Verlag: Limes Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Aschenputtel E-Book

Kristina Ohlsson

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E-Book-Beschreibung Aschenputtel - Kristina Ohlsson

Das Grauen beginnt, als eine Fahrt zu Ende geht …Hochsommer in Schweden. Es regnet Bindfäden. Der voll besetzte Schnellzug nach Stockholm muss außerplanmäßig halten. Eine junge Frau tritt hinaus aufs Bahngleis, um ungestört zu telefonieren – und wird von ihrer Tochter getrennt, als der Zug ohne Vorwarnung weiterfährt. Der Schaffner wird alarmiert, doch als er das kleine Mädchen abholen will, ist es spurlos verschwunden. Das Ermittlerteam um Kommissar Alex Recht und Fahndungsspezialistin Fredrika Bergman wird auf den Fall angesetzt. Als wenig später ein zweites Kind verschleppt wird, wird der Fall zu einem Albtraum …

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E-Book-Leseprobe Aschenputtel - Kristina Ohlsson

Kristina Ohlsson

ASCHENPUTTEL

Roman

Deutsch von Susanne Dahmann

Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel

»Askungar« bei Piratförlaget, Stockholm.

1. Auflage

Copyright © 2009 der Originalausgabe by Kristina Ohlsson

Published by agreement with Salomonsson Agency

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011

by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: Getty Images/Stanislav Pobytov

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-06408-2

www.limes-verlag.de

Für Thelma

Teil I

Falsche Fährte

Montag

Aus irgendeinem Grund musste er, wenn er seinen Gedanken freien Lauf ließ, früher oder später immer wieder an die Krankenakte denken. Meist geschah dies nachts.

Er lag ganz still in seinem Bett und sah zur Decke hinauf, wo eine Fliege saß. Dunkelheit und Ruhe waren nie sein Ding gewesen. Es war, als würde er wehrlos, sobald die Sonne verschwand und Müdigkeit und Dunkelheit herankrochen, ihn zu umfangen. Und Wehrlosigkeit war etwas, das ihm zutiefst widerstrebte. Die meiste Zeit seines Lebens hatte er daran gearbeitet, auf der Hut zu sein, vorbereitet. Aber selbst nach Jahren der Übung empfand er es als ungeheuer schwierig, aus der Ruhe heraus bereit zu sein. Bereitschaft erforderte einen wachen Geist. Er war es gewohnt, wach zu sein. Und er war daran gewöhnt, der Müdigkeit, die in seinem Körper steckte, wenn er sich den Schlaf verweigerte, nicht nachzugeben.

Es war inzwischen lange her, dass er nachts weinend aufgewacht war. Es war lange her, dass die Erinnerungen wehgetan und ihn schwach gemacht hatten. In dieser Hinsicht war er in seinem Kampf um Frieden schon beachtlich weit gekommen.

Aber dennoch…

Wenn er die Augen ganz fest schloss und wenn es um ihn herum ganz, ganz still war, dann sah er sie wieder vor sich. Ihre große Gestalt löste sich aus den dunklen Schatten, und er sah sie auf sich zuschwanken. Langsam, ganz langsam, so wie sie sich immer bewegte.

Bei der Erinnerung an ihren Geruch musste er immer noch würgen. Dunkel, süß und staubig. Unmöglich, diesen Geruch einzuatmen. Wie der Geruch der Bücher in ihrer Bibliothek.

Und er konnte ihre Stimme hören.

»Du Nichtsnutz«, zischte sie. »Du wertlose Missgeburt.«

Und dann packte sie ihn und hielt ihn fest.

Den Worten folgten stets Schmerz und Bestrafung. Feuer. Die Erinnerung an das Feuer lebte noch immer in Teilen seines Körpers. Aber wenn er mit dem Finger über die Narben strich, wusste er, dass er überlebt hatte.

Als er noch ganz klein gewesen war, hatte er angenommen, die Bestrafung wäre die Folge davon, dass er immer alles falsch machte. Dabei hatte er immerzu versucht, alles richtig zu machen. Verzweifelt und hartnäckig. Und doch: Es wurde nur Falsches daraus.

Als er älter wurde, begann er zu begreifen, dass es einfach nichts gab, was richtig war. Nicht nur seine Handlungen waren falsch und wurden bestraft. Sein ganzes Wesen und seine Existenz waren falsch. Er wurde dafür bestraft, dass es ihn gab. Hätte es ihn nicht gegeben, wäre sie nicht gestorben.

»Dich hätte es nie geben dürfen!«, brüllte sie ihm ins Gesicht. »Du bist böse, böse, böse!«

Das Weinen, das danach kam, nach dem Feuer, musste immer lautlos sein. Still, still, damit sie nichts hörte. Denn dann kam sie wieder zurück. Wieder und wieder.

Er erinnerte sich daran, dass die Beschuldigungen lange Zeit eine große Angst in ihm hervorgerufen hatten. Angst davor, dass er sich niemals damit abfinden könnte, getan zu haben, was sie ihm vorwarf. Dass er sich nie rechtfertigen und seine Sünden würde büßen können.

Die Krankenakte.

Irgendwann suchte er das Krankenhaus auf, in dem sie gepflegt wurde, und las ihre Akte. Hauptsächlich, um eine Ahnung vom Ausmaß seines Verbrechens zu bekommen. Da war er bereits mündig. Mündig, aber auf ewig für seine Untaten in Schuld verstrickt. Doch der Inhalt der Krankenakte verwandelte ihn auf ganz unerwartete Weise von schuldig in frei. Mit der Befreiung kamen Kraft und Erholung. Er erhielt ein neues Leben und neue wichtige Fragen, zu denen er Stellung beziehen musste. Die Frage war nun nicht mehr, wie er für jemand anderen büßen sollte. Die Frage war, wie für ihn gebüßt werden konnte.

Er lag im Dunkeln, lächelte und betrachtete die neue Puppe, die er sich ausgesucht hatte. Er konnte sich natürlich nicht sicher sein, aber er glaubte, dass sie ihm länger erhalten bleiben würde als die früheren. Sie musste nur noch lernen, mit ihrer Vergangenheit umzugehen, so wie er es selbst auch gelernt hatte. Alles, was sie brauchte, war eine ruhige Hand, seine ruhige Hand.

Und Liebe. Sehr viel Liebe. Seine ganz besondere und wegweisende Liebe.

Vorsichtig strich er ihr über den Rücken. Aus Versehen– oder vielleicht weil er die Verletzungen, die er ihr zugefügt hatte, wirklich nicht sah– strich er über einen der ganz frischen Blutergüsse. Wie ein dunkler, kleiner See lag er auf ihrem Schulterblatt. Sie wachte mit einem Ruck auf und drehte sich zu ihm um. Ihre Augen glänzten vor Angst. Sie wusste nie, was sie erwartete, wenn die Dunkelheit kam.

»Es ist so weit, Püppchen. Wir können loslegen.«

Die Anspannung in ihrem Gesicht ging in ein schönes, hellwaches Lächeln über.

»Morgen geht es los«, flüsterte er.

Dann drehte er sich wieder auf den Rücken und fixierte die Fliege an der Decke. Wach und in Bereitschaft. Ohne auszuruhen.

Dienstag

Es war mitten im Sommer, und es wollte überhaupt nicht mehr aufhören zu regnen, als das erste Kind verschwand. An einem Dienstag fing es an– an einem seltsamen Tag, der ein Tag wie jeder andere hätte werden können, am Ende dann aber das Leben einer ganzen Reihe von Menschen von Grund auf veränderte.

Henry Lindgren war einer von ihnen.

Es war der dritte Dienstag im Juli, und Henry fuhr eine Extraschicht im X2000 von Göteborg nach Stockholm. Er arbeitete schon seit mehr Jahren, als er sich eingestehen wollte, bei der Schwedischen Eisenbahn, und er hatte keine Ahnung, was aus ihm werden sollte, wenn sie ihn eines Tages in Rente schickten. Was würde er dann mit seiner Zeit anfangen, wo er doch nun allein war?

Vielleicht war es Henry Lindgrens Auge für Details, das ihm im Nachhinein half, sich so gut an die junge Frau zu erinnern, die während der Reise ihr Kind verlieren sollte– die junge, rotblonde Frau mit der grünen Leinenbluse und den offenen Sandalen, aus denen blau lackierte Zehnägel herausschauten. Wenn Henry und seine Frau eine Tochter gehabt hätten, dann hätte sie wahrscheinlich ganz ähnlich ausgesehen. Die Haare seiner Frau waren auch rot gewesen.

Als er ihre Fahrkarten abstempelte, kurz nachdem sie den Bahnhof von Göteborg verlassen hatten, stellte er fest, dass das kleine Mädchen seiner rothaarigen Mutter überhaupt nicht ähnlich sah. Die Haare des Kindes waren von dunklem Kastanienbraun und fielen ihm in derart sanften Wellen über den Kopf, dass sie fast künstlich wirkten. Sie endeten leicht auf seinen Schultern und krabbelten dann nach vorn, wie um das kleine Gesicht einzurahmen. Die Haut war dunkler als die der Mutter. Die Augen waren groß und blau. Auf dem Nasenrücken saßen winzig kleine Grüppchen von Sommersprossen, was das Gesicht nicht ganz so puppenhaft aussehen ließ.

Als Henry weiterging, lächelte er dem Kind zu. Es lächelte scheu zurück. Henry fand, dass das Mädchen müde aussah. Die Kleine wandte den Blick ab und sah aus dem Fenster, den Kopf an die Rückbank gelehnt.

»Lilian, zieh deine Schuhe aus, wenn du mit den Füßen auf den Sitz willst«, hörte er die Frau zu dem Kind sagen, als er sich umdrehte, um die Fahrkarte des nächsten Reisenden abzustempeln. Als er ihnen danach noch einen Blick zuwarf, hatte das Kind die kleinen Sandalen bereits abgeschüttelt und die Beine unter sich gezogen. Die Sandalen würden dort noch liegen, als das Mädchen schon verschwunden war.

Es sollte eine unruhige Zugreise werden. Am Vorabend hatte ein Weltstar im Göteborger Ullevi-Stadion ein Konzert gegeben, und jede Menge Fans fuhren nun mit dem Vormittagszug, in dem Henry Schaffner war, zurück nach Stockholm. Das erste Problem stellte sich ihm in Wagen fünf, wo zwei junge Männer die Sitze vollgekotzt hatten, offenbar Nachwehen der zurückliegenden Ereignisse im Ullevi. Henry musste Putzmittel holen und nasse Lappen.

Ungefähr gleichzeitig fingen zwei jüngere Mädchen in Wagen drei an, sich zu prügeln. Eine Blonde beschuldigte eine Brünette, sie hätte versucht, ihr den Freund auszuspannen. Henry versuchte vergeblich, zwischen den beiden zu vermitteln, doch Ruhe und Ordnung stellten sich im Zug erst ein, als sie an Skövde vorbei waren. Da waren die Störenfriede endlich eingenickt, und Henry konnte mit Nellie aus dem Speisewagen einen Kaffee trinken. Auf dem Rückweg sah Henry aus dem Augenwinkel, dass auch die rothaarige Frau und ihre Tochter Lilian schliefen.

Danach verlief die Reise ruhig, bis man sich Stockholm näherte. Erst als der Zug wenige Kilometer vor der Hauptstadt den Bahnhof Flemingsberg erreichte, rief der zweite Zugchef Arvid Melin etwas über die Lautsprecher aus. Der Lokführer hatte die Nachricht erhalten, dass man wegen einer Signalstörung den Stockholmer Hauptbahnhof erst fünf bis zehn Minuten später anfahren könne.

Der Zug hielt in Flemingsberg, und Henry sah, wie die rothaarige Frau auf den Bahnsteig hinaustrat. Verstohlen beobachtete er sie durch das Fenster des kleinen Abteils in Wagen sechs, das für das Zugpersonal reserviert war. Er sah sie einige Schritte über den Bahnsteig gehen, auf die andere Seite hinüber, wo weniger Leute standen. Sie holte etwas aus ihrer Handtasche. Vielleicht ein Handy? Wahrscheinlich saß das Kind immer noch im Zug und schlief. Das hatte es zumindest getan, als der Zug an Katrineholm vorbeigerauscht war. Henry seufzte. Was um Himmels willen tat er nur, spionierte er schönen Frauen nach?

Er wandte den Blick ab und widmete sich einem Kreuzworträtsel in der neusten Ausgabe von Året Runt. Er würde sich noch oft fragen, was wohl gewesen wäre, wenn er die Frau auf dem Bahnsteig nicht aus den Augen gelassen hätte, ganz gleich wie viele Leute später versuchten, ihn davon zu überzeugen, dass er das alles niemals habe ahnen können und sich keine Vorwürfe zu machen brauche. Henry war und blieb fest davon überzeugt, dass sein Eifer, ein Kreuzworträtsel in einer Zeitschrift zu lösen, das Leben einer jungen Mutter zerstört hatte. Und es gab absolut nichts, womit er dies ungeschehen machen konnte.

Henry saß immer noch über dem Kreuzworträtsel, als er Arvids Stimme aus dem Lautsprecher hörte. Der Zug sei nun bereit, die Fahrt nach Stockholm fortzusetzen.

Hinterher konnte sich niemand mehr daran erinnern, eine Frau gesehen zu haben, die dem Zug nachlief. Aber so musste es gewesen sein, denn nur wenige Minuten später erhielt Henry im Personalabteil einen dringenden Anruf. Die junge Frau, die auf Platz sechs in Wagen zwei neben ihrer Tochter gesessen hatte, sei auf dem Bahnsteig in Flemingsberg zurückgeblieben, als der Zug wieder losgefahren war, und sitze jetzt in einem Taxi auf dem Weg in die Stockholmer Innenstadt. Demnach befand sich ihre kleine Tochter allein im Zug.

»Verdammt«, fluchte Henry und legte auf. Dass immer er sich um alles kümmern musste! Dass er niemals seine Ruhe hatte!

Da man dem Ziel der Reise schon so nahe war, wurde gar nicht erst erwogen, den Zug an einem früheren Bahnhof anhalten zu lassen. Henry eilte in Wagen zwei. Ja, es musste die rothaarige Frau auf dem Bahnsteig gewesen sein, die den Zug verpasst hatte. Ihre Tochter saß tatsächlich allein auf ihrem Platz.

Er berichtete über Handy an die Kommunikationszentrale zurück, dass das Mädchen immer noch schlafe und es unnötig sei, es vor der Ankunft in Stockholm zu wecken und ihm mit der Information über die Abwesenheit der Mutter womöglich Angst zu machen. Am anderen Ende der Leitung war man der gleichen Ansicht, und Henry versprach, sich persönlich um das Mädchen zu kümmern, sobald der Zug im Bahnhof einfuhr. Persönlich. Ein Wort, das noch lange in Henrys Kopf nachklingen sollte.

Als der Zug den Südbahnhof passierte, fingen die Mädchen in Wagen drei wieder an zu streiten. Die Türen glitten auf, und Henry hörte, wie dort Glas zersplitterte. Er rief über Funk nach seinem Kollegen. »Arvid, sofort in Wagen drei!«

Doch von Arvid kam keine Reaktion. Also machte er sich selbst auf den Weg.

Noch ehe Henry die beiden Mädchen voneinander trennen konnte, hatten sie den Stockholmer Hauptbahnhof erreicht, und mit seinem charakteristischen Schnaufen, das wie das schwere, angestrengte Ausatmen eines alten Menschen klang, blieb der Zug stehen.

»Hure!«, brüllte die Blonde.

»Fotze!«, konterte ihre Freundin.

»Also, wie ihr euch benehmt«, sagte eine ältere Dame, die gerade aufgestanden war, um ihre Reisetasche aus der Gepäckablage zu angeln.

Henry drückte sich an den Fahrgästen vorbei, die sich bereits im Gang aufgereiht hatten, um auszusteigen, und rief noch über die Schulter zurück: »Ihr Mädchen macht jetzt, was ich sage, und verlasst sofort den Zug!« Dann eilte er zurück zu Wagen zwei. Wenn das Kind nur noch nicht aufgewacht war. Aber er war ja gleich da.

Auf seiner kurzen Wanderung rempelte Henry versehentlich einige Leute an, und hinterher sollte er schwören, dass er keine drei Minuten weg gewesen war.

Doch das änderte gar nichts.

Als er Wagen zwei erreichte, war das Mädchen verschwunden. Auf dem Boden lagen noch die kleinen Sandalen. Und die Menschen, die unter Henry Lindgrens Geleit von Göteborg nach Stockholm gereist waren, strömten aus dem Zug auf den Bahnsteig hinaus.

Alex Recht arbeitete seit mehr als einem Vierteljahrhundert bei der Polizei, und er war der Ansicht, mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen zu dürfen, eine mehr als achtbare Erfahrung zu besitzen und sich im Lauf der Jahre ein gewaltiges Maß an Fachkompetenz und eine hervorragende Intuition erworben zu haben. Man sagte ihm nach, er habe ein gutes Bauchgefühl.

Für einen Polizisten gab es kaum etwas Wichtigeres als ein gutes Bauchgefühl. Das war es, was den guten Polizisten auszeichnete– das ultimative Kriterium, das die Spreu vom Weizen trennte. Das Bauchgefühl konnte zwar niemals die Fakten ersetzen, aber es vervollständigte sie. Wenn alle Fakten auf dem Tisch lagen, wenn alle Puzzlestückchen identifiziert waren, dann galt es zu verstehen, was man sah, und die Fragmente des Wissens, die man vor sich hatte, zu einem Ganzen zusammenzufügen.

»Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt«, hatte Alex’ Vater gesagt, als er zum Dienstantritt seines Sohnes eine Rede gehalten hatte.

Eigentlich hatte der Vater sich gewünscht, dass sein Sohn– wie die anderen Erstgeborenen in der Familie auch– Pfarrer würde. Es war ihm schwergefallen, sich damit abzufinden, dass der Sohn lieber Polizist werden wollte.

»Die Polizeiarbeit erfordert in der Tat auch eine gewisse Berufung«, hatte Alex gesagt, um ihn versöhnlich zu stimmen.

Der Vater hatte einige Monate lang darüber nachgedacht und ihm schließlich mitteilen lassen, dass er vorhabe, die Berufswahl seines Sohnes zu akzeptieren und zu respektieren. Vielleicht wurde das Ganze auch dadurch vereinfacht, dass irgendwann Alex’ Bruder beschloss, Pfarrer zu werden. Ob dies nun miteinander zu tun hatte oder nicht– Alex war seinem Bruder jedenfalls auf ewig dankbar.

Alex arbeitete gern mit Menschen zusammen, die sich genau wie er selbst zu ihrer Arbeit berufen fühlten. Er arbeitete gern mit Menschen, die eine gute Intuition besaßen und ein Gefühl dafür hatten, was eine Tatsache war und was Unsinn.

Vielleicht, so dachte er bei sich, als er im Auto zum Stockholmer Hauptbahnhof saß, vielleicht fiel es ihm deshalb so schwer, sich an seine neue Kollegin zu gewöhnen. Fredrika Bergman schien sich weder berufen zu fühlen, noch wirkte sie besonders begabt für die Aufgabe. Allerdings glaubte er auch nicht, dass sie sonderlich lange bei der Polizei bleiben würde.

Alex schielte zu ihr hinüber. Sie hatte einen so unglaublich geraden Rücken. Eine Zeit lang hatte er überlegt, ob sie vom Militär kam. Er hatte sogar ein wenig gehofft, dass es so sein möge. Aber so gründlich er ihre Unterlagen auch durchgesehen hatte, gab es doch keine einzige Zeile, die darauf hinwies, dass sie auch nur eine Stunde bei der Armee verbracht hatte. Alex seufzte. Vermutlich war sie ganz einfach Sportlerin. So einen verflucht geraden Rücken hatte keine Frau, die nichts Spannenderes mit ihrem Leben anzufangen gewusst hatte, als an der Universität zu studieren.

Alex räusperte sich leise und überlegte, ob er vielleicht etwas zu dem Fall sagen sollte, ehe sie am Bahnhof ankamen. Fredrika hatte so etwas immerhin noch nie zuvor bearbeitet. Ihre Blicke begegneten sich kurz, und dann konzentrierte sich Alex wieder auf die Straße.

»Ganz schön viel Verkehr heute«, murmelte er.

Als gäbe es Tage, an denen die Stockholmer Innenstadt frei von Autos wäre.

Alex hatte während seiner vielen Jahre bei der Polizei mit einer relativ großen Zahl verschwundener Kinder zu tun gehabt. Er war längst zu der Überzeugung gelangt: Kinder verschwanden nicht einfach von selbst, sondern sie wurden verloren. Es war fast immer so– fast immer–, dass hinter einem verlorenen Kind auch ein verlorener Elternteil stand, eine schwache Person, die sich nach Alex’ Meinung gar nicht erst Kinder hätte anschaffen dürfen. Dabei musste diese Person nicht einmal in schwierigen Verhältnissen leben oder ein Alkoholproblem haben. Es konnte genauso gut jemand sein, der viel zu viel arbeitete, der sich zu oft und zu spät noch mit Freunden traf, oder jemand, der sich einfach nicht genug um sein Kind kümmerte. Wenn Kinder im Leben der Erwachsenen nur den verdienten Platz einnahmen, dann verschwanden sie auch nicht so leicht. Zumindest war Alex davon überzeugt.

Die Wolken hingen schwer und dunkel am Himmel, und ein leises Grollen kündete bereits von einem aufkommenden Gewitter, als sie aus dem Wagen stiegen. Die Luft war unbeschreiblich feucht und schwer; es war einer dieser Tage, an denen man sich nichts mehr wünschte als Regen, damit die Luft wieder leichter zu atmen war. Irgendwo hinter der Altstadt zeichnete sich schwach ein Blitz vor den Wolken ab. Das Unwetter war auf dem Weg.

Alex und Fredrika eilten durch den Haupteingang des Bahnhofs, als das dritte Mitglied des Ermittlerteams, Peder Rydh, Alex auf dem Handy anrief und mitteilte, dass er auf dem Weg sei. Alex war erleichtert. Er hätte kein gutes Gefühl dabei gehabt, die Ermittlung lediglich mit einer Schreibtischtäterin wie Fredrika an seiner Seite einleiten zu müssen.

Es war kurz nach halb vier, als sie Gleis siebzehn erreichten, wo der Zug angekommen und inzwischen zum Schauplatz einer ausgiebigen Tatortuntersuchung geworden war. Der Bahn war mitgeteilt worden, es sei unklar, wann der Zug wieder in Gebrauch genommen werden könne, was zu einer ganzen Reihe von Verspätungen an diesem Tag führte. Auf dem Bahnsteig standen nur wenige Personen, die keine Polizeiuniform trugen. Alex vermutete, dass es sich bei der rothaarigen Frau, die angeschlagen, aber dennoch gefasst aussah und die auf einer blauen Plastikkiste mit Streusand saß, um die Mutter des verschwundenen Kindes handelte. Er spürte intuitiv, dass die Frau nicht zu den Eltern gehörte, die ihr Kind verloren. Er schluckte. Wenn das Kind nicht verloren worden war, dann war es entführt worden. Und wenn es entführt worden war, dann stand ihnen ein schwieriger Fall bevor.

Alex mahnte sich zur Ruhe. Er wusste noch zu wenig von den Vorkommnissen.

Ein junger Mann in Polizeiuniform kam auf ihn und Fredrika zu. Sein Handschlag war fest, aber ein wenig feucht, der Blick leicht glasig und unstet. Er stellte sich knapp als Jens vor. Wahrscheinlich kam er frisch von der Polizeihochschule, und dies hier war einer seiner ersten Fälle. Wenn diese jungen Polizisten ihre erste Anstellung antraten, brachten sie erschreckend wenig praktische Erfahrung mit. Man sah ihnen an, wie sehr sie im ersten halben Jahr von Verwirrung und manchmal sogar Panik geschlagen waren. Alex fragte sich, ob der junge Mann, dem er soeben die Hand geschüttelt hatte, wohl an der Grenze zur Panik war. Bestimmt fragte er sich auch, was um Himmels willen Alex überhaupt hierhergeführt hatte. Es geschah nur selten, eigentlich fast nie, dass die Kommissare selbst hinausfuhren, um Zeugen zu befragen. Zumindest nicht in dieser frühen Phase einer Ermittlung.

Alex wollte gerade erklären, warum er hier war, als Jens schnell und abgehackt zu reden begann. »Der Notruf kam erst dreißig Minuten, nachdem der Zug angekommen war«, berichtete er mit schriller Stimme. »Und da waren schon fast alle Passagiere vom Bahnsteig verschwunden. Also, alle außer denen da.«

Er winkte etwas zu heftig in Richtung einer kleinen Ansammlung von Menschen ein Stück weit hinter der Frau, die Alex für die Mutter des Kindes hielt. Alex schielte auf seine Armbanduhr. Zwanzig vor vier. Das Kind war bald anderthalb Stunden verschwunden.

»Der Zug ist bereits komplett durchsucht. Sie ist nirgends. Das Mädchen, meine ich. Sechs Jahre alt. Und es scheint sie auch niemand gesehen zu haben. Zumindest niemand von denen, die wir schon befragt haben. Das Gepäck ist noch da. Das Mädchen hat nichts mitgenommen. Nicht einmal die Schuhe. Die lagen immer noch vor dem Sitz auf dem Fußboden.«

Die ersten Regentropfen prasselten auf das Dach über ihnen. Das Grollen kam jetzt näher. Einen so miesen Sommer hatte er wohl noch nie erlebt, dachte Alex.

»Ist das dort die Mutter des Kindes?«, fragte Fredrika und nickte diskret zu der rothaarigen Frau hinüber.

»Ja, genau«, erwiderte der junge Polizist. »Sie heißt Sara Sebastiansson. Sie geht nicht eher nach Hause, bis wir das Mädchen gefunden haben, sagt sie.«

Alex seufzte innerlich. Natürlich war die rothaarige Frau die Mutter des Kindes. Er selbst musste danach gar nicht erst fragen, er wusste es einfach, er spürte es. Diese Intuition fehlte Fredrika vollkommen. Sie fragte nach allem und stellte noch mehr infrage. Alex fühlte, wie er wütend wurde. So konnte man Polizeiarbeit nicht betreiben. Hoffentlich merkte sie bald selbst, wie wenig sie für den Beruf geeignet war, von dem sie aller Wahrscheinlichkeit nach glaubte, dass er gut für sie wäre.

»Warum hat man erst nach dreißig Minuten die Polizei gerufen?«, fragte Fredrika weiter.

Alex merkte auf. Hatte sie tatsächlich eine relevante Frage gestellt?

Jens wand sich sichtlich.

»Also, die Geschichte ist ein wenig seltsam«, begann er. Alex merkte, wie der Junge versuchte, Fredrika nicht anzustarren. »Sie hatten einen längeren außerplanmäßigen Halt in Flemingsberg, und da ist die Mutter ausgestiegen, um zu telefonieren. Das Kind hat geschlafen, deshalb hat sie es im Zug gelassen.«

Alex nickte gedankenverloren. Kinder verschwinden nicht, sie werden verloren. Womöglich hatte er die Mutter falsch eingeschätzt.

»Dann ist eine junge Frau auf sie zugekommen, also auf Sara, und zwar auf dem Bahnsteig, und diese Frau hat sie um Hilfe bei ihrem kranken Hund gebeten. Und da hat sie den Zug verpasst, als der wieder losfuhr. Dann hat sie mithilfe von irgendjemandem vom Bahnhof in Flemingsberg bei der Bahn angerufen und gesagt, dass ihr Kind noch in dem Zug sei und dass sie selbst sofort ein Taxi nach Stockholm nehmen werde.«

Stirnrunzelnd hörte Alex zu.

»Aber als der Zug hier ankam, war das Kind weg. Der Schaffner und die anderen Bediensteten haben sofort nach der Kleinen gesucht. Kaum einer von den Passagieren hat geholfen, die wollten alle nur raus aus dem Zug. Ein Securitas-Wachmann, der sonst eine Etage tiefer vor dem Burger King steht, hat bei der Suche geholfen. Und dann ist die Mutter mit dem Taxi angekommen, also Sara Sebastiansson da drüben, und hat erfahren, dass ihre Tochter verschwunden ist. Sie haben weitergesucht und gedacht, vielleicht ist das Mädchen aufgewacht und dann als Erstes ausgestiegen oder so. Aber sie konnten es nirgends finden. Dann haben sie die Polizei gerufen. Aber wir konnten es auch nicht finden.«

»Ist das Mädchen über Lautsprecher ausgerufen worden?«, fragte Fredrika. »Ich meine, für den Fall, dass es den Bahnsteig hinunter- und ins Bahnhofsgebäude gegangen ist.«

Jens nickte erst und schüttelte dann abrupt den Kopf. Natürlich hatten sie sie ausgerufen. Derzeit durchsuchten noch immer mehrere Polizisten und Freiwillige den Hauptbahnhof. Ein Lokalsender würde überdies eine Suchmeldung bringen und die Stockholmer bitten, die Polizei zu rufen, wenn ihnen das Mädchen in der Innenstadt auffiele. Die Taxiunternehmen würden auch noch informiert. Auf eigene Faust würde das Kind nicht weit kommen.

Aber noch war es nicht wieder aufgetaucht.

Fredrika nickte langsam. Alex sah zu der Mutter auf der blauen Kiste hinüber. Sie wirkte mit den Nerven fertig. Am Boden zerstört.

»Lassen Sie sie auch noch in anderen Sprachen ausrufen«, sagte Fredrika.

Die zwei Männer sahen sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Hier sind jede Menge Leute unterwegs, deren Muttersprache nicht Schwedisch ist, die aber trotzdem etwas gesehen haben könnten. Lassen Sie sie auf Englisch ausrufen. Vielleicht auch auf Deutsch und Französisch, wenn das geht. Und vielleicht Arabisch.«

Alex nickte zustimmend und ermahnte Jens mit einem raschen Blick zu tun, was Fredrika vorgeschlagen hatte. Jens eilte davon, sichtlich nervös bei der Vorstellung, auf die Schnelle eine Person finden zu müssen, die Arabisch sprach.

Der Regen prasselte inzwischen heftig auf das Bahnhofsdach, und das Gewittergrollen war zu einem lauten Krachen geworden. Es war ein widerwärtiger Tag in einem widerwärtigen Sommer.

Peder Rydh kam auf den Bahnsteig gelaufen, als Jens gerade Alex und Fredrika verlassen hatte. Er starrte auf Fredrikas beigefarbene Jacke mit der doppelten Knopfreihe. Hatte die Frau denn überhaupt kein Gefühl dafür, wie man sich als Polizistin zu erkennen gab, auch wenn man keine Uniform trug? Peder selbst hatte den Kollegen, an denen er vorbeigekommen war, gnädig zugenickt und mit seinem Dienstausweis gewedelt, damit sie ihn als einen der ihren erkannten. Fast hätte er der Versuchung nachgegeben, dem einen oder anderen von den Jüngeren einen väterlichen Klaps auf den Rücken zu geben. Klar hatte er die Jahre im Streifenwagen geliebt, aber inzwischen war er ungeheuer froh, auf die Ermittlerseite gewechselt zu haben.

Als Peder auf ihn zutrat, nickte Alex ihm zu, und in seinem Blick konnte man einen Hauch von Erleichterung lesen.

»Ich war gerade unterwegs von einem Treffen im Westen, als die Nachricht von dem verschwundenen Kind kam, und da habe ich beschlossen, Fredrika auf dem Weg einzusammeln und gleich hierherzufahren«, erklärte Alex kurz. »Ich hatte eigentlich nicht vor hierzubleiben. Ich wollte nur raus und ein bisschen frische Luft schnappen.« Er sah seinen Kollegen vielsagend an.

»Du meinst, du wolltest mal wieder ein bisschen Bodenhaftung haben und nicht immer nur hinter deinem Schreibtisch festsitzen?«, grinste Peder. Er erhielt ein müdes Nicken zur Antwort.

In diesem Punkt waren sich die beiden Männer trotz des Altersunterschieds einig. So hoch in der Hierarchie konnte man gar nicht aufsteigen, als dass man sich nicht hin und wieder mal der beschissenen Realität stellen musste. Und nie war man weiter entfernt von der Realität, als wenn man hinter seinem Schreibtisch hockte.

Sie waren sich außerdem darin einig, dass Fredrika diese Auffassung nicht teilte, und ließen ihren Meinungsaustausch daher auf sich beruhen.

»Also«, hob Alex an, »dann machen wir es jetzt so. Fredrika übernimmt das erste Verhör mit der Mutter, und du, Peder, befragst das Zugpersonal und kümmerst dich darum, ob jemand von den anderen, die sich hier noch aufhalten, irgendetwas zu Protokoll geben kann. Eigentlich sollten Verhöre immer zu zweit durchgeführt werden, aber ich fürchte, dazu haben wir nicht genug Zeit.«

Fredrika war mit dieser Arbeitsverteilung sehr einverstanden, meinte aber einen Schatten der Unzufriedenheit über Peders Gesicht huschen zu sehen– Unzufriedenheit darüber, dass nicht er es war, sondern sie, die mit der Mutter des vermissten Kindes sprechen sollte. Alex war dies wohl ebenso wenig entgangen, denn er fügte erklärend hinzu: »Als Frau bekommt Fredrika bestimmt leichter einen Draht zu der Mutter.«

Peder war fast augenblicklich wieder versöhnt.

»Okay, wir sehen uns dann im Haus«, schloss Alex. »Ich fahr schon mal voraus.«

Fredrika seufzte. Als Frau bekommt Fredrika bestimmt leichter einen Draht… Es war doch immer das Gleiche. Jede Entscheidung über eine Aufgabe, die ihr zugeteilt wurde, musste legitimiert werden. Sie war ein Fremdkörper in einem fremden Universum. Ständig wurde ihre Gegenwart infrage gestellt und verlangte eine Erklärung. Der Gedanke machte sie so wütend, dass sie völlig zu bedenken vergaß, dass Alex nicht nur sein Vertrauen in sie gesetzt hatte, indem er sie mit der Mutter reden ließ, sondern auch, indem er sie dies allein tun ließ.

Sie zählte die Tage, bis ihre Zeit in Alex Rechts Ermittlerteam vorüber war. Sie wollte nur noch ihre Probezeit ableisten und dann gehen. Es gab schließlich andere Institutionen, in denen ihre Kompetenz zwar nicht dringender benötigt, aber doch zumindest gefragt war.Ich werde einen allerletzten Blick über die Schulter werfen und dann nie wieder zurückschauen, dachte Fredrika und konnte sich bereits jetzt lebhaft vorstellen, wie der Tag aussehen würde, an dem sie die Polizeizentrale auf Kungsholmen oder das Haus, wie ihre Kollegen es gern nannten, verließ.

Fredrika riss sich zusammen und wandte sich wieder ihrer Aufgabe zu: dem Kind, das verschwunden war.

Höflich stellte sie sich Sara Sebastiansson vor und war erstaunt über deren kräftigen Händedruck, der in keiner Weise zu der Sorge und der Müdigkeit in ihrem Gesicht passte. Fredrika bemerkte auch, dass Sara die ganze Zeit an ihren Pulloverärmeln zog– nicht bewusst, so schien es ihr; eher eine blöde Angewohnheit. Etwas, das sie immer tat. Oder wollte sie ihre Unterarme verbergen? Vielleicht ein Versuch, Abwehrverletzungen zu verstecken. Fredrika hatte während ihres Studiums viel über derlei Gesten gelernt. Wenn Sara einen Mann hatte, der sie schlug, dann war dies eine Information, die die Ermittler haben sollten.

Aber zunächst galt es andere Fragen zu stellen.

»Wir können reingehen, wenn Sie möchten«, sagte sie zu Sara. »Wir müssen nicht hier draußen bleiben.«

»Schon in Ordnung«, antwortete Sara mit belegter Stimme.

Fredrika dachte kurz nach und sagte dann: »Wenn Sie wegen Ihrer Tochter hierbleiben möchten, dann kann ich Ihnen versichern, dass sie von den Kollegen hier draußen in jedem Fall bemerkt werden wird.«

Außerdem, wollte Fredrika noch hinzufügen, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass Ihr Kind hier und jetzt auftaucht. Aber das verschwieg sie lieber.

»Lilian«, sagte Sara.

»Wie bitte?«

»Meine Tochter heißt Lilian. Und ich will hier nicht weggehen.« Sie machte das mit einem Kopfschütteln klar. Und: Nein danke, keinen Kaffee.

Wieder einmal wurde Fredrika bewusst, wie schwer es ihr fiel, im Dienst persönlich… oder vielmehr: einfühlsam zu sein. Oft genug missriet es ihr vollkommen. In dieser Hinsicht war sie wirklich die klassische Schreibtischtäterin. Sie las, schrieb und analysierte gern. Doch Verhöre und Gespräche fühlten sich fremd an; es war schwer für sie, damit umzugehen. Fredrika beobachtete oft völlig fasziniert, wie Alex die Hand ausstreckte und sie jemandem auf die Schulter legte, während er mit der Person sprach. Das würde sie niemals tun, und überdies wollte sie auch selbst nicht auf die Schulter geklopft oder über den Arm gestreichelt werden. Es ging ihr körperlich schlecht, wenn ein Kollege bei der Arbeit die Stimmung aufheitern wollte und ihr den Rücken tätschelte oder sie in die Seite kniff. Diese Art Berührung gefiel ihr ganz und gar nicht. Die allermeisten kapierten das auch, wenn doch nicht alle.

Fredrika schauderte leicht, als Saras Stimme ihre persönlichen Überlegungen unterbrach.

»Warum lagen ihre Schuhe noch dort?«

»Wie bitte?«

»Lilians Sandalen lagen noch vor ihrem Sitz auf dem Boden. Sie wäre niemals barfuß weggegangen. Nicht ohne mit jemandem zu sprechen, ohne um Hilfe zu bitten.«

»Nicht einmal, wenn sie vielleicht aufgewacht ist und bemerkt hat, dass sie ganz allein war? Vielleicht hat sie den Zug in heller Panik verlassen?«

Sara schüttelte den Kopf. »So ist Lilian nicht. Wir haben sie nicht so erzogen. Wir haben ihr beigebracht, praktisch zu handeln und zu denken. Sie könnte sich an jemanden gewandt haben, der in der Nähe saß. Wir haben während der Fahrt kurz mit einer Frau gesprochen, die auf der anderen Seite des Ganges saß…«

Fredrika unterbrach sie behutsam. »Sie sagten: Wir.«

»Bitte?«

»Sie sagten: Wir haben sie so erzogen. Meinen Sie damit, Sie und Ihr Mann?«

Sara blickte über Fredrikas Schulter hinweg. »Lilians Vater und ich leben getrennt, aber ja, es ist mein Exmann, mit dem zusammen ich Lilian erzogen habe.«

»Teilen Sie sich das Sorgerecht?«, fragte Fredrika.

»Wir sind noch nicht lange getrennt«, sagte Sara gedehnt. »Wir haben noch keine richtigen Routinen. Lilian ist manchmal übers Wochenende bei ihm, aber die meiste Zeit wohnt sie bei mir. Wir müssen erst mal sehen, wie das wird.«

Sara holte tief Luft, und als sie wieder ausatmete, zitterte ihre Unterlippe. Ihre aschgraue Haut leuchtete geradezu unter dem roten Haar. Die langen Arme hatte sie fest über der Brust verschränkt. Fredrika bemerkte ihre lackierten Zehnägel. Blau. Auffällig.

»Haben Sie darüber gestritten, bei wem Lilian wohnen soll?«, fragte Fredrika vorsichtig.

Sara zuckte zusammen. »Glauben Sie, dass Gabriel sie entführt hat?«, fragte sie und sah Fredrika wieder direkt ins Gesicht.

Fredrika nahm an, dass Gabriel der Exmann war.

»Wir glauben zunächst einmal gar nichts«, erwiderte sie rasch. »Ich muss einfach nur alle möglichen Szenarien untersuchen, die… Ich muss versuchen zu verstehen, was ihr zugestoßen sein könnte. Lilian.«

Saras Schultern senkten sich ein wenig. Sie biss sich auf die Unterlippe und starrte zu Boden.

»Gabriel und ich… haben unsere Konflikte… gehabt. Vor sehr langer Zeit haben wir uns mal um Lilian gestritten. Aber er hat ihr niemals wehgetan. Absolut niemals!«

Wieder nahm Fredrika zur Kenntnis, wie Sara an ihren Pulloverärmeln zog. Doch hier und jetzt würde sie kein Wort darüber verlieren, falls Saras Exmann sie misshandelt hatte. Wenn Fredrika wieder im Haus war, würde sie die Anzeigen durchforsten. Und mit dem Exmann musste man unter allen Umständen reden.

»Könnten Sie mir bitte genau erzählen, was auf dem Bahnsteig in Flemingsberg geschehen ist?«, fragte Fredrika. Vielleicht würde das Gespräch auf diese Weise eine Richtung einschlagen, in der Sara sich etwas sicherer fühlte.

Sara nickte zwar mehrmals, jedoch ohne etwas zu sagen. Fredrika hoffte, sie würde nicht anfangen zu weinen. Damit konnte sie nur schwer umgehen. Weder im Privaten noch bei der Arbeit.

»Ich bin ausgestiegen, weil ich telefonieren musste«, begann Sara schleppend. »Ich habe einen Freund angerufen.«

Fredrika, vom Regen kurz abgelenkt, riss sich zusammen. Einen Freund?

»Warum haben Sie ihn nicht von Ihrem Sitzplatz aus angerufen?«

»Ich wollte Lilian nicht wecken«, antwortete Sara schnell.

Zu schnell. Und den Polizisten, die zuvor mit ihr gesprochen hatten, hatte sie gesagt, sie wäre ausgestiegen, weil sie in einer sogenannten Ruhezone gesessen habe.

»Sie war so müde«, flüsterte Sara. »Wir fahren regelmäßig nach Göteborg, um meine Eltern zu besuchen. Ich glaube, sie brütet eine Erkältung aus. Sonst schläft sie nie die ganze Fahrt über.«

»Verstehe«, sagte Fredrika und stand einen Augenblick schweigend da, ehe sie weiterredete. »Es war also nicht so, dass Sie vermeiden wollten, dass Lilian das Gespräch mitanhörte?«

Sara knickte sofort ein.

»Nein, ja… Ich wollte nicht, dass Lilian das Gespräch mitanhört«, sagte sie gedehnt. »Mein Freund und ich, wir haben uns erst kürzlich kennengelernt. Und es wäre nicht gut, wenn Lilian schon jetzt von ihm erfahren würde.«

Weil sie dann ihrem Vater davon erzählen könnte, der ihre Mutter vielleicht auch nach der Trennung regelmäßig verprügelte, dachte Fredrika für sich.

»Wir haben nur ungefähr eine Minute lang geredet. Wahrscheinlich sogar weniger als das. Ich habe ihm gesagt, dass wir bald da wären und dass er später am Abend, wenn Lilian eingeschlafen wäre, zu mir kommen sollte.«

»Und was ist dann passiert?«

Sara richtete sich auf und seufzte tief. An ihrer Körperhaltung konnte Fredrika die Anstrengung ablesen, die sie die folgenden Worte kosteten.

»Es war völlig unbegreiflich«, sagte Sara matt. »So vollkommen sinnlos.« Sie schüttelte müde den Kopf.

»Eine Frau ist auf mich zugekommen. Oder eher ein Mädchen. Ziemlich groß, mager, sah ein bisschen mitgenommen aus. Wedelte mit den Armen und schrie irgendetwas davon, dass ihr Hund krank sei. Ich nehme mal an, dass sie zu mir kam, weil ich ein Stück von den anderen entfernt auf dem Bahnsteig stand. Sie sei mit dem Hund die Rolltreppe zum Gleis hinuntergefahren, und dann sei er plötzlich in sich zusammengesunken und habe angefangen zu krampfen.«

»Zu krampfen? Der Hund?«

»Ja, wirklich. Zumindest sagte sie das. Der Hund liege dort in Krämpfen, und sie benötige Hilfe, um ihn wieder auf die Beine zu kriegen. Ich habe selbst bis vor ein paar Jahren Hunde gehabt. Und ich habe ja gesehen, wie aufgeregt das Mädchen war. Also habe ich ihr geholfen.«

Sara verstummte. Fredrika rieb nachdenklich die Hände aneinander.

»Haben Sie nicht überlegt, dass Sie vielleicht den Zug verpassen könnten?«

Zum ersten Mal während des Gesprächs wurde Saras Stimme scharf, und ihr Blick brannte. »Bevor ich ausgestiegen bin, habe ich den Schaffner gefragt, wie lange der Zug auf dem Bahnhof halten würde. Mindestens zehn Minuten, hat er gesagt. Mindestens.«

Sie hob die Hände und spreizte die langen, schmalen Finger. Zehn Finger, zehn Minuten. Die Hände zitterten leicht. Und auch ihre Unterlippe vibrierte wieder.

»Zehn Minuten«, flüsterte sie. »Deshalb habe ich dem Mädchen geholfen, den Hund wieder auf die Rolltreppe zu befördern. Ich dachte… Ich war mir sicher, dass ich es rechtzeitig zurückschaffen würde.«

Fredrika atmete tief ein. »Haben Sie den Zug gesehen, als er wegfuhr?«

»Wir waren gerade oben angekommen«, sagte Sara mit zitternder Stimme. »Wir hatten den Hund gerade hochbekommen, als ich mich umgedreht und gesehen habe, wie der Zug langsam aus dem Bahnhof rollte.«

Sie atmete heftig und sah Fredrika direkt an.

»Ich wollte meinen Augen nicht trauen«, sagte sie leise, und eine Träne rollte ihr über die Wange. »Es war wie in einem Horrorfilm.

Ich rannte die Rolltreppe hinunter und wie eine Verrückte hinter dem Zug her. Aber er blieb nicht mehr stehen. Er blieb nicht mehr stehen!«

Fredrika hatte zwar keine eigenen Kinder, aber bei Saras Worten stieg selbst in ihr Angst auf. Es schnürte ihr die Kehle zu.

»Ein Typ vom Bahnhof in Flemingsberg hat mir geholfen, Kontakt zu dem Zug aufzunehmen. Und dann bin ich mit dem Taxi zum Hauptbahnhof.«

»Und was hat das Mädchen mit dem Hund gemacht?«

Sara wischte sich die Tränen weg.

»Das war seltsam. Sie ist einfach weggegangen. Hat den Hund auf eine Art Postkarre gehoben, die zufällig da an der Rolltreppe stand, und ist durch die Tür verschwunden. Danach habe ich sie nicht mehr gesehen.«

Sara und Fredrika verharrten eine Weile lang schweigend, jede in die eigenen Gedanken versunken. Saras Stimme war es, die die Stille schließlich durchbrach.

»Wissen Sie, nachdem ich im Zug angerufen hatte, war ich gar nicht mehr so besorgt. Es kam mir irgendwie irrational vor, mich aufzuregen, nur weil Lilian die kurze Strecke von Flemingsberg zum Hauptbahnhof allein fahren musste.«

Sara leckte sich über die trockenen Lippen und weinte jetzt zum ersten Mal ganz offen.

»Im Taxi habe ich mich richtiggehend zurückgelehnt. Die Augen zugemacht und mich ausgeruht. Ich habe mich ausgeruht, während irgendein verdammter Scheißkerl mein Mädchen mitgenommen hat.«

Fredrika ahnte mehr als sie wusste, dass sie der Frau nicht helfen konnte. Äußerst widerstrebend tat sie, was sie sonst nie fertigbrachte: Sie streckte eine Hand aus und strich Sara über den Arm.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen. Und Lilian war eine weitere Stunde verschwunden.

Mit dem Bus aus Flemingsberg wegzukommen war schwieriger, als Jelena es sich vorgestellt hatte.

»Du darfst nicht mit der S-Bahn fahren, du darfst nicht mit dem Taxi fahren, du darfst nicht Auto fahren«, hatte der Mann ihr noch am Morgen eingebläut, als sie zum hundertsten Mal den Plan im Detail durchgegangen waren. »Du musst den Bus nehmen. Den Bus nach Skärholmen. Von dort mit der U-Bahn nach Hause. Kapiert?«

Jelena hatte genickt und wieder genickt. Ja doch, sie hatte kapiert. Und sie würde ihr Allerbestes geben.

Mindestens zehn unruhige Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch. Sie hoffte zutiefst, dass alles geklappt hatte. Es musste einfach alles geklappt haben. Der Mann würde wahnsinnig, wenn es ihm nicht gelänge, das Kind aus dem Zug mitzunehmen.

Sie sah auf die Uhr. Es war bereits mehr als eine Stunde vergangen. Der Bus hatte Verspätung gehabt, und dann hatte sie auch noch auf die U-Bahn warten müssen. Bald würde sie zu Hause sein, und dann würde sie es erfahren. Sie rieb sich mit den verschwitzten Handflächen über die Jeans.

Sie konnte nie ganz sicher sein, ob sie gerade etwas richtig oder falsch machte. Nicht bevor der Mann sie entweder lobte oder zurechtwies. In der letzten Zeit hatte sie fast alles richtig gemacht. Sogar als sie Autofahren lernen und als sie üben sollte, richtig zu sprechen.

»Die Leute müssen verstehen können, was du sagst«, hatte der Mann immer wieder gesagt. »Du redest zu undeutlich. Und du musst mit diesem Zucken im Gesicht aufhören. Das verschreckt die Leute.«

Jelena hatte wirklich mit sich kämpfen müssen, aber am Ende hatte der Mann sie gelobt. Inzwischen zuckte es nur noch ein wenig über dem einen Auge, und das eigentlich auch nur, wenn sie nervös und unsicher war. Wenn sie ruhig war, zuckte es gar nicht mehr.

»Gutes Mädchen«, hatte der Mann gesagt und ihr über die Wange gestrichen.

Jelena wurde ganz warm ums Herz. Sie hoffte auf weiteres Lob, wenn sie heimkam.

Endlich erreichte die U-Bahn ihr Ziel. Sie musste sich beherrschen, nicht Hals über Kopf aus dem Wagen zu springen und dann den ganzen Weg nach Hause zu rennen. Sie musste sich ruhig und diskret verhalten, damit niemand sie bemerkte. Jelena hielt den Blick auf den Boden gerichtet und zwirbelte nur kurz eine Haarsträhne zwischen den Fingern.

Regen prasselte auf die Straße, als sie aus der unterirdischen Welt nach oben kam, und verschlechterte die Sicht. Aber das tat nichts zur Sache– sie sah ihn dennoch. Eine kurze Sekunde lang begegneten sich ihre Blicke. Sie glaubte, dass er lächelte.

Skeptisch beobachtete Peder Rydh den hilflosen Versuch von Fredrika, der Frau Trost zu spenden. Sie streichelte Sara Sebastiansson mit demselben Widerwillen über den Arm, mit dem sie wohl einen nassen Hund tätscheln würde, um dem befreundeten Besitzer eine Freude zu bereiten. Leute wie Fredrika Bergman hatten bei der Polizei nichts verloren. Dort ging es schließlich darum, mit Menschen umgehen zu können. Mit verschiedenen Menschen. Mit allen Menschen.

Peder seufzte verdrossen. Es war wahrhaftig keine gute Idee, Zivilpersonen in den Polizeidienst aufzunehmen.

»Wir müssen der Behörde neue Kompetenzen zuführen«, hatten sie ihnen von oben herab gepredigt.

Fredrika hatte bei mehreren Gelegenheiten erwähnt, was genau sie studiert hatte, aber um ehrlich zu sein, war Peder kaum irgendetwas gleichgültiger. Sie verkomplizierte die Dinge. Sie redete mit zu vielen und zu langen Wörtern. Sie dachte zu viel und spürte zu wenig. Sie war ganz einfach nicht aus dem Holz geschnitzt, das man bei der Polizei brauchte.

Peder konnte nicht umhin, den sturen Widerstand der Polizeigewerkschaft gegen den Status und die Position zu bewundern, die die Zivilen in der Polizeiorganisation erhalten hatten. Völlig ohne jede relevante Berufserfahrung. Völlig ohne jene einzigartige Kompetenz, die man nur erwarb, indem man die Polizeiarbeit von der Pike auf erlernte. Indem man Jahre im Streifenwagen verbrachte. Besoffene herumkarrte. Mit Männern sprach, die ihre Frauen schlugen. Betrunkene Jugendliche nach Hause fuhr und mit ihren Eltern ein ernstes Wort redete. In Wohnungen einbrach, in denen einsame Seelen gestorben und dann liegen geblieben waren, um zu verrotten.

Peder schüttelte den Kopf. Er hatte über anderes nachzudenken als über inkompetente Kolleginnen. Er vergegenwärtigte sich noch einmal all das, was er bislang aus seinen Verhören mit dem Zugpersonal in Erfahrung gebracht hatte. Henry Lindgren, der Zugchef, redete zu viel, aber er hatte einen guten Sinn für Details, und mit seinem Gedächtnis war offenkundig alles in Ordnung. Der Zug hatte Göteborg um 10.50 Uhr verlassen. Sie hatten Stockholm acht Minuten nach der planmäßigen Ankunft um 14.07 Uhr erreicht.

»Ich brauchte mich um die Verspätung in Flemingsberg nicht zu kümmern«, hatte Henry betont. »Dafür war Arvid zuständig. Und Nellie.«

Betrübt hatte er den Zug betrachtet, der immer noch am Bahnsteig stillstand. Die Türen standen offen und gähnten wie große, dunkle Löcher in der Längsseite des Zuges. Mehr als alles auf der Welt wünschte sich Henry, dass das kleine Mädchen ganz plötzlich aus einem dieser Löcher gestolpert käme. Dass es auf irgendeine Weise im Zug verloren gegangen, wieder eingeschlafen und jetzt aufgewacht wäre. Doch mit all der Sicherheit, die nur Erwachsene empfinden konnten, wusste Henry, dass dies nicht geschehen würde. Die Einzigen, die im Zug ein- und ausgingen, waren Polizeileute und Techniker. Der gesamte Bahnsteig war abgesperrt, und auf dem nassen Boden suchte man weiter intensiv nach Spuren des verschwundenen Kindes. Henry spürte, wie der Kloß im Hals immer dicker wurde und er unmöglich schlucken konnte.

»Sie haben gesagt, dass Sie auf das Kind aufpassen würden«, fuhr Peder fort. »Und was geschah dann?«

Der Mann sank sichtlich in sich zusammen, als er berichtete, warum er das Mädchen hatte allein lassen müssen. Peder kam es fast so vor, als würde Henry hier vor ihm auf dem Bahnsteig stehend um Jahre altern.

»Es ist unmöglich, überall gleichzeitig zu sein«, sagte er resigniert. »Wie gesagt, es war ziemlich viel los, in allen Wagen, und ich musste das Mädchen allein lassen, um in Wagen drei zu gehen. Ich habe Arvid angefunkt. Mehrere Male habe ich ihn aufgerufen, aber er hat nicht geantwortet. Ich glaube, er hat mich nicht gehört. Jedenfalls kam keine Reaktion.«

Peder kommentierte Arvids Verhalten nicht.

»Das heißt, Sie haben das Kind allein gelassen, ohne einen anderen Reisenden zu bitten, nach ihm zu sehen?«, fragte er stattdessen.

In einer Geste der Hilflosigkeit warf Henry die Arme hoch. »Ich war doch nur im Wagen nebenan!«, brach es aus ihm hervor. »Und ich hab doch gedacht, ja, ich habe gedacht, dass ich viel schneller wieder zurück sein würde. Und ich war ja auch schnell wieder zurück.«

Seine Stimme stockte.

»Keine drei Minuten war ich von dem Mädchen weg. Ich war im selben Moment zurück, als der Zug anhielt und die Leute anfingen auszusteigen. Aber da war sie schon verschwunden. Und keiner konnte sich daran erinnern, wie sie aufgestanden und weggelaufen ist.« Und mit gepresster Stimme fuhr er fort: »Wie ist das nur möglich? Wie kann es sein, dass niemand etwas gesehen hat?«

Das kannte Peder nur allzu gut. Nimm zehn Personen, um dasselbe Verbrechen zu bezeugen. Sie werden zehn Versionen erzählen von dem, was passiert ist, in welcher Reihenfolge es passiert ist und welche Kleidung die Täter dabei trugen.

Auffällig hingegen war das Verhalten von Arvid Melin. Erst hatte er den Zug in Flemingsberg abfahren lassen, ohne Sara Sebastiansson mitzunehmen, und dann hatte er nicht auf Henrys Anrufe reagiert.

Arvid saß allein auf einer der Bänke auf dem Bahnsteig. Er sah nervös aus. Als Peder sich ihm näherte, hob er den Blick. »Wie lange soll das hier noch dauern? Ich habe zu tun.«

Demonstrativ langsam ließ Peder sich neben Arvid nieder, sah ihm direkt in die Augen und erwiderte: »Ein Kind ist verschwunden. Was könnte wichtiger sein, als uns dabei zu helfen, dieses Kind wiederzufinden?«

Arvid verstummte. Und auch in der Folge beantwortete er nur mehr die direkten Fragen des Polizisten und ließ sich zu keinerlei Ausführungen hinreißen.

»Was haben Sie zu den Reisenden gesagt, die Sie gefragt haben, wie lange der Zug in Flemingsberg halten würde?«, fragte Peder streng. Er merkte selbst, dass er mit Arvid sprach wie mit einem Schuljungen.

»Weiß nicht mehr genau«, antwortete Arvid ausweichend.

Wenn seine Kinder erst einmal im Teenageralter waren, mutmaßte Peder, würden sie ihm wohl ganz genauso antworten. Wohin gehst du? Raus. Wann kommst du zurück? Weiß nicht. Nur dass Arvid schätzungsweise um die dreißig war.

»Erinnern Sie sich daran, mit Sara Sebastiansson gesprochen zu haben?«, hakte Peder nach.

Arvid schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich.«

Peder dachte noch darüber nach, wie er Arvid mal so richtig in die Zange nehmen könnte, als dieser überraschend fortfuhr: »Ihre Kollegen haben mich auch schon danach gefragt. Ich glaube, ich erinnere mich daran, mit ihr geredet zu haben, also, mit der Mutter des Kindes. Man muss ja wohl auch ein bisschen Verantwortung für sich selbst übernehmen«, sagte er mit gepresster Stimme, und erst jetzt sah Peder, wie mitgenommen er in Wirklichkeit war. »Es ist doch kein verdammtes Versprechen, dass der Zug zehn Minuten hält, nur weil wir zu einem bestimmten Zeitpunkt davon ausgehen. Alle– und zwar alle Reisenden– wollen doch so schnell wie möglich weiterkommen. Da ist es doch wohl kein Problem, früher abzufahren, als man zunächst angenommen hat. Warum hat sie denn auch den Bahnsteig verlassen? Wenn sie dageblieben wäre, dann hätte sie hören können, wie ich die Abfahrt ausgerufen habe.«

Arvid trat gegen eine leere Coladose, die vor ihm auf der Erde lag. Sie knallte heftig gegen den Zug und kullerte dann über den Bahnsteig zurück.

Peder hatte den Verdacht, dass sowohl Arvid Melins Nachtschlaf als auch der von Henry Lindgren für lange Zeit ruiniert sein würden, wenn das Mädchen nicht bald wohlbehalten wieder auftauchte.

»Sie haben also nicht gesehen, dass Sara Sebastiansson zurückblieb?«, fragte Peder vorsichtig.

»Nein, absolut nicht«, sagte Arvid mit Nachdruck. »Ich habe natürlich über den Bahnsteig geschaut, wie wir es immer machen. Der war leer, also sind wir abgefahren. Und dann sagt Henry zu mir, er habe versucht, mich über Funk zu erreichen, nur… Ich hatte vergessen, ihn wieder einzuschalten.«

Peder sah zum dunkelgrauen Himmel hinauf und schlug sein Notizbuch zu.

Er würde noch den Rest des Zugpersonals und die Leute auf dem Bahnsteig befragen müssen. Wenn Fredrika mit der Mutter des Kindes fertig war, konnte sie ihm vielleicht dabei helfen.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Fredrika und Sara Sebastiansson ein paar letzte Worte wechselten und sich dann voneinander trennten. Sara sah mitgenommen aus. Peder schluckte. Für einen kurzen Moment sah er seine eigene Familie vor sich. Was würde er selbst tun, wenn jemand versuchte, einem seiner Kinder Leid anzutun?

Der Griff um das Notizbuch wurde fest. Er musste sich beeilen. Es gab noch mehr Leute zu verhören, und Alex wartete nicht gern.

In Peders Dienstwagen kehrten sie zum Haus zurück. Das Auto rollte über den regennassen Asphalt. Sowohl Fredrika als auch Peder waren in Gedanken versunken. Sie parkten in der Tiefgarage und nahmen dann schweigend den Fahrstuhl hinauf zu den Räumen des Ermittlerteams, die unmittelbar neben den Büros der Landes- und der Bundeskriminalpolizei und denen der städtischen Behörde lagen.

Die Ermittlergruppe von Alex Recht diente zwei Herren, auch wenn dies niemand gerne öffentlich eingestand; eigentlich sogar dreien. Sie bestand aus einer kleineren Anzahl handverlesener Ermittler, die auf dem Papier zur Stockholmer Polizei gehörte, aber in Wirklichkeit sowohl der Bundes- als auch der Landeskripo unterstand und von beiden auch in Anspruch genommen werden konnte– eine politische Lösung für etwas, das eigentlich kein Problem darstellen sollte.

Fredrika sank müde auf den Stuhl an ihrem Schreibtisch. Am Schreibtisch… Es gab doch keinen besseren Ort zu denken und zu wirken! Wie naiv sie in ihrem Glauben gewesen war, dass ihre Expertise bei der Polizei begehrt sein würde! Das tiefe Misstrauen, nein: die Verachtung ihrer Kollegen für akademische Weihen war ihr völlig unverständlich. Aber war es wirklich Verachtung? Vielleicht fühlten sie sich einfach bedroht? Fredrika konnte es nicht wirklich benennen. Sie wusste nur, dass ihre derzeitige Arbeitssituation auf Dauer nicht haltbar war.

Bevor sie dem Ermittlerteam von Alex Recht zugeteilt worden war, hatte sie in der Verbrechensprävention gearbeitet, danach ein Jahr in der Sozialverwaltung, wo sie eine Gutachterstelle innegehabt hatte. Bei der Polizei hatte sie sich beworben, um praktische Erfahrung zu sammeln. Sie würde hier nicht bleiben. Doch trotz der Lage, in der sie sich hier befand, fühlte sie sich sicher. Sie besaß ein gutes Netzwerk, hatte jede Menge Kontakte und Zugang zu verschiedenen behördlichen Stellen. Wenn sie nur die Nerven behielt, dann würde sich schon bald eine neue Möglichkeit ergeben.