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Aus dem Inhalt: An die dortigen Professoren dachte er besonders, als er 1818 zum Kanzler v. Müller und zur Julie v. Egloffstein sagte: "Sehet, liebe Kinder, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müßt ihr lernen." Er selber lernte freilich auch aus Büchern, und will hier im Ernste nichts gegen Bücher sagen; nur zog er eigene Anschauung und mündliches Ausfragen vor. "Es entwickelt und nötigt zur Aufmerksamkeit, und das ist ja doch das Höchste aller Fertigkeiten und Tugenden." Diese Sachlichkeit war Goethes beständiger Vorsatz, und seine Größe als Mensch rührt namentlich von seinem täglichen Bestreben her: alle Dinge und alle Personen ohne Leidenschaft und Vorurteil zu betrachten, sich selbst zu vergessen, alles Neue ruhig auf sich einwirken zu lassen. Das hielt er auch als Reisender so. Und wenn man seine Genialität rühmte, führte er sie wohl hierauf zurück. "Ich lasse die Gegenstände ruhig auf mich einwirken, beobachte dann diese Wirkung und bemühe mich, sie treu und unverfälscht wiederzugeben. Dies ist das ganze Geheimnis, was man Genialität zu nennen beliebt." Goethe wußte freilich, daß die Natur sich ihre letzten Geheimnisse nicht abzwingen läßt, aber dann und wann gelingt es uns, den Schöpfergedanken näher zu kommen. Und eben das war sein Streben bei aller gelehrten Arbeit. Andere wieder verlieren sich, um zu großen Wahrheiten zu gelangen, in metaphysischen Phantasien, im Aufbauen kühner Systeme oder in okkultistischen Träumereien. Dazu war er wieder zu sehr Naturforscher: Erfahrung, Beobachtung, Experiment sollten ihm zur Erkenntnis verhelfen. Man brauche nicht die Natur gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern könne sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darstellen. Erstveröffentlichung: 1900, Autor: Dr. Wilhelm Bode 2. E-Book-Auflage 2018 Umfang: ca. 190 Buchseiten, 13 Kapitel
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Impressum
„Goethes Lebenskunst“ von Dr. Wilhelm Bode
Erstveröffentlichung: Berlin 1902.
Cover, Überarbeitung: F. Schwab Verlag
Neuauflage: F. Schwab Verlag – www.fsverlag.de sagt Danke!
Copyright © 2018 by F. Schwab Verlag
Dieses Buch erzählt, wie Goethe wohnte und wirtschaftete, wie er sich kleidete, wie er aß und trank, wie er seine Gesundheit stärkte und Krankheiten ertrug, wie er sich gegen Fremde und Freunde verhielt, gegen Höherstehende und Untergebene, wie er als Liebhaber und Ehemann war, und dann weiter: wie er arbeitete und lernte, wie er ein guter, gerechter, empor steigender Mensch zu sein sich bemühte und wie er sich zu Gott und seinen Verkündern stellte. Es wird den Lesern keine Geschichte seines Lebens und keine Besprechung seiner Werke geboten, auch macht das Buch nicht den Anspruch, die Wissenschaft vorwärts zu bringen. Es wird zwar Vieles mitgeteilt, was an die berüchtigte Kleinigkeitskrämerei einiger Goethe-Philologen erinnert, dabei wolle man aber den Autor recht verstehen. „Wie Er sich räuspert und wie Er spuckt,“ wäre freilich ein unwürdiger Gegenstand für ein mühseliges Studium oder gar einen devoten Kultus, aber auch die kleinen Striche gehören zu einem Bilde, und in kleinen Zügen erkennen wir den großen Charakter. Sobald wir Goethe als einen der edelsten und klügsten Landsleute gelten lassen, liegt es uns nahe, uns auch in den tausend Kleinigkeiten, aus denen unser Leben besteht, mit ihm zu vergleichen. Man braucht das ja nicht so weit zu treiben wie jener Professor, der sich nass regnen ließ, denn: „Goethe trug nie einen Schirm!“ „Trug Goethe auch nie einen reinen Kragen?“ fragte darauf eine scharfe Zunge nicht ohne Grund.
Als Quellen dienten mir besonders Goethes Briefe und Gespräche, erstere in der noch unvollendeten Sophien-Ausgabe und in Riemers Sammlung des Briefwechsels mit Zelter, letztere in der großen Sammlung des Freiherrn v. Biedermann und in den bekannten kleineren Ausgaben. Manchen bot auch des Kanzler v. Müllers Gedächtnisrede vor der Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften. Ferner wurden die autobiographischen Schriften und Notizen Goethes, die Tagebücher, Annalen u. s. w. benutzt; einige Gedanken flossen mir auch aus den Biographien von Bielschowsky und Heinemann zu.
Mein Ehrgeiz bei diesem Buche ist, dass einige Leser empfinden möchten, was Zuhörer nach meinen Vorträgen über den Menschen Goethe mir sagten: nun ist er uns doch viel näher gerückt, nun kennen und verstehen wir ihn doch viel besser. Das Buch ist an einem Pulte geschrieben, das nur hundert Schritte von Goethes letzter Ruhestätte entfernt ist, und viele Seiten habe ich auf Spazierwegen vorbereitet, die auch er zu gehen pflegte. Hoffentlich ist es gelungen, von seinem Geiste manchen Hauch auf diese Seiten zu bannen.
Weimar, im Oktober 1900.
Dr. Wilhelm Bode.
Für die überaus freundliche Aufnahme, die das Buch fand, danke ich, indem ich es um einige neue Perlen aus Goethes Schatze vermehre. Willkommen ist gewiß auch ein Goethe-Bildnis, das die Herren Verleger hinzufügen; hergestellt ist es nach einem Stiche des Weimarischen Kupferstechers C. A. Schwerdtgeburth, der den alten Dichter in seinem letzten Lebensjahre gezeichnet hat.
In einige Wochen lege ich ein ähnlichen Werkchen, „Goethes Aesthetik“ den Kunstfreunden vor.
Weimar, im August 1901.
W. B.
Wer nach Weimar kommt, sucht bald auch den Park auf, der die liebliche Ilm umsäumt, und wenn er einige Minuten unter den Bäumen dahingeschritten ist, denen Goethe einst ihre Stelle anwies, so sieht er hinter einer großen grünen Wiese ein weißgetünchtes Häuschen mit hohem grauem Dache inmitten eines Gartens, der sich den Hügel hinaufzieht. In diesem Garten und diesem Hause hat der große Dichter glückliche Jugendjahre verbracht. Hier überfiel ihn bald sein Herzog Karl August, um Staats- oder auch Liebessachen mit ihm zu besprechen, dann kam wohl auch die schöne „Krone“, die Sängerin Corona Schröter, und brachte ein Sträußchen Waldblumen mit, oder es kam die herrlichste von allen, Frau v. Stein, und ihr junger Verehrer schenkte ihr wohl selbst den Kaffee ein, über dessen schädliche Wirkung er sonst mit Überzeugung warnend zu reden liebte. Hier machte er an Sommerabenden zuweilen für die ganze Hofgesellschaft „den Wirt der herzoglichen Promenade“ und suchte „bald durch Tee, bald durch saure Milch die Gemüter der Frauen zu gewinnen“, während die Männer am Spieltische saßen oder in seiner Kegelbahn ihre Kunstfertigkeit maßen. Zwischen diesen Sträuchern endlich trat ihm mit einer Bittschrift ihres leichtsinnigen Bruders zum erstenmale jene hübsche kleine Arbeiterin entgegen, deren Geschichte jetzt unsere Kinder in der Schule lernen: „Ich ging im Walde so für mich hin ...“
Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter des „Werther“ und „Götz“ das einzige Heim war. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt. Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer, höchstens kann man einen Raum, an dessen Wänden Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen; oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln: zuerst ein Empfangszimmer mit harten steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daran schließend ein Bücherzimmer und zuletzt das Schlafstübchen, in dem noch die Bettstelle aus Holz, Drell und Bindfaden steht, die in drei Teile zusammengeklappt und so als — Koffer auf die Reise mitgenommen werden konnte. Draußen im Garten kann es uns viel besser gefallen als im engen Häuschen; da sieht man, wie in den Rosen, die seine Fenster umranken, Hänflinge und Grasmücken nisten; da blühen die Malven, Lilien und Kaiserkronen; hohe Bäume stehen in flüsternden Gruppen zusammen, und in ihrem Schatten genießen wir den Blick auf das anmutige Flußthal. „Es ist eine herrliche Empfindung, da haußen im Feld allein zu sitzen. Morgens früh, wie schön! Alles ist so still. Ich höre nur meine Uhr tacken und den Wald und das Wehr von ferne.“1 Das Schloß und die Stadt waren nahe, aber die Bäume des Parks verdeckten sie. Es war, „als sei man in der Nähe eines Waldes, der sich stundenweit ausdehnt. Man denkt, es müsse jeden Augenblick ein Hirsch, ein Reh auf der Wiesenfläche hervorkommen. Man fühlt sich in den Frieden tiefer Natureinsamkeit versetzt, denn die große Stille ist oft durch nichts unterbrochen als durch die einsamen Töne der Amsel oder durch den pausenweise abwechselnden Gesang einer Walddrossel.“2 Hier — auf dem Altan, der später abgerissen wurde — liebte der junge Goethe, in seinen Mantel gehüllt, die Sommernacht zu verschlafen oder, wenn der Schlaf ihn floh, zu den Sternen hinaufzuschauen:
Euch bedaur‘ ich, unglückselge Sterne,
Die ihr schön seid und so herrlich scheinet,
Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!3
Oder er sprach zu den Zweigen, die ihm entgegen blühten, von seinem Hoffen und Sehnen:
Sag ich's euch, geliebte Bäume,
Die ich ahndevoll gepflanzt,
Als die wunderbarsten Träume
Morgenrötlich mich umtanzt?
Ach, ihr wißt es, wie ich liebe,
Die so schön mich wieder liebt — —4
Und hier im Grünen vergaß er rasch allen Ärger, den ihm die „Ekelverhältnisse“ mit seinen Neidern in der Stadt bereiteten; in der stillen Natur erfrischte er seine Seele immer wieder, wie den Leib in der Ilm, in deren damals näheren Krümmung sein Häuschen sich wiederspiegelte :
Ich gehe meinen alten Gang
Meine liebe Wiese lang,
Tauche mich in die Sonne früh,
Bad' ab im Monde des Tages Müh'.
Hier im grünen Flußtale konnte er seinen Naturkultus nach Herzenslust betreiben. Als er zum erstenmale in seinem Garten geschlafen, nannte er sich „Erdulin“.5 Er spricht von seinem „Erdgeruch“ und „Erdgefühl“, ihm war wohl in Klüften, Höhlen und Wäldern. Und seine ganze Umgebung steckte er an. „Sauge den Erdsaft, saug Leben dir ein,“ riet Karl August in einer poetischen Epistel der Frau v. Stein, und er, der Landesfürst, hauste selber Tage und Wochen lang in einer Holzhütte des Parkes, dem Borkenhäuschen, das jetzt nur noch zur Aufbewahrung von Geräten gut genug erscheint. Auch Wieland, der früher von einem Erdgeist nicht geträumt hatte, schrieb nun: „Mir ist nirgends so wohl, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um unter meinen Bäumen zu leben und den unendlichen Erdgeist einzuziehen.“ „Der Statthalter von Erfurt war einige Tage bei uns und ist auch nicht ohne Erdgeruch entlassen worden,“ meldet Goethe vergnüglich dem Freiherrn v. Fritsch. Schiller, der ein Stubenhocker war und am liebsten im Reiche der Gedanken lebte, war bei seinem ersten Besuche in Weimar ganz verdrießlich über „das bis zur Affektion getriebene Attachement an die Natur.“6 Auch für Goethe kam die Zeit, wo ihm der Garten fremder wurde: weil er eines großen Stadthauses bedurfte, weil er im Sommer in Bäder oder auf größere Reisen ging, weil er lieber in Jena arbeitete, wo ihn Familie, Hof und Gesellschaft nicht in seinen Gedanken störten. Aber einmal wohnte er doch auch als alter Herr wieder auf Wochen draußen, als er nicht mit dem Sohne und seinem Anhange täglich zusammentreffen mochte. Ein ander Mal (am 12. Mai 1827) fuhr er zum „untern Garten“, um eine freundliche Stunde zu verweilen: da übte der Frühling solchen Zauber über ihn, daß er da blieb und Wochen lang sich von den alten Zimmerchen nicht trennen konnte, bis ein vornehmer Gast seine Anwesenheit in der Stadt nötig machte. Nun kam er auch die folgenden Sommer häufiger. Und zuweilen hatte er Lust, im Gartenhäuschen, wo er „so tüchtige Jahre verlebt“, auch zu sterben.7 Eckermann hat uns einen Frühlingstag geschildert, an dem sie schon vor Tische hinaus gefahren waren.8 „Die Kaiserkronen und Lilien sproßten schon mächtig, auch kamen die Malven zu beiden Seiten des Weges schon grünend hervor.
Der obere Teil des Gartens, am Abhange des Hügels, liegt als Wiese mit einzelnen zerstreut stehenden Obstbäumen. Wege schlängeln sich hinauf, längs der Höhe hin und wieder herunter ... Goethe schritt, diese Wege hinansteigend, mir rasch voran, und ich freute mich über seine Rüstigkeit. Oben an der Hecke fanden wir eine Pfauhenne, die vom fürstlichen Park herübergekommen zu sein schien; wobei Goethe mir sagte, daß er in Sommertagen die Pfauen durch ein beliebtes Futter herüberzulocken und herzugewöhnen pflege.
Auf der anderen Seite den sich schlängelnden Weg herabkommend, fand ich von Gebüsch umgeben einen Stein mit den eingehauenen Versen des bekannten Gedichts:
Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten ...
und ich hatte das Gefühl, daß ich mich an einer klassischen Stelle befinde ...
Wir traten um eine Baumgruppe herum und befanden uns wieder auf dem Hauptwege in der Nähe des Hauses. Die soeben umschrittenen Eichen, Tannen, Birken und Buchen, wie sie untermischt stehen, bilden hier einen Halbkreis, den innern Raum grottenartig überwölbend, worin wir uns auf kleinen Stühlen setzten, die einen runden Tisch umgaben. Die Sonne war so mächtig, daß der geringe Schatten dieser blätterlosen Bäume bereits als eine Wohltat empfunden ward. „Bei großer Sommerhitze,“ sagte Goethe, „weiß ich keine bessere Zuflucht als diese Stelle. Ich habe die Bäume vor vierzig Jahren alle eigenhändig gepflanzt; ich habe die Freude gehabt, sie heranwachsen zu sehen, und genieße nun schon seit geraumer Zeit die Erquickung ihres Schattens. Das Laub dieser Eichen und Buchen ist der mächtigsten Sonne undurchdringlich; ich sitze hier gern an warmen Sommertagen nach Tische, wo denn auf diesen Wiesen und auf dem ganzen Park umher oft eine Stille herrscht, von der die Alten sagen würden: daß der Pan schlafe.“
* *
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Auch das Stadthaus, das Goethe seit 1782 bewohnte, zuerst als Mieter und bald als Eigentümer, war nicht unländlich. Es war das dem „Frauenplan“ zugekehrte herrschaftliche Hauptgebäude eines größeren Grundstückes, an dessen Garten sich einige kleinere zugehörige Gebäude anlehnten. Eins davon, ein altes Chausseehaus, zeugt noch heute davon, daß hier einst die Landstraße begann. Hinter Goethes Besitztum waren zu seiner Zeit Gärten und freies Feld, mit wenigen Wohnhäusern und Scheunen besetzt; trat er aus der Hintertür des Gartens, so stand er an der „Ackerwand“, wo auch nur wenige Leute wohnten, am andern Ende freilich gerade die Frau v. Stein.
Wenn wir in diesem Stadthause die Räume aufsuchen, die er am meisten benutzte, so behalten wir noch ganz den Eindruck des Gartenhauses. Das Arbeitszimmer und das daneben liegende Schlafzimmer sind sehr einfache, niedrige Räume. Nichts deutet auf einen vornehmen, reichen Besitzer. Die Studierstube, in der er seine unsterblichen Werke schuf, würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für „standesgemäß“ würde sie niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben ober Experimentieren: kein Sofa, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur einfachste dunkle Rouleaux. Auch an den Büchern ist keine Pracht, seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden, er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte Jahrzehnte lang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen: ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische liegt ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenüber sitzenden Schreiber diktierte. Die einzige Schönheit dieser „Klosterzelle“, die der alte Herr oft Wochen lang nicht verließ, war, daß sie ebenso ruhig und friedlich war, wie wenn sie wirklich zu einem Kloster gehöre; kein Lärm von der Straße drang hieher und die Fenster gingen in den schlafenden „Klostergarten“.9 Hier stand er an frühen Winterabenden und blickte auf die Schneelast der Bäume, während sein geliebter großer Ofen die Eisblumen vom Fenster abwehrte. Am Tage freute er sich dann, wie die im Winter willkommene Mittagssonne sein ganzes Zimmer durchleuchtete. Wenn nun die Tage länger wurden, erschienen „Schneeglöckchen, Krokus und andere niedliche Frühblumen in Büschel und Reihen vor seinem Fenster“10 und bald sah man ihn dann mit dem Gärtner die buchsbaumumsäumten Gartenstiege eifrig hin und wieder schreiten, das nötige Säen und Pflanzen anordnend, bei dem er früher so gern selber Hand angelegt.
Noch schlichter als die Studierstube ist sein Schlafzimmer. In dem kleinen Gemache ist außer seinem Bette fast nichts vorhanden als der Lehnstuhl, in dem er starb, und daneben ein kleines Tischchen, auf dem noch heute die letzte Medizin steht. Eine Art Waschtisch sehen wir noch, ein sehr kleines Ding mit einem sehr kleinen Waschbecken, wie wir es jetzt nur noch in zurückgebliebenen Dorfwirtshäusern vorfinden.
Einen anderen Eindruck bekommen wir freilich, wenn wir die andern Teile des Hauses betreten; hier erfreut uns der behaglichste, gesündeste Luxus: der Luxus der Geräumigkeit. Zahlreiche große, wenn auch nicht sehr hohe Zimmer, breite, langsam aufsteigende Treppe, stattliches Vorhaus. Der gewöhnliche Luxus fehlt auch hier; die Vorhänge sind überaus bescheiden, die Wände sind schlicht-vornehm nach klassischen Mustern bemalt. Auch die Möbel sind einfach-fein und im Stile der Zeit, im Empirestil. „Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.“11 Er war über achtzig Jahre alt, als er zum getreuen Eckermann sagen konnte: „Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa, ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.“12 Ebenso hielten es seine nächsten Freunde wie Karl August und Schiller, ebenso hatte er auch schon als Jüngling empfunden. Wo er fühlte, daß das am höchsten gewertet wurde, was am meisten Geld kostet, da ward ihm nicht wohl; das war ein Grund mit, weshalb er sich von Lili Schönemann, mit der er verlobt war, trotz aller Liebe wieder loslöste.
Doch sein Stadthaus bekam auch ohne Luxus bald einen sehr vornehmen Schein und einen sehr kostbaren Inhalt. Dafür sorgte seine Liebe zur Kunst und zur Natur, seine Lust am Sammeln, sein Bedürfnis, das Schöne, Merkwürdige oder Lehrreiche zu besitzen und es stets zur Hand und oft vor Augen zu haben. Es wuchsen die Altertümer, die Statuetten, Denkmünzen, Plaketten, Kameen, Büsten, Majoliken, Ölgemälde, Kupferstiche, Handzeichnungen, die Steine, Knochen u.s.w. allmählich zu Hunderten und Tausenden an. In ihre Betrachtung vertiefte er sich immer wieder, um feinsten Genuß und neue Belehrung davon zu tragen; in ihrer Mitte hielt er oft seine Gesellschaft ab, schon dadurch jede Langeweile ausschließend; hier erlebte es mancher Fachkenner, daß für sein Gebiet die gesamten Lehrmittel sofort herbeigeholt werden konnten; hier waren denn auch die gelehrten Freunde und Mitarbeiter aus der Stadt: Meyer, Riemer und Eckermann, oder die noch gelehrteren Gäste von auswärts, die Humboldt, Wolf und Boisserée, an ihrem Platze. Der Gast, der vielleicht in sträflicher Neugier in das Haus eindrang, um nachher mit seinem Besuche bei Goethe prahlen zu können, ward hier sogleich aus den kleinlichen Dingen des Tages entrückt und ahnte, daß der Bewohner dieser Räume in den Jahrtausenden lebte. „Gleich beim Eintritt in das mäßig große, in einfach antikem Stil gebaute Haus deuteten die breiten, sehr allmählich sich hebenden Treppen, sowie die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hunde der Diana und dem jungen Faun von Belvedere die Neigungen des Besitzers an. Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und am Fußboden empfing den in den Vorsaal Eintretenden blau ausgelegt ein einladendes SALVE. Der Vorsaal selbst war mit Büsten und Kupferstichen auf das reichste verziert und öffnete sich gegen die Rückseite des Hauses durch eine zweite Büstenhalle auf den lustig umrankten Altan und auf die zum Garten hinabführende Treppe. In ein anderes Zimmer geführt, sah der Gast sich aufs neue von Kunstwerken und Altertümern umgeben: schön geschliffene Schalen von Chalcedon standen auf Marmortischen umher; über dem Sofa verdeckten halb und halb grüne Vorhänge eine große Nachbildung des unter dem Namen der Aldobrandinischen Hochzeit bekannten alten Wandgemäldes, und außerdem forderte die Wahl der unter Glas und Rahmen bewahrten Kunstwerke, meistens Gegenstände alter Geschichte nachbildend, zu aufmerksamer Betrachtung auf.“ So schildert einer der vielen Gäste, der gelehrte Leibarzt des sächsischen Königs, Gustav Carus, was er sah, ehe der Ersehnte und zugleich Gefürchtete erschien. So war das Haus, das für Goethe eine Festung gegen die Welt bedeutete. Ihm war das Bild des Zauberers geläufig, der um sich einen unsichtbaren Ring entstehen lässt, worüber nichts hinweg schreiten darf, was er nicht zuläßt. In der Ferne sehnte er sich immer wieder nach dem Hause: „wo ich einen Kreis um mich ziehen kann, in welchem außer Lieb und Freundschaft, Kunst und Wissenschaft nichts herein kann.“13 Oder er schickte in die Heimat an seinen „Haus- und Küchenschatz“ den Gruß:
„Von Osten nach Westen —
Zu Hause am besten.“14
An Christiane, mit der er so gerne im Hausgarten das Gedeihen des Gemüses, die Blüte der Gesträuche, das Wachstum der Bäume beobachtete, dachte er auch, als er im Mai 1790 aus Venedig sich heimwärts lehnte:
Weit und schön ist die Welt, doch o! wie dank ich dem Himmel,
Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört.
Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?
Ehre bringt ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt.15
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Einen Gärtner hat sich Goethe öfter genannt, aber er war eine Zeit lang auch Rittergutsbesitzer. „Eine unwiderstehliche Lust nach dem Land- und Gartenleben hatte damals die Menschen ergriffen,“ schreibt er in seinen Annalen von 1797. „Schiller kaufte einen Garten bei Jena und zog hinaus,“ — also Schiller sogar! — „Wieland hatte sich in Oßmannstädt angesiedelt. Eine Stunde davon, am rechten Ufer der Ilm, ward in Oberroßla ein kleines Gut verkäuflich.“ Im März 1798 wurde der Kauf nach zweijährigen Verhandlungen abgeschlossen, und am 22. Juni konnte er an Wieland schreiben: „Meinem lieben Herrn Bruder in Apoll und Genossen in Ceres vermelde hierdurch freundlichst, daß ich in Oberroßla angelangt bin, um von meiner Hufe und dem Zugehörigen Besitz zu nehmen. Wie mich nun eine so nahe Nachbarschaft herzlich erfreut, so wollte ich hiermit höflichst gebeten haben, morgen gegen Mittagszeit Sich aus Euro Palästen in unsere Hütten zu begeben, mit einem juristisch-ökonomischen frugalen Mahl vorlieb zu nehmen und mir nach langer Zeit ein fröhliches Wiedersehn zu verschaffen.“ So lud er auch in den nächsten Jahren Herren und Damen gern auf sein Gut. An Henriette v. Wolfskeel heißt es 1801: „Die verschiedenen Wahrzeichen von Oberroßla, die schöne Quelle, die neue Parkanlage und die Gänschen, die durchs Gitter fressen, werden Ihnen nicht geringe Unterhaltung gewähren. Leben Sie wohl und erfreuen mich mit dem berühmten, zweilettrigen Wort, das so erfreulich aus einem schönen Munde klingt.“ Mit Christiane zog er gern zu ländlichen Festen auf das Gut, zur Kirchweihe oder zur „Bornfege“; einmal sehen wir ihn von der Kirchweihe nach Buttstädt zum Pferdemarkt fahren, gleich einem andern Gutsbesitzer. Aber er hütete sich wohl, in die Landwirtschaft hineinzupfuschen und selber zu administrieren; lieber nahm er die Unannehmlichkeiten mit Pächtern auf sich. Wieland hielt es zwar anders, doch spotteten beide, wie umständlich das Landleben sei, da Wieland sich eine Magd nehmen mußte, die die Wiese besorgte, die die Kuh ernährte, die die Milch gab, welche der Städter doch viel bequemer auf seinen Tisch bekommt. Aber wenn Goethe sich auch aller praktischen Tätigkeit sorgfältig enthielt, so reizte ihn sein Besitz doch, in die Geheimnisse des Ackerbaues theoretisch einzudringen; selbst die Branntweinbrennerei und die ganz neue Zuckerfabrikation studierte er, und insgesamt hat diese Oberroßlaer Episode nicht wenig zu seiner Bildung beigetragen. „Gar schön ist der Feldbau,“ steht in seinem Tagebuche, „weil alles so rein antwortet, wenn ich was dumm oder was gut mache ... Der Meister geht gerade auf das Ziel los, er träumt nicht ins allgemeine wie unsereins ehemals in der bildenden Kunst. Wenn er handeln soll, greift er gerade das an, was jetzt nötig ist.“
Goethe hatte immer eine Abneigung gegen die Großstadt. Er dachte wohl daran, welche Vorteile ihm ein Leben in Berlin oder Wien oder Paris bieten würde, aber selbst seine Vaterstadt war ihm schon zu großstädtisch. „Sehr merkwürdig ist mir ausgefallen,“ schreibt er 1797 aus Frankfurt an Schiller, „wie es eigentlich mit dem Publico einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das, was wir Stimmung nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen. Alle Vergnügungen, selbst das Theater, sollen nur zerstreuen, und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.“
„Das Dorf Weimar,“ wie Schiller sich ausdrückte, oder „das wüste Weimar, dieses Mittelding zwischen Dorf und Hofstadt,“ wie Herder es bezeichnet, war für unsern Freund der Natur und ihrer Stille gerade der rechte Platz; noch im Alter rühmt er, daß neben andern unschätzbaren Vorteilen ihn hier der Gewinn beglückte, „Stuben- und Stadtlust mit Land-, Wald- und Gartenatmosphäre zu vertauschen.“16
Sein Landgut gab Goethe schon im Sommer 1803 wieder auf; es war doch etwas Halbes und darum seiner Natur nicht Gemäßes; er verkaufte es an den zweiten Pächter, „und so ereignete es sich, daß ich nach sechs Jahren das Gut abtrat, ohne irgendeinen Verlust als den der Zeit und allenfalls des Aufwands auf ländliche Feste, deren Vergnügen man doch aber auch für etwas rechnen mußte. Konnte man ferner die klare Anschauung dieser Zustände auch nicht zu Gelde anschlagen, so war doch viel gewonnen und nebenbei mancher heitere Tag im Freien zugebracht.“17
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Daß Goethe ein wohlhabender Mann war, geht schon aus dem Mitgeteilten hervor. Aber er hatte auch sehr viele Ausgaben, zumal weil er ein gastfreies Haus halten mußte und wollte, weil er viel reiste, und weil er die Kunstgegenstände und naturwissenschaftlichen Merkwürdigkeiten, an denen er sich bilden wollte, auch zu besitzen wünschte. Außerdem war zuerst die Frau nicht immer sparsam, und die Schwiegertochter war ihr Leben lang als arge Verschwenderin bekannt. Ihrer Wirtschaft müssen wir es wohl zuschreiben, daß im November 1830 die Gebrüder Ramann in Erfurt, die Weinlieferanten unserer Klassiker, ein Guthaben von 500 Thalern hatten, wovon im September 1831 erst 200 Thaler als Abschlag gezahlt werden konnten.18 Mit seinem Gehalte allein hätte Goethe nicht auskommen können; denn es betrug anfangs nur 1200, von 1781 an 1400, von 1785 an 1600 Thaler; seit 1816 bekam er, der nun erster Minister eines Großherzogtums war, 3000 Thaler. Wohl kamen dazu durch die Güte seines Fürsten noch allerlei Zuwendungen, namentlich seine beiden Grundstücke in Weimar, aber verbraucht hat er stets erheblich mehr. Sein väterliches Erbe und die Einnahmen aus seinen Werken gingen zum großen Teile mit darauf. „Einen Parvenu wie mich,“ sagte er im Alter zu guten Freunden,19 „konnte nur die entschiedenste Uneigennützigkeit aufrecht erhalten. Ich hatte von vielen Seiten Anmahnungen zum Gegenteil, aber ich habe meinen schriftstellerischen Erwerb und zwei Drittel meines väterlichen Vermögens hier zugesetzt und erst mit 1200 Thalern, dann mit 1800 Thalern bis 1815 gedient.“ Und noch später (1829) äußerte er gegen Eckermann: „Eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes litterarisches Einkommen seit mehr als fünfzig Jahren.“
Das literarische Einkommen wäre nicht so bedeutend gewesen, hätte sich Goethe nicht gegen die Buchhändler tapfer seiner Haut gewehrt. Zwar anfangs war er auch hier sehr freigebig gesinnt; er hätte am liebsten der Welt seine Werke ohne Honorar geschenkt, aber weil er beständig Ärger hatte von schlechten Nachdrucken, die bei der damaligen Gesetzgebung und lottrigen Polizei möglich waren, lernte er sein Eigentumsrecht verteidigen und ausnützen. „Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muß es eine eigene Hölle geben!“ rief er 1829 gegen einen juristischen Freund aus.20 „Wer keinen Geist hat, glaubt nicht an Geister und somit auch nicht an geistiges Eigentum der Schriftsteller,“ hieß es ein andermal, als vom Nachdruck die Rede war.21 Seine ersten Werke hatte er vertändelt; zu der Zeit, als alle Welt seinen Götz bewunderte, mußte er sich sorgen, woher er das Geld nehme, um das Papier dafür zu bezahlen. Aber 1802 konnte Schiller gegen Cotta äußern: „Es ist, um es gerade heraus zu sagen, kein guter Handel mit Goethe zu treffen, weil er seinen Wert ganz kennt und sich selbst hoch taxiert und auf das Glück des Buchhandels, davon er überhaupt nur eine vage Idee hat, keine Rücksicht nimmt. Es ist noch kein Buchhändler mit ihm in Verbindung geblieben.“ Für die „Wahlverwandtschaften“ erhielt Goethe 2500 Thaler, für „Wahrheit und Dichtung“ 12000, für die erste zwölfbändige Cottasche Ausgabe der Werke (1806—1808) volle 10000 Thaler für das Verlagsrecht auf acht Jahre, für die neue Ausgabe in 20 Bänden 1816 auf weitere acht Jahre 16000 Thaler. Im Ganzen wurden in den Jahren 1795—1832 von Cotta an Goethe 401090 Mark in heutigem Gelde gezahlt und von 1832—1865 an die Erben 464474 Mark. Die Tantièmen von Bühnen waren dagegen sehr gering; z. B. vom Berliner Nationaltheater erhielt Goethe in zwanzig Jahren nur 319 Thaler, während Kotzebue es in der gleichen Zeit auf 4279 Thaler aus der gleichen Quelle brachte.
Goethe hat stets sorgfältig Buch geführt, und wir können noch heute Nachlesen, wieviel er als Junggeselle für Göttinger Wurst u. dgl. verbraucht hat. Von seinem Besuche in Heidelberg im Jahre 1814 erzählt uns Sulpiz Boisserée: „Jeden Abend ließ Goethe seinen Bedienten zu sich auf die Stube kommen, um Rechnung mit ihm abzuhalten über alle Ausgaben des Tages, die größten wie die kleinsten, und für den folgenden Tag den vorläufigen Etat im Ausgabebuch festzustellen. Als Bertram über diese haushälterische, dem Materiellen zugewendete Sorgfalt des Dichters seine Verwunderung äußerte, sagte Goethe: „Wenn die Prosa abgethan ist, kann die Poesie umso lustiger gedeihen. Man muß sich das Unangenehme vom Halse schaffen, um angenehm leben zu können, und der Schlaf bekommt uns umso besser.“
Wir haben von Goethe viele Bilder, aber sie sind sehr unähnlich untereinander. Und ebenso verschieden sind die Schilderungen derer, die ihm in seinem Stadthause aufwarteten. Die einen fanden ihn sehr groß, die andern „keineswegs von hervorragender Größe“22 die einen erblickten ein Ideal männlicher Schönheit, die andern wissen davon nichts zu berichten; den einen erschien er überaus sympathisch, mit einem einzigen Blicke Liebe und Verehrung erweckend, den andern war er „ein langer, alter, eiskalter Reichsstadtsyndikus“23 und sie atmeten auf, wenn sie seine Eisluft hinter sich hatten. So verschieden sehen die Menschen durch ihre Gefühle hindurch, aber Goethe war auch nicht immer der Gleiche. Groß erschien er, wenn er sich recht steif und gerade hielt und würdig auftrat, und das pflegte er Fremden gegenüber zu tun; in Wirklichkeit war er nicht so groß, wie wir ihn uns gern denken. Nach einer Marke im Gartenhause, die für sein Maß gilt, würden wir ihm heute 1,77 m zuschreiben. Und seine Schönheit hing sehr von den Stimmungen ab; in erhöhten Stunden sahen seine Freunde in ihm einen Apollo oder Jupiter, kritische Betrachter dagegen bemerkten einige Pockennarben im Gesicht und fanden, daß seine Beine zu kurz seien. Ein Bild des jungen Mannes entwarf ein langjähriger Kammerdiener: „Als ich bei ihm kam, mochte er etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein; er war sehr mager, behende und zierlich, ich hätte ihn leicht tragen mögen.“24 Gleim bemerkte um die gleiche Zeit „außer einem Paar schwarzglänzender italienischer Augen, die er im Kopfe hatte,“ nichts Auffallendes. Schiller spürte 1788 noch Neid gegen den vom Glück so sehr Bevorzugten. „Er trägt sich steif, geht auch so, sein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll, und man hängt mit Vergnügen an seinem Blicke. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes und Gutes. Er ist brünett und schien mir viel älter auszusehen, als er es sein kann. Seine Stimme ist überaus angenehm.“ Der junge Assessor Müller, der später als erster Justizbeamter des Landes den Titel „Kanzler“ führte und Goethes Freund und schließlich auch sein Testamentsvollstrecker wurde, zeichnet ihn nach der ersten Begegnung 1801: „Goethe spricht sehr ruhig und gelassen, wie etwa ein bedächtiger kluger Kaufmann; sein Auge ist scharf; er war recht artig und gesprächig.“ Den älteren Mann scheint C. E. v. Weltzien 1820 sehr unparteiisch zu zeichnen: „Sein Gesicht hat ungeachtet der tiefen Furchen und Runzeln, die zweiundsiebzig Lebensjahre hineingegraben haben, einen außerordentlichen Ausdruck, den ich aber ganz anders fand, als ich erwartete: nichts von Arroganz, nichts von Menschenverachtung, sondern etwas ganz Unnennbares, wie es Männern eigen zu sein pflegt, die durch vielfältige Erfahrungen und Schicksale und gleichsam im Kampf durch das Leben gegangen sind und nun im Gefühl ihrer wohlerhaltenen Integrität mit beneidenswerter Gemütsruhe der Zukunft entgegensehen. In diesem Ausdrucke mischt sich bei Goethe ein unverkennbarer Zug von Herzensgüte und zugleich ein andrer von besiegter ehemaliger Leidenschaftlichkeit, welche noch in dem unsteten Wesen seines Blicks sich offenbart. Diesem Ganzen verleiht das graue Haar einen noch größeren Zauber.“ Ganz ähnlich scheint Goethe selbst über sein Aussehen gedacht zu haben, denn 1818 schreibt er in dem Aufsatze „Antik und modern“: „Ein geübter Diplomat, der meine Bekanntschaft wünschte, sagte, nachdem er mich bei dem ersten Zusammentreffen nur überhin angesehn und gesprochen, zu seinen Freunden: Voilà un homme qui a eu de grands chagrins! Diese Worte gaben mir zu denken. Der gewandte Gesichtsforscher hatte recht gesehen, aber das Phänomen bloß durch den Begriff von Duldung ausgedrückt, was er auch der Gegenwirkung hätte zuschreiben sollen. Ein aufmerksamer guter Deutscher hätte vielleicht gesagt: „Das ist auch einer, der sich's hat sauer werden lassen!“
In den Tagebüchern des Grafen Platen finden wir eine Schilderung von 1821: „Er ist sehr groß, von starkem, aber garnicht ins Plumpe fallenden Körperbau. Bei seiner Verbeugung konnte man ein leichtes Zittern bemerken. Auch auf seinem Angesichte sind die Spuren des Alters eingeprägt. Die Haare grau und dünn, die Stirn ganz außerordentlich hoch und schön, die Nase groß, die Formen des Gesichts länglich, die Augen schwarz, etwas nahe beisammen, und wenn er freundlich sein will, blitzend von Liebe und Gutmütigkeit. Güte ist überhaupt in seiner Physiognomie vorherrschend.“ Imponierend erschien er wohl den allermeisten Gästen. Platen fährt fort: „Bei der Feierlichkeit, die er verbreitet, konnte das Gespräch nicht erheblich werden“, und der Theologe Stickel berichtet von seinem Besuche 1827: „Unwillkürlich verneigte ich mich so tief, wie sonst noch vor keinem Sterblichen; eine innere Gewalt beugte mich nieder.“
Ebenso wie in Haltung und Auftreten, so war Goethe auch in der Kleidung das volle Gegenteil Friedrichs des Großen, von dessen verschabtem blauen Rock und buckliger Gestalt er einmal spricht. Zwar in jungen Jahren legte auch er wenig Wert auf seine Kleidung und namentlich fragte er nicht nach Mode oder Sitte und erregte dadurch in Frankfurt oft Anstoß. Wo alle andern in feierlichen Kleidern erschienen, war er nachlässig gekleidet, „er ist ganz sein, richtet sich nach keiner Menschen Gebräuche“, schreibt der Maler Kraus 1775 von ihm; daß er im Hause der vermeintlichen Schwiegermutter Schönemann elegant und modisch auftreten sollte, um zu ihrem Vermögen, ihrer Geselligkeit und ihren Möbeln zu passen, behagte ihm gar nicht; lieber ließ er sich von den Freunden Bär oder Hurone oder Westindier schelten. Am liebsten ging er in grauem Biberfrack mit lose geschlungenem braunseidenen Halstuch. Als er dann im Frühjahr 1775 mit den Grafen Stolberg seiner Braut und ihrer Mutier entfloh, trugen sie alle „Werther-Uniform“, d. h. blauen Frack mit Messingknöpfen, gelbe Weste, Lederhose und Stulpenstiefel; namentlich die Stiefel waren ganz gegen die damalige Kleiderordnung, die in besserer Gesellschaft seidene Strümpfe und Schuhe vorschrieb. Auch nach Weimar kam er in dieser Kleidung und entzückte die „Miesels“, d. h. die zum Kokettieren bereiten jungen Damen. Auf einer Silhouette von 1779 sehen wir ihn mit Haarbeutel, Spitzenkrause, eng anliegendem Rock, der bis zum Knie reicht, und hohen Stiefeln mit Sporen. Matthisson schildert ihn 1783 als „stattlichen Mann in goldverbrämtem blauen Reitkleid“.
Goethe wechselte offenbar gern zwischen sehr schlichten und sehr feinen Anzügen. Die Freunde sahen ihn im Alter zuweilen in Hemdsärmeln sitzen, wenn der Tag heiß war, oder im Winter im dicken wollenen Wams behaglich an seinem geliebten breiten Ofen stehen. Er empfing auch wohl Fremde im weißen flanellenen Schlafrock, und wenn ihn in diesem Kostüm gerade ein Bruder Napoleons überraschte, brachte ihn das auch nicht in Verlegenheit. Aber in der Regel trat er Fremden doch in der Kleidung entgegen, die zu seinem Range paßte. Weltzien notiert 1820: „Ganz in Gala, schwarzer feiner Frack, worauf der große Stern des Falkenordens prangte, schwarze Pantalons nebst Stiefeln, eine weiße Weste und sehr feine Manschetten, so daß ich nicht begreifen konnte, wie ein Mann in solchem Alter sich zu Hause solchen Zwang antut.“ Gustav Carus erwähnt 1821: „blauen Zeugüberrock, kurzes, etwas gepudertes Haar“. Der Pole Odyniec sah 1829 „einen dunkelbraunen, von oben herab zugeknöpften Überrock, auf dem Halse ein weißes Tuch, das durch eine goldene Nadel kreuzweis zusammengehalten wurde, keinen tragen.“ In zwei verschiedenen Gestalten erschien er 1826 dem Dichter Grillparzer. Zuerst in einer großen Gesellschaft: „schwarz gekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung trat er unter uns, wie ein Audienz gebender Monarch.“ Ein paar Tage später gingen sie im Hausgarten auf und ab, und Goethe war viel gemütlicher und herzlicher. „Sein Anblick in dieser natürlichen Stellung, mit einem langen Hausrock bekleidet, ein kleines Schirmkäppchen auf den weißen Haaren, hatte etwas unendlich Rührendes. Er sah halb wie ein König aus und halb wie ein Vater.“
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„Und schreien kann er wie 10000 Streiter,“ schreibt Felix Mendelssohn in der Übertreibung, die die Jugend liebt, „einen ungeheuren Klang der Stimme hat er.“25 Alle Berichte sagen, daß Goethes Stimme ein sehr wohlklingender Baß gewesen sei, und daß er rezitierend oder deklamierend großen Eindruck machte. Uns Heutige würde es freilich sehr stören, daß der berühmte Dichter ebenso wie Schiller und fast alle Zeitgenossen seinen Heimatdialekt sein Leben lang beibehielt; eine Schulsprache gab es ja noch nicht und ebenso wenig hatte das Theater die Deutschen in dieser Hinsicht schon einiger machen können. So sprach Goethe „frankfortsch“, und dem Berliner, der sich über das Berlinische seiner Landsleute nicht wunderte, fiel das natürlich auf. Auch dem Dr. Parthey der am 28. August 1827 mit dem jungen Goethe nahe der Tür eines Zimmers stand, in dem der Dichter die Fürstlichkeiten, die ihm zum Geburtstag gratulierten, empfing. Goethe trat plötzlich heraus und sagte eilig zu seinem Sohne im echtesten Frankfurter Dialekte: „August, der König von Bayern will ä Glas Wasser habbe!“26
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Wir haben schon bemerkt, daß Goethe im Umgang mit den Menschen sehr verschieden sein konnte; sein vorhin genannter junger Freund Felix Mendelssohn war von dieser wandelbaren und reichen Natur so betroffen, daß er meinte, man werde in Zukunft gar nicht an einen Goethe, sondern an eine Schar Goethiden glauben. Über seine Verkehrsformen gingen schon bei seinen Lebzeiten und selbst in Weimar die verschiedensten Gerüchte. Die einen erklärten ihn für stolz und patzig, steif und arrogant, und warnten die Neugierigen vor seinen „stummen Audienzen“; die andern wußten seine Liebenswürdigkeit nicht genug zu rühmen. Wir dürfen nicht erwarten, daß ein berühmter Mann, wenn wir ihn bei einer geliebten Arbeit stören, und wenn uns vielleicht schon hundert lästige Menschen als Räuber seiner Zeit zuvorgekommen sind, uns noch mit natürlicher Herzensgute empfängt und aufrichtige Freude über unsern Besuch wiederstrahlt. Wir dürfen auch nicht erwarten, daß sich uns der Fürst, dem wir uns als Fremde nahen, die etwas von ihm haben wollen, in seinem natürlichen Wesen zeigt. Goethe aber hat das nicht leichte Schicksal gehabt, sechzig Jahre einer der berühmtesten Europäer zu sein, den viele sehen und sprechen wollten, den Tausende aus Neugier oder Bewunderung oder zur Prahlerei belästigten. Er mußte wohl lernen, sich zu versteinern und einen Graben der Furcht um sich zu ziehen.
