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(ÜBER-)LEBEN IM SCHATTEN DES EWIGEN EISES – EINST UND HEUTE Das LEBEN IN HOCHALPINEN LAGEN war und ist ein Leben der EXTREME. Den NATURKATASTROPHEN und ihren Auswirkungen ausgesetzt, entwickelten die Menschen KULTURELLE STRATEGIEN, mit denen sie auf die Folgen von Klimazyklen reagierten. Während zwischen 1650 und 1850 die "KLEINE EISZEIT" für Gletschervorstöße, Muren, Überschwemmungen und Lawinen sorgte, ist es seit 1850 die KLIMAERWÄRMUNG, die das Leben im hochalpinen Raum beeinflusst. Franz Jäger untersucht die Auseinandersetzung mit der "wilden Natur" in den ÖTZTALER ALPEN – dem hinteren Ötztal, Pitztal und Passeiertal – und begibt sich auf die Spur kultureller Bewältigung. Dabei unterzieht er die EPOCHENÜBERGREIFENDEN KULTURELLEN PROZESSE einer breiten INTERDISZIPLINÄREN ANALYSE und zieht auch einen Vergleich mit dem Gebiet des Oberwallis in der Schweiz, dessen Bewohner mit ähnlichen Naturgefahren zu rechnen hatten. Im Umgang mit Naturkatastrophen in den Alpen kommt insbesondere VOLKSFROMMEN PRAKTIKEN ein herausragender Stellenwert zu, der sich in Ansätzen bis in die heutige Zeit erhalten hat. Der Autor begab sich zum Studium solcher MITTEL KULTURELLER KATASTROPHENBEWÄLTIGUNG auf eine intensive Feldforschung und eröffnet auch einen Blick auf die gegenwärtige Lage dieser Region im Schatten der Gletscher.
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Franz Jäger
Katastrophenbewältigungin den Ötztaler Alpen einst und heute
Vorwort von Roman A. Siebenrock
Einleitung – Der Reiz des Themas
Teil I
Die kleine Eiszeit und deren Auswirkungen auf den Alltag im hochalpinen Lebensraum
„Kleine Eiszeit“ – Begriff und Auswirkungen
Zum Vergleich: Wie erlebten Bewohner der Schweiz – speziell des Wallis – die Wetterkapriolen der „Kleinen Eiszeit“‘?
Hunger- und Mangelkrisen als Folgen der „Kleinen Eiszeit“ in Tirol
Zusammenhang von Klima mit ökonomischen, sozialen, politischen und religiösen Folgen
Politische Geschichte begleitet Tirol während der „Kleinen Eiszeit“
Mensch und alpine Natur – historische Entwicklung
„Der Blick von außen“
Begegnung der Erstersteiger mit Bergbewohnern – Älplern, Hirten
Natureroberung – gegenüber Abwehr von Naturgefahren
Mythos Berg – „der Blick von innen“
Gletscher-Dämonologie
Religiöse Grundhaltung als Hilfe zur Katastrophenbewältigung
Konzil von Trient – Gegenreformation – Katholische Reform
Umsetzung der Konzilsdekrete – „Religionspolizei“
Jesuiten als „Volksmissionare“ vermittelten religiöse Lebenshaltung
Die Frömmigkeit des österreichischen Herrscherhauses und der Landstände als Beispiele
Volksfrömmigkeit – Bezug zu Kirche und Liturgie
Volksfrömmigkeit und Deutung der Natur
Volksfrömmigkeit – Teil der Überlebensstrategie im hochalpinen Lebensraum – Abwehr und Bewältigung von Katastrophen
Volksfrömmigkeit – Bewertung nach dem II. Vatikanum
Volksfromme Rituale zur Katastrophenbewältigung – noch immer aktuell
Gemeinschaftliche Rituale – Geschichte und Hilfen in Krisensituationen
Zusammenschau – Volksfrömmigkeit – Funktion von Religion
Teil II
Gletschervorstöße während der „Kleinen Eiszeit“ in den Ötztaler Alpen und im Wallis – ihre Folgen und Bewältigung
Der Vernagtferner – der Dämon des Ötztales
Die Vorstoßperiode 1599 bis 1601
Die Vorstoßperiode 1676 bis 1683
Die Vorstoßperiode 1771 bis 1780
Die Vorstoßperiode von 1845 bis 1850
Letzter Ausbruch des Vernagtferners am 13. Juni 1848 – Neuerliches Elend der Bewohner
Befürchteter Stau des Vernagt-Eissees im Jahre 1866 – Kritik an der Regierung
Anwachsen des Gurgler Gletschers – Anstau des Gurgler Eissees in den Jahren 1716 bis 1724, 1771, 1834 und 1867
Maßnahmen der Verwaltung
Messen und Prozessionen gegen die Seeausbrüche im Gurgltal
Eisseeausbrüche treffen auf Vermurungen Längenfelds durch den Fischbach
Fischbach-Ausbruch am 17. Juli 1678
Hochwasser durch den Fischbach am 3. September 1701 – Mut und Gottvertrauen auch in Notzeiten
„Fischbachgelöbnis“ vom 27. Juli 1702
Vermurungen durch den Fischbach am 28. September 1776 – Abhilfe durch Andachten und „guete Werkh“
Fischbachausbruch am 3. August 1851 (Portiunkula) – Machtlosigkeit gegenüber dem Willen Gottes
Bedrohungen durch Gletscher und Muren im hinteren Pitztal
Schadenstiftende Naturereignisse im hinteren Passeiertal
Ausbrüche des „Kummersees“– Personifizierung der Wassermassen
Bedrohung des Passeiertales durch Lawinen
Zum Vergleich – Bedrohung durch vorrückende Gletscher und ihre Bewältigung im Wallis
Zusammenfassung und Vergleich
Teil III
Warmphase folgt der „Kleinen Eiszeit“ – Fortführung und Anpassung der Bewältigungsstrategien bis in die Gegenwart
Klimaerwärmung – Kulturfolgen
Klimadiskussion – bedingt geänderter Katastrophenbegriff
Katastrophen als Themen in Medien: Katastrophenberichte und -filme als Attraktion – Gefahr der Beliebigkeit
Medien übernehmen Erklärung und Deutung von aktuellen Naturkatastrophen –„Der Blick von außen“
Katastrophenberichte – religiöse Bezüge und biblisches Vokabular in säkularer Gesellschaft
Sünden – Verfehlungen nicht mehr gegen Gott, sondern gegen die Natur
Die Suche nach dem Sündenbock
Medien auf der Suche nach Schlagzeilen – Lawinen- und Katastrophentourismus
Medienberichte – Von der wilden zur schwachen Natur
Klimawandel – Folgen für das Hochgebirge
Auswirkungen der Erwärmung auf Gletscher
Auftauen des Permafrosts – eine neuartige Ursache für Naturgefahren
Gletscherseen gefährlich wie Eisseen
Folgen der Klimaerwärmung für den hochalpinen Lebensraum
Materielle Bewältigung von katastrophischen Naturereignissen durch die betroffene Bevölkerung – Übernahme durch öffentliche Stellen
Bewältigung durch Erfahrungswissen
Erfahrungswissen im Venter Tal als Beispiel
Technik und staatliche Verwaltung übernehmen Sicherung des Lebensraumes – geht Erfahrungswissen verloren?
Stauseen – neues Gefahrenpotential für den hochalpinen Lebensraum
Mentale Bewältigung von Naturereignissen durch die Bergbewohner
Formen der Volksfrömmigkeit – von der Vergangenheit zur Gegenwart
Bewahrung durch Anpassung
Kleinräumig geltende Gelöbnisse – als Ausdruck des Vertrauens auf Gottes Hilfe
Konkrete Ereignisse – Lawinenabgang gefährdet Anwesen
Die Nepomukprozession von Walten nach Wans im Passeiertal
„Sprengen von Weihwasser“ – ein hilfreiches Ritual
Vergangenheit und Gegenwart – Zusammenschau
Literaturverzeichnis
Quellenverzeichnis
Archivdokumente
Aussendungen, Korrespondenzen, Rundschreiben, Broschüren, Protokolle, Radiosendungen
Internetquellen
Zeitungsartikel
Franz Jäger hat ein von der katholischen Theologie gemiedenes Thema mit den Methoden der Ethnologie aufgearbeitet. Ich kenne keine theologisch-systematische Arbeit, die sich mit Gelöbnissen und ähnlichen Praktiken beschäftigt, die von der Kirche ja nicht nur toleriert und gutgeheißen, sondern mit entsprechender Unterstützung auch vollzogen werden. Das liegt einerseits an der bis heute im deutschsprachigen Raum kaum reflektierten Volksfrömmigkeit und andererseits wohl auch an dem „magischen Geruch“, den diese Praktiken auszuströmen scheinen.
Im magischen Verdacht standen diese Praktiken auch in anderen Wissenschaften. Umso begrüßenswerter ist es, dass sich die Ethnologie von solchen Perspektiven befreit hat und sich mit ihren Mitteln ins Feld wagt. Das hat der Autor in vorbildlicher Weise getan und dabei erstaunliche und bedenkenswerte Ergebnisse erzielt. Vor allem seine Weise, die handelnden Personen selbst zu Wort kommen zu lassen, kann nicht hoch genug geschätzt werden.
Ich möchte auf einige Einsichten und Erkenntnisse hier hinweisen, die diese Arbeit, die auch eine enorme historische Aufgabe glänzend bewältigt hat, zur Diskussion stellt. Bis heute gehen die Initiativen zu diesen Segnungen und Wallfahrten von den Menschen in den Tälern aus. Schon früher war der Klerus eher skeptisch. Diese Riten haben die eigenen Anstrengungen nie ersetzen oder gar überflüssig machen wollen. Gut benediktinisch: ora et labora! Immer wieder betonen die historischen Quellen den Segen von oben, bei allem Einsatz und aller Anstrengung. In diesen Texten spiegelt sich, modern gesprochen, also ein bewusster Umgang mit Kontingenz. Diese Praktiken sind aber nicht nur Handlungen aus längst vergangenen Zeiten, sondern werden auch durch neue Erfahrungen und Initiativen belebt. Der Autor verweist im Pitztal auf das Jahr 1999, als in Galtür die Lawinen viele Opfer forderten, während im Nebental selbst trotz dutzender Lawinen keine Opfer zu beklagen waren. Es regte sich spontan Dankbarkeit und die alte Tradition wurde als Dankeswallfahrt des Tales erneuert.
Besonders angesprochen hat mich angesichts des Klimawandels die Initiative der Gemeinde Fiesch im Wallis, das alte Gelöbnis umzuwidmen. Da der Bischof die Bittenden auf den Papst verwies, der ja schon in früheren Zeiten das Gelöbnis anerkannte, wandte sich die Gemeinde an Papst Benedikt XVI. Der von ihm gezeichnete Brief ist ein beispielhaftes Dokument für den adäquaten Umgang mit solchen Traditionen heute. Auch die vom Autor in diesem Kontext dokumentierten Interviews und Gespräche unterstreichen die Einsicht, dass diese Menschen nicht hinterwäldlerisch sind, sondern auf ihre Weise mit den lebensbedrohlichen Erfahrungen umzugehen suchen, ohne die Gemeinschaft zu zerstören. Wir können diese Menschen vielleicht nur verstehen, wenn wir bereit wären, in dieser extremen Landschaft auch wirklich zu leben. Touristen und Tagesgäste, und seien es wissenschaftliche Koryphäen, sehen wohl immer wieder daran vorbei.
Eine letzte Einsicht möchte ich noch erwähnen. In unserem Medienzeitalter sind wir es gewohnt, nach Schuldigen zu suchen. Das ist das tägliche Geschäft der Medien, weil wir es kaum aushalten, Schicksal und Tragödie, also pure Kontingenz, anzunehmen. Die vom Autor dargestellten Riten sollten deshalb gerade heute mehr geschätzt werden, weil sie sich an diesem beliebten Sündenbock-Spiel nicht beteiligen und alle in eine Solidargemeinschaft hineinnehmen. Es mag für uns fremd klingen, aber gerade das Bekenntnis, als Sünder vor Gott zu stehen und um seinen Segen zu bitten, ermöglicht eine tiefe Solidarität, die auch zu gemeinsamen Anstrengungen führt.
Dies sind nur einige der für mich wichtigsten Einsichten, die ich von der vorliegenden Arbeit lernen durfte. Sie hat auch mir neu die Augen geöffnet. Ich hoffe, dass sie nicht nur in der Ethnologie, sondern auch in der Theologie eine neue Sicht auf Volksfrömmigkeit und die Alltagsweisheit von Menschen in extremen Lebenslandschaften eröffnen kann.
Roman A. SiebenrockProfessor für Systematische Theologie, Innsbruck
Eine Notiz zum Fischbachgelöbnis aus dem Jahre 1702 in Längenfeld führte zu Überlegungen und Nachforschungen, mit welchen kulturellen Strategien Menschen während der „Kleinen Eiszeit“ im hochalpinen Lebensraum existieren konnten. Klimazyklen ziehen Kulturfolgen nach sich. Eine Abkühlung des Klimas zwischen 1550 und 1850, heute als „Kleine Eiszeit“ bezeichnet, löste im hochalpinen Raum bis dahin unbekannte Naturerscheinungen aus, wie Gletschervorstöße mit Muren, Überschwemmungen und Lawinen. Dazu haben sich die ohnehin harten Lebensbedingungen durch Kriege, Hungersnöte und Seuchen potenziert. Für die Analyse wurde der hochalpine Lebensraum in den Ötztaler Alpen gewählt – geografisch eingegrenzt auf das hintere Ötztal, Passeiertal und Pitztal. Dieser Raum wird als geografisch und kulturell zusammengehörige Region gesehen. Schließlich haben zwischen diesen Tälern schon immer Verbindungen bestanden, wie Forschungen zum „Eismann“ zeigen. Außerdem erweckten die furchterregenden Gletscherbewegungen dort bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Interesse von Fachleuten. Aussagekräftige Dokumentationen, Chroniken, von Zeitzeugen verfasst, zeigen die Befindlichkeit der betroffenen Bevölkerung, offenbaren ihre Gefühle von Angst und Furcht.
Es lag nahe, Vergleiche anzustellen: Haben Bewohner anderer Alpenregionen ähnliche Bewältigungsstrategien gefunden? Dafür eignete sich das Gebiet des Oberwallis, da dort die Bevölkerung gleichen Naturgefahren ausgesetzt war. Die Auseinandersetzung mit der „wilden Natur“ war in diesen hochalpinen Regionen geboten, weil den Bewohnern keine Alternative offenstand, sie waren sozusagen an Grund und Boden gebunden.
Der Abkühlungsphase während der „Kleinen Eiszeit“ wurde die „Klimaerwärmung“ seit den 1850er-Jahren gegenübergestellt. Auf diesen dynamischen Wandel mussten und müssen die Bewohner reagieren. Die Bewohner sehen sich in einer ähnlichen Lage wie während der Kaltphase: Sie sind wiederum gezwungen, auf klimabedingte Schadensereignisse zu reagieren, um im hochalpinen Raum überleben zu können. Zusätzlich zu den bisherigen Bedrohungen durch Lawinen, Muren und Überschwemmungen treffen in der Warmphase wiederum bisher nicht bekannte Gefahren hochalpine Siedlungen. Wurden nun Bewältigungsstrategien in der aktuellen Warmphase neu entdeckt oder konnte man auf Phänomene aus der „Kleinen Eiszeit“ zurückgreifen? In welcher Form wurden sie allenfalls weiterentwickelt?
Katastrophenszenarien wurden bisher durchwegs als Einzelereignisse gesehen. Kaum jedoch wurden sie als epochenübergreifende Kulturzyklen einer breiteren Analyse unterzogen. Diesem Aspekt widmet sich die vorliegende Arbeit, wobei eine Vernetzung mit anderen Wissenschaftszweigen, wie jenen von Geschichte, Ethnologie/Volkskunde und vor allem der Theologie, hilfreich war. Ausgangspunkt ist die naturwissenschaftliche Erklärung der Gletschervorstöße in einer Phase der Klimaabkühlung. Die Darstellung wird verbreitert, weil wirtschaftliche Folgen der Kaltphase sowie gleichzeitig politische Umbrüche und Kriege die Situation im hochalpinen Lebensraum zusätzlich verschlimmert haben. Es gilt auf das Welt- und Naturbild einzugehen, das die Bewohner in den Hochtälern beherrschte. Diese Mensch-Natur-Beziehung prägte kulturelle Strategien entscheidend mit. Den volksfrommen Praktiken zur Bewältigung der Naturkatastrophen kam ein besonderer Stellenwert zu, weshalb „Volksfrömmigkeit“ interdisziplinär dargestellt und in Verbindung zu einem funktionalen Religionsbegriff interpretiert wird.
Zu den natürlichen Bedrohungen kommen in der Gegenwart solche durch technische Einrichtungen, wie z. B. Stauseen im Siedlungsraum der Hochtäler. Damit in Zusammenhang steht ein verändertes Naturbild: ein Wandel von der drohenden zur bedrohten Natur. Die Volksfrömmigkeit steht nach wie vor in Verbindung mit den Bedrohungen aus der Natur. Gelöbnisse aus vergangener Zeit gelten weiter, sie erhalten – wiederum vom Kirchenvolk ausgehend – einen der Gegenwart angepassten Inhalt. Nach wie vor gepflegte Rituale – in ihrer äußeren Form oft als Folklore bezeichnet oder dem Aberglauben zugerechnet – werden auf ihren geistigen Gehalt hin gedeutet und verständlich gemacht. Die Befragungen von Personen aus allen Bevölkerungsgruppen im Ötztal, Pitztal, Passeiertal und dem Wallis wurden meist begleitend zu kirchlichen Anlässen oder bezugnehmend auf Schadensereignisse durchgeführt. Durch Ergänzungen von Interviews konnten Ergebnisse vertieft werden. Nur so war es möglich, Emotionen zu dokumentieren. Wie reagiert der Mensch auf Sorge, Furcht oder Angst? Die Feldforschung in der Gegenwart ist für diese Studie deshalb so hilfreich, weil sie Rückschlüsse auf das Denken der Menschen in der Vergangenheit freigibt.1 Dazu konnten Archivquellen, Artikel aus historischen Zeitschriften, Reiseberichte, Kirchenrechnungen, Auszüge aus Verkündbüchern und Pfarr- und Gemeindechroniken, Sagen sowie historische und aktuelle Abbildungen die Ergebnisse der Arbeit untermauern.
1 Aus Gründen des Datenschutzes wurden die Namen der Interviewpartner anonymisiert, konkrete Daten liegen beim Autor auf.
Der Begriff „Kleine Eiszeit“ charakterisiert die Klimasituation im Zeitraum von 1550 bis 1850, die durch eine „markante Abkühlungsphase zwischen dem mittelalterichen Wärmeoptimum und dem modernen Treibhausklima“ gekennzeichnet war. Der Begriff geht auf eine Wortschöpfung des amerikanischen Glaziologen François Matthes (1875–1949) zurück, der in den 1930er-Jahren die Gletschervorstöße in den Alpen, Nordamerika und Skandinavien als „the little ice-age“ bezeichnete.2 Die „Kleine Eiszeit“, als Zeitraum der Gletschervorstöße zwischen 1550 bis 1850, wurde zu einem festen Begriff.3 Gernot Patzelt hält die Benennung der Periode vom beginnenden Vorrücken der Gletscher Ende des 16. Jahrhunderts bis zu dessen Abklingen gegen 1850 als „Gletscherhochstandsphase der Neuzeit“ für sinnvoller.4 Für Christian Pfister ist diese fragliche Zeitspanne durch markante „Klimaanomalien“5 gekennzeichnet. Man begegnet in dieser Phase Kälte- und Wärmeperioden, Trockenheit und niederschlagsreichen Jahren. Die Bezeichnung „Kleine Eiszeit“ darf daher nicht missverstanden werden, es ist nämlich nicht von einer „konstanten Abkühlung“ auszugehen, sondern von einer „vorherrschenden Tendenz“.6 Als Ursachen für die „Kleine Eiszeit“ sind nach aktuellem Wissensstand eine verminderte Sonnenaktivität und verbreiteter Vulkanismus verantwortlich.7 Über die Klimabewegungen während der „Kleinen Eiszeit“ im Alpenraum hat Christian Pfister umfangreiche Untersuchungen angestellt, auf die beispielhaft zurückgegriffen wird.8 Auszüge aus Chroniken sollen veranschaulichen, wie die Bewohner die Unbilden der Natur erlebt haben.
Die Periode des 16. Jahrhunderts
Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts konnten phasenweise zu kalte und zu warme Winter, kühlere Frühjahrsmonate, kühlere und feuchtere Sommer rekonstruiert werden. Das klimatisch günstigere mittlere Drittel führte zu einem „Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft“. Das Gegenteil kennzeichnet das letzte Drittel dieses Jahrhunderts: Die Klimaverhältnisse änderten sich „in einer für die menschliche Existenz ungünstigen Weise“. Die Temperatur ging in allen Jahreszeiten um mehr als 1° C zurück, in den Erntezeiten nahm die Niederschlagstätigkeit zu. So wird für die Periode 1585–1597 für ganz Europa von einer „spürbaren Klimaverschlechterung“ gesprochen. Die Gletscher nahmen an Masse und Ausdehnung rasch zu, stießen mit Geschwindigkeit in die Lebensräume vor, kalte Nordwinde waren permanent, in den Sommern fanden sich „wärmebringende Azorenhochs“ selten. Diese allgemeine Klimalage findet in Chroniken ihren Niederschlag.
– 1534: Im Sommer herrschte eine solche Dürre, dass „alles ausgedörrt und verbrannt worden ist. Diese langanhaltende Hitze und Trockenheit hat an vielen Orten großen Hunger verursacht.“9
– 1541: Im Jänner haben in Matrei am Brenner die Kirschen geblüht, im Mai war das Getreide bereits geerntet. Man konnte neuerlich Saat ausbringen und um Mariae Geburt wieder ernten.
– 1542: Das ganze Jahr über herrschte Winter, man konnte nichts anbauen.10
– 1549: Um Georgi brach in Ellbögen die Pest aus, bis Weihnachten wurden 178 Tote begraben.11
– 1556: Um das Jahr 1556 brach „ein solches Sterben aus, daß der größte Teil der Bevölkerung hier ausgestorben ist“. Die Folge des großen Sterbens war ein Wertverfall der Alpen und Güter.12
– 1572: Vierter Ausbruch (Ausbrüche vorher: 1419, 1503, 1512) des Kummersees im hinteren Passeiertal mit Verwüstungen in der Stadt Meran.13
– 1599/1601: Erste Vorstoßperiode des Vernagtferners und Ausbruch des „Rofner Eissees“ im Hinterland von Vent.14
Die Periode des 17. Jahrhunderts
Bis ca. 1630 setzte sich die Klimasituation des letzten Drittels des 16. Jahrhunderts fort: „verspätete Frühjahrsperioden, häufige Kälterückfälle im Sommer, unfreundliche Herbste“, allerdings wärmere und feuchtere Winter. Die Jahre von 1631 bis 1683 waren durch Trockenheit gekennzeichnet. Insgesamt stellt Christian Pfister für diese Periode eine für Landwirtschaft und Bevölkerung günstige Situation fest.
Allerdings nennt er das letzte Drittel den „Höhepunkt der Kleinen Eiszeit“.15 Unter dem Einfluss einer „abgeschwächten Sonnenaktivität“ stehen wir vor einem Temperatursturz, der alle Jahreszeiten mit Ausnahme der Sommer betroffen und vor allem frost- und schneefreie Perioden verkürzt hat. Niederschlagsarmut in den Wintern verhinderte ein weiteres Vorrücken der Gletscher. Das Klima führte zu Hungersnöten, die durch zahlreiche Kriege und Seuchen verschärft wurden. Wie haben Bewohner Tirols dieses Jahrhundert erlebt?
– 1604: Im Juni ging in Matrei und Gericht Steinach „ain Hochgewitter“ nieder, das „alles in den Erdboden hinein geschlagen“ hat. Man hat einen Kreuzgang verlobt – es ist eine „große Teuerung entstanden“.16
– 1611: „Große Pestillenz in Tyroll“ – in Matrei wurden 350 Tote beerdigt, im Navistal überlebten fünf Ehepaare.17
– 1623: „1623 ist ain so kalter Summer und Jahr gewesen, das in kainen Tal nichts abgeraift.“ Um Martini standen noch Strohschöber auf dem Felde, es herrschte eine solche Not, dass das Bohnenstroh gemahlen und daraus Brot gebacken wurde. Getreidemehl war teuer und Mangelware. Ein Dorfbewohner hat um 100 fl. Brot von Kufstein auf einer Kraxe nach Matrei getragen.18
– 1628: Der überstrenge Winter 1627/1628 veranlasste die Bewohner des Pfitschertales zu einem Gelöbnis. Sie hielten das schon lange Zeit andauernde kalte, feuchte, grobe Schneewetter und den Frost, wodurch sie „großen Schaden, Verlust und Mangel an […] lieben Früchten der Erde und jahreszeitlicher Nahrung erlitten“ haben, für eine Strafe Gottes.19
– 1630: Das „Galtürbüchlein“ berichtet: „[…] Abermals [hat sich] eine grausame Seuche erhoben, und es starben zwischen Imst und Meran gar viele tausend Menschen.“ Auch im Jahr 1635 „erhob sich abermals hier ein Sterben“.20
– 1630: Um Jakobi ist im Wipptal so viel Schnee gefallen, dass man den ganzen Tag mit dem Schlitten Mist auf die Felder bringen konnte. Das Vieh musste von den Almen abgetrieben werden.21
– 1652: „… haben sich die fruchtbaren Jahre angefangen. Gott sey Lob und Dank!“22
– 1668: In diesem Jahr gab es einen „schweren Winter“. Ställe, Städel und „viel Vieh“ wurden „verlahnt“.23
– 1670: Erdbeben mit mehreren Nachbeben im Wipptal mit zahlreichen Toten.24
– 1676–1683: Vorstoß des Vernagtferners mit Ausbrüchen des Eissees in den Jahren 1678, 1679 und 1680.25
– 1678: Überschwemmung des Ortes Längenfeld durch den „Fischbach“ am 17. Juli.26
– 1678: Im Juli ließ ein lang anhaltender Regen die Gewässer dermaßen anschwellen, dass alle Brücken, Stege, die St.-Martins-Kapelle, fünf Häuser, Ställe und Speicher weggerissen, viele Güter „ruiniert und verdorben“ wurden. Die Fluten haben auch an „Mähdern und Alpen großen Schaden angerichtet“.27
– 1683–1695: Im Paznauntal musste für den Landesfürsten massiv Holz geschlägert und zur Saline nach Hall getriftet werden.28
In dieser Zeit wird in Galtür beklagt, dass es „nicht nur bei der ordentlichen Steuer“ verbleibt. Es gibt zusätzlich „fortwährend Extra- und Vermögenssteuern“.
Außerdem müssen die Galtürer wegen der „großen Durchmärsche hin und zurück aus Italien“ alle Jahre große Geldsummen entrichten, „was alles zusammen mit den teuren Zeiten, den erfolgten großen Schäden, den Seuchen, den unfruchtbaren Jahren, die Gemeinde (Galtür) ins wirkliche Verderben bringt. Wir wollen also den gütigen Gott um Besserung bitten“.29
– 1686: Es gab einen frühen und guten Sommer, sodass „alles um einen Monat früher dran war“.30
– 1689: Ein abermals „überaus schwerer Winter“ suchte Galtür heim. Schon früh im Herbst setzte Schneefall ein, am Lichtmesstag „machte es erneut viel Schnee und dieses Wetter währte bis zum 4. Februar“. Nörderberg- und Sonnenberglawinen zerstörten zahlreiche Häuser, Ställe, Städel, „Vieh und Rösser“. 29 Personen fanden in den Lawinen den Tod.31
– 1694 und 1695: Zwei kalte und nasse Jahre, die Viktualien (Lebensmittel) gerieten schlecht. Im September 1695 schneite es große Mengen. Der Schnee war so „urplötzlich eingefallen, dass viel Vieh auf den Alpen und Bergen verbleiben mußte und Hungers gestorben ist“. Die Kälte hielt vierzehn Tage an, wurde dann von einem „leichten Winter“ abgelöst.32
– 1699: Im März „erhob sich abermals rauhes Wetter“, es fiel unglaublich viel Schnee. Eine Lawine verschüttete Häuser, Städel und Ställe, drei Personen starben unter der Lawine.33
– 1702: Fischbachgelöbnis der Gemeinde Längenfeld nach den Zerstörungen durch Fischbach und Gletschersee-Ausbrüche.
Die Periode des 18. Jahrhunderts
Das 18. Jahrhundert beginnt mit einer bis 1730 andauernden Wiedererwärmung durch eine vermehrte Sonnenaktivität. Eingestreut waren die trockensten Sommer der letzten Jahrhunderte, Herbste erwärmten sich geringfügig, bei den Frühjahrsperioden dauerte die Wärmeperiode bis zum Jahre 1720. Für die Winter verringerte sich die Häufigkeit der „kalt-trockenen Extremfälle“. Ab den 1730er-Jahren waren alle Jahreszeiten bis weit in das 19. Jahrhundert hinein zu kalt und teilweise zu trocken. Die Frühjahre wurden frostig, in den Sommern dominierte das Westwetter. Klimakrisen traten dann auf, wenn kalte Frühjahrsperioden und nasse Hochsommer zusammentrafen.
– 1701: Neuerliche Überschwemmung Längenfelds durch den Fischbach.34
– 1709: Im Jänner fiel eine „so entsetzliche Kälte ein, wie sich auch uralte Leute nicht daran erinnern konnten“. Ganz Europa war davon betroffen, Weinstöcke, Obstbäume u. dgl. erfroren und mussten „ausgeräutet“ werden. Die Kälte ließ Böden einfrieren, sodass die gesäten Feld- und Winterfrüchte abstarben. Diese Kälte „hat auf Jahre hinaus viel Schaden angerichtet“.35
– 1716–1724: Vorstoß des Gurgler Ferners, Aufstau des „Gurgler Eissees“.36
– 1720: Am 18. Feber brachte ein plötzlicher Wintereinbruch viel Schnee, am Weg zur Hl. Messe wurden drei Personen getötet. Eine halbe Stunde später starb eine Frau unter einer weiteren Lawine, die zudem ein Haus bis auf die Grundmauern mit Stall und Vieh „ruinierte“.
Im Unterengadin wurden sechsundzwanzig Häuser zerstört, dreißig Personen und circa hundert Stück Vieh kamen ums Leben. „An diesem Tag gab es ein so unerhörtes Wetter, wie es seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist.“37
– 1728: Am 18. September schneite es so stark, dass das gesamte Vieh acht Tage hindurch gefüttert werden musste. Dieser Schnee war für den Ort und das ganze Tal sehr schädlich.
In diesem Jahr herrschte auf den Feldern eine Mäuseplage, sodass der Heuertrag gering war. Dazu dauerte der Winter sehr lange, das Frühjahr kam spät in das Land. Die Folge war, dass das Vieh hungern musste, es gab wegen Heumangels im ganzen Land auch kein Futter zu kaufen. Im Montafon kam deshalb viel Kleinvieh um.38
– 1732: Im März versetzte in vielen Gegenden eine Viehseuche die Bauern in Schrecken, „doch ging – gottlob – kein Stück zugrunde“.39
– 1739: Im Jänner zerstörte wiederum eine Lawine Häuser, Ställe und Städel; Vieh und Bewohner kamen um.40
– 1762: Am 9., 10., und 12. Juli wurde Galtür von schweren Hochwasser- und Murenschäden getroffen. „Die löbliche Pflegsgerichtsbarkeit zu Nauders“ ordnete nach Augenschein und Besichtigung eine Schätzung der Schäden an.41
– 1764: Extreme Klimafolgen sind der Pfarrchronik Längenfeld zu entnehmen: Von November bis Ostern 1765 herrschte extreme Kälte, dass nicht nur Vögel und Wild, sondern auch mancherorts „das viche in Ställen erfroren ist. Ja wohl gar das man an unterschiedlichn orthen erfrorene Leüth sowohl in Betten als auf den Weiten Toden angetroffen.“ Milch und Wein sind in an sich warmen Kellern, das Wasser in warmen Stuben gefroren. Wein und Wasser sind während des Messopfers eingefroren. In Innsbruck müssen Menschen wegen Holzmangels Tag und Nacht in den Betten bleiben und sich das „Essen zutragen lassen“.42
– 1766: „Zu anfang dises Jahrs melden sich die hizigen Fieber an villen orthen an und wurden von Tag zu Tag heftiger.“ Zahlreiche Erwachsene und Kinder sind daran laut Totenregister verstoben. Insgesamt wurden 141 Versehgänge besorgt.43
– 1770–1771: Anwachsen des Gurgler Eissees.44
– 1771–1780: Weitere Vorstoßperiode des Vernagtferners und Entleerungen des aufgestauten Eissees in den Jahren 1773 und 1774.45
– 1774: Letzter Ausbruch des Kummersees mit hunderten Toten und Verwüstungen in der Stadt Meran.46
– 1776: Vermurung Längenfelds durch den Fischbach.47
Die Periode bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
Eine kalte und trockene Periode prägte den Beginn des 19. Jahrhunderts. Vulkanausbrüche, wie jener des Tambora im Jahre 1815, und geringe Sonnenaktivität hatten zur Folge, dass alle Jahreszeiten bis 1820 „erheblich zu kalt und zu trocken“ waren, vor allem die Sommer. Am kältesten war das Jahr 1816. Neben einem kühlen und regenreichen Sommer soll es insgesamt nur sieben schöne Tage gegeben haben, wiederholt hat es bis in die Täler geschneit. Überschwemmungen, Hagelschläge und „verheerende Stürme“ verursachten in ganz Mitteleuropa einen Misswuchs. Das Heu verfaulte auf den Feldern, Getreideernte und Obst blieben aus, Teuerung und Hungersnot folgten.48 Die Kälte zwischen 1810 und 1820 begünstigte rasche Gletschervorstöße, die zwischen 1855 und 1860 ihr Maximum (vergleichbar mit jenem um 1600) erreichten. Ab 1835 folgte eine vermehrte Niederschlagstätigkeit im Sommer und Herbst. Insgesamt war dieser letzte Abschnitt der „Kleinen Eiszeit“ durch einen Rückgang der Temperaturen, besonders im Winter, sowie „grosse Niederschlagsüberschüsse in allen Jahreszeiten außer im Winter“ gekennzeichnet.
Die Periode 1812–1860 bezeichnet Christian Pfister als die kälteste seit dem Jahre 1520. Trockenen und ab 1815 schneereichen Wintern folgten späte Frühjahre, die Sommer bis 1816 bezeichnet er als „Eiszeitsommer“. Die Schneedecke oberhalb 1800–2300 m Seehöhe blieb in manchen Jahren ganzjährig erhalten, was Auswirkungen auf Grasnarben und Ertragsfähigkeit der Almen zeitigte.49 Dazu Berichte aus Chroniken und Zeitungen:
– 1813–1816: Diese Jahre waren durch Kälte geprägt, „das liebe Korn wenig zu prauchen gewest“. Im Jahre 1816 hat es im Sommer von „Jörgi bis Micheli 17 mahl ins Velt geschniben auch darauf völig gefrohren gewest, das das Korn so auf den Böden gewest gar nicht zu prauchen gewest“. Roggen und Mais waren äußerst teuer, trotzdem musste man bitten, um Getreide zu bekommen. Daraus wird die Bitte, in der Chronik niedergeschrieben, verständlich: „Got behite uns vor so deirer zeit.“50 Im folgenden Winter haben die Lawinen „grausamb schaden gedan“. In Moos wurden vier Häuser mit zehn Bewohnern, allem Vieh, Ställen und Städeln zerstört. Am 28. Februar haben im Pitztal, Sellrain und im „Söldenthall“ Lawinen „Heiser sambt Leit und Vich […] zu Grunt gerichtet“. Es lag so viel Schnee, dass die Bewohner von Längenfeld und Sölden am 25. April (Markustag) auf ihrem Bittgang nach Gries keinen Zaun und keine Zaunsäulen zu Gesicht bekamen. „Die dicktisten Göbwinten seint 11 Schuh (3,3 Meter)“ gewesen.51 Die Bewohner von Ötz unternahmen am selben Tag jeweils einen Bittgang nach Stams. Im Jahre 1816 konnte „der Kreuzträger der Ötzer im Haimingerfelde noch das Kreuz im Harst (gefrorener Schnee) aufstecken“.52 Durch die lang andauernden Kriegswirren, insbesondere des Jahres 1809, trat in Tirol eine allgemeine Verarmung ein.53
– 1816/17 – Das Hungerjahr: „Das Jahr 1816 war ein Unglücksjahr sondergleichen.“ Getreidepreise stiegen auf das Achtfache; das Brot, kleiner, teurer und schlechter, wurde aus Kleie gebacken, mit gehackten Brennesseln, Heublumen, Erbsen, Kastanien, gemahlenen Wicken und gestoßenen Baumrinden gestreckt. In Ernberg soll sogar für eine tote Maus bezahlt worden sein.54 „Brennesesseln und Plötschen (große Kräuter) hat man gesotten und gegessen, jungen Klee abgemäht, in Milch gekocht und verzehrt.“ Die Kartoffeln faulten im Boden. Gerne hätte man sie als Nahrung verwendet, obwohl sie bisher vorwiegend als Futter für das Vieh dienten.55
Ein „Marienlied“ aus dieser Zeit, in Form eines Zwiegespräches mit der Mutter
Gottes, drückt die Sorgen der Menschen auf drastische Weise aus. Die erste Strophe des Liedes zeigt die Verzweiflung der Menschen in großer Not: „Muter o Wie kombt es dann, / Das du uns nicht mehr verschonst, / hast Du die Christen schon Vergessen gar? / Es seindt fast allen ort, / die feldfricht abgedorrt, / du gibst uns kein gehöhr, / Hilft uns nichts mehr.“56
– 1816: Der „Bote von Tyrol“ berichtet im Februar über eine sehr strenge Kälte (minus 17 Grad), die seit Tagen andauert. Im Gebirge liege „außerordentlich viel Schnee“, sodass die Jochgeier wegen Nahrungsmangels im Mittelgebirge während der Jagd Hunde und Hasen „wegfangen und davontragen“. Auch im Süden Tirols ist eine so große Menge Schnee gefallen, „daß sich die ältesten Leute einer ähnlichen Masse nicht zu erinnern wissen“.57
– 1817: In Obernberg wurden Brennesseln gekocht, Brot aus Kleie gebacken; wegen der schlechten Nahrung waren viele Tote zu beklagen.58
Bericht über eine seit mehreren Jahren erfolgte Missernte. Die Teuerung führt eine „Erwerbslosigkeit in ihrem verhängnisvollen Gefolge, welche dem Dürftigen die Aussicht benimmt, selbst im Schweiße seines Angesichts das Nöthige zu erlangen, und welche dadurch das Elend noch mehr verbreitet“.59 Am 19. Januar wird über den Beginn der „Austheilung der Rumforder-Suppe“ an die Armen berichtet. „Es wurden über 500 Portionen ausgekocht.“60 „Was Tyrol gelitten, was es durch Mißjahre geduldet, und durch die unglücklichen Zeitverhältnisse ausgestanden […], es drückt jedes vaterländisch gesinnte Gemüth.“61
– 1840–1848: Nachdem seit 1820 der Vernagtferner partiell angewachsen ist, stieß der Gletscher seit 1840 mit gesteigerter Geschwindigkeit in das Rofental vor. Im Juni erreichte der Ferner wiederum die Zwerchwand und staute die Gewässer an. Nach mehreren eher schadlosen Ausbrüchen des Eissees waren jene im Mai 1847 und Juni 1848 „äusserst verheerend“.62 Seit dieser Zeit nahmen die Eisberge allmählich ab.
– 1850: In den 1850er-Jahren gab es im Ötztal einen so „ungeheuren Schneefall, daß kein alter Mensch etwas Ähnliches wußte“. Ein Brautpaar konnte trotz Vorspanns von Pferden nicht zur Kirche gelangen um dort das Eheversprechen abzulegen. Holzfäller fanden wegen der Schneemengen kaum mehr in das Tal zurück.63
Einige Beispiele aus dem Nachbarland Tirols sollen aufzeigen, wie Klimafolgen der „Kleinen Eiszeit“ im gesamten Alpenraum in den Alltag eingegriffen und das Leben der Bevölkerung bedroht haben. Im Winter 1572/73 wurden in Grindelwald wegen der Schneemengen viele Menschen und ihr Vieh in den Häusern erdrückt oder sind wegen Luftmangel erstickt. Manche starben an Hunger, weil sie sich durch den Schnee nicht hindurcharbeiten konnten.64 Nach Christian Pfister machte die Kälte des Winters 1683/1684 das Heizen in Einsiedeln wirkungslos. Wein fror zu Eis, an Bäumen taten sich Spalten auf, Wölfe näherten sich den Siedlungen. Ähnlich war die Situation im Winter 1708/09: Obst und Wein fror in den Kellern, in Genf wurden Kinder ständig in den Betten belassen, Vieh wurde in Stuben gehalten, damit es nicht erfriert.65 Dramatisch dürften auch die Sommer der Jahre 1628 und 1816 gewesen sein: Im Bündner Rheintal soll es alle zwei Wochen weit in die Täler heruntergeschneit haben; höhere Almen seien nicht beweidet worden, noch Ende September hätten die Kartoffelfelder gegrünt, die Kartoffeln seien ebenso wenig zur Reife gelangt wie der Hafer, im Oktober hätte Schnee die Äcker mit Inhalt bedeckt.66
Peter Joseph Ruppen schildert in seiner Chronik des Saastales (1851) die Folgen der Abkühlung. Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts nennt er „traurig und unglücksschwer“. Zeiten des Wohlstandes wurden durch Armut abgelöst; unfruchtbare, kalte Zeiten brachen an und an manchen Orten reifte das Getreide sieben Jahre nicht mehr aus. In höheren Lagen konnten die Bäume nicht mehr grünen, und für die Bevölkerung wurden die Schulden drückend.67 Im Jahre 1613 suchte zusätzlich die Pest das Wallis heim, „die gräßlich wüthete und viele Tausende der Menschen dahin würgte“, während zwanzig Jahre später ein vom Allalingletscher aufgestauter Eissee ausbrach und das Tal verwüstete.68 Die Zeit von 1650–1750 bezeichnet die Chronik als „goldenes Zeitalter“ im Saastal, viele Talbewohner verdienten als Professionisten in anderen Ländern ihr Geld, auch die „Natur milderte sich etwas“.69
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts „empören sich die Elemente wieder und verderben den urbaren Thalboden; tödliche Krankheiten und endlich ein unglücksschwerer Krieg mit allen Greueln brechen ein“.70 Im August 1813 trat nach einem großen Unwetter „verheerender Frost ein, der die Feldfrüchte verdarb und die Erde handtief zusammenfrieren machte“.71 1816 wird als großes „Fehljahr“ beschrieben. In Saas konnte das Korn erst Mitte Oktober geerntet werden, im Folgejahr traten im Wallis und den angrenzenden Ländern eine große Teuerung und Hungersnot ein.72 Für die Folgejahre wird immer wieder von Überschwemmungen oder Wetterschlägen berichtet, die Zerstörungen und damit Armut verursachten. Für 1835 wird wiederum das Vordringen der Gletscher, für 1838 eine Heuschreckenplage und für März 1849 ein schweres Lawinenunglück angesprochen; „der schreckliche Würgengel der Thalbewohner“ kam zurück.73
Johann Kohl schildert „Noth und Schrecken“, die der „Sommerschnee, der oft mitten in der warmen Jahreszeit einfällt und die hochgelegenen Alpwiesen und ihre frischen Kräuter überschüttet“, Hirten und Vieh bereitet. „Man sieht sie dann zuweilen mitten im Sommer die Flucht ergreifen und von allen Seiten aus den Bergen in die Thäler hinabeilen.“74 Auch die Aussage über Schneemengen entsprechen dem Klima der „Kleinen Eiszeit“: In den Gebirgsgegenden leben die Menschen sieben Monate „unter dem Schnee, unter dem sie sie sich Straßen und Verbindungskanäle von Thür zu Thür ausgraben müssen“.75
Klimaverschlechterung und Gletschervorstöße erschwerten die Almwirtschaft und damit auch die Versorgung der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Produkten. Vorstoßende Gletscher begruben „Grenzertragsböden mit Hochweiden und Bergmähdern oberhalb von 1.700 m […] unter sich“.76 Die Bewirtschaftung der Almen verminderte sich hinsichtlich der zeitlichen Dauer als auch hinsichtlich der Bestoßzahlen, insgesamt minderten sich die almwirtschaftlichen Erträge. Damit einher ging in einzelnen Bergregionen eine klimabedingte Umwandlung hochgelegener Dauersiedlungen in Almen oder Zugüter, also eine Einschränkung des Siedlungsraumes.77 Zusätzlich bedrückten die oftmalige Kriegslast und der wirtschaftliche Niedergang nach dem Ende des Bergbaues die Bevölkerung Tirols. Dass die Abkühlung des Klimas in besonderem Maße die Landwirtschaft in Krisen stürzte, liegt auf der Hand, zumal in Tirol bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Bauernland war.78 Missernten, Hungersnöte, Verteuerung der Lebensmittel, Seuchen, Elementarschäden, ausgedehnter Schädlingsbefall, Steuerdruck bildeten eine Spirale.
Einige Beispiele sollen diese Situation untermauern: Im Vordergrund stehen klimabedingter Getreidemangel wegen Missernten und die dadurch hervorgerufenen Teuerungen. Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war fast durchgehend von schlechten Ernten gekennzeichnet, wobei Tirol von Erntekrisen in Bayern und Italien (wegen ausbleibender Getreideimporte) ebenfalls betroffen war. Die Türkenkriege verschärften die Situation, da die letzten Getreidevorräte dem Heer in Ungarn zur Verfügung weitergeleitet wurden.79 Dem Tiroler Landtag lag daher im Jahre 1568 wegen missratener Ernte und teurer Importe die Forderung nach Steuererleichterung vor. Von 1569–1572 herrschte praktisch im ganzen Land eine große Hungersnot.
Im 17. Jahrhundert verschärften Pestjahre (1611) und Heuschreckenplagen (1612) die allgemeine Not. Zudem wurde das Oberinntal in den 1620er-Jahren vom Schwaben- und Schweizerkrieg heimgesucht, die Hungerjahre dauerten an. Ab 1632 standen schwedische Heere im Zuge des Dreißigjährigen Krieges mehrmals vor Reutte.80 In den Jahren 1611 und 1633 suchte zudem eine Pestwelle das Außerfern heim, 1634 folgte dort eine Hungersnot. Das Wachstum auf den Feldern war gering, die Felder konnten wegen des Mangels an Arbeitskräften nicht mehr bestellt werden. Sie waren teilweise durch den Krieg vertrieben oder verhungert.81 In den Jahren 1633/1636 wütete eine große Pest- und Seuchenwelle über ganz Tirol, in allen Landesteilen wurde darüber geklagt. 1647 drohten abermals schwedische Heere in Tirol einzufallen, eine Landwehr wurde aufgestellt, die der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte entzog, die Hälfte der Feldfrüchte soll deshalb zugrunde gegangen sein. Überhaupt schwächten Kriege und politische Unruhen das Land Tirol. So mussten z. B. die kaiserlichen Soldaten, die 1657 wegen eines Aufstandes gegen den Kaiser in Mailand durch Tirol zogen, von der Tiroler Bevölkerung einquartiert werden.82
Das 18. Jahrhundert begann wiederum mit Teuerungen, 1703 verursachte der Bayerisch-Französische Krieg ein Krisenjahr in Tirol. Die Bevölkerung wurde gezwungen, die ausländischen Soldaten zu versorgen, nach deren Abzug blieben zerstörte Felder und Ortschaften zurück. Im Jahre 1729 folgte nach einer Missernte wiederum ein Hungerjahr in Tirol, weder Mensch noch Tier erhielten genug Nahrung, Wurzelwerk wurde als Ersatznahrung verwendet, teilweise mussten Tiere geschlachtet werden. Durchziehende und quartiernehmende Soldaten verschärften das Elend. Hungersnöte quälten in den Jahren 1740 und 1770–1772 das Land. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts traten zahlreiche Hochwasserkatastrophen auf. Ab 1791 musste für Einquartierungen von Soldaten im Rahmen der Franzosenkriege gesorgt werden.83
Die ersten zwei Dezennien des 19. Jahrhunderts waren – durch die Franzosenkriege und Wetterkapriolen mitverursacht – von drastischen Teuerungen gekennzeichnet, zudem brach in den Jahren 1816/1817 eine große Hungersnot aus.84 Auch in den Folgejahren gab es bald wegen Hitze, bald wegen Kälte und Nässe schlechte Ernteerträge, dazu kam in den 1830er-Jahren die Cholera, die das Leben stark beeinflusste. In den Jahren 1846–1848 brach wegen der „Launen der Natur“ eine der letzten Hungersnöte aus. Auch deshalb wanderten nach 1848 ganze Ortsteile nach Brasilien und in die USA aus.85
Ökonomische Folgen, Auswirkungen auf das soziale Gefüge von Gesellschaften, stehen mit der „Kleinen Eiszeit“ ebenso in Zusammenhang wie politische Ereignisse und religiös bestimmte Fragen. Chaotische Witterungen bedingten Missernten mit nachfolgenden Preissteigerungen, Ernteausfälle konnten auch durch Vorräte nicht mehr ausgeglichen werden, Hungersnöte schwächten wegen der schlechten Ernährungslage die Resistenz gegen Krankheiten und Seuchen.86 Pestwellen gegen Ende des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahrhundert führten zu einem dramatischen Rückgang der Bevölkerung. Ackerland konnte kaum mehr bestellt und die Versorgung nicht mehr ausreichend sichergestellt werden, Wüstungen waren die Folgen. Ökonomische Auswirkungen der „Kleinen Eiszeit“ wurden zusätzlich durch die Kriege im 17. Jahrhundert potenziert.87 Ernteausfälle waren auch Ursachen für Revolten von Untertanen, die Abgabenlast und Frondiensten nicht mehr gewachsen waren.88 „Kriegsgewalt und Todesstrafen waren ein Signum des Zeitalters, in dem sich aufgrund einer Verknappung der Ressourcen alle möglichen (religiösen, sozialen, politischen) Konflikte zuspitzten.“89
Hermann Flohn stellt die europäischen Revolutionen von 1789 und 1848 in einen Zusammenhang mit den schon „lange bestehenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Sie wurden aber ausgelöst jeweils nach einer Folge von Jahren mit schlechtem Wetter, schlechten Ernten und hohen Getreidepreisen.“90
Zwischen 1611 und 1669 war Europa fast durchgehend Kriegsschauplatz, das 17. Jahrhundert erlebte so viele und andauernde Kriege wie keine andere Zeit vorher.91 Wie wurden umweltbedingte ökonomische Katastrophen von den Gesellschaften gedeutet und bewältigt? Im Spiegel des Alten Testamentes deuteten Theologen aller Konfessionen Klimaanomalien als Strafen Gottes für die Sünden der Menschen, wodurch nicht nur die Kultur des Zusammenlebens der Gemeinschaft, sondern auch des Individuums nachhaltig geprägt wurde.92 Damit hängt auch die Suche nach Sündenböcken zusammen: Bestimmte Bevölkerungsgruppen wurden an den Rand der Gesellschaft gestellt, neue Feindbilder geschaffen. Der folgende Überblick über die politische Geschichte im Land Tirol soll die Wechselbeziehungen zur Klimageschichte der Neuzeit unterstreichen.
Ab 1493, nach dem Tod Kaiser Friedrichs III., ist Kaiser Maximilian I. (1459–1519) alleiniger Herrscher über alle habsburgischen Besitzungen, Innsbruck wird „zu einer Art Metropole des Reiches. Hier laufen alle Fäden zusammen“.93 Ausdruck dafür ist der Bau des Goldenen Dachl im Jahre 1500 als Symbol für die sogenannte „Neuzeit“, die ein goldenes Zeitalter bringen sollte. Für die Organisation der Verwaltung war für Tirol die Entwicklung eines Mitspracherechtes der Bevölkerung durch eine „landständische Verfassung“ von Bedeutung. Eine vergleichbare Position hatte die Landbevölkerung damals nur in wenigen Ländern Europas. Darauf baute das 1511 erlassene „Landlibell“, ein Beispiel für ein demokratisches Wehrwesen, das bis ins 19. Jahrhundert wirksam blieb. Der Inhalt: Tiroler waren vom Kriegsdienst für den Kaiser außerhalb der Landesgrenzen befreit, dafür bestand für die gesamte Tiroler Bevölkerung die Verpflichtung, die eigenen Grenzen mit eigenen Kräften zu verteidigen.94 Dafür ließ Maximilian I. ab 1505 in Innsbruck das Zeughaus als Waffenlager und Rüstungszentrum erbauen.
Während der Regentschaft Maximilians I. war Tirol wirtschaftlich und militärisch in zahlreiche Kriege verwickelt. Im Jahre 1499 („Schlacht an der Calven“) verloren im „Engadiner Krieg“ tausende Tiroler ihr Leben, die gesamte Region um Nauders und Glurns blieben über Jahre verwüstet.95
Während der Venediger Kriege (1508–1516) war Tirol Kriegsschauplatz, Pferde und Soldaten mussten hier versorgt werden.96 Für Tirol blieb zudem die von Martin Luther eingeleitete Reformation (1517) nicht ohne Auswirkungen. Das Gedankengut seiner Reform fiel in Tirol auf fruchtbaren Boden, Reformen in der katholischen Kirche sollten gegensteuern. Die weltliche Obrigkeit unterstützte die Umsetzung der am Konzil von Trient (1545–1563) beschlossenen Neuerungen. Die katholische Erneuerung ging als Gegenreformation und Barockzeitalter auch in die Geschichte Tirols ein. „Barockes Denken, barocke Frömmigkeit, barocke Kunst und Literatur erfassen das ganze Land und dringen bis in die einsame Berggegend vor.“97
Nach dem Tod Maximilians I. im Jahr 1519 kam eine „Zeit der großen Umbrüche in wirtschaftlicher und geistig-religiöser Hinsicht“.98 Auch in Tirol war die Bevölkerung Willkür und Unrecht ausgesetzt, die sozialen Verhältnisse verschlechterten sich. Viele verbriefte Rechte wurden nicht mehr gewährt, das Mitspracherecht der Bauern im Landtag hatte keine Bedeutung mehr. Innerkirchlich erregten weltlich orientierte Obrigkeiten und sittenlose Seelsorger im Volk Anstoß. Dazu brachte die Reformation neues Gedankengut, das auch in Tirol Anhänger fand.
Im Jahre 1523 hielt Maximilians Enkel Ferdinand I. erstmals in Tirol einen Landtag ab, er schränkte die Rechte der Standesvertreter ein, mit neuen Steuern und Abgaben musste Maximilians Schuldenberg getilgt werden. Die Bauern griffen in den „Bauernkriegen“ zur Selbsthilfe. 1525 besetzten die Bauern die Bischofsstadt Brixen und plünderten das Kloster Neustift.99 Michael Gaismair (1490–1532), der gebildetste Anführer in den deutschen Bauernkriegen, wollte mit einer visionären „Landesordnung“ in Tirol eine „demokratische Bauernrepublik“100 gründen. Sein Versuch misslang, er musste vor dem kaiserlichen Söldnerheer nach Venezien flüchten und wurde von Söldnern des Kaisers ermordet. Mit Gaismairs Tod endeten die Bauernkriege. Die Tiroler Regierung beseitigte die ärgsten Missstände und verbesserte die Stellung der Bauern.101
Während der Türkenkriege (Türkenbelagerung Wiens 1529/Türkenkrieg 1593– 1606) belasteten Truppenbewegungen durch Tirol und steigende Getreidepreise die Bevölkerung.102 „Tirol hat in den Türkenkriegen um Österreichs Bestand einen hohen Preis bezahlt.“103 Bis 1697 dauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Osmanen, bis sie Prinz Eugen bei Zenta endgültig besiegen konnte.104 Den Sieg über die Türken schrieben die Verantwortlichen der Hilfe der Gottesmutter Maria von Mariazell zu,105 weshalb sich dieser Wallfahrtsort im 17. Jahrhundert zum Wallfahrtsziel der Habsburger schlechthin entwickelte. Wichtige Ereignisse und Entscheidungen waren von Wallfahrten begleitet.106
Während der „Schmalkaldenkriege“, 1544–1546 und 1552 (letztlich Kriege um die religiöse Vorherrschaft in Europa zwischen dem Kaiser und den protestantisch orientierten Fürsten) stießen die Feinde über Reutte („Ehrenberger Klause“) bis nach Innsbruck vor, zerstörten hier Häuser und verwüsteten Felder.107 Dazu berichtet die Pfonser Chronik:108 „1552 am Montag vor St. Eräsmus Tag, da sind zu Insbrugg eingezochen bey 10.000 Schmäläggische Feind und an Oster Abend widerum hinweg zogen. Haben grossen Schaden in Land getan. Kirchen, Haiser aufgestossen. Stambs geplündert und alles genommen, was sie bekommen jeder mann.“109
Das 17. Jahrhundert war das Jahrhundert der absoluten Herrschaft der Fürsten und Könige – Tirol konnte seine alte Verfassung – Landtage mit den 4 Ständen – weiterhin bewahren.
Im Jahre 1620 kam es im Engadin wegen religiöser Streitigkeiten zu Gewalttätigkeiten,110 die den Einsatz des Militärs erforderten. Im Jahre 1621 war dort ein Tiroler Aufgebot im Einsatz, um die plündernd und brandschatzend ins Paznauntal eingefallenen Engadiner zurückzudrängen. Die Auseinandersetzungen im Engadin setzen sich noch zwanzig Jahre fort.111 Schließlich kaufte die Schweiz im Jahre 1652 das Engadin von Österreich los.
Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 erwies sich als Konflikt um die Hegemonie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in Europa und zugleich als Religionskrieg. In ihm entluden sich auf europäischer Ebene der habsburgisch-französische Gegensatz und auf Reichsebene derjenige zwischen Kaiser und Katholischer Liga einerseits und Protestantischer Union andererseits. Der Westfälische Friede im Jahre 1648 beendete den Jahrzehnte andauernden Krieg. Die Kriegsjahre führten zu Seuchen und Hungersnöten, ganze Landstriche wurden entvölkert. In Süddeutschland überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung.112 Tirol litt vor allem wirtschaftlich unter den Kriegsfolgen, da Warenimporte erschwert und Zolleinnahmen verringert wurden. Daneben drohte immer wieder unmittelbare Kriegsgefahr. So mussten im Jahre 1632 12.000 Tiroler an der Ehrenberger Klause feindliche Heere des Herzogs Bernhard von Weimar abwehren. Landesfürst und Landstände haben durch gemeinsames Vorgehen das Land gerettet. Aus Dankbarkeit stifteten die Stände die Mariahilf-Kirche Innsbruck: (Bau 1646/1647). Die Tiroler mussten immer wieder zur Sicherung der Grenzen aufmarschieren, hohe Steuern waren zur Deckung der Verteidigungskosten, insbesondere zum Ausbau der Befestigungsanlagen („Porta Claudia“ in Scharnitz) erforderlich.113 Dazu berichtet die Pfonser Chronik: „Hat auch der schwedische Krieg angefangen. Hat man gar vile schwedische Soldaten in Tyrol eingelögt. Seind hernach 1632 wider weg gezochen. Hat auch das Landvolk hinaus müssen ziechen auf die Schanzen.“114
Landesfürst Ferdinand Karl sah sich im Jahre 1647 zum „Sturmpatent“ gezwungen, da in den Wirren des noch immer wütenden Dreißigjährigen Krieges die Schweden die Landesgrenzen Tirols bedrohten. Alle streitbaren Männer zwischen 15 und 60 Jahren wurden rekrutiert, was zu einem Arbeitskräftemangel und damit zu einem Ernteausfall auf dem Lande führte.115
Im Jahre 1701 belastete der Durchzug des Heeres von Prinz Eugen von 30.000 Mann im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges nach Italien das Land Tirol, das gerade in beiden vorangehenden Jahren wirtschaftliche Missjahre zu tragen hatte.116 In der Pfonser Chronik ist vom „Italienischen Krieg“ die Rede (es wird sich nach der Fußnote um den Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges gehandelt haben: „1699 erhob sich der Welsche Krieg, es zogen viele Soldaten durch Tyrol, dieser dauerte 4 Jahre nacheinander, es waren gar schlimme Leute, plünderten die Einwohner und jagten sie aus den Häusern.“117
Während des Spanischen Erbfolgekrieges rückte im Jahre 1703 der bayerische Kurfürst Max Emanuel (von Norden) mit den verbündeten Franzosen (von Süden) gegen Tirol vor. Kampflos konnten sie am 2. Juli in Innsbruck einmarschieren, da die kaiserlichen Behörden völlig überrascht wurden. Bauern und Bürger riefen zum Widerstand auf und schlugen die Bayern am Brenner und an der Pontlatzbrücke zurück. Sie verhinderten in Rattenberg den Rückzug der Feinde, sodass sie über Scharnitz entweichen mussten. Zum Dank gelobten die Landstände die Annasäule in Innsbruck zu errichten, die 1706 vom Brixner Bischof Kaspar Ignaz Graf Künigl gesegnet wurde.118 Wie sahen die Bewohner den Einfall der Bayern? Die Pfonser Chronik: „1703 in Johann des Taufers Abent seind bey 20.000 payrische Feind in Tyroll eingefallen. Haben vil Schaden getan und vile aus unsern Leuten erschossen. Aber es seind doch vil mehrer auf ihrer Seiten todter geblieben. […] Hernach in St. Annä Tag widerum von unsern Schützen und Mallizi wider hinaus geschlagen worden.“119
Nach den Siegen Österreichs über die Türken folgten die Regierungsjahre Kaiser Karls VI. (1711–1740). 1725 Errichtung des Landhauses in Innsbruck – Landstände wurden ein letztes Mal einberufen.
Kaiserin Maria Theresia (1740–1780) leitete umfangreiche Reformen in Verwaltung, Rechtsprechung und Bildungswesen (z. B. Neuordnung des Pflichtschulwesens) ein, belebte durch verschiedene Maßnahmen im Steuerwesen und durch Erweiterung der landwirtschaftlichen Anbauflächen Wirtschaft und Handel.120 Im Katholizismus sah sie eine einende Kraft, die dem Reich Zusammenhalt geben sollte. Trotz ihrer Verwurzelung im katholischen Glauben unterstellte sie kirchliche Einrichtungen der staatlichen Aufsicht. Als beim Volk ungeliebter Reformer aus dem Geiste der Aufklärung ging Josef II. (1780–1790) in die Geschichte ein. Seine Maßnahmen, wie Aufhebung von Klöstern und „kleinliche Eingriffe in das kirchliche Brauchtum“ führten zu einer Missstimmung im Volk.121 Viele seiner Maßnahmen wurden von ihm selbst und seinem Nachfolger revidiert. – Man spricht von der Zeit der Aufklärung – Landstände wurden nicht mehr einberufen, die Regierung in Wien zentralisiert.
Seit 1792 marschierten die Armeen der Französischen Revolution gegen das monarchische Europa, „die Ideen der Aufklärung hatten die Revolution gegen das alte Europa entfacht.“122 In den Jahren 1796 und 1797 bewährten sich die Tiroler in Abwehrkämpfen gegen französische Truppen, denen nun der junge Napoleon vorstand, an der Salurner Klause und im Raum Spinges (Friede von Campoformio). Damit steht das „Herz Jesu Gelöbnis“ vom 1. Juni 1796 in Zusammenhang.123 Über den Aufmarsch der Tiroler in den Kriegsjahren 1796 bis 1801, durch die auch das Land Tirol in Mitleidenschaft gezogen wurde, kann der Pfonser Chronik Folgendes entnommen werden: „Im Frühjahr 1796 seien die freiwilligen Schützen ins Feld gezogen, zu Ende Juni seien viele Soldaten und Reiter über den Brenner „hineinmarschiert“, um Jakobi seien die Feuer- und Scheibenschützen und im Herbst die Miliz aus allen Gerichten aufgeboten worden. Im März 1797 sei der Landsturm im Steinacher und Matreier Gericht ins Feld gezogen.“124
Im Jahre 1799 beginnt der zweite Koalitionskrieg, Franzosen stießen über das Engadin nach Tirol vor, verwüsteten Nauders (Friede von Luneville 1801).125
1805 begannen Feindseligkeiten zwischen Tirol und Bayern, das sich in der Hoffnung, Tirol zu erwerben, mit Frankreich verbündet hatte. Über die Porta Claudia drangen sie nach Tirol vor, mit 1. Jänner 1806 wurde Tirol Teil des Königreiches Bayern. In Tirol sollten Reformen nach dem Muster von Kaiserin Maria Theresia oder Josef II. in Verwaltung, Organisation und Bildung eingeführt werden. Drastischer Steuerdruck erregte den Unmut der Tiroler, die sich einen wirtschaftlichen Aufschwung mit Bayern erwartet haben. Das Fass zum Überlaufen brachte die Rekrutierung Tiroler Männer für das bayerische Militär. Die Burschen in Axams flohen jedoch in die Wälder und verweigerten den Militärdienst für Bayern.
Das Haus Österreich, bes. Erzherzog Johann, förderte die Missstimmung in Tirol und sagte Unterstützung zu. Am 9. April 1809 erklärte Österreich Frankreich den Krieg – im April und Mai gab es siegreiche Kämpfe der Tiroler im Raum Innsbruck. Inzwischen konnte Napoleon am 12. Juli nach seinem Sieg in Wagram Österreich zu einem Waffenstillstand zwingen. Dabei wurde wieder die Abtretung Tirols an Bayern vereinbart. In Tirol formierten sich eine Kriegspartei und ein neuerlicher Widerstand gegen Napoleon, welcher am 13. August 1809 erfolgreich war. Im Frieden von Schönbrunn (14. Oktober 1809) verzichtete Österreich auf Tirol, gleichzeitig verkündete Napoleon seinen Willen, Tirol endgültig zu unterwerfen. Diesen Befehl setzten seine Truppen im November um – Strafsanktionen gegen die für den Aufstand Tirols Verantwortlichen waren die Folge.126
Mit der Niederlage Napoleons 1813/1814 endete in Tirol die bayerisch/französische Fremdherrschaft (Neuordnung Europas am Wiener Kongress 1814/1815). Der „Bothe von Tyrol“ nahm im Jahre 1817 auf die vergangenen Kriegsereignisse Bezug: „Die Drangsale, welche der größte Theil Europas in der langen Zeit des Kriegs, der Verwirrung und der Umwälzungen erduldete, hatten gleichfalls Tyrol getroffen, und auch bei uns ist es der kommenden Zeit aufgegeben, die tiefen Wunden zu heilen, welche die Vergangene geschlagen hat.“ Im Jahre 1816 werden die von Bayern aufgehobenen Klöster wiederhergestellt, ein Jahr später die Priesterseminare an die Bischöfe zurückgegeben. Von der weltlichen Obrigkeit wird eine strenge Rekatholisierung unterstützt. Sie zeigt sich in der Ausweisung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 und in der Wiederherstellung des Jesuiten-Kollegs im Jahre 1840.127
Es folgt eine Zeit von Umbrüchen und folgenreichen Wandlungen. Dampfmaschine, rationellere Produktionsmethoden, neue Techniken verändern das Wirtschaftsgefüge. Damit verbunden entstehen neue geistige Strömungen – Liberalismus und Nationalismus – sie führen zur Revolution im Jahre 1848.128 Der Sieg des Liberalismus brachte dem österreichischen Kaiserreich erstmals eine Staatsverfassung und mit dem „Reichstag“ erstmals eine Volksvertretung, die allerdings nur kurze Zeit wirken konnte.129
Das Sturmjahr 1848 war geprägt von Aufständen in Wien, Prag, Budapest und Oberitalien. Der kaiserliche Hof flüchtete für zwei Monate nach Innsbruck. Zusätzlich führten nationale Erhebungen in Oberitalien zu erfolglosen lombardischen Freischaren an der südlichen Landesgrenze. Die Tiroler Schützen waren wiederum zur Verteidigung der Landesgrenzen aufgerufen.130 Weitere Einsätze der Tiroler Schützen zur Sicherung des südlichen Tirols waren 1859 im Krieg gegen das Königreich Piemont-Sardinien und das verbündete Frankreich sowie im Jahre 1866 im Krieg gegen Italien erforderlich.131
Die Niederlage Österreichs im Krieg gegen Piemont-Sardinien und Frankreich (1859) bringt das Ende des Absolutismus. 1860/61 erhält das Habsburgerreich eine Verfassung, zugleich werden Landesordnungen für die Königreiche und Länder der Monarchie erlassen. Das ständische Prinzip in der Volksvertretung wurde durch ein Kuriensystem abgelöst, immerhin kam der Landbevölkerung gegenüber früheren Systemen eine stärkere Vertretung im Tiroler Landtag zu. Der Demokratisierungsprozess erforderte die Entwicklung eines Parteiensystems, in dem in Tirol eine Mehrheit der Konservativen einer Minderheit der Liberalen gegenüberstand. Im österreichischen Reichsrat allerdings herrschten umgekehrte Mehrheitsverhältnisse. Die Auseinandersetzung beider Gruppen führte zum „Tiroler Kulturkampf“.132 1873 wurde die direkte Volkswahl der Mitglieder des gesamtösterreichischen Parlamentes eingeführt, was von Tiroler Seite als Verfassungsbruch aufgefasst wurde. Denn bisher nominierte der Landtag die Abgesandten. Seit Ende des Jahrhunderts traten verschiedene wahlwerbende Gruppen mit unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Zielsetzungen auf.133
Die Wirtschaft ab Beginn der Neuzeit
Im 15. Jahrhundert blühte in Tirol die Wirtschaft, wofür Erträge aus dem wachsenden Durchzugshandel maßgebend waren. Zölle und Mauteinnahmen brachten dem Landesherrn reichen Gewinn. Im Bergbau fand die Landbevölkerung Möglichkeiten des Zuverdienstes, galt um 1500 Tirol doch als einer der reichsten Silber- und Kupferlieferanten Europas. Allein das Bergwerk in Schwaz erforderte damals 11.500 Arbeitskräfte. Der Bergbau bedingte zusätzlich zahlreiche Verarbeitungsbetriebe.134 Demgegenüber verursachten Niedergang und Ende des Bergbaus im 17. Jahrhundert eine Krisensituation, eine katastrophale wirtschaftliche Lage. Es fehlte an Arbeitsplätzen. Bevölkerungszuwachs und mangelnde Erträge der Landwirtschaft bedingten die Entwicklung der Heimarbeit. Hausierer versuchten selbst produzierte Erzeugnisse außerhalb Tirols abzusetzen.135 Wurden keine eigenen Produkte hergestellt, wichen Männer als Saisonarbeiter in das Ausland aus. Die Barockzeit mit zahlreichen Kirchenbauten in den umliegenden Ländern verschaffte vielen Handwerkern aus Tirol Arbeitsmöglichkeiten. Im Jahre 1699 war z. B. ein Drittel der Lechtaler Bevölkerung als Bau- und Zimmerhandwerker unterwegs. Bis ins 19. Jahrhundert hinein führten die Frauen in den Tiroler Tälern die Landwirtschaft, während die Männer im Ausland dem Verdienst nachgingen.136
Die „Schwabenkinder“ schreiben in diesem Zusammenhang ein dunkles Kapitel in der Geschichte Tirols: Seit dem 17. Jahrhundert wanderten Tiroler Kinder zu Sommerbeginn nach Süddeutschland, um dort Arbeit zu finden und um den heimatlichen Familientisch zu entlasten.137 Die wirtschaftliche Situation Tirols war neben der rundum einsetzenden Industrialisierung von der Landwirtschaft geprägt. Immerhin war Tirol bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein ein Bauernland, noch 1890 lebten 65 % der Bevölkerung von diesem Wirtschaftszweig.138 Daher wandte sich die Staatsregierung im 18. Jahrhundert vermehrt der Förderung der Landwirtschaft zu. Kaiserin Maria Theresia versuchte durch Gesetze und Verordnungen auf die landwirtschaftliche Praxis Einfluss zu nehmen, daneben förderte die Regierung durch Urbarmachung von Sumpfgebieten und Ödland eine Erweiterung landwirtschaftlicher Nutzflächen.139
Das Land Tirol öffnet sich
Im 18. Jahrhundert setzte in Tirol ein Ausbau des Straßennetzes ein. Kaiserin Maria Theresia veranlasste 1777 den Ausbau der ganzjährig befahrbaren Straße über den Brenner.140 Zwischen 1850 und 1856 erfolgte der Neubau der Straße von Nauders bis zur Kajetansbrücke.141 Nach dem Bau der Arlbergstraße von 1782 bis 1784 erfolgte unter Josef II. ihre Eröffnung.142 Im Süden sollten neue Straßen italienische Provinzen mit Österreich verbinden. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Bau der Straße über das StilfserJoch von 1820 bis 1826 zu sehen. Damit sollte die Lombardei schnellstmöglich mit den anderen Reichsteilen verbunden werden.
Die Paßthurner Reichsstraße wurde 1836–1840 auf Kosten des österreichischen Staates ausgebaut, damit die strategisch wichtige Straßenverbindung zwischen Salzburg und Tirol auch im Falle eines bayerischen Angriffs erhalten blieb.143
Im 19. Jahrhundert forcierte der Bau von Eisenbahnlinien die Öffnung des Landes. Die Erschließung Tirols mit Eisenbahnen förderte einerseits die Arbeitslosigkeit, da mit der bisherigen Beförderung durch Fuhrwerke zusammenhängende Handwerke (Schmiede, Wagner, Gasthäuser) nicht mehr nötig waren. Andererseits führte der Ausbau der Bahnlinien zu einer Belebung des Tourismus. Der Alpinismus hielt in den Tälern Einzug (1862 Gründung des Österreichischen und 1869 des Deutschen Alpenvereines, 1874 Vereinigung beider Organisationen).144
Die Strecke Kufstein Innsbruck wurde als erste westösterreichische Eisenbahnstrecke am 24. November 1858 eröffnet, nachdem ihr Bau schon 1853 von Kaiser Franz Joseph I. angeordnet worden war.145
Die Brennerbahn, von 1864 bis 1867 erbaut, war als Teil der Verbindung von Kufstein nach Ala gedacht.146
Die Eröffnung der Pustertalbahn als innerösterreichische Verkehrsverbindung erfolgte im Jahre 1871.147
Der Bau der Arlbergbahn begann 1880. Nachdem zwischen Innsbruck und Landeck der Verkehr am 1. Juli 1883 aufgenommen wurde, konnte die Eröffnungsfahrt am 20. September 1884 auf der gesamten Strecke stattfinden.148 Der Ausbau der Verkehrswege steht am Beginn der Tourismusentwicklung in Tirol.
Wetterkapriolen der „Kleinen Eiszeit“ provozierten letztlich eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und alpiner Natur. Um in diesem Gegensatz ihren Lebensraum behaupten zu können, mussten die Bewohner entsprechende Bewältigungsstrategien finden. Diese waren wesentlich davon geprägt, wie die den Alltag prägende Natur von ihren Nutznießern gesehen wurde. Dabei treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: Jene der sesshaften Bewohner, die in diesen Regionen ihr Leben bestreiten mussten, und jene der Außenstehenden, die als Reisende, Künstler oder aus politischer Notwendigkeit den Alpenraum bloß „tangierten“.
Die Alpen in der Epoche des Humanismus
Bereits die Römer bauten aus kriegerischen und politischen Interessen Verbindungswege zwischen Nord und Süd. Der Austausch über die Alpen hin intensivierte sich notgedrungen,149 Kaiser und Könige, Künstler, Reisende, Diplomaten, Händler, Krieger und Pilger mussten auf ihren Wegen nach Süden die Alpen überqueren. Ihre Reiseberichte geben das Empfinden bei der unausweichlichen Begegnung mit einer rauen Natur wider, es war sozusagen die Sicht von außen. Im Vordergrund stehen die Unwirtlichkeit der Alpenregionen, die extreme Kälte, die schlechten und unsicheren Herbergen, die tiefen Schluchten und reißenden Gebirgsbäche. Der raue Charakter der Natur wird auf die Bewohner übertragen. Eine Reise über die Alpen war etwas Außerordentliches.150 Die Reisenden hatten vor den Bergen Angst, man glaubte dort nur Räubern und Geistern ausgesetzt zu sein, daneben drohten Steinschlag und unberechenbares Wetter. Auf derart gefährlichen Wegen war man bewaffnet, erbat aber auch die Hilfe von oben, weshalb sich die Reisenden mit Heiligenbildern oder kleinen Reisealtären, Rosenkränzen oder Breverln ausstatteten.151
Vom Hochmittelalter bis zur Epoche des Humanismus hat man also in den Alpen „nichts anziehend Schönes“ gesehen, „sondern nur Schauriges, Abschreckendes, ja Häßliches“.152 Daneben ließ eine genauere Kenntnis des Landes schon früh „gewisse Vorzüge und Nutzbarkeiten desselben literarisch zur Geltung“153 bringen. Felix Faber, ein Mönch aus Ulm, der zweimal über den Brenner nach Jerusalem pilgerte, hat in einem Bericht über die Pilgerreise im Jahre 1483 seine Meinung über die Entstehung der Alpen einfließen lassen. Er beschreibt, wie der „Einsturz gewaltiger Felsmassen ein solches Getöse“ erzeugt, „daß man glaubt, das Weltende sei gekommen.“154 Trotz der Bezeichnung des Gebirges als „Alpen“ hätten die Bergbewohner einzelnen Bergen noch „besondere Namen“ gegeben. „Obgleich die Alpenberge selbst furchtbar und starrend von der Kälte des Schnees oder vom Sonnenbrande erscheinen und sich bis zu den Wolken erheben“, streicht der Autor die Fruchtbarkeit und Anmut der Täler hervor und beschreibt sie als „reich an allen Genüssen der Erde“. Dort lebten Menschen und große Mengen an Vieh, zudem gebe es zahlreiche Bodenschätze, vor allem Silber. Wenn man die Alpen aus der Ferne sehe, glaube man gar nicht, dass unter den Bergen mit „niemals schmelzenden Eismassen“ derart „wollustatmende Paradiese“155 anzutreffen seien.
Landeskundliche Beschreibungen des 16. bis 18. Jahrhunderts charakterisieren die Alpen immer wieder als rau und wild, preisen aber gleichzeitig den Reichtum an Bodenschätzen und Wild, an Wasser, Weiden und Wald sowie das vortreffliche Klima.156 In schwärmerischer Art nimmt Hippolytus Guarinonius (1571–1654), Universalgelehrter und Stadtphysikus in Hall, eine romantische Sicht der Tiroler Berge vorweg. Er hat als erster das „Bild unseres Hochgebirges ästhetisch erfaßt und geschildert.“157 Ausführlich gibt er „Antwort auff etliche Gegenwürff / so wider das bürgig Land von Ebenländischen fürgebracht werden“.158 Unter dem Motto „Selten ein schad ohne nutz“159 sieht er Gefahren in den Alpen, wie Felsbrüche und Lawinen, als nützlich.
Mit Bezugnahme auf die Bibel verniedlicht er die Gefahren: „Diß bezeuget der H. Paulus, da er alle örter / wo er die größten gefahren erlitten / und allda man ihn zum unbarmhertzigsten gehalten / erzehlet / sprechent: Periculis in terra, periculis in mari […] und nirgent sagt er / periculis in montanis, gefahr in den Bergen.“160 In zehn Punkten erläutert Guarinonius Vorteile von Lawinen: Sie bewässern im Frühling die Felder und bringen Wildbret, Kalksteine, Holz und Kräuter ins Tal; Steine nützen Reichen und Armen, sie werden von der Lawine ohne Mühe für den Menschen befördert. Außerdem könne sich der Mensch vor Lawinen schützen: „die Lähnen melden sich redlich an mit ihren krachen / und warnen den Menschen sich zu hüten“.161 Schließlich gebe es keinen gefahrlosen Ort auf der Welt, weder auf der Ebene noch in den Bergen.162 Matthias Burglechner (1573–1642) sah in seiner Chronik „Tiroler Adler“ das Land Tirol „mit grausamen hohen Pergen und spizigen Velsen gleichsamb mit ainer Rinkmauer umgeben […] doch unten im Poden trefflich guet und fruchtbar“.163
Diese Beschreibungen beziehen sich auf einen von außen nur vermuteten Nutzen der Natur für die Bewohner überschaubarer Täler, allein „ein unmittelbares Verhältnis zur Hochgebirgswelt wird nicht ausgedrückt“.164 Wie die Bergbewohner selbst ihre Umgebung erlebten, blieb ausgeblendet.
Von der Wildheit zur Schönheit der Natur – Sucht nach Landschaft
Eine Änderung im Naturempfinden leitete der Schweizer Arzt Albrecht Haller (1708–1777) ein, der 1729 in dem Gedicht „Die Alpen“ „die Wildnis in ein Wunder der Schöpfung, strahlend und von beglückender Reinheit“,165 verwandelte. „Als Hort für Freiheit, Glück und Frieden“166 stellte er die Bergwelt dar und schilderte damit eine Sicht auf die Berge als Lebensraum, die der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) noch zuspitzte, indem er sie den durch die Industrialisierung „verkommenen Städten“167 gegenüberstellte. Die Romantik vorwegnehmend, gab Haller dem ursprünglichen Leben eine theoretische Grundlage. Dem geänderten Bild von der Natur trugen auch die Künstler Rechnung, die in der Zeit der Romantik die „bislang schrecklichen Alpen in schaurig schöne Landschaften – paradiesische Räume“168 verwandelten. Ausgehend von England ergötzten sich die ersten Touristen am Anblick der Schönheit der Natur, in der „die Bewohner als ,edle Wilde‘ reizende Statisten abgaben“.169
