Gib mir ein Versprechen - Tracie Peterson - E-Book

Gib mir ein Versprechen E-Book

Tracie Peterson

4,9

Beschreibung

Jahrelang sind Gwen, Beth und Lacey mit ihrem Vater durch die Städte des Wilden Westens gezogen. Nun haben sie sich mitten in der Wildnis von Montana ein neues Zuhause geschaffen. Als ihr Vater getötet wird, gerät dieser Traum in Gefahr, denn es gibt viele Feinde, die zu gerne ihre blühende Pension übernehmen würden. Gwen muss sich behaupten. Als dann noch ein Fremder auftaucht, der eine unglaubliche Anschuldigung vorbringt, scheint ihre Welt zusammenzubrechen.

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Tracie Peterson

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Bestell-Nr. 395.147

ISBN 978-3-7751-7071-0 (PDF)ISBN 978-3-7751-7026-0 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5147-4 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2010SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: [email protected]

Umschlaggestaltung: OHA Werbeagentur GmbH, Grabs, Schweiz; www.oha-werbeagentur.chTitelbild: shutterstock.comSatz: Satz & Medien Wieser, StolbergDruck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, UlmPrinted in Germany

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:Neues Leben. Die Bibel, © Copyright der deutschen Ausgabe 2002und 2006 by SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Für Deb und Brian,denen ich genussreiche Stunden am Radio,gemeinsames Lachen und jede Menge Ermutigung verdanke!

1

Mai 1879, Montana

»Miss Gwen! Miss Gwen! Kommen Sie, schnell!«

Gwendolyn Gallatin blickte von ihrer Näharbeit auf und legte den Kopf schief – eine Bewegung, mit der sie unbewusst den Hund der Familie, Major Worthington, nachahmte. Die Hintergrundgeräusche einer ausgelassenen Feier, akzentuiert von gelegentlichen Gewehrschüssen, die von draußen hereindrangen, hatten sie schon den ganzen Abend begleitet und jetzt war sie höchst überrascht, in dem ganzen Krawall plötzlich ihren Namen zu hören.

Ein etwa vierzehnjähriger Junge kam durch die Vordertür hereingestürmt. Er blieb abrupt stehen und rang nach Luft. Blondes Haar fiel ihm ins schmutzige Gesicht. »Miss Gwen!« Er war so atemlos, dass er kaum reden konnte.

»Du meine Güte, Cubby, was ist denn los?« Gwen legte ihre Arbeit beiseite und stand auf. Aus der Küche kamen ihre Schwestern Lacy und Beth herbeigelaufen.

»Euer ... euer Vater«, stieß Cubby hervor, nachdem er wieder zu Atem gekommen war. »Er ist erschossen worden. Mein Vater sagt, ihr sollt ganz schnell kommen.«

Zutiefst entsetzt schlug Gwen die Hand vor den Mund und sah panisch zu ihren Schwestern hinüber. Lacy, die jüngste der drei, die noch nicht einmal 20 war, rannte als Erste zur Vordertür. Sie trug einen langen Hosenrock, der ihr etwas mehr Bewegungsfreiheit ließ, doch Beth war ihr, obwohl sie sehr viel damenhafter gekleidet war, dicht auf den Fersen.

»Rasch, bring uns zu ihm, Cubby«, sagte Gwen, doch ihre Stimme wollte ihr nicht mehr gehorchen. Mit Beinen, die sich anfühlten wie Bleiklötze, folgte sie ihren Schwestern.

»Er liegt auf der Straße, vor Papas Saloon.« Cubby rannte den Mädchen nach; Gwen war unmittelbar hinter ihm.

Als sie eintrafen, hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge gebildet. Lacy kniete neben ihrem Vater im Schmutz. Gwen sah, wie Beth dem älteren Mann ein spitzengesäumtes Taschentuch auf die Brust presste. Als sie näher kam, machten die Menschen ihr bereitwillig Platz. Sie sah das aschfarbene Gesicht ihres Vaters und hörte das leise Gemurmel der umherstehenden Männer, größtenteils derbe Cowboys, die nach Schweiß und Bier stanken.

»Gwennie«, flüsterte ihr Vater, als sie sich neben ihn kniete.

Sie legte ihm die Hand auf die Stirn. Er fühlte sich bereits kalt an. »Wir bringen ihn ins Haus«, befahl sie ihren Schwestern.

»Nein«, sagte ihr Vater. Sein Atem ging mühsam. »Mit mir ist es ... zu Ende.«

»Unsinn, Vater. So schlimm ist es auch wieder nicht, angeschossen zu werden«, sagte Lacy resolut und schob eine Strähne ihres rotblonden Haars zurück, die sich gelöst hatte.

Beth weinte leise, doch ihr Vater schüttelte langsam den Kopf. »Nicht weinen, Bethy. Ich gehe jetzt in den Himmel.« Er lächelte seine Töchter kraftlos an und schloss die Augen. »Dass ihr mir ... nicht immer ... so dünnen Kaffee kocht, Mädchen.« Und dann war er tot.

Gwen sah ihren Vater an, als erwartete sie noch mehr. Bestimmt hatte er nur vor Schmerzen die Augen geschlossen. Er konnte nicht tot sein.

Beth blickte zu Gwen hinüber. »Er atmet nicht mehr.«

Lacy schrie: »Vater! Vater!«

Das Ganze war wie ein böser Traum. Die Menschen redeten und gestikulierten und liefen durcheinander, doch Gwen selbst war wie erstarrt, unfähig, sich zu bewegen oder zu verstehen, was sie sagten. Ihr Vater war tot. Was um Himmels willen sollten sie jetzt tun?

»Ich nehme das in die Hand«, sagte Simon Lassiter und half Gwen aufzustehen. Sein Bruder Nicholas stand dicht neben ihr. Die Lassiter-Jungen waren schon immer gute Freunde der Gallatins gewesen.

Gwen blickte ihn an und sah den Kummer in seinen Augen. »Was sollen wir tun?«, fragte sie leise.

»Wir holen den Sheriff«, erklärte Lacy. Sie sah die umstehenden Cowboys an. »Wer von euch hat ihn erschossen?«

»Niemand hat ihn erschossen, Miss Lacy«, sagte Cubby und schüttelte den Kopf. »Jedenfalls nicht mit Absicht. Die Jungs haben einfach nur in die Luft geschossen. Sie haben gefeiert.«

»Cubby hat recht«, sagte der Vater des Jungen. Rafe Reynolds zog ruhig an seiner Zigarre und deutete dann auf die betrunkenen Männer. »Keiner von ihnen wollte George Gallatin verletzen.«

»Aber er ist tot«, sagte Lacy und sah Gwen an. »Irgendjemand muss doch dem Gesetz Genüge tun, auch hier draußen.« Sie fing an zu weinen. »Vater verdient Gerechtigkeit.«

Beth legte den Arm um Lacy und nickte.

»Ihr Mädchen geht am besten zur Pension zurück«, wies sie Simon an. »Wir bringen George in den Laden. Nick kann den Sheriff holen, während ich ihn ... für das Begräbnis ... vorbereite.«

Sein Blick wirkte, als stünde ihm ein Kampf mit einem Grizzly bevor.

»Ich hole seinen Anzug«, sagte Gwen. Sie schien plötzlich nichts mehr zu empfinden. Der Schock hatte sie betäubt. Lacy und Beth weinten, doch Gwens Augen blieben trocken. Weinen war sinnlos. Ihr Vater war tot, und das war ebenso sehr ihre Schuld wie die Schuld des Mannes, der das Gewehr abgefeuert hatte. Schließlich hatte sie ihn an diesem Abend aus dem Haus geschickt. Sie war verflucht.

»Ich kann es immer noch nicht fassen, was geschehen ist«, sagte Lacy, als sie am offenen Grab ihres Vaters standen.

Sie war 19 und die jüngste der Gallatin-Mädchen, wie die drei genannt wurden. Lacy war ein Wildfang und schockierte die Leute häufig, weil sie zum Reiten Hosen trug, im Herrensitz ritt und auch mal aufs Dach kletterte und ein paar Dachziegel ersetzte. Sie war der Sohn, den ihr Vater nie hatte, und Gwen konnte sich, was die schwereren Arbeiten im und um Gallatin House betraf, immer auf sie verlassen.

»Dave Shepard sagt, es war ein Unfall«, erklärte Gwen und blickte über das offene Grab auf die Umstehenden, die am Begräbnis teilnahmen.

»Natürlich hat Dave das gesagt«, antwortete Lacy mit vor Sarkasmus triefender Stimme. »Ich habe mit ihm und Sheriff Cummings gesprochen. Beide halten es für einen unglücklichen Zufall.«

Beth betupfte sich mit einem Taschentuch die Augen. »Wir können nicht beweisen, wer es war. Die Männer haben gefeiert und fast alle haben dabei auch in die Luft geschossen, hat Rafe gesagt.«

Lacy kreuzte die Arme vor der Brust. »Das glaube ich ihm genauso, wie ich glaube, dass Major Worthington keine Küken tötet.«

Gwen warf einen Seitenblick auf den Hund, der seit über zwei Stunden treu am Grab seines Herrn saß. »Das bringt uns nicht weiter.« Sie blickte ihre Schwestern an, sah den tiefen Schmerz in ihren Augen und fragte sich, ob sie ihr wohl die Schuld am Tod ihres Vaters gaben. Sie jedenfalls tat es.

»Ich werde Hilfssheriff Shepard sagen, was ich von ihm halte«, sagte Lacy und stapfte davon, wobei sie vorsichtig ihren Rock schürzte, denn der Weg war nass und voller Schlamm.

Beth sah Gwen an. »Ich gehe ihr besser nach.«

»Ja.« Gwen wusste, wie Lacy mit Dave Shepard und anderen Männern, die ihr im Weg standen, umspringen würde. Lacy war erst fünf gewesen, als ihre Mutter bei einer Geburt starb, und schien einen ständigen Groll gegen alle Welt zu hegen, vor allem jedoch gegen Männer.

Beth eilte Lacy nach. Simon Lassiter trat zu Gwen. »Es tut mir so leid, was mit deinem Vater passiert ist, Gwen.«

Gwen nickte. »Ich weiß, Simon. Du hast einen schönen Sarg gemacht. Was bin ich dir dafür schuldig?«

»Gar nichts. Nick und ich wollten ihm auf diese Weise die letzte Ehre erweisen.« Er senkte den Blick. »Er hat es nicht verdient, einfach so abgeknallt zu werden.«

»Nein, das hat er nicht«, sagte Gwen. »Wirklich nicht. Wenn ich ihn nicht zu dir geschickt hätte, damit er die Messer schärfen lässt, wäre er noch am Leben.«

Simon sah sie an. »Es war nicht deine Schuld, Gwen. Du kannst dir doch nicht die Schuld daran geben!«

»Ich weiß«, antwortete sie, weil sie wusste, dass er diese Antwort erwartete. Sie wollte sich auf keine Diskussion darüber einlassen, dass er unrecht hatte, deshalb nickte sie nur.

Gwen sah den Mann an, der vier Jahre älter war als sie. Er würde sie nicht verstehen, auch wenn sie versuchte, es ihm zu erklären. Ihr Leben stand ganz im Zeichen des Todes. Jede Sekunde ihres Daseins war ihr schmerzhaft bewusst, dass Menschen sterben konnten.

»Hast du mir zugehört?«, fragte Simon.

Gwen schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid. Ich war ganz in Gedanken.«

»Ich habe gefragt, ob ich dich nach Hause bringen darf«, wiederholte Simon. »Nick und ich werden das Grab schließen und ich möchte nicht, dass du dabei bist. Ich finde es nicht gut, wenn du dabei zusiehst.«

Gwen blickte in das offene Erdloch. Die Holzkiste mit den sterblichen Überresten von George Gallatin stand neben dem Grab. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen.

»Nein, ich kann gut allein gehen. Tu, was du tun musst, Simon. Mit mir ist alles in Ordnung.«

Bevor sie ging, warf sie noch einen Blick auf das Grab rechts neben dem ihres Vaters. Harvey. Sie dachte daran, wie gut ihr Vater und ihr Ehemann sich verstanden hatten. Sicher würde es ihnen gefallen, dass sie jetzt auch im Tod zusammen waren. Leider konnte sie um keinen der beiden weinen. Ein Leben des Verlusts und der Sorgen hatten ihren Tribut gefordert. Sie hatte keine Tränen übrig.

Gwen ließ den Kopf sinken und machte sich auf den Heimweg. Im Weggehen hörte sie noch, wie Simon und Nick den Sarg ihres Vaters ins Grab hinunterließen. In diesem Grab lag ein Stückchen ihres Herzens, so wie in den Gräbern all der anderen Menschen, die sie verloren hatte. Manchmal hatte sie Angst, dass nichts mehr von ihrem Herz übriggeblieben war.

Harvey hätte ihr gesagt, dass sie töricht war. Er war so voller Leben gewesen. Harvey hatte weder an Flüche noch an Pech geglaubt. Er schien sein Leben wie im Eiltempo zu leben. Vielleicht war er ja deshalb so jung gestorben – sein Leben war einfach aufgebraucht.

»Manchmal möchte ich diesem Mann einen Kinnhaken geben«, erklärte Lacy, während sie und Beth sich zu Gwen gesellten.

»Was hat Hilfssheriff Shepard denn jetzt wieder getan?«, fragte Gwen nachsichtig und schob die Erinnerung an den Mann, den sie geliebt hatte, energisch beiseite.

»Es geht nicht darum, was er getan hat«, berichtete Lacy, »sondern um das, was er nicht getan hat. Er will nicht einmal nach dem Mörder unseres Vaters suchen.«

»Du darfst nicht ungerecht sein, Lacy. In dieser Nacht standen über ein Dutzend Männer um Vater herum und alle waren betrunken, weil sie das Ende des Roundups1 gefeiert haben. Da kannst du nicht erwarten, dass Hilfssheriff Shepard herausfindet, wessen Kugel Vater getroffen hat.«

Ihre kleine Schwester blieb abrupt stehen. »Nun, irgendjemand muss es schließlich herausfinden. Dann wird es wohl an mir hängenbleiben.«

Gwen nahm den Arm ihrer Schwester. »Bitte, hat das nicht Zeit? Vater ist noch nicht einmal unter der Erde. Mrs Shepard ist im Haus und bereitet den Leichenschmaus vor. Wir müssen uns wenigstens kurz zeigen.«

Lacys unnachgiebiger Gesichtsausdruck verschwand. »Entschuldige, Gwen. Natürlich kann ich noch warten. Ich habe nicht nachgedacht.«

Gwen strich Lacy über den Arm und ging auf das Haus zu. »Es gibt so viel zu überlegen. Vater hat uns alles hinterlassen, aber die Frage ist doch: Wollen wir es überhaupt haben?«

»Was meinst du damit?«, fragte Beth.

»Ich meine die Pension. Gallatin House. Sollen wir sie weiterführen? Es war das Einzige, was Vater zuwege gebracht hat. Das Einzige ...« Ihre Stimme brach; sie musste sich anstrengen weiterzureden. »Das Einzige, mit dem er Erfolg hatte.«

Beth legte Gwen den Arm um die Taille. »Er hatte den Erfolg verdient. Die Leute mochten ihn und die Arbeit hat ihm große Freude gemacht.«

Sie näherten sich dem länglichen Gebäude von der schlammigen Straße her, auf der die Wagen fuhren. Als das Haus in Sicht kam, blieben sie erst einmal stehen. Durch den Regen, der letzte Nacht gefallen war, sah alles wie frisch gewaschen aus. Die Regentropfen glitzerten im jungen Gras wie Diamanten in der Mittagssonne.

Die Schwestern hatten miterlebt, wie ihr Vater in einem Beruf nach dem anderen versagte. Er hatte alles versucht, um reich zu werden und die Anerkennung seiner Mitmenschen zu gewinnen, doch ohne Erfolg. Aber George Gallatin war ein freundlicher Mann und ein guter Vater gewesen, der seine Töchter sehr geliebt hatte. Er war mit ihnen nach Gallatin in Montana gezogen, weil er glaubte, dass der Name ihnen Glück bringen würde. Gallatin House war das einzige seiner zahlreichen Projekte gewesen, das je von Erfolg gekrönt gewesen war.

»Er war ein guter Mensch«, sagte Gwen schließlich.

»Er war immer freundlich und hat nie die Stimme erhoben«, antwortete Beth.

»Papa hat nie jemanden von der Schwelle gewiesen«, fügte Lacy hinzu. Ihr Zorn schien verraucht, für den Moment. Sie seufzte schwer.

Gwen straffte die Schultern. »Nun ja, wir müssen uns ja nicht gleich entscheiden.«

»Ich habe nichts dagegen weiterzumachen«, antwortete Beth. »Meiner Ansicht nach sollten wir bleiben. Wo sollen wir auch hingehen – drei Frauen, ganz allein?«

»Genau die Tatsache, dass wir drei Frauen sind, die völlig allein stehen, ist Grund genug, woanders hinzuziehen«, entgegnete Gwen. »Denk doch an das, was Mrs Shepard mal gesagt hat: ›Eine alleinstehende, unverheiratete Frau in diesem Land ist wie Wasser für einen durstigen Mann.‹ Ich nehme an, das macht uns zum Wasserloch für eine ganze Herde durstigen Viehs.«

»Ich habe keine große Lust, ein Wasserloch zu sein«, sagte Beth stirnrunzelnd. »Und außerdem sind wir ja nicht völlig mittellos. Wir haben ein schönes Haus und gute Freunde, auch wenn wir Rafes Saloon in Kauf nehmen müssen und sein Bestreben, jedermanns Ruf im ganzen Umkreis zu ruinieren.«

»Außerdem verdienen wir gut durch den Vertrag mit der Postkutschen-Gesellschaft«, fügte Lacy hinzu. »Und auch das Abkommen mit den Frachtunternehmen bringt etwas ein.«

»Jedenfalls bis zum Ende des Sommers«, antwortete Gwen. »Der Vertrag mit der Postgesellschaft muss im August neu ausgehandelt werden, wie ihr wisst.«

»Dann lass uns doch bis dahin abwarten«, entgegnete Beth. »Es ist ja erst Mai. Der Sommer fängt erst an, in den kommenden Monaten können wir mit der größten Zahl an Gästen rechnen. Warum sehen wir nicht, was uns der Sommer bringt und wie wir mit der Arbeit zurechtkommen?«

»Ich wäre einverstanden«, sagte Lacy entschlossen. »So bleibt mir Zeit, Vaters Mörder zu suchen.«

Beth und Gwen blieben stehen und sahen ihre Schwester an. »Wie bitte?«, fragte Gwen, noch bevor Beth etwas sagen konnte.

Lacy zuckte mit den Schultern und blickte ihre Schwestern herausfordernd an. »Wenn das Gesetz sich nicht darum kümmert, werde ich es eben tun. Ich habe keine Angst vor der Wahrheit.«

Gwen runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass der Sheriff Angst hat. Es gibt einfach keine Möglichkeit herauszufinden, wer Vater erschossen hat.«

»Dann sollte er alle hängen«, antwortete Lacy.

»Das ist nicht dein Ernst.« Das Entsetzen über das, was Lacy gesagt hatte, war Beths Stimme deutlich anzumerken. »Du kannst doch nicht wollen, dass unschuldige Menschen sterben.«

»Nein. Aber ich wollte auch nicht, dass Vater stirbt. Er war der Unschuldigste von allen. Er hätte nicht einmal ein Glas Alkohol in die Hand genommen, geschweige denn sich betrunken. Irgendjemand muss dafür bezahlen, dafür werde ich sorgen.« Damit stürmte sie los, aufs Haus zu, und gab weder Beth noch Gwen Gelegenheit zu einer Antwort.

Beth sah ihre ältere Schwester an und schüttelte den Kopf. »Du glaubst doch nicht, dass sie wirklich Ernst macht, oder?«

Gwen seufzte. »Ich kenne Lacy. Wir sollten besser alle Stricke verstecken, die sich für einen Galgen eignen würden. Ich kann sie mir gut als Ein-Frau-Lynchmob vorstellen.«

»Ja«, sagte Beth und nickte. Auch sie ging weiter, auf das zweistöckige Blockhaus zu. »Du hast recht. Ich glaube, es war Vaters beste Idee überhaupt, als er vorschlug, ein Schloss an Lacys Zimmer anzubringen – von außen, nicht von innen.«

Gwen lächelte. »Wir sollten vielleicht die Lassiter-Brüder darum bitten.«

Spät abends, ihre Schwestern waren längst auf ihre Zimmer gegangen, kroch Gwen ins Bett und versuchte, nicht mehr an den hinter ihr liegenden Tag zu denken. Sie war dankbar, dass die nächste Postkutsche erst am Mittwoch erwartet wurde. So hatten sie noch einen Tag Zeit, sich um das Allernötigste zu kümmern.

Sie schlüpfte in die tröstliche Wärme der Daunendecke, zitternd von der eisigen Kälte im Zimmer. Mai in Montana bedeutete, dass man, sobald die Sonne unterging, ein Feuer anmachen musste, doch Gwen hatte sich heute nicht dazu aufraffen können.

Es fing wieder an zu regnen. Das leise, stetige Geräusch der Regentropfen am Fenster und auf dem Dach tröstete Gwen irgendwie. Sie überlegte kurz, ob sie beten sollte, aber es war lange her, seit sie das letzte Mal gebetet hatte. Ob Gott sich überhaupt mit jemandem abgab, der verflucht war? Früher hatte sie oft in der Heiligen Schrift Trost gesucht, doch was sie dort las, verfolgte sie bis in ihre Träume hinein und bestärkte sie noch in ihrer Überzeugung, dass sie verloren war. Hatte sie doch in vielen Kapiteln der Bibel gelesen, dass es so etwas wie Flüche wirklich gab, dass Gott Menschen, ja ganze Völker verflucht hatte, und zwar mehr als einmal.

Darüber hinaus schien es so, als ob Gott einem Menschen ein für alle Mal den Rücken zukehrte, wenn er ihn erst einmal verflucht hatte. Gwen konnte also kaum erwarten, dass Gott sich ihre Gebete anhörte, da er sie eindeutig verflucht hatte.

Sie verkroch sich tiefer unter ihrer Bettdecke und zog die Knie bis an die Brust hoch, so wie sie es als Kind gemacht hatte, wenn sie Angst hatte. Sie sehnte sich so nach Trost, hoffte verzweifelt, dass sich etwas ändern möge. Aber nichts schien sich je zu ändern.

»Und jetzt will Lacy es mit der ganzen Welt – oder zumindest mit unserer Gegend hier – aufnehmen und den Mann suchen, der Vater getötet hat. Die arme Beth geht auf die Barrikaden wegen Rafes leichten Mädchen und ich stecke mittendrin und weiß nicht, was ich tun soll.«

Das Leben in Montana war eigentlich gar nicht so schlecht, das musste sie zugeben, wenn es auch ein paar nicht zu unterschätzende Hindernisse auf dem Weg hierher gab – vor allem die Berge, die man überqueren musste, was ganz und gar nicht einfach war. Sie dachte an Harvey Bishop und lächelte. Harvey war ihr Ritter in schimmernder Rüstung gewesen oder doch zumindest ihr Minnesänger, der durch das Land gezogen war und das Leben liebte. Er war schnell und völlig überraschend in ihr Leben getreten und hatte es genauso wieder verlassen. An dem Tag, an dem er und Gwen geheiratet hatten, hatte er die Masern bekommen. Zehn Tage später hatte Gwen an seinem Grab gestanden.

Sie blickte zur Zimmerdecke und versuchte, sich an Harveys Gesicht zu erinnern, doch sein Bild war verblasst. Alle hatten gesagt, sie solle ihren Mädchennamen behalten und nicht Harveys Namen annehmen; immerhin war die Ehe nie vollzogen worden. Schon das war eine Quelle ständiger, größter Verlegenheit für Gwen. Vor ihrer Heirat hatte sie sich über die derben Anspielungen geärgert, die eine Braut sich pausenlos anhören musste. Doch jetzt, da jeder wusste, dass sie die Hochzeitsnacht nicht erlebt hatte und sie deswegen bemitleidete, schien alles noch viel schlimmer.

»Ärgere dich doch nicht über die Leute, Gwennie«, hatte ihr Vater gesagt. »Sie sind es nicht wert. Harvey war ein guter Mensch, nur das zählt. Ob du nun meinen Namen behältst oder seinen trägst, spielt keine Rolle für mich. So oder so – ich liebe dich.«

Gwen war sicher, dass ihr Entschluss, ihren Mädchennamen zu behalten, richtig gewesen war. Hier in Bozeman kannte sie fast keiner. Es war einfacher, wenn alle drei Mädchen unter dem gleichen Namen auftraten. So brauchte sie nicht laufend Erklärungen abzugeben. Von Zeit zu Zeit fragte sie sich, ob Harvey wohl gekränkt wäre, wenn er wüsste, dass sie nicht den Namen Bishop trug, aber sie dachte nie wirklich darüber nach.

Als sie endlich einschlief, grübelte sie noch im Traum darüber, was die Zukunft wohl bringen mochte.

Lacy wanderte bis weit nach Mitternacht rastlos in ihrem Zimmer auf und ab. Sie hatte schon oft in ihrem Leben versagt, aber diesmal würde sie nicht versagen.

Ich werde Vaters Mörder finden. Ich gelobe, dass ich ihn finde. Ich werde nicht ruhen, bis ich ihn gefunden habe. Und wenn ich lügen und betrügen muss, um mein Ziel zu erreichen, werde ich auch das tun. Am Ende werde ich Gerechtigkeit erfahren.

Sie wusste, dass ihr Vater und ihre Schwestern ihr Vorhaben niemals billigen würden, doch das war ihr egal. Das Haus wirkte leer ohne den großen Mann mit dem lauten Lachen, der die drei Mädchen großgezogen hatte. Ohne ihn war die Zukunft ohne jeden Glanz.

Sanft strich sie über den weichen Flanell des Nachthemds ihres Vaters. Sie hatte Gwen und Beth nicht gesagt, dass sie es an sich genommen hatte, aber die beiden würden es verstehen. Dann zog sie ihr eigenes Nachthemd, das einen weiblicheren Schnitt hatte, fester um sich, schlüpfte aus dem Zimmer und stieg leise die Treppe hinunter. Major Worthington schlief sicher bei Gwen. Gwen war in das Schlafzimmer ihres Vaters umgezogen, in dem der Hund zu schlafen pflegte. Sie hatte gemeint, es sei jetzt nicht mehr nötig, dass sie und Beth sich ein Zimmer teilten.

Insgeheim glaubte Lacy jedoch, dass sie es nur getan hatte, weil sie verzweifelt eine Rückzugsmöglichkeit suchte, um den Verlust bewältigen zu können.

Von draußen auf der Veranda hörte man ein raues Maunzen. Calvin J. Whiskers, ihr sandfarbener Tigerkater, tat lautstark kund, dass die Nacht zu kalt war, um sie draußen zu verbringen. Lacy öffnete die Tür und sah auf den Kater hinunter. Er maunzte erneut, als wollte er sagen, dass es höchste Zeit war, dass ihm jemand aufmachte.

»Es ist nicht meine Schuld, dass du für Lassiters Julia den Romeo gespielt hast. Dein Liebesleben ist erfüllter als das aller Menschen im Umkreis von 15 Kilometern.«

Calvin marschierte an ihr vorbei, ohne sich in irgendeiner Form dazu zu äußern. Lacy lächelte. Sie ließ die Tür offen und trat auf die Veranda hinaus. Die Nachtluft war durch den Regen empfindlich kalt geworden. Sie schlang die Arme um sich und schauderte.

Als sie ans andere Ende der Veranda ging, sah sie, dass es auch im Saloon still geworden war. Ohne die Cowboys, die am Wochenende kamen, und die Postkutschenreisenden gab es nicht genügend Besucher, um Rafe und seine Mädchen zu beschäftigen.

Lacy sah auf die Straße hinaus, dorthin, wo ihr Vater gestorben war. Sie versuchte, die Stelle in der Dunkelheit auszumachen, doch sie konnte nichts sehen.

»Es ist ihnen völlig gleichgültig«, flüsterte sie in die dunkle Nacht hinein.

2

Gallatin House, wie es genannt wurde, lag an einer Kreuzung des Postkutschennetzes auf der Strecke von Bozeman nach Butte und Helena beziehungsweise Richtung Süden nach Norris und Virginia City. Es war nicht unmöglich, die riesige Weite Montanas zu durchqueren – nur zeitraubend und gefährlich. Die Schlacht am Little-Bighorn-Fluss war noch keine drei Jahre her, und die Indianerkriege, die sich an die schreckliche Niederlage angeschlossen hatten, waren allen noch lebhaft in Erinnerung.

Die Familie Gallatin genoss einen guten Ruf bei der Postkutschen-Gesellschaft wie auch bei den lokalen Frachtunternehmen. Bei ihr konnte man sich auf saubere Betten ohne Läuse, gute, üppige Mahlzeiten und nette Bedienungen freuen, die bereit waren, sich geduldig die weitläufigen Geschichten müder Reisender anzuhören. Und für einen oder zwei Extra-Dollar wurden einem sogar die Socken und das Hemd gewaschen und gebügelt, bevor die Postkutsche am nächsten Morgen weiterfuhr. Es gab nur wenige Einrichtungen, die sich solcher Annehmlichkeiten rühmen konnten. Ganz zu schweigen von der heißen Quelle, die auf dem Grundstück sprudelte. Für einen wundgerittenen Cowboy oder einen von der Kutsche gnadenlos durchgerüttelten Reisenden war ein langes Bad in dem warmen, heilkräftigen Wasser die reinste Erholung. Die Quelle machte Gallatin House zu einem gesuchten Refugium, vor allem bei den ortskundigen Reisenden und Frachtkutschern.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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