Verlag: cbt Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Glaskinder - Kristina Ohlsson

Glück und Glas – wie leicht bricht das!Billie ist nicht begeistert von dem Umzug, den ihre Mutter ihr aufzwingt, schon gar nicht in ein heruntergekommenes Haus im Vorort, vollgestopft mit alten Möbeln ... Und bald merkt Billie, dass in dem Haus unerklärliche Dinge vor sich gehen: Bücher scheinen den Platz zu wechseln, Deckenlampen schwingen hin und her – und Billie erfährt, dass es in dem Haus immer wieder zu schrecklichen Unglücksfällen gekommen ist. Gemeinsam mit Aladdin, dem Nachbarsjungen, findet Billie heraus, dass das Haus einmal ein Kinderheim war, in dem die so genannten »Glaskinder« gelebt haben, Kinder mit besonders dünnen Knochen. Kinder, die noch immer als Geister dort umgehen könnten ... und keinen Eindringling dulden!

Meinungen über das E-Book Glaskinder - Kristina Ohlsson

E-Book-Leseprobe Glaskinder - Kristina Ohlsson

Kristina Ohlsson

Aus dem Schwedischen

von Susanne Dahmann

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage 2014

© 2013 by Kristina Ohlsson

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem

Titel »Glasbarnen« bei

Lilla Piratförlaget AB, Stockholm

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann

Lektorat: Carola Henke

Umschlaggestaltung: semper smile, München,

unter Verwendung einer Illustration von © Arcangel Images/Jill Battaglia

MG · Herstellung: KW

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-14241-4

www.cbt-buecher.de

1.

Niemand wusste, wohin die Leute, die vorher in dem Haus gewohnt hatten, verschwunden waren. Eines Tages im vorigen Sommer hatten sie einfach ihre Sachen zusammengepackt und waren weggezogen. Seither hatte das Haus leer gestanden.

»Die haben mich im Juni angerufen«, sagte der Mann, der Billie und ihrer Mutter alles zeigte. »Haben nur gesagt, dass der Vater eine neue Arbeit bekommen hätte und dass sie sofort umziehen müssten. Und dann haben sie gefragt, ob ich ihnen beim Verkauf des Hauses helfen könnte.«

Er schüttelte den Kopf und ging vor ihnen die Treppe zur Eingangstür hinauf. Billie merkte, wie Zweifel in ihr aufstiegen. Sollten sie hier jetzt etwa wohnen? Ihre Mutter drehte sich um und lächelte sie mit diesem neuen Lächeln an, das sie erst hatte, seit Papa voriges Jahr krank geworden war. So ein trauriges Lächeln, bei dem Billie immer an Clowns im Zirkus denken musste.

Der Mann schloss die Haustür auf und betrat das Haus. Billie und ihre Mutter folgten ihm.

»Natürlich konnte ich nicht Nein sagen, als sie mich um Hilfe gebeten haben«, sagte der Mann. »Eigentlich bin ich ja kein Makler, aber ein Haus verkaufen kann ja wohl jeder. Bloß als sie ausgezogen sind, hatte ich keine Zeit, mich um den Verkauf zu kümmern. Dann kam der Herbst und danach der Winter, und da habe ich sie angerufen und gesagt, es wäre wohl das Beste, bis zum nächsten Sommer zu warten.«

»Haben denn schon viele Leute das Haus angeschaut?«, fragte Billies Mutter.

Der Mann zögerte, ehe er antwortete.

»Na ja«, meinte er, »nicht viele, aber schon einige. Und mehrere davon waren interessiert.«

Billie war sich sicher, dass der Mann log. Sie hörte es einfach ganz deutlich an der Stimme, wenn jemand nicht die Wahrheit sagte. So wie damals, als sie ihre Mutter gefragt hatte, ob Papa sterben würde, und sie geantwortet hatte, dass er das natürlich nicht tun würde. Da hatte Billie sofort gewusst, dass sie log.

Der Mann führte sie durch das Haus. Im oberen Stockwerk gab es zwei superkleine Schlafzimmer mit Dachschräge. Im Erdgeschoss waren Küche, Wohnzimmer, ein kleines Gästezimmer und ein Badezimmer.

»Kleine Küche«, sagte Billie.

»Für uns reicht sie«, erwiderte ihre Mutter.

Billie sah sich um. Das Haus war alt. In dem Informationsblatt, das der Mann ihnen gegeben hatte, stand, dass es vor fast hundert Jahren gebaut worden war. Ein blau gestrichenes Holzhaus. Die Farbe blätterte ab, das hatte sie schon gesehen, als sie im Garten stand.

»Die haben das Ganze vor ein paar Jahren frisch gestrichen«, sagte der Mann. »Vorher war es gelb.«

Sie standen oben in einem der Schlafzimmer, und Billie fand, dass man die Luft im Raum nur schwer atmen konnte. Es roch komisch, als ob die letzten zwanzig Jahre niemand in diesem Haus gewohnt hätte. Sie scherte sich nicht drum, ob das Haus früher grün oder gelb oder schwarz gewesen war, sie wollte einfach nur weg und wieder nach Hause.

Nach Hause. Zu dem Haus in Kristianstad, wo sie die ganzen zwölf Jahre ihres Lebens verbracht hatte und aus dem sie nie ausziehen wollte. Ihre Mutter war der Meinung, dass sie jetzt, da sie nur noch zu zweit waren, wegziehen müssten. Nach Åhus, einem kleineren, etwa zwanzig Kilometer entfernten Ort, in dem sie aufgewachsen war. Billie fand, dass sie es gut hatten, so wie es jetzt war. Und sie würden Papa nicht zurückbekommen, indem sie das Haus wechselten.

»Das ist schön mit dem Blau«, sagte Billies Mutter. »Gelb ist auch hübsch, aber die früheren Besitzer wollten ja wohl blau. Wie lange haben sie hier gewohnt?«

Sie gingen aus dem Schlafzimmer.

Der Mann antwortete ausweichend.

»Ich weiß es nicht mehr genau. Drei, vier Jahre vielleicht. Wie gesagt, sie sind etwas überstürzt ausgezogen, weil die Mutter eine neue Arbeit bekommen hatte.«

»War es nicht der Vater?«, fragte Billie.

Der Mann sah sie streng an.

»Nein, es war die Mutter.«

Es wurde still und Billie hörte ein Geräusch vom Dach. Es klang, als würde jemand mit flinken Füßen über die Dachziegel rennen.

»Vögel«, sagte der Mann. »An das Geräusch gewöhnt man sich.«

Billie schauderte es. Das Haus war unangenehm. Kalt und schmutzig.

Und dann hatten die vorherigen Besitzer all ihre Möbel zurückgelassen. Ihre Mutter sah ihren Blick und fragte den Mann, wann die Leute denn die Möbel zu holen gedächten.

Der Mann räusperte sich.

»Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann wird das Haus möbliert verkauft«, erklärte er. »Oder gar nicht.«

Billies Mutter war erstaunt.

»Sie meinen, wenn ich die Möbel nicht mit kaufe, kann ich das Haus nicht bekommen?«

»Sie müssen nichts dafür bezahlen«, beeilte sich der Mann zu sagen, »doch es wird niemand kommen und sie wegschaffen.«

»Verstehe«, sagte Billies Mutter, aber Billie sah, dass sie das ganz und gar nicht verstand.

Wer zog denn um, ohne seine Sachen mitzunehmen?

»Ich gehe mal in den Garten hinaus und warte, dann können Sie sich ein wenig allein umsehen«, sagte der Mann und stieg die Treppe hinunter.

Sie hörten, wie er die Haustür schloss, und bald konnten sie ihn durchs Fenster im Garten sehen.

»Na, was meinst du?«, fragte Billies Mutter. »Die Möbel musst du dir natürlich wegdenken, die sollen nicht bleiben. Und dann musst du dir vorstellen, dass wir das Haus so streichen und renovieren, wie es uns gefällt.«

Billie hatte einen Kloß im Hals. Es war erst ein knappes Jahr her, dass sie ihr Zimmer im Haus in der Stadt hatte neu streichen dürfen. Ihr Vater hatte ihr geholfen, und sie hatten sich gewundert, warum er so schnell müde wurde, und weshalb ihm sein Rücken so wehtat.

»Ich will nicht in Åhus wohnen«, sagte sie. »Hier habe ich keine Freunde, alle, die ich kenne, wohnen in der Stadt. Und außerdem mag ich das Haus nicht.«

»Was ist denn verkehrt an dem Haus?«, fragte ihre Mutter.

Billie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Überall war es staubig und die Fenster waren so schmutzig. Die Vögel hüpften auf dem Dach hin und her und es knackte in Wänden und Fußböden.

»Es ist so … so alt«, sagte Billie schließlich.

»Aber mein Liebes, das ist unser Haus in der Stadt doch auch.«

Billies Augen juckten, sie rieb sich das Gesicht mit dem Pulloverärmel.

Sie mochte das Haus ganz einfach nicht.

»Ich geh mal wieder runter«, sagte ihre Mutter. »Komm einfach nach, wenn du dir alles angeschaut hast.«

Die Treppe knarzte unter ihren Schritten, und bald hörte Billie, wie sie in der Küche die Schränke auf- und zumachte.

Billie ging in das zweite Schlafzimmer, das ihres werden würde, wenn sie hierher zögen. Es war voller Sachen, Bücherregalen und anderen Möbeln. An der einen Wand stand ein Bett mit grüner Tagesdecke, und in einer Ecke ein Schreibtisch aus Holz, den jemand rosa gestrichen hatte. Auf dem Schreibtisch lagen ein Malblock und Malkreiden und direkt daneben ein Stapel Zeichnungen. Es sah aus, als ob hier eben noch jemand gesessen und gemalt hätte, um dann einfach aufzustehen und zu gehen.

Und nie wieder zurückzukommen.

2.

Vier Wochen später zogen sie ein. Billie konnte kaum begreifen, wie das so schnell gegangen war.

»Ich will, dass wir hier wohnen«, sagte ihre Mutter.

Und so kam es.

Weil ihre Mutter in Åhus aufgewachsen war und behauptete, dass sie sich immer wieder dahin zurückgesehnt habe. Weil sie wollte, dass sie an einem anderen Ort in der Nähe von Kristianstad neu anfingen.

Billie hatte keine Kraft, zu streiten. Wenigstens war ihre Mutter damit einverstanden, dass sie weiter in der Stadt in die Schule ging, zusammen mit ihren alten Klassenkameraden.

»Wir müssen putzen«, sagte sie, als sie ihre Umzugskartons reintrugen.

Das fand Billie auch.

Es war Juli. Die Sommerferien waren in vollem Gange, und Billie konnte sich nicht mehr erinnern, was sie mit all ihrer Zeit angefangen hatte, seit das Schuljahr vorbei war. Ihre Freundinnen schienen es cool zu finden, dass sie nach Åhus zog. Da konnten sie in den Ferien kommen und sie besuchen. Zum Strand radeln und baden. Am Hafen Eis essen. Billie hatte versucht, ebenso fröhlich zu klingen wie die Freundinnen, doch es gelang ihr nicht. Sie dachte nur an all den Staub und den Schmutz und an all die Sachen, die die vorige Familie zurückgelassen hatte.

Es war fast, als würden sie noch in dem Haus wohnen.

In der Woche vor ihrem Umzug hatten Billie und ihre Mutter Billies Großeltern väterlicherseits in Lund besucht. Opa hatte den Grill angeworfen und Oma hatte neue Kartoffeln gekocht. Die beiden schienen es auch richtig zu finden, wenn sie umzögen.

»Es wird euch guttun, wenn ihr neu anfangt«, sagte Oma und strich Billie über die Wange.

Dann begann sie zu weinen, und Opa hustete angestrengt und sagte, der Rauch vom Grill würde ihm in den Augen beißen. Aber Billie sah, dass er auch traurig war.

Als ihr Vater gestorben war, hatte Billie so viel geweint, dass sie meinte, sie hätte keine Tränen mehr. Doch sie musste immer wieder weinen. Meistens nachts, aber manchmal auch mitten am Tag. Kein Winter und kein Frühling waren je so schrecklich gewesen.

Das Haus in der Stadt hatten sie immer noch, doch es sollte bald zum Verkauf angeboten werden. Billie hoffte, dass niemand es ansehen würde, damit sie gezwungen wären, wieder nach Hause zu ziehen. Der Makler meinte, man könne das Haus leichter verkaufen, wenn noch Möbel darin stünden. Deshalb hatte ihre Mutter entschieden, dass sie gut noch damit warten konnten, mit all ihren Sachen in das neue Haus zu ziehen.

»Da sind ja noch so viele Möbel, und es wird seine Zeit dauern, das alles wegzuwerfen«, erklärte sie.

Doch da machte Billie nicht mit.

»Nie im Leben lege ich mich in deren alte, eklige Betten!«, rief sie.

Da war ihre Mutter gleicher Meinung. Die Betten würden sie austauschen, aber den Rest konnten sie benutzen.

Es war ein heißer Tag, als sie ihre Sachen reintrugen. Billie sammelte die Dinge ein, die in ihrem Zimmer herumlagen, und warf sie in große Kartons, die sie mitgebracht hatten. Sie räumte den rosafarbenen Schreibtisch auf, der aussah, als ob eben noch jemand daran gesessen und gemalt hätte. Vorsichtig nahm sie die Zeichnungen, die dort lagen. Sie war sich nicht sicher, glaubte aber, dass ein Mädchen sie gemacht hatte. Die meisten waren schwarz-weiß. Nur einige wenige waren bunt ausgemalt worden.

Auf den Zeichnungen waren unterschiedliche Sachen zu sehen.

Eine große Katze, die auf einem Stein saß.

Eine Menge Bäume, die, wie Billie meinte, wohl einen Wald darstellen sollten. Hinter einem der Baumstämme sah ein Junge hervor.

Eine andere Zeichnung zeigte ein Mädchen, das sehr wütend aussah.

Billie legte die Zeichnungen ganz unten in den Karton und bedeckte sie mit anderen Dingen. Sie mochte es nicht, dass die Spuren der Vorbewohner so deutlich sichtbar waren. Ihre Mutter redete davon, dass sie neu anfangen sollten, aber wie sollte sich in so einem alten Haus irgendetwas neu anfühlen?

Da stand plötzlich ihre Mutter in der Tür.

»Ich wollte was einkaufen gehen. Willst du mitkommen?«

Billie dachte nach. Nein, sie wollte nicht einkaufen.

»Okay«, sagte ihre Mutter. »Ich bin gleich wieder zurück.«

Und so war Billie zum ersten Mal in dem neuen Haus allein.

3.

Nachdem ihre Mutter gegangen war, wurde es ganz still im Haus. Billie tat die letzten Sachen, die sie aus dem Zimmer heraushaben wollte, in einen Karton und ging ins Erdgeschoss, um den Staubsauger zu holen. Ihre Mutter hatte die Haustür offen gelassen, als sie ging, und Billie lief schnell hin, machte sie zu und schloss ab.

In dem Moment hörte sie in einem der Zimmer ein Fenster schlagen. Leise schlich sie ins Wohnzimmer, doch dort waren alle Fenster zu. Billie blieb ganz still stehen und horchte. Das Geräusch war immer noch zu hören, kam aber von woanders.

Dann sah sie etwas, das sie einen Moment lang das Geräusch vergessen ließ.

Die Deckenlampe im Wohnzimmer.

Die bewegte sich. Langsam schwang sie hin und her, wie das Pendel einer alten Uhr.

Das muss der Wind sein, dachte Billie. Doch im Wohnzimmer waren keine Fenster geöffnet. Wie konnte da die Lampe hin und her schwingen?

Sie ging ins Gästezimmer. Hier war fast der ganze Fußboden vollgestellt mit Kartons und Kram. Billie war erleichtert, als sie sah, dass das Fenster weit offen stand. Schnell machte sie es zu. Das war wie mit der Tür, sie traute sich einfach nicht, das Fenster offen zu lassen. Und sie traute sich auch nicht, die Lampe im Wohnzimmer anzusehen. Was, wenn die sich nun immer noch bewegte!

In einer Ecke bei der Tür fand Billie den Staubsauger. Irgendwie hatte sie noch nie so seltsame Sommerferien gehabt. Sommerferien ausgefüllt mit Umzug und Putzen. Sommerferien ohne ihren Vater. Sie zwang sich, tief Luft zu holen.

Als Billie den Staubsauger hochhob, fiel ihr Blick auf einen kleinen Tisch. Der war niedrig wie ein Couchtisch, aber viel kleiner. Wozu man den wohl benutzte? Vielleicht war es so ein Tisch wie der, auf den ihre Oma Blumentöpfe stellte.

Das Tischchen war mit einer dicken Staubschicht bedeckt, aber Billie konnte trotzdem sehen, dass es bunt war. Die Beine waren aus Metall und die Tischplatte bestand aus kleinen, blanken Steinen in Blau, Rot und Gold. Vorsichtig zog sie mit dem Finger einen Strich durch den Staub und sah die Steine glänzen. Das war die erste schöne Sache, die sie im Haus entdeckte. Sie würde ihre Mutter fragen, ob sie das Tischchen nach oben in ihr Zimmer mitnehmen durfte.

Während sie den Staubsauger hochtrug, musste sie wieder an die Lampe denken, die an ihrem Haken in der Decke geschwungen hatte. Vollkommen klar, dass es der Durchzug aus dem Gästezimmer gewesen war, der die Lampe in Bewegung gesetzt hatte. Was denn sonst?

Langsam verschwand die Sonne hinter den Wipfeln der hohen Kiefern, die auf der anderen Seite der Straße gegenüber von ihrem Haus wuchsen. Billie und ihre Mutter saßen auf der Terrasse und aßen Spaghetti mit Hackfleischsoße.

»Sollen wir nicht nachher mal zum Meer radeln und ein abendliches Bad nehmen?«, fragte ihre Mutter, und ihre Augen glänzten. »Ich glaube, das haben wir uns nach all der Arbeit verdient.«

Radfahren und am Abend baden gehen. Das klang so behaglich. Billie trank schnell ihre Milch aus und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

»Was, glaubst du, ist mit der vorigen Familie passiert?«, fragte Billie, nachdem sie eine Weile schweigend geradelt waren.

»Wie passiert?«, fragte ihre Mutter.

»Ja, ich weiß nicht recht, aber ist das nicht komisch, dass sie einfach weg sind und so viele Sachen dagelassen haben?«

»Schon«, gab ihre Mutter zu. »Ein bisschen komisch ist das, dass sie Hals über Kopf verschwunden sind. Aber so ist das manchmal. Die Gegebenheiten können sich schnell ändern.«

Dann sprachen sie nicht mehr, bis sie am Strand ankamen.

Das Wasser war blau und kühl. Auch nicht der kleinste Windhauch kräuselte die glatte Oberfläche. Billie ging nur bis zu den Knien hinein, doch ihre Mutter rannte an ihr vorbei, bis ihr das Wasser zur Taille reichte. Dann warf sie sich nach vorn und verschwand in all dem Blau. Ein paar Sekunden später tauchte sie wieder auf.

»Ach, ist das herrlich!«, rief sie. »Komm, Billie!«

Billie rannte zu ihrer Mutter. Sie hatte vergessen, dass das Wasser in Åhus eigentlich immer zu kalt war. Und so flach. Ihr Opa sagte, es sei so seicht, dass man den ganzen Weg nach Polen rüber zu Fuß gehen könne.

Der Strand war schmal, aber lang. Rechts konnte man weit hinten den Pier bei der Hafeneinfahrt sehen. Sowie sie Zeit hatte, würde Billie zum Hafen runterfahren. Das war ein schöner Ort zum Lesen.

Als sie sich abgetrocknet hatte und dabei war, ihr Handtuch zusammenzurollen, sah sie ihn. Einen Jungen mit dunklen Haaren und braunen Augen. Er trug rote Shorts, sonst nichts, und saß ein Stück entfernt im Sand. Warum hockte er da und starrte sie an?

Ihre Mutter kam aus dem Wasser und schüttelte ihr Haar. Sie musste Billies Blick gefolgt sein, denn sie sagte:

»Der sieht ja nett aus.«

Billie merkte, wie sie rot wurde. Warum glaubten Eltern nur die ganze Zeit, dass es in Ordnung wäre, solche Sachen zu sagen? Nett. Sagte man das über ein Kind?

»Das ist er ganz und gar nicht«, fauchte Billie. »Der ist doch bescheuert, wie er dasitzt und glotzt.«

Wütend sah sie zu dem Jungen, der sich langsam umdrehte und woandershin sah. Doch als Billie und ihre Mutter eine Weile später an ihm vorbeigingen, sah er sie wieder an. Billie richtete sich auf und schaute demonstrativ in die andere Richtung. Sie hatte das Gefühl, als würde der Junge ihnen nachsehen, bis sie bei ihren Fahrrädern waren und wegfuhren.

Als sie wieder zum Haus kamen, dämmerte es schon. Ihre Mutter nahm die Handtücher und ging, um sie auf den Wäscheständer zu hängen, der hinterm Haus neben dem Schuppen stand.

»Geh ruhig schon rein, ich komme gleich«, sagte sie.

Mit schnellen Schritten lief Billie ums Haus und auf die Terrasse. Die Kiefern auf der anderen Seite der Straße waren dunkel und groß. In mehreren Häusern in der Umgebung war Licht, doch sie waren alle von großen Grundstücken umgeben, sodass keines der anderen Häuser nah wirkte. Ein Eichhörnchen, das sich auf der Terrasse versteckt haben musste, lief die Treppe hinunter und ließ Billie zusammenfahren.

Sie dachte an den Jungen am Strand, und ihre Hand zitterte ein wenig, als sie den Hausschlüssel aus der Tasche nestelte und aufschloss. Schnell trat sie ein und machte die Tür hinter sich zu. Sie hatte immer noch Sand an den Füßen, den sie jetzt mit den Händen abklopfte. Kleine gelbe Sandkörner rieselten auf den Teppich im Eingang.

Die Deckenlampe im Flur flackerte, als sie sie einschaltete. Sie musste an den kleinen Tisch im Gästezimmer denken. Den könnte sie doch abwischen und gleich in ihr Zimmer tragen.

Im Gästezimmer gab es keine Deckenlampe, sondern nur eine Wandlampe, deren mattes Licht den Raum gelb färbte. Billie ging zu dem kleinen Tisch und beugte sich herab, um ihn hochzuheben. Sie erstarrte. Das konnte nicht sein. Sie hockte sich hin, um ihn aus der Nähe zu betrachten. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Und je mehr sie auf die staubige Tischplatte sah, desto mehr Angst bekam sie.

Über dem Strich, den sie selbst in den Staub gemalt hatte, hatte jemand einen Abdruck mit einer sehr kleinen Hand gemacht. Als wäre, während sie schwimmen waren, ein Kind ins Haus gekommen, hätte seine Hand in den Staub gelegt und sei dann wieder gegangen.

4.

Wie sehr sie es auch versuchte, Billie konnte nicht aufhören, an die Hand im Staub zu denken. Jemand war in ihrem Haus gewesen, während sie weg waren. Doch ihre Mutter glaubte das nicht. Sie sagte, Billie habe den Abdruck selbst gemacht.

»Aber guck doch mal!«, hatte Billie gesagt und ihre Hand über den Abdruck gehalten. »Meine Hand ist viel größer!«

Sie konnte nicht begreifen, wie ihre Mutter denken konnte, dass sie log.

»Ja, was glaubst du denn?«, fragte Mama. »Dass sich ein kleines Kind ins Haus geschlichen hat?«

Billie wusste nicht, was sie glauben sollte, deshalb antwortete sie nicht. Doch sie hatte Angst. Abends konnte sie nicht einschlafen, und nachts wachte sie von Vögeln auf, die auf dem Dach herumhüpften, und von den knackenden Geräuschen in Wänden und Fußböden.

»So ist das nun mal in einem alten Haus«, sagte ihre Mutter. »Es macht Geräusche.«

Aber Billie fühlte sich in dem Haus nicht wohl, und in ihr wuchs allmählich das Gefühl, dass irgendetwas damit nicht in Ordnung war. Manchmal hatte sie direkt den Eindruck, als würden sie nicht allein in dem Haus wohnen.