Globale soziale Ungleichheit - Marion Möhle - E-Book

Globale soziale Ungleichheit E-Book

Marion Möhle

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Beschreibung

Soziale Ungleichheit ist eine der Hauptachsen soziologischer Gesellschaftsanalyse. Dabei wurde bis in jüngere Zeit vornehmlich die nationale Ebene berücksichtigt und die globale Perspektive vernachlässigt. Wie soziale Ungleichheit unter globaler Perspektive beschrieben werden kann, zeigt dieses Lehrbuch. Die wichtigsten Dimensionen, die Ungleichheit bedingen und global unterschiedliche Auswirkungen haben, werden verständlich und nachvollziehbar vorgestellt. Zudem gibt die Autorin einen Einblick in die Berichterstattung globaler Ungleichheit. Dabei wird mit Bezug auf die von den Vereinten Nationen 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals exemplarisch auf Ungleichheitsdimensionen wie Armut, Ernährung und Hunger, Gesundheit, Bildung, Geschlecht und Einkommen eingegangen. Ins Blickfeld genommen werden auch Akteure wie überstaatliche Regierungsorganisationen und global agierende Nichtregierungsorganisationen sowie zivilgesellschaftliche und soziale Bewegungen.

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Titelei

Vorwort

Einleitung

1 Globale Perspektiven in der Soziologie

1.1 Sozialräumliche Perspektiven

1.2 Weltgesellschaft

1.3 Weltkultur

1.4 Weltsystem

1.5 Weltrisikogesellschaft

2 Eine kurze Theoriegeschichte zur sozialen Ungleichheit

3 Beiträge zur globalen sozialen Ungleichheit

3.1 Capability Approach (Sen/Nussbaum)

3.2 Dimensionen und Mechanismen globaler Ungleichheit (Therborn)

3.3 Globale Ungleichheiten aus postkolonialer Perspektive (Boatcặ)

3.4 Kontextrelationen globaler Ungleichheit (Weiß)

4 Globale Ungleichheit als Herausforderung des 21. Jahrhunderts

4.1 Formen globaler Ungleichheit

4.2 Global Governance

4.3 Akteure der Global Social Governance

4.3.1 Die Vereinten Nationen

4.3.2 Die OECD

4.3.3 Die Weltbank

4.3.4 Internationale Nicht-Regierungsorganisationen

4.4 Ein Maß zur Erfassung globaler Ungleichheit: der HDI

5 Armut

5.1 Was ist Armut?

5.2 Messung globaler Armut

5.3 Globale Armutsberichterstattung

5.4 Formen globaler Armut

5.5 Wer ist von extremer Armut betroffen?

5.6 Globale Armut – globale Ursachen

5.7 Strategien der Armutsbekämpfung

5.8 Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die globale Armut

6 Hunger und Ernährung

6.1 Hunger als Extremform sozialer Ungleichheit

6.2 Hunger hat viele Gesichter

6.3 Ernährungssicherheit

6.4 Monitoring von Hunger und Ernährungssicherheit

6.5 Multiple Ursachen für den Welthunger

6.6 Der Welternährungsausschuss

6.7 Das Welternährungsprogramm

6.8 Die COVID-19-Pandemie und Ernährungssicherheit

7 Gesundheit

7.1 Globale Gesundheit und Ungleichheit

7.2 Die WHO

7.3 Global Health Governance

7.4 Lebenserwartung im globalen Vergleich

7.5 Globale Krankheitslast

7.6 Krankheiten und Gesundheitsrisiken in globaler Perspektive

7.7 Universelle Gesundheitsversorgung

7.8 COVID-19 und die Folgen für die Global Health Governance

8 Bildung

8.1 Globale Bildungsungleichheit

8.2 Global Education Governance

8.2.1 Die UNESCO

8.2.2 Die Weltbank

8.2.3 Die OECD

8.3 Monitoring von Bildungsungleichheit

8.3.1 World Inequality Database on Education (WIDE)

8.3.2 Die UNESCO Global Education Monitoring Reports

8.3.3 OECD Bildung auf einen Blick

8.4 Schulbesuch und Schulabschlüsse

8.5 Alphabetisierung

8.6 Lernen und Lernergebnisse

8.7 Das Recht auf Bildung

8.8 COVID-19 und Bildung in globaler Perspektive

9 Geschlecht

9.1 Geschlecht – Gleichheit, Differenz und Intersektionalität im globalen Kontext

9.2 Die Rolle der UN bei der Geschlechtergleichstellung

9.2.1 Die CSW

9.2.2 UN Women

9.3 Messung globaler geschlechtsspezifischer Ungleichheit

9.3.1 Gender Development Index (GDI)

9.3.2 Gender Inequality Index (GII)

9.3.3 Gender Social Norms Index (GSNI)

9.3.4 Social Institutions and Gender Index (SIGI)

9.4 Gewalt gegen Frauen

9.5 Global Gender Gap Report

9.6 Unbezahlte Sorgearbeit

9.7 Politische Partizipation von Frauen

9.8 Die COVID-19-Pandemie und die Folgen für die globale Geschlechterungleichheit

10 Einkommen

10.1 Was ist Einkommen?

10.2 Messung von Einkommensungleichheit

10.3 Mehr oder weniger Einkommensungleichheit? Die Crux der Datenbasis

10.4 Verteilung des Welteinkommens

10.5 Ungleiche Länder – ungleiche Welt

10.6 »Shared Prosperity« – Einkommen der unteren 40 %

10.7 COVID-19 und die Folgen für die Einkommensungleichheit

11 Ist eine Welt ohne soziale Ungleichheit möglich?

Anhang

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Die Autorin

Dr. Marion Möhle ist Professorin für Sozialpolitik, europäische und internationale Politik sowie Ethik an der Hochschule Esslingen.

Marion Möhle

Globale soziale Ungleichheit

Über die Verteilung von Ressourcen

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-039222-9

E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-039223-6epub: ISBN 978-3-17-039224-3

Vorwort

Auf unserem Globus leben Menschen in extremer Armut, sie hungern, es fehlt ihnen an Zugang zu gesundheitlichen Dienstleistungen, vielen jungen Menschen bleibt ein Schulabschluss versagt und später im Leben verdienen sie nicht genug, um zu überleben – womit sie in die eingangs erwähnte extreme Armut geraten oder gar nicht erst heraus finden. Auf der anderen Seite lebt der deutlich kleinere Teil der Menschheit im Wohlstand, hat jeden Tag genug Nahrung zur Verfügung, kann bei Bedarf jederzeit medizinische Hilfe erhalten und einen Schulabschluss machen. Das monatliche Einkommen ist ausreichend, um einen mehr oder weniger auskömmlichen Lebensstandard zu sichern.

Dieser Zustand ist nicht neu, soziale Ungleichheit ist ein Phänomen, dass in menschlichen Gesellschaften schon seit Jahrhunderten besteht, und zwar in allen Teilen der Welt. Es ist aber erst seit dem 20. Jahrhundert möglich, hierüber – nämlich über die verschiedenen Formen globaler sozialer Ungleichheit – durch Methoden der empirischen Sozialforschung Daten zu gewinnen. Gleichzeitig wird seit vielen Jahren darüber diskutiert, welche Möglichkeiten es gibt, diesem Zustand Abhilfe zu schaffen, und welche Ursachen dazu geführt haben, dass es überhaupt globale soziale Ungleichheit gibt.

In der Soziologie wird soziale Ungleichheit in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen dennoch nach wie vor oft begrenzt auf einzelne Länder und Regionen betrachtet. Grenzüberschreitende Phänomene, wie beispielsweise die Verarmung der Bevölkerung großer Teile eines Kontinents in Folge von Naturkatastrophen, finden in der Soziologie wenig Beachtung. Mit der Globalisierung, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts in Wirtschaft, Politik und Kultur zu beobachten war, hat sich dies nur sehr zögerlich verändert und geschieht noch immer unzureichend (vgl. Weischer 2011, S. 483).

»Über die Gründe für den unerträglichen Zustand von Unterentwicklung und Ungleichverteilung ist ein heftiger Streit entbrannt, der inzwischen zu einem unentwirrbaren Knäuel verschachtelter Debatten um Unterentwicklung, Entwicklung, Globalisierung, Wirtschaftspolitik, Industriepolitik, Regulierung und Deregulierung zusammengewachsen ist.« (Willke 2006, S. 19).

Bei diesem Streit, der nach wie vor anhält, ist angesichts seiner Komplexität ein Durchblick nahezu unmöglich. Und obwohl bekannt ist, dass es globale soziale Ungleichheit gibt, fehlt es an zusammenfassenden, überblickshaften Darstellungen. Das vorliegende Buch soll einen Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen.

Dies erscheint angesichts der jüngsten globalen Entwicklungen angesichts der Anfang 2020 ausgebrochenen COVID-19-Pandemie umso dringender. Denn diese hat mit ungeheurer Wucht erneut gezeigt, dass soziale Ungleichheit nicht nur nach wie vor ein brennendes globales Problem ist, sondern darüber hinaus auch bereits erreichte Zwischenziele auf dem Weg zu mehr Gleichheit in kürzester Zeit zunichte gemacht wurden.

Dies bezieht sich nicht allein auf die ungleiche Verteilung von Impfstoffen, sondern beispielsweise auch auf die Zunahme der Anzahl der an Mangelernährung leidenden Menschen. Auch hat sich schnell gezeigt, dass Frauen in erheblich größerem Ausmaß von den Folgen der Pandemie betroffen sind, sei es, dass sie durch das durch Schulschließungen erforderliche Homeschooling höher belastet waren als Männer oder dass es infolge der Ausgangssperren und der daraus folgenden räumlichen Enge zu einem global zu beobachtendem Anstieg häuslicher Gewalt kam (vgl. UN Women 2020).

Mit der Überschrift »No vaccine against inequality« (Oxfam 2022, S. 11) konstatiert die NGO Oxfam, dass die Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern erschreckende Ausmaße annimmt, aber auch die Ungleichheit innerhalb von Ländern zunimmt.

»Today's great divides are being driven by both the rise in inequality between countries, as rich nations are able to vaccinate and return to a level of normality, and rises in inequality within countries, where the richest people in all nations have been able to better weather the economic maelstrom created by COVID-19.« (Oxfam 2022, S. 11).

Die hieraus wieder zurückkehrenden Formen globaler sozialer Ungleichheit, von denen man glaubte, sie seien ein für alle Mal überwunden, zeigen, wie fragil die bestehenden Methoden zur Verringerung globaler sozialer Ungleichheit sind.

Auch die globale ökologische Krise, die durch den anthropogenen Klimawandel wenn nicht ausgelöst, aber zumindest beschleunigt wird, trägt zum Wiederentstehen sozialer Ungleichheit, aber auch zu neuen Formen bei. Der Klimawandel kann nicht isoliert betrachtet und seine Verlangsamung nicht allein durch technologische Maßnahmen erreicht werden. Die sozialen Folgen der Klimakrise wiegen schwer und stellen die Menschheit möglicherweise vor eine existenzielle Krise.

»Weltgesellschaftlich gesehen ist das Megathema der nächsten 30 Jahre Ungleichheit, nicht mehr Ökologie und nicht mehr nachhaltige Entwicklung. Weil Ungleichheit alles kreuzt« (Bude 2016, S. 72).

Das Buch verfolgt das Ziel, den Leser*innen einen gut verständlichen Überblick über die Thematik zu geben und den Blick für die globale Perspektive auf soziale Ungleichheit zu schärfen.

Marion Möhle, Dezember 2022

Einleitung

Eine umfängliche Darstellung der Erscheinungsformen, Ursachen, Folgen und Lösungsansätze globaler sozialer Ungleichheit stellt ein Ding der Unmöglichkeit dar. Darum kann und soll es hier in diesem Buch auch nicht gehen. Vielmehr soll versucht werden, zunächst in die zentralen Begriffe und wissenschaftlichen Diskurse im Zusammenhang mit sozialer globaler Ungleichheit einzuführen. Dafür ist es notwendig, zunächst etwas auszuholen und die globalen Perspektiven in der Theoriegeschichte der Soziologie im Allgemeinen exemplarisch zu betrachten. Gleiches gilt für die Darstellung der Theoriegeschichte zur sozialen Ungleichheit, die in der Soziologie einen der fundamentalen Topoi darstellt. Diese Darstellung kann hier nur äußerst knapp ausfallen. In einem nächsten Schritt werden einige der wichtigsten Beiträge zur globalen sozialen Ungleichheit erläutert, die seit Ende des 20. Jahrhunderts geliefert wurden.

Weiterhin geht es darum zu erläutern, welche Erscheinungsformen globaler sozialer Ungleichheit existieren. Als Grundlage hierfür dienen die Global Sustainable Goals (SDGs) der Vereinten Nationen, die wie kein anderes vergleichbares Dokument verschiedenste Facetten globaler sozialer Ungleichheit benennen. Dabei kann es nur um einen exemplarischen Ausschnitt gehen. Soziale Ungleichheit ist ein vielgestaltiges Phänomen, das in der ganzen Welt zu beobachten ist. Und es ist gleichzeitig ein Phänomen, das global bekämpft wird. So lautet eines der 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) der Vereinten Nationen kurz und knapp »Weniger Ungleichheiten«. Dieses Ziel soll ebenso wie die anderen 16 Ziele bis zum Jahr 2030 erreicht werden und bezieht sich explizit darauf, dass dies weltweit umgesetzt werden soll. Von großer Bedeutung ist die Konkretisierung, die im SDG 10 vorgenommen wird. Dort heißt es »Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern« (Vereinte Nationen 2015, S. 22). Damit wird deutlich, dass hier verschiedene Ebenen der Ungleichheit angesprochen werden. Neben der innerstaatlichen Ungleichheit werden hier sowohl internationale als auch globale Ungleichheit adressiert. Internationale Ungleichheit bezieht sich auf Unterschiede zwischen Ländern. Hier werden durchschnittliche Pro-Kopf-Ressourcen wie Einkommen, Vermögen, Gesundheitsversorgung, Bildungsbeteiligung etc. auf der Ebene einzelner Staaten miteinander verglichen. Dabei werden die aggregierten Daten von Nationalstaaten miteinander verglichen. So liegt beispielsweise das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland mehr als dreimal so hoch wie das in Chile, folglich liegt hier eine internationale Ungleichheit vor. Globale Ungleichheit nimmt hingegen Vergleiche zwischen Bürger*innen verschiedener Staaten über Ländergrenzen hinweg vor. Die Annahme, dass Frauen weltweit weniger verdienen als Männer, bezieht sich nicht auf einzelne Staaten, sondern auf Personen, daher wird hier von globaler Ungleichheit gesprochen. Diese Unterscheidung ist vor allem dann wichtig, wenn es darum geht, verschiedene Bevölkerungsgruppen in den Fokus zu nehmen (vgl. Weitner 2011, S. 2). In empirischen Statistiken zu Ungleichheiten im Weltmaßstab wird allerdings häufig auf Daten auf nationalstaatlicher Ebene zurückgegriffen. Zugleich sind die beiden Ebenen nicht immer trennscharf, insbesondere dann, wenn nicht ausschließlich Länder miteinander verglichen werden, sondern Ländergruppen. Dabei ist es unübersehbar, dass Globalisierungsprozesse dazu führen, dass Phänomene sozialer Ungleichheit in immer komplexerer Art und Weise grenzüberschreitend miteinander verflochten sind.

Beispiele hierfür sind Armut, Hunger und Ernährung sowie Einkommensungleichheit, aber auch Bildung oder Gesundheit. Von grundlegender Bedeutung ist die Dimension des Geschlechts, die im Zusammenhang mit den soeben genannten Beispielen eine große Rolle spielt. Bei jeder dieser Ungleichheitsdimensionen lässt sich eine vergleichende internationale Perspektive einnehmen, die Staaten bzw. Weltregionen betrachtet und diese miteinander vergleicht. So kann beispielsweise die Aussage getroffen werden, dass der prozentuale Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, in Afrika höher ist als in Europa. Es kann auch konstatiert werden, dass in Namibia relativ betrachtet weniger Menschen in extremer Armut leben als in der Zentralafrikanischen Republik. Allerdings sind diese Aussagen allein nicht aussagekräftig genug, um ein vollständiges Bild zur Armutssituation zu erhalten. Hierzu ist es wichtig, die innerstaatliche bzw. regionale Perspektive mit einzubeziehen. So ist es von großer Bedeutung, Kenntnis darüber zu erhalten, in welchen Regionen innerhalb eines Landes Menschen mehr oder weniger von Armut betroffen sind, und hierfür auch die Ursachen zu ermitteln. In diesem Zusammenhang ist es auch bedeutsam mit einzubeziehen, ob transnationale Prozesse hier Einfluss nehmen, wie beispielsweise Grenzkonflikte, die dazu führen, dass die Zerstörung der Infrastruktur zur Verarmung der dort lebenden Bevölkerung führt.

Das Manuskript dieses Buches wurde im Sommer 2022 abgeschlossen, sodass auf die Auswirkungen des Krieges Russlands gegen die Ukraine auf die globale Ungleichheit nur rudimentär eingegangen werden kann.

Bevor auf die verschiedenen Ungleichheitsdimensionen eingegangen wird, werden in den folgenden Kapiteln zunächst theoretische Aspekte erläutert.

1 Globale Perspektiven in der Soziologie

In der Soziologie war die globale Perspektive lange unterrepräsentiert, was vor allem wissenschaftshistorische Gründe hat. Traditionell hatte sich die Soziologie der Beschreibung und Analyse von gesellschaftlichen Phänomenen wie Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften verschrieben und dabei selten über nationale Grenzen hinaus gedacht. Bevor ausgewählte soziologische Ansätze vorgestellt werden, sollen zunächst im Folgenden grundlegende Begriffe erläutert werden.

1.1 Sozialräumliche Perspektiven

Was ist damit gemeint, wenn Ungleichheit als »global« bezeichnet wird? In der Alltagssprache wird der Begriff »global« für die Beschreibung eines weltumspannenden Phänomens verwendet. Allerdings ist aus soziologischer Perspektive »die Welt« als Ganzes schwer zu fassen, denn sie ist untergliedert, besteht aus einzelnen Teilen und Elementen, die miteinander in Beziehung stehen (vgl. Löw 2008, S. 195 ff.). Diese sind höchst vielgestaltig und können materiell gemeint sein, aber auch symbolisch, sie können etwas Konkretes oder etwas Abstraktes bezeichnen.

Zunächst einmal erfordert die Betrachtung globaler sozialer Ungleichheit den Einbezug der räumlichen Dimension. In den Sozialwissenschaften werden in diesem Zusammenhang verschiedene Perspektiven unterschieden, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

International

Der Begriff »international« bezieht sich auf das Verhältnis von Nationalstaaten zueinander, wobei er ursprünglich aus der Rechtsphilosophie kommt. Geprägt hat diesen Begriff Jeremy Bentham in seiner 1789 publizierten Schrift »An Introduction to the Principles of Morals and Legislation«. Als Begründung für diese neue Wortschöpfung führt er an, dass er mit dem Begriff »Recht der Nationen« unzufrieden war und mit dem Ausdruck »international« eine bessere und präzisere Formulierung gefunden habe (vgl. Hoogensen 2005, S. 17).

Heute wird der Begriff sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft ständig verwendet und hat folglich auch in den Sozialwissenschaften seinen festen Platz.

So ist innerhalb der Politikwissenschaft ein eigenes Teilgebiet etabliert, das sich mit internationalen Fragen befasst. Das Fach Internationale Beziehungen (IB) stellt ein zunehmend ausdifferenziertes Gebiet dar und unterscheidet zwischen verschiedenen thematischen Schwerpunkten wie z. B. internationaler Politik oder internationaler politischer Ökonomie (vgl. Krell, Schlotter 2018, S. 31).

Die Internationalen Beziehungen sind als wissenschaftliche Disziplin als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entstanden mit dem erklärten Ziel, künftige Kriege zu verhindern und die Beziehungen von Staaten zueinander zu erforschen. Als Gründungsjahr wird in der Literatur 1919 benannt, als auf der Pariser Friedenskonferenz Großbritannien und Frankreich verabredeten, jeweils ein Institut zur Erforschung der internationalen Beziehungen zu errichten. Auch in den USA erfolgte in dieser Zeit die Gründung eines solchen Institutes, in den Folgejahren gab es Gründungen u. a. in Deutschland und in der Schweiz (vgl. Gu 2018, S. 30 f.).

Kennzeichnend für die Internationalen Beziehungen ist eine große Bandbreite heterogener und konkurrierender Theorieansätze. Charakteristisch ist hierbei, dass die Theorien der Internationalen Beziehungen i. d. R. die Systemebene in den Fokus nehmen. Dies bedeutet, dass hier Staaten, Regimes, Organisationen und ähnliche Strukturen betrachtet werden. Die gesellschaftliche Ebene, die aus soziologischer Sicht zentral ist, findet hingegen aus der Perspektive der Internationalen Beziehungen kaum Beachtung.

In der Soziologie hingegen findet der Begriff »International« keine systematische Verwendung im Sinne eines eigenen Fachs. Dies lässt sich mit Blick auf die Entstehungsgeschichte der Soziologie erklären. So ist die Soziologie als Wissenschaftsdisziplin in einer Epoche entstanden, die als die »Blütezeit der europäischen Nationalstaaten« (Weiß 2017, S. 12) bezeichnet werden kann. Die Gleichsetzung von Gesellschaft und Nationalstaat war hier naheliegend und wurde als selbstverständlich angenommen. Dabei wurde unterstellt, dass Nationalstaaten weltweit ähnlich strukturiert sind und folglich ihre Bevölkerungen als singuläre Gesellschaft betrachtet werden können. Hier wurden historisch abweichende Entwicklungen, wie etwa im Globalen Süden, ignoriert (vgl. Wittmann 2014, S. 78). Die Kritik an dieser Perspektive wird in der Soziologie als methodologischer Nationalismus bezeichnet und verdeutlicht, dass jenseits des Nationalstaates gesellschaftliche Prozesse zu beobachten sind, die sowohl andere Analyseinstrumente, aber auch andere Begriffe erfordern (vgl. Weiß 2017, S. 13).

Global

Der Begriff des Globalen ist in den Sozialwissenschaften seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts in vielfältiger Weise präsent. Dabei wird er i. d. R. prozesshaft verwendet, um zu verdeutlichen, dass Globalisierung ein ständig fortschreitendes Phänomen ist und kein statischer Zustand. Ulrich Beck sieht neben dem Prozess der Globalisierung aber auch die Zustandsbeschreibung der Globalität, mit der beschrieben werden soll, dass soziale Räume – wie z. B. Nationalstaaten – nicht mehr voneinander abgeschottet sind (vgl. Beck 1997; vgl. Hüther et al. 2019, S. 14 f.).

Grundsätzlich versucht der Begriff der Globalisierung zu beschreiben, dass es eine Ausweitung, eine Verbreitung oder eine Verteilung von Personen, Dingen, Ideen etc. über einen Ort hinweg gibt – im äußersten Fall weltweit. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Komplexität des Prozesses, der nicht nur Verflechtungen von Ländern und Regionen mit sich bringt, sondern auch gegenseitige Abhängigkeiten.

In der Politikwissenschaft wird unterschieden, ob diese Prozesse von einem Land ausgehen, was als monadischer Ansatz beschrieben wird. Wird der Ausgang dieser Prozesse nicht bezogen auf ein Land, sondern auf mehrere Akteure bezogen, so spricht man von einem diffusionalen Ansatz (vgl. Jahn 2016, S. 862). Dabei spielen neben Nationalstaaten auch nichtstaatliche Akteure wie NGOs, soziale Bewegungen, aber auch Wirtschaftsunternehmen eine Rolle. Daneben sind hier auch suprastaatliche Organisationen wie z. B. die Europäische Union oder die Afrikanische Union sowie intergouvernementale Akteure wie die Vereinten Nationen (UN) oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE, englisch OECD) zu nennen.

Obwohl der Begriff der Globalisierung erst seit einigen Jahrzehnten verwendet wird, handelt es sich um ein Phänomen, dass geschichtlich betrachtet alles andere als neu ist. Je nach Sichtweise werden verschiedene Phasen der Globalisierung unterschieden, wobei die Kolonialisierung der Welt seit dem 16. Jahrhundert als ganz entscheidender Auslöser für eine erste Globalisierungswelle betrachtet wird. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand eine Weltwirtschaft, in der es nicht nur zum globalen Handel kam, sondern auch erste Migrationsprozesse in Gang gesetzt wurden (vgl. Altvater, Mahnkopf 2007, S. 54 ff.). Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Kolonialmächte endete diese Phase (vgl. Jahn 2016, S. 863).

Das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert den Startpunkt für eine zweite Globalisierungswelle, die zunächst allerdings nur in industrialisierten Ländern vonstattenging. Europa stellt hier einen Schwerpunkt dar, denn hier wurden ab dem Ende der fünfziger Jahre in großem Stil Arbeitsmigration gefördert, um dem wachsenden Bedarf in der Wirtschaft gerecht zu werden. Gleichzeitig fielen innereuropäisch Zollschranken und der weltweite Handel wurde erleichtert. Einen erneuten Schub erhielt diese Globalisierungswelle mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der das Ende der Systemkonkurrenz zwischen Staatsozialismus und freier Marktwirtschaft einläutete (vgl. Lessenich 2017, S. 374). In den Folgejahren etablierte sich der globale Kapitalismus als dominierende Wirtschaftsordnung weltweit mit wenigen Ausnahmen. Der globale Süden wird von diesen Entwicklungen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts noch wenig erfasst, insbesondere bleibt Afrika zunächst außen vor (vgl. Jahn 2016, S. 863).

Globalisierung ist nicht auf eine Dimension beschränkt, sondern läuft in sämtlichen Bereichen wie Wirtschaft und Technik, Politik, Kultur und Kommunikation ab (vgl. Kessler, Steiner 2009). Für die Betrachtung sozialer Ungleichheit sind alle diese Bereiche von Belang, wenngleich sie auch in jeweils unterschiedlicher Weise auf deren Entstehung, Verfestigung – oder aber auch auf deren Abbau – Einfluss nehmen können.

Transnational

Der Begriff der Transnationalisierung wird seit den 1990er Jahren verwendet und beschreibt »grenzüberschreitende Phänomene und Entwicklungen« (vgl. Pries 2010, S. 9). Damit wird deutlich, dass über nationale Grenzen hinweg gedacht wird, aber dabei nicht die jeweiligen Staaten im Fokus der vergleichenden Betrachtung stehen, wie dies für die internationale Perspektive kennzeichnend ist. Daraus hat sich mit den »Transnational Studies« eine Forschungsrichtung entwickelt, »die Raum nicht notwendig als ein Kontinuum im Container des Nationalstaats konzipiert« (Seeliger 2019, S. 55). Damit wird deutlich, dass die transnationale Perspektive die nationalstaatliche Ebene überschreitet, indem sie sozialräumliche Strukturen jenseits eben dieses Containers mit einbezieht.

Die Betrachtung sozialer Ungleichheit jenseits staatlicher Grenzen bedeutet nicht nur, dass sich die Perspektive zwangsläufig vergrößert – sie muss sich auch verkleinern können, insofern regionale Disparitäten in einigen Teilen der Welt auftreten können. Daher sind die (welt-)‌regionale und auch die lokale Perspektive ebenfalls von großer Bedeutung, die den Blick auf räumlich begrenzte Teile der Welt werfen. Diese können lokale Räume ganzer Kontinente betreffen, sie können aber auch einen bestimmten geographischen Raum innerhalb eines Kontinents meinen – oder aber einen sich innerhalb eines Nationalstaates befindlichen Raums. Insofern »unterschreitet« die transnationale Perspektive gleichsam die nationalstaatliche Ebene, indem regionale oder lokale Sozialräume ebenfalls betrachtet werden. Seien es nun nationale Grenzen überschreitende Regionen oder Lebensformen wie binationale Familien, die nicht nur in verschiedenen Nationalstaaten Wurzeln haben, sondern in diesen jeweils auch in jeweils unterschiedlicher Weise lokale Bindungen haben. Gleiches gilt auch auf der individuellen, biographieanalytischen Ebene von Menschen, die im Laufe ihres Lebens migrieren.

»Vor diesem Hintergrund können wir transnationale Sozialräume als plurilokale Bezugsrahmen definieren, die Alltagspraktiken, soziale Positionierung, (erwerbs-)‌biografische Projekte und menschliche Identitäten im Allgemeinen jenseits der sozialen Kontexte nationaler Gesellschaften strukturieren« (Seeliger 2019, S. 67).

1.2 Weltgesellschaft

Lange bevor der Begriff der Globalisierung geläufig wurde, führte Niklas Luhmann das Konzept der Weltgesellschaft ein (vgl. Luhmann 1987, S. 585). Darunter versteht Luhmann das »umfassendste System menschlichen Zusammenlebens« (Wittmann 2014, S. 129).

Dabei ist dieses Konzept der Weltgesellschaft in den Ansatz der Systemtheorie eingebettet, der Gesellschaft als ein System versteht, das sich in verschiedene Funktionssysteme ausdifferenziert. Diese Funktionssysteme entstehen durch Informationsaustausch, d. h. durch Kommunikation, wodurch sie auch aufrechterhalten werden. Beispiele für Funktionssysteme sind Wirtschaft, Justiz, Wissenschaft und Politik. Gesellschaft ist in diesem Sinne ein Sozialsystem, das aus kommunikativen Handlungen besteht und letztlich aus nichts anderem. Und da diese Kommunikation weltweit geschieht, gibt es für Luhmann nur eine einzige Form der Gesellschaft – nämlich die Weltgesellschaft (vgl. Stichweh 2000, S. 31). Weltgesellschaft ist in der Luhmannschen Systemtheorie folglich ein sehr abstrakter Begriff.

Kommunikation macht aus dieser Sichtweise nicht an Grenzen – seien es nationalstaatliche oder andere – halt, sondern sie ist weltweit verflochten und aufeinander bezogen.

Die Funktionssysteme, wie z. B. Politik, sind aus dieser Sichtweise nicht mehr passgenau in eine Einheit einzufügen, sondern überschreiten diesen Raum durch die Möglichkeit der weltweiten Kommunikation (vgl. Seeliger 2019, S. 16). Jedes dieser Funktionssysteme hat eine eigene Form von Kommunikation und diese »Sonderkommunikationen intensivieren sich und dehnen sich ohne Rücksicht auf die Grenzen national organisierter politischer Systeme aus.« (Stickler 2005, S. 243).

Gesellschaft – und damit auch Weltgesellschaft – ist für Luhmann funktional differenziert, d. h., sie ist durch ein Nebeneinander von Funktionen strukturiert, nicht aber durch ein Oben und Unten. Soziale Ungleichheit im Sinne einer Schichtung oder im Sinne von Klassen kann zwar innerhalb der Funktionssysteme vorkommen, spielt aber bei der Gesamtbetrachtung der Gesellschaft nur eine untergeordnete Rolle. Da die Gesellschaft als ein Nebeneinander von Systemen betrachtet wird, die die gesamte (Welt-)‌Gesellschaft strukturieren, ging Luhmann zunächst von »Vollinklusion« aus. Damit ist gemeint, dass jede Person auf der Welt in irgendeiner Weise kommuniziert und damit einem Funktionssystem zuzuordnen ist. Damit unterstellte Luhmann, dass es nicht zu einem Kommunikationsabbruch – und damit zur Exklusion kommen könne. Diese Ansicht relativierte Luhmann später, als er einräumte, dass eine Person innerhalb eines Systems tatsächlich »unsichtbar« werden kann. So kann eine Person zu einem Funktionssystem keinen Zugang haben, weil sie z. B. keine Arbeit, keine Wohnung, kein Geld, keine Verständigungsmöglichkeit etc. hat (vgl. Nassehi 2004a, S. 111). Damit wird aber deutlich, dass soziale Ungleichheit aus der Perspektive der Luhmannschen Systemtheorie quasi nur als Ausnahmesituation gedacht wird. Es ist nicht möglich, »soziale Ungleichheit über den Extremfall radikaler Exklusion hinaus zu thematisieren« (Nassehi 2004b, S. 329).

1.3 Weltkultur

Der Ansatz der Weltkultur (im Englischen World Polity) geht davon aus, dass sich zunehmend weltweit eine kulturelle Ordnung herausbildet, die ihren Ausgangspunkt in der westlichen Gesellschaft hat. In Absetzung von ökonomisch orientierten Globalisierungstheorien wird hier davon ausgegangen, dass nicht vornehmlich wirtschaftliche Austauschbeziehungen, sondern »ein hoch institutionalisiertes System struktureller und kultureller Regeln« (Wobbe 2000, S. 27) die Welt strukturiert.

Dieser Ansatz wurde von einer Forschungsgruppe um den US-amerikanischen Soziologen John Meyer an der Stanford University entwickelt und geht davon aus, dass es global zu einer zunehmenden Konvergenz von Strukturen und Organisationen kommt. Dabei dienen die westlichen Länder als weltweites Bezugssystem, deren Institutionen Impulse geben, um eine Weltkultur zu schaffen. Wichtig ist, dass als Weltkultur nicht eine von den westlichen Ländern vorgegebene Kultur gilt, sondern neben nationalstaatlichen Akteuren internationale Nichtregierungsorganisationen, internationale wissenschaftliche Gemeinschaften sowie zwischenstaatliche Organisationen gemeinsam diese Weltkultur schaffen. Unter Weltkultur werden »global institutionalisierte, allgemeine und universalistische Regeln« verstanden (Adick 2009, S. 269). Diese Regeln können als globale Modelle verstanden werden, die durch die Interaktion von Staaten und globalen Organisationen einen Referenzrahmen schaffen.

Meyer stellte fest, dass es in verschiedenen Politikfeldern in sehr unterschiedlichen Staaten weltweit zur Etablierung ähnlicher Strukturen kam, ohne dass gleichzeitig eine Verringerung von Einkommensungleichheiten zwischen diesen Staaten zu beobachten war. Ein Beispiel hierfür sind Bildungssysteme, bei denen es zwischen den 1950er und 1970er Jahren zu einer weltweiten Bildungsrevolution kam. Diese ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert gewesen: So kam es nicht nur zu einem massiven Ausbau von Bildungseinrichtungen im globalen Ausmaß, sondern es ließen sich gleichzeitig auch noch Strukturähnlichkeiten aller Bildungssysteme in Bezug auf deren Aufbau und Gliederung nachweisen (vgl. Wobbe 2000, S. 28).

Neben dem genannten Beispiel der Bildungssysteme lassen sich ähnliche Entwicklungen auch für Regierungssysteme oder die Implementierung geschlechterdemokratischer Gleichstellung zeigen. Auch hier gibt es Tendenzen, dass sich Strukturen in diesen Bereichen weltweit einander zunehmend annähern (vgl. Seeliger 2019, S. 19). Weitere Beispiele sind Menschenrechte, Demokratie, liberale Wirtschaft und Nachhaltigkeit (vgl. Korff 2016, S. 97). Bedeutsam ist hier, dass der Anstoß zur Etablierung dieser Strukturen und Modelle von außen kam, d. h., »dass nationalstaatliche Entwicklungen durch exogene Faktoren induziert sind« (Wobbe 2000, S. 28).

Der Bezug auf diese globalen Modelle ermöglicht es, dass es zu einer globalen Konvergenz oder sogar Isomorphie kommen kann, insofern es einen Konsens internationaler Organisationen und deren Mitgliedsstaaten hinsichtlich dieser globalen Modelle gibt.

Allerdings bedeutet dies nicht automatisch, dass sich innerhalb eines Staates eben diese globalen Modelle auch durchsetzen – dies ist kein Automatismus. »Über den Bezug auf globale Modelle legitimieren sich die Organisationen untereinander, während die interne Legitimation davon wenig berührt wird« (Korff 2016, S. 98). Daran wird deutlich, dass globale Entwicklungen einerseits und (sub-)‌nationale Entwicklungen andererseits aus der Perspektive des Weltkultur-Ansatzes sich einander widersprechen können.

Im World Polity-Ansatz sind allerdings Inhomogenitäten – und damit soziale Ungleichheit – nachrangig. Der soziökonomische Status von Personen findet kaum Beachtung, sondern deren Rolle als »Akteur zur Diffusion kultureller Muster, also der World-Polity« (Wittmann 2014, S. 291). Wichtig sind aus dieser Perspektive Ähnlichkeiten und nicht Ungleichheiten. So wird in Bezug auf Bildung beispielsweise lediglich »ein ›anderes Klassenzimmer‹ in Afrika benannt, welches jedoch nicht hinsichtlich schlechter Infrastruktur beschrieben wird, sondern hinsichtlich kultureller Muster« (Wittmann 2014, S. 291).

1.4 Weltsystem

Unter dem Weltsystem versteht Immanuel Wallerstein, der als wichtigster Begründer dieses Ansatzes gilt, die kapitalistisch organisierte Weltwirtschaft, die mit dem Kolonialismus Spaniens und Portugals Mitte des 15. Jahrhunderts nach und nach entstanden ist. Wenngleich damit deutlich wird, dass die ökonomischen Verhältnisse einen wichtigen Aspekt im Weltsystem-Ansatz bilden, so nimmt er doch insgesamt eine holistische Perspektive ein (vgl. Schmalz 2016, S. 56). Im Fokus stehen zum einen räumliche Abhängigkeitsbeziehungen und zum anderen langfristige Entwicklungstrends des globalisierten Kapitalismus. Von großer Bedeutung ist die räumlich ungleiche Strukturierung der Welt, die in drei verschiedene Zonen eingeteilt wird. Diese werden als Zentrum, Semiperipherie und Peripherie bezeichnet und nehmen in der internationalen Arbeitsteilung jeweils eine unterschiedliche Funktion wahr.

Die Zuordnung eines Landes zu einer dieser drei Zonen hängt davon ab, wie die Produktivität und Rentabilität von Produkten und Produktionsverfahren sind. Sind diese von einem hohen Grad der Monopolisierung gekennzeichnet, können damit hohe Gewinne erzielt werden. Damit werden sie auch nach Ansicht Wallersteins hoch rentabel sein – und dem Zentrum im Weltsystem zugeordnet. Sind im Gegensatz dazu Produktionsverfahren hoch kompetitiv, dann sind die dort erzielbaren Gewinne niedrig und demzufolge auch wenig rentabel. Länder, in denen diese Form der Produktionsverfahren dominieren, werden der Peripherie zugeordnet (vgl. Gu 2018, S. 289). Die Semiperipherie stellt eine »Mittelschicht der Weltwirtschaft« (Schmalz 2019, S. 257) dar, in der Länder erfasst werden, in denen sowohl monopolisierte Produktionsverfahren, die für das Zentrum typisch sind, als auch kompetitive Produktionsverfahren existieren, die für die Peripherie kennzeichnend sind (vgl. Gu 2018, S. 289). Die Rolle der Semiperipherie für das Weltsystem liegt vor allem darin, dass sie die krassen Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie abmildert und so insgesamt zur politischen Stabilisierung beiträgt (vgl. Schmalz 2016, S. 257). Obwohl der Ausgangspunkt für die Zuordnung zu einer der drei Zonen die Produktionsverhältnisse sind und diese damit aus einer ökonomischen Perspektive geschieht, spielen politische Aspekte eine große Rolle. Diese sind vor allem auch für die Aufrechterhaltung der globalen Polarisierung bedeutsam.

Länder, die dem Zentrum zugeordnet werden, verfügen über leistungsfähige staatliche Institutionen und Regierungen. Der Bevölkerung ihres Landes können diese Staaten einen relativ hohen Wohlstand zusichern und außenpolitisch sind sie in der Lage, sich notfalls auch militärisch gegen periphere oder semiperiphere Länder zu verteidigen (vgl. Schmalz 2019, S. 58). Länder in der Zone der Semiperipherie sind außenpolitisch schwach und können ihren Bürger*innen keinen Wohlstand garantieren, sind aber in der Lage, entwicklungspolitische Projekte durchzusetzen. Dieses ist den der Peripherie zugeordneten Ländern nicht möglich, da sie auch innenpolitisch zu schwach sind. Sie verfügen nicht über einen leistungsfähigen Staatsapparat und sind nicht in der Lage, innere Konflikte zu befrieden (vgl. Schmalz 2019, S. 58 f.).

Reinhard Kreckel griff 1992 die Begrifflichkeit von Zentrum und Peripherie in seinem Ansatz zur sozialen Ungleichheit auf. Damit entwickelt er eine Perspektive, die sich von einem vertikalen Gesellschaftsbild zu lösen versucht. Dabei versteht er unter peripheren Lagen »strukturell verankerte Bedingungskonstellationen« (Kreckel 1992, S. 43). Diese Konstellationen beziehen sich auf die Bevölkerung, von der ein Anteil im Zentrum steht in Bezug auf Partizipation, Macht und Einfluss, und ein anderer Anteil an der Peripherie, dessen Partizipationsmöglichkeiten und Einflussnahme gering ist. Bezogen auf die globale Ebene bedeutet dies, dass hier nicht Länder in das Schema Zentrum – Peripherie eingeordnet werden, sondern soziale Gruppen. Menschen mit einem guten und sicheren Zugang zu gesundheitlichen Dienstleistungen befinden sich demnach im Zentrum, während diejenigen, die keine oder nur unzureichend medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können, an der Peripherie sind.

1.5 Weltrisikogesellschaft

Die Entgrenzung von Risiken, die für die gesamte Menschheit zur Bedrohung werden können, ist der Ausgangspunkt der Überlegungen von Ulrich Beck. Im Kontext seiner Theorie der reflexiven Modernisierung konstatiert Beck, dass der Nationalstaat, der in der »Ersten Moderne« bis Mitte des 20. Jahrhunderts als ein zentrales Strukturprinzip fungierte, an Bedeutung verloren hat (vgl. Seeliger 2019, S. 22). In der »Zweiten Moderne« erweist sich die Interdependenz von Risiken als unausweichlich, die die gesamte Menschheit betreffen. Hier unterscheidet Beck unterschiedliche Konfliktachsen, die er als ökologische, ökonomische und terroristische Interdependenzrisiken bezeichnet (vgl. Beck 2004, S. 37). Die Erkenntnis, dass diese Risiken weder ausschließlich lokal entstehen noch im Rahmen enger Grenzen bewältigbar sind, wird der Menschheit gewissermaßen auferlegt und führt zu einer »erzwungenen Aufklärung«, die Beck als »kosmopolitisches Moment« (Beck 2007, S. 94 f.) bezeichnet. Damit fordert Beck einen kosmopolitischen Blick auf Risiken, deren Entgrenzung er an drei Dimensionen festmacht. So sieht er zunächst die räumliche Entgrenzung, die sich vor allem an ökologischen Risiken wie Luftverschmutzung und Klimawandel festmachen lässt, die längst globale Ursachen und Folgen haben. Zum zweiten benennt er die zeitliche Dimension, die deswegen entgrenzt ist, weil die Latenzperioden zur Bewältigung von Risiken wie beispielsweise die Beseitigung nuklearer Abfälle so lang ist. Und zum dritten ist auch die soziale Dimension zunehmend entgrenzt, da die Akteure, die ein Risiko verursachen, kaum noch auszumachen sind. Dies bedeutet, dass die Frage der Haftung aufgrund der Verflochtenheit und Komplexität ungeklärt bleibt. Beck benennt als Beispiel hierfür das ökologische Risiko der Umweltverschmutzung oder auch das ökonomische Risiko der Finanzkrise (vgl. Beck 2004, S. 37). Bei beiden sind die Urheber nicht eindeutig identifizierbar – es kann lediglich davon ausgegangen werden, dass viele Akteure, die global agieren, verantwortlich sind. Gefährdungslagen und miteinander verflochtene Risiken führen dazu, dass der Kooperationsdruck steigt und daraus eine weltgesellschaftliche Politisierung entsteht (vgl. Kron 2010, S. 165).

Soziale Ungleichheit spielt im Ansatz der Weltrisikogesellschaft keine vordringliche Rolle. Ungleichheitsformen, die bereits existiert haben, werden durch die globalen Risiken nicht aufgehoben oder gravierend verändert. Während die »Erste Moderne« dadurch gekennzeichnet war, dass Risiken Menschen in unterschiedlicher Weise betrafen, sind in der »Zweiten Moderne« globale Risiken gewissermaßen demokratisch (vgl. Wittmann 2014, S. 253). Dabei verneint der Ansatz der Weltrisikogesellschaft nicht, dass es neue Ungleichheitsformen gibt. Ganz im Gegenteil – zu den bestehenden Formen der Ungleichheit kommen globale Ungleichheiten hinzu, die »dem Prinzip des allgemeinen Universalismus« (Beck 2010, S. 45) folgen. Dies bedeutet, dass globale Risiken globale Ungleichheiten erzeugen und diese unabhängig von der sozio-ökonomischen Position jedes Individuum betreffen (vgl. Wittmann 2014, S. 253). Allerdings werden diese globalen Ungleichheiten nicht im Einzelnen benannt.

2 Eine kurze Theoriegeschichte zur sozialen Ungleichheit

Kaum ein Begriff ist in der Soziologie ähnlich vielfältig, fundiert und kontrovers verhandelt worden wie der der sozialen Ungleichheit. Dies schlägt sich auch in der Vielzahl von Publikationen nieder, die in jüngerer Zeit im deutschsprachigen Raum erschienen sind (vgl. Burzan 2011; Winker, Degele 2009; Schwinn 2007; Klinger et al. 2007; Solga et al. 2009; Kaelble 2017). Im Folgenden wird die Entwicklung von Ansätzen zur sozialen Ungleichheit überblickshaft dargestellt.

Lange bevor die Soziologie als Wissenschaftsdisziplin entstand, befasste sich die Philosophie mit Fragen der Ungleichheit. So machte bereits 1754 Jean-Jacques Rousseau in seinem »Diskurs über die Ungleichheit« deutlich, dass seiner Ansicht nach das Privateigentum Ungleichheit zwischen den Menschen begründet (vgl. Rousseau 2019).

Mehr als ein Jahrhundert nach Erscheinen des Werkes von Rousseau prägte Karl Marx (1818 – 1883) den grundlegenden Begriff des Klassenkampfes. Im »Manifest der kommunistischen Partei«, das 1890 erschien, wird die geschichtliche Entwicklung der Gesellschaft grundsätzlich als Geschichte von Klassenkämpfen interpretiert (vgl. Marx/Engels 2014, S. 35). Ausgangspunkt der Überlegungen von Marx war seine Feststellung, dass der Mensch arbeiten muss, um zu überleben. Dabei sind neben der Arbeitskraft des einzelnen Menschen vor allem die Produktionsmittel wichtig, um überhaupt etwas herstellen zu können. Unter Produktionsmitteln verstand Marx nicht nur Maschinen, sondern auch (Acker-)‌Boden und Kapitel. Für das Entstehen der Klassenkämpfe sind die Produktionsverhältnisse ausschlaggebend, die letztlich Eigentumsverhältnisse sind. Hierbei besteht die grundlegende Frage darin, wer über welche Produktionsmittel verfügt – also ob ein Mensch lediglich über seine eigene Arbeitskraft verfügen kann oder darüber hinaus noch über Kapitel, Maschinen oder Boden (vgl. Korte 2017, S. 44 ff.). Für Marx haben sich im Laufe der Zeit zwei Klassen herausgebildet, zum einen die Bourgeoisie und zum anderen das Proletariat. Während erstgenannte über immer mehr Produktionsmittel verfügt, gerät letztgenannte in immer größere Abhängigkeit und die soziale Ungleichheit wird immer größer. Dies führt zu Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Klassen, »die sich im Klassenkampf dichotom gegenüberstehen.« (Burzan 2011, S. 17). Soziale Ungleichheit ist aus marxistischer Perspektive grundsätzlich zu kritisieren und muss beseitigt werden (vgl. Solga et al. 2009, S. 15). Um dies zu erreichen, sieht Marx letztlich nur in der Revolution unter der Diktatur des Proletariats den richtigen Weg.

Das Konzept der Klassen wird von Max Weber (1864 – 1920) in dessen Hauptwerk »Wirtschaft und Gesellschaft«, das 1921 erscheint, zwar übernommen, aber er löst sich vom Bild einer Gesellschaft, die nur aus zwei einander opponierenden Klassen besteht. Das Klassenkonzept wird in drei Kategorien unterteilt, die ihrerseits wieder aus Unterklassen bestehen. Neben den Klassen führt Weber als weiteres Element die Stände ein, die nicht allein durch ökonomische Aspekte, sondern auch durch Lebensführung bestimmt werden (vgl. Weber 1980, S. 177 ff.). Als drittes Element benennt Weber Parteien, deren Hauptaufgabe die Einflussnahme in der Gesellschaft ist (vgl. a. a. O., S. 539). Modern ausgedrückt handelt es sich bei Parteien um »eine institutionalisierte Interessengruppe« (Burzan 2011, S. 24).

Der Klassenbegriff wird in der Ungleichheitsforschung abgelöst durch das Konzept der Schicht, das im deutschsprachigen Raum Theodor Geiger (1891 – 1952) entwickelte. Mit dem Konzept der Schicht wird eine geologische Metapher verwendet, die verdeutlicht, dass sich ähnlich wie bei Gesteinen auch in der Gesellschaft einzelne Teile übereinander »ablagern«. Letztlich ist mit der Schicht die soziale Position gemeint, die in einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft von den Gesellschaftsmitgliedern eingenommen wird (vgl. Ritsert 2009, S. 214 f.). Für die Zuordnung zu einer Schicht sieht Geiger Aspekte wie »Lebensstandard, Chancen und Risiken, Glücksmöglichkeiten, aber auch Privilegien und Diskriminierungen, Rang und öffentliches Ansehen« (Geiger 1962, S. 186) als relevant an. Für Geiger ist eine Veränderung der Schichtung einer Gesellschaft und damit die der Ungleichheit auf evolutionärem Wege denkbar, d. h. also anders als bei Marx nicht allein auf revolutionärem Weg möglich (vgl. Butterwegge 2020, S. 59 f.).

Eine andere Perspektive auf soziale Ungleichheit wirft die Systemtheorie, die von Talcott Parsons (1902 – 1979) in den USA entwickelt wurde. Aus systemtheoretischer Sicht wird die Gesellschaft als ein Gesamtsystem betrachtet, das sich selbst erhalten will und das nach Gleichgewicht strebt (vgl. Korte 2017, S. 200 f.). Soziale Schichten werden aus dieser Perspektive nicht als problematischer Ausdruck sozialer Ungleichheit betrachtet, sondern als wichtiges Funktionselement einer Gesellschaft (vgl. Burzan 2011, S. 31 ff.).

Sowohl die Klassen- als auch die Schichtmodelle werden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt und ausdifferenziert. Beispielhaft für die neuere Klassenansätze seien hier die Konzepte von Elin Olin Wright sowie von John Goldthorpe genannt, die ein besonderes Augenmerk auf die Mittelklasse legen (vgl. Burzan 2011, S. 88). Während Goldthorpe in seinem Modell mit sieben hierarchisch geschichteten Klassen arbeitet, entwickelt Wright in seinem Modell zwölf Klassen (vgl. Huinink 2019, S. 189 f.). Ähnlich verhält es sich bei den Schichtmodellen, die u. a. von Ralf Dahrendorf und später von Reiner Geißler weiterentwickelt wurden und neben einer vertikalen Schichtung auch horizontale Elemente in ihre Konzepte einfließen lassen. Insgesamt zeichnen sich neuere Schichtmodelle durch eine höhere Durchlässigkeit aus, d. h., der Aspekt der sozialen Mobilität gewinnt bei ihnen an Bedeutung (vgl. Burzan 2011, S. 78). Klassen- und Schichtmodellen ist gemeinsam, dass vertikale Ungleichheiten thematisiert werden, wie Einkommen und Vermögen, Bildung, beruflicher Status oder Macht. Die Ungleichheitsforschung hat sich zum Ende des 20. Jahrhunderts immer weiter ausdifferenziert und neben den Konzepten von Klasse und Schicht andere Modelle entwickelt. Hierbei wurde vor allem versucht, die Komplexität von sozialer Ungleichheit abzubilden. So ist der Ansatz der sozialen Lage, wie er von Stefan Hradil entwickelt wurde, dadurch gekennzeichnet, dass die Dimensionen sozialer Ungleichheit sehr viel weiter gefasst werden als in den bisherigen Ansätzen von Klasse und Schicht. So werden neben den »klassischen« ökonomischen Ungleichheitsdimensionen bei der sozialen Lage beispielsweise wohlfahrtsstaatlich erzeugte Dimensionen wie Sicherheit oder Partizipation mit einbezogen (vgl. Hradil 1987). Unter sozialer Ungleichheit sind »gesellschaftlich hervorgebrachte und relativ dauerhafte Lebens- und Handlungsbedingungen zu verstehen, die bestimmten Gesellschaftsmitgliedern die Befriedigung allgemein akzeptierter Lebensziele besser als anderen erlauben« (Hradil 1987, S. 144). Neben den vertikalen Ungleichheiten werden nun auch horizontale Ungleichheiten wie Alter thematisiert. Dabei interessiert nicht die Tatsache, dass es unterschiedliche Altersgruppen gibt, sondern inwieweit aufgrund des Alters gesellschaftliche Vorteile oder Nachteile entstehen. Weitere horizontale Ungleichheitsdimensionen sind u. a. Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit oder Staatsangehörigkeit.

»Das heißt, wer von ›sozialer‹ Ungleichheit spricht, spricht stets von gesellschaftlich verankerten Formen der Begünstigung und Bevorrechtigung einiger, der Benachteiligung und Diskriminierung anderer, jedoch nicht von deren unterschiedlicher biologischer Grundausstattung.« (Kreckel 1992, S. 15).

Die Kritik an den traditionellen Ansätzen, der Komplexität moderner Gesellschaften nicht gerecht zu werden, bildet auch die Basis der Konzepte von Lebensstilen und Milieus. Die Lebensstilanalyse fokussiert auf »kulturellen und symbolischen Faktoren, auf das Verhalten einer Person« (Burzan 2011, S. 92). In der Milieuforschung wird versucht, Gesellschaftsgruppen mit ähnlicher Alltagskultur in homogene Gruppen zusammenzufassen und so Ungleichheiten zu beschreiben (vgl. Huinink 2019, S. 184).

Milieu und Lebensstil spielen auch im Ansatz von Pierre Bourdieu (1930 – 2002) eine wichtige Rolle, der mit seinem Konzept verschiedener zur Verfügung stehender Arten von Kapital die Entstehung sozialer Ungleichheit zu erklären versucht. Dabei unterscheidet er drei Kapitalarten: ökonomisches Kapital (Einkommen und Vermögen), kulturelles Kapital (Bildung, Wertvorstellungen) sowie soziales Kapital (Familie und Freundschaften, Beziehungen und Netzwerke). Für Bourdieu erklären sowohl Quantität als auch Qualität der zur Verfügung stehenden Kapitalarten, aber auch deren Mischungsverhältnis zueinander das Entstehen sozialer Ungleichheit (vgl. Bourdieu 1983).

Anknüpfend an den Ansatz Bourdieus entwickelte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Konzept der Intersektionalität. Hier wird ebenfalls davon ausgegangen, dass neben vertikalen Ungleichheiten auch horizontale bestehen. Dabei unterscheidet der Ansatz der Intersektionalität zwischen verschiedenen Kategorien wie Klasse, »Rasse«, Geschlecht und Körper und betrachtet deren Gleichzeitigkeit und Verwobenheit (vgl. Bronner & Paulus 2017, S. 15). Seine Wurzeln hat der Ansatz der Intersektionalität allerdings in den USA, als dort aufgrund von Diskriminierungserfahrungen schwarzer Frauen deutlich wurde, dass diese sich im Feminismus weißer Frauen nicht wiederfanden (vgl. Winker & Degele 2009, S. 11).

Betrachtet man die Vielfalt der Ansätze zur Erforschung sozialer Ungleichheit, so wird deutlich, dass lange selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass der nationalstaatliche Rahmen als Analyseeinheit angemessen sei. Ulrich Beck (1944 – 2015) sieht hier einen Mangel, dem angesichts der Globalisierung und der hierdurch erzeugten Mechanismen und Konstellationen durch eine neu ausgerichtete Ungleichheitsforschung begegnet werden müsse (vgl. Beck 2006, S. 266). Die »Kritik des methodologischen Nationalismus« (Bayer et al. 2007, S. 8) setzt genau an dieser Stelle an. In den letzten Jahren haben sich hier verschiedene Perspektiven entwickelt, die – vor allem auch unter Einbezug intersektionaler Ansätze – versuchen, jenseits nationalstaatlicher Grenzen Phänomene sozialer Ungleichheit theoretisch wie empirisch zu fassen. Hier spielen intersektionale Ansätze eine wichtige Rolle, die Ungleichheit als ein Bündel sich einander überlagernder, ergänzender oder verstärkender Ungleichheiten betrachten (vgl. Weischer 2011, S. 415 ff.; vgl. Lutz & Amelina 2017; vgl. Winker & Degele 2009). Mit dem Wandel des Phänomens der sozialen Ungleichheit haben sich auch die hier geführten Diskurse gewandelt und ausdifferenziert. Dies umschreibt Christoph Weischer mit dem Begriff »Soziale Ungleichheit 3.0« (vgl. Weischer 2014).

3 Beiträge zur globalen sozialen Ungleichheit

3.1 Capability Approach (Sen/Nussbaum)

Globale soziale Ungleichheit wird theoretisch nur in wenigen sozialwissenschaftlichen Ansätzen explizit thematisiert. Einer dieser Ansätze ist der Capability Approach, den Amartya Sen und Martha Nussbaum entwickelt haben. Dabei ist dieser Ansatz ursprünglich aus der sozialphilosophischen Frage heraus entstanden, was die Lebensqualität (well being) von Menschen ausmacht (vgl. Nussbaum 2015, S. 40).

Hierfür ist zunächst der Begriff der Funktionsweisen (functioning) wichtig, der alle Zustände und Handlungen (beings and doings) des Menschen beschreibt. Dabei sind unter Zuständen beispielsweise sozialstrukturelle Merkmale wie Familienstand, Status auf dem Arbeitsmarkt oder der Gesundheitszustand gemeint. Unter Tätigkeiten sind sämtliche Handlungen gemeint, die ein Mensch vollziehen kann – von Arbeiten über Kinder erziehen und Kochen bis hin zu Lesen oder Spielen. Wesentlich ist nun die Frage, welche dieser Funktionsweisen realisierbar sind. Hier wird nun der Begriff Capabilities bedeutsam, der ins Deutsche als »Fähigkeit« oder »Befähigung« übersetzt wird. Allerdings hat sich der englischsprachige Begriff Capability auch im deutschen Sprachgebrauch etabliert, sodass er auch hier im Folgenden so verwendet wird. Wenn beispielsweise eine Person nicht arbeitet, weil sie nicht möchte, und gleichzeitig Arbeitsangebote erhält, kann sie sich entscheiden, arbeiten zu gehen. Sie hat also die Capability, zu arbeiten. Anders verhält es sich, wenn jemand nicht arbeitet, weil er unfreiwillig arbeitslos ist und gerne arbeiten möchte. Dann verfügt diese Person nicht über die Capability, zu arbeiten. Damit wird deutlich, dass Ungleichheit aus dieser Perspektive betrachtet sich nicht einfach am Status der Arbeitslosigkeit festmachen lässt, sondern auch an der Frage, ob die betroffene Person ihren Status verändern kann. Capabilities sind folglich Chancen und damit realisierbare Funktionsweisen (vgl. Neuhäuser 2013, S. 65). Sen konkretisiert die Capabilities nicht weiter, während Martha Nussbaum der Ansicht ist, dass dies nicht nur möglich, sondern auch notwendig sei. Sie entwickelte einen Katalog von zehn Capabilities, die universale Gültigkeit haben sollen (vgl. Nussbaum 2015, S. 26 f.)

Tab. 1:Die zentralen Fähigkeiten nach Martha Nussbaum (Zusammenfassung)

Leben

Die Fähigkeit, ein normales Leben ohne verfrühtes Sterben führen zu können

Körperliche Gesundheit

Die Fähigkeit, in guter Gesundheit zu leben mit ausreichender Ernährung und angemessener Unterkunft

Körperliche Unversehrtheit

Die Fähigkeit, sich frei bewegen zu können und nicht Opfer von Gewalt oder sexuellen Übergriffen zu werden und frei über Sexualität und Fortpflanzung entscheiden zu können

Sinne, Vorstellungskraft

Die Fähigkeit, die Sinne zu benutzen, Vorstellungen zu entwickeln und zu argumentieren; hierzu gehört Bildung (Schreib-‍, Lese-‍, Rechenfähigkeit); die Fähigkeit, Werke eigener Wahl frei schaffen zu können

Gefühle

Die Fähigkeit, Bindungen zu Personen und Dingen zu entwickeln und zu leben; die Fähigkeit, Gefühle entwickeln und ausleben zu können

Praktische Vernunft

Die Fähigkeit, eine Vorstellung vom Guten zu entwickeln und über die eigene Lebensplanung in kritischer Weise nachdenken zu können

Zugehörigkeit

Die Fähigkeit, für und mit anderen zu sein, andere anzuerkennen und sich um sie zu kümmern; die Fähigkeit zur Selbstachtung und Nichtdemütigung und mit Würde behandelt zu werden und zu behandeln

Andere Gattungen

Die Fähigkeit, mit Tieren, Pflanzen und der Natur rücksichtsvoll zu leben

Spiel

Die Fähigkeit, zu lachen, zu spielen und sich an Freizeitaktivitäten zu erfreuen

Kontrolle über die eigene Umwelt

Die Fähigkeit, sich an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen; die Fähigkeit, über materielles Eigentum zu verfügen; die Fähigkeit, sich eine Beschäftigung suchen zu können

Bezogen auf etablierte Ansätze zu Ungleichheit in den Wirtschafswissenschaften haben Sen und Nussbaum kritisiert, dass diese sich häufig auf ökonomische Güter beschränken. Soziale Ungleichheit wird nach diesen Modellen darüber bestimmt, ob eine Person über diese Güter verfügen kann oder nicht. Sen verdeutlicht, dass dies zu kurz greift, denn je nach Kontext macht es einen großen Unterschied, welche Güter als unabdingbar oder als erstrebenswert gelten und ob sie effektiv verwendet werden können (vgl. Sen 2007). So ist es beispielsweise in Ländern mit kaltem Wetter und hohem Einkommen unabdingbar, warme Kleidung erwerben und tragen zu können, während dies warmen Ländern mit niedrigem Einkommen nicht unbedingt der Fall ist. Außerdem ist es wichtig, die Merkmale von Personen einzubeziehen, die Grundgüter erwerben. So muss eine schwangere Frau mehr Nahrung zu Verfügung haben als ein sehr alter Mann. Einen weiteren Unterschied macht es, ob eine Person freiwillig oder unfreiwillig auf ein Grundgut verzichtet. So kann es sein, dass ein Mensch in Dänemark keine Nahrung zu sich nimmt, weil er fastet – während ein anderer Mensch in Malawi nichts isst, weil er hungert. Hier greift der Begriff der Capability insofern, als dass es nicht allein darum geht, ob ein Grundgut zur Verfügung steht, sondern ob es erworben werden kann und effektive Verwendung findet. Soziale Ungleichheit entsteht dann, wenn diese Capabilities unterschiedlich verteilt sind. Dabei ist die Verbindung zwischen der einzelnen Person und dem jeweiligen Kontext wichtig – z. B. das Land oder die Region, in der jemand lebt, welche Bedeutung ein Gut für die jeweilige Person hat, in welchen individuellen Umständen sie lebt, in welcher Gesellschaft sie lebt, über welche Bildung sie verfügt, ob sie ein über ein eigenes Einkommen verfügen kann usw. Darüber hinaus geht es nicht nur um den Erwerb von Grundgütern, sondern auch um die Möglichkeiten, Entscheidungen über Funktionsweisen (functionings), d. h. über den eigenen Zustand und das Handeln zu treffen, wie weiter oben ausgeführt. So ist es von Bedeutung, ob der Gesundheitszustand verändert werden kann, weil es Zugang zu bezahlbaren Gesundheitsdienstleistungen gibt, oder nicht. Capabilites werden von Sen als die umfassende Fähigkeit von Menschen definiert, »genau das Leben führen zu können, das sie schätzen, und zwar mit guten Gründen« (Sen 2007, S. 29). Ähnlich argumentiert auch Nussbaum, wenn sie schreibt: »Eine Fähigkeit ist also eine Art von Freiheit: nämlich der substanziellen Freiheit, alternative Kombinationen von Tätigkeiten zu verwirklichen« (Nussbaum 2015, S. 29).

Globale Ungleichheit lässt sich demzufolge nicht allein an Einkommensunterschieden zwischen Ländern festmachen, sondern an den Chancen, inwieweit Menschen weltweit in der Lage sind, das individuelle Leben zu gestalten. »Die Ungleichverteilung von ›capabilities‹ in einem Land, in einem Kontinent oder auch weltweit ist somit im Sinne von Amartya Sen und Martha Nussbaum immer auch gleichbedeutend mit einer Ungleichverteilung von Durchsetzungs- bzw. Verwirklichungschancen.« (Kreckel 2008, S. 41).

Sen verdeutlicht dies am Beispiel von Hungersnöten, deren Entstehung er nicht auf das Fehlen von Nahrungsmitteln zurückführt, sondern auf den Mangel an Capabilities, Nahrungsmittel zu erwerben. So konnte er in empirischen Studien nachweisen, dass Hungersnöte in Äthiopien, der Sahelzone und in Bangladesch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Faktoren wie eine Schwächung der Kaufkraft sowie einen Anstieg der Nahrungsmittelpreise ausgelöst wurden. Nahrungsmittel waren hingegen noch genügend vorhanden, sodass eigentlich die gesamte Bevölkerung hätte angemessen ernährt werden können. Die Veränderung der o. g. marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen führten dann aber dazu, dass es Teilen der Bevölkerung an Capabilities fehlte, die noch in ausreichender Menge verfügbaren Nahrungsmittel zu kaufen. Hungersnöte sind daher aus der Sicht von Sen nicht auf Knappheit von Nahrung zurückzuführen, sondern auf die ungleiche Verteilung von Capabilities, Nahrungsmittel zu kaufen (vgl. Sen 1990, S. 154 ff.).

Der Capability Approach ermöglicht es so, interpersonale Vergleiche des Wohlergehens von Menschen im Weltmaßstab anzustellen – und so globale soziale Ungleichheit zu identifizieren (vgl. Schink 2017, S. 965). Daher ist er auch für die Vereinten Nationen Grundlage des seit einigen Jahren angewandten Human Development Index (HDI). Auf Basis des HDI wird in regelmäßigen Abständen der Human Development Report publiziert, der unter Einbezug einiger Aspekte des Capability Approaches globale Ungleichheit untersucht.

3.2 Dimensionen und Mechanismen globaler Ungleichheit (Therborn)