Giftige Liebe - Natascha K - E-Book

Giftige Liebe E-Book

Natascha K

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Beschreibung

Zwischen Deich, Dom und dem allgegenwärtigen Wind von Meldorf beginnt eine Beziehung, die leise und unscheinbar wirkt – und gerade deshalb gefährlich ist. Natalie sehnt sich danach, gesehen zu werden. Eick lebt mit einer schweren psychischen Erkrankung und ist überzeugt, innerlich bereits tot zu sein. Was als vorsichtige Annäherung beginnt, entwickelt sich schrittweise zu einer Dynamik aus emotionaler Abhängigkeit, subtiler Kontrolle und verschobenen Verantwortlichkeiten. Nähe wird zur Beruhigung, Fürsorge zur Erwartung, und Liebe verliert ihre Freiwilligkeit. Der Roman erzählt eindringlich und ohne Verklärung, wie toxische Beziehungen entstehen können, ohne dass sie sofort als solche erkannt werden. "Giftige Liebe" ist eine dunkle, psychologisch dichte Dark Romance, die nicht romantisiert, sondern warnt – und zugleich zeigt, wie schwer, aber notwendig es ist, Grenzen zu erkennen und sich selbst zu schützen. Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Giftige Liebe

Untertitel:

Eine Dark-Romance-Geschichte über Kontrolle, Abhängigkeit und den Preis von Nähe

Vorwort

Diese Geschichte führt Sie nach Meldorf und in die weite, oft raue Landschaft Dithmarschens. Zwischen Deich, Himmel und Meer entfaltet sich eine Beziehung, die von Beginn an nicht leicht ist. Es ist eine Geschichte über Nähe und Distanz, über das Verlangen, gebraucht zu werden, und über die Angst, sich selbst zu verlieren. Natalie ist eine junge Frau, die gesehen werden möchte. Eick ist ein junger Mann mit einer schweren psychischen Erkrankung, dem Cotard-Syndrom, der überzeugt ist, innerlich bereits tot zu sein. Beide tragen ihre eigenen Wunden, ihre eigenen Sehnsüchte und ihre eigenen Abgründe in sich.

Die Geschichte will zeigen, wie sich Liebe anfühlen kann, wenn sie sich langsam in Abhängigkeit verwandelt. Wie Machtverhältnisse entstehen, oft leise, fast unmerklich. Wie Gesten, Blicke und Worte eine Beziehung formen können, lange bevor offene Gewalt oder klare Grenzen sichtbar werden. Dabei bleibt die Erzählung nah an den Figuren, an ihrer Mimik, an ihrem Schweigen, an dem, was sie nicht aussprechen können.

Meldorf ist dabei mehr als nur ein Ort. Die Straßen, die Kirche, der Dom, die Nähe zur Nordsee und die flache Landschaft spiegeln die innere Leere, aber auch die Sehnsucht nach Halt wider. Diese Geschichte ist keine leichte Lektüre. Sie ist dunkel, emotional und manchmal schmerzhaft ehrlich. Sie lädt Sie ein, genau hinzusehen, wo Liebe endet und Kontrolle beginnt.

Trigger Warnung / Lesehinweis

Dieses Buch ist eine Dark-Romance-Geschichte mit starkem psychologischem und emotional belastendem Schwerpunkt. Es behandelt Themen, die verstörend, retraumatisierend oder seelisch überfordernd wirken können. Dazu gehören unter anderem emotionale Abhängigkeit, toxische Beziehungsdynamiken, schleichende Kontrolle, Manipulation, Machtgefälle, psychischer Druck, Schuldgefühle, Verlust von Selbstbestimmung sowie die Darstellung einer schweren psychischen Erkrankung, insbesondere des Cotard-Syndroms. Die Geschichte zeigt außerdem, wie Fürsorge in Kontrolle kippen kann und wie Nähe langsam zur Belastung wird, ohne dass dies sofort erkannt wird.

Ich schreibe diese Trigger Warnung ganz bewusst und ausdrücklich. Ich möchte nicht, dass dieses Buch von kleinen Jungen oder kleinen Mädchen gelesen wird. Ebenso möchte ich nicht, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, instabiler seelischer Verfassung oder akuten inneren Krisen diese Geschichte lesen und dadurch zusätzlichen Schaden nehmen. Diese Erzählung kann Gefühle verstärken, innere Konflikte auslösen und alte Wunden berühren.

Ich schreibe diese Warnung, weil ich Verantwortung übernehme. Ich will nicht, dass jemand durch meine Bücher einen Knacks in der Seele bekommt. Ich will nicht, dass sich jemand durch die dargestellten Abhängigkeitsverhältnisse, psychischen Belastungen oder Beziehungsdynamiken selbst etwas antut. Geschichten haben Wirkung. Worte haben Macht. Deshalb steht diese Warnung hier. So wie man keine Zigaretten an zwölfjährige Kinder verkauft, sollen auch diese Inhalte nicht an Menschen gelangen, für die sie nicht geeignet sind.

Dieses Buch ist keine Anleitung für Beziehungen, keine Rechtfertigung für Kontrolle, Manipulation oder emotionale Abhängigkeit. Psychische Erkrankungen werden nicht romantisiert und nicht als Erklärung für grenzüberschreitendes Verhalten genutzt. Die Geschichte zeigt bewusst die schleichende Gefahr toxischer Nähe und macht deutlich, wie schwer es sein kann, rechtzeitig Grenzen zu erkennen und zu schützen.

Bitte lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie volljährig sind, sich psychisch stabil fühlen und wissen, dass Sie mit intensiven emotionalen, psychologischen und belastenden Themen umgehen können. Wenn Sie unsicher sind, ob diese Inhalte für Sie geeignet sind, lesen Sie dieses Buch bitte nicht.

Ihre seelische Gesundheit ist wichtiger als jede Geschichte.

Haftungsausschluss

Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Alle dargestellten Personen, Handlungen und Dialoge sind erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig. Die Geschichte thematisiert psychische Erkrankungen, insbesondere das Cotard-Syndrom. Diese Darstellung ersetzt keine medizinische oder therapeutische Beratung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder klinische Genauigkeit, sondern dient der literarischen Einordnung innerhalb einer Romanhandlung.

Die Inhalte dieses Buches behandeln dunkle und belastende Themen wie emotionale Abhängigkeit, Macht, Kontrolle und toxische Beziehungsdynamiken. Diese Themen können für manche Leserinnen und Leser belastend sein. Bitte lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie sich emotional dazu in der Lage fühlen.

Dieses Buch wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt. Die Texte sind das Ergebnis einer kreativen Zusammenarbeit zwischen menschlicher Idee und maschineller Textgenerierung. Trotz sorgfältiger Ausarbeitung bleibt es ein literarisches Werk der Fiktion.

Imprint:

V. i. S. d. P.: Marcus Petersen-Clausen, Ginsterweg 7, 30900 Mellendorf/Wedemark (DE) - Tel.: 491796162178

Dieses Dokument ist lizenziert unter dem Urheberrecht!

(c) 2025 Marcus Petersen-Clausen

(c) 2025 Köche-Nord.de

Achtung: Der Autor verwendet zum Erstellen seiner Texte meistens künstliche Intelligenz (und muss das angeben, was er hiermit macht)! Das Cover und die Geschichte wurden mit Chatgbt generiert.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Wind von der falschen Seite

Kapitel 2 – Am Bahnhof 5

Kapitel 3 – Wenn Nähe ein Versprechen wird

Kapitel 4 – Räume, die man nicht verlässt

Kapitel 5 – Kleine Nachrichten, große Wirkung

Kapitel 6 – Gewohnheiten, die sich einschleichen

Kapitel 7 – Entscheidungen, die plötzlich „wir“ heißen

Kapitel 8 – Der Dom kennt keine Ausreden

Kapitel 9 – Gerüchte sind in Meldorf schneller als der Wind

Kapitel 10 – Tageslicht ist auch nur eine Art von Schatten

Kapitel 11 – Wenn Meldorf leise wird, ist es am lautesten

Kapitel 12 – Wenn der Wind schreit, schreien Menschen leiser

Kapitel 13 – Ein normaler Mensch ist manchmal die größte Provokation

Kapitel 14 – Kaffee im Schaufenster

Kapitel 15 – Abstand ist kein Verrat, aber es fühlt sich manchmal so an

Kapitel 16 – Der nette Ton, der alles kaputtmacht

Kapitel 17 – Die Stille nach dem falschen Schritt

Kapitel 18 – Wenn niemand mehr laut wird

Kapitel 19 – Die Wahrheit kommt nie von dort, wo man sie erwartet

Kapitel 20 – Die Entscheidung, die niemand sehen will

Kapitel 21 – Der letzte Versuch, Nähe zu erzwingen

Kapitel 22 – Freiheit fühlt sich zuerst wie Verlust an

Kapitel 23 – Der Punkt, an dem man nicht mehr zurückkann

Kapitel 24 – Was bleibt, wenn man sich nicht mehr erklärt

Kapitel 25 – Helfen, ohne wieder zu verschwinden

Kapitel 26 – Wenn Schuld plötzlich wieder tugendhaft wirkt

Kapitel 27 – Der Körper vergisst nichts

Kapitel 28 – Wenn Wege sich trennen, ohne sich zu kreuzen

Nachwort

Kapitel 1 – Wind von der falschen Seite

Meldorf roch an diesem Morgen nach nassem Asphalt, nach salziger Luft vom Meer her und nach dem Versprechen, dass der Tag es nicht besonders gut mit irgendwem meinen würde. Der Wind kam wie so oft von der falschen Seite, blies den Menschen ins Gesicht und schien dabei eine ganz eigene Meinung zu haben. Natalie stand an der Kreuzung Ecke Zingelstraße und Domstraße, zog den Kragen ihrer Jacke höher und dachte, dass der Wind hier vermutlich schon länger lebte als die meisten Menschen. Er wirkte zumindest so, als würde er bleiben wollen.

Sie war zu spät. Nicht dramatisch zu spät, eher norddeutsch-entschlossen-zu-spät. Diese Art von Verspätung, bei der man innerlich schon akzeptiert hat, dass sich jetzt sowieso nichts mehr ändern lässt. Der Bus war weg, der nächste kam in zwanzig Minuten, und zwanzig Minuten waren in Meldorf eine halbe Ewigkeit, wenn man nichts hatte, woran man glauben konnte außer an grauen Himmel und eine Thermoskanne mit lauwarmem Kaffee.

Natalie trat von einem Fuß auf den anderen und betrachtete den Meldorfer Dom, der schwer und unbeweglich über der Stadt thronte. Er wirkte wie jemand, der alles gesehen hatte und beschlossen hatte, trotzdem nichts zu sagen. Sie mochte das an ihm. Der Dom stellte keine Fragen, er verlangte nichts. Er war einfach da, so wie manche Menschen gern wären, aber selten schafften.

Sie dachte gerade darüber nach, ob sie sich die Verspätung schönreden oder einfach akzeptieren sollte, als sie ihn zum ersten Mal sah. Er stand ein paar Meter entfernt, halb im Windschatten einer Hauswand, und wirkte, als wäre er dort abgestellt worden und vergessen worden. Schlank, dunkle Jacke, zu dünn für das Wetter, das Gesicht bleich, fast durchsichtig. Seine Hände steckten tief in den Taschen, die Schultern leicht nach vorne gezogen, als würde er sich selbst zusammenhalten müssen.

Er sah nicht aus wie jemand, der wartete. Eher wie jemand, der überlegte, ob es sich lohnte, überhaupt irgendwo hinzugehen.

Natalie musterte ihn unauffällig, so unauffällig, wie man jemanden mustern kann, während man offensichtlich nichts anderes zu tun hat. Sein Blick ging ins Leere, vorbei an den Häusern, vorbei an den Menschen, die hastig an ihm vorbeigingen. Es war kein trauriger Blick. Eher ein leerer. Als hätte jemand das Licht angelassen, aber vergessen, etwas hinein zu stellen.

„Moin“, sagte Natalie schließlich, mehr zum Wind als zu ihm, aber laut genug, dass er es hören musste. In Meldorf sagte man Moin zu allem. Zu Menschen, zu Hunden, zu Situationen, die man nicht ändern konnte.

Er blinzelte, als hätte sie ihn aus einem sehr langen, sehr tiefen Gedanken gerissen. Dann sah er sie an. Seine Augen waren dunkel, nicht kalt, eher müde. Müde auf eine Art, die man sonst nur von Leuten kannte, die zu lange wach waren oder zu lange überlebt hatten.

„Moin“, sagte er zurück. Seine Stimme war ruhig, fast zu ruhig, als hätte sie keinen Bezug zu dem Wind, der an ihnen zerrte.

Natalie nickte. Mehr passierte erst einmal nicht. Das war norddeutsche Kommunikation in Reinform. Man erkannte sich an, stellte fest, dass man beide existierte, und ließ es dabei.

Der Bus kam nicht.

Natalie seufzte leise. „Der kommt bestimmt gleich“, sagte sie, obwohl sie wusste, dass das eine Lüge war. Eine kleine, harmlose Lüge, wie man sie sich selbst erzählte, um nicht zuzugeben, dass man gerade feststeckte.

„Oder auch nicht“, sagte er. Ein Hauch von etwas, das fast Humor war, lag in seiner Stimme. Fast.

Sie sah ihn wieder an. „Sind Sie öfter hier?“ Die Frage war banal, aber sie fühlte sich richtig an. Wie ein Schritt auf dünnem Eis.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin öfter irgendwo.“

Natalie verzog den Mund. „Das klingt anstrengend.“

„Ist es auch.“

Sie lachte leise. Es war kein fröhliches Lachen, eher ein kurzes Aufatmen. „Natalie“, sagte sie und hielt ihm die Hand hin. Der Wind zerrte daran, als wollte er sie gleich wieder wegziehen.

Er sah auf ihre Hand, als müsste er kurz überlegen, was man damit machte. Dann ergriff er sie. Seine Hand war kalt, überraschend kalt, selbst für dieses Wetter.

„Eick“, sagte er. „Mit ck.“

„Natürlich mit ck“, sagte Natalie. „Alles andere wäre ja zu einfach.“

Ein kaum sichtbares Zucken ging über sein Gesicht. Vielleicht ein Lächeln. Vielleicht auch nur eine Muskelbewegung, die zufällig so aussah.

Sie ließen einander los. Der Bus ließ weiter auf sich warten.

„Warten Sie auf jemanden?“ fragte Natalie.

„Auf nichts“, antwortete Eick. „Das ist einfacher.“

Sie hob eine Augenbraue. „Und klappt das?“

„Meistens.“

Natalie lehnte sich gegen das Bushaltestellenhäuschen. Der kalte Kunststoff drückte durch ihre Jacke. „Ich warte auf den Bus. Der scheint heute andere Pläne zu haben.“

Eick nickte langsam. „Busse haben hier ihren eigenen Willen. Fast wie Menschen.“

„Nur ehrlicher“, sagte Natalie. „Wenn ein Bus nicht kommt, merkt man es wenigstens.“

Eick sah sie jetzt direkt an. Sein Blick war ruhig, fast prüfend. „Sie sind neu hier“, sagte er.

„Nein“, widersprach sie. „Ich bin nur nie wirklich angekommen.“

Das brachte ihn zum Schweigen. Er sah wieder weg, hinüber zum Dom, der ungerührt dastand. Der Wind pfiff zwischen ihnen hindurch.

„Ich bin tot“, sagte Eick plötzlich.

Natalie blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann lachte sie kurz auf. „Das sagen hier viele“, meinte sie. „Meistens montags.“

Eick schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Ich meine das ernst.“

Ihr Lachen verebbte. Sie sah ihn an, musterte sein Gesicht, suchte nach Ironie, nach einem Zeichen von Übertreibung. Da war nichts. Nur diese ruhige Gewissheit, als würde er eine Wettervorhersage wiedergeben.

„Ach so“, sagte sie schließlich. „Und seit wann?“

„Schon länger.“

„Und wie läuft das so?“ Ihre Stimme war vorsichtig, aber nicht spöttisch. Eher neugierig, auf eine ungesunde Art.

„Anstrengend“, sagte er. „Alle erwarten ständig etwas von mir. Dabei bin ich doch schon fertig.“

Natalie atmete langsam aus. Sie wusste nicht, warum sie nicht einfach ging. Vielleicht, weil man in Meldorf gelernt hatte, dass Weggehen nicht immer eine Lösung war. Manchmal blieb man stehen und sah dem Sturm ins Gesicht.

„Ich glaube“, sagte sie langsam, „wenn Sie tot wären, würden Sie nicht frieren.“

Eick sah an sich herunter. „Doch“, sagte er. „Das ist ja das Problem.“

Ein schiefer Zug um seinen Mund. Sarkasmus. Schwarz wie der Himmel über der Nordsee.

Natalie spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Neugier, Mitleid, vielleicht auch etwas Dunkleres, das sie nicht benennen wollte. „Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert?“ fragte sie.

„Ja“, sagte er knapp. „Einen gesetzlichen Betreuer. Der lebt noch. Sehr.“

Sie nickte. „Das klingt praktisch.“

„Er findet auch, dass ich praktisch sein sollte.“

Der Bus kam endlich, schnaufend und verspätet, als hätte er sich extra Zeit gelassen, um dramatisch zu erscheinen.

Natalie sah zwischen dem Bus und Eick hin und her. „Ich muss los“, sagte sie.

„Natürlich“, sagte er. „Lebende Menschen haben Termine.“

Sie zögerte. „Vielleicht… sehen wir uns wieder?“

Eick sah sie lange an. Der Wind legte sich für einen Moment, als würde er lauschen.

„Vielleicht“, sagte er schließlich. „Wenn Sie mich noch sehen können.“

Natalie stieg in den Bus, setzte sich ans Fenster und sah ihm nach, wie er kleiner wurde, stehen blieb, sich nicht bewegte. Der Dom hinter ihm wirkte plötzlich weniger still.

Sie wusste nicht, dass dies der Moment war, in dem sie den ersten Schritt in etwas tat, das sie später Liebe nennen würde. Oder Abhängigkeit. Oder beides. Sie wusste nur, dass der Wind an diesem Morgen etwas mitgenommen hatte, das sie nicht vermissen konnte, weil sie es noch nicht kannte.

Und Eick blieb zurück, sah dem Bus nach und dachte, dass es merkwürdig war, wie lebendig sich alles anfühlte, wenn man eigentlich tot sein sollte.

Kapitel 2 – Am Bahnhof 5

Der Bus roch nach nassen Jacken, kaltem Heizungsstaub und diesem speziellen Gemisch aus Gummi und Alltag, das man in Norddeutschland fast schon als Heimatduft durchgehen lassen könnte, wenn man denn wollte. Natalie saß am Fenster, die Stirn gegen das kühle Glas gedrückt, und beobachtete, wie Meldorf an ihr vorbeirutschte, als hätte die Stadt selbst keine Lust, lange gesehen zu werden. Dom, Häuser, graue Fassaden, ein paar Passanten, die so taten, als wäre der Wind nur eine Meinung und keine Tatsache. Sie dachte an Eick. Und an den Satz, der sich in ihrem Kopf festgebissen hatte wie eine Möwe in ein Fischbrötchen: Ich bin tot.

Es war nicht der Satz allein. Es war die Ruhe, mit der er ihn gesagt hatte. Diese fast höfliche Gewissheit. Kein Drama, kein Schauspiel. Nur eine Behauptung, als würde er erklären, dass es gleich regnet. Und wenn man in Meldorf lebt, weiß man: Wer so spricht, meint es meistens auch so.

Natalie hätte sich zwingen können, ihn zu vergessen. Das wäre sogar vernünftig gewesen. Man vergisst in kleinen Städten vieles absichtlich, sonst wird es eng im Kopf. Aber Natalie war heute nicht vernünftig. Sie war neugierig. Und sie war einsam auf eine Art, die nicht laut war, sondern leise und beharrlich. Eine Einsamkeit, die sich nicht wie Traurigkeit anfühlte, sondern wie ein leerer Stuhl in der Küche, der nie weggeräumt wird, weil man sich an ihn gewöhnt hat.

Als sie an der Haltestelle nahe dem Nordermarkt ausstieg, schlug ihr der Wind wieder ins Gesicht. Er war nicht stärker als vorhin, nur vertrauter, als hätte er sich gemerkt, wie sie roch. Natalie zog den Kragen hoch und ging langsam in Richtung Innenstadt. Ihre Schritte führten sie nicht nach Hause, sondern am Meldorfer Dom vorbei, über die Domstraße, dann weiter, ohne klares Ziel, wie man eben läuft, wenn man innerlich etwas sucht, das man noch nicht benennen kann.

Der Dom lag da wie ein großer, schweigender Zeuge. Natalie mochte ihn, weil er nicht so tat, als hätte er Antworten. Er stand einfach. Und manchmal reichte das.

Sie blieb kurz stehen und sah hinauf. Der Himmel hing niedrig, ein grauer Deckel über der Stadt. Irgendwo klapperte eine Fahne, irgendwo schlug eine Tür zu, und irgendwo, das wusste Natalie ohne es zu sehen, fluchte bestimmt gerade jemand über das Wetter, als hätte er ein persönliches Recht auf Sonnenschein.

Sie wollte weitergehen, da vibrierte ihr Handy. Eine Nummer, die sie nicht kannte. Natalie starrte darauf, als wäre es ein schlechtes Omen oder ein besonders frecher Werbeanruf. Sie nahm ab.

„Ja?“

Einen Moment war nur Wind in der Leitung, oder vielleicht war es sein Atem. Dann sagte eine Stimme, ruhig und trocken: „Sie sind Natalie.“

Es war Eick. Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie nicht wusste, warum er ihre Nummer hatte. Das war eigentlich der Punkt, an dem man normalerweise auflegen sollte. Der Punkt, an dem man sich sagt: Das ist komisch. Das ist zu schnell. Das ist nicht normal.

Natalie blieb stehen und spürte, wie ihr Magen kurz kippte. „Woher haben Sie meine Nummer?“

„Sie haben sie mir gegeben.“

„Das habe ich nicht.“

„Doch“, sagte Eick. Kein Lachen, kein Zögern. Nur diese tote Gewissheit. „In Ihrem Kopf. Sie haben sie da abgelegt. Ich habe sie gefunden.“

Natalie musste sich zusammenreißen, um nicht zu lachen, weil es so absurd war, dass es fast wieder norddeutsch logisch klang. „Aha“, sagte sie. „Dann sind Sie also jetzt auch noch Einbrecher. In Köpfen.“

„Nur da, wo die Tür offen steht.“

Sie merkte, wie ihre Finger das Handy fester umklammerten. Sie sollte wütend sein. Aber sie war es nicht. Eick klang nicht wie jemand, der sich an ihr bereicherte. Er klang wie jemand, der einfach nahm, was er brauchte, weil er sonst nichts fühlte. Und genau das war gefährlich.

„Sie sind gut“, sagte Natalie langsam. „Oder Sie tun so.“

„Ich tue gar nichts“, sagte Eick. „Ich bin tot. Ich mache keine Dinge.“

Natalie schnaubte leise. „Sie telefonieren aber erstaunlich aktiv für jemanden, der tot ist.“

„Das ist Teil des Problems“, sagte er, als würde er einen Satz aus einer Gebrauchsanweisung vorlesen. „Sie müssen mich jetzt treffen.“

Natalie blinzelte. „Muss ich.“

„Ja.“

„Und warum?“

„Weil ich sonst denke, dass Sie nicht echt waren.“

Sie spürte, wie der Satz sich wie ein Haken in sie setzte. Nicht romantisch. Nicht nett. Aber wirksam. Es war, als hätte er ihr gerade eine Aufgabe gegeben, die sie unbewusst annehmen wollte: Beweisen Sie mir, dass Sie existieren. Beweisen Sie mir, dass ich existiere. Natalie wusste nicht, warum sie das traf. Vielleicht, weil sie selbst manchmal das Gefühl hatte, nicht wirklich da zu sein. Nicht tot, aber auch nicht lebendig genug.

„Wo?“ fragte sie, bevor sie nachdenken konnte.

„Bahnhof“, sagte Eick. „Am Bahnhof 5.“

Sie kannte die Adresse nicht auswendig, aber sie wusste, wo der Bahnhof war. Natürlich wusste sie das. In Meldorf wusste man immer, wo der Bahnhof war. Nicht, weil man so oft wegfuhr, sondern weil er wie ein ständiges Versprechen da stand: Du könntest, wenn du wolltest.

„Wann?“ fragte Natalie.

„Jetzt“, sagte Eick.

„Das ist aber kurzfristig“, sagte Natalie. „Andere Menschen planen sowas. Mit Vorlauf. Mit Kalender. Mit Sinn.“

„Ich bin tot“, sagte er. „Ich habe keinen Kalender.“

Natalie atmete aus. Sie schaute zum Dom, als könnte der ihr sagen, ob sie gerade einen Fehler machte. Der Dom schwieg wie immer. Natürlich schwieg er. Der hatte schon schlimmere Entscheidungen gesehen, ohne sich einzumischen.

„Gut“, sagte Natalie. „Ich komme. Aber wenn Sie mir gleich erzählen, dass Sie auch noch ein Vampir sind, dann gehe ich wieder.“

„Ich trinke nur Kaffee“, sagte Eick. „Blut ist zu warm.“

Das war der Moment, in dem Natalie merkte, dass sie nicht mehr wegwollte. Nicht, weil es klug war. Sondern weil es sich anfühlte, als würde da jemand genau die richtige Mischung aus Kälte und Witz in ihre Richtung halten. Und sie griff danach, als wäre es eine Decke.

Der Weg zum Bahnhof führte sie an der Zingelstraße entlang, dann weiter Richtung Am Bahnhof. Der Wind schob sie vor sich her, als hätte er beschlossen, heute mal Schicksal zu spielen. Natalie lief schnell, ihre Schritte klangen hart auf dem Gehweg, und sie fühlte sich, als wäre sie zu einer Prüfung eingeladen, die sie nicht gelernt hatte.

Der Bahnhof war kein Ort für große Gefühle. Er war praktisch, nüchtern, ein bisschen zu leer, selbst wenn Menschen da waren. Draußen standen Fahrräder, drinnen roch es nach Metall und Fahrplänen. Natalie sah die Gleise, Richtung Heide, Richtung Itzehoe. Richtungen. Möglichkeiten. Alles in geraden Linien, als wäre das Leben eine Strecke, die man nur lange genug fahren musste, bis man irgendwo ankommt.

Eick stand nicht drinnen. Er stand draußen, leicht abseits, dort, wo man nicht im Weg ist. So, als hätte er sein eigenes Gesetz: Nimm nicht zu viel Raum ein. Es war derselbe Eick wie vorhin, dieselbe dünne Jacke, dieselbe blasse Haut. Aber jetzt wirkte er wacher. Als hätte das Telefonat ihn angeknipst.

Als Natalie näher kam, hob er den Blick. Und diesmal lächelte er wirklich. Nur kurz, nur ein Schatten. Aber es war da. Und Natalie spürte, wie ihr Körper darauf reagierte, als wäre das Lächeln etwas, das man sich verdienen musste.

„Sie sind gekommen“, sagte Eick.

„Ich hatte eh nichts vor“, antwortete Natalie. „Außer vielleicht mein Leben nicht zu ruinieren.“

„Das ist überbewertet“, sagte Eick.

Natalie blieb vor ihm stehen, musterte ihn. „Warum der Bahnhof?“

„Hier gehen Menschen“, sagte Eick. „Das ist beruhigend.“

„Weil Sie dann sehen, dass die Welt sich bewegt?“

„Weil ich dann sehe, dass ich stillstehe.“

Natalie schluckte. Sie wollte nicht zu schnell in dieses Gespräch rutschen, nicht sofort in die Tiefe, in diese dunkle Ecke, in der er lebte. Aber er zog sie hinein, ohne zu ziehen. Wie ein Sog. Ohne Drama, ohne Gewalt. Nur mit Worten, die so gesetzt waren, dass man antworten musste.

„Eick“, sagte Natalie leise. „Wer hat Ihnen meine Nummer gegeben?“

Eick sah sie an, als hätte sie etwas Dummes gefragt. „Mein Betreuer.“

Natalie stutzte. „Ihr gesetzlicher Betreuer?“

Eick nickte. „Herr Carsten.“

„Und warum hat er das?“

„Weil er alles hat“, sagte Eick. „Er sammelt Daten wie andere Briefmarken. Nur ohne Freude.“

Natalie musste kurz lachen, obwohl ihr nicht danach war. „Und Herr Carsten gibt Ihnen einfach Nummern von fremden Frauen?“

Eick zuckte mit den Schultern. „Er sagt, ich brauche soziale Kontakte. Er nennt das Stabilisierung. Ich nenne das…“ Er machte eine kleine Pause, als würde er in sich hineinhorchen. „…Theater.“

Natalie hob die Augenbrauen. „Dann sind Sie also hier, weil Ihr Betreuer denkt, Sie sollen jemanden treffen? Und ausgerechnet mich?“

Eick sah an ihr vorbei, zu den Gleisen. „Er hat mich gefragt, wer mich vorhin angesprochen hat. Ich habe gesagt: Natalie. Er hat gefragt: Haben Sie eine Nummer? Ich habe gesagt: Nicht offiziell. Dann hat er sie gefunden. Er ist gut im Finden.“

Natalie spürte, wie sich Unbehagen in ihr regte. Das war nicht normal. Das war nicht nur seltsam, das war ein Eingriff. Aber es war auch eine Grenze, die schon überschritten war, bevor sie überhaupt wusste, dass sie existierte. Und jetzt stand sie hier und überlegte nicht, ob sie weggehen sollte, sondern wie sie das Gespräch führen konnte, ohne dass Eick zusammenbrach.

Das war die erste Verschiebung. Ganz klein. Aber da.

„Und Sie haben zugestimmt“, sagte Natalie.

„Ich stimme selten zu“, sagte Eick. „Ich lasse Dinge passieren.“

Natalie verschränkte die Arme gegen den Wind. „Warum wollten Sie mich treffen?“

Eick sah sie wieder an. Sein Blick war jetzt schärfer. Nicht aggressiv. Aber aufmerksam. Als würde er sie lesen. „Weil Sie vorhin nicht weggerannt sind.“

„Ich renne selten“, sagte Natalie. „Der Wind ist schneller.“

Eick lächelte wieder, ein bisschen länger. „Sie haben Humor.“

„Das ist Selbstschutz“, sagte Natalie. „Hier oben lacht man, sonst friert man innerlich.“

Eick nickte, als hätte sie gerade etwas sehr Wichtiges gesagt. „Ich friere innerlich ständig.“

Natalie sah ihm ins Gesicht. „Eick, was genau ist los mit Ihnen?“

Er hätte jetzt irgendeine romantische, geheimnisvolle Antwort geben können. Irgendeinen dunklen Satz, der sich gut in einem Buch macht. Aber Eick sagte nur: „Ich glaube, dass ich tot bin. Dass mein Körper leer ist. Dass meine Organe nicht funktionieren. Dass ich verrotte, obwohl alle sagen, ich sehe normal aus.“

Natalie spürte, wie ihre Haut sich leicht zusammenzog. Sie hatte schon mal von sowas gehört, irgendwo, irgendwann. Aber nicht so. Nicht aus einem Mund, der dabei so ruhig blieb.

„Und… glauben Sie das immer?“ fragte sie.

„Meistens“, sagte Eick. „Manchmal nicht. Manchmal habe ich kurz das Gefühl, dass ich doch noch da bin. Und dann erschrecke ich. Weil es bedeutet, dass ich fühlen müsste. Und fühlen ist…“ Er machte wieder eine Pause, als würde er das Wort suchen. „…gefährlich.“

Natalie schwieg. Der Wind trug ein paar Geräusche heran: Schritte, ein Zug in der Ferne, irgendein Klappern. Meldorf war nie ganz still. Es war nur nie laut genug, um einen zu retten.

„Herr Carsten“, sagte Natalie schließlich. „Ist er jetzt auch hier?“

Eicks Blick wanderte nach links, und Natalie folgte ihm. Da stand ein Mann, ein paar Meter entfernt, bei einem Schild, als würde er Fahrpläne lesen. Mitte fünfzig vielleicht, wetterfest, ein Mantel, der so aussah, als hätte er schon jeden Herbst in Schleswig-Holstein mitgemacht und wäre dabei nur zynischer geworden. Er war nicht unauffällig, aber er bemühte sich darum. Das machte es fast schlimmer.

Der Mann blickte kurz auf, sah Natalie an, nickte knapp. Dann sah er wieder weg, als wäre das Ganze ein Termin, den man abhakt.

„Das ist er“, sagte Eick.

Natalie spürte Ärger, bevor sie ihn sortieren konnte. „Er beobachtet uns?“

„Er nennt das Begleitung“, sagte Eick. „Ich nenne das Kontrolle.“

Natalie sah Eick scharf an. „Und Sie? Kontrollieren Sie auch gern?“

Eick sah sie an, und diesmal war da etwas in seinem Blick, das Natalie nicht sofort einordnen konnte. Etwas Warmes? Oder etwas Besitzendes? Vielleicht beides. „Ich kontrolliere nichts“, sagte Eick leise. „Ich bin tot. Ich kann nur festhalten, was mich kurz lebendig macht.“

Natalie merkte, wie ihr Herz einmal stärker schlug. Der Satz war gefährlich. Nicht wegen Romantik. Sondern weil er so klang, als würde sie gerade zu etwas erklärt, das Eick brauchte. Und wenn jemand dich braucht, kann sich das wie Bedeutung anfühlen. Wie Liebe. Wie ein Platz, den man endlich bekommt.

„Sie kennen mich gar nicht“, sagte Natalie.

„Doch“, sagte Eick. „Ich kenne Ihren Blick. Sie tun so, als wäre Ihnen alles egal. Aber Sie hören zu. Sie sehen hin. Das machen die wenigsten. Die meisten sagen Moin und laufen weiter.“

Natalie wollte widersprechen, aber sie konnte nicht. Weil es stimmte. Und weil es schmeichelte, auf eine Weise, die sie nicht zugeben wollte.

„Kommen Sie“, sagte Eick plötzlich. „Wir gehen.“

„Wohin?“ fragte Natalie.

„Dithmarscher Landesmuseum“, sagte Eick. „Da ist es warm. Und dort hängen Dinge, die tot sind, aber trotzdem ausgestellt werden. Das ist beruhigend.“

Natalie lachte kurz, obwohl ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. „Das ist ein Satz, den man sich auf ein T-Shirt drucken lassen könnte.“

Eick nickte. „Ich trage keine T-Shirts.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht schwitze“, sagte er trocken. „Tote schwitzen nicht.“

Natalie merkte, wie der Humor wie eine dünne Schicht über dem Abgrund lag. Und sie ging mit. Nicht, weil sie überzeugt war. Sondern weil sie schon jetzt wissen wollte, wie weit dieser Abgrund ging.

Sie liefen zusammen vom Bahnhof weg, vorbei an der Hindenburgstraße, der Wind im Rücken, als hätte er sich nun entschieden, sie nicht mehr zu schlagen, sondern zu schieben. Herr Carsten folgte in Abstand. Nicht nah genug, um zu hören, aber nah genug, um zu zeigen: Ich bin da. Ich kontrolliere das.

Natalie hasste es. Und doch gab es einen Teil in ihr, der erleichtert war. Nicht wegen des Betreuers. Sondern weil es bedeutete, dass Eick nicht völlig allein war. Dass es Regeln gab. Dass es Grenzen gab.

Sie ahnte nicht, wie leicht Grenzen sich verschieben lassen, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass jemand anders sie für dich setzt.

Vor dem Landesmuseum blieb Eick stehen. Er sah hoch, als würde er prüfen, ob das Gebäude real war. Dann sah er Natalie an. „Wenn Sie jetzt gehen“, sagte er, „wird es sich anfühlen, als wären Sie nie da gewesen.“

Natalie spürte, wie sich etwas in ihr sträubte. Da war sie wieder, diese kleine, feine Manipulation. Nicht grob, nicht laut. Nur ein Satz, der Verantwortung auf ihre Schultern legte.

„Ich gehe nicht“, sagte Natalie, ein bisschen zu schnell.

Eick nickte, als hätte er das erwartet. Als hätte er es schon gewusst. Und in diesem Nicken lag etwas, das Natalie erst später richtig verstehen würde: Nicht Dankbarkeit. Sondern Bestätigung.

Sie gingen hinein. Wärme schlug ihnen entgegen, ein trockener Geruch nach Holz, alten Texten und stiller Geschichte. Natalie zog die Jacke aus, Eick nicht. Er behielt sie an, als wäre Wärme etwas, das ihm nicht zustand.

Herr Carsten blieb am Eingang stehen. „Fünfundvierzig Minuten“, sagte er, ohne Natalie richtig anzusehen. Seine Stimme klang wie ein Mann, der sein Leben lang mit Menschen zu tun hatte, die ihm Probleme machten, und der irgendwann beschlossen hatte, Gefühle seien Zeitverschwendung.

Eick nickte nur.

Natalie drehte sich zu Eick. „Er gibt Ihnen Zeitfenster?“

„Er gibt mir alles in Zeitfenstern“, sagte Eick. „Essen. Termine. Medikamente. Gespräche. Wenn ich könnte, würde ich auch meinen Tod in ein Zeitfenster legen. Aber der ist unkooperativ.“

Natalie schüttelte den Kopf, halb belustigt, halb entsetzt. „Sie sind…“ Sie suchte das Wort.

„Anstrengend?“ fragte Eick.

„Nein“, sagte Natalie. „Sie sind gefährlich. Auf eine ruhige Art.“

Eick sah sie an. Und diesmal war sein Lächeln nicht mehr nur ein Schatten. Es war klarer. Wärmer. Charismatischer. Und Natalie spürte, wie sie innerlich einen Schritt näher trat, obwohl sie stehen blieb.

„Gut“, sagte Eick leise. „Dann passen wir ja.“

Natalie wollte etwas darauf erwidern. Etwas Kluges. Etwas, das die Distanz wieder herstellte. Aber sie brachte nur ein „Mhm“ heraus, das mehr Zustimmung enthielt, als ihr lieb war.

Sie gingen weiter hinein, vorbei an Vitrinen, an alten Dingen, die Menschen hinterlassen hatten, damit andere Menschen später sagen konnten: Schau, so war das damals. Natalie merkte, wie Eick langsamer wurde. Er stand vor einem Ausstellungsstück, starrte es an, als wäre es ein Spiegel.

„Wenn etwas tot ist“, sagte Eick, „dann ist es wenigstens klar. Keine Erwartungen. Keine falschen Hoffnungen.“

Natalie verschränkte die Arme. „Und Menschen?“

„Menschen tun so, als wären sie lebendig“, sagte Eick. „Dabei sind sie meistens nur beschäftigt.“

Natalie spürte, wie sie schlucken musste. Es war nicht nur Traurigkeit. Es war auch sein Blick, der sie dabei ansah, als wäre sie die Ausnahme. Und das war der zweite Haken: Er gab ihr Bedeutung. Nicht, indem er sie lobte. Sondern indem er sie aus der Masse herauszog.

„Ich bin nicht beschäftigt“, sagte Natalie.

„Ich weiß“, sagte Eick. „Deshalb sind Sie hier.“

Natalie wollte fragen, was das heißen sollte. Aber sie tat es nicht. Weil sie spürte, dass jede Frage ihn näher an sie heranbringen würde. Und dass sie das vielleicht wollte. Vielleicht zu sehr.

Als sie später wieder hinausgingen, war der Wind immer noch da. Natürlich war er das. Der Wind ging nicht weg, nur weil Menschen Entscheidungen trafen. Herr Carsten stand am Eingang, sah auf die Uhr, als wäre Zeit ein Haustier, das man im Griff haben musste. Natalie spürte seinen Blick kurz auf sich, prüfend, abwägend.

„Alles in Ordnung?“ fragte Herr Carsten sachlich.

Eick antwortete nicht. Er sah Natalie an.

Und Natalie merkte, dass die Frage nicht an Eick ging. Sie ging an sie. Als wäre sie jetzt Teil von etwas, das überwacht werden musste.

Sie spürte eine Mischung aus Trotz und einem dunklen, merkwürdig warmen Stolz. Und ehe sie nachdenken konnte, sagte sie: „Ja. Alles in Ordnung.“

Eick lächelte. Ganz klein.

Und Natalie verstand in diesem Moment nicht, dass sie gerade zum ersten Mal für ihn gesprochen hatte. Nicht aus Liebe. Nicht aus Pflicht. Sondern weil es sich gut anfühlte, auf seiner Seite zu stehen.

Der Wind blies ihnen ins Gesicht, als wollten ihn beide nicht bemerken. Und irgendwo in Natalie begann sich etwas zu verschieben. Ganz langsam. Fast unmerklich.

Aber unumkehrbar.

Kapitel 3 – Wenn Nähe ein Versprechen wird

Der Wind hatte sich ein wenig gelegt, was in Meldorf so viel bedeutete wie: Er tat kurz so, als hätte er keine Lust mehr, um dann später mit doppelter Kraft zurückzukommen. Natalie ging neben Eick her, vom Landesmuseum weg, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, den Kopf voller Gedanken, die sich nicht sortieren ließen. Herr Carsten folgte ihnen mit einigem Abstand, so konstant wie ein schlechtes Gewissen. Nicht nah genug, um einzugreifen, aber nah genug, um nie vergessen zu lassen, dass jemand zusah.

„Er geht immer so“, sagte Natalie schließlich und deutete mit einer kaum merklichen Kopfbewegung nach hinten. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr arbeitete es. „Wie ein Schatten mit Verantwortung.“

Eick verzog den Mund. „Er nennt das Fürsorge. Ich nenne das Inventarkontrolle.“

„Inventar?“ Natalie sah ihn an.

„Ja“, sagte Eick. „Ich bin etwas, das man verwaltet. Wie Akten. Oder alte Möbel. Man stellt sicher, dass nichts verloren geht.“

Natalie blieb stehen. Einfach so, mitten auf dem Gehweg, nahe der Straße Am Markt. Ein paar Menschen gingen an ihnen vorbei, warfen kurze Blicke, wie man sie in kleinen Städten eben wirft: neugierig, aber nicht neugierig genug, um Verantwortung zu übernehmen. Natalie drehte sich zu Eick. „So dürfen Sie nicht über sich reden.“

Eick blieb ebenfalls stehen. Sein Blick ruhte auf ihr, aufmerksam, fast sanft. „Doch“, sagte er ruhig. „So rede ich über mich, damit andere es nicht tun müssen.“

Natalie spürte ein Ziehen in der Brust, etwas zwischen Ärger und Mitgefühl. „Und wenn ich das nicht möchte?“ fragte sie. „Wenn ich Sie nicht als Möbelstück sehe?“

Eick neigte den Kopf leicht, als würde er etwas abwägen. „Dann machen Sie sich angreifbar.“

„Ich bin das gewohnt“, sagte Natalie. Und meinte es.

Ein Moment Stille entstand zwischen ihnen, dicht und gespannt. Der Dom war von hier aus noch zu sehen, schwer und unbeweglich, als würde er alles beobachten und doch nichts bewerten. Natalie hatte das Gefühl, als würde sie auf etwas zutreten, das sie nicht mehr zurücknehmen konnte. Nicht, weil Eick sie drängte. Sondern weil er sie ließ.

„Kommen Sie“, sagte Eick schließlich. „Ich kenne ein Café. Nicht gut. Aber ehrlich.“

„Das klingt nach einer Bewertung“, sagte Natalie.

„Ist es auch“, erwiderte Eick. „Aber ich gehe trotzdem hin.“

Das Café lag in einer Seitenstraße, unscheinbar, mit beschlagenen Fenstern und einer Tür, die immer ein bisschen klemmte. Drinnen roch es nach Kaffee, alten Polstermöbeln und diesem besonderen Duft von Orten, die schon bessere Zeiten gesehen hatten, aber beschlossen hatten, trotzdem weiterzumachen. Natalie mochte solche Orte. Sie waren wie Menschen, die nicht mehr versuchten, jemand anderes zu sein.

Herr Carsten blieb draußen stehen. Natalie sah es aus dem Augenwinkel. „Kommt er nicht mit?“

Eick schüttelte den Kopf. „Er trinkt keinen Kaffee mit mir. Das könnte als Beziehung ausgelegt werden.“

Natalie zog eine Augenbraue hoch. „Und das wäre schlimm?“

„Für ihn ja“, sagte Eick. „Nähe ist kompliziert, wenn man dafür bezahlt wird.“

Sie setzten sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Natalie zog die Jacke aus, Eick behielt sie an. Wieder. Als wäre Wärme etwas, das man sich verdienen musste. Oder als wäre sie gefährlich.

„Warum behalten Sie die Jacke an?“ fragte Natalie.

Eick sah kurz an sich herunter. „Weil ich sonst vergesse, wo ich aufhöre.“

Natalie schwieg einen Moment. Dann nickte sie langsam. „Okay.“

Die Bedienung kam, eine Frau mittleren Alters mit müdem Blick und der Gelassenheit von jemandem, der schon alles gehört hatte. „Was darf’s sein?“

„Kaffee“, sagte Eick. „Schwarz.“

„Natürlich“, murmelte Natalie. „Tot und schwarz.“

Eick sah sie an. Ein kurzes Funkeln. „Sie lernen schnell.“

Natalie bestellte ebenfalls Kaffee. Als die Bedienung ging, lehnte sie sich zurück. „Eick“, sagte sie langsam. „Sie müssen mir etwas erklären. Und bitte nicht mit Witzen.“

Eick verschränkte die Hände auf dem Tisch. Seine Finger waren schmal, blass. „Ich höre.“

„Warum ich?“ fragte Natalie. „Sie hätten jeden treffen können. Irgendwen. Aber Sie haben mich angerufen.“

Eick sah sie lange an, ohne zu antworten. Dann sagte er: „Weil Sie nicht versucht haben, mich zu reparieren.“

Natalie runzelte die Stirn. „Ich habe Ihnen doch widersprochen.“

„Ja“, sagte Eick. „Aber Sie haben mich nicht verbessert. Sie haben nur gesagt, wie Sie mich sehen. Das ist ein Unterschied.“

Natalie dachte darüber nach. Vielleicht stimmte das. Vielleicht war sie einfach müde davon, Menschen einordnen zu wollen. „Und das reicht?“

„Für den Anfang“, sagte Eick. „Nähe beginnt selten mit Vernunft.“