Gnade ist immer trotzdem - Elisabeth Schulz - E-Book

Gnade ist immer trotzdem E-Book

Elisabeth Schulz

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Beschreibung

Elisabeth Schulz ist gläubige Christin, überzeugte Bibelleserin und aktives Mitglied in ihrer Gemeinde. In vielen christlichen Gemeinden gilt nach wie vor Homosexualität (praktiziert oder nicht) als der Inbegriff von Sünde. Als Elisabeth sich eingesteht, dass sie homosexuell empfindet und dies ein untrennbarer Teil von ihr ist, beginnt für sie ein schwerer innerer Kampf. Neben der Befürchtung, dass sich Familie, Freunde und Gemeindeumfeld von ihr entfremden, quält sie vor allem diese eine Frage: Ist sie in Gottes Augen eine Sünderin? Im Leben wie auch mit höllischen Konsequenzen? In Gesprächen und einschlägiger Literatur wird sie nicht wirklich fündig - immer offen bleibt für sie die Frage nach dem Wesen der Sünde. Also macht sich die Juristin selbst auf die Suche - mit logischem Scharfsinn, umfangreichem Wissen zur kontroversen Diskussionslage und dem glühenden Wunsch, ihr Christsein und damit ihre Gottesbeziehung nicht aufgeben zu müssen. Je länger sie in der Bibel auf Spurensuche geht, desto mehr wird klar: Der eigentliche Fokus gebührt der Gnade Gottes. Ein Buch mit erhellenden Erkenntnissen, die nicht nur homosexuell empfindende Menschen betreffen, sondern uns alle.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Elisabeth Schulz

Gnade ist immer trotzdem

Sofern nicht anders gekennzeichnet, entstammen die Bibelverse

den Übersetzungen:

Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2006 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen.

Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden bei Personenbezeichnungen entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet. Diese verkürzte Form beinhaltet keine Wertung. Jede und jeder kann das Gesagte für sich mitempfinden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtgestaltung: Miriam Gamper-Brühl, 3Kreativ, Essen

unter Verwendung von Bildern © Sloth Astronaut (Shutterstock.com)

Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim

Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans

DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com

Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln

ISBN 978-3-7615-6788-3 (Print)

ISBN 978-3-7615-6789-0 (E-Book)

www.neukirchener-verlage.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Zwischen den Fronten

II. Glaubenssätze zum Wesen der Sünde

Sünde ist real

Gott und Sünde sind sich spinnefeind

Sünde zerstört den Menschen und trennt ihn von Gott

Sünde führt auf Dauer zum (geistlichen) Tod

Jesus als Gott selbst hat durch seinen Tod und seine wahrhaftige Auferstehung der Sünde die Macht genommen

III. Kann Sein Sünde sein?

Die Ursünde

Unreinheit von Geburt an

Homosexualität als Folge des Sündenfalls

Eine Pro-These

IV. Du bist, was du tust?!

Der unnatürliche Verkehr

Zwischenfazit

V. Gesetz ist Gesetz

Was geht es mich an?

Gottes Geschmack

VI. In Ordnung

Eine Frage der Frucht

Angriff auf die Schöpfungsordnung

Eine Frage des Gewissens

Blick voraus

Danke

Zitierte und erwähnte Texte und Vorträge

Vorwort

Während des ersten Lockdowns stand ich als evangelischer Pfarrer in der Jakobikirche in Lippstadt für seelsorgerliche Anliegen zur Verfügung. Es suchte mich eine Frau auf, der ich bis dahin nur flüchtig begegnet bin. Ich wusste, dass sie in eine Freikirche geht, und hatte schon erlebt, wie beeindruckend und erfrischend sie ihren Glauben an Jesus lebte. Ihr Name: Elisabeth Schulz.

Ob ich mir vorstellen könne, das erste Kapitel ihres Buches zu lesen, das ausschließlich der Selbstklärung diene und von dem sie noch gar nicht wisse, ob sie es am Ende überhaupt fertigstellen würde. Schon ein flüchtiger Blick ins Manuskript zeigte mir: Ausgangspunkt ist ihre homosexuelle Orientierung, von der ich vorher nichts wusste. Sie war es, die buchstäblich infrage stand. Und Elisabeth wollte wissen, wie sich diese Orientierung aus theologischer Sicht darstellt. Kommt ein homosexueller Mensch in die Hölle, also an Dantes Ort „der wandellosen Bitternisse“? Wie verhält sich Homosexualität zum Wesenskern der Sünde? Kann man bzw. frau Christ und zugleich homosexuell sein? Ist es möglich, dass sich ein homosexueller Christ – wie jeder andere Christ auch – als von Gott geliebt und zur Mitarbeit in seiner Gemeinde und an seiner Welt berufen und befähigt versteht, und zwar ohne das Gefühl, bloß ein Christ zweiter oder dritter Klasse zu sein?

Diese Fragen waren für mich bis dahin eher abstrakt gewesen. Nun bekam ich sie als „theologischer Flügelmann“ aus der Sicht einer Person vor Augen geführt, der die biblisch fundierte Gottesbeziehung über alles geht, der Jesus wirklich am Herzen liegt, für die der Heilige Geist eine lebensbestimmende Realität ist, und die sich auf der anderen Seite mit der Tatsache auseinandersetzen muss, dass Homosexualität etwas ist, das unausblendbar zu ihrer Persönlichkeit dazugehört, weil sie ihr Selbstverhältnis, ihre Sehnsucht, ja ihr Sein mit ausmacht. Eine Erkenntnis, zu der sie gerade deshalb kam, weil alle Versuche, hier etwas zu ändern, vom persönlichen Gebet bis hin zu Konversionstherapieversuchen, allesamt kläglich gescheitert sind.

Herausgekommen ist jetzt ein Buch, in dem Elisabeth zunächst einmal sich selbst Rechenschaft gibt, wie sie auf die oben skizzierten Fragen Antworten gesucht hat. Darüber hi­naus gibt diese ergebnisoffene Auseinandersetzung aber auch anderen Menschen die Möglichkeit, Zeugen von Elisabeths ganz persönlichem Ringen zu werden und sich mit ihren Fragen und Antworten auseinanderzusetzen – ob als persönlich Betroffene oder Interessierte.

Elisabeth tritt mir im Buch als eine leidenschaftliche Leserin von Gottes Wort entgegen, die gerade den schweren und dunklen Passagen der Bibel, wie etwa den Ausführungen des Paulus im Römerbrief zum Gesetz oder der Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen im Johannesevangelium, in existenzieller Perspektive, das heißt in dem Wissen, dass es um sie ganz persönlich geht, auf den Grund zu kommen versucht. Man spürt ihrem Buch auf Schritt und Tritt auch die studierte Juristin ab, die sich in der kontroversen Diskussionslage sowie der einschlägigen Literatur zum Thema gründlich auskennt, sich durch logischen Scharfsinn auszeichnet und auf klare Begrifflichkeit pocht. Der „archimedische Punkt“ des Buches besteht aber, theologisch gesprochen, in dem Wissen um den Vorrang des Evangeliums gegenüber dem Gesetz. Das schlägt sich direkt im Titel nieder: „Gnade ist immer trotzdem“. Und darin kommt die fundamentale Überzeugung zum Ausdruck, dass der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, und an den die Kirche glaubt, ein Gott ist, der den Menschen voraussetzungs- und bedingungslos liebt und ihm unabhängig von aller sexuellen Orientierung eine unverlierbare Würde schenkt.

Ich nehme in dem Buch zwei Gesprächspartner wahr, mit denen sich Elisabeth faktisch auseinandersetzt. Da ist zum einen der – vielleicht etwas vorschnell – als fundamentalistisch oder evangelikal apostrophierte Standpunkt, der aus bestimmten Stellen der Bibel den Schluss zieht, praktizierte Homosexualität ziehe den Bruch und Verlust der Gottesbeziehung nach sich. Da ist zum anderen aber auch eine gewisse Laissez-­faire-Haltung, die mit dem breiten, medialen Strom schwimmt und – mit dem Hinweis auf die alles überflügelnde Kraft der „Liebe“ – gewichtige Passagen der Bibel wie etwa den Schöpfungsbericht ausblendet und schon den Ansatz einer Differenzierung zwischen einer homosexuellen und einer heterosexuellen Beziehung ablehnt und skandalisiert.

Die Größe von Elisabeths Buch erblicke ich darin, dass diesen beiden Positionen gegenüber ein anderer und besserer, eben ein dritter Weg aufgezeigt wird. Ich denke an homosexuelle Christen, die in kirchlichen, aber auch familiären und gesellschaftlichen Kontexten „die Hölle auf Erden“ erleben und sich nach einem Ausweg sehnen, ohne ihr Christsein preisgeben zu müssen. Hier kann das Buch seine heilende und segensreiche Kraft entfalten. Ich bin überzeugt, dass auch diejenigen Menschen von dem Buch profitieren, die nicht homosexuell sind, sich aber orientieren wollen und das direkte Gespräch mit denjenigen suchen, die das Thema in der Tiefe betrifft.

Ich wünsche dem Buch, dass es sich angesichts einer Kontroverse, die schon Gemeinden zerrissen hat, einen Weg in die Herzen der Menschen bahnt. Dass es festgefahrene Positionen auflöst und als Brücke wirkt. Dass es Mut macht, sich auf die Suche nach Antworten zu machen. Und dass es zur Erfahrung beiträgt, dass Gott kein erhobener Zeigefinger ist, sondern jemand ganz anderes.

Pfarrer Dr. Roland Hosselmann, im August 2021

I. Zwischen den Fronten

Homosexualität (praktiziert oder nicht) ist in vielen christlichen Gemeinden nach wie vor der Inbegriff von Sünde.1 Gibt man bei christlichen Verlagshäusern online das Wort Sünde als Suchbegriff ein, erscheint unter den ersten Titeln ein Buch über Homosexualität (Stand Mai 2020), ohne dass sich das Wort „Sünde“ im Buchtitel befindet.

Nach vielen Jahren des Nachdenkens, Betens, Flehens und Erlebens komme ich zu dem Kernpunkt, dass wir uns die Beurteilung, ob etwas Sünde ist oder nicht, sehr oft sehr einfach machen – aus Gewohnheit, Unwissen, Faulheit, Lieblosigkeit, Verbohrtheit, Selbstüberschätzung und auch Überforderung. Meine Vermutung ist, dass es essenziell wichtig sein könnte, das Wesen der Sünde an sich zu kennen und zu verstehen, um sie auch zu erkennen – nicht nur auf das Thema der Homosexualität bezogen, aber eben auch da.

In der aktuellen Literatur der beiden Pole – pro und kontra Homosexualität, in welcher Ausformung auch immer – wird das Wesen der Sünde jedoch nicht erarbeitet oder nur am Rande gestreift.

Der Pol „kontra Homosexualität“ setzt die Sündhaftigkeit (gelebter) Homosexualität voraus, während der Pol „pro Homosexualität“ die Bewertung von Homosexualität als Sünde schlussendlich ablehnt; eine schlüssige Begründung liefern jedoch beide Seiten für ihre Auffassungen nicht. Während „kontra Homosexualität“ damit argumentiert, dass es eindeutige und allseits bekannte Bibelstellen gegen praktizierte Homosexualität gebe und darüber hinaus Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen habe, weshalb Homosexualität wider die Schöpfungsordnung Gottes stünde, argumentiert „pro Homosexualität“ dahingehend, dass der biblische Befund zur praktizierten Homosexualität nichts mit andauernden, treuen Liebesbeziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu tun habe und es Anomalien verbreitet in Gottes ganzer Schöpfung gebe, die ebenfalls unter dem Ja der Liebe Gottes stünden. Dass Gott es zumindest zulässt, dass ein Mensch sich als homosexuell empfindet, widerspräche der Barmherzigkeit und Liebe Gottes, wenn Gott im gleichen Atemzug diesem Menschen auferlege, enthaltsam zu leben und im Übrigen seine Gefühle für das gleiche Geschlecht als widerwärtig (ein Gräuel) oder zumindest als krankhaft und möglicherweise heilbar, jedenfalls als nicht schöpfungskonform zu bewerten.

Beide Pole überschneiden sich in ihrer Ausgangsposition: Man kommt nicht um den Eindruck herum, dass Streitschriften lediglich zur Bestätigung eines bereits festgelegten Ziels zu Papier gebracht werden und von den Autoren nicht etwa mit einem offenen Ergebnis angegangen werden. Die äußeren Ränder der beiden Pole stehen sich nach wie vor sehr verhärtet gegenüber. Es ist als Betroffene kaum auszuhalten, zwischen diesen Fronten zu stehen. Denn mir gelingt es auch nach Jahren nicht, mich einem Pol zuzuordnen. Gerade von der sich als bibeltreu darstellenden Kontra-Seite sind in den sozialen Medien so viel Anfeindung, hässliche Beschimpfungen, Verwünschungen und gottloses Gerede zu lesen, dass sich einem der Magen zusammenzieht. Auf der Pro-Seite könnte man wiederum eine Beliebigkeit beklagen, die unter der rhetorischen Frage „Kann denn Liebe Sünde sein?“ alles als gottgewollt bezeichnet.

Mit diesen Gedanken im Blick mache ich mich selbst auf die Suche. Ich will – soweit das möglich ist – unvoreingenommen an diese Fragestellung nach der Sünde in Bezug auf Homosexualität herangehen. Vorhanden ist lediglich das, was ich aus 34 Jahren „christlicher Biografie“, leben und kämpfen mit Gott an Erfahrung gesammelt habe. Um diese Erfahrungen soll es aber nur in zweiter Linie gehen. Ich kann sie nicht außen vor lassen, sind doch mein Glauben und Denken und Fühlen Ergebnis auch all meiner Erfahrungen und gewonnenen Überzeugungen. Vielmehr will ich aber den Kern, den biblischen Befund zur Sünde und ihrem Wesen verstehen und daran – in allererster Linie für mich selbst – herausfinden, ob praktizierte Homosexualität Sünde ist. Dabei werde ich nicht umhinkommen, praktizierte Homosexualität an sich zu betrachten, zu hinterfragen, was das eigentlich ist, welche Ausgestaltungen sie hat und ob dieser Begriff im Zweifel nicht eine Blase aus der Kontra-Ecke ist, die vor allem mit Nichtwissen gefüllt ist. So jedenfalls meine Ausgangsvermutung. Ob es auf Wissen ankommt, wenn es um das Wesen der Sünde geht, hoffe ich auch herauszufinden.

Aber warum überhaupt? Warum ist das für mich so wichtig? Mein Konfirmationsvers steht in Matthäus 10,39, wo Jesus sagt: „Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ Diesen Vers habe ich selbst gewählt, in dem Wissen und der klaren Entscheidung, so leben zu wollen. Er bedeutet für mich, dass nichts, was sich in meinen Umständen befindet, noch etwas, das in meinem Innersten ist (sei es von Geburt an oder im Nachhinein hinzugekommen) über meinem Leben mit Jesus steht. Bereit zu sein, alles, auch mein Tiefstes und meine Sehnsüchte, für ihn aufzugeben – das war die Grundentscheidung, die ich damals getroffen habe. Ich bin seitdem viele Umwege gegangen und in den letzten Jahren gerade über die „homosexuelle Identitätsfrage“ zu dieser Entscheidung von damals und zu der Überzeugung, mein Leben daran auszurichten, zurückgelangt. In allem, was ich bin und was ich mir wünsche, bin ich abhängig von Jesus und hänge bewusst an seiner Barmherzigkeit. Das gilt meinem Empfinden nach gerade für mich, die ich als homosexuell empfindende Frau in den meisten der mir nahen Kirchen und Gemeinden hier auf der Erde keinen Raum und keinen Zuspruch erhalte. Mir ist bewusst, dass das Ergebnis meiner Ausarbeitung darüber entscheidet, ob ich in dem Gemeindeumfeld, in dem ich mich befinde (und aufgewachsen bin), bleiben kann. Das wäre dann der Fall, wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass jedenfalls gelebte Homosexualität Sünde ist. Das betrifft nicht nur meine Gemeinde und damit mein engstes soziales Umfeld, meinen Lebensrahmen, sondern auch meine Herkunft, meine Familie. Einige werden ein anderes als dieses Ergebnis – mit welchen Folgen für unsere Beziehung auch immer – nicht akzeptieren. Das klingt dramatisch – und ist es auch, nicht nur für mich. Viele, die in diesem Kampf stehen, entscheiden sich weniger aus Überzeugung als aus Resignation entweder für die eine oder für die andere Lebensweise. Und mit der Zeit, wenn sie Glück haben, passt sich ihre innere Überzeugung ihrer Lebensweise an – oder es zerreißt sie irgendwann.

Entweder sie werden zerrissen durch die sich vielleicht nicht erfüllende Hoffnung, dass ihre Sexualität sich mit der Zeit „zum Guten“ verändern würde und sie dadurch gleichwertiges Geschwisterkind unter Christen sein können. Denn, bei allen Bestrebungen, die es auch mittlerweile in evangelikalen Kreisen gibt: Gleichwertig ist der homosexuell empfindende Mensch in der Gemeinde Christi nicht. Dabei rede ich noch nicht von Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben, sondern von dem Umstand, dass homosexuelles Empfinden (insbesondere unter Männern) als widerwärtig, pervers und krankhaft gesehen und bewertet wird. Die meisten frommen Männer weichen vor einem schwulen Bruder ausdrücklich körperlich zurück. Weibliche Homosexualität wird daneben als ein Wunsch nach tiefer Mädchenfreundschaft belächelt und abgetan, wobei gerade Christinnen, denen man im freundschaftlichen oder auch seelsorgerlichen Gespräch die eigenen homosexuellen Empfindungen anvertraut, häufig davon ausgehen, sie seien direkt auch Adressat dieser Empfindungen. Bereits an diesen Reaktionen auf schwule und lesbische Empfindungen zeigt sich eine hohe Selbstbezogenheit derjenigen, die von diesem Thema nur tangiert werden. Der auch in evangelikalen Kreisen nun aufkommende Gedanke, den homosexuell empfindenden Bruder oder die homosexuell empfindende Schwester genauso zu integrieren, solange sie eben ihre Homosexualität nicht leben, ist ein frommer Wunsch, der jedenfalls zurzeit nichts mit der tatsächlichen Realität in den Gemeinden und christlichen Kreisen zu tun hat. Vom Umgang mit Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben oder das befürworten, möchte ich hier gar nicht erst anfangen …

Oder aber sie werden zerrissen durch die ungeklärte Fragestellung, ob Gott wirklich mit der gelebten Homosexualität leben kann. Denn der oft gehörte Vorhalt, gelebte Homosexualität führe direkt in die Hölle (und das ist nicht überspitzt ausgedrückt!), kann schwerlich vollständig abgestreift werden. Mit diesem Damoklesschwert zu leben und es nicht abschließend, so viele gute Argumente es auch geben mag, entfernen zu können, kann einen Menschen zutiefst verzweifeln lassen. Es ist nicht lange her, dass mir eine befreundete evangelische Theologin sagte, dass der „Geist der Homosexualität ein Dämon“ sei. Auf die Nachfrage, ob ich in ihren Augen also von einem Dämon besessen sei (wohlgemerkt nicht in einer homosexuellen Beziehung lebend), kam nur aus gepresster Nächstenliebe ein zögerndes: „Ich weiß es nicht“ anstatt des eigentlich gemeinten: „Ja“. Diese Begegnung ist einer der Gründe, die mich letztendlich an den jetzigen Punkt geführt haben, dringend eine Antwort zu suchen. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal gewesen, dass mir die Hölle in Verbindung und als Folge homosexuellen Empfindens und Lebens vor Augen geführt worden ist – mit dieser Aussage bin ich aufgewachsen –, aber dieses Gespräch war aufgrund der Beziehung, die wir zueinander hatten der Gipfel, der berühmte Tropfen in das überfüllte Fass.

In diesem Moment befinde ich mich an der Weggabelung, von dem einen oder von dem anderen möglichen Lebensweg zerrissen zu werden. Die Aussicht ist denkbar düster. Von daher entsteht in mir die Sehnsucht nach einer Antwort, die nicht zerreißt, sondern Zerbrochenes heilt; einer Antwort, die eine Zukunft hat. Dabei bin ich mir zum Jetztzeitpunkt nicht sicher, ob es diese Antwort geben wird, aber ich bete, dass Jesus in seiner Barmherzigkeit Klarheit und Wegweisung schenkt. In dem Wissen, weil ich es erfahren habe, dass er mir alle Dinge zum Guten dienen lassen kann (so auch Paulus in Römer 8,28), will ich mit jeder Antwort leben und sie, wenn ich sie zu meiner eigenen Überzeugung erhalten habe, auch vertreten. Letzteres mag selbstverständlich klingen, ist es aber nur in dem Fall, dass ich zu dem Ergebnis komme, dass gelebte Homosexualität Sünde ist. Sollte ich zu einem anderen Ergebnis kommen, gebe ich in dem Fall, dass ich diese Haltung vertrete, mein geistliches Zuhause, meine Gemeinde und mein nahes soziales Umfeld auf und riskiere auch Beziehungen innerhalb meines engsten Familienkreises.

Aber das erlebe ich als Abhängigkeit von Jesus. Ich will darauf vertrauen und innigst hoffen, dass er überhaupt eine Antwort schenkt und dass er dann auch den Umgang mit ihr und ihren Folgen – für mich und andere – vorbereitet. Denn eine Antwort auf eine an Gott gerichtete Frage bleibt nie nur in der Theorie, sondern muss ins Leben. Was auch immer das für meine Frage bedeuten mag.

Warum mache ich mir diesen massiven inneren Stress, eine Antwort auf die Frage nach der Sünde zu finden? Mit dem Damoklesschwert der Hölle nicht leben zu können und zu wollen, ist sicherlich nachvollziehbar. Aber ich könnte doch auch den „sicheren“ Weg der Ehelosigkeit beschreiten. Dass das als Entscheidung kein einfacher Weg ist, setze ich als bekannt voraus – wird es auch häufig so nebenbei von uns homosexuell empfindenden Menschen verlangt, wobei die Verlangenden in der Regel heterosexuell verheiratet sind und vielleicht gerade aufgrund ihres eigenen Eheerlebens die Ehelosigkeit als einen durchaus erstrebenswerten Weg ansehen. Dass das nicht nur polemisch gemeint ist, wird sich später noch niederschlagen. Ein Leben auf dem scheinbar sichersten Weg, aber ohne Antwort auf brennende Fragen, ist für mich allerdings erst akzeptabel, wenn ich tatsächlich keine Antwort finde. Denn das Leben auf dem sichersten Weg fühlt sich für mich an wie ein Leben, das von Angst vor der Hölle und Gottes Gericht bestimmt wird. Darauf will ich mein Leben nicht aufbauen, sondern auf die Kraft der Auferstehung Jesu. Die Antwort auf meine Frage kann so oder so ausfallen – und ja, vielleicht bekomme ich auch keine Antwort –, aber wenn ich nicht einmal danach suchen würde, würde ich mir Faulheit vorwerfen und auch ein Zurückschrecken vor Auseinandersetzungen, vor dem, was die Antwort für mich bedeuten könnte. Ein Leben auf dem sichersten Weg wäre angstgesteuert und steht für mich dem Wort Jesu entgegen, der selbst gesagt hat, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Johannes 14,6). Bereits der Psalmist sah in der Wahrheit Gottes keine Gefahr, keine lieblose Entblößung schambehafteter Umstände, sondern er bezeichnete sie als seinen Schirm (Psalm 91,4 nach Luther 2017). Die Wahrheit Gottes ist ein Schutz vor meinen eigenen subjektiven Vorstellungen und Zuschreibungen und auch vor den Vorstellungen anderer über mich. Bei Jesus finde ich diese Wahrheit. Das hat er versprochen. Und die Wahrheit wird mich frei machen, auch das hat er versprochen (Johannes 8,32). Alles Denken und das Bearbeiten dieser Fragestellungen unternehme ich in dem Glauben und der Hoffnung, dass Jesus diese beiden Versprechen wahr macht. Nicht mehr. Aber auch ganz bestimmt nicht weniger.

1Dabei ist mir bewusst, dass „die eine christliche Gemeinde“ nicht existiert, sondern es durch die ganze Kirchen- und mittlerweile auch Frei­kirchenlandschaft sehr unterschiedliche Haltungen dazu gibt. Spreche ich also von Gemeinde, meine ich mein gewohntes, auch in vielem geliebtes, überwiegend als evangelikal zu bezeichnendes Gemeindeumfeld.

II. Glaubenssätze zum Wesen der Sünde

Um sich überhaupt mit dem Thema Sünde auseinanderzusetzen, möchte ich erst einmal klären, warum es überhaupt für mich erforderlich ist, die Frage nach der Sünde zu stellen und zu lösen. Daher – ohne sie zur Diskussion zu stellen, sondern sie als Grundannahmen voranzustellen – will ich vorab meine jetzige Auffassung zur Bedeutung von Sünde an sich darstellen. Es geht mir dabei noch nicht um die Frage nach homosexuellem Empfinden oder Leben, auch nicht um anderes möglicherweise sündhaftes Verhalten im Konkreten, sondern um das Wesen der Sünde ihrem Grunde nach. An dieser Stelle betreibe ich bewusst kein Bibelstudium, um das „Richtige“ hier hinzuschreiben, sondern ich will meine gewachsenen Überzeugungen zum Beginn des Schreibens festhalten, auch, um sie während und nach meiner Ausarbeitung auf ihre Standhaftigkeit hin zu überprüfen. Ich glaube, dass sie sich im Laufe der Ausarbeitung im biblischen Befund wiederfinden und begründen werden – jedenfalls im Grundlegenden. Sollte das Gegenteil der Fall sein, gilt Folgendes auch für mich: Für wen Sünde heute keine Bedeutung mehr hat, für den haben auch sämtliche Überlegungen, die ich mir hier mache, und auch schon die Fragestellung an sich keinerlei Bedeutung.

Sünde ist real

Erstaunlich, dass Sünde noch nicht zum Unwort des Jahres gewählt worden ist. Das mag einerseits den Grund haben, dass das Wort und seine Bedeutung so unbeliebt sind, dass es nicht einmal zum unbeliebtesten Wort gewählt wird (das wäre ja auch irgendwie eine Ehrung). Andererseits wird die Existenz von Sünde bis in die Kirche hinein schlicht negiert, weil sie so unangenehm ist. Und sie schwindet daher nach und nach aus dem Wortschatz. Sicherlich nicht unbeteiligt an dieser Entwicklung sind wir Christen, die mit dem Begriff der Sünde um sich warfen und werfen, um uns von Andersdenkenden innerhalb und außerhalb unseres Umfelds zu distanzieren und auch positiv hervorzuheben. Sich selbst aufzuwerten, indem man andere abwertet – auch dazu wurde und wird der Begriff der Sünde gerne von Christen genutzt. Auch untereinander. Meiner Auffassung nach geschieht dies oft in dem Unwissen über das Wesen der Sünde, was sie ist und was sie auch nicht ist. Dass mit dem Begriff der Sünde viel Schindluder getrieben wurde, führt heute auch in frommen Kreisen wiederum dazu, dass Sünde reuig verschwiegen oder verniedlicht bis beschönigt wird. Es erscheint so hart, jemanden auf Sünde anzusprechen. Daraus folgt dann, dass die einen es vollständig unterlassen und die anderen umso vehementer die Sünde von Einzelnen und der Gesellschaft hervorheben, um das wahrgenommene Defizit aufzufüllen. Beides dient meiner Beobachtung nach nur der Sünde an sich. Sie zu negieren, gibt ihr Raum, sich unbemerkt und ungebremst zu entfalten. Sie als Endgegner hervorzuheben, sie zu nutzen, um sich von anderen abzugrenzen, dient ihr ebenso, da die begleitende Arroganz nicht minder zu Spaltungen, Verletzungen und Ausgrenzung führt. Ich glaube, dass Sünde so niederträchtig und perfide ist, dass sie sich unter dem Deckmantel der Selbstbekämpfung auf den „Thron“ unseres Lebens setzen kann; dass Menschen, angetrieben von dem Wunsch, sündlos und gottesfürchtig leben zu wollen, den Fokus auf Sündenvermeidung und nicht auf Gottesfurcht legen. Die Sünde ist ein Biest in ihrer ganzen Gestalt. An ihr ist nichts Gutes, nichts Aufrichtiges, nichts Nachvollziehbares, nichts, was mein Mitgefühl weckt. Die Sünde ist das Spielgerät des Teufels. Man mag ihn nennen, wie man möchte (Feind, Satan, der Böse, das Böse …) – seine Existenz wird sich kaum von seiner Bezeichnung abhängig machen. Genauso wie an der Sünde, seinem Spielgerät, seinem Werkzeug, seinem Wesen, ist an ihm nichts Liebenswertes, nichts Verständnisvolles, nichts Liebendes, nichts Schönes, nichts Gutes.

Gott und Sünde sind sich spinnefeind

Diese Überzeugung führt mich zu dem Schluss, dass ich als Kind des heiligen Gottes nicht Hand in Hand mit der Sünde leben kann. Das ist in erster Linie keine Gehorsams-, sondern eine Loyalitätsfrage. Wenn Gott mein Vater ist und ich behaupte, ihn zu lieben, kann Sünde in meinem Leben – oder auch in der Gesellschaft – mir nicht egal sein. Wenn jemand meinen leiblichen Vater anfeindet und ihn verachtet, dann führt das in mir zu einer tiefen Abneigung gegenüber diesem Menschen, sogar dann, wenn er sachlich betrachtet in der Beurteilung meines Vaters teilweise recht haben mag. Auch der Teufel hält mir häufig scheinbar Realitäten vor Augen; Argumente, die überzeugen. Dabei geht es aber nicht um sachliche Richtigkeit an sich, sondern es ist eine Frage von Loyalität und Liebe aus der zugrunde liegenden Verbindung zwischen mir und meinem Vater, zwischen mir und Gott. Ist die Sünde Feind Gottes, ist sie auch mein Feind. Klingt zunächst plump; ist aber so einfach. Jedenfalls in der Grundüberzeugung. Dass Sünde sich auch in mir abspielt, macht es im Konkreten zeitweise kompliziert. Berufe ich mich aber auf die Überzeugung, dass die Sünde als Feind Gottes auch mein Feind ist, muss die situative Entscheidung für oder gegen sündhaftes Leben immer dagegen ausfallen. Nicht, weil Gott es von mir verlangt, sondern weil ich mich so entschieden habe. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber sind zwar bisweilen sehr anstrengend, aber auf Dauer kann ich nicht anders leben, wenn ich mich nicht selbst verraten will. Und wenn ich mal an allem zweifle, dann ist es letztendlich eine Frage des Gehorsams gegenüber Gott, der eben Gott ist und ich nicht.

Sünde zerstört den Menschen und trennt ihn von Gott

Davon bin ich überzeugt – und ich habe es selbst erlebt. In Sünde zu leben und darin zu bleiben, führt bei mir zu einem sehr unangenehmen Zustand. Bin ich ansonsten frei heraus und überwiegend optimistisch, werde ich in dem Wissen, dass ich Sünde in meinem Leben habe (was genau das ist, ist ja noch herauszufinden) seltsam. Ich erlebe dann einen Rückzug von Gott und auch von den Mitmenschen, die mit meiner Sünde in Verbindung stehen. Leider fällt mir das zu oft erst im Rückblick auf. Die Folgen von Sünde (die ich nicht mit Schuld gleichsetze) sind Isolation, Geheimnisse, Lügen, weitere und tiefere Isolation mit all ihren Folgen. Vor allem aber entdecke ich dann in mir ein Gefühl des Verdrecktseins, ich fühle mich schmutzig, es ist ein schambesetztes Selbstempfinden. Ich bin ein Mensch, der schnell und präzise mit Worten ist. Auch im verletzenden Sinne. In meiner Kindheit und Jugend war mir die Härte meiner Worte gleichgültig. Entscheidend war, dass mein Gegenüber spürte, „was Sache war“. In meiner Überzeugung hatte ich bloß die vermeintliche Wahrheit ausgesprochen und konnte doch nun erwarten, dass der Empfänger sein Verhalten da­raufhin ändern würde. Dabei war ich schon als Teenager gerade mit geistlichen „Wahrheiten“ nicht zimperlich. Sünde zeigte sich an dieser Stelle in Lieblosigkeit und Hochmut. Das führte dazu, dass sich Menschen innerlich von mir zurückzogen, allerdings ohne dass ich es merkte. In meiner Abiturzeit hörte ich von einer Schulkameradin, dass sie in der 5. und 6. Klasse furchtbare Angst vor mir gehabt habe. Sie war nicht die Einzige. Ich war schockiert. Das hat mir die Augen geöffnet für die Folgen meiner Haltung, denn so wollte ich eigentlich nicht sein. Erst recht nicht als Christ. Dabei stellte ich aber fest, dass ich meine Haltung gegenüber anderen vor Gott nie infrage gestellt hatte. Es war doch mein Recht, Menschen ohne jede Rücksicht zu konfrontieren. Dachte ich. Auch weil ich dachte, dass Gott mit mir genauso umgeht und ich mit mir selbst so umgegangen bin. Im Rückblick sehe ich, wie unverdient Menschen mir ihre Vergebung entgegengebracht und Beziehung dennoch möglich gemacht haben. Durch diese Vergebungserfahrungen ist mein bis dahin verhärtetes und erbarmungsloses Gottesbild aufgebrochen. Dadurch ist eine liebevolle Beziehung zu Gott erst möglich geworden.

Ich erlebe Sünde in meinem Leben als zerstörerisch, weil sie meine Freiheit vor Gott und Menschen und vor allem in mir selbst massiv einschränkt. Mein Inneres wird immer mehr von der Weintraube zur Rosine – bis auf die Tatsache, dass der Rückweg zur Weintraube durch Jesus möglich geworden ist. Das „Rosinendasein“ ist ein sehr kümmerliches, das sich selbst bemitleidet und keine Kraft für andere hat. Ich rede hier ausdrücklich nicht von emotionaler oder auch geistlicher Erschöpfung, die ähnlich aussehen mögen, aber ganz andere Ursachen haben. Wenn Sünde mich auslaugt, ist der Weg zu Gott sehr weit. So wird mir vom Teufel suggeriert. Wenn ich erschöpft und kraftlos bin, meine Beziehung zu Gott aber ungestört ist, weiß ich, dass der Weg zu ihm nur ein Gebet entfernt ist. Dass dies auch in meinem sündigen Rosinenzustand so ist, fällt mir meist spät auf und bedarf nicht selten des Zuspruchs von außen. Gelingt dies abschließend nicht, bleibe ich durch meinen sündhaften, verdreckten Zustand von Gott getrennt. Da die Sünde sein Feind ist, wird er sich nicht dazugesellen, solange ich an der Sünde festhalte. Er drängt sich nicht gegen meinen Willen auf. Die Sünde ist aber so perfide, dass sie selbst sich mir als erforderlich und lebensnotwendig verkauft. Das zu erkennen und dann loszulassen, gelingt meiner Erfahrung nach nur durch den Geist Gottes in mir, nicht aus mir selbst heraus.

Sünde führt auf Dauer zum (geistlichen) Tod

Die absolute Klimax der Isolation, der Abtrennung von Menschen und von Gott, ist der Tod (Jakobus 1,15). Ich glaube, dass Sünde als Feind des lebendigen Gottes, der das sprudelnde Leben ist, zum geistlichen, aber auch zum sozialen Tod führt – und das nicht vielleicht, sondern sicher. Todsicher. Es ist der denklogische Umkehrschluss daraus, dass Gott und der Teufel nichts, aber auch gar nichts gemein haben – nicht einmal das Interesse an uns Menschen. Denn das Interesse des Teufels, des Vaters der Lüge (Johannes 8,44b), ist nicht auf uns gerichtet, sondern auf seine Feindschaft gegen Gott. Uns von Gott durch Sünde zu entfernen und in den Tod zu führen, das ist sein Anliegen, um seine Macht zu beweisen und sich vor Gott als ebenbürtig aufzuspielen. Wir sind da nur missbrauchtes Mittel zum Zweck.

Demgegenüber gilt Gottes Interesse uns als seinen Ebenbildern. Wir sind seine Schöpfung, die ihm gleich ist. Das war seine anfängliche Sehnsucht. Er schuf sich im Menschen ein Gegenüber. Seine Sehnsucht war und ist Beziehung und nicht Isolation. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18) kann – ohne gleich die Stiftung der heterosexuellen Ehe hineinzuinterpretieren – erst einmal als Gottes Idee für uns Menschen, in Beziehung mit ihm und mit anderen Menschen zu sein, gesehen werden.