Verlag: cbt Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Silberjunge E-Book

Kristina Ohlsson

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E-Book-Beschreibung Silberjunge - Kristina Ohlsson

Immer wieder sieht Aladdin einen geheimnisvollen Jungen, der spurlos verschwindet, sobald man ihn anspricht. Doch er hat andere Sorgen: Das Restaurant seiner Familie läuft schlecht, seine Eltern wollen in die Türkei zurück, dabei ist Schweden ihr Zuhause. Als er erfährt, dass vor hundert Jahren Silber aus einer Schmiede verschwand und auf dem Gelände des Restaurants vergraben sein soll, macht er sich auf die Suche. Jedoch muss er zuerst den Dieb erwischen, der aus dem Restaurant Essen stiehlt. Ob es der rätselhafte Junge ist? Kommt er von dem Flüchtlingsboot, das seit Wochen im Hafen vor Anker liegt? Zum Glück hat Aladdin seine Freundinnen Billie und Simona, die ihm tatkräftig helfen, die ineinander verflochtenen Rätsel zu lösen.

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E-Book-Leseprobe Silberjunge - Kristina Ohlsson

Kristina Ohlsson

Aus dem Schwedischen

von Susanne Dahmann

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage 2015

© 2014 by Kristina Ohlsson

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem

Titel »Silverpojken« bei

Lilla Piratförlaget AB, Stockholm

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann

Lektorat: Carola Henke

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Jenn DiGuglielmo/Trevillion Images

MG · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-14812-6

www.cbt-buecher.de

1.

Als Aladdin den Jungen mit den kurzen Hosen zum ersten Mal sah, schneite es. Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt und es war kalt. Aladdin wollte mit seiner Freundin Billie zum Schlittschuhlaufen gehen. Das Flüsschen, das durch Åhus verlief, war zugefroren, sodass sich der schmale Streifen Wasser in eine glänzende Eisbahn verwandelt hatte. Aladdins Vater hatte gesagt, er könne sich nicht erinnern, wann das zum letzten Mal der Fall gewesen wäre.

»Jetzt wohne ich bald zehn Jahre in Åhus und nicht ein einziges Mal habe ich erlebt, dass der Fluss schon im November zufriert.«

Aladdin hörte zu und packte derweil ein Butterbrot und eine Thermoskanne mit Kakao in den Rucksack.

Seine Eltern waren aus der Türkei nach Schweden gekommen, als Aladdin noch klein gewesen war, und er konnte sich an überhaupt nichts aus der Zeit davor erinnern. Wenn ihn jemand fragte, woher er käme, dann antwortete er immer: Åhus.

Ausgerechnet an dem Tag, als er den Jungen mit den kurzen Hosen sah, hatte er es eilig. Er war schon spät dran und wollte Billie nicht warten lassen.

Inzwischen war es allerdings kaum mehr seine eigene Schuld, wenn er zu spät kam, sondern die seiner Eltern. Sie hatten schließlich die Idee gehabt, das Haus zu verkaufen und stattdessen in den alten Wasserturm zu ziehen, in dem sich auch ihr Restaurant ›Der Türke im Turm‹ befand.

»Wir sollen im Wasserturm wohnen?«, hatte Aladdin gefragt. »Seid ihr verrückt? Das geht doch nicht!«

»Warum denn nicht?«, meinte Aladdins Mutter. »Uns gehört das ganze Grundstück, wir benutzen aber nur die oberste und die unterste Etage des Turms für das Restaurant. Alle Etagen dazwischen stehen leer.«

Und so kam es auch. Vor ein paar Wochen waren sie eingezogen. Nun musste Aladdin fünf Treppen rauflaufen, um in sein Zimmer zu kommen. Deshalb war er oft spät dran, wenn er sich mit Freunden traf. Seine Mutter machte Witze darüber und sagte, es sei doch nur gut, wenn er kräftige Beine bekäme, aber Aladdin fand das nicht besonders lustig. Schließlich kannte er den eigentlichen Grund für den Umzug.

Das Restaurant lief nicht mehr so gut. Sie verdienten weniger Geld als zuvor, und deshalb hatten sie erst das Haus und dann auch das Hausboot verkauft, in dem sie immer im Sommer gewohnt hatten.

»Manchmal hat man mehr Geld und manchmal weniger«, hatte Aladdins Vater gesagt. »Das ist nichts Besonderes.«

Doch Aladdin sah, dass er sich Sorgen machte, und das fühlte sich überhaupt nicht gut an.

»Jetzt seid aber vorsichtig beim Schlittschuhlaufen«, sagte seine Mutter, als er alle Sachen beisammen hatte. »Denkt dran, dass das Eis nur am oberen Ende des Flusses trägt, nicht unten, wo die Schiffe liegen.«

»Ja, ja«, antwortete Aladdin ungeduldig und wollte losrennen, doch seine Mutter rief ihn zurück.

»Komm nicht zu spät zum Abendessen. Papa und ich möchten etwas mit dir besprechen.«

Sie wirkte ernst. Aladdin runzelte die Stirn.

»Ist was passiert?«

»Lass uns später darüber reden. Viel Spaß mit Billie!«

Dann machte sie kehrt und ging ins Restaurant zurück. Aladdin lief zögerlich die Treppen hinunter. Worüber wollten seine Eltern mit ihm reden?

Genau in dem Augenblick, als er unten aus der Haustür trat, bemerkte er den Jungen. Er stand ein Stück entfernt und sah zu Aladdin rüber. Der war so erstaunt, dass er fast den Rucksack hätte fallen lassen, den er noch im Arm trug.

»Hallo«, sagte er wie automatisch und ging vor zur Straße.

Der Junge stand neben dem Restaurantschild, das Aladdins Vater aufgestellt hatte. Irgendetwas war komisch an ihm. Obwohl es kalt war, hatte er nur eine kurze Hose und einen Strickpullover am Leib. Die Hosen waren aus einem dicken Stoff gemacht, der ganz so aussah, als würde er kratzen. Er hatte Kniestrümpfe an und schwarze Stiefel aus rissigem Leder. Der Pullover war schwarz-weiß gestreift.

Der Junge erwiderte Aladdins Gruß nicht. Er stand nur da und starrte. Aladdin zögerte. Vielleicht sollte er stehen bleiben, möglicherweise brauchte der Junge Hilfe.

»Hast du dich verlaufen?«, fragte Aladdin.

Er kam sich blöd vor. »Verlaufen«, was sollte das denn? Der Junge sah aus, als wäre er so um die zwölf Jahre alt, so wie Aladdin selbst, da stellte man sich doch nicht in den Schnee und glotzte, wenn man mal den falschen Weg erwischt hatte.

Der Junge antwortete auch gar nicht, sondern wandte den Blick von Aladdin ab und ging auf den Turm zu. Ob seine Eltern oben im Restaurant saßen?

Doch der Junge mit den kurzen Hosen ging nicht durch die Tür, sondern verschwand um den Turm herum. Aladdin sah auf die Uhr. Eigentlich hatte er gar keine Zeit, über den Kerl nachzudenken, denn er war bereits spät dran. Doch die Neugier war zu groß, er musste einfach nachsehen, wohin der Junge gegangen war.

Schnell schwang er sich den Rucksack auf den Rücken und wollte den Turm umrunden. Doch er kam nicht weit, sondern blieb wie angewurzelt stehen. Der Junge war nirgends zu sehen.

»Hallo?«, fragte Aladdin.

Keine Antwort.

Seltsam.

Verwirrt sah er sich um. Der Junge war wie vom Erdboden verschluckt.

2.

Was soll das heißen, er ist verschwunden?«, fragte Billie.

Aladdin und sie saßen auf dem Steg am Fluss und zogen sich die Schlittschuhe an.

»Er ist einfach verschwunden«, sagte Aladdin noch einmal. »Ist um den Turm gegangen und dann – puff. Nichts! Er war einfach weg.«

Aladdin war den ganzen Weg zum Fluss gerannt und deshalb kaum zu spät gekommen.

»Wie seltsam«, meinte Billie. »Hat er denn nicht gefroren mit den nackten Beinen?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Aladdin. »Er sah eigentlich nicht so aus, und außerdem hatte er lange Kniestrümpfe an, hatte also nicht wirklich nackte Beine.«

»Kniestrümpfe«, kicherte Billie.

Sie band eine letzte Schleife in die Schnürsenkel der Schlittschuhe und stand auf. Auf dem Eis waren bereits jede Menge Leute. Sie beugte sich herab und holte etwas aus einer Plastiktüte, die sie dabeihatte.

Eine Schwimmweste.

Aladdin lachte laut los.

»Willst du die anziehen?«

»Ich muss«, knurrte Billie. »Mama wird sonst superwütend. Ohne Schwimmweste darf ich nicht aufs Eis, hat sie gesagt.«

Billie war fett wie ein Elefant, als sie die Weste über die dicke Winterjacke gezogen hatte. Als sie den Helm aufsetzte, schlug die Mütze in der Stirn Falten.

Sie seufzte unglücklich und Aladdin lachte weiter.

»Jetzt fahren wir mal«, schlug er vor und erhob sich auf wackligen Beinen.

»Mama hat gesagt, wir dürfen nur da fahren, wo wir sicher sind, dass das Eis fest genug ist«, sagte Billie.

»Das hat meine Mutter auch gesagt«, meinte Aladdin.

»Und zum Flüchtlingsschiff dürfen wir auch nicht«, fügte Billie hinzu.

Das Flüchtlingsschiff war ein großer Fischerkahn, der im Hafen lag. Eines Morgens war es, voller Menschen aus einem anderen Land, plötzlich da gewesen und die Zeitungen hatten es Flüchtlingsschiff genannt. Niemand schien zu wissen, was mit dem Boot oder den Menschen, die darauf wohnten, geschehen sollte. Aladdin wusste nicht einmal, woher sie kamen. Aber er wusste, warum sie das Schiff nicht verließen: Sie wollten in Schweden bleiben und in keinem Flüchtlingslager landen. Vielleicht wollten sie, wenn sie Åhus doch wieder verlassen mussten, wenigstens mit dem Boot weiterfahren können.

Der Hafen von Åhus war lang und schmal und verbreiterte sich erst an der Mündung zum Meer. Obwohl der Winter gerade erst begonnen hatte, sehnte sich Aladdin schon nach dem Sommer. Da hatte das Eisboot im Hafen geöffnet und der ganze Ort war voller Menschen. Im Winter wurde Åhus so dunkel und still.

Weder Billie noch Aladdin waren sonderlich gute Schlittschuhläufer, aber es machte trotzdem Spaß. Als sie gerade an einem der Restaurants am Hafen vorbeigefahren waren, kamen zwei größere Jungs viel zu schnell angesaust. Ehe Aladdin sich’s versah, kriegte er einen Schubser, verlor das Gleichgewicht und landete bäuchlings auf dem harten und kalten Eis.

»Passt doch auf!«, rief Billie wütend, doch die großen Jungs lachten nur und fuhren weiter.

»Idioten«, murmelte Aladdin und rappelte sich hoch.

Als er die Beine streckte, taten ihm die Knie weh.

»Hast du dir wehgetan?«, fragte Billie besorgt.

»Ach, ist schon okay«, sagte Aladdin und bürstete sich den Schnee von den Kleidern.

In diesem Moment bemerkte er den Jungen mit den kurzen Hosen wieder. Auf einer Anhöhe hinter den Restaurants lagen die Reste einer mittelalterlichen Burg. Der Junge stand oben auf der hohen Burgmauer und schaute über das Eis.

»Da!«, sagte Aladdin und streckte den Finger aus. »Siehst du ihn? Den Jungen da oben auf der Mauer?«

Billie sah hin.

»Nein«, antwortete sie, »ich sehe keinen Jungen.«

»Bist du blind oder was?«, fragte Aladdin und sah sie verärgert an. »Da steht er doch, auf der Burg!«

Er zeigte wieder dorthin. Als er ausatmete, kam Nebel aus seinem Mund.

Ganz still stand er auf dem Eis und ließ den Arm sinken.

Der Junge war verschwunden. Schon wieder.

3.

Das Essen duftete nach Knoblauch. Aladdins Eltern hatten Reis und Hühnchen aus dem Restaurant mitgebracht, und als Aladdin wieder zu Hause war, wurde gegessen. Weil er so mit dem verschwundenen Jungen beschäftigt gewesen war, hatte er völlig vergessen, dass die Eltern ja irgendetwas mit ihm besprechen wollten, doch jetzt fiel es ihm wieder ein.

Eine seltsame Stille herrschte um den Esstisch. Überhaupt war es ungewohnt, dass sie alle drei gemeinsam aßen. Das hatten sie lange nicht getan, denn Mama und Papa arbeiteten nahezu die ganze Zeit.

Schließlich sagte Aladdins Mutter:

»Aladdin, sag mal, wir müssen dich etwas fragen … Hast du Essen aus dem Restaurant genommen?«

Aladdin war so erstaunt, dass er kaum wusste, was er sagen sollte.

»Nein«, erwiderte er. »Warum sollte ich?«

Er wusste, dass er nicht einfach so Essen aus dem Restaurant mitnehmen durfte, sondern immer erst um Erlaubnis fragen musste. Und das tat er auch.

»Du musst wissen«, sagte sein Vater und jetzt schienen die Worte ihm leichter über die Lippen zu kommen, »aus der Restaurantküche ist Essen verschwunden.«

»War das viel?«, fragte Aladdin.

»Ziemlich viel«, sagte seine Mutter. »Erst haben wir nicht groß darüber nachgedacht, aber heute waren plötzlich die Mirja-Fleischbällchen weg. Und das war gar nicht gut, denn da mussten die Leute warten, bis ich neue gemacht hatte.«

Mirja-Fleischbällchen nannten seine Eltern die Fleischbällchen, die nach dem Rezept von Aladdins türkischer Großmutter gemacht wurden. Da viele ihrer Gäste diese Fleischbällchen besonders mochten, sorgte der Vater immer dafür, dass ein ordentlicher Vorrat davon im Kühlschrank war.

»Das ist doch wirklich komisch«, meinte Aladdin. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Glaubten seine Eltern, dass er zum Dieb geworden war? Das fühlte sich gar nicht gut an.

»Warum glaubt ihr denn, dass ich das Essen genommen habe?«, fragte er. »Das kann doch jeder gewesen sein.«

Seine Eltern fingen sofort an, sich gegenseitig ins Wort zu fallen, sodass er kaum noch verstand, was sie eigentlich sagten.

»Es ist nur, dass das jetzt schon mehr als eine Woche so geht«, sagte seine Mutter. »Essen, das am Abend noch im Kühlschrank steht, ist am nächsten Morgen weg. Und es gibt nicht viele, die nachts Zugang zur Küche haben.«

Das stimmte natürlich. Die Einzigen, die ins Restaurant konnten, wenn es geschlossen war, waren Aladdins Eltern und er selbst. Doch dann fiel ihm etwas ein.

»Mats hat doch auch einen Schlüssel.«

Mats war das »Mädchen für alles« im Restaurant. Er kaufte ein, putzte und spülte. Manchmal reparierte er auch Sachen.

»Daran haben wir auch schon gedacht«, meinte sein Vater. »Aber du weißt doch, Mats ist loyal. Er würde so etwas nicht tun.«

Da konnten sie nicht so sicher sein, dachte Aladdin.

»Vielleicht hat er jemandem den Schlüssel ausgeliehen?«, schlug Aladdin vor. »Jemandem, der dann gestohlen hat, ohne dass Mats etwas davon wusste?«

Seine Eltern sahen beunruhigt aus.

»Vielleicht ist das so«, sagte sein Vater. »Aber dann möchte ich gerne wissen, warum er unsere Schlüssel an einen Fremden ausleiht.«

Seine Mutter sah Aladdin mit freundlichem Blick an.

»Ich hatte fast gehofft, dass du es gewesen bist, der das Essen genommen hat, mein Lieber«, sagte sie. »Ich dachte, dass du vielleicht einen Freund mit Problemen zu Hause hast, dem du helfen willst. Aber so war es also nicht.«

Nein, so war es nicht.

Aladdin saß eine Weile schweigend da. Er hatte das Gefühl, als würden seine Eltern etwas vor ihm verbergen, etwas, das größer war als die Sache mit dem verschwundenen Essen.

»Ist noch mehr passiert?«, fragte er schließlich.

Seine Eltern sahen einander an und dann zu Aladdin.

»Na ja«, sagte sein Vater. »Vielleicht. Oder … das ist nichts, worüber wir zu viel reden sollten. Aber du weißt doch, dass wir in der letzten Zeit Probleme gehabt haben. Mit dem Geld, meine ich.«

Aladdin nickte.

»Deshalb haben wir das Haus und das Boot verkauft«, ergänzte er.

»Genau«, sagte seine Mutter. »Es ist nur so, dass die Dinge nicht wirklich besser geworden sind. Eher schlechter.«

»Schlechter?«

»Wie gesagt, davon wollen wir nicht reden«, warf sein Vater rasch ein.

»Aber …«, begann Aladdin.

Seine Mutter schüttelte den Kopf.

»Das sind Erwachsenendinge, Aladdin«, sagte sie. »Nichts, worüber du dir Gedanken machen musst. Denk lieber über die Sache mit dem Essen nach und sag Bescheid, wenn du eine Idee hast, wer es genommen haben könnte. Wenn wir nicht all die anderen Probleme hätten, dann könnten wir über so einen Essensdieb direkt lachen, aber jetzt kommt uns das alles viel schwerwiegender vor.«

Aladdin wollte eben sagen, dass sie sich täuschten und dass es überhaupt nicht nur ein Erwachsenending war, wenn ihnen das Geld ausging. Doch dann musste er wieder an die Sache mit dem Essen denken, und plötzlich fiel ihm ein, dass er jemanden wusste, der vielleicht der Dieb sein könnte.

»Als ich heute zum Schlittschuhlaufen gegangen bin, habe ich einen Jungen gesehen«, erzählte er. »Er hatte kurze Hosen an, obwohl es so kalt war, und stand draußen im Schnee. Vielleicht hat er das Essen gestohlen?«

»Ein Junge? In kurzen Hosen?«, wiederholte sein Vater bedächtig.

Aladdin nickte.

»Ich habe ihn zweimal gesehen, erst unten im Garten und dann beim Fluss. Er stand auf der Burgmauer.«

Seine Mutter glättete ihr Haar, sodass keine Strähnen mehr aus dem Zopf fielen.

»Vielleicht ist das eines der Kinder von dem Flüchtlingsboot«, meinte sie. »Die wohnen ja immer noch dort, all die armen Menschen.«

Aladdins Vater sah fast erleichtert aus.

»Sag Bescheid, wenn du ihn das nächste Mal siehst«, sagte er, »dann können wir mit ihm reden. Ich gebe ihm gern alles Essen, das ich übrig habe, aber es ist besser, wenn er nicht stiehlt. Wenn er es nun war.«

»Aber wie sollte er denn reinkommen?«, fragte Aladdins Mutter. »Die Tür ist abends und nachts doch abgeschlossen.«

»Vielleicht geht er rein, während sie noch auf ist, und versteckt sich dann im Turm, bis wir uns alle schlafen gelegt haben. Hier gibt es doch jede Menge Verstecke.«

»Uh«, sagte seine Mutter. »Ist ja in Ordnung, wenn es nur Kinder sind, die hier herumgeistern, aber das ist wirklich etwas, das wir bedenken sollten: dass die Leute nach dem Abschließen noch im Turm sein können.«

Aladdin fuhr ein Schauer über den Rücken. Jemand schlich nachts in den Turm und stahl Essen. Konnte das wirklich der Junge in den kurzen Hosen sein?

Eigentlich egal, wer das war, entschied er.

Jemand verschaffte sich Zutritt zu ihrem Turm, zu ihrem Zuhause. Ohne um Erlaubnis zu bitten.

Jemand nahm Dinge aus ihrem Restaurant.

Das war nicht nur falsch, sondern auch noch unverschämt.

4.

Eine Woche verging und das Wochenende kam. Aladdin und Billie saßen in Aladdins Zimmer und aßen Süßigkeiten. Draußen schneite es und keiner von beiden hatte Lust, rauszugehen. Aus dem Restaurant war noch mehr Essen verschwunden. Aladdin hatte keine Spur mehr von dem Jungen in den kurzen Hosen entdeckt und fing langsam an, sich zu fragen, ob er sich das alles vielleicht nur eingebildet hatte.

»Dann also ein Dieb?«, fragte Billie. »Ein richtiger?«

Sie hatten sich die ganze Woche nicht gesehen. Aladdin war voll und ganz mit Schule und Hausaufgaben, Klavierstunden und Modellflugzeugen beschäftigt gewesen. Was Billie gemacht hatte, wusste er nicht, aber bestimmt hatte sie auch Hausaufgaben aufgehabt. Und eine Menge Bücher gelesen. Aladdin kannte niemanden, der so viel las wie Billie.

»Ja«, sagte Aladdin. »Es stimmt. Irgendjemand schleicht sich nachts in unseren Turm und stiehlt Essen. Sie glauben, dass es vielleicht eines der Flüchtlingskinder vom Boot ist.«

»Habt ihr die Polizei gerufen?«, fragte Billie.