Global Warning - Kyle Mills - E-Book

Global Warning E-Book

Kyle Mills

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Beschreibung

Wenn die Welt am Abgrund steht

An mehreren wichtigen internationalen Ölförderungsstätten findet sich ein Bakterium, das Rohöl frisst und unbrauchbar macht. Ein Drittel des weltweiten Ölbestandes ist in Gefahr. Mark Beamon, Leiter der Energieabteilung gegen Ökoterrorismus, versucht die Katastrophe aufzuhalten und kommt einem Komplott ungeahnten Ausmaßes auf die Spur. Jemand versucht die gesamten Ölreserven der Menschheit zu vernichten. Ein Massensterben und der Rückfall in die Steinzeit wären die Folgen.

Eine atemberaubende Mischung aus Öko- und Politthriller

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MOBI

Seitenzahl: 432

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Inhaltsverzeichnis
 
Der Autor
Lieferbare Titel
Prolog
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
 
Epilog
Copyright
Das Buch
Ein Szenario, so apokalyptisch wie aktuell: An mehreren wichtigen Ölförderungsstätten weltweit findet sich ein Bakterium, das Rohöl frisst und somit unbrauchbar macht. Angefangen mit einer Förderstätte in Kanada ist schon bald ein saudi-arabisches Ölfeld betroffen, das fast ein zehntel der Welt mit dem Rohstoff versorgt. Mark Beamon, Leiter der Energieabteilung gegen Ökoterrorismus, rekrutiert den führenden Mann auf diesem Gebiet, Erin Neal, der seine Forschungen einzig und allein einem solchen Bakterium gewidmet hat, um Ölpesten durch Havarien entgegenzuwirken. Nachforschungen in Saudi-Arabien und Alaska ergeben, dass es sich um ein gentechnisch manipuliertes Bakterium handelt, das in böser Absicht in die Förderungsstätten eingebracht wurde. Ein Drittel der Ölreserven weltweit sind in Gefahr. Die Welt droht an einer Energiekrise zu zerbrechen, ein Rückfall in die Steinzeit wäre die Folge.
 
Eine atemberaubende Mischung aus Öko- und Politthriller.
Der Autor
Kyle Mills, Jahrgang 1966, lebt in Jackson Hole, Wyoming, wo er sich neben dem Schreiben von Thrillern dem Skifahren und Bergsteigen widmet. In den USA ist Kyle Mills mit seinen Romanen regelmäßig in den Bestsellerlisten zu finden und gilt neben Tom Clancy, Frederick Forsyth oder David Baldacci als Erneuerer des intelligenten Politthrillers. Besuchen Sie Kyle Mills im Internet unter www.kylemills.com
Lieferbare Titel
Die Spur – Die Geheimakte – Die Organisation -Das Abkommen – Die Vergeltung – Die letzte Mission
Prolog
 
 
Sie hatte gehofft, dass es schneien würde, aber das war zu viel.
Die Flocken schienen ein Bettlaken zu bilden, das sich um sie herum bauschte, sich ihr auf Nase und Mund legte und ihr das Gleichgewicht nahm. Für einen Moment ließ der Wind nach, doch sie konnte hören, wie er in einiger Entfernung Kraft sammelte. Dann stürzte er sich wie ein Güterzug auf sie, sodass sie um ein Haar über die Tundra getaumelt wäre.
Jenna Kalin schob den Brechreiz auf den wirbelnden Schnee, doch sie wusste, dass sie sich etwas vormachte. Sie hatte Jahre in der Wildnis von Alaska verbracht und schon weitaus schlimmere Schneestürme erlebt. Früher hatte sie deren ungeheure Wucht manchmal sogar genossen, weil es für sie eine Mahnung daran war, dass sich manches in der Natur trotz des wachsenden Einflusses des Menschen nicht zähmen ließ.
Mit Mühe gelang es ihr, den Stiefel aus dem Schnee zu ziehen, der sich darum angesammelt hatte. Dann richtete sie den Strahl ihrer Stirnlampe hinter sich. Wie ein Kaleidoskop beleuchtete er die weißen Schneeflocken, bevor er von der Dunkelheit um sie herum verschluckt wurde. Das Seil um ihre Taille begann durchzuhängen, und sie sah zu, wie ihr Begleiter näher kam.
Vor zehn Stunden war er noch so sicher gewesen, dass seine Kondition und sein fanatischer Wille ausreichten, um es mit ihr und dem Winter in Alaska aufzunehmen. Doch jetzt kam sein Atem in kurzen, keuchenden Stößen, und er fing an, fast bei jedem Schritt zu stolpern. Für jeden anderen hätte sie jetzt ein paar aufmunternde Worte gehabt, doch Jonas Metzger war kein Mann, der bei seinen Mitmenschen Mitgefühl oder Sympathie hervorrief. Seit sie zusammenarbeiteten, war leichtes Unbehagen noch das wärmste Gefühl gewesen, das sie ihm entgegengebracht hatte.
Jenna hatte allein kommen wollen, doch das hatten sie nicht zugelassen. Michael Teague hatte immer wieder Bedenken wegen ihrer Sicherheit geäußert, aber seine Sorge um sie hatte wie immer etwas Künstliches an sich gehabt. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass sie einen Rückzieher machte.
Jenna kämpfte sich weiter, bevor Jonas sie erreichen konnte. Sie konzentrierte sich auf die endlose Dunkelheit hinter ihrer Stirnlampe und versuchte, ihn zu vergessen. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich schmutzig, weil er bei ihr war. Ein Krimineller. Was sie, wie sie fand, wohl auch war.
Es dauerte über eine Stunde, die letzten beiden Kilometer zu gehen. Das Seil zog immer öfter an ihrer Taille, da es ihrem Begleiter zunehmend schwerer fiel, mit ihr Schritt zu halten. Erst als sich die Schwärze vor ihr in ein schmutziges Grau verwandelte, wurde ihr klar, dass sie froh war über die Verzögerung. Ihre Übelkeit verstärkte sich, als sie in einiger Entfernung die Umrisse einer gewaltigen Form sah, einen riesigen Grabstein, der das verunstaltete, was früher einmal unberührte Wildnis gewesen war. Ein Krebsgeschwür in einer Landschaft, die angeblich für immer geschützt war.
Als sie näher kam, war der Bohrturm in allen Einzelheiten zu erkennen: Das hoch aufragende Gewirr aus Stahlträgern, an denen Scheinwerfer montiert waren, die herumhängenden Kabel, der schmutzige Schnee, der als Windschutz aufgetürmt worden war. Nach kurzer Zeit wurde ihre Übelkeit durch eine unbändige Wut unterdrückt, ausgelöst durch den Anblick des Geländes und die Bohrgeräusche, die der nach Diesel riechende Wind zu ihr trug.
Sie ließ ihren Rucksack in den Schnee fallen und machte eine kleinere Version davon los, die sie in dem Moment über ihre Schultern streifte, als Jonas sie erreichte.
»Warte hier«, sagte Jenna, während sie ihre Stirnlampe ausschaltete und den Arm ausstreckte, um seine ebenfalls zu löschen. Es war zwar nicht wahrscheinlich, dass sie jemand vom Bohrturm aus durch den Schneesturm hindurch sehen konnte, oder dass jemand um diese Zeit einen Blick nach draußen werfen würde, doch sie wollte kein Risiko eingehen.
Sie konnte Jonas’ Gesicht nicht sehen, doch die dicke Kapuze, von der es umgeben war, bewegte sich hin und her.
»Ich soll mitkommen.«
Die Worte waren fast nicht zu verstehen, so verstümmelt waren sie durch seinen starken deutschen Akzent, den Wind und das laute Kreischen des Bohrgestänges.
»Du bist doch mitgekommen«, sagte Jenna, während sie widerwillig einen Schritt auf ihn zuging und sich vorbeugte, um nicht schreien zu müssen. »Aber ich bin für die Aktion verantwortlich, und mit dir zusammen komme ich nicht schnell genug vorwärts.«
Weder stimmte er ihr zu, noch widersprach er ihr – er stand einfach nur da, völlig reglos, bis auf seine Hände in den dicken Handschuhen, die sich zur Faust ballten und wieder öffneten.
Der Moment war nicht so feierlich, wie Jenna sich das vorgestellt hatte. Sie hätte allein hier stehen sollen, sie hätte an all die Jahre denken sollen, in denen sie draußen unter den Sternen Alaskas geschlafen, in denen sie die Einsamkeit und die Stille genossen hatte. In einer Welt mit sieben Milliarden Menschen war es fast surreal, für die Natur einzutreten, anstatt den anonymen Massen anzugehören, die sie zerstörten.
Sie dachte an Erin Neal, was sie immer noch viel zu oft tat. Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, was sie jetzt vorhatte?
»Warte hier!«, sagte sie noch einmal, während sie das Seil, das sie miteinander verband, aushakte und so schnell losmarschierte, dass Jonas mit Sicherheit nicht nachkommen konnte. Als sie schließlich einen Blick zurückwarf, sah sie nichts mehr. Nur die Dunkelheit war noch da.
 
Es dauerte gut fünfzehn Minuten, bis Jenna die steile Schneebank erreicht hatte, von der das Bohrgelände umgeben war, und weitere zwei, bis sie hinaufgeklettert war. Sie legte sich auf den Bauch und spürte, wie ihr die Kälte, die bis jetzt nur ihr Gesicht und ihre Hände hatte taub werden lassen, in die Brust kroch und ihre Zähne zum Klappern brachte. Der Schal über ihrem Mund lenkte ihren Atem nach oben und ließ ihre Schutzbrille beschlagen; daher nahm sie ihn ab, und die gefrorene Luft strömte direkt in ihre Lungen.
Auf dem Gelände unter ihr war der Schnee weggeräumt worden, damit nicht nur für den Bohrturm Platz war, sondern auch für die Männer und die Maschinen, die für seinen Betrieb sorgten. Überall standen Raupenfahrzeuge, Geräte und Stapel mit Vorräten herum, außerdem noch ein paar beheizte Wohnwagen, in denen um diese Zeit die Bohrarbeiter schliefen. Es war zwei Uhr morgens, trotzdem erhellten starke Scheinwerfer jede Ecke des Geländes und vernichteten jeden Schatten, sodass es aussah wie ein überbelichtetes Foto. Sie blieb reglos liegen, nur ihre Augen bewegten sich, als sie nach dem Rumpfteam der Nachtschicht suchte, das hier irgendwo sein musste.
Nichts.
Sie wartete weiter, während ihr immer kälter wurde. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie nur noch fünf Minuten hatte, bevor ihr Körper allmählich seine Bewegungsfähigkeit verlieren würde.
»Das ist nicht gerade der richtige Zeitpunkt, um in sich zu gehen«, sagte sie laut. Sie hatte ihre Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Jenna schob sich über den Rand der Schneebank und rutschte auf dem Bauch nach unten, wobei sie darauf vertraute, dass ihre weiße Kleidung als Tarnung genügte. Die lauten Rufe und das Geräusch rennender Füße, mit denen sie fast schon gerechnet hatte, kamen nicht. Als sie unten war, rannte sie tief gebückt zu einer Pyramide aufgestapelter, rostiger Fässer.
Der Wind wurde von den hohen Schneewällen um das Gelände abgehalten, doch er war über dem Kreischen der Maschinen immer noch zu hören; heulend fegte er durch den oberen Teil des Bohrturms, erbost darüber, dass er von so etwas Unbedeutendem und Kurzlebigem wie Menschen ausgesperrt wurde.
Sie kroch weiter, während das Adrenalin in ihrem Blut Kälte, Zweifel und Angst unterdrückte. Nicht einmal eine Minute später spürte sie die erste Stufe einer Metalltreppe unter ihrem Fuß. Die Eisschicht auf den Stufen erschwerte den Weg nach oben, dämpfte aber gleichzeitig das Geräusch ihrer Stiefel auf dem Stahl.
Am oberen Ende der Treppe fand sie, wonach sie gesucht hatte: Mehrere Fässer, die aussahen, als wären sie mit trübem Wasser gefüllt. In Wahrheit enthielten sie eine spezielle Flüssigkeit, die als Schmiermittel auf die Bohrkrone gepumpt wurde und verhinderte, dass Dreck und Steine aus dem Bohrloch nach oben flossen.
Jenna ließ sich auf die Knie fallen, streifte ihren Rucksack ab und holte zwei große Plastiktüten heraus. Als sie wieder aufstand, stellte sie fest, dass sie auf die Fässer starrte und keinen Finger rühren konnte.
Niemand wird zu Schaden kommen, sagte sie sich zum tausendsten Mal. Die Ölfirmen würden aufheulen, sich lautstark beschweren und die Regierung schließlich dazu bringen, die Milliardengewinne, die sie Monat für Monat erzielten, durch weitere Subventionen aufzustocken. Die amerikanische Bevölkerung würde sich kurz, aber heftig selbst bemitleiden, bevor sie das Ganze wieder vergaß. Und am Ende würde ihre Aktion lediglich dafür sorgen, dass ein Teil dieser Wildnis, die zu den letzten unberührten Gebieten auf dieser Welt zählte, sicher war. Für immer.
Jennas Blick ging zu den mit Eis überzogenen Rohren und Stahlträgern, dann zu dem hell ausgeleuchteten Gelände und schließlich zu der weiten Fläche unter ihr. Manchmal wurde es so schlimm, dass verantwortungsbewusste Menschen handeln mussten, um etwas zu ändern. Man musste nur wissen, wann es so weit war. Und das war das Schwierige daran.
Sie machte die Plastiktüten auf und schüttete ein weißes Pulver in die Fässer. Es verschwand so schnell, dass sie fast so tun konnte, als wäre es gar nicht geschehen. Als hätte es den Inhalt dieser Plastiktüten nie gegeben.
Es war ganz anders, als sie erwartet hatte. Keine Explosion, kein knirschendes Bohrgestänge, keine plötzliche Dunkelheit, weil die Scheinwerfer ausgingen. Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte, als sie die leeren Tüten in ihren Rucksack steckte.
»He! Wer zum Teufel sind Sie?«
Jenna wirbelte herum und hielt sich an dem glatten Geländer fest, um nicht zu stürzen. Der Bohrarbeiter rannte auf sie zu, so schnell und mühelos, wie das nur jemand konnte, der sein halbes Leben auf eisüberzogenen Laufstegen verbracht hatte.
Sie lief auf die Treppe zu und fiel und rutschte nach unten, bis sie an ihrem Ende in den Schnee stürzte. Schritte näherten sich, als der Bohrarbeiter die Eisschicht auf den Treppenstufen zum Platzen brachte und ein dumpfes Klirren auslöste, das unglaublich laut schien.
Jenna stolperte über ihre unförmigen Stiefel, rappelte sich wieder auf und rannte in die Richtung, aus der sie gekommen war. Unter dem gleißend hellen Licht der Scheinwerfer kam sie sich vor wie unter einem der Vergrößerungsgläser, die sie als Kind so fasziniert hatten.
»Stehen bleiben!«
Rechts von ihr öffnete sich die Tür eines Wohnwagens, und sie sah, wie ein Mann, der nur eine schmutzige Jeans trug, einen Blick nach draußen warf und sofort wieder verschwand. Unmittelbar darauf kam er mit einem Paar Stiefel in der Hand wieder zur Tür, sprang auf den Boden und zog sich das Schuhwerk an, während er etwas in die offene Tür brüllte.
Sie hatte sich nicht umgesehen, war aber sicher, dass der Mann, der ihr folgte, sie langsam einholte. In dieser Nacht hatte sie schon so viele kalte, lange Kilometer hinter sich gebracht, dass ihre Beine nicht mehr mitmachen wollten. Aber vielleicht lag es ja gar nicht an ihren Beinen. Vielleicht wollte sie ja erwischt werden.
Mit einem lauten Ächzen hechtete der Mann auf sie zu. Er erwischte sie gerade noch an der Ferse, und sie knallte mit dem Gesicht auf den festgetretenen Schnee.
Jenna rutschte mit dem Mann zusammen über den Schnee, und als sie gegen einen Stapel Reifen prallten, krallte er seine Finger in ihre Hose. Sie drehte sich auf den Rücken und versuchte, nach ihm zu treten. Ihr Stiefel landete in dem dichten Bart des Mannes und traf sein Kinn.
Jenna war nicht stark genug, um einem so großen Mann ernsthaft wehtun zu können, aber immerhin ließ er sie los und hob beide Hände, um den zweiten Fußtritt abzuwehren, mit dem er rechnete. Stattdessen rappelte sie sich auf, stützte sich an einem rostigen Pistenfahrzeug ab, um Halt unter den Füßen zu finden, und begann wieder zu laufen. Die Schreie, die sie hinter sich hörte, kamen vermutlich von zwei oder drei Männern, doch ihr Gehirn machte daraus einen wütenden Mob, und endlich gehorchten ihr ihre Beine wieder. Sie fand ihr Gleichgewicht wieder und spürte die bitterkalte Luft auf ihrem Gesicht, während sie immer schneller wurde.
Jenna hatte fast schon die Schneebank erreicht, als ein Mann hinter einem Stapel Schrott hervortrat und eine Waffe auf sie richtete. Sie wollte stehen bleiben, war aber so schnell, dass ihr Schwung sie weiterstolpern ließ, so nahe an den Mann heran, dass er mit Sicherheit nicht danebenschießen würde. In diesem Moment wurde ihr klar, dass er die Waffe gar nicht auf sie, sondern hinter sie gerichtet hatte.
»Jonas, nein!«
Sie warf sich auf den Deutschen und stieß seinen Arm weg, in dem Moment, in dem er abdrückte. Auf den lauten Knall der Pistole folgte das Geräusch eines Querschlägers, nicht der dumpfe Schlag, den eine Kugel ihrer Meinung nach machte, wenn sie Fleisch traf.
Als sie einen Blick über die Schulter warf, sah sie, dass der Mann, der sie verfolgt hatte, auf dem Rücken im Schnee lag und versuchte, sich umzudrehen. Gleich darauf rannte er in Richtung Bohrturm, zusammen mit den Männern, die aus den Wohnwagen gekommen waren.
»Bist du verrückt geworden?«, sagte sie, während sie Jonas so energisch von sich stieß, dass er um ein Haar in dem Metallschrott hinter ihm gelandet wäre. »Du hättest jemanden umbringen können!«
Er gab ihr keine Antwort. Stattdessen packte er sie im Nacken und zerrte sie in die Wildnis hinaus, aus der sie gekommen waren.
1
 
 
»So eine Scheiße!«, brüllte Erin Neal, während er seinen Schraubenzieher wegwarf und das Rollbrett unter dem ständig verklemmten Solarelement hervorschob. Er gab dem Element einen kräftigen Fußtritt, bevor er daran dachte, dass er nur Sandalen an den Füßen trug, und humpelte dann über die staubige Einöde, die als sein Garten durchging.
In den letzten drei Tagen hatte er bis auf einen Schweißbrenner alles Mögliche versucht, um das Element wieder dazu zu bringen, sich nach dem Sonnenstand auszurichten. Jetzt wurde sein Leben von den Marotten eines defekten Solarelements und einer Windmühle diktiert, deren Flügel sich ohne Wind nicht drehten. Es war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen, sein Haus fünfzehn Kilometer von der nächsten asphaltierten Straße und damit zu weit entfernt für einen Anschluss an das Stromnetz zu bauen. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Batterien leerten, würde sein Gefrierschrank schon sehr bald den Dienst verweigern. Und dann konnte er den Elch, den er im Herbst geschossen hatte, wegwerfen.
Er trat auf die breite Veranda an seinem Haus, um der Sonne Arizonas zu entgehen, die den Sonnenbrand auf seinem Rücken nur noch schlimmer machte und ansonsten zu nichts zu gebrauchen war. Dann ging er hinein und knallte die Tür hinter sich zu. Entweder gab er jetzt auf und holte sich einen Fachmann, oder er kaufte sich den Dieselgenerator, gegen den er sich schon so lange sträubte.
Das Wasser im Waschbecken war lauwarm, doch er schöpfte es sich trotzdem in den Nacken. Es war zwar nicht so erfrischend wie eine Handvoll Eis, aber da er seinen gottverdammten Gefrierschrank nicht aufmachen konnte, war es das Beste, was er kriegen konnte.
Erin griff sich ein schmutziges Glas von der Theke, drehte sich um und warf es durch die Küchentür hindurch an den Kamin, der das kleine Wohnzimmer dominierte. Es zerschmetterte mit einem lauten Krachen. Während er zusah, wie die Splitter auf den Boden spritzten, ging es ihm etwas besser. Wie immer, wenn eines seiner Gläser dran glauben musste.
Das Haus war nicht sehr groß – ein offener Wohnbereich um den von Glasscherben umgebenen Kamin, auf den sich eine Wendeltreppe stützte, die nach oben ins Dachgeschoss und nach unten in den Keller führte, und ein schmaler Flur, durch den man zu einem Bad und zu einem unbenutzten Arbeitszimmer kam. Er hatte es selbst gebaut, aus alten, mit Sand gefüllten Reifen, die er mit weißen Lehmziegeln abgedeckt hatte. Das Material hatte nicht nur elegante, geschwungene Linien ergeben, auf die er von allein vermutlich nie gekommen wäre, sondern auch dafür gesorgt, dass seine mittelmäßigen Fähigkeiten als Zimmermann nicht allzu sehr ins Gewicht fielen. Obwohl es einiges gab, das er inzwischen anders machen würde, und trotz der Tatsache, dass er langsam zu dem Schluss kam, sein Solarelement wäre vom Teufel besessen, konnte er sich über das Ergebnis eigentlich nicht beklagen. Die Ausrichtung war ideal für Passivheizung und -kühlung, und bis auf die letzten paar Tage hatte die von ihm entwickelte Elektroinstallation dafür gesorgt, dass er im 21. Jahrhundert leben konnte.
Erin spritzte sich noch etwas Wasser in den Nacken und holte dann eine Kehrschaufel aus dem Schrank. Wenigstens zwangen ihn die Glasscherben dazu, ein wenig aufzuräumen. Er besaß zwangsläufig nicht viel, doch irgendwie schienen sich seine Sachen immer dann auf dem Boden zu verteilen, wenn er gerade einmal nicht hinsah.
Als sein Mobiltelefon klingelte, zuckte er zusammen – nicht nur wegen der selbstauferlegten Stille um ihn herum, sondern auch, weil ihn eigentlich nie jemand anrief. Manchmal fragte er sich, warum er das Ding überhaupt angeschafft hatte.
Das Geräusch klang gedämpft, was darauf hindeutete, dass sich das Handy schon wieder zwischen den Sofakissen versteckt hatte. Er musste eine Weile herumtasten, bis er das Telefon gefunden hatte.
»Hallo?«
»Erin?«
»Wer will das wissen?«
»Sie haben sich überhaupt nicht verändert. Rick Castelli. Wie geht’s Ihnen?«
Erin ließ sich auf die Couch fallen und legte die Füße auf den Tisch, den er aus Teilen eines alten Pick-ups zusammengeschweißt hatte.
»Rick? Ist ganz schön lange her. Seit dieser Ölkatastrophe vor der Küste Kaliforniens, stimmt’s?«
»Ja, und Sie haben bei der Säuberungsaktion wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Wenn ich Sie damals nicht zum Leiter der Arbeiten eingesetzt hätte, würden wir dort immer noch Felsen schrubben.«
»Dann sind Sie noch bei Exxon?«
»Nein. Ich habe mich vor einer Weile selbständig gemacht. Inzwischen arbeite ich fast nur noch als Berater für die Regierung.«
»Ein ruhiger Job«, erwiderte Erin.
»Ja, er ist nicht schlecht...« Die Stimme brach ab.
»Was wollen Sie, Rick? Sie rufen doch nicht an, um mit mir über alte Zeiten zu plaudern.«
»Nicht direkt. Es geht um Folgendes, Erin. Die Saudis haben ein paar Probleme mit ihrer Produktion, und ich dachte, das wäre etwas, das Sie interessieren könnte.«
Erin verdrehte die Augen und sah zu, wie ein Schweißtropfen an seiner Nase herunterrollte. »Ich kann Ihnen garantieren, dass mich das nicht interessiert.«
»Ich habe Ihnen doch noch gar nichts darüber erzählt.«
»Ich bin im Ruhestand.«
»Sie sind siebenunddreißig.«
»Na und?«
»Wollen Sie mir etwa weismachen, Sie hätten etwas Besseres zu tun?«
»Etwas Besseres, als nach Saudi-Arabien zu fliegen? Wollen Sie mich verarschen? Da drüben ist die Kacke am Dampfen, und ich habe gehört, dass man für Amerikaner die doppelte Punktzahl bekommt.«
»Die Zeitungen übertreiben.«
»Die Zeitungen übertreiben«, wiederholte Erin skeptisch. »Sie halten fünf Bomben in den letzten zwei Wochen also für eine Übertreibung? Wie viele hat es erwischt? Nach dem, was ich gehört habe, arbeitet das Königshaus an einer Ausstiegsstrategie.«
»Sie kennen diese verdammten Kameltreiber doch«, sagte Castelli. »Wir wollen nur, dass sie stehen bleiben, damit wir ihnen die Dollarscheine in den Rachen stopfen können, aber nicht mal das bringen sie fertig.«
»Sie reden immer noch die gleiche Scheiße wie früher.«
»Wie meinen Sie das?«
»Könnte es sein, dass wir lautstark nach Demokratie schreien und gleichzeitig einen Haufen kleptomanischer Monarchen unterstützen, die sich mit dem vielen schönen Geld einen Rolls-Royce nach dem anderen kaufen, während ihre Untertanen verhungern?«
»Großer Gott. Ich hatte ganz vergessen, was für ein arrogantes Arschloch Sie...«
»Gibt es sonst noch was, über das Sie mit mir sprechen wollen?«, unterbrach ihn Erin.
»Erin, jetzt machen Sie’s mir doch nicht so schwer. Ich habe hier jemanden, der angeblich ein Experte ist, aber er kann Ihnen nicht das Wasser reichen. Und seit wann sind Sie eigentlich so ein Waschlappen?«
»Warum schieben Sie sich Ihr Angebot nicht...«
»Ich schicke Ihnen ein Flugzeug, okay? Ach was, ich schicke Ihnen einen Jet mit Wasserbett und einer sexy Flugbegleiterin und einem hundert Jahre alten Scotch. Und die Rechnung dafür bekommt Uncle Sam. Das wird bestimmt lustig.«
»Nein.«
»Verdammt noch mal, Erin! Jetzt seien Sie doch nicht so ein Idiot. Tun Sie es für einen alten Freund.«
»Ich habe Sie noch nie gemocht.«
Das stimmte nicht ganz. Auf seine Art war Castelli eigentlich ganz in Ordnung. Aber es gab so viele Gründe dafür, nicht wieder in die Ölbranche zurückzukehren, dass Erin einen Taschenrechner brauchen würde, um sie zu zählen. Diese Jahre waren für ihn nicht mehr real. Sie waren nur eines seiner vielen früheren Leben.
»Wer’s glaubt, wird selig«, entgegnete Castelli. Seine Stimme wurde weicher. »Ich weiß, ich hätte Sie anrufen sollen. Es hat mir sehr leid getan, als ich das mit Ihrer Freundin gehört habe. Wie hieß sie noch mal?«
Erin spürte den vertrauten Druck auf seiner Brust. Für ein paar Sekunden fiel ihm das Atmen schwer, aber es waren nur ein paar Sekunden. Was immerhin schon ein Fortschritt war. »Jenna.«
»Ja, genau. Jenna Kalin. Sie soll ja ein nettes Mädchen gewesen sein. Aber so eine Art Ökofreak, stimmt’s?«
Erin atmete hörbar aus, was man durchaus als Lachen missverstehen konnte. »Sie sind noch genauso zartfühlend wie früher.«
»Großer Gott, Erin. Wie lange ist das jetzt her? Zwei Jahre?«
»Eineinhalb.« Genau genommen achtzehn Monate, vier Tage und einige Stunden, je nachdem, wie genau man es mit den Zeitzonen nahm. »Es ist nur ein paar Tage nach Weihnachten passiert...«
»Es gibt nichts Besseres als einen kostenlosen Ausflug ins sonnige Saudi-Arabien, um auf andere Gedanken zu kommen«, unterbrach ihn Castelli, der offenbar keine Lust hatte, dieses Thema weiter zu vertiefen. »Und wenn ich Ihnen garantiere, dass Sie bei der Flugbegleiterin landen...«
Die Verbindung brach ab. Erin sah auf das Display. Der Akku war leer. Er stopfte das Mobiltelefon zwischen die Kissen zurück und griff nach einem Foto, das auf dem Tisch neben seinen Füßen stand.
Das Bild war in besseren Zeiten aufgenommen worden. Der Strand, auf dem er und Jenna fotografiert worden waren, war nach einem Tankerunglück schwarz geworden, und sie hielt einen ölverschmierten Vögel in den Armen. Ihre Figur war unter einem dicken Overall und einem schmutzigen, viel zu großen Pullover versteckt, und man sah eigentlich nur ihr braun gebranntes Gesicht und ihr dichtes braunes Haar. Warum war ausgerechnet diese Aufnahme sein Lieblingsfoto von ihnen beiden? War es der Blick, mit dem sie den dummen Vogel ansah? War es die Erinnerung daran, dass er damals seinen angeborenen Zynismus abgelegt und sich von ihrer moralischen Überzeugung hatte anstecken lassen?
Erin musste daran denken, wie Jenna auf das Öl reagiert hatte. Sie hatte Ausschlag bekommen und für jeden einzelnen Pickel ein anderes Energieunternehmen verantwortlich gemacht, als hätte es ein Firmenkomplott gegeben, dessen einziges Ziel es war, ihren Teint zu ruinieren.
Er wollte ein Bier. In diesem Moment hätte er sogar ein warmes genommen.
Aber er trank nicht mehr, und auch das hatte er Jenna zu verdanken. Sie war die Einzige gewesen, die sich getraut hatte, ihn völlig zu Recht darauf hinzuweisen, dass er ein psychotischer Säufer war. Warum hatte er dann nach ihrem Tod nicht wieder damit angefangen? Alkohol brachte zwar sämtliche schlechten Seiten in ihm zum Vorschein, doch manchmal war es einfacher, mit der Wut umzugehen als mit allem anderen.
Erin legte das Foto weg und versank noch etwas tiefer im Sofa, während er die leere Wand vor sich anstarrte. Nach seiner Promotion schien alles klar gewesen zu sein. Er hatte eine neue Art von Umweltschützer werden wollen. Anstatt Transparente zu schwenken und alle davon überzeugen zu wollen, dass ihnen demnächst der Himmel auf den Kopf fiel, hatte er den gesunden Menschenverstand in die Diskussion einbringen wollen, indem er einkalkulierte, dass die Menschen erst dann etwas für ihren Planeten tun würden, wenn dabei etwas ganz Konkretes für sie heraussprang. Vorzugsweise Geld.
Auf den ersten Blick war es eine großartige Idee gewesen – eine Revolution, wie er sich immer gesagt hatte. Aber er hatte zu viele Kompromisse gemacht. In Wahrheit war die Umwelt inzwischen eher ein emotionales und kein wissenschaftliches Problem mehr. Niemand hatte etwas von seinen Gleichungen oder seinen ausgeklügelten Argumenten wissen wollen. Die Menschen wollten einfach nur glauben.
Die ersten Angriffe gegen sich hatte Erin noch mit einem Lachen abgetan. Die Argumente seiner Kritiker hatte er auseinandergenommen und ihnen in den Rachen gestopft. Über die gelegentlichen Morddrohungen hatte er sich amüsiert und sie an eine große Pinnwand gehängt, die wie ein Grabstein aussah. Als sich seine Freunde von ihm abgewandt hatten, war es schon etwas schwieriger geworden. Doch als Jenna ihm den Rücken gekehrt hatte, hatte er den Boden unter den Füßen verloren.
Wie vorherzusehen war, hatte es nicht lange gedauert, bis Bestürzung und Verzweiflung in Wut umgeschlagen waren, was ihm einen Job in der Ölbranche eingebracht hatte. Er wollte es allen zeigen.
Doch was hatte er ihnen eigentlich gezeigt? Dass er ein unglaublich reicher und tierisch einsamer Siebenunddreißigjähriger werden konnte, der in einem dunklen Haus herumsaß, zusammen mit dem Geist einer Frau, die ihn vor ihrem Tod gehasst hatte?
Erin fragte sich, warum es so schwer war. Wenn sie bei ihrem Tod nicht so zerstritten gewesen wären …
»Dann wärst du wahrscheinlich noch kaputter als jetzt«, sagte er laut. Er zwang sich, aufzustehen und die Glassplitter zusammenzufegen.
2
 
 
Mark Beamon trat zu spät auf die Bremse, sodass der Kleinwagen, den er unklugerweise gemietet hatte, über die unbefestigte Straße schleuderte und mit den Vorderrädern in die tiefe Fahrspur geriet. Als der Staub ihn eingeholt hatte und durch die offenen Fenster drang, verzog er das Gesicht und fragte sich, ob er dieses Mal tatsächlich stecken geblieben war.
Der Vorschlag, auf Staatskosten dem Regen zu entkommen, in dem Washington D. C. gerade ertrank, und stattdessen den blauen Himmel über Tucson zu genießen, hatte theoretisch sehr verlockend geklungen. Ein bisschen Sonne, mexikanisches Essen, vielleicht eine kleine Runde Golf. Aber dies war nicht Tucson. Dies war ein gottverlassenes Stück Wüste am Arsch der Welt.
Die Frage, was einen halbwegs normalen Menschen dazu brachte, in dieser kaktusverseuchten Staubschüssel leben zu wollen, drängte sich ihm geradezu auf. Keine Swimmingpools, keine gepflegten Fairways. Und nirgendwo Schatten.
Beamon steckte den Kopf aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass keine Geier über ihm kreisten, bevor er Vollgas gab und den Wagen aus der Fahrspur holte. Dann fuhr er auf dem schmalen Streifen weiter, der hier als Straße durchging.
Als fünf Minuten später sein Telefon klingelte, hatte er nur einen Kilometer hinter sich gebracht. Die neun Löcher, die er für den Nachmittag geplant hatte, wurden immer unwahrscheinlicher.
»Hallo?«
»Hallo, Mark.«
»Das wird aber auch Zeit.«
»Sie sagten sechzehn Uhr. In Arizona ist es exakt sechzehn Uhr. Genau genommen bewegt sich der Minutenzeiger auf meiner Uhr gerade auf die Zwölf. Und zwar – jetzt.«
Beamon musste grinsen. Von den Leuten, die für ihn arbeiteten, war ihm Terry Hirst am sympathischsten. Der Mann war nicht nur unglaublich tüchtig und geradezu unangenehm pünktlich, er ließ sich zudem von nichts und niemandem einschüchtern. Was in der nervösen, politisch korrekten Welt der Regierungsbehörden heutzutage eine Seltenheit war.
»Okay, Sie haben gewonnen, Terry. Was haben Sie herausgefunden?«
»Die E-Mail mit den wichtigsten Informationen über ihn haben Sie bekommen, ja? Beruflicher Werdegang, Ausbildung und so weiter?«
»Ja. Jetzt erzählen Sie schon...«
»Okay. Zunächst einmal sind alle einhellig der Meinung, dass Erin Neal ein Genie im wahrsten Sinne des Wortes ist. Er ist die Koryphäe auf dem Gebiet der Bioremediation.«
»Was zum Teufel ist Bioremediation?«
»Das habe ich auch gefragt. Im Grunde genommen geht es darum, Giftmüll, der in die Umwelt gelangt ist, mithilfe von Bakterien zu beseitigen. In der Regel bedeutet das Öl, aber er hat auch Bakterien entwickelt, die radioaktive Abfälle auffressen, und solche, die selbst unter extremen Bedingungen funktionieren, wie zum Beispiel bei der Kohleverarbeitung.«
Beamon fuhr über einen Hügel, konnte aber immer noch keine Spuren einer menschlichen Besiedlung ausmachen. Wo wohnte der Kerl? In einer Höhle?
»Erin hat eine Firma für Bioremediation gegründet, die überall auf der Welt tätig war, und eine Menge Geld damit gemacht«, fuhr Hirst fort. »Den größten Teil davon hat er in Forschungsprojekte für Umweltschutz gesteckt...«
»Großer Gott«, stöhnte Beamon.
»Was ist denn?«
»Er ist ein Hippie, stimmt’s?«
»Nicht ganz«, erwiderte Hirst. »Ich glaube, man könnte durchaus behaupten, dass der harte Kern der Umweltschützer ihn nicht ausstehen kann. Er hat ein ziemlich einflussreiches Buch geschrieben, in dem es um Energie und Natur geht. Ich habe es für Sie bestellt.«
»Warum geben Sie mir nicht einfach eine Zusammenfassung davon?«
»Im Wesentlichen geht es um die Zukunft von Energie und Umwelt, die vor dem Hintergrund von Politik und der menschlichen Natur untersucht werden. Neal hat eine sehr pessimistische Meinung von den Menschen. Er glaubt, dass wir vielleicht etwas für den Schutz unserer Umwelt tun würden, wenn es uns nicht das Geringste kosten würde, die Entscheidung aber klar sei, wenn man uns vor die Wahl stelle, einen Baum zu retten oder die Klimaanlage laufen zu lassen. Daher war er der Ansicht, dass die Umweltschutzbewegung sich darauf konzentrieren müsse, Technologien und realistische Strategien zu entwickeln, die die Leute begeistern, und zwar unabhängig davon, ob es der Umwelt zugute kommt oder nicht. Er hat zum Beispiel gesagt, dass es völlig sinnlos wäre, ein Elektroauto zu bauen, es sei denn, es sieht gut aus, hat einen Allradantrieb und beschleunigt von null auf hundert in unter sechs Sekunden.«
»Lassen Sie mich raten«, sagte Beamon. »Er hat es sich mit beiden Seiten verdorben.«
»Mehr oder weniger. Die Umweltschützer haben ihn als Nestbeschmutzer angesehen, und die Wirtschaft ließ sich nicht dazu überreden, Geld für Forschungsprojekte rauszurücken. Jedenfalls hat Neal ein Jahr nach Erscheinen des Buchs seine Firma zugemacht.«
»Seine Firma ist bankrott gegangen?«
»Nein, er hat sie einfach dicht gemacht. So wie ich das sehe, hatte der Kerl quasi eine Lizenz zum Gelddrucken.«
»Er hat sie also verkauft.«
»Ich hab’s Ihnen doch schon gesagt, Mark. Er hat seinen Leuten dicke Schecks als Abfindung in die Hand gedrückt und die Türen zugesperrt. Danach hat er als Berater für Ölfirmen gearbeitet – vor allem für Exxon, BP und Saudi Aramco. Und irgendwann ist er einfach verschwunden.«
»Das hat er also auch hingeworfen? Die Saudis dürften doch ziemlich gut zahlen.«
»Mit Sicherheit. Aber bis auf seine Adresse und Kontoauszüge haben wir so gut wie nichts Aktuelles über ihn. Er hat keinen Job, er betreibt keine Forschung, und er schreibt nichts, das veröffentlicht wird.«
»Dann ist er so eine Art Eremit?«, fragte Beamon.
»Sieht ganz danach aus.«
»Sie wissen, was ein Eremit ist?«
»Nein.«
»Ein einsamer Hippie. Sonst noch was?«
»Ich habe mir sein Vorstrafenregister angesehen...«
»Moment, lassen Sie mich raten. Er hat sich in einem Holzfällerlager an einen Baum gekettet.«
»Nein...«
»Die Polizei hat Hanfpflanzen bei ihm gefunden, die er in seinem VW-Bus angebaut hat?«
»Lassen Sie mich jetzt mal ausreden? Er wurde zweimal wegen Störung der öffentlichen Ordnung und einmal wegen tätlichen Angriffs festgenommen. Alle Anklagen wurden fallen gelassen. Vielleicht ist er ja tatsächlich ein zorniger, einsamer Hippie.«
»Das würde ich nicht...« Beamon hörte den Anklopfton seines Mobiltelefons und sah sich die Nummer im Display an. »Tut mir leid, Terry. Ich bekomme einen Anruf rein. Ich melde mich später bei Ihnen.«
Er nahm das Gespräch an und hängte den Arm aus dem offenen Fenster. Seine Finger trommelten rhythmisch auf dem heißen Stahl der Tür herum. »Carrie? Hörst du mich?«
»Ich habe gerade deine Nachricht bekommen – jetzt erst, weil ich bis eben im Krankenhaus war. Was machst du denn in Arizona?«
»Urlaub auf Kosten des Steuerzahlers. Und damit auch auf deine Kosten. Genau genommen gibt es hier jemanden, mit dem wir reden müssen, und da es ziemlich wichtig ist, musste ich die Sache selbst übernehmen.« Er verzog das Gesicht, als er sich so plump lügen hörte.
»Ziemlich wichtig, ja?«
»Soweit ich weiß.«
»Kommst du heute Abend zurück?«
»Ich weiß noch nicht, aber vermutlich schon.«
»Du weißt, dass wir einen Smoking für dich kaufen wollten.«
Das wusste Beamon nur zu gut. Seine Sekretärin hatte das Datum nicht nur in seinen Terminkalender eingetragen, sondern es zu allem Überfluss auch noch mit einem rosa Herz eingerahmt. Das war zu viel für ihn gewesen. Soweit er das bis jetzt sagen konnte, waren Hochzeitsvorbereitungen ein Kreis der Hölle, den Dante für so entsetzlich gehalten hatte, dass er gar nicht erst darüber geschrieben hatte.
»Tut mir leid, Carrie. Es ließ sich nicht vermeiden.«
»Ich bestell dir den himmelblauen mit den Rüschen.«
Er schnaubte. »Die Mühe kannst du dir sparen. Ich hab noch einen auf dem Dachboden, den ich mir für meinen Abschlussball an der Highschool gekauft habe. Den brauchen wir nur ein bisschen weiter machen lassen.«
 
Beamon wusste nicht genau, was er eigentlich erwartete, doch das, was er jetzt vor sich hatte, kam dem ziemlich nah. Das Haus aus weißen Lehmziegeln sah aus, als hätte sich sein Erbauer zu gleichen Teilen von Tipis und Muscheln inspirieren lassen. Einen Garten gab es nicht, nur rötlichen Staub, hoch aufragende Kandelaberkakteen und einige Metallteile, die wie Industrieschrott aussahen. Das riesige Solarelement konnte man noch identifizieren, die Hightech-Windmühle ebenso, doch der Honda Hybrid, der neben einer leicht schiefen Scheune stand, war dermaßen mit technischen Spielereien übersät, dass Beamon ihn nur erkannte, weil einer seiner Nachbarn den gleichen Wagen fuhr. Am auffälligsten war jedoch ein großes Schwimmbecken, das von einem Gerüst umgeben war. Und oben auf dem Gerüst stand ein Mann, der lediglich eine kurze Hose in Tarnfarben trug und etwas in der Hand hielt, das wie ein überdimensionaler Holzlöffel aussah.
Beamon fuhr den Wagen zu einem großen Felsbrocken und stieg aus. Dann legte er die Hand an die Stirn, kniff die Augen zusammen und sah zu dem Mann hin, der ihn durch eine verspiegelte Schutzbrille anstarrte. Sein ungepflegtes Haar war noch blonder als auf den Fotos, und die Muskeln an seinem nackten Oberkörper ließen eher auf einen Landschaftsgärtner als auf einen Wissenschaftler schließen.
»Sind Sie Dr. Neal?«
»Wer zum Teufel sind Sie?«
»Mark Beamon. Ich arbeite für das Heimatschutzministerium.«
Neal warf ihm einen wütenden Blick zu, bevor er sich abwandte und wieder in seinem Becken herumrührte.
»Sie wollen wohl nicht zu mir runterkommen und mit mir reden, oder?«
Erin rührte einfach weiter, sodass Beamon nichts anderes übrig blieb, als auf die wacklige, grob zusammengezimmerte Leiter zu steigen, die seitlich am Gerüst nach oben führte.
Als er oben war, hatte er sein dünnes Polohemd durchgeschwitzt, doch sein Atem ging nur geringfügig schneller. Carries vegetarische Ernährung und das Bewegungsprogramm nach dem Essen gingen ihm zwar gewaltig auf die Nerven, doch er musste zugeben, dass er bis vor ein paar Jahren schon schwer geschnauft hatte, wenn er nur vom Auto in einen Taco Bell gegangen war. Er hatte sich schon so ans Fitsein gewöhnt, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte, wie sein Leben gewesen war, bevor er Carrie kennengelernt hatte.
Erin tat so, als würde er ihn ignorieren, und rührte weiter in dem grünen Matsch herum, der sich seines Schwimmbeckens bemächtigt hatte.
»Ich bin ja kein Experte, aber mit ein bisschen Chlor kriegen Sie das sicher wieder hin.«
Eric nahm die Schutzbrille ab und starrte Beamon einen Moment an. Offenbar war er nicht sehr beeindruckt. »Das ist ein Experiment.«
»Bakterien, stimmt’s? Das ist schließlich Ihr Beruf.«
»Hobby«, korrigierte er.
»Hobby. Was fressen diese Bakterien?«
»Bin ich verhaftet?«
»Nein.«
»Dann muss ich Ihre Fragen auch nicht beantworten.«
Beamon sah gen Himmel und hoffte vergebens, dass die Sonne hinter einer Wolke verschwinden würde. »Wissen Sie...«, fing er an. Dann brach er ab.
»Was?«
»Ach, nichts. Vergessen Sie’s.«
»Nein«, beharrte Erin. »Was wollten Sie sagen?«
»Wenn ich so reich und gut aussehend wäre wie Sie, hätte ich mit Sicherheit nicht so eine Stinkwut im Bauch.«
Erin drehte sich in seine Richtung und wies mit dem Zeigefinger seiner freien Hand auf Beamon. »Für wen zum Teufel halten Sie sich? Sie kommen hierher und fangen an, mir Fragen zu stellen und über mich zu urteilen. Sie wissen doch gar nichts über mich. Warum verschwinden Sie nicht einfach und zapfen irgendein Telefon an?«
Beamon nickte langsam, rührte sich aber nicht vom Fleck. Stattdessen musterte er das Gitter, das über dem Becken lag, und versuchte herauszufinden, ob die grüne Pampe in den verschiedenen Abschnitten jeweils anders aussah.
Erin ging mit dem Löffel in der Hand über das Gerüst, doch als das Schweigen zwischen ihnen andauerte, wurde er unruhig. »Ich experimentiere mit Biosolar. Diese Bakterien erzeugen Strom aus der Sonne und anderen Nährstoffen. Sie sind so eine Art Kreuzung zwischen Algen und einem Zitteraal.«
Beamon ging in die Hocke und sah sich den Inhalt des Beckens etwas genauer an, doch für ihn war und blieb es Schlamm. »Dann kann ich also irgendwann ein paar Liter davon in eine Pfütze vor meinem Haus werfen und meinen Fernseher damit betreiben?«
»Nein. Ich glaube nicht, dass es je funktionieren wird. Aber es ist interessant.«
»Wenn Sie das sagen. Hören Sie, ich bekomme hier oben noch einen Hitzschlag. Können wir nicht reingehen und uns ein paar Minuten unterhalten?«
Erin musterte ihn misstrauisch und zuckte schließlich mit den Schultern. Er sprang vom Gerüst und marschierte durch den Staub auf die Veranda des Hauses. Beamon überlegte kurz, ob er auch springen sollte, nahm dann aber doch lieber die Leiter.
Im Innern ähnelte das Haus, das keine Klimaanlage hatte, eher einer Muschel als einem Tipi. Es war fast unordentlich genug, um eine wenig schmeichelhafte Bemerkung über Erins Persönlichkeit zu rechtfertigen, mit Möbeln, die zum Teil selbstgemacht und zum Teil aus Katalogen bestellt waren. Erheblich interessanter waren die Bilder an den Wänden. Soweit Beamon das feststellen konnte, waren es ausschließlich Fotos ein und derselben Frau. Er ging zu einem davon, das sie mit einem Klettergurt um die Hüften am Fuß einer Felswand zeigte. Anfang dreißig, hübsch, mit einem Lächeln, das einem sagte, dass man sie sympathisch finden würde, wenn man sie kennenlernen würde.
»Wer ist das?«, fragte Beamon. Laut Terry Hirsts Informationen war Erin nie verheiratet gewesen und hatte auch keine Schwester.
»Ohne einen Gerichtsbeschluss dürfen Sie mein Haus nicht durchsuchen. Ich kenne meine Rechte.«
»Jetzt regen Sie sich wieder ab. Ich durchsuche Ihr Haus doch gar nicht. Mir war nur zu heiß.«
Erin runzelte die Stirn. In das Misstrauen auf seinem Gesicht mischte sich ein schuldbewusster Ausdruck. Offenbar tat es ihm leid, das er so unhöflich gewesen war.
»Meine Freundin«, sagte er schließlich.
»Wohnt sie auch hier?«
»Sie ist tot.«
Beamons Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, doch er nahm sich vor, Terry in einer Kloschüssel zu ertränken, weil er das übersehen hatte. »Tut mir leid.«
»Sie war Umweltschützerin. Sie gehörte zu den Personengruppen, die Sie und Ihre Behörde abhören und beschatten, weil Sie sie für Terroristen halten.«
Jetzt geht das schon wieder los, dachte Beamon.
»Ihr Schiff ist damals mit Mann und Maus gesunken. Gut möglich, dass die Regierung dahintergesteckt hat.«
»Da muss ich Sie enttäuschen. Wir bekommen keine Torpedos von der Regierung«, erwiderte Beamon, was er aber sofort bereute. Da seine Verlobte Psychiaterin war, hatte er gedacht, sein Einfühlungsvermögen im Umgang mit seinen Mitmenschen würde sich verbessern, doch bis jetzt hatte er noch keine Fortschritte feststellen können.
»Was wollen Sie?«
»Sie sollen sich eine Schlammprobe ansehen.«
»Was springt dabei für mich raus?«
»Sie finden Schlamm doch interessant.«
»Nein.«
»Wie wäre es mit dem herzerwärmenden Gefühl, Ihren Mitmenschen zu helfen?«
»Ich hoffe, Ihnen ist jetzt nicht mehr so heiß.«
Beamon seufzte leise. »Wir haben Wind davon bekommen, dass die Saudis ein Problem mit einem Ölfeld haben, und da die Lage dort sowieso schon etwas prekär ist, wird es mit der Ölversorgung knapp. Die Leute, bei denen ich mein Auto gemietet habe, sagten doch tatsächlich, dass sie mir sechs Dollar für die Gallone berechnen, wenn ich den Wagen nicht vollgetankt zurückgebe. Daher sollen Sie sich die Sache ansehen und uns sagen, was Sie davon halten. Wir wollen wissen, ob wir uns Sorgen machen müssen.«
»Moment mal«, sagte Erin. »Hat Rick Castelli Sie auf die Sache angesetzt?«
Natürlich hatte er das, doch als Beamon den Unterton in Erins Stimme hörte, beschloss er, lieber nichts dazu zu sagen.
»Regierungsbehörden sind immer so verdammt melodramatisch. Für euch ist alles eine Katastrophe, es sei denn, es wird tatsächlich mal ernst, und dann ignoriert ihr es einfach. Ich sage Ihnen mal was. Ich werde diese Sache auch ignorieren.«
Beamon sah sich im Haus um. Sein Blick ging zu dem schmutzigen Geschirr auf dem Beistelltisch, den Glassplittern auf dem Boden und zu der Toten, die ihn von allen Seiten anstarrte.
»Damit Sie weiter hier rumhängen können?«
»Sie können mich mal. Das ist ein freies Land. Sie können mich nicht zwingen.«
Beamon lächelte. »Ach nein?«
3
 
 
Der Helikopter ging endlich tiefer, doch selbst das machte keine Details der Landschaft sichtbar. Der Sand schien sich endlos hinzuziehen – eine einfarbige Decke, völlig ohne Anhaltspunkte, sodass man fast die Orientierung verloren hätte.
Für manche Menschen war die Wüste schön, und Erin Neal wäre bestimmt auch dieser Meinung gewesen, wenn in diesen Dünen nicht so viele Erinnerungen vergraben gewesen wären. Gar nicht weit von hier hatte das aktuelle Kapitel seines Lebens angefangen. Und jetzt wollte es einfach nicht mehr enden.
Er warf einen Blick zu Mark Beamon, der mit verrutschten Kopfhörern neben ihm saß und döste. Bis auf einen kurzen Energieausbruch während des Fluges von Tucson, bei dem er ein riesiges Tablett Sandwiches verdrückt hatte und ein paar an Bord geschmuggelte Minifläschchen Bourbon gekippt hatte, waren seine Augen praktisch den ganzen Tag über geschlossen gewesen. Er hatte sie nur in den paar Minuten aufgemacht, die sie für den Transfer in den Hubschrauber von Saudi Aramco gebraucht hatten, in dem sie jetzt saßen. Soweit Erin das beurteilen konnte, war der Kerl entweder eine Art Zen-Meister, ein begnadeter Schauspieler oder völlig desinteressiert daran, wo sie eigentlich hinflogen. Vermutlich Letzteres.
Als sie sich dem heißen Wüstensand näherten, wurde der Flug so unruhig, dass Beamon seine leicht geschwollenen Augen aufmachte und einen Blick aus dem Fenster warf: »Wo sind wir?«
»Woher zum Teufel soll ich das wissen? Sie haben mir ja nichts gesagt.«
Beamon streckte sich ausgiebig und strich sein schütteres Haar unter dem Kopfhörer glatt. »Ich sollte jetzt eigentlich zu Hause sein und Smokings anprobieren, aber da Sie so eine Nervensäge sind, muss ich Babysitter spielen. Was weiß ich denn schon vom Nahen Osten? Er ist heiß und sandig, und es gibt nirgendwo Burritos zu kaufen. Sagen Sie mir, wo wir sind. Schließlich sind Sie der Experte.«
Beamons schlaftrunkener Protest hatte etwas eigenartig Ehrliches an sich, und Erin presste die Nase an die Fensterscheibe, während sie eine gigantische Konstruktion überflogen, die vollständig aus silbrig schimmernden Röhren zu bestehen schien. Darunter waren die Umrisse von Bohrtürmen in der flimmernden Hitze zu erkennen. »Northern Ghawar.«
»Das ist ein Ölfeld, stimmt’s?«
»Es ist nicht irgendein Feld. Es ist das Feld. Die meisten Leute glauben, dass Öl mehr oder weniger zu gleichen Teilen von Tausenden Einzelfeldern stammt, aber das stimmt nicht. Ein paar Riesenfelder produzieren das meiste davon, und von diesen ist Ghawar mit Abstand das größte. Neunzig Prozent des in Saudi-Arabien geförderten Öls und fast sieben Prozent der weltweiten Ölversorgung kommen von diesem Feld.«
Als der Hubschrauber aufsetzte, löste Erin seine Sicherheitsgurte und wartete, bis sich der von den Rotoren aufgewirbelte Sand gelegt hatte, bevor er hinaussprang. Sie waren etwa zweihundert Meter von einem kleinen Bohrturm entfernt, den man für völlig unbedeutend hätte halten können, wenn er nicht von schimmernden Wohnwagen umgeben gewesen wäre und Soldaten auf sie zugekommen wären.
Obwohl die Männer Waffen in den Händen hatten und auf sie zugerannt kamen, marschierte Beamon ohne zu zögern weiter und hielt dabei seinen Dienstausweis hoch. Erin blieb etwas zurück.
Als er das letzte Mal in Saudi-Arabien gewesen war, hatte die Königsfamilie die volle Kontrolle über das Land innegehabt, und er war ein hoch geschätzter Mitarbeiter von Saudi Aramco gewesen. Damals hatte man nur lächelnde Gesichter und Säcke voller Geld gesehen. Inzwischen hatte sich die Atmosphäre allerdings geändert.
»Hallo! Ich bin Mark Beamon vom amerikanischen Heimatschutz. Ich glaube, wir werden erwartet...«
Eine der etwa zehn näher kommenden Wachen zielte mit seinem Gewehr auf sie, was seine Kameraden dazu veranlasste, das Gleiche zu tun. Jemand brüllte etwas auf Arabisch – zu schnell und kompliziert, als dass Erin folgen konnte, doch der Ton und die Wand aus Gewehrläufen vor ihren Gesichtern machten ziemlich deutlich, was man von ihnen erwartete.
Eines musste man Beamon lassen: Er schien sich von der dramatischen Entwicklung der Situation nicht im Geringsten beeindrucken zu lassen. Stattdessen fuhr er fort, sich in den Mittelpunkt zu stellen, während Erin langsam in Richtung Hubschrauber zurückwich. Das Heulen des Motors wurde schriller. Erin drehte sich um und wollte zu dem Hubschrauber rennen, doch dessen Kufen berührten schon nicht mehr den Boden. Als er sich wieder umdrehte, lag Beamon mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, während ihm einer der Männer einen Gewehrlauf an den Hinterkopf hielt.
Es waren entschieden zu viele Soldaten für die Durchsuchung einer Person, und so wandten die Männer, die sich übergangen fühlten, ihre Aufmerksamkeit Erin zu. Einen Moment später lag er neben Beamon im Sand und wurde von Männern befummelt, die rochen, als hätten sie seit einem Monat nicht mehr geduscht.
»Wir sind hier, um...«, stieß Erin hervor, obwohl er den Mund voller Sand hatte. Doch als er einen Gewehrlauf im Rücken spürte, sagte er lieber nichts mehr.
Als die Männer mit Beamon fertig waren, hatten sie ihn auf den Rücken gedreht. Er lag da und starrte mit zusammengekniffenen Augen in den leeren Himmel. Seine Sonnenbrille hatte einer der Soldaten eingesteckt, die ihn abgetastet hatten.
»Wir mussten ein paar Daumenschrauben anlegen, um die Saudis zu überreden, uns ins Land zu lassen. Sie sind ein ziemlich verschwiegener Haufen und angesichts ihrer politischen Probleme zurzeit wohl ein bisschen nervös.«
»Ein bisschen nervös?«, erwiderte Erin, als die Soldaten sich einige Schritte von ihnen entfernten, die Waffen jedoch im Anschlag behielten. Er stand auf und klopfte sich den Staub ab, während Beamon es ihm gleichtat. »Was die Königsfamilie angeht, so rühren die Vereinigten Staaten nicht einmal den kleinen Finger, um ihr dabei zu helfen, die Kontrolle über das Land zu behalten. Wenn es jetzt zwei Amerikaner erwischt, wäre das nur ein gutes Beispiel dafür, wie sauer der König ist.«
»Ich bin noch nie hier gewesen«, sagte Beamon, der ihn völlig ignorierte. »Ziemlich kahl das Ganze, finden Sie nicht auch?« Mit einem Finger schob er einen auf ihn gerichteten Gewehrlauf beiseite und marschierte zu einem weißen Wohnwagen, den er sich wohl wegen der brummenden Klimaanlage auf dem Dach ausgesucht hatte. Erin ging ihm nach, wobei er jeglichen Blickkontakt mit den Wachen vermied.
Die Tür des Wohnwagens öffnete sich. Heftig winkend kam ein Mann die Treppe herunter. Er trug eine Brille mit dicken, in der Sonne aufblitzenden Gläsern und einen langen schwarzen Pferdeschwanz, der aus den wenigen Haaren auf seinem sonnenverbrannten Schädel bestand.
»He, Alter!«, brüllte der Mann, während er durch den Sand auf sie zukam. Als er Erins wütenden Gesichtsausdruck sah, blieb er abrupt stehen und hob abwehrend die Hände. »Ich kann nichts dafür. Dass du hier bist, hast du ausschließlich Rick Castelli zu verdanken.«
Erst als Erin nickte, kam der Mann das letzte Stück auf sie zu und umarmte ihn derart ungestüm, dass er ihn fast umgeworfen hätte.
»Wie geht’s dir? Wir haben uns schon viel zu lange nicht mehr gesehen.«
Als es Erin schließlich gelungen war, sich aus der Umarmung des Mannes zu befreien, wies er nach rechts. »Mark Beamon. Mark, darf ich Ihnen Steve Andropolous vorstellen? Er hat früher mal für mich gearbeitet.«
»Wir haben miteinander telefoniert«, erwiderte Andropolous, während er die Hand ausstreckte. »Wie geht’s Ihnen, Mark?«
»Mir ist zu warm.«
Andropolous lachte und wandte sich wieder an Erin. »Aber was noch wichtiger ist – wie geht es dir? Die Sache mit Jenna war ja so was von beschissen.«
Erin stellte überrascht fest, dass er ein Lächeln unterdrücken musste, was nicht gerade seine übliche Reaktion war, wenn er Jennas Namen hörte. Seit er Andropolous kannte, hatte sich dessen Ausdrucksweise stets an dem orientiert, was an der Highschool gerade Mode war. Doch Andropolous meinte es ehrlich, und er war einer der wenigen, die immer zu ihm gehalten hatten. Einen Moment lang musste Erin daran denken, wie es war, Freunde zu haben.
»Was wissen Sie bis jetzt?«, fragte Beamon mit einem Blick zurück zu den Wachen, die offenbar das Interesse an ihnen verloren hatten, ihre Gewehre schulterten und sich auf die Suche nach Schatten machten.
»Ganz große Scheiße«, erwiderte Andropolous. »Das müsst ihr euch selbst ansehen, sonst glaubt ihr’s mir nicht.«
Der Bohrturm war etwa dreißig Meter hoch und schien mit dem Heck eines Lastwagens verbunden zu sein. Erin ging um das Fahrzeug herum und sah sich etwas an, das wie eingetrocknetes Erbrochenes aussah und an der Bohrvorrichtung und dem hinteren Teil des Lastwagens klebte.
»Und? Was meinst du?«, fragte Andropolous. »Kommt dir das bekannt vor?«
Erin versuchte, nicht allzu interessiert zu wirken, als er eine kleine Menge der eingetrockneten, beigefarbenen Masse von einer Rohrleitung kratzte und zwischen den Fingern zerrieb. »Du hast ein Bakterienproblem. Aber das weißt du ja schon. Dazu hättest du mich nicht gebraucht.«
»Nein, aber du hattest schon damit zu tun. Ich nicht.«
Erin nickte. »Gar nicht weit von hier, im Hawtaw-Graben. Aber es war nicht so wie hier. Es war nicht überall. Hast du versucht durchzustoßen?«
»Ja. Wir sind noch mal einhundertzwanzig Meter runter, aber es wurde immer schlimmer.«
»Einhundertzwanzig Meter? Wirklich?«
»Die Bohrung war gar nicht so einfach. Es ist alles verharzt, und die Ausrüstung korrodiert wie blöd. An dem Punkt hat die amerikanische Regierung angefangen, bei uns anzurufen.« Er wandte sich an Beamon. »Sie haben ein paar Spione hier draußen, stimmt’s? Und diese geilen Drohnenflugzeuge. Können Sie mir ein paar von den Dingern besorgen? Es wäre total abgefahren, wenn ich...«
»Kann man das wieder in Ordnung bringen?«, unterbrach ihn Beamon.
Beide Männer sahen Erin an, der langsam den Kopf schüttelte und offenbar in Gedanken versunken war. »Ich weiß es nicht.«
»Aber Sie haben so ein Problem doch schon mal gelöst, nicht wahr? Wie haben Sie das gemacht?«
»Das war nichts Weltbewegendes. Es war ziemlich einfach, daran vorbeizubohren, und dann haben wir ein paar giftige Chemikalien in das Loch gepumpt, um herauszufinden, ob die Bakterien absterben.«
»Hört sich nicht gerade umweltfreundlich an«, bemerkte Beamon.
Erin kratzte sich im Gesicht, wobei er demonstrativ den Mittelfinger ausstreckte.
»Hat es funktioniert?«, wollte Andropolous wissen.