warum? Was unterscheidet die Boxer von unseren Klienten?

Im Kampfsport gibt es keinen Zwang und damit auch keine Täter und keine Opfer. Die Kämpfer sind Sportler, die sich gegenseitig respektieren. Sie gehen freiwillig in den Ring, um ihre Kräfte zu messen. Sie wissen genau, was auf sie zukommt, und sie wollen das, was auf sie zukommt. Es gibt niemand, dem Gewalt aufgezwungen wird. Zudem gibt es im Kampfsport einen Schiedsrichter, der zu jedem Zeitpunkt der Auseinandersetzung die Regeln einfordert und den Kampf beendet, sobald einer der Kontrahenten nicht mehr wehrfähig ist. Dadurch verhindert er, dass einer der Kämpfer zum Opfer und der andere zum Täter wird. Es gibt also keine Opfer und keine Täter.

3. Gewalt hat einen Täter und ein Opfer

Täter ist derjenige, der einem anderen körperliche und/oder seelische Verletzungen aufzwingt, und Opfer ist im Gegenzug derjenige, dem diese Verletzungen aufgezwungen werden.

Stellen Sie sich eine andere Situation vor, die Sie, sollten Sie männlich sein, vielleicht auch schon selbst einmal erlebt haben.

Zwei pubertierende Schüler geraten wegen eines rüden Foulspiels im Sportunterricht aneinander. Ihr pubertätsbedingter Testosteronschub verhindert eine vernünftige Auseinandersetzung und die Angelegenheit eskaliert derart, dass der Lehrer die Streithähne trennen muss. Immer noch wutentbrannt verabreden sie sich nach Schulschluss zum Kräftemessen.

Nach dem Schulschluss ist schon einige Zeit vergangen und die Wut ist längst verraucht. Die lächerliche Sache wäre damit eigentlich erledigt, wären da nicht die Mitschüler, die nun moralischen Druck ausüben und sensationslüstern auf den Kampf drängen. Keiner will als Feigling abgestempelt sein, also zieht keiner seine Kampfansage zurück. Ihrer emotionalen Stimmung entsprechend gehen sie zunächst recht zaghaft aufeinander los. Doch die Anfeuerungen der Zuschauer und die ersten gegenseitigen Schubsereien und Beleidigungen bringen die alte Wut sehr schnell zurück und der Kampf entbrennt erneut mit voller Wucht.

Wie bei fast jeder ungehemmten körperlichen Auseinandersetzung lassen die Kräfte rasch nach und es gibt ziemlich schnell einen überlegenen und einen unterlegenen Kontrahenten. Wird die Lage des unterlegenen Jungen aussichtslos, dann signalisiert er seine Aufgabe. Der Überlegene beendet daraufhin den Kampf und wir haben einen Gewinner und einen Verlierer. Jeder weiß nun, wo er steht, und damit ist die Sache erledigt. In diesem Fall sprechen wir nicht von Gewalt, denn wir haben keine Täter und keine Opfer. Wir haben es mit einer fairen Auseinandersetzung zu tun, die pubertierenden Jungs im Zuge ihrer Rangordnungsrituale zugestanden werden sollte.

Ignoriert der Sieger allerdings das Aufgeben seines Kontrahenten und traktiert ihn weiter, weil er in seiner Überlegenheit vielleicht die einmalige Chance wittert, seinen verhassten Gegner einmal so richtig fertig zu machen, dann sprechen wir von Gewalt. Ab diesem Zeitpunkt haben wir einen Täter, der einem anderen Gewalt aufzwingt, und wir haben ein Opfer, dem diese Gewalt aufgezwungen wird.

In dieser Phase der Auseinandersetzung kann der Täter seiner Wut ungebremst freien Lauf lassen, denn die Wehrfähigkeit seines Opfers ist stark eingeschränkt oder sogar komplett außer Kraft gesetzt. Die Gefahr für Verletzungen ist nun besonders groß. Wenn Täter und Opfer die Kontrolle über ihr Handeln verlieren, sind häufig schwerere oder gar lebensgefährliche Verletzungen die Folge.

4. Gewalt verletzt Körper und Seele

Was Verletzungen des Körpers sind, wissen unsere Klienten ganz genau, denn diese Verletzungen sind nach außen hin gut sichtbar. Typische Folgen körperlicher Gewalt sind z.B. das geschwollene Auge (Blinker oder Veilchen) nach dem Faustschlag, die gebrochene Nase nach dem Kopfstoß, die klaffende Platzwunde nach dem Schlag mit dem Totschläger, das zerschnittene Gesicht nach einem Schlag mit einer Flasche oder einem Maßkrug, der gebrochene Kiefer nach einem Fußtritt ins Gesicht, das viele Blut, das aus den offenen Wunden tritt, der Krankenwagen, der das Opfer abholen musste, oder der stationäre Krankenhausaufenthalt, der wegen der Schwere der Verletzungen notwendig wurde. Diese Folgeschäden sind Siegestrophäen oder Tapferkeitsorden für die Täter und werden mit unterschwelligem Stolz vor Gleichgesinnten als Beweis ihrer Kampfkraft, Entschlossenheit und Gefährlichkeit ausgebreitet und ausgeschmückt.

Dagegen bleibt die Verletzung der Seele dem Täter verborgen. Flehendes Bitten, ängstliches Jammern oder die schmerzerfüllten Schreie der Opfer dringen zwar an sein Ohr, aber nicht an seine Emotionen, denn um das Leiden seiner Opfer zu erkennen bräuchte der Täter an dieser Stelle Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Sensibilität und Einfühlungsvermögen aber sind unter gewaltbereiten Menschen wenig gefragt. Wer sich hier durchsetzen will, muss konsequente Härte zeigen, alles andere ist uncool, es macht verletzlich und damit schwach. In der Regel verlieren Gewalttäter ihre Sensibilität und ihr Einfühlungsvermögen schon in früher Kindheit. Sie waren in ihrem sozialen Umfeld häufig selbst Opfer von Demütigung, Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit. Eine solche Behandlung kann man über die Jahre nur überstehen und ertragen, wenn man mit entsprechender Härte gegen sich selbst seine Sensibilität und sein Einfühlungsvermögen in der Abstellkammer des Unterbewussten verschließt und damit aus seinem bewussten Leben verbannt. Seelische Verletzungen werden deswegen von Gewalttätern erst gar nicht erkannt und finden somit auch nicht satt.

Ich hatte im Jugendstrafvollzug einen AAT-Teilnehmer, der zusammen mit drei anderen Gefangenen eine Vier-Mann Zelle teilen musste. Der Schwächste in der Gruppe war schnell ausfindig gemacht und wurde von den anderen Zellengenossen aus Langeweile, sozusagen zur Unterhaltung, über Wochen hinweg auf übelste Art und Weise gedemütigt und misshandelt. Die ganze Sache begann mit einer Wette, in deren Rahmen sie ihn zwangen, eine Tube Zahnpasta zu essen. Nachdem er sich übergeben hatte, musste er sein Erbrochenes wieder aufessen. Der Junge geriet durch diesen Übergriff zunehmend in die Defensive, wodurch sich seine Peiniger ermutigt fühlten, die Misshandlungen und Demütigungen auszuweiten, was letztendlich auch in sexuellen Übergriffen gipfelte. Während dieser Zeit setzten sie den Jungen mit Todesdrohungen und entsprechenden Ritualen derart unter Druck, dass er sich nicht traute, die Misshandlungen dem Wachpersonal zu melden. Dadurch war er seinen Mitgefangenen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Zum Ende der Misshandlungen saß er nur noch apathisch in einer Ecke, sprach nicht und aß nicht. Auf meine Frage: „Warum hast du da mitgemacht, hast du nicht gemerkt, dass der Junge am Ende ist?“ antwortete der Täter: „Es war doch nur zum Spaß.“ Er und seine Mittäter nahmen das Leiden ihres Zellengenossen gar nicht wahr. Im Gegenteil, es hat sie belustigt. Ihnen fehlte jegliche Empathie, um die dramatische Lage ihres Opfers zu erkennen.

Vor einigen Jahren war Walter (Name geändert) bei uns im AAT. Er grenzte sich von Anfang an von den restlichen Gruppenmitgliedern ab, denn er sah sich nicht als Gewalttäter und wähnte sich in der falschen Therapiegruppe. Er hatte diese Meinung auch im Indikationsgespräch vertreten und erfüllte damit eigentlich ein wichtiges Ausschlusskriterium. Ich war dennoch überzeugt, dass es für ihn Wichtiges zu lernen gab, und empfahl daher die Teilnahme am AAT.

Walter war Anfang 50 und musste wegen eines bewaffneten Bankraubes eine achtjährige Haftstrafe verbüßen. In der Vorstellungsrunde erklärte er, dass Gewalt in seinem Leben nie eine größere Rolle gespielt habe, dass er wegen kleinerer Betrügereien vorbestraft sei und lediglich als ganz junger Mann einmal wegen einer Schlägerei vor Gericht gestanden habe. Für den Banküberfall hatte er wichtige und nachvollziehbare Gründe, denn er befand sich seit längerer Zeit in existenzbedrohlichen Geldnöten. Er hatte herausgefunden, dass sich seine Frau auf Grund der Geldsorgen prostituierte. In seinem männlichen Stolz verletzt, sah er keinen anderen Ausweg und entschied sich für den Bankraub. Weil er auf keinen Fall einen Menschen verletzen wollte, habe er den Überfall mit einer ungeladenen Pistole durchgeführt. Er habe niemanden geschlagen und auch niemanden beleidigt. Er habe während des Überfalls sogar ein weinendes Kind getröstet. Er sei rein in die Bank, habe mit der ungeladenen Waffe das Geld erpresst und sei wieder raus. Das war‘s, und erwischt hätten sie ihn wegen eines dummen Zufalls. Normalerweise wäre er jetzt draußen, würde ein ganz normales Leben führen und hätte mit Gewalttätern und Knast nichts zu tun.

Er hatte tatsächlich keine einschlägigen Vorstrafen und benutzte für den Überfall eine ungeladene Waffe. Er hatte niemanden geschlagen oder beleidigt und tatsächlich versucht, ein weinendes Kind zu trösten. Soweit stimmte seine Schilderung mit den Tatsachen überein. Der Rest ist eine andere Geschichte, denn die Sache trug sich wie folgt zu:

Er hatte eine kleine Postbank-Filiale ausgespäht und wusste, dass sich dort zum Tatzeitpunkt eine hohe Geldsumme im Tresor befand. Er kannte die Anzahl der Angestellten und hatte herausgefunden, dass diese die Bank zum Dienstschluss nacheinander über einen Seitenausgang verlassen. Am Tatabend hatte er den Ausgang beobachtet und solange gewartet, bis er nur noch eine Person dort vermutete. Als sich dann der Seitenausgang zum vermeintlich letzten Mal öffnete, zog er sich rasch einen Damenstrumpf über den Kopf, stürmte mit vorgehaltener Waffe auf die Angestellte zu und drängte sie zurück in die Bank. Dort forderte er sie auf, das ganze Geld herauszugeben. Soweit verlief die Sache nach seinem Plan: Reingehen, Geld holen und abhauen. Doch alles, was nun geschah, hatte er nicht vorausgesehen.

Die vermutete Bankangestellte war nur die Putzfrau, die nach getaner Arbeit zusammen mit ihrer 6-jährigen Tochter die Bank verlassen wollte. Zu Tode erschrocken und zitternd vor Angst erklärte sie dem Räuber, dass sie nur die Putzfrau sei und nicht wisse, wo das Geld ist. Walter fühlte sich durch diese Weigerung nicht ernst genommen und vermutete eine Hinhaltetaktik. Um seiner Anweisung mehr Nachdruck zu verleihen, wurde er lauter und richtete nun seine Waffe auf das Kind, das sich ängstlich an seine zitternde Mutter klammerte. In diesem Moment betrat die letzte Bankangestellte, die sich bis zu diesem Zeitpunkt in einem der hinteren Räume aufhielt, den Kassenraum. Der Täter erkannte seinen Irrtum und bedrohte nun die Angestellte mit seiner Waffe und forderte von ihr die Herausgabe des Geldes. Diese erlangte nach einer kurzen Schrecksekunde ihre Fassung wieder und sagte, dass es hier kein Geld gäbe. Wieder fühlte Walter sich hingehalten und nicht ernst genommen, wurde immer aggressiver und richtete seine Waffe nun wieder auf die Mutter. Dabei ging er drohend ein paar Schritte auf sie zu. Als auch diese Attacke nicht fruchtete, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Kind und setzte ihm die Waffe schließlich direkt an den Kopf. Das Mädchen weinte jetzt laut und heftig, und die Bankangestellte erkannte den Ernst der Situation. Sie erklärte wahrheitsgemäß, dass sich das ganze Geld bereits im Tresor befände, sie aber keinen Schlüssel habe. Den habe die Filialleiterin, die die Bank schon verlassen habe. Unter dem Eindruck der extremen Angst, die nun unter den Opfern herrschte, glaubte der Täter die Angaben der Angestellten und forderte sie auf, unter dem Vorwand, einen Abrechnungsfehler begangen zu haben, die Filialleiterin per Telefon in die Bank zurück zu locken.

Während der Wartezeit von ca. 10 Minuten versuchte Walter, das verängstigte Mädchen zu trösten, indem er ihre Hände und Beine streichelte, während er gleichzeitig seine Waffe auf die Mutter richtete. Ihm fehlte, typisch für Gewalttäter, jegliche Sensibilität für das Leiden der Opfer. Die Angstzustände des kleinen Mädchens wurden nur noch schlimmer, und es weinte immer heftiger.

Als die Filialleiterin endlich die Bank betrat und die lebensbedrohliche Situation erkannte, verfiel sie sofort in einen extremen Angstzustand. Sie zitterte derart, dass sie nicht in der Lage war, den Schlüssel in das Tresorschloss zu stecken, um so die Forderung des Räubers zu erfüllen. Dieser fühlte sich erneut hingehalten und wurde immer aggressiver. Er ging auf die Filialleiterin zu und drohte, sie zu erschießen. Dabei setzte er ihr die Waffe in Hinrichtungsmanier von hinten direkt an den Kopf. Durch diese massive Todesdrohung völlig überfordert, brach die Frau zusammen und blieb bewusstlos auf dem Boden liegen. Um eine weitere Eskalation zu verhindern, nahm die Bankangestellte beherzt den Schlüssel an sich, öffnete den Tresor und begann, das Geld in die Tasche des Räubers zu packen. In der Zwischenzeit klingelte es an der Türe und der reibungslose Ablauf des Überfalls wurde erneut unterbrochen. Als die Putzfrau sagte, das müsse ihre Freundin sein, mit der sie verabredet war, wurde die Frau eingelassen und auch gleich mit dem Tode bedroht.

Bis auf die Bankangestellte, die fortfuhr, das Geld in die Tasche zu packen, mussten sich alle auf den Boden setzen und die Hände hinter dem Kopf verschränken. Nachdem das ganze Geld verstaut war und der Täter die Opfer gerade in die Toilette sperren wollte, klingelte es erneut an der Türe. Die Freundin der Putzfrau vermutete, ihr Mann sei gekommen, um sie abzuholen. Weil sie annahm, der Räuber würde diesen, um seine Flucht abzusichern, einfach erschießen, wurde sie ohnmächtig und blieb reglos am Boden liegen. Walter seinerseits ignorierte das Klingeln und sperrte schließlich alle Opfer in die Toilette. Dann öffnete er den Seitenausgang, ging zügig am klingelnden Postlieferanten vorbei und verschwand.