Verlag: Limes Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Himmelschlüssel - Kristina Ohlsson

Um Hunderte Menschenleben zu retten, muss die Wahrheit über einen einzigen Mann ans Licht kommenEine vollbesetzte Boeing 747 hebt in Stockholm ab und fliegt in Richtung New York. Kurz nach dem Start wird ein Drohbrief an Bord gefunden, laut dem das Leben von über 400 Passagieren in Gefahr ist. Kriminalkommissar Alex Recht muss das Flugzeug vor der Explosion bewahren, doch dazu benötigt er die Hilfe und den Scharfsinn von Fredrika Bergman. Und allzu bald wird den beiden klar, dass die Flugzeugentführung einen teuflischeren Grund hat, als sich die Ermittler vorzustellen vermögen. Denn der Kopilot des Flugzeugs ist niemand anderes als Alex‘ Sohn Erik …Ein neuer Fall für Fredrika Bergman.

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E-Book-Leseprobe Himmelschlüssel - Kristina Ohlsson

Kristina Ohlsson

Thriller

Deutsch von Susanne Dahmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»Paradisoffer« bei Piratförlaget, Stockholm.

1. Auflage

Copyright © 2012 der Originalausgabe by Kristina Ohlsson

Published by agreement with Salomonsson Agency

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014

by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Leena Flegler

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-12466-3V002

www.limes-verlag.de

Washington, D.C., USA

Als Flug 573 den amerikanischen Luftraum erreicht, ist es früher Abend. Unterhalb des Towers, in dem Bruce Johnson sich befindet, sehen die Landebahnen endlos aus. Es ist mucksmäuschenstill um ihn herum, und ohne es zu merken, hält er die Luft an. Noch haben sie keinen Bescheid bekommen. Noch wissen sie nicht, ob das Flugzeug landen darf.

Entlang einer Landebahn sieht Bruce Einsatzfahrzeuge stehen: Polizei-, Krankenwagen und Feuerwehrautos. Niemand weiß, wie das Drama ausgehen wird. Ob womöglich alles schiefgehen wird. Er kann die schwarz gekleideten Spezialeinsatzkräfte nirgends entdecken, doch Bruce weiß, dass sie mit geladenen Waffen dort draußen in der Dämmerung warten. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf: Regel Nummer eins. Wir töten die Geiseln.

Er weiß nicht, warum er das denkt. Das hat noch nie den Regeln entsprochen. Niemand beim FBI würde so destruktiv denken oder handeln. Regel Nummer eins besagt vielmehr, niemals – unter keinen Umständen – mit Terroristen zu verhandeln.

Und das tun sie auch jetzt nicht. Kompromisslosigkeit hat ihr Handeln bestimmt, seit das Flugzeug am Flughafen Arlanda vor den Toren Stockholms gestartet ist. Stockholm, eine Stadt, die Bruce schon lange einmal besuchen will, was aber wahrscheinlich nie geschehen wird. Warum sollte jemand wie er nach Schweden reisen?

Bei dem Flugzeug handelt es sich um einen Jumbojet des Baujahrs 1989. An Bord befinden sich mehr als vierhundert Passagiere. Mittlerweile sind die Treibstofftanks leer, und der Pilot fleht darum, landen zu dürfen.

Bruce ist sich nicht sicher, was geschehen wird. Er wartet immer noch auf Anweisungen seines Chefs. In Schweden muss es jetzt auf 23.30 Uhr zugehen. Bruce weiß, was Schlaflosigkeit bei einem Menschen anrichten kann, und er wappnet sich dagegen. Seine Kollegen in Stockholm denken bestimmt genauso. Doch sie hatten keine Wahl. Während all der vergangenen Stunden hatte er mit ein und denselben Personen Kontakt. Was gerade geschieht, ist zu dramatisch, um den regulären Schichtbetrieb und seine Wechsel beizubehalten. Irgendjemand hat ihm mal von dem schwedischen Licht erzählt und dass die Sonne im Sommer länger am Himmel steht und dass die Schweden deshalb selbst im Herbst, so wie jetzt, weniger schlafen. Vielleicht ist das ja wahr.

Rings um den Flugplatz befindet sich kein einziges weiteres Flugzeug mehr in der Luft. Sie alle sind in andere Städte umgeleitet worden, und die Starts der abgehenden Flüge wurden verschoben. Die Medienvertreter wurden aus der Umgebung verbannt, doch Bruce weiß, dass sie trotzdem da draußen sind. Weit entfernt, jenseits der Absperrungen, mit Teleobjektiven, mit denen sie bis nach China sehen können, und sie schießen ein verschwommenes Bild nach dem anderen.

Als das Telefon klingelt, zuckt er zusammen. Es ist sein Chef. »Sie haben sich entschieden. Für das Schlimmste.«

Bruce legt das Telefon zur Seite und greift nach einem anderen. Einen kurzen Moment hält er es regungslos in der Hand, dann wählt er die Nummer, die er inzwischen auswendig kann, und wartet darauf, dass Eden den Anruf entgegennimmt.

Das Urteil steht fest – das Flugzeug wird sein Ziel nicht erreichen.

Sie haben sich für die Regel entschieden, die es nicht gibt.

Die Geiseln werden sterben.

Am Tag zuvor – Montag, 10. Oktober 2011

1

Stockholm, 12.27 Uhr

Die Zeit der Unschuld war vorbei, und man konnte die Uhr nicht wieder zurückstellen. Das hatte er schon etliche Male gedacht. Was Schweden betraf, so hatte es mit dem Anschlag an der Stockholmer Drottninggatan mitten im turbulentesten Weihnachtsgeschäft angefangen. Schweden hatte seinen ersten Selbstmordattentäter erlebt, und eine Schockwelle war über die gesamte Gesellschaft hinweggerollt. Was würde jetzt geschehen? Würde Schweden eines derjenigen Länder werden, in denen die Menschen aus Angst vor Terroranschlägen nicht mehr wagten, das Haus zu verlassen?

Niemand war darüber besorgter gewesen als der Ministerpräsident. »Wie sollen wir nur lernen, damit zu leben?«, hatte er eines Abends gefragt, als sie im Regierungssitz Rosenbad, wo die meisten Lichter mittlerweile gelöscht worden waren, gemeinsam einen späten Cognac zu sich genommen hatten.

Was sollte man darauf antworten?

Die Folgen waren schrecklich gewesen. Nicht die materiellen Dinge konnte man reparieren. Doch auch emotionale, moralische Werte waren in Stücke geschlagen worden. Als frischgebackener Justizminister war er mit Entsetzen all den verstörten Menschen begegnet, die nun eine Gesetzgebung forderten, die ihre Gesellschaft sicherer machen sollte – Wasser auf die Mühlen der fremdenfeindlichen Partei im Reichstag, die jetzt einen Stich nach dem anderen machte.

»Wir müssen in der Terrorfrage radikal umdenken«, hatte die Außenministerin bei einer der ersten Regierungszusammenkünfte nach dem Attentat gesagt.

Als wäre sie die Einzige, die das erkannt hatte.

Sie alle hatten verstohlen zu dem neuen Justizminister hinübergeblickt – zu ihm, der nur wenige Wochen nach dem Terroranschlag in Stockholm sein Amt angetreten hatte.

Muhammed Haddad.

Er hatte sich schon manches Mal gefragt, ob sie alle gewusst hatten, was sich da zusammenbraute, und ob er nur deshalb für den Posten vorgeschlagen worden war. Sozusagen als Alibi – als Einziger, der bestimmte Entscheidungen treffen durfte, ohne dass ihn jemand einen Rassisten schimpfen konnte. Schwedens erster muslimischer Justizminister: ein Parteineuling, der während seiner bisherigen kurzen Karriere noch kein einziges Mal auf Widerstand gestoßen war. Manchmal ekelte ihn das geradezu an. Er wusste, dass er aufgrund seines ethnischen und religiösen Hintergrundes Vorteile genoss. Das hieß jedoch nicht, dass er seine Erfolge nicht verdient hätte. Er war ein brillanter Jurist und hatte sich schon früh auf Strafrecht spezialisiert. Seine Klienten hatten ihn einen Zauberer genannt, der sich nicht damit begnügte zu gewinnen, sondern der auch auf Rehabilitierung bestand. Als er nach Schweden gekommen war, war er fünfzehn Jahre alt gewesen. Mittlerweile war er fünfundvierzig und wusste, dass er nie wieder in sein Heimatland, den Libanon, zurückkehren würde.

Seine Sekretärin klopfte an und steckte den Kopf durch die Tür. »Die Säpo hat angerufen. Sie kommen in einer halben Stunde.«

Damit hatte er gerechnet. Die Leute vom Staatssicherheitsdienst wollten über die Ausweisung eines vermeintlichen Straftäters sprechen, und Muhammed hatte ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass er an der Besprechung persönlich teilnehmen wolle, auch wenn dies nicht gerade üblich war.

»Zu wievielt sind sie?«

»Zu dritt.«

»Ist Eden Lundell dabei?«

»Ja.«

Muhammed lehnte sich zurück. »Bringen Sie sie in den großen Konferenzraum. Und geben Sie den anderen Bescheid, dass wir uns fünf Minuten vor Beginn dort treffen.«

2

12.32 Uhr

Fredrika Bergman sah auf die Uhr und dann zu ihrem ehemaligen Chef auf der anderen Seite des Tisches. »Ich muss gleich los zu einer Besprechung.«

Alex Recht zuckte mit den Schultern. »Kein Problem, wir können uns ja an einem anderen Tag mal länger sehen.«

Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Sehr gern.«

Einer der Nachteile daran, nicht mehr auf Kungsholmen zu arbeiten, war der Mangel an guten Mittagslokalen. Heute saßen sie in einem mittelmäßigen asiatischen Restaurant auf der Drottninggatan, das Alex vorgeschlagen hatte. »Nächstes Mal bestimmst du, wo wir uns treffen«, sagte er, als könnte er ihre Gedanken lesen.

Was er manchmal wirklich konnte. Sie war nicht gut darin, ihre Gefühle zu verbergen. »Hier in der Gegend ist die Auswahl nicht allzu groß.«

Sie schob den Teller von sich weg. In einer halben Stunde würde die Besprechung beginnen, und sie wollte eine Viertelstunde früher da sein. Sie versuchte, die Stille zu ergründen, die sich an ihrem Tisch ausgebreitet hatte. Hatten sie bereits alles besprochen, was zu besprechen gewesen war? Einfache Dinge, die zu keinen unnötig schmerzhaften Diskussionen führten. Sie hatten über Alex’ neuen Job bei der Landeskriminalpolizei gesprochen und darüber, wie es ihr auf ihrer Assistenzstelle im Justizministerium erging. Über ihr Jahr Elternzeit mit Kind Nummer zwei, Isak, in New York, wo ihr Mann Spencer eine Gastprofessur innegehabt hatte.

»Du hättest mir erzählen sollen, dass ihr heiratet, dann hätten wir euch an eurem Jubeltag besucht«, sagte Alex jetzt bereits zum zweiten oder dritten Mal.

Fredrika wand sich innerlich. »Wir haben heimlich geheiratet. Nicht einmal meine Eltern waren dabei.«

Und ihre Mutter hatte ihr das immer noch nicht verziehen.

»Haben sie in den USA gar nicht versucht, dich anzuwerben?«, fragte Alex und lächelte schief.

»Wer denn? Das NYPD?«

Er nickte.

»Nein, leider nicht. Das wäre allerdings eine Herausforderung gewesen.«

»Ich war dort mal auf einem Lehrgang. Die Yankees sind wie alle anderen auch. Manche Dinge können sie gut, andere nicht so sehr.«

Dazu konnte Fredrika nichts sagen. Während ihrer Zeit in New York hatte sie nicht eine einzige Stunde gearbeitet. Ihr ganzes Dasein war um die beiden Kinder gekreist und darum, Spencer wieder auf die Beine zu bekommen. Seit eine Studentin ihn vor zwei Jahren der Vergewaltigung bezichtigt hatte, war mit einem Mal alles anders geworden. Als sie dann auch noch festgestellt hatten, dass Fredrika mit dem zweiten Kind schwanger war, waren sie sich zunächst über eine Abtreibung einig gewesen.

»Noch ein Kind schaffen wir nicht«, hatte Spencer gesagt.

»Es kommt zum falschen Zeitpunkt«, hatte Fredrika hinzugefügt.

Dann hatten sie einander lange angesehen.

»Wir behalten es«, hatte Spencer gesagt.

»Das finde ich auch«, hatte Fredrika den Entschluss bekräftigt.

Alex klapperte mit seiner Kaffeetasse. »Ich habe gehofft, du würdest zurückkommen«, sagte er. »Zur Polizei.«

»Du meinst, als New York vorbei war?«

»Ja.«

Mit einem Mal strengte sie der Lärm der anderen Restaurantgäste an.

Tut mir leid, wollte sie gerne sagen. Tut mir leid, dass ich dich habe warten lassen, obwohl ich längst wusste, dass ich nicht wiederkommen würde.

Doch kein Wort kam über ihre Lippen.

»Auf der anderen Seite verstehe ich, dass du diesen Justizjob nicht ablehnen konntest«, fuhr Alex fort. »So ein Angebot bekommt man schließlich nicht alle Tage.«

Es war kein Angebot. Ich habe mich um den verdammten Job beworben, weil ich wusste, dass ich verkümmern würde, wenn ich je zu euch nach Kungsholmen zurückkehren müsste.

Fredrika strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Das stimmt.«

Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Nach ihrem letzten Fall – die verstummte Kinderbuchautorin und das Grab in Midsommarkransen – war allmählich alles auseinandergebrochen. Als die Personalchefin Margareta Berlin eines Tages Alex in ihr Büro zitiert und ihm eröffnet hatte, dass das Ermittlerteam, das er in den vergangenen Jahren geleitet hatte, aufgelöst werden sollte, war diese Nachricht nicht unerwartet eingetroffen. Die Gruppe war leergelaufen, und Alex hatte all seine Energie auf seine neue Liebe Diana Trolle konzentriert, während Fredrika in ihrer Schwangerschaft aufgegangen war.

»Hast du mal wieder was von Peder gehört?«

Alex zuckte zusammen, als er Peders Namen hörte. »Nein. Du?«

Sie schüttelte bekümmert den Kopf. »Nicht, seit er die Kartons aus seinem Büro getragen hat. Aber ich habe gehört … dass es ihm nicht besonders gut gehen soll.«

»Ich auch.« Alex räusperte sich. »Letzte Woche bin ich Ylva, seiner Frau, begegnet. Sie hat ein paar Andeutungen gemacht, wie es ihnen beiden ergangen ist.«

Fredrika versuchte, sich die Hölle vorzustellen, in die Peder hinabgesunken war, doch es gelang ihr nicht. Sie konnte nicht mehr sagen, wie oft sie es bereits versucht hatte, doch es war ihr immer gleichermaßen schwergefallen.

Manche Wunden heilen nicht. Ganz gleich, wie sehr wir uns darum bemühen.

Sie wusste, dass Alex das anders sah. Er fand, Peder solle sich zusammenreißen und endlich wieder in die Zukunft blicken. Deshalb hatte sie das Thema bislang auch vermieden.

»Er muss aufhören, sich zu benehmen, als hätte er ein Trauermonopol«, brummelte er und wiederholte damit, was er immer sagte, wenn sie versuchten, über Peder zu sprechen. »Er ist nicht der Einzige, der einen Menschen verloren hat, der ihm nahestand.«

Alex selbst hatte seine Ehefrau Lena an den Krebs verloren und kannte die finsteren Abgründe der Trauer. Doch Fredrika fand, dass es da einen entscheidenden Unterschied gab, ob ein Angehöriger dem Krebs erlag oder von einem skrupellosen Mörder ums Leben gebracht wurde.

»Ich glaube nicht, dass Peder noch in der Lage ist, selbst zu bestimmen, wie es ihm geht«, sagte sie, wobei sie ihre Worte sorgfältig wählte. »Die Trauer ist für ihn zu einer Krankheit geworden.«

»Aber er hat doch Hilfe bekommen – und trotzdem geht es ihm nicht besser.«

Sie verstummten, um die Diskussion nicht weiterzutreiben, die sonst enden würde wie immer: Sie würden sich streiten.

»Ich muss jetzt wirklich gehen.« Fredrika begann, ihre Sachen zusammenzusuchen. Handtasche, Schal, Jacke.

»Du weißt, dass unsere Türen für dich immer offen stehen.«

Sie hielt inne. Und dachte: Nein, das hatte sie nicht gewusst. »Danke.«

»Du warst eine der Besten, Fredrika.«

Ihre Wangen glühten, und ihr Blick verschwamm.

Alex sah aus, als wolle er noch etwas sagen, doch sie kam ihm zuvor, indem sie aufstand. Gemeinsam verließen sie das Lokal, und dann breitete Alex mitten auf der Drottninggatan die Arme aus und drückte sie fest an sich.

»Du fehlst mir auch«, flüsterte Fredrika.

Und so trennten sie sich.

Kriminalkommissar Alex Recht konnte auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Er hatte viele Jahre bei der Polizei verbracht, und seine Erfolge waren beträchtlich gewesen. 2007 war seine Laufbahn gekrönt worden, indem man ihm die Aufgabe übertragen hatte, ein Spezialermittlerteam zusammenzustellen. Es hatte klein sein, aber die kompetentesten Mitarbeiter vereinen sollen. Zusätzliche Ressourcen wären, sofern erforderlich, kein Problem gewesen. Zuerst hatte Alex den relativ jungen, aber ehrgeizigen Peder Rydh berufen – einen Mann, der, wie sich zeigen sollte, ein ausnehmend tüchtiger Ermittler war, aber auch ein hitziges Temperament und zeitweilig mangelndes Einschätzungsvermögen an den Tag legen konnte. Im Nachhinein fragte sich Alex, ob er selbst zu der Tragödie beigetragen hatte, die vor zwei Jahren geschehen war und die darin geendet hatte, dass Peder den Polizeidienst hatte quittieren müssen. Er glaubte nicht. Es war ein verdammter harter Fall und der Preis für alle Beteiligten über alle Maßen hoch gewesen.

Doch niemand hatte einen höheren Preis bezahlen müssen als Peders Bruder Jimmy.

Er sollte den Fall, der sie alle so viel gekostet hatte, nicht immer wieder aufkochen, das wusste Alex. Doch nach Peders Ausscheiden aus dem Ermittlerteam war alles ganz furchtbar aus dem Ruder gelaufen. Fredrika Bergman, die Einzige von ihnen allen, die Alex nicht selbst für die Gruppe ausgewählt hatte, hatte ihr Feuer verloren, und als sie schließlich mit ihrem zweiten Kind schwanger geworden war, war es Alex so vorgekommen, als hätte sie sich da schon von ihren Aufgaben zurückgezogen.

Er gestand nur zu gerne ein, dass er sie anfangs nicht gemocht hatte. Fredrika war Akademikerin, eine zivile Ermittlerin, die seiner Meinung nach weder das Interesse noch den Biss für den Job aufgewiesen hatte. Lange hatte er versucht, sie zu übergehen und mit so schlichten Arbeitsaufträgen wie möglich zu beschäftigen, bis er eines Tages begriffen hatte, dass er sich grundlegend in ihr getäuscht hatte. Ganz anders, als er zunächst angenommen hatte, verspürte sie nämlich eine starke Berufung zu ihrem Job. Das Problem lag eher in ihrer Abneigung gegen allzu unflexible Strukturen, doch die waren nun mal nicht zu ändern. Fredrika musste es schon selbst wollen, damit es gut würde. Und eines Tages kam tatsächlich die Wende. Als der Fall Rebecca Trolle auf Alex’ Tisch landete, brach Fredrika ihre Elternzeit ab und kehrte zurück an die Arbeit. In jenem Frühjahr waren sie auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, niemals waren sie besser gewesen.

Alex griff nach seiner Kaffeetasse und steuerte die Teeküche an, um sich frischen Kaffee zu holen. Er hatte eine neue Stelle bei der Landeskripo angetreten – einen guten Job in einer guten Truppe. Interessante Fälle aus dem Bereich des organisierten Verbrechens. Trotzdem vermisste er sein altes Leben, das er gehabt hatte, ehe alles in die Brüche gegangen war. Das Mittagessen mit Fredrika hatte ihn an all das erinnert, was er nicht mehr hatte.

Er war nicht so dumm zu verkennen, dass Fredrika sich um den Job beim Justizministerium beworben hatte, weil sie weggewollt hatte. Und das konnte er ihr nicht verdenken. Sie war tüchtig, und tüchtige Menschen waren rastlos. Was genau sie jetzt dort tat, war ihm allerdings nicht klar. Alex wusste, dass sie gewisse Kontakte zum Staatssicherheitsdienst hatte, doch er hatte das Thema nicht weiter vertiefen wollen.

Er musste an andere Dinge denken.

An Menschen, die er auf unterschiedliche Weise verloren hatte.

»Du darfst dich nicht in deiner Trauer verlieren«, hatte Diana erst tags zuvor zu ihm gesagt. »Du musst gewisse Geschehnisse hinter dir lassen.«

Diana.

Ohne sie wäre er verloren gewesen. Sie wusste ebenso gut wie er, wie sich tiefe Trauer anfühlte, wie weh sie tun konnte. Manchmal war er sich nicht einmal sicher, ob sie sich je ineinander verliebt hätten, wenn nicht das Gefühl der Verzweiflung sie vereint hätte.

Trauer.

Verlust.

Schmerz.

Natürlich hatte er gewusst, dass es das alles gab. Dass man früher oder später damit rechnen musste. Es gehörte zum Leben, am Boden zerstört zu sein. Oder nicht? Seine Gedanken wanderten zurück zu Peder, und wieder stieg der Zorn in ihm hoch. Verdammt, dass der sich aber auch nicht zusammenreißen konnte! Dass er seinen Schock nicht anders hatte verarbeiten können. Er hatte sich auf ewig unglücklich gemacht.

Wenn er das nicht getan hätte, könnte er heute noch zusammen mit Alex und Fredrika bei der Polizei arbeiten. Denn das war der eigentliche Punkt. Alex hatte mit ihm einen engen Kollegen verloren, mit dem er gern zusammengearbeitet hatte. Und obwohl er wusste, wie ungerecht er dabei war, fiel es ihm unendlich schwer, Peder zu verzeihen.

Alex wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als sein Chef den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Bombendrohung«, sagte er. »Eben reingekommen.«

»Ich übernehme.« Und schon war er auf den Beinen.

Eine Bombendrohung. Gebäude, die einstürzten, und Menschen, die in Stücke gesprengt wurden. Das Böse in Reinform.

Minuten später war er bereits in die Sache vertieft. Es handelte sich allerdings nicht um eine Bombendrohung, sondern um vier, die sich gegen unterschiedliche Ziele in Stockholm richteten – darunter auch der Regierungssitz Rosenbad.

Alex war wie erstarrt.

Vier Bomben? Was ging hier vor?

3

12.32 Uhr

Woher kam dieser Zorn?

Eden Lundell konnte es sich nicht erklären. Als oberste Führungskraft der Säpo-Antiterroreinheit erwartete man von ihr, dass sie in jedem einzelnen Fall, der über ihren Tisch wanderte, eine klare Vorstellung davon besaß, doch oft war es ihr schlicht unmöglich nachzuvollziehen, welche Kräfte manche Menschen antrieben.

Im Augenblick gab es gleich mehrere Themen, um die sie sich kümmern musste – und sie würde dabei Prioritäten setzen müssen. Die Ressourcen wurden knapper, und sie wollte endlich Ergebnisse sehen. Geduld hatte ihr im Leben immer schon gefehlt, und das war auch nicht besser geworden, seit sie bei der Säpo angefangen hatte.

Wenn sie nur den Ursprung des Zorns begreifen würde!

Der Zorn, der Menschen dazu brachte, einem geordneten Leben den Rücken zu kehren und sich der Gewalt zuzuwenden, um Veränderungen durchzusetzen, die sie für notwendig hielten. Schon oft hatte Eden sich gefragt, was sie selbst je über diese Grenze treiben würde. Wann würde sie zur Waffe greifen und sie auf Menschen richten, mit denen sie im selben Land gelebt und gegen die sie früher nie Antipathien gehegt hatte?

Was würde mich dazu bringen, die schlimmste aller Sünden zu begehen?

Sie war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Liebe zu ihrer Familie eine solche Sache wäre. Wenn ihre Familie bedroht oder von einem Unheil betroffen wäre.

Möge Gott verhindern, dass das je passiert. Denn dann lege ich die Häuser meiner Feinde in Schutt und Asche.

Doch der Zorn, dem Eden bei ihrem aktuellen Fall begegnet war, schien keinen persönlichen Hintergrund zu haben. In jungen Menschen wucherte der Hass aus völlig anderen Gründen. Doch es brachte sie nicht weiter, über einzelne Faktoren zu mutmaßen.

Eden ging systematisch das soeben eingetroffene Material zu ihrem jüngsten Fall durch. Die Beweisdecke war verdammt dünn. Die ursprünglichen Informationen waren eindeutig gewesen – diese Jungs hatten Terroranschläge in Kolumbien mit finanziert. Doch diese Informationen hatten sie vor Gericht nicht verwenden dürfen. Daher hatte die Säpo eigene Ermittlungsergebnisse vorweisen müssen, die bestätigen konnten, was sie bereits wussten, und die zu einem Gerichtsurteil zu führen vermochten.

Es geschah nur allzu oft, dass die Informationslage eine und die Beweislage eine gänzlich andere Sache war, und dies führte dann zum immer gleichen Ergebnis: Der Staatsanwalt verlor vor Gericht – oder schon früher. Es erweckte fast den Eindruck, als hätte man es mit einer schwachen, inkompetenten Staatsanwaltschaft zu tun, die wieder und wieder Menschen aufs Korn nahm, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen, was die Aufmerksamkeit der Säpo auch nur im Geringsten rechtfertigen würde.

Eden verstand es einfach nicht. Ihre Jahre bei der Landeskripo hatten ebenso wenig aus einer Reihe erfolgreicher Ermittlungen bestanden, und doch erregte man dort viel weniger Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und bei den Massenmedien. Allerdings hatte sich seit dem Stockholmer Anschlag einiges grundsätzlich verändert. Die Messlatte lag jetzt höher. Wenn sie ihren letzten Fall vor dem Landgericht nicht gewonnen hätten, dann wäre ihr Arbeitstag heute deutlich unerfreulicher verlaufen.

Es klopfte an der Tür.

»Herein«, rief sie, und Sebastian, der Chef der Fallanalytiker, trat ein. Eden schob die Papiere, die vor ihr lagen, in seine Richtung. »Und, was denkst du?«

»Was ich schon die ganze Zeit gesagt habe: Mehr finden wir bei diesen Jungs nicht. Lassen wir es bleiben.«

Sie nickte gedankenverloren. »Aber was ist mit dem Geld, das sie nach Südamerika verschoben haben?«

Sebastian zuckte mit den Schultern. »Wir können nicht jedes Mal gewinnen.«

Eden warf die Papiere in den Schrank und knallte die Tür zu. Sowie das Thema aus ihrem Blickfeld verschwand, war es Geschichte.

Stattdessen würde sie sich jetzt auf Zakaria Khelifi konzentrieren – den Mann, der vom Landgericht freigesprochen worden war, während man seine Komplizen verurteilt hatte. »Wann sollen wir im Ministerium sein?«

»In einer halben Stunde. Ich dachte, wir könnten zu Fuß hingehen.«

Das war eine gute Idee. Eden würde unterwegs eine Zigarette rauchen können und darüber nachdenken, was sie sagen würde, um dem Justizminister ein für alle Mal klarzumachen, dass er den Algerier ausweisen musste. Wenn man bedachte, über welche Informationen sie verfügten und dass das nächsthöhere Gericht bereits auf ihre Linie eingeschwenkt war, sollte das nicht sonderlich schwer werden. Wenn Khelifi erst einmal das Land verlassen hätte, dann würden sie endlich einen Schlussstrich ziehen können unter die Operation Himmelschlüssel.

Die Besprechung fand in einem der diskreteren Räume der Abteilung statt. Außer dem Justizminister nahmen der Staatssekretär, ein unabhängiger Sachverständiger und eine Handvoll Ministerialkräfte teil. Fredrika Bergman gehörte zu letzterer Gruppe. Die Säpo war nach Rosenbad gekommen, um in einem Fall von sogenannter Kann-Ausweisung zu entscheiden. Sie wollte, dass die Aufenthaltsgenehmigung eines ausländischen Mitbürgers eingezogen würde, da der Mann ihrer Ansicht nach ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko darstellte. Der Fall war schon von der Ausländerbehörde zu den Gerichten gegangen und lag jetzt der Regierung vor.

Fredrika konnte nicht umhin, darüber nachzudenken, wie sie um den Tisch platziert worden waren. Das Ministerium auf der einen, die Säpo auf der anderen Seite. Die Säpo-Kollegen hatten sich samt und sonders mit irgendeinem Cheftitel vorgestellt: Abteilungschef, Einheitschef, Analysechef. Die Chefin der Antiterroreinheit hieß Eden und roch nach Zigaretten. Sie musste rund eins achtzig groß sein und hatte derart auffällig honiggelbe Haare, dass Fredrika schlichtweg nicht glauben wollte, dass dies ihre natürliche Haarfarbe war. Der Zigarettengeruch indes verwunderte sie. Eden wirkte irgendwie zu frisch, um Raucherin zu sein.

»Dann legen wir mal los«, sagte der Minister. »Wir haben eine halbe Stunde.«

Der Fallanalytiker beugte sich zur Seite und zog eine Computertasche auf den Tisch. Mit einer einzigen routinierten Handbewegung öffnete er sie und holte einen Laptop daraus hervor, den er sogleich hochfuhr. Eden streckte die Hand aus und verband den Rechner mit einem Kabel auf dem Besprechungstisch.

»Können Sie bitte den Projektor anwerfen?«, fragte sie. Ihre Stimme war heiser, und sie sprach mit einem Akzent, den Fredrika nicht einzuordnen vermochte.

Edens Hände mündeten in lange, schmale Finger mit kurzen, unlackierten Fingernägeln. Wenn sie sie wachsen ließe und rot lackierte, könnte sie jeden beliebigen Kerl aus jedweder Kneipe abschleppen. Da erst bemerkte Fredrika den Ring an Edens linker Hand. Sie war entweder verheiratet oder verlobt. Das war ebenso unerwartet wie der Zigarettengeruch.

»Klar«, antwortete Fredrika und schaltete den Projektor mit zwei Handgriffen ein.

Der Analysechef begann mit seiner Präsentation. Das erste Bild tauchte auf dem Monitor auf. Blauer Hintergrund, rechts das Logo der Säpo. Kleine weiße Punkte in unterschiedlichen Formationen. Die Überschrift lautete schlicht »Der Fall Zakaria Khelifi«.

Dann das nächste Bild: »Background«.

Eden ergriff das Wort: »Wie Sie alle wissen, ist Zakaria Khelifi in den Fall verwickelt, in dem das Oberlandesgericht in der vergangenen Woche sein Urteil gefällt hat. Der Staatsanwalt hat zwar versucht, Khelifi wegen der Beteiligung an der Anschlagsplanung dranzukriegen, doch er wurde freigesprochen und wieder auf freien Fuß gesetzt.«

Der Abteilungschef, der neben Eden saß und offensichtlich ihr Vorgesetzter war, hustete in seine Armbeuge.

»Zumindest«, fuhr Eden fort, »konnten wir die beiden Haupttäter, zwei Mitbürger ebenfalls nordafrikanischer Herkunft, dingfest machen. Wir haben ihnen nachweisen können, dass sie, ehe sie aufgegriffen wurden, Monate darauf verwendet hatten, einen Anschlag vorzubereiten, der sich gegen den schwedischen Parlamentssitz richten sollte. Bei ihrer Festnahme fanden wir eine im Grunde fertig zusammengesetzte Sprengladung und hinreichend Chemikalien, um mindestens zwei weitere Bomben zu bauen. Wir glauben, dass die Tat zeitgleich zur großen Migrations- und Integrationsdebatte verübt werden sollte, über die schon im Vorfeld so viel gesprochen wurde.«

»Morgen«, sagte der Minister. »Sie ist für morgen Vormittag angesetzt.«

Fredrika wurde regelrecht kalt, als die Parlamentsdebatte zur Sprache kam – eine Debatte, die sich niemand mehr wünschte als die fremdenfeindlichen Kräfte. Sollte dies wirklich das Ziel der Männer gewesen sein, die jetzt wegen terroristischer Machenschaften verurteilt worden waren? Dann müssten sie bereitgestanden und auf die nächstbeste und spektakulärste Gelegenheit gewartet haben, um zuzuschlagen. Der Termin der Debatte stand schließlich erst seit wenigen Tagen fest.

»Wir glauben, dass die zwei Verurteilten die einzigen Täter waren. All unsere Analysen weisen in diese Richtung, und es gibt keinen Grund, diese Einschätzung infrage zu stellen. Deshalb haben wir auch keine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen um das Parlamentsgebäude angefordert, auch nicht für die morgige Veranstaltung. Also – nicht mehr, als ohnehin die Regel ist, versteht sich. Wir haben Kontakt mit den Kollegen vor Ort aufgenommen, und sie werden sicherstellen, dass die Debatte friedlich verlaufen kann.«

Natürlich, dachte Fredrika. Selbst wenn man die demokratischen Spielregeln dazu missbraucht, um selbige abschaffen zu wollen, kann man sich auf die Unterstützung der Ordnungshüter verlassen.

Der Abteilungsleiter unterbrach Edens Ausführungen. »Die Urteile des Landgerichts und des Oberlandesgerichts kamen uns, was diese beiden Männer anging, sehr gelegen. Es ist essenziell für die Säpo, allein schon die Vorbereitungen zu einem Terroranschlag frühzeitig zu vereiteln. Allzu oft bekommen wir zu hören, dass wir entweder zu viel oder zu wenig unternehmen und natürlich alles zu spät angehen.«

Fredrika wusste genau, was er meinte. Wenn die Säpo mit Fällen vor Gericht zog und unterlag, wog die Kritik gegen die Behörde oft bleischwer, vor allem in jenen Fällen, in denen eine Festnahme nicht einmal mehr zu einer Anklage führte. Schon mehr als ein Mal hatte Fredrika über den Balanceakt nachdenken müssen, den der schwedische Sicherheitsdienst leisten musste, und hatte sich gefragt, ob sie selbst wohl eine derart undankbare Aufgabe übernehmen wollte.

Doch dann war der Anschlag an der Drottninggatan gekommen, und das Blatt hatte sich gewendet. Dieselben Journalisten, die sich zuvor darüber beklagt hatten, dass der Staat zu hart vorgehe, bezichtigten ihn jetzt, zu wenig zu tun. Der Mann, der sich an der Drottninggatan in die Luft gesprengt hatte, sei schließlich sogar auf Facebook gewesen – wie könne es da sein, dass die Säpo ihn nicht längst im Visier gehabt hatte?

Aber wer wollte denn eine Gesellschaft, in der die Säpo einzelne Bürger auf Facebook überwachte?, hatte sich Fredrika gefragt.

Doch offensichtlich wollten das ziemlich viele.

Während Eden mit ihrem Vortrag fortfuhr, fragte Fredrika sich, welche Funktion eigentlich der Analysechef innehatte. Trug er ihr nur den Laptop hinterher?

»Die Täter, die in der vergangenen Woche verurteilt wurden, waren zwar nur zu zweit, doch in ihrem Umkreis konnten wir mehrere Helfer identifizieren«, erklärte Eden. »Zakaria Khelifi ist einer davon.« Sie zeigte auf Zakarias Foto auf dem Monitor. »Er war allerdings der Einzige, gegen den wir so viele Beweise zusammentragen konnten, dass es für die Untersuchungshaft und eine Anklageschrift reichte.«

Der Justizminister legte den Kopf schief. »Es gilt auch bei Terroranschlägen, dass man nicht nur wegen eines Verdachts vorverurteilt werden darf. Ich denke, das sollten wir als etwas Positives betrachten.«

»Selbstverständlich.«

Wieder Stille.

»Zakaria Khelifi«, schloss Eden. »Seinetwegen sind wir hier.«

Die Versammelten horchten auf.

4

13.12 Uhr

Zakaria Khelifi war 2008 aus Algerien nach Schweden gekommen. Als Grund für sein Asylgesuch hatte er angegeben, von einem entfernten Verwandten verfolgt worden zu sein, nachdem er eine Romanze mit der Tochter der Familie eingegangen war und sie noch vor der Hochzeit geschwängert hatte. Die Frau, so Khelifi, sei von ihren eigenen Angehörigen ermordet worden.

»Im Laufe des Frühjahrs erhielten wir mehrere Hinweise darauf, dass weitere Gruppen Anschläge auf Ziele in Schweden planten und dass diese mit vergleichbaren Fällen in anderen europäischen Ländern in Verbindung standen. Doch nur einer der schwedischen Verdachtsfälle war tatsächlich ernst zu nehmen.«

Ein neues Bild – drei kleinere Porträts von Männern, die Fredrika aus den Medien wiedererkannte. Zwei von ihnen waren vom Oberlandesgericht verurteilt worden, der dritte war der freigesprochene Algerier.

»Zakaria Khelifi trat bei unseren Ermittlungen zunächst nicht in Erscheinung, doch dann wurde er häufiger in Gesellschaft der Verdächtigen gesichtet. Wir hörten sein Telefon ab, und bei einer Gelegenheit hörten wir seinen Gesprächspartner zu ihm sagen: ›Es ist jetzt da. Du kannst es jetzt abholen gehen.‹ Khelifi fuhr los und holte ein Paket ab, das Substanzen enthielt, von denen wir später nachweisen konnten, dass sie die Sprengladung vervollständigten, die die Haupttäter bereits vorbereitet hatten.«

»Zakaria Khelifi sagte vor Gericht aus, er habe nicht gewusst, was in dem Paket steckte«, wandte der Staatssekretär ein.

»Sicher, das hat er. Aber auf den Bildern der Überwachungskameras sieht er sichtlich nervös aus, als er diesen Laden betritt, um das Paket in Empfang zu nehmen. Er sieht sich mehrere Male um, als er es zu seinem Auto trägt, und als er sich hinters Steuer setzt und davonfährt, ist er schweißgebadet. Außerdem hat einer der Haupttäter, Ellis, ihn während einer Vernehmung namentlich als Helfer genannt.«

»Was er dann später wieder zurückgenommen hat, nicht wahr?«, fragte der Justizminister.

»Ja, und das hat uns ehrlich gestanden stutzig gemacht. Vor der Gerichtsverhandlung war er, was die Rolle Khelifis anging, ziemlich deutlich geworden und hatte Khelifi als ›wichtige Stütze‹ bezeichnet. Warum Ellis später zurückruderte, als der Staatsanwalt ihn befragte, wissen wir ehrlich gesagt nicht. Wir haben versucht herauszubekommen, ob er bedroht wurde, aber er weigert sich, unsere Fragen zu beantworten. Er hat lediglich ausgesagt, er habe verschiedene Namen und Personen durcheinandergebracht und dabei leider den Falschen bezichtigt – was ihm aber keiner von uns glauben will. Ellis hat bei der Vernehmung die Wahrheit gesagt und vor Gericht gelogen.« Auch als Eden weitersprach, hörte der Justizminister schweigend zu. »Wie sich zeigte, war dies nicht das erste Mal, dass Khelifi Umgang mit Terrorverdächtigen hatte. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass Khelifi bereits 2009 in einem Ermittlungsverfahren auftauchte – im selben Jahr, als er seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Wir ermittelten damals gegen ein paar Personen, die unter Verdacht standen, Terrornetzwerke im Ausland zu finanzieren. Leider mussten wir das Verfahren einstellen, weil wir keine stichhaltigen Beweise gegen sie hatten.«

Ein neues Bild auf dem Monitor. Fredrika und die übrigen sahen es sich aufmerksam an.

»Wir sind über die Telefonüberwachung auf Khelifi gestoßen. In unserem Ermittlungsmaterial gab es zwar noch mehrere Nummern, die wir noch nicht identifizieren konnten, doch eine von ihnen, so hat sich herausgestellt, gehörte Khelifi. Dieselbe Nummer tauchte bereits in einer anderen Ermittlung auf, die wir zu Beginn des Jahres nach den Terrordrohungen in Frankreich eingeleitet hatten.«

Der Justizminister sah besorgt aus. »War er denn in Frankreich beteiligt?«

»Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber wir glauben zu wissen, dass er, ehe der Anschlag verübt wurde, engen Kontakt zu einem der Täter hatte, die in diesem Frühjahr in Frankreich verurteilt wurden. Leider hatten wir damals, wie gesagt, noch nicht herausgefunden, wem die Telefonnummer gehörte.«

Jetzt wurde Fredrika hellhörig. Eine Telefonüberwachung konnte eine Ermittlung weit bringen, das hatte sie selbst im Grunde bei allen Ermittlungen gesehen, an denen sie bei der Kripo beteiligt gewesen war. Man musste nur begreifen, wie die Informationen zusammenhingen. Aber das war nicht immer leicht.

»Was hat Zakaria Khelifi gesagt, als Sie ihn nach seinen Telefonkontakten gefragt haben?«, fragte sie. »Also denen, die mit der früheren Ermittlung zu tun hatten?«

»Er sagte, damals habe das Telefon jemand anderem gehört«, erklärte Eden. »Er habe es erst im Februar, März 2011 bekommen.«

»Können wir das widerlegen?«, fragte der Staatssekretär.

»Nein, aber das müssen wir auch gar nicht. Er konnte weder sagen, wann genau er das Telefon gekauft hatte, noch von wem oder wie viel er dafür bezahlt hatte. Er hat sich die Erklärung im Nachhinein zurechtgelegt.«

»Ah ja«, sagte der Justizminister, dem daran gelegen war weiterzukommen. »Zakaria Khelifi wurde also vor Gericht freigesprochen. Und jetzt wollen Sie seine Aufenthaltsgenehmigung widerrufen?«

»Ja, vor dem Hintergrund dessen, was wir Ihnen heute präsentieren, möchten wir, dass Sie beschließen, die permanente Aufenthaltsgenehmigung von Zakaria Khelifi aufzuheben, damit er in Gewahrsam genommen und zurück nach Algerien geschickt werden kann. Er hat in mehreren Ermittlungsverfahren eine Rolle gespielt. Er ist bei einer Vernehmung von einem der Haupttäter als Helfer bezeichnet worden. Ganz offensichtlich war er diesem bei den Vorbereitungen zu einem Terroranschlag behilflich.«

Der Justizminister lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Liegen Abschiebungshindernisse vor, oder wäre es für ihn möglich, nach Hause zurückzukehren?«

»Das Gericht war der Auffassung, es gebe keinerlei Hindernisse für eine Abschiebung. Die algerischen Behörden waren bislang nicht involviert und haben auch keine Überstellung beantragt. Ihm droht somit weder Folter noch die Todesstrafe.«

»Und die Drohung, die ursprünglich der Grund für sein Asylgesuch war?«, mischte sich der Staatssekretär ein.

»Hat sich erledigt«, sagte Eden. »Der Vater und der Bruder des Mädchens sind schon vor längerer Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Was von der Familie noch übrig ist, scheint nicht mehr daran interessiert zu sein, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.«

Fredrika saß schweigend da. Das hier war eine neue Welt für sie.

»Wovon lebt dieser Zakaria überhaupt?«, fragte der Minister.

»Er arbeitet als Jugendleiter.«

Fredrika erinnerte sich daran, wie Zakaria Khelifi in den Medien dargestellt worden war: als netter Typ, der mit Jugendlichen arbeitete, denen es schwerfiel, einen Weg in die schwedische Gesellschaft zu finden. Zakaria Khelifi hatte fließend Schwedisch gelernt und in vielerlei Hinsicht ein gutes Vorbild abgegeben. Aber ein Jugendleiter, der gleichzeitig mit Terroristen verkehrte? Fredrika wusste nicht, wie sie zwei derart widersprüchliche Bilder zusammenbringen sollte.

Der Stuhl des Ministers kratzte über das Parkett. »Und wie wird das in den Medien für unsere jeweiligen Behörden aussehen?«, fragte er. »Zakaria Khelifi, eben noch in zwei Instanzen freigesprochen, wird auf Wunsch der Säpo und der Regierung wieder nach Hause geschickt?«

»Welche Alternative haben wir?«, fragte Eden. »Sollen wir ihn hierbehalten? Sollen wir ihn unter Beobachtung stellen? Eine Situation riskieren, in der er zur Ikone für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund in unseren Vororten werden könnte? Eine Ikone, die andere dazu inspiriert, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen? Klar, das könnten wir tun. Aber dann verstoßen sowohl Sie als auch wir gegen unsere Vorschriften, denn es ist unser Auftrag, dafür zu sorgen, dass Personen, die zu einer Sicherheitsbedrohung werden könnten, sich hierzulande nicht niederlassen.« Sie schüttelte den Kopf und fuhr dann fort: »Diese Art von Dominoeffekt können wir uns nicht leisten, da müssen wir deutlich sein und ein Exempel statuieren. Und selbst wenn der eine oder andere negative Artikel darüber geschrieben würde, wird das Signal, das an die Milieus rausgeht, die hinter Leuten wie Zakaria Khelifi stehen, unmissverständlich lauten: Mit der schwedischen Demokratie wird nicht gespaßt.«

Der Justizminister sah aus, als wäre er tief in Gedanken versunken. Fredrika fragte sich, welchen Hintergrund Eden wohl hatte. Ihre Rhetorik klang nicht nach der einer Muttersprachlerin. Es sah sogar ein wenig so aus, als wäre dem Abteilungsleiter ihre Art zu sprechen peinlich.

Das Klingeln eines Handys unterbrach die Stille. »Entschuldigung, ich hab vergessen, es auszuschalten«, sagte Eden und zog ihr Telefon aus der Tasche.

Fredrika sah, wie ihre Kollegen Eden entsetzt anstarrten. Handys mussten bei Besprechungen dieser Art abgeschaltet werden. Doch Eden schien es egal zu sein, was die anderen dachten. Sie starrte auf das Handydisplay, überflog die Mitteilung, die sie bekommen hatte, und sagte dann: »Offensichtlich hat jemand mehrere Bombendrohungen gegen verschiedene Ziele in Stockholm ausgesprochen. Rosenbad ist eines davon.«

Weniger als eine Minute später war die Besprechung beendet, und nicht nur die Säpo verließ den Raum so schnell, dass es hinterher wirkte, als hätte man sie alle einfach fortgezaubert.

5

13.35 Uhr

Früher einmal hatte sich Alex Recht nichts sehnlicher gewünscht als einen Job beim schwedischen Sicherheitsdienst. Doch dazu fühlten sich viele berufen, und nur wenige wurden auserwählt. Jahr um Jahr hatte Alex auf den entscheidenden Telefonanruf gewartet, der sein Leben verändern würde. Auf die Stimme, die sagte, dass er geeignet und willkommen sei und einer derjenigen, die erwählt worden waren.

Irgendwann hatten sie tatsächlich angerufen. Es war an einem Sonntag, und Alex und Lena waren gerade dabei gewesen, den Zaun frisch zu streichen. Sie hatten angerufen und nicht gesagt, wer sie waren, trotzdem hatte Alex es sofort begriffen. Er bekam eine Zeit und einen Ort genannt, wo ein erstes Treffen stattfinden sollte. Er kam fünf Minuten zu spät und erklärte ihnen, dass er nicht länger interessiert sei. Zu jenem Zeitpunkt hatte er bereits mehrere Mitarbeiter der Organisation kennengelernt, und er fand, dass sie alle gelangweilt aussahen. Das sagte er ihnen natürlich nicht. Er wies sie lediglich darauf hin, wie sehr ihm seine derzeitige Arbeit gefalle und dass er gern auf der sogenannten »öffentlichen Seite« der Polizei bleiben wolle.

»Sie können doch immer wieder zurückgehen«, sagte der Säpo-Mann, der bei dem Treffen zugegen war. Doch da war sich Alex nicht so sicher. Wenn er bei der Säpo anfinge, dann liefe er Gefahr, dort hängenzubleiben. Und dieser Gedanke behagte ihm nicht.

Es zeigte sich, dass die Kollegen nicht wiederkamen, wenn man ihnen einmal die kalte Schulter gezeigt hatte. Nicht, dass er auf sie gewartet hätte, doch die Jahre vergingen, und als Alex im Ruf stand, einer der besten Ermittler Schwedens zu sein, hielt er es für durchaus möglich, dass sie sich wieder bei ihm meldeten. Doch das taten sie nicht. Vielleicht ahnten sie, dass er immer noch nicht interessiert war.

Alex saß schweigend in seinem Bürosessel und dachte nach. Vier Bombendrohungen gegen vier unterschiedliche Ziele in Stockholms Innenstadt. Erst hatte jemand die Königliche Bibliothek im Humlegården angerufen. Dann war eine weitere Bombendrohung eingegangen, diesmal am Hauptbahnhof. Dann eine dritte gegen das Kaufhaus Åhléns mitten in der Stadt. Und schließlich Rosenbad. Damit kam automatisch die Säpo ins Spiel. Alex’ Chef hatte ihm angekündigt, sie würden mit ihm Kontakt aufnehmen, sowie sie sich ein eigenes Bild gemacht hatten.

Die Sache verlangte eine angemessene Reaktion. Alex glaubte intuitiv, dass es sich hierbei um nichts anderes als reinen Nonsens handelte – dass irgendjemand, der sich schrecklich langweilte, sich die Zeit damit vertrieb, falsche Bombendrohungen auszusprechen und auf diese Weise ein bisschen Aufregung heraufzubeschwören. Doch sie mussten vorsichtig sein. Schweden konnte keine weiteren Terroranschläge verkraften – und erst recht keine polizeilichen Fehlgriffe.

Der Anrufer hatte angekündigt, die erste Bombe um fünf Uhr nachmittags zu zünden, die nächste um Viertel nach fünf, die dritte um halb sechs und die vierte um Viertel vor sechs, doch wo der erste Anschlag erfolgen sollte, war ebenso wenig klar wie jedwedes Motiv. Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen konnte, war, dass die genannten Orte um fünf Uhr nachmittags unter normalen Umständen voller Menschen sein würden.

Man hatte versucht, die Gespräche zurückzuverfolgen, doch die Anrufe waren von mehreren nicht registrierten Prepaid-Handys erfolgt. Außerdem hatte der Anrufer einen Stimmenverzerrer benutzt, und das erstaunte Alex nun doch. Das war mehr als ungewöhnlich. Fast schon lächerlich. Von einer solchen Vorkehrung hatte er seit den Achtzigerjahren nicht mehr gehört.

Alex war sich sicher, dass es ein und dieselbe Person gewesen war, die sämtliche Anrufe getätigt hatte, auch wenn verschiedene Telefone benutzt worden waren. Dennoch bat er zur Sicherheit um eine Schnellanalyse der Sendemastverbindungen, um sehen zu können, von wo aus die Gespräche geführt worden waren. Die Anrufe waren im Abstand von weniger als drei Minuten erfolgt. Da sollte man doch feststellen können, ob dieselbe Person angerufen hatte.

Das Telefon auf Alex’ Schreibtisch klingelte, und eine heisere Frauenstimme meldete sich: »Eden Lundell, Säpo. Ich rufe wegen der Bombendrohungen an. Hjärpe hat mir Ihren Namen und Ihre Telefonnummer gegeben.«

Hjärpe war Alex’ Chef. Wenn er mit von der Partie war, dann hatte alles seine Richtigkeit. Es klang, als würde Eden Lundell sich im Freien aufhalten. Es lärmte im Hintergrund.

»Ihr Anruf ist mir schon angekündigt worden«, sagte Alex. »Womit kann ich Ihnen helfen?«

Die Säpo – so nah und doch so fern. Wie ein eigenes Universum innerhalb desselben Polizeigebäudes.

»Wir müssen uns treffen. Können Sie zu uns rüberkommen?«

Alex konnte sich an keine einzige Gelegenheit erinnern, bei der er direkt mit der Säpo zusammengearbeitet hatte. Natürlich wusste er, dass in wichtigen Fällen – als beispielsweise die Außenministerin Anna Lindh im Kaufhaus NK niedergestochen worden war – eine Zusammenarbeit stattgefunden hatte, doch er selbst war nie daran beteiligt gewesen.

Alex sagte dennoch sofort zu.

»Gut. Ich komme runter und hole Sie am Durchgang ab.«

Der Durchgang war der lange Korridor, der all die hässlichen Gebäude, die zusammen das Hauptquartier Kronoberg bildeten, miteinander verband.

»Ich bin in fünf Minuten da.«

»Lieber in zehn. Ich bin selbst gerade auf dem Weg zurück aus Rosenbad.«

Es war verdammt noch mal einfach nicht in Ordnung, dass am Tag, bevor das Parlament sich zur lange angekündigten Migrationsdebatte versammelte, jemand eine Bombendrohung gegen Rosenbad aussprach – noch dazu, wenn es geschah, nachdem Eden Lundell persönlich gerade erst eine Stunde zuvor dem Justizminister versichert hatte, dass die Debatte keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen erforderte.

»Es muss ja nichts Ernstzunehmendes sein«, sagte Analysechef Sebastian, der Eden, die gerade hinunterfahren und Alex Recht abholen wollte, auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnete.

Nachdem sie von der Besprechung im Justizministerium zurückgekommen war, hatte sie nur mehr Zeit gehabt, ihre Handtasche in ihrem Büro abzuwerfen. Von einem Terrorverdächtigen zu vier potenziellen Bombenanschlägen. Für jemanden mit Edens Job war die Welt wirklich nicht besonders schön.

»Trauen wir es uns wirklich, das so zu sehen?«

Sebastian sah unglücklich aus. »Nein«, antwortete er schließlich. »Nein, natürlich nicht.«

Sie drückte ungeduldig auf den Fahrstuhlknopf. »Es wird einen Mordsaufstand geben, wenn wir sowohl den Hauptbahnhof als auch Rosenbad evakuieren.«

Der Analysechef nickte zustimmend. »Aber man wird es uns wahrscheinlich nicht danken, wenn wir auf die Evakuierung verzichten und stattdessen Menschenleben riskieren.«

Eden schnaubte. »Wie recht du hast.« Dann wurde sie wieder ernst. Als die Fahrstuhltüren aufglitten, drehte sie sich zu Sebastian um. »Warum überhaupt Rosenbad? Die Debatte wird doch im Parlament stattfinden – und erst morgen.«

»Weil das hier womöglich gar nichts mit der Debatte zu tun hat.«

»Sondern?«

»Keine Ahnung. Vielleicht ist es jemand, der sich langweilt. Vielleicht jemand, der uns auf den Prüfstand stellen will.«

Sie bestieg den Fahrstuhl und hielt noch einmal die Türen auf, die schon zugehen wollten. »Sag mal, dieser Alex Recht von drüben … Weißt du was über ihn?«

»Der ist wie du.«

»Eine Frau?«

»Sagenumwoben.«

Eden ließ die Fahrstuhltüren zugleiten.

Fredrika Bergman fiel die Aufgabe zu, die politischen Konsequenzen für eine Ausweisung von Zakaria Khelifi auszuloten. Im Klartext bedeutete das: Es durfte keinen zweiten Ägyptenfall geben wie damals, 2001, als Schweden in einer von der amerikanischen CIA geleiteten Aktion zwei angeblich terrorverdächtige Ägypter hatte ausweisen lassen, die dann in ihrem Heimatland prompt ins Gefängnis geworfen und gefoltert worden waren. Wie sie das hinkriegen sollte, konnte ihr niemand so recht sagen, aber wenn es ihr nicht gelänge, würden Köpfe rollen. Gleichzeitig wanderten ihre Gedanken ununterbrochen zu den Bombendrohungen, die Eden erwähnt hatte, ehe sie verschwand. Ob Alex an dem Fall mitarbeiten würde?

Egal. Alex und sie waren keine Kollegen mehr, sie musste sich jetzt um andere Aufgaben kümmern.

Den Kopf in die Hände gestützt saß sie da und las Zakaria Khelifis Akte, die sie in Kopie bekommen hatte.

Im Frühjahr 2006 hatte er nach eigenen Angaben seine große Liebe kennengelernt. Sie stammte zwar nicht aus der Familie, die für ihn vorgesehen gewesen war, doch der Vater entschied, gütig darüber hinwegzusehen. Zakaria zufolge hatte er ihnen seinen Segen gegeben und ihnen alles Glück der Erde gewünscht. So weit, so gut.

Zu Anfang hatten sogar die Eltern des Mädchens der jungen Liebe positiv gegenübergestanden. Zakaria stammte aus wohlgeordneten Familienverhältnissen, er hatte studiert, und man durfte wohl davon ausgehen, dass er eine passable Anstellung finden würde. Sogar das Mädchen hatte studiert. Sie beide wollten nach der Hochzeit weiterarbeiten. Das Mädchen hatte seine Mutter gefragt, ob die sich denn vorstellen könne, sich um die Enkel zu kümmern, sofern sie Kinder bekämen, und die Mutter hatte sich nur zu gern bereit erklärt.

Doch wie so oft nahm die Geschichte kein schönes Ende. Unvermittelt und überraschend für alle entschied der Vater des Mädchens, dass seine Tochter statt Zakaria den Sohn eines Geschäftspartners heiraten solle. Zumindest müsse sie die Beziehung zu Zakaria beenden und stattdessen dem anderen Mann eine ehrliche Chance geben. Das Mädchen weigerte sich, was zu einem gewaltigen Konflikt führte. Zakaria sagte aus, dass sie schließlich geflohen seien und sich in einem anderen Teil des Landes niedergelassen haben, wo es ihnen allerdings schwergefallen sei, Arbeit zu finden und sich über Wasser zu halten.

Dann hatten sie festgestellt, dass das Mädchen schwanger war. Zakaria Khelifi berichtete vor dem Migrationsausschuss, sie haben sich beide über das Kind gefreut, aber große Angst davor gehabt, es könnte ruchbar werden, dass sie noch vor der Heirat eine Familie gegründet hatten. Also wollten sie in aller Eile heiraten. Wie auch immer es geschehen war – den Eltern des Mädchens kam schließlich das Gerücht zu Ohren, dass die unverheiratete Tochter schwanger geworden sei, und dies war Beginn eines Albtraums, der damit endete, dass Zakaria Khelifis Braut nach der Hälfte der Schwangerschaft bei einem Autounfall ums Leben kam.

Zakaria Khelifi behauptete, ihr ältester Bruder habe ihn später angerufen und ihm erzählt, dass der Autounfall fingiert gewesen sei und dass sie auch ihn umbringen würden, sowie sich ihnen die Gelegenheit bot. Sogenannte Ehrenmorde geschahen überall auf der Welt – auch in Algerien. Eine Woche später hatte Zakaria das Land verlassen.

Jetzt, nur wenige Jahre später, war er mitten in eine Terrorermittlung der Säpo geraten und sollte deshalb ausgewiesen werden. Und das, obwohl er im Besitz eines vor Gericht erlangten unbefristeten Aufenthaltstitels war, eine feste Arbeitsstelle und eine neue Lebensgefährtin hatte. Doch der Staat besaß weitreichende Befugnisse, wenn es um die Bedrohung der inneren Sicherheit ging.

Fredrika versuchte, sich nicht allzu viele Gedanken zu machen. Jemanden auszuweisen, dem zuvor ein Schutzbedürfnis attestiert worden war, war ein schwerwiegender Eingriff mit radikalen Konsequenzen für das Leben des Betroffenen. Die Säpo würde diese Karte sicherlich nur mit größter Vorsicht ausspielen – das zeigte auch die Statistik. Fälle wie der von Zakaria Khelifi waren ausgesprochen selten.

Dennoch konnte sie den Kontext nicht ignorieren, aus dem der Fall erwachsen war.

Die Angst vor dem internationalen Terrorismus hatte im Laufe des letzten Jahrzehnts überhandgenommen. Der Angst war eine Legitimierung von Gegenmaßnahmen gefolgt, die zuvor keineswegs selbstverständlich gewesen waren. Wie konnte man da sicherstellen, dass keine Unschuldigen in die Mühlen der Sicherheitsbehörden gerieten? Man musste es wagen, solche Fragen zu stellen, auch wenn sie wirklich nicht neu waren.

Die Staatsmacht stand immer vor dem Dilemma, dass sie Gefahr lief, unschuldige Personen zu bestrafen, ganz gleich, um welche Form des Verbrechens es ging. Doch wenn es um Terrorismus ging, war es immens wichtig, über diese Frage nachzudenken. Die Konsequenzen einer Fehlentscheidung konnten fatal sein.

Der Vortrag der Säpo hatte sie fasziniert, auch wenn der Inhalt sie wenig überrascht hatte. Seit sie selbst angefangen hatte, für die Polizei zu arbeiten, hatte sie oft darüber nachgedacht, dass die Säpo einen unbegründet schlechten Ruf hatte. Vielleicht lag die Schuld daran bei der Behörde selbst. Obwohl viele Jahre lang eine dezidierte Politik der Offenheit gepflegt worden war, kam Fredrika oft nicht umhin, sich zu wundern, dass sie nicht mehr taten, um der Bevölkerung gegenüber ihre Arbeit darzulegen.

Es klopfte an Fredrikas Tür.

»Die Telefone hören nicht auf zu klingeln.«

»Wegen der Bombendrohung?«

»Ja. Die Leute wollen wissen, ob die Regierung die Drohung ernst nimmt und ob sie mit dem Terrorurteil vom Oberlandesgericht in Verbindung steht. Oder mit der Reichstagsdebatte morgen.«

Fredrika hoffte zutiefst, dass dies nicht der Fall war. Dennoch sah sie deutlich vor sich, wie ein Problem ein anderes nach sich zog. Wie Ringe auf dem Wasser. Immer mehr und mehr davon.

Wenn dies der Anfang einer neuen Welle von Gewalt war, musste man sich wirklich fragen, wie es enden würde.

6

14.01 Uhr

Sie versammelten sich in einem der Besprechungsräume der Säpo. Eden Lundell leitete das Treffen, an der Ermittler, Analytiker und Alex Recht vonseiten der Polizei teilnahmen. Alex legte in wenigen Worten dar, was seine eigene kurze Recherche ergeben hatte: vier nicht registrierte Prepaid-Telefone. Wahrscheinlich derselbe Anrufer bei allen vier Bombendrohungen. Mehr wussten sie immer noch nicht.

»Wann bekommen Sie die Analyse, von wo aus die Anrufe getätigt wurden?«, fragte Eden.

Der Fall Zakaria Khelifi war angesichts der neuen Bedrohung in den Hintergrund gerückt. Es kam nur mehr auf das Hier und Jetzt an. Vier Bombendrohungen, vier mögliche Anschlagsziele.

»Innerhalb der nächsten Stunden«, antwortete Alex.

Es war Eile geboten. Beschlüsse mussten gefasst werden. Wenn sie die Drohungen ernst nahmen, hatten sie nur wenig Zeit zu reagieren.

Eden empfand spontan Sympathie für Alex. Das geschah selten bis nie. Für gewöhnlich war Eden überaus vorsichtig damit, sich Menschen gegenüber zu öffnen, die sie nicht kannte, doch mit Alex Recht war es anders. Sebastian hatte behauptet, er sei wie sie. Vielleicht war das nicht ganz abwegig.

»Welche Maßnahmen werden Sie ergreifen?«, fragte sie ihn. »Wenn Sie mal die Bombendrohung gegen Rosenbad außer Acht ließen – wie würden Sie mit alldem umgehen?«

Alex legte die Stirn in tiefe Falten. Noch eine Sache, die Eden gefiel. Er dachte nach, ehe er den Mund aufmachte, und das, obwohl sie es so entsetzlich eilig hatten. Doch Panik half bekanntlich selten weiter, und es ärgerte Eden, dass nur so wenige Menschen, denen sie bislang in ihrer Laufbahn begegnet war, diese einfache Lektion verinnerlicht hatten.

»Es gefällt mir ganz und gar nicht, dass die Drohungen konkrete Uhrzeiten enthalten, zu denen die Bomben gezündet werden sollen. Und es gefällt mir auch nicht, dass die Drohungen bei vier Anrufen ausgesprochen wurden und dass dabei obendrein ein Stimmenverzerrer benutzt wurde. Und ich begreife nicht, warum jemand so grundverschiedene Orte wie das Kaufhaus Åhléns und die Königliche Bibliothek in die Luft sprengen will.«

»Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?«, fragte Sebastian.

Alex sah ihm direkt in die Augen. »Dass wir all diese Orte augenblicklich evakuieren müssen. Wenn nichts passiert, müssen wir schlimmstenfalls die Absperrungen wieder abbauen.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung«, sagte Eden. Sie deutete auf einen ihrer Mitarbeiter. »Kümmere du dich darum, lass die Orte evakuieren und versuche, das Ganze so diskret wie möglich über die Bühne zu bringen.«

Alex konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Ich fürchte, von Diskretion kann hier keine Rede sein. Es wird einen Riesenaufruhr geben.«

»Das ist eben nicht zu ändern.«

Sebastian hob die Hand.

»Ja?«, fragte Eden.

»Besteht die Gefahr, dass es sich hierbei um ein Ablenkungsmanöver handeln könnte?«

»Wie meinst du das?«

»Morgen ab halb zehn wird im Parlament eine höchst kontroverse Debatte stattfinden, und wir haben soeben beschlossen, sämtliche Ressourcen darauf zu verwenden, um uns um nicht weniger als vier Bombendrohungen an völlig unterschiedlichen Orten zu kümmern.«

Der Regen trommelte gegen das Fenster in Edens Rücken, doch sie hörte es kaum. Wie hatte sie etwas derart Offenkundiges übersehen können?

»Das Parlament«, warf Alex ein. »Mir steht da kein Urteil zu – aber sollte man diese Debatte vielleicht doch absagen? Oder zumindest verschieben? Bis wir wissen, woran wir sind?«

Sebastian legte eine Hand auf Edens Arm. »Der Meinung bin ich auch. Vor einer Stunde noch haben wir im Ministerium gesessen und waren uns einig, dass für die Debatte keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen vonnöten sein werden. Inzwischen müssen wir die Lage anders bewerten. Die Debatte muss verschoben oder abgesagt werden.«

Eden zog ihren Arm weg. »Diese Entscheidung muss der GD treffen. Wir können nur eine Empfehlung aussprechen.«

Der GD hatte in der Organisation keinen anderen Namen. Alle wussten, dass er Buster hieß, und doch wurde von ihm immer nur als der GD gesprochen.

»Natürlich.«

Eden sah wieder auf die Uhr. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Sie wünschte sich, sie könnte den Finger auf die Zeiger legen und sie daran hindern, sich weiterzubewegen.

Nur eine Viertelstunde später wurde vom höchsten Einsatzleiter der Stockholmer Polizei zusammen mit dem Generaldirektor der Säpo der Beschluss gefasst, die vier Ziele der Bombendrohungen zu evakuieren. Die Polizei sollte sich um die praktische Durchführung kümmern und dafür sorgen, dass sämtliche Besucher die Gebäude verließen. Alex spürte, wie sein Puls stieg, als er durch den unterirdischen Korridor zurück zu seinem Büro lief.

Dieses Tempo wäre ganz nach Peder Rydhs Geschmack, dachte er, und Fredrika wäre diejenige gewesen, die uns zur Besonnenheit gemahnt hätte.

Die vier Bombendrohungen verdrängten sämtliche anderen Nachrichten aus den Medien. Die Journalisten hatten Hunderte Fragen, doch die Polizei konnte keine Antworten geben. Im Schatten des ganzen Tumults, der auf die Räumung der vier Orte folgte, entstand ein kleines Zeitfenster, das die Polizei nutzte, um auch das Personal des Parlamentssitzes zu evakuieren und das Gebäude mit Bombenspürhunden zu durchsuchen. Doch kurz nach vier Uhr waren ihnen die Journalisten erneut auf den Fersen und der Parlamentssitz von der Presse belagert.

Immer noch stand die Frage im Raum, ob man die Empfehlung aussprechen sollte, die Debatte aufzuschieben. Eden Lundell hatte recht – es oblag nicht ihnen, diese Entscheidung zu treffen. Das mussten andere Teile der Säpo vorbereiten, und außerdem nahm Alex an, dass der Säpo-Chef persönlich die Sache in die Hand nehmen würde. Aber was wusste er selbst schon – er, der einmal eine Karriere bei der geheimdienstlichen Behörde ausgeschlagen hatte. Sie hatten nicht den geringsten Hinweis darauf erhalten, dass die Bedrohung sich in Wahrheit gegen den Reichstag richtete, selbst wenn die Vermutung nicht gänzlich aus der Luft gegriffen schien.

Alex’ Gedanken wanderten zurück zu Eden Lundell. Natürlich hatte er ihren Namen schon früher einmal gehört, doch sie waren einander nie zuvor persönlich begegnet. Wie war das möglich? Wie hatte sie mehrere Jahre lang bei der Landeskripo arbeiten können, ohne dass sie auch nur ein einziges Mal miteinander zu tun gehabt hatten?

Eden war keine Polizistin, doch sie hatte das Ausbildungsprogramm für Führungskräfte durchlaufen, und sie besaß Meriten wie kaum ein anderer. Man sah ihr an, dass es ihr nichts ausmachte, sich die Finger schmutzig zu machen. Sie war keine klassische Führungskraft, die sich vor harter Arbeit drückte und sich lieber in der Administration verschanzte. Eden Lundell besaß eine starke Präsenz. Alex gestand sich ein, dass er gern mit ihr zusammenarbeiten würde.

Er steuerte sein Büro an, nahm seine Jacke und ging sofort wieder hinaus. Er wollte nicht in seinem Zimmer sitzen und grübeln, er wollte raus, vor Ort sein. Sein Chef sah ihn fragend an, als Alex bei ihm vorbeieilte und ihm en passant mitteilte, dass er auf dem Weg zum Parlament sei. Er wollte die Vorgänge dort nicht überwachen, er hatte einfach Lust darauf, dort zu sein, wo etwas passierte. Und er wollte begreifen, was da überhaupt vorging.

Einer der Dienstwagen parkte draußen an der Polhemsgatan. Es regnete, und obwohl er über den Vorplatz eilte, war er im Handumdrehen pitschnass. Alex schloss die Wagentür auf und sprang hinters Steuer.

Im Rückspiegel sah er, wie Eden vorbeilief. Sie rannte fast aus dem Polizeigebäude, über die Polhemsgatan und zu einem Auto, das ein Stückchen weiter entfernt geparkt war. Ob sie auch zum Parlament fahren wollte? Da konnte sie genauso gut mit Alex fahren. Doch Eden war zu schnell, im Nu saß sie in ihrem Auto und hatte den Motor angelassen. Alex hielt inne. Vielleicht wollte sie ja gar nicht zum Parlament, sondern zu einer anderen Besprechung.

Als Eden anfuhr, blieb Alex einen Moment lang reglos hinter dem Steuer sitzen. Sie selbst waren es, die angenommen hatten, dass der Parlamentssitz für den Urheber der Bombendrohung das eigentliche Ziel darstellen könnte. Sie selbst hatten das Gefühl der Verwirrung erzeugt, das jetzt vorherrschte. Während er den Zündschlüssel drehte, konnte er nicht umhin, darüber nachzudenken, ob dies vielleicht genau der Sinn der Sache gewesen war: Chaos zu verursachen.

7

16.03 Uhr

Es war offensichtlich, dass die Bedrohung die Menschen ängstigte. Fredrika Bergman und ihre Kollegen im Justizministerium, deren Büros in Richtung Rosenbad lagen, wurden zusammen mit allen anderen evakuiert. Fredrika packte ihre Unterlagen in eine Tasche und bekam einen provisorischen Arbeitsplatz in den Räumen des Außenministeriums an der Fredsgatan zugeteilt, wo sie weiter am Fall Zakaria Khelifi arbeiten konnte. Kaum dort angekommen, telefonierte sie mit mehreren ihrer Kollegen. Niemand hatte etwas Neues gehört, niemand wusste, was genau los war.

Ruhelos ging sie weiter ihrer Arbeit nach. Sie führte ein Telefongespräch nach dem anderen und nahm die erforderlichen Kontakte zur Einwanderungsbehörde, zum Verwaltungsgericht und zur Polizei auf. Anscheinend hatte niemand etwas zu Khelifis Vorteil hinzuzufügen. Er würde das Land verlassen müssen. Zakaria Khelifi würde ein Beispiel dafür werden, was geschah, wenn man die Demokratie und die offene Gesellschaft herausforderte. Genau wie es dieser Idiot mit seinen vier Bombendrohungen soeben getan hatte.

Fredrika merkte, wie ihre Ruhelosigkeit immer unerträglicher wurde. Woran lag es nur, dass sie niemals mit ihrer Aufgabenstellung zufrieden war? Ständig wünschte sie sich, woanders zu sitzen und etwas anderes tun zu dürfen. Es hatte schon Momente gegeben, da sie nicht mehr glauben konnte, je ihren Platz im Leben zu finden oder eine Arbeit, die ihr Befriedigung schenkte. Die Jagd nach dem Glück war zwar weniger frenetisch geworden, seit sie Kinder hatte. Sie dämpften ihren Hunger auf eine Weise, die sich gut anfühlte und bewirkte, dass sie als menschliches Wesen wuchs.

Fredrika strich mit dem Finger über eine Fotografie ihres Sohnes. Er war seinem Vater so ähnlich. Möge Spencer noch viele Jahre leben, damit sein Sohn ihn nicht zu früh verlor.

Der Gedanke an Spencers hohes Alter bereitete ihr nicht selten Magenschmerzen.

Sie riss sich zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Monitor, las ein paar Artikel über die Bombendrohungen, die innerhalb von nur einer Stunde die gesamte Innenstadt Stockholms lahmgelegt hatten. Auch sein Name tauchte in einem der Texte auf. Alex Recht.

»Kriminalkommissar Alex Recht wollte sich nicht dazu äußern, wie die Landeskriminalpolizei die Bombendrohungen bewertet, ließ aber durchblicken, dass alle Maßnahmen in enger Zusammenarbeit mit der Stockholmer Polizei und dem Sicherheitsdienst erfolgen.«

Eine Sehnsucht, von der Fredrika nicht geglaubt hatte, dass sie sie je wieder empfinden könnte, flammte in ihr auf. Alex Recht war einer des besten Chefs, die sie in ihrem ganzen Leben gehabt hatte. Anderen Führungskräften so unglaublich überlegen.

Ohne darüber nachzudenken, streckte sie die Hand nach ihrem Handy aus. Alex ging beim dritten Klingeln ran.

»Ich hab es gerade ein bisschen eilig, Fredrika …«

»Das denke ich mir. Ich wollte nur …«

Was wollte sie eigentlich? Was hatte sie sich gedacht, als sie seine Nummer gewählt hatte? Gar nichts.

»Du wolltest mehr über die Bombendrohungen erfahren?«

»Ja.«

Ihre Stimme so dünn, seine so entschlossen.

»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Hier herrscht Chaos. Verdammt, in der ganzen Stadt Bomben …«

Es rauschte im Telefon, es klang, als würde er draußen im Wind stehen. Sie sah aus dem Fenster. So war es eben um diese Jahreszeit: Regen. Trotzdem war es schön, seine Stimme zu hören. Wenn Alex derjenige war, der sich um die Bombendrohungen kümmerte, dann konnte es nur gut ausgehen.

»Und das Parlament?«

»Wir wissen es noch nicht genau, aber es könnte sein, dass jemand die Bombendrohungen nur ausgesprochen hat, um uns an anderer Stelle beschäftigt zu halten, während in Wirklichkeit der Reichstag das Ziel ist.«

»Mein Gott …«