Verlag: Ariston Kategorie: Fachliteratur Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Gib alles ─ nur nie auf! E-Book

Norbert Elgert  

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E-Book-Beschreibung Gib alles ─ nur nie auf! - Norbert Elgert

»Ein brutaler Motivator. Ein einfühlsamer Psychologe. Ein erstklassiger Taktik-Fuchs. Ein überragender Mensch.« Ralf Fährmann, Schalke 04

Der gesellschaftliche Druck in der heutigen Hochgeschwindigkeitszeit erreicht uns immer früher. Im Leistungssport und im Berufsleben zählen nur noch Bestleistungen. Du musst dann gut sein, wenn es darauf ankommt.
Norbert Elgert weiß genau, wie wichtig mentale Stärke, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen für den Erfolg sind. Seit 1996 ist er Ausbilder beim FC Schalke 04; er zählt zu den besten seines Fachs. Zu den Spielern, die aus seiner Schule hervorgegangen sind, gehören u.a. Julian Draxler, Manuel Neuer, Mesut Özil, Leroy Sané und Benedikt Höwedes. Sie sind Meister, Pokalsieger, Stars in den besten Ligen der Welt, Champions-League-Sieger und auch Weltmeister geworden.
Was macht Elgert so erfolgreich? Was sind seine Strategien? Wie geht er mit Menschen um?
Authentisch, sympathisch und extrem ehrlich erzählt der Coach anhand seiner eigenen Lebensgeschichte und seiner Arbeit mit den Nachwuchsfußballern, was es braucht, um Erfolg zu haben und seinen Weg zu gehen. Er erklärt, wie man mit permanentem Druck, Stress und Angst umgeht und das Beste aus sich und anderen herausholt.

»Ich habe bisher nur wenige Menschen im Haifischbecken Fußball kennengelernt, die so ehrlich und fair mit sich selbst und anderen umgehen wie Norbert Elgert.« Julian Draxler, Paris Saint-Germain

Mit Gastbeiträgen von:

Julian Draxler - Manuel Neuer - Sead Kolašinac - Mesut Özil - Thilo Kehrer - Leroy Sané - Benedikt Höwedes - Ralf Fährmann - Christian Melchner - Jenny Kunter-Elgert - Alfred Draxler - Clemens Tönnies - Philipp Max - Oliver Ruhnert - Andreas Müller - Joel Matip - Charles Takyi

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E-Book-Leseprobe Gib alles ─ nur nie auf! - Norbert Elgert

»Ein brutaler Motivator. Ein einfühlsamer Psychologe. Ein erstklassiger Taktik-Fuchs. Ein überragender Mensch.« Ralf Fährmann, Schalke 04

Der gesellschaftliche Druck in der heutigen Hochgeschwindigkeitszeit erreicht uns immer früher. Im Leistungssport und im Berufsleben zählen nur noch Bestleistungen. Du musst dann gut sein, wenn es darauf ankommt.

Norbert Elgert weiß genau, wie wichtig mentale Stärke, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen für den Erfolg sind. Seit 1996 ist er Ausbilder beim FC Schalke 04; er zählt zu den besten seines Fachs. Zu den Spielern, die aus seiner Schule hervorgegangen sind, gehören u.a. Julian Draxler, Manuel Neuer, Mesut Özil, Leroy Sané und Benedikt Höwedes. Sie sind Meister, Pokalsieger, Stars in den besten Ligen der Welt, Champions-League-Sieger und auch Weltmeister geworden.

Was macht Elgert so erfolgreich? Was sind seine Strategien? Wie geht er mit

Menschen um?

Authentisch, sympathisch und extrem ehrlich erzählt der Coach anhand seiner eigenen Lebensgeschichte und seiner Arbeit mit den Nachwuchsfußballern, was es braucht, um Erfolg zu haben und seinen Weg zu gehen. Er erklärt, wie man mit permanentem Druck, Stress und Angst umgeht und das Beste aus sich und anderen herausholt.

»Ich habe bisher nur wenige Menschen im Haifischbecken Fußball kennengelernt, die so ehrlich und fair mit sich selbst und anderen umgehen wie Norbert Elgert.« Julian Draxler, Paris Saint-Germain

Mit Gastbeiträgen von:

Julian Draxler – Manuel Neuer – Sead Kolašinac – Mesut Özil – Thilo Kehrer – Leroy Sané – Benedikt Höwedes – Ralf Fährmann – Christian Melchner – Jenny Kunter-Elgert – Alfred Draxler – Clemens Tönnies – Philipp Max – Oliver Ruhnert – Andreas Müller – Joel Matip – Charles Takyi –

Norbert Elgert wurde im Januar 1957 in Gelsenkirchen geboren. In 159 Profispielen, davon 83 für Schalke 04, erzielte der Stürmer 37 Tore. Seit 1996 ist Elgert Nachwuchstrainer in der Knappenschmiede der Königsblauen. Er brachte mittlerweile mehr als 80 Bundesliga-Profis heraus. Dreimal führte Elgert die U19 der Schalker zur Deutschen A-Jugend-Meisterschaft und zweimal zum DFB-Pokalsieg. Der DFB-Trainer des Jahres 2013 ist Mitglied der Schalker Ehrenkabine und lebt mit seiner Frau in Dorsten. Sie haben eine verheiratete Tochter und zwei Enkelkinder.

NORBERT ELGERT

GIBALLESNUR NIEAUF!

Die Erfolgsstrategien vomTrainer derWeltstars

Aufgeschrieben von Kai Psotta

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

© 2019 Ariston Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Redaktion: Dr. Ulrike Strerath-Bolz

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

unter Verwendung eines Fotos von Kay Blaschke

Bildredaktion: Bele Engels

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-24070-7V001

Inhalt

Prolog: Programmstörungen

Clemens Tönnies: Mein Spaziergang mit der unbiegsamen Glucke

Kapitel 1: K. o. in Schallgeschwindigkeit

Sead Kolašinac: Wie mich Norbert Elgert in Asterix, den Gallier, verwandelte

Mesut Özil: Mein letztes Hemd für Norbert Elgert

Kapitel 2: Die richtige Auswahl vom Buffet

Thilo Kehrer: Der Dateien-Beschaffer

Christian Melchner: »Ich habe einen anderen Weg gefunden, glücklich zu werden«

Kapitel 3: Ein Brief mit Folgen

Jenny Kunter-Elgert: Mein Showdown mit dem Motivations-Papa

Leroy Sané: Tritte fürs Leben

Kapitel 4: Auf dem Holzweg

Benedikt Höwedes: Vorturner, Vordenker und Vorbild in einer Person

Ralf Fährmann: Wie mich Norbert Elgert auf die Verlockungen der Glamourwelt vorbereitete

Kapitel 5: »Wenn ihr nicht reden wollt, geht zu den Fischen ins Aquarium«

Alfred Draxler: Elgert, der elektrische Hase

Julian Draxler: Die Sache mit den zwei jämmerlichen Klimmzügen

Kapitel 6: Co-Trainer? Bin ich nicht!

Philipp Max: Vom durchschnittlich trainierten Schachspieler zum Deutschen Meister

Oliver Ruhnert: »Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit«

Kapitel 7: Comeback

Andreas Müller: Ohne Conny wäre er nur zu 50 Prozent leistungsfähig

Joel Matip: Norbert Elgert und der Selbstvertrauens-Turbo-Booster

Kapitel 8: Lasst Fummelköpfe zu!

Charles Takyi: Du willst wirklich Profi werden?

Manuel Neuer: Als Hase Hans in der Kabine bleiben musste

Epilog: Das Buffet ist eröffnet

Von Herzen Danke

Bildteil

Quellennachweis

Prolog: Programmstörungen

Elegant und seelenruhig treiben Koi-Karpfen durch den schmucken, ganz gewiss von einem teuren Gartenarchitekten angelegten Teich. Immer wieder steigen sie zur Wasseroberfläche auf, um mit ihren Mäulern nach etwas Fressbarem zu schnappen.

Alle Farbnuancen sind im Teich versammelt. Der Karashi, zu Deutsch Senfkarpfen, gibt dem Gewässer einen gelben Anstrich. Der Taisho besticht mit roten und schwarzen Flecken.

Diese außergewöhnlichen Zuchtfische, die einst im Kaiserhaus in Tokio in den Teichen schwammen, gelten als Symbol des Edlen und des Stolzes. Mal werden sie als Könige der Gartenteiche und mal als »Porsche im Karpfenteich« bezeichnet. Inzwischen auf der ganzen Welt.

Angeblich sollen sie sehr zutraulich sein, sich streicheln lassen und sogar ihre Halter erkennen. Gerade dadurch entstehe eine besondere emotionale Bindung, sagt man.

Der Wert der Fische, die hier vor mir schwimmen, liegt, so meine ich zumindest am Rande aufgeschnappt zu haben, bei Zehntausenden von Euros. Und ich halte einfach so meine käseweißen, mit Brandblasen übersäten Füße in diese Kostbarkeit hinein.

Zum Glück scheint es den Tieren nichts auszumachen, dass einige Seminarteilnehmer und ich ihr Gewässer zur Abkühlung nutzen. Und auch ihr Besitzer versteht es zu meiner Verwunderung nicht als größeren Affront und hat uns auch nicht sofort seines Grundstücks verwiesen, nachdem wir wortlos an ihm vorbeigesprintet sind und unsere Füße ohne Nachfragen einfach so ins Wasser tauchten.

Stattdessen erzählt uns Nikolaus Enkelmann, der Teichbesitzer und unser Freund, während er neben mir steht und die skurrile Szene beobachtet, vom knallharten Ausleseverfahren, nach dem Koi-Karpfen in einigen japanischen Züchtungen ausgewählt werden. Von 300 000 Fischen würden vier Wochen nach der Geburt bis zu 97 Prozent aussortiert, je nach Muster, Größe und Form der Schuppen. Nach zwei weiteren Runden bliebe am Ende nur ein halbes Prozent übrig, sagt er. 298 500 Fische werden nach dieser Rechnung also für zu schlecht erachtet. Oder für zu hässlich. Jedenfalls entsprechen sie offenkundig nicht den Ansprüchen der Koi-Züchter.

»Die Quote ist ja noch schlimmer als die Durchkomm-Quote im Jugendfußball«, murmle ich in Gedanken vor mich hin.

Trainer bin ich eigentlich schon seit 1973. Damals trainierte ich bereits im Alter von 16, 17 Jahren die E-und D-Jugend von meinem Heimatverein Westfalia-Westerkappeln. Seit 1996 bin ich als Coach auf Schalke. Einer der Männer, der den Jungs auf dem Weg zum Profi helfen soll. »Bin ich etwa«, grüble ich, »wie einer dieser Koi-Züchter?«

Steve Coppell, der frühere Profi von Manchester United, der nach seiner aktiven Fußballkarriere als Trainer bei Crystal Palace begann, sagte einmal über die Talentsuche im Nachwuchsbereich: »Es ist wie mit den Schildkröten in der Südsee. Tausende schlüpfen am Strand, aber nur wenige erreichen wirklich das Meer.«

Sehr plakativ. Aber dadurch nicht richtiger. Denn nach einigem Nachdenken komme ich zu der Erkenntnis, dass meine Arbeit nicht auch nur ansatzweise mit dem Schildkröten-Bild vergleichbar ist. Und ich bin auch nicht im Geringsten wie ein Koi-Züchter.

Denn bei mir können die Jungs durch Talent, Arbeit, Fleiß, Einstellung und Willen weiterkommen. Niemand wird nur wegen seines Aussehens aussortiert. Oder weil die Natur es so will und die Fressfeinde gnadenlos zugeschnappt haben. Ich gebe, oder versuche es zumindest, meinen Jungs auf ihrem Weg immer etwas mit. Ganz abgesehen davon, dass bei mir natürlich alle am Leben bleiben …

Ich sehe mich eher wie ein Gärtner. Einer, der es mit jungen Pflänzchen zu tun hat, die gegossen, getrimmt, geschnitten, gepflegt, mal umgetopft, mal veredelt oder auch mal wieder aufgepäppelt werden müssen. Das alles mit dem Ziel, den Pflänzchen zum Idealwuchs zu verhelfen und dafür zu sorgen, dass sie eine tiefe, feste Wurzel bekommen.

Oder, wenn man es noch anders verbildlichen will: Ich bin wie ein Diamantenschleifer, der mit seiner Handwerkskunst dafür zu sorgen hat, dass ein Rohdiamant nach aufwendiger Verarbeitung sein unnachahmliches Funkeln entfaltet.

Um das zu gewährleisten, um als Diamantenschleifer und Gärtner erfolgreich zu sein, muss ich viel mehr sein als nur ein Trainer. Dafür reicht es nicht aus, sich immer neue Trainingsformen zu überlegen. Mal Rondo spielen zu lassen, mal das Gegenpressing oder den Abschluss zu verbessern.

In der Öffentlichkeit mag der Irrglaube vorherrschen, der Lebensrhythmus junger Fußballer gleiche einem magischen Kreisverkehr. Man stehe auf, trainiere, esse, trainiere wieder, lasse sich behandeln, schlafe, absolviere Spiele und mache das so lange, bis man bereit sei, die Ausfahrt zur Profikarriere zu nehmen. Dass es bis dahin viele weitere Abzweigungen gibt, Bodenschwellen, Absperrungen oder Umleitungen, wollen viele nicht wahrhaben.

Damit die »Diamanten« zum Funkeln kommen, muss ein guter Coach unter anderem auch ein guter Zuhörer sein, ein detaillierter Beobachter und auch ein begeisternder Motivator. Wir müssen nicht nur den Fußballer weiterbringen, sondern auch den Menschen dahinter. Denn wir Ausbilder – und das sollten sich alle immer wieder klarmachen – bilden nicht nur künftige Profis für den Fußball aus. Sondern auch Profis fürs Leben. Unser Anspruch ist es, den Kopf der Jungs mindestens genauso intensiv zu trainieren wie ihre Füße. Denn jeder weiß – der Kopf gewinnt.

Trainer müssen ihre Rolle sehr genau einschätzen können und sich ihrer Wirkung auf die Spieler bewusst sein. John Wooden, eine der faszinierendsten Trainerpersönlichkeiten überhaupt, hat einmal in einem seiner Vorträge einen Vers zitiert, der da lautete: »Kein geschriebenes Wort, kein mündlicher Appell kann unsere Jugend lehren, was sie sein soll. Auch nicht all die Bücher in all den Regalen. Vorbild sind nur die Lehrer selbst.«[1]

Jede Führungskraft, jeder Lehrer und jeder Trainer sollte auch ein Vorbild sein. Mein Mentor Nikolaus Enkelmann sagte dazu: »Vorbilder weisen uns den Weg und zeigen uns, wie es sein wird, wenn wir am Ziel sind. Vorbilder haben die Reise schon hinter sich.« Führen durch das Beispiel ist enorm wichtig. Wasser predigen und Schnaps trinken funktioniert nicht.

Anschließend erzählte Wooden, der erfolgreiche Basketball-Collegetrainer, der mit der University of California, Los Angeles zehn Meistertitel gewann (davon sieben in Serie), von einer Lehrerin, die vor ein paar Jahrzehnten auf die Frage, warum sie diesen Beruf ausübe, antwortete: »Wo sonst wäre ich in so großartiger Gesellschaft? Dort sitzt ein Staatsmann, stark, unbefangen, weise. (…) Ein Arzt sitzt neben ihm, dessen geschickte, ruhige Hände einen Knochen reparieren. Oder der das Lebensblut am Ausströmen hindern wird. Und da ein Baumeister, stark empor baut er die Bögen einer Kirche (…) Und überall sind Lehrer, Bauern, Kaufleute und Arbeiter versammelt. All jene, die arbeiten und wählen und bauen und planen und beten für bessere Tage.«[2] Wooden ergänzte die Antwort der Lehrerin mit seinem persönlichen Empfinden, dass es einen Lehrer glücklich mache, zu sehen, wie all diese jungen Menschen ihren Weg gegangen sind.

Tatsächlich ist es die größte Freude, wenn man als Trainer dazu beigetragen hat, dass Spieler einen erfolgreichen Weg gehen. Dass sie es schaffen, in großen Mannschaften anzukommen und ein gefestigtes Element darin zu sein. Auch ich darf täglich, seit mehreren Jahrzehnten inzwischen, in großartiger Gesellschaft arbeiten. Mit zukünftigen Fußballprofis, Lehrern, Ärzten und erfolgreichen Handwerkern. Wenn einer unserer Jungs in einer anderen Branche erfolgreich wird, macht mich das genauso stolz wie eine Profikarriere bei Schalke, Real Madrid, Bayern München, Arsenal London oder Juventus Turin. Wenn sie Erfolge im Trikot der deutschen Nationalmannschaft erzielen oder Meisterschaften in welcher Liga auch immer gewinnen.

Um meinem Anspruch gerecht zu werden, Lehrer und Trainer in einem zu sein, ein Mensch mit Werten, die weit über den Rasenplatz hinausreichen, bin ich immer auf der Suche nach neuen Denkanstößen und Inspirationen. Bilde mich weiter. Lese bis zu 50 Bücher pro Jahr und arbeite sie mit dem Textmarker durch. Und verbrenne mir, wenn es sein muss, eben auch mal die Füße.

Ich wollte mich daran versuchen, wie es ist, über glühende Kohlen zu laufen. Mich der Angst vor der Glut stellen und die positive Erfahrung erleben, sie bewältigt zu haben.

Der Feuerlauf-Coach forderte uns Teilnehmer auf, an eine kühle, feuchte Wiese zu denken, durch die wir barfuß schritten. Eine Wiese, die nach einem kräftigen Gewitterschauer richtig wassergetränkt und pitschepatschenass war. Bei jedem Schritt sollte uns in der Vorstellung der Matsch zwischen den Zehen emporsteigen. »Spürt das Wasser«, sagte er. »Spürt die Frische an eurer Fußsohle. Diese herrlichen Wassertropfen, wie sie eure Füße beleben und an euren Hacken herablaufen.«

Ich hörte die Worte. Aber ich spürte nichts davon. Es gelang mir einfach nicht, mir diese Wiese mit ihrem Matsch und den feuchten Grashalmen vorzustellen. Statt das Bild in meinem Kopfkino anzuknipsen, hatte ich Programmstörungen. Sosehr ich mich auch bemühte, es wollten einfach keine Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen.

Einer nach dem anderen lief nun über die Kohlen, genau der Instruktion des Seminarleiters folgend. Ich sah, wie sie Schritt für Schritt über die Kohlen gingen. Ich sah, wie sie sich freuten, nachdem sie das Ende erreicht hatten. Ich sah strahlende Kohlen-Bezwinger. Ich sah meine Umwelt um mich herum ganz klar. Nur das, was ich sehen sollte, sah ich eben nicht.

»Du wirst dir doch«, schimpfte ich gedanklich mit mir, »eine simple nasse Wiese vorstellen können. Los, Norbert! Nasse Wiese! Nasse Wiese! NASSE WIESE!«

Nur noch zwei Teilnehmer waren vor mir an der Reihe. Nur noch einer. Dann stand ich vor den glühenden Kohlen. Und schaffte es noch immer nicht, meine Fußsohlen gedanklich durch eine feuchte Wiese abkühlen zu lassen.

Trotzdem machte ich einen ersten Schritt auf die Kohlen. Es konnte doch nicht sein, dass es hier fast jedem gelang, dieses Experiment zu machen, und dass nur ich kneifen würde, weil mir partout diese Vorstellung nicht gelingen wollte.

Kaum stand ich auf den Kohlen, spürte ich die Hitze. Intuitiv ging ich auf die Zehen, wodurch sich die Wärme zusätzlich noch auf eine kleinere Fläche reduzierte. Dann begann ich zu rennen. Heiß! Heiß! Heiß! Ich machte alles falsch, was man beim Kohlelaufen falsch machen kann.

Als Erstes überwindet man seine eigene Angst vor der Glut, die streng genommen übertrieben ist. Kohle ist nämlich, im Gegensatz zum Beispiel zu Metall, gar kein guter Wärmeleiter. Die Chance, sich an einem Metalllöffel zu verbrennen, der in einer heißen Suppe steckte, ist höher. Kohle braucht eine Weile, ehe sie Gegenstände, mit denen sie in Kontakt kommt, erhitzt. Gleiches gilt für Wasser, aus dem unser Körper zu großen Teilen ja besteht.

Eigentlich kann man also, wenn man seine eigene Angst vor der vermeintlichen Hitze überwindet, im Schritttempo und auf der ganzen Fußfläche relativ risikofrei über Kohlen gehen. Eigentlich. Ich (und einige weitere Seminarteilnehmer) konnte es nicht. Sodass ich am Ende dieses Tages zumindest um die Lektion reicher war, dass ich Schwierigkeiten mit dem Visualisieren habe – wie viele andere Menschen auch.

Heutzutage hat man – nicht nur als Fußballer oder Profisportler – unglaublich viele Möglichkeiten, sich mental zu verbessern und zu optimieren. Dem einen hilft Kino im Kopf, dem anderen Autosuggestion oder zum Beispiel auch autogenes Training. Da ist und reagiert jeder anders.

Wir bieten den Fußballern, die zu uns in die Knappenschmiede kommen, immer zahlreiche Hilfestellungen für den Kopf an. Wir sagen ihnen aber auch immer unmissverständlich: »Ihr könntet euch nicht nur an einem Buffet den Magen verderben. Ihr könnt euch auch durch zu viel Input den Kopf verderben. Wenn ihr nämlich versucht, alles auf einmal auszuprobieren, statt gezielt das auszuwählen, was eurem Kopf bekömmlich ist. Also schlingt nicht alles gleichzeitig herunter. Sucht gezielt nach dem, was zu euch passt und euch hilft.«

Seit weit über 20 Jahren coache ich jetzt junge Menschen. Einer von ihnen war Mesut Özil. Ein paar Dinge müssen dabei richtig gewesen sein, immerhin schrieb der Weltmeister von 2014 in seiner Autobiografie Die Magie des Spiels über mich: »Elgert war der absolute Schlüsseltrainer in meiner Karriere. Er hat in mir gesehen, was zuvor viele Trainer noch nicht gesehen hatten. Er wollte immer mein Bestes und war immer für mich da. Von ihm lernte ich, was Taktik ist. Oft bin ich wie ein kopfloses Huhn über den Platz gelaufen. Er war – auch wenn über diesen Vergleich wohl viele mit dem Kopf schütteln werden und ihn nicht verstehen wollen – José Mourinho sehr ähnlich. Norbert Elgert hat immer seine Meinung gesagt. Er war nie zufrieden! Er hat mir die wichtigsten Lehren erteilt und mich auf die Profikarriere vorbereitet.«

Ich kann Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, keine Gebrauchsanweisung schreiben, nach der man gesichert Fußballprofi oder im Leben erfolgreich wird. Was ich aber kann: Ihnen meine Erfahrungen schildern und Ihnen sagen, worauf es meiner Meinung nach ankommt. Was man mitbringen muss, um eine Chance zu haben, ganz nach oben zu kommen. Mit welchen Rückschlägen junge Menschen umgehen können müssen. Und wie man es schafft, die richtigen Lehren aus Fehlern zu ziehen. Und ich kann, so glaube ich, ganz gut einschätzen, wie schwer es ist, eine Mannschaft als Trainer erfolgreich zu führen. Was es eigentlich überhaupt heißt, zu führen.

Führen ist immer situativ. Mal demokratisch. Mal laissez-faire. Durchaus auch mal autoritär. Gleichbehandlung heißt zum Beispiel für mich nicht, alle über einen Kamm zu scheren, sondern jedem das zu geben, was er braucht! Denn jeder Mensch ist einzigartig. Es gibt nachgewiesenermaßen keine zwei Menschen auf unserem Planeten mit dem gleichen genetischen Code. Den haben nicht einmal eineiige Zwillinge. Jeder von uns ist also ein Unikat. Ist das nicht großartig?

Wie auch immer: Ich habe weit über 20 Jahre gebraucht, im Coachen und Führen einigermaßen gut zu werden. Nun stelle ich Ihnen mein Know-how zur Verfügung. Vielleicht kann es auch Ihnen helfen, und das weit über den Fußball hinaus.

CLEMENS TÖNNIES

Mein Spaziergang mit der unbiegsamen Glucke

Norbert Elgert ist kein einfacher Mensch. Kein Fähnchen im Wind, das sich brav in die bequemste Richtung lenken lässt. Er hat seine eigene Meinung, und die vertritt er mit voller Überzeugung. Selbst wenn es dadurch unbequem wird. Er ist unbiegsam. Dadurch ist der Umgang mit ihm nicht immer einfach. Aber gleichzeitig macht ihn das so extrem wertvoll.

Norbert Elgert ist für seine Spieler ein wenig wie eine Glucke. Keine übervorsichtige Helikopter-Mama, aber er kann seine »Küken« vehement verteidigen, wenn er der Meinung ist, dass jemand sie zu früh aus dem Nest holen will. Wie oft haben wir mit ihm gestritten, weil wir mit einem seiner Talente eine Lücke bei den Profis schließen wollten, er aber noch nicht bereit war, sie uns zu überlassen. Weil er sich sorgte, dass dem Spieler die nötige Reife noch fehlen würde und es für seine Entwicklung kontraproduktiv wäre. Er hat keinen Einzigen seiner Spieler, die durch seine Schule gegangen sind, als »Produkt« gesehen. Er widmet der Persönlichkeit jedes Spielers unheimlich viel Aufmerksamkeit.

Norbert Elgert ist der Parade-Schalker. Sensibel, feinfühlig, empfindlich, klar, geradeaus. Ein korrekter Mensch, der auf sein Gegenüber eingehen kann. Der zuhören kann. Und der in der Lage ist, Dinge sehr klar zu analysieren. Zweimal haben wir darüber nachgedacht, Norbert Elgert zum Cheftrainer auf Schalke zu machen. Nach dem Aus von Mirko Slomka und nach der Trennung von Roberto Di Matteo. Beide Male gab es nicht die geringste Chance, ihn von dieser Idee zu überzeugen. Er hatte sich viel zu sehr seiner Nachwuchs-Mission verschrieben.

Dabei bin ich überzeugt, dass er ein großartiger Cheftrainer gewesen wäre. Ungeachtet dessen, dass er 2003 als Co-Trainer von Frank Neubarth eine weniger erfolgreiche Saison bei den Profis hatte. Damals war es einfach der falsche Zeitpunkt. Die damalige Mannschaft konnte man nicht zum Erfolg führen. Das waren unschöne Zeiten. Umgekehrt: So ist Norbert uns im Nachwuchs erhalten geblieben und hat einen großen Anteil daran, dass viele weitere Talente den Sprung zu den Profis geschafft haben: mit Manuel Neuer, Mesut Özil, Benedikt Höwedes und Julian Draxler allein vier spätere Weltmeister, dazu Joel Matip, Ralf Fährmann, Leroy Sané, Thilo Kehrer, Sead Kolašinac, Weston McKennie, aber auch Sebastian Boenisch oder Tim Hoogland. Was wäre das für eine Mannschaft …

Als Norbert Elgert Anfang 2016 kurzzeitig mit dem Gedanken spielte, unseren Verein zu verlassen, habe ich ihn sofort angerufen: »Spinnst du?«, fragte ich ihn am Telefon. »Was hast du da im Kopf? Wir haben doch gesagt: Wir beide machen Schalke. Jeder auf seiner Position. Ich verlasse mich doch auf dich!«

Ich habe mich in meinem Leben nie so hitzig gestritten, selbst mit Uli Hoeneß nicht, als es um Manuel Neuer ging. Wäre es aber in Sachen Elgert ernst geworden, hätte Bayern wirklich mit Vollgas um ihn gebuhlt, dann hätte meine Freundschaft zu Uli Hoeneß zumindest kurzzeitig mal ruhen müssen.

Aber zum Glück konnte ich Norbert ja bei mir in Rheda-Wiedenbrück schnell überzeugen, doch bei uns zu bleiben. Wir spazierten einmal um einen See, der sich ganz in der Nähe meines Hauses befindet, sprachen Klartext und waren uns zum Glück wieder einig. »Die Sklaverei, Norbert, ist abgeschafft. Jeder ist in seiner Entscheidung frei, zu bestimmen, wo er arbeitet«, sagte ich. Dann erinnerte ich ihn an seine Verantwortung gegenüber Schalke und an unsere Freundschaft.

Ich muss zugeben, dass ich auch persönlich einiges von ihm gelernt habe. Einmal habe ich mitbekommen, wie er mithilfe von einem Dutzend Holzstäben seiner Mannschaft erklärt hat, wie wichtig Teamwork und Zusammenhalt ist. Zunächst holte er einen einzigen Stab raus und bat einen Spieler, diesen zu brechen. Was natürlich gelang.

»Allein ist jeder eine arme Sau«, kommentierte er. »Einer allein wird nie bestehen können.« Dann holte er zwei, drei, vier raus und wiederholte das Szenario mit dem gleichen Ausgang. Als er einen zusammengeklebten Block aus elf Stäben rausholte, gelang es seinen Spielern nicht mehr, diesen zu brechen. »Ihr zusammen seid nicht kaputt zu kriegen«, stellte Elgert fest. Man muss die Gruppe zusammenhalten. Das ist nur eine von ganz vielen Botschaften, die ich als Unternehmer mit 15 000 Angestellten mitnehmen kann.

Wie man ohnehin viele seiner Lektionen aufs normale Leben übertragen kann. Norbert Elgert ist, und das ist das Schönste, mein Freund. Ein Vorbild. Ein verlässlicher Kerl. Wir können dankbar sein, dass er uns auf Schalke mit seinem Wissen und seiner Leidenschaft bereichert.

Kapitel 1:

K. o. in Schallgeschwindigkeit

Mit einem Mal hörte mir Benedikt Höwedes nicht mehr zu. Innerhalb von ein paar Millisekunden hatte ich seine Aufmerksamkeit verloren. Gerade noch waren wir nebeneinanderher gelaufen, hatten miteinander gesprochen. Doch binnen zwei Schritten war es plötzlich, als wäre ich nicht mehr existent. Dabei hatte er seinen Kopf sogar noch in meine Richtung gedreht. Aber trotzdem schien er irgendwie durch mich hindurchzusehen, als wäre ich unsichtbar.

Höwedes, dieses unglaubliche Fußballtalent, ging links neben mir. Irgendetwas zu meiner Rechten musste ihn wahnsinnig faszinieren.

Seit 2004 kenne ich Benni, seit ich ihn erstmals im Alter von 16 Jahren gegen die SG Wattenscheid 09 im Lohrheidestadion in Espeloh eingewechselt habe. 45 Minuten durfte er damals in meiner U19 ran. Er war mit Abstand der Jüngste in unserer Truppe, zu der damals auch Manuel Neuer gehörte. Zunächst war es ein einmaliges Aushelfen. Bis zu seinem zweiten Einsatz unter mir als Trainer sollte mehr als ein Jahr vergehen. Ab August 2005 gehörte er dann fest zur U19.

Wir sprachen gerade über ein bevorstehendes Spiel, während wir so nebeneinander in Richtung der Geschäftsstelle von Schalke 04 schlenderten. Wir waren mitten in der Bundesligasaison. Benni, inzwischen 18 Jahre alt, stand kurz davor, seinen ersten Profivertrag zu unterschreiben.

Eigentlich war er immer ein sehr aufmerksamer Zuhörer, der es liebte, auch weit nach dem Training noch über Fußball zu sprechen. Aber jetzt gerade hatte er etwas entdeckt, das ihn aus unserem Thema riss.

Seine Augen, mehr grün als braun, strahlten richtig. Sie waren so klar, so frisch, so lebendig! Ich hoffe, dass ich meiner Frau Conny irgendwann auch einmal so einen Blick zugeworfen habe, wie ihn jetzt gerade Benni aufsetzte, so voller Bewunderung und bestimmt auch ein bisschen Sehnsucht. Vielleicht ja bei unserer ersten Begegnung in einer Kneipe an einem Rosenmontag.

Er konnte eigentlich nur, so vermutete ich zumindest, eine Frau im Blick haben. Aber weit gefehlt. Als ich seinen Blick verfolgte, um endlich darüber Klarheit zu bekommen, wer oder was ihn gerade so faszinierte, entdeckte ich den Fuhrpark unserer Profis. Dicke Autos. Schöne Autos. Vor allem sehr teure Autos.

Darunter ein Ferrari F430, der erst seit wenigen Monaten gefertigt wurde. So ein röhrendes Monster, das – zumindest dieses hier auf unserem Parkplatz – aus einem mir nicht begreiflichen Grund weiß und nicht klassisch rot war. Ein Auto, so habe ich es mir selber mal in meiner Fantasie vorgestellt, bei dem einen das Gebrüll der acht Zylinder dazu anfeuert, das rechte Bein noch mehr ins Gaspedal zu pressen. Der Motor muss, davon bin ich überzeugt, enttäuscht davon sein, dass es auf Deutschlands Autobahnen mittlerweile so viele Tempolimits gibt.

Staunend stand Benedikt da, ließ seinen Blick von einem Auto zum anderen wandern. Als er beim Spoiler eines Hummers landete, erschrak er regelrecht, so bedrohlich kam die Vorderfront des Geländewagens daher.

Jetzt war ich gefragt. Solche kleinen Momente können richtungsweisend sein. Dass ich den Jungen in so einem Moment nicht mit seinen Gedanken und Tagträumen alleine lassen darf. Wir Ausbilder sind nicht nur für die fußballerische Weiterbildung unserer Spieler zuständig. Wir Trainer sind auch Wertevermittler. Und noch vieles, vieles mehr.

Was allerdings nicht heißt, dass ich etwas gegen schöne und teure Autos habe. Dass ich Benni davon überzeugen muss, dass er niemals so ein Auto fahren sollte, steht mir gar nicht zu.

Ich bin auch grundsätzlich gar nicht gegen Geld oder einen gewissen Luxus, wenn man über einen langen Zeitraum hart dafür gearbeitet hat. Solange man die Einstellung hat, Geld nicht zu mögen, wird man auch nie welches haben. Das ist das Gesetz der Anziehungskraft. Alles, was man mag, zieht man an. Und alles, was man nicht mag, stößt man eher ab. Geld ist flüssige Energie und gibt einem eine gewisse Sicherheit. Meine Familie und ich haben selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, alles zu verlieren, wenn man mit Geld nicht richtig umgehen kann. Wenn man mehr ausgibt, als man einnimmt.

Zu einem erfolgreichen Leben gehören für mich fünf Eckpfeiler:

GesundheitFamilieBerufGlaube/SpiritualitätFinanzen

Und zu einem erfolgreichen Leben gehört auch, so glaube ich, dass man genug Geld verdient. Geld sollte aber nie an erster Stelle stehen. Es ist meine feste Überzeugung, dass Geld und Status einen nie über andere erheben.

Bestimmt hatte ich darüber auch schon vorher mal mit Benni gesprochen. Im Sommer-Trainingslager 2005. Wir fuhren mit der gesamten Mannschaft nach Billerbeck, etwa 70 Kilometer von Gelsenkirchen entfernt.

Wir hatten uns entschieden, die Mannschaft in einem richtig guten Hotel mit allerbesten Bedingungen einzuquartieren. Ein wunderschönes Hotel, idyllisch inmitten eines Parks gelegen, oben auf einem Hügel, sodass man einen herrlichen Blick in die Ferne hatte. Die Entscheidung für dieses Hotel war ganz bewusst gefallen. Weil wir den Jungs damit etwas vermitteln wollten. So sagte ich zu ihnen, und damit auch zu Benedikt, in der ersten Ansprache der Saisonvorbereitung: »Eigentlich würde für eine U19 auch eine Jugendherberge als Trainingslager reichen. Eigentlich haben wir hier überhaupt nichts verloren. Es ist wichtig, dass ihr das richtig einordnen könnt. Wir haben hier Bedingungen wie eine Profimannschaft. Dafür, dass man im normalen Leben hier mal ein paar Tage verbringen darf, muss man ganz schön hart schuften. Also bitte, schätzt das Ganze richtig ein und haltet es nicht für selbstverständlich. Seid freundlich zu den Angestellten. Ich möchte von keinem der Angestellten hören, dass ihr hochnäsig aufgetreten seid oder unfreundlich gewesen seid. Dass ihr Reinigungspersonal nicht gegrüßt habt. Seid demütig. Demut ist einer meiner persönlichen Kernwerte. Demut heißt für mich nicht fehlender Mut, sondern nur das vollständige Fehlen von Arroganz. Selbstbewusst ja, unbedingt, aber nie arrogant. Das Talent und die Leistung eines Fußballspielers ist doch nicht höher einzuschätzen als die eines Arztes, eines Journalisten oder eines Handwerkers, nur weil er unglaublich viel Geld verdient, Schauspielerstatus hat und in den schönsten und größten Stadien der Welt spielen darf. Zeigt Respekt und seid dankbar, dass ihr hier sein dürft.«

Unter den Spielern, denen ich diese Predigt hielt, war auch der bereits erwähnte Mesut Özil. Er war gerade erst von Rot-Weiss Essen zu uns gewechselt. Weil ich mich über Monate um ihn bemüht und immer wieder auch seinen Vater Mustafa zu Gesprächen getroffen hatte, wusste ich um seinen familiären und finanziellen Hintergrund.

Für die Özils gab es keine Sommerurlaube in schicken Ferienanlagen. Wenn Mesut mal aus Gelsenkirchen rauskam, dann, um seine Großeltern in Mülheim an der Ruhr zu besuchen. 29 Kilometer musste er dafür zurücklegen. Er hatte mir auch in einem unserer Vorgespräche davon berichtet, dass er nach den Sommerferien immer ein wenig peinlich berührt in die Schule zurückgekehrt sei. Weil es ihm nämlich unangenehm war, wenn es in den ersten Schulstunden darum ging, den Klassenkameraden vom Urlaub zu berichten. Wenn sie dann im Halbkreis saßen und einer nach dem anderen von seinen Erlebnissen berichtete, fühlte er sich schlecht, weil er als einer der wenigen nicht von Reisen nach Spanien, Griechenland oder Frankreich berichten konnte.

Für ihn, so verriet mir Özil später, sei dieser Hotelaufenthalt eine wahnsinnig wichtige Motivationsspritze gewesen.

Paul McGuinness, der langjährige Akademiechef von Manchester United, hat sich bei seinen Spielern am Anfang häufig erkundigt: »Welche Opfer wärt ihr bereit zu bringen, wenn euch jemand garantieren würde, dass ihr nach den nächsten zehn bis 15 Jahren, in denen ihr voll reingehauen habt, für immer ausgesorgt hättet? Was wärt ihr bereit, dafür zu tun? Und worauf würdet ihr verzichten?« Stellen Sie sich einmal selbst diese Frage und lassen Sie sie wirken.

Wir als Verantwortliche für die jungen Menschen müssen sie eben auch – und dafür sind die unterschiedlichsten Methoden zulässig – auf ein Leben mit unglaublichen finanziellen Möglichkeiten vorbereiten. Wir müssen sie in kleineren und größeren Momenten darauf vorbereiten, die Jungs zum Nachdenken anregen und immer aufmerksam sein, so wie eben bei Benedikt auf dem Parkplatz.

»Tolle Autos, oder?«, sagte ich ihm nur lapidar, um sein Starren auf die Luxuskarossen zu unterbrechen.

»Ja. Und wie«, bestätigte er mit glänzenden Augen.

»Ich mag auch solche schönen Autos. Mir gefällt der Porsche Carrera. Aber weißt du was: Solche Autos sind schön, aber nicht wichtig. Wenn du irgendwann so ein Auto fährst, weil du es dir hart erarbeitet hast und leisten kannst, ist es okay, solange du nur immer weißt, was im Leben wirklich wichtig ist. Und wenn du die Bedeutung eines solches Autos richtig bewerten kannst. Kein Auto der Welt wertet deine Persönlichkeit auf. Du als Mensch kannst dich über kein Auto ausdrücken.«

Bei einem intelligenten und reflektierten Kerl wie Benni reichte es aus, ihm diesen kurzen Denkanstoß mit auf den Heimweg zu geben. Ich wollte nur, dass er auf der Heimfahrt, wenn er wieder in die alte Rostlaube seiner Tante stieg, über meine Worte nachdachte.

Tatsächlich ist Benedikt anschließend jahrelang, auch noch als Kapitän von Schalke, mit einem VW Beetle durch die Gegend gefahren. Er hatte sich zwar ein schönes Cabriolet ausgesucht, aber gemessen an den Durchschnittsautos von Bundesligaprofis war er damit sehr bescheiden. Ganz offensichtlich hat er der Wichtigkeit solcher Karossen keine übermäßige Bedeutung beigemessen.

Ich rede während der zwei Jahre, die ich mit den Jungs arbeite, oft über Geld. Mal direkt, mal indirekt. Manchmal erzähle ich ihnen von mir. In ganz seltenen Fällen sogar sehr detailliert, damit sie meine Ansichten besser nachvollziehen können.

Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen in der Bergmannstraße 39, in Gelsenkirchen-Ückendorf, einem der am heftigsten bombardierten Stadtteile Gelsenkirchens während des Zweiten Weltkriegs. Bei einem schweren Luftangriff am 17. Januar 1945 gingen dort 46 Sprengbomben, zwei Luftminen, 2300 Brandbomben und 250 Phosphorbrandbomben nieder.

Zwei Kilometer ist die Straße lang. Es war keine einfache Gegend. Und vor allem, nach all der Zerstörung, nicht schön. Die Zweckmäßigkeit stand bei uns immer über allem. So teilten wir uns mit mehreren Familien eine Toilette auf dem Gang. Wenn man nachts mal rausmusste, musste man zunächst die Wohnung verlassen, eine knarzende Holztreppe hinuntersteigen, zuvor einen Lichtschalter drehen und hatte ab dem Moment 30 Sekunden Zeit, ehe das Licht automatisch wieder ausging, weil der Stromverbrauch so knapp wie möglich gehalten werden sollte. Oft genug saß ich als Knirps im Dunkeln und musste mich nach dem Pipimachen an der Wand entlang zurück in die Wohnung tasten.

Gebadet wurde in einer Zinkwanne, nacheinander, um kein kostbares Wasser zu verschwenden. Selbstverständlich teilte ich mir mit meinen drei Geschwistern Heinrich, Christa und Martin auch ein Zimmer.

Meine Eltern hatten keine Chance auf höhere Bildung gehabt. Nach der Volksschule mussten sie so schnell wie möglich arbeiten, um ihr eigenes Geld zu verdienen. Mein Vater ging den damals üblichen Weg im Handwerk: erst Lehrling, dann Geselle, dann Bezirksschornsteinfegermeister. Trotzdem fiel ihm der Alltag schwer. Er war in der Nachkriegszeit als uneheliches Kind zur Welt gekommen. Wer sein Vater war, erfuhr er nie.

Mein Vater ist in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der es zunächst einmal ums nackte Überleben ging, wie viele andere damals auch mehr mit Strenge und Härte als mit Liebe erzogen worden. Seine Mutter, meine Oma Ida, die ein guter Mensch war, und sein Stiefvater hatten viel zu sehr mit dem eigenen Überleben und Zurechtkommen zu tun. Dabei war mein Vater ein äußerst sensibler Mensch, der sehr früh schon Zuflucht im Alkohol suchte. Wie die meisten Alkoholiker trank er, um zu verdrängen, um zu vergessen und vor allen Dingen aus mangelndem Selbstwertgefühl.

Mehrfach, daran erinnere ich mich genau, hat er einen sechswöchigen Entzug gemacht. Er war in einer Klinik und hat willensstark gegen seine Sucht angekämpft. Tag für Tag kehrte er selbstständig in die Einrichtung zurück und nahm an den Maßnahmen teil. Seine Trinkkumpanen traf er in der Zeit trotzdem weiter, noch dazu in ihrer Stammkneipe. Aber mein Vater bestellte nur Wasser.

Er war, so schien es, auf einem richtig guten Weg. Bis er nach Ablauf der sechs Wochen alle guten Vorsätze vergaß und meinte, den Verzicht schnell nachholen zu müssen.

Natürlich war mein Vater nicht dauernd betrunken. Weihnachten zum Beispiel hat er sich immer ganz extrem zusammengerissen, um uns Kindern gemeinsam mit unserer wunderbaren Mutter eine besondere Zeit zu ermöglichen. Heiligabend ging er vor der Bescherung mit uns Kindern spazieren. Das endete meist in einer heftigen Schneeballschlacht. Wenn wir nach Hause kamen, war unsere kleine Wohnung wie verwandelt. Mama hatte die Zeit genutzt und unseren Baum geschmückt. In den Fenstern standen nun auch Kerzenständer. Und in der Wohnung roch es nach Putenbraten.

Ich habe meinen Vater geliebt, obwohl er nie der Vater sein konnte, den sich ein Kind wünscht. Nächtelang lag ich verängstigt unter meiner Bettdecke, wenn ich wusste, dass er zum Trinken außer Haus war. Nach seiner Rückkehr kam es häufig zu lautstarkem Streit mit meiner Mutter, die ihn dafür verfluchte, dass er wieder einmal voll wie tausend Eimer war. Ich hatte oft Angst um sie. Mein Vater war zwar nicht gewalttätig, aber unkontrolliert. Und ich wusste, dass seine Worte meine Mama verletzten. Genauso wie sie mich und meine Geschwister ein ums andere Mal mit voller Wucht trafen.

Am schlimmsten war für mich, dass ich dem Ganzen machtlos gegenüberstand. Dass ich vor allen Dingen meiner Mutter nicht helfen konnte. Ich war früh jemand, der Verantwortung übernehmen wollte. Der versuchte, Lösungen zu finden. Aber gegen die Alkoholsucht meines Vaters hatte ich kein Rezept. Ich fühlte mich hilf- und machtlos, was mit die schlimmsten Gefühle sind, die es in meinen Augen gibt.

Noch heute, wenn ich als Trainer am Spielfeldrand stehe und merke, dass ich meiner Mannschaft nicht mehr helfen kann, schnürt mir das mit derselben Wucht wie damals den Hals zu. Dann holt mich dieses Gefühl von früher wieder ein.

Als Fußballtrainer hat man großen Einfluss direkt vor und auch direkt nach dem Spiel und in der Halbzeitpause. Man hat riesigen Einfluss in sämtlichen vor- und nachbereitenden Trainingseinheiten. Man hat auch während des Spiels genügend Möglichkeiten, zu coachen und Einfluss zu nehmen. Wäre das nicht so, dann könnte den Job ja auch der Platzwart übernehmen.

Es gibt aber manchmal, und genau auf diesen Moment ziele ich ab, in Spielen eine Phase, in der man als Trainer spürt, dass nicht mehr viel geht. Dass die Spieler deine Anweisungen kaum noch wahrnehmen, zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und anfangen, sich aufzugeben. Ich behaupte, dass jeder Trainer der Welt diesen Moment kennt.

Viele Trainer verschwinden dann auf der Bank. Ziehen sich zurück und ergeben sich ebenfalls. Das fatalste Signal überhaupt. Natürlich ist die Chance, die Mannschaft irgendwie wieder zu erreichen, minimal. Aber für mich gilt: Wenn du in diesem Moment auch aufgibst, ergibt sich deine Mannschaft endgültig.

Ich werde in solchen Situationen sehr laut, bin extrem präsent und aktiv. Ich weigere mich mit aller Macht, das Spiel aufzugeben. Ein Lebensmotto von mir lautet: Gib niemals auf, es sei denn Briefe bei der Post.

Im Handball oder Basketball verfügen die Trainer über die Möglichkeit, Auszeiten zu nehmen. In diesen kurzen Unterbrechungen können sie versuchen, ihrem Team einen taktischen Kniff einzutrichtern oder einen Spielzug mit an die Hand zu geben, der richtungsweisend ist. Manchmal dienen diese Auszeiten auch nur dazu, um die Spieler noch einmal wachzurütteln und zu motivieren.

Ich würde mir manchmal sehr wünschen, dass es auch im Fußball die Möglichkeit solcher Auszeiten gäbe. Dass man mehr direkten Einfluss während eines Spiels hätte.

Meine Spieler wissen aber, wie ich dazu stehe. Und sie wissen auch, dass bei uns gerade irgendetwas ganz gewaltig schiefläuft, wenn ich ins Spiel das Wort »Auszeit« rufe. Mit diesem versteckten Appell versuche ich, meine Jungs unterbewusst und bewusst aufzurütteln. Ihnen noch einmal die Sinne zu schärfen. Das ist meine Geheimbotschaft, um ihnen zu vermitteln: »Es läuft gerade etwas richtig falsch bei uns. Der Alte draußen dreht gleich durch. Wir müssen wieder eine Schippe drauflegen. Mehr tun und es wieder besser machen.«

Aufgeben ist keine Option. Vor allem nicht, wenn es kleinste Widrigkeiten sind, die einen scheinbar in die Knie zwingen. Wenn die Spieler kapitulieren, ehe sie wirklich alles probiert haben.

Ich hätte meinen Vater mein Leben lang als Alibi nutzen können. Ich hätte mein eigenes Versagen immer mit seiner Alkoholabhängigkeit und meiner damit verbundenen schwierigen Kindheit rechtfertigen können. Stattdessen bin ich ausgebrochen und habe Verantwortung für mein Leben übernommen.

In diesem Leben gab es auch durchaus mehrfach den Moment, in dem ich hätte resignieren können. In dem ich mich für einen anderen, ganz gewiss leichteren, Weg hätte entscheiden können. Wo ich mich ganz einfach hinter Ausflüchten hätte verstecken können, warum dieses oder jenes nicht geklappt hat. Wie zum Beispiel während meiner eigenen Fußballkarriere.

Zu meiner Zeit gab es keine Bambini- oder Mini-Kicker-Mannschaften, sodass man als kleiner Knirps meist nur auf der Straße oder mit Kumpels auf Bolzplätzen spielte. Bei uns war einer direkt um die Ecke. Wobei die Bezeichnung »Bolzplatz« eine grobe Übertreibung ist. Es gab keine fest installierten Tore und auch keine Abgrenzung. Es war einfach nur eine Fläche, nahezu eben, auf der wir aus Steinen Tore machten. Die heißesten Duelle fanden immer gegen die Hüssenerstraße, gegen die Braunschweiger Straße oder gegen die Jungs aus der Herner Straße statt. Da ging es um die Ehre und die Vorherrschaft im Stadtteil Ückendorf.

Wobei ich in der ersten Zeit gar nicht mitspielen durfte. Seit meinem vierten Lebensjahr stand ich da, jeden Tag, und wartete darauf, von den größeren Jungs herangerufen zu werden. Doch das Signal, dass sie mich dabeihaben wollten, blieb zunächst einmal aus. Mein älterer Bruder Heinrich durfte mitkicken. Für mich interessierte sich niemand.

Sie spielten sogar lieber mit einer ungleichen Anzahl, als eine Mannschaft mit mir aufzufüllen. Jeden Tag stand ich wieder da und fragte, ob ich heute mitmachen dürfte. Und jeden Tag bekam ich ein Nein zu hören.

Bis ich eines Tages aus heiterem Himmel mitspielen durfte. Wir waren, mit mir, genau zehn Jungs. Allesamt Burschen aus unserer Straße, also kein Duell gegen die anderen. Die zwei ältesten Jungs wählten abwechselnd ihre Mitspieler. Ich blieb bis zum Schluss übrig und wurde nur gewählt, weil sonst niemand mehr zur Verfügung stand.

Heute lässt kaum noch ein Trainer nach diesem Prinzip Mannschaften wählen, aus Rücksicht, dass es demjenigen, der als Letzter gewählt wird, dann in der Seele wehtut. Bei mir jedenfalls hat es damals dazu geführt, dass ich mir geschworen habe, so gut zu werden, dass ich künftig nicht mehr bis zum Schluss dastehen werde.

Manchmal erzähle ich meinen Spielern heute noch davon, wie ich als Vierjähriger da gewartet und gewartet und gewartet habe. Nämlich immer dann, wenn Jungs anfangen zu motzen und früh zu resignieren, kaum dass sie mal ein paar Wochen auf der Reservebank sitzen.

Erst mit neun Jahren habe ich begonnen, in einem Verein zu spielen: bei Westfalia Westerkappeln.

Als ich 13 Jahre alt war, stand plötzlich ein Reporter vor mir, um mich zu interviewen. Er schreibe einen Artikel für die Rubrik »Begegnung mit jedermann«, sagte mir dieser gestandene Mann, der bereits über 40 Jahre sein musste. Wir unterhielten uns lange, und tatsächlich füllte der Bericht von Adolf Wiartalla, so sein Name, fast ein Drittel der Seite. »Ein Junge mit fußballerischen Ambitionen«, lautete die Überschrift des Artikels, in dem dann stand: »Sein Lieblingsverein ist Schalke 04, und seine Lieblingskicker sind Nationalrechtsaußen ›Stan‹ Libuda und Münchens Toremacher Gerd Müller. Zwei Spieler also, die in erster Linie die Verantwortung auf sich nahmen, die Nationalmannschaft nach Mexiko zu schießen. (…) Norbert selbst ist ein fußballerisches Frühtalent, das gerne einmal in die Fußstapfen jener Vorbilder treten möchte. Säuberlich führt er Buch über seine Taten auf dem Rasen, die sich in den vier Jahren seiner Westerkappelner Westfalia-Zugehörigkeit in genau 92 Toren ausdrücken, erzielt für die D- und C-Jugend.«

Weil ich weiter regelmäßig traf, wurde ich aus der C- direkt in die A-Jugend hochgezogen, spielte also als 14-Jähriger schon gegen 18-jährige Gegner. Mit 17, also als A-Jugend-Altjahrgang, spielte ich schon in der ersten Mannschaft, damals in der Landesliga. Bei irgendeinem meiner Spiele stand ein enger Freund von Max Merkel, er hieß, glaube ich, Willi Reincke, am Rand und wurde auf mich aufmerksam. Er empfahl mich Merkel, der schließlich mit ganz viel Tamtam nach Westerkappeln kam, um mich spielen zu sehen.

Die Zeitungen waren voll mit Ankündigungen darüber. Schließlich war Merkel zu der damaligen Zeit eine richtig große Nummer im Fußball.

Als er 1860 München übernahm, hatte er eine überalterte Freizeitmannschaft, die mit viel Mühe an guten Tagen ansehnlich spielen konnte.

Merkel, der studierte Maschinenbauer, der eine Weile als Ingenieur in einem Aufzug-Werk gearbeitet hatte, krempelte sie vollkommen um – und nicht nur die Mannschaft, sondern gleich den ganzen Verein. »Hier musste man«, sagte er, »erst mal mit der Machete einen Pfad durch den Fußball-Urwald schlagen.«

Er verpflichtete als einer der Ersten mit Dieter Urbach, einem früheren Kugelstoßer, einen Konditionstrainer. Er führte Fußpflege für die Spieler ein und empfahl in den kalten Monaten das Tragen von Strumpfhosen.

Merkel war mehr Profi als jeder andere zuvor. So manches Training dauerte bis zu vier Stunden am Tag.

Einmal ließ er seine Spieler minutenlang den Kopf von links nach rechts kreisen. Als ein genervter Spieler wissen wollte, wozu das gut sei, antwortete er: »Des macht’s, falls euch amal jemand fragt, ob Ihr Fuaßboi spuin kennt’s.«

Ihm wurde nachgesagt, er sei wie ein Sklavenaufseher, manche nannten ihn Diktator. Er selbst sagte: »Fußballspieler sind Artisten – und müssen sich quälen können.« Oder: »Ich fühle mich wie ein Dompteur, der in der Manege mit der Peitsche schnalzt. Kehrt er seinen Raubtieren auch nur für einen Moment den Rücken zu – schon greifen sie mit der Tatze nach ihm. Auch Fußballer brauchen die Peitsche. Und wenn es geklappt hat, bekommen sie von mir ihr Zuckerl.«

Er wurde als »Schmähbruder« und »Zuchtmeister« bezeichnet. Gleichzeitig impfte er mit seiner Art den Löwen rauschhaften Angriffsfußball ein, sodass Resultate wie ein 9 : 0 gegen den Karlsruher SC, ein 9 : 2 gegen den Hamburger SV oder ein 6 : 1 gegen Borussia Dortmund möglich waren. 1964 führte er den TSV 1860 München zum Sieg im DFB-Pokal. Ein Jahr später spielten sie im Endspiel des Europapokals. 1966 folgte dann der Gewinn der deutschen Meisterschaft.

»Es gibt Titel«, sagte er daraufhin, »da kommst du mit ins Buch der Rekorde. Meine Meisterschaft mit den Sechzigern zum Beispiel. 100 Jahre vorher war da nix, 100 Jahre danach wird da wohl nix sein.«

Löwen-Torwart Petar Radenković sagt später einmal über Merkel: »Er war kein einfacher Mensch, keine Vaterfigur, kein Kumpel, sondern ein harter Arbeiter, der seinen Spielern mehr als das Maximum abverlangte.«

1967 ging Merkel zu den stark abstiegsgefährdeten Nürnbergern, die er auf dem 14. Platz übernahm und auf Rang 10 führte.

Zu seinem ersten Training kamen an einem nasskalten Wintertag 3000 Menschen. Sie alle wollten Max Merkel sehen, den ersten Star-Trainer der jungen Bundesliga.

Merkel verkündete gewohnt lauthals: »Wir müssen den Zuschauern so viel bieten, dass wir den Tresor vor lauter Geld nicht mehr schließen können.«

Tatsächlich stieg der Zuschauerschnitt dank seines Fußballs von 13 000 auf rund 30 000. Als die neue Saison begann, mussten teils Vorverkaufsstellen von der Polizei abgeriegelt werden, sonst hätten sich Fans um Eintrittskarten geprügelt.

Merkel veränderte die Mannschaft extrem. Elf Spieler mussten gehen, sechs neue kamen. Die Mannschaft erlebte das härteste Trainingslager aller Zeiten, mit drei Einheiten am Tag.

Im Dezember 1967 wird der FC Bayern mit 7 : 3 geschlagen. Franz Brungs trifft so oft, dass ihn der Münchner Schlussmann Sepp Maier irgendwann fragt, ob es nicht langsam mal reiche. Es reicht Brungs erst nach fünf Toren.

Am Ende wird Nürnberg Meister. Doch nur kurze Zeit später verlor Merkel, wie schon in München, seine Mannschaft, weil er mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit und Härte das Team umbauen wollte und die Menschen in den Trikots total vergaß. Im März 1969 musste er gehen.