GötterFunke - Hasse mich nicht - Marah Woolf - E-Book
Beschreibung

Das neue Schuljahr beginnt und Jess versucht, Cayden zu vergessen, nach allem, was er ihr angetan hat. Aber Zeus und seine Götter haben anscheinend andere Pläne, und schon am ersten Schultag steht Cayden plötzlich vor ihr. Schwebt Jess etwa in Gefahr? Ist Agrios ihr womöglich nach Monterey gefolgt? Jess möchte nicht in den Kampf der Götter hineingeraten, sondern wünscht sich ein ganz normales Leben. Aber was ist schon normal, wenn man die Welt der Götter sehen und betreten kann? Und vor allem: Wie lange kann sie Cayden wirklich hassen? Band zwei der GÖTTERFUNKE-Trilogie von Marah Woolf, Bestsellerautorin ("MondLichtSaga" und "BookLess") und eine der erfolgreichsten Selfpublisherinnen Deutschlands!

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MOBI

Seitenzahl:526

Beliebtheit


Über dieses Buch

Regen prasselte auf mich herab. Ich hockte auf der Straße und starrte zu dem unmöglichsten Typen der Welt hinauf. In diesem Moment hasste ich ihn voller Inbrunst.

 

Das neue Schuljahr beginnt und Jess will nur eins: Cayden und alles, was im Sommercamp geschehen ist, vergessen. Aber die Götter haben scheinbar andere Pläne. Direkt am ersten Schultag steht Cayden vor ihr. Was will er noch von ihr? Ihr Herz hat er doch schon gebrochen. Schwebt sie weiterhin in Gefahr? Ist Agrios ihr nach Monterey gefolgt?

Jess möchte nicht in den Kampf der Götter hineingezogen werden, sie wünscht sich ein ganz normales Leben – aber was ist schon normal, wenn man die Welt der Götter sehen und betreten kann?

Und vor allem: Wie lange kann sie Cayden wirklich hassen?

 

 

 

… Ach, ich kann nur Liebe geben;

aber jedes Glück sei dein,

jedes, das ich weiß zu weben!

Sage, willst du? Bist du mein?

Willst du immer selig sein?

 

Jedes Weib soll dich begehren,

dem dein leiser Wunsch nur lacht!

Und dein Volk wird staunend ehren,

höher rühmen solche Macht

als des Ruhmes kalte Pracht.

 

Und das schönste Weib auf Erden,

komm, o komm, ich zeig es dir!

Und noch schöner soll sie werden,

alle Reize geb ich ihr.

 

Das Urteil des Paris,aus: Aber die Liebe von RICHARD DEHMEL

»Ich finde, du könntest dem Jungen so langsam seinen Willen lassen. Du quälst ihn jetzt schon so viele Jahrhunderte.«

Zeus nippte an seinem Earl Grey und ließ den Blick über die Bucht von San Francisco gleiten. Dann streckte er genüsslich seine langen Beine aus. »Hera, meine Liebe. Ich begreife nicht, weshalb du ihn in Schutz nimmst. Er hat mich provoziert und das ist seine Strafe. Selbst du musst zugeben, dass diese Ausflüge zu den Menschen eine willkommene Abwechslung für uns sind.« Sein Blick glitt über die wohlgeformten Hüften der Kellnerin, die die Kuchenteller abräumte.

Hera entging das nicht. »Untersteh dich«, wies sie ihn zurecht. »Mit deinen amourösen Eskapaden hast du genug Unheil angerichtet.«

Zeus’ Augenbrauen gingen in die Höhe und er lächelte sie liebevoll an. »Du weißt, dass du die Einzige für mich bist.«

»Aber erst seit ein paar Hundert Jahren.« Hera rührte Zucker in ihren Tee.

»Du warst schon immer die Einzige für mich.« Er zwinkerte ihr zu. »Ich bin nur manchmal auf Abwege geraten, wie du übrigens auch, meine Liebe.«

Röte stieg Hera in die Wangen und Zeus lächelte über die Verlegenheit seiner Frau. »Es ist schon merkwürdig, wie sehr die Welt der Menschen sich verändert. Ganz im Gegensatz zu unserer.«

Hera legte den Kopf schief. »Vermisst du die alten Zeiten?«

»Ich bin nicht sicher«, antwortete er. »Früher haben die Menschen an unsere Existenz geglaubt. Sie haben uns verehrt. Jetzt sind wir nur noch Geschichten, wenn überhaupt.«

Hera seufzte, und Zeus erlaubte sich einen Moment, an diese vergangenen, glücklichen Tage zurückzudenken. Oft gestattete er sich das nicht. Er griff nach ihrer Hand und spielte nachdenklich mit ihren Fingern. »Immerhin werden wir nicht mehr ständig mit Bitten und Wünschen belästigt.«

»Mag sein, aber gib zu, dass dir oft langweilig ist.« Seine Frau hatte ihn schon immer durchschaut.

Zeus betrachtete einen Kuchenkrümel auf der Tischdecke, der sich unter seinem Blick in Luft auflöste.

Hera grinste. Ihr Mann war furchtbar penibel.

»Ich kann Prometheus auch nicht von der Angel lassen. Ich brauche ihn an meiner Seite. Gerade jetzt, wo mein eigener Sohn mich stürzen will. Er kann froh sein, dass er nicht mehr an den Felsen geschmiedet ist. Dagegen ist diese Strafe einfach lachhaft. Ich würde einiges dafür geben, mich alle hundert Jahre austoben zu können.«

Hera lachte auf und gab ihrem Mann einen Klaps auf die Schulter. Er sah immer noch unverschämt gut aus, und sie war froh, dass er seinem Hang, sich mit menschlichen Frauen zu vergnügen, nicht mehr nachgab. Sie hatte ihn nur ungern geteilt, und ihr einziger Trost war gewesen, dass er immer zu ihr zurückkehrte. »Und du glaubst nicht, Jess könnte dir einen Strich durch die Rechnung machen?«

Zeus schüttelte den Kopf. »Sie wird ihm nicht widerstehen können. Egal, was er ihr angetan hat. Das können sie nie.«

Hera warf einen Blick auf das Wasser, das sich vor ihnen bis zum Horizont erstreckte. Die Welt der Menschen war wirklich wunderschön. Es gab Tage, da vermisste sie ihr Leben in Griechenland schmerzlich. Aber das war Hunderte von Jahren her. »Dafür, dass du so viele Frauen verführt hast, weißt du erstaunlich wenig über sie«, sagte sie dann.

Zeus lächelte überlegen. »Du irrst dich, meine Liebe. Ich kenne sie viel zu gut.«

Aufzeichnungen des Hermes

I.

Neues Spiel, neues Glück. Es ging für Prometheus in die zweite Runde. Die erste hatte er mal wieder verloren, obwohl seine Taktik nicht schlecht gewesen war. Er hatte noch nie versucht, zwei Mädchen gegeneinander auszuspielen. Besser gesagt: zwei beste Freundinnen. Aber was zählte schon eine lebenslange Freundschaft, wenn ein Mann ins Spiel kam? Offensichtlich wenig.

Ich war gespannt, wohin wir Zeus dieses Mal folgen mussten. Hoffentlich nicht in eine dieser riesigen Städte voller Lärm und furchtbarem Gestank.

Wie ging es wohl unserer kleinen Diafani?

Ihre Freundin mit Prometheus zu sehen, hatte sie geschockt, aber sie hatte erstaunlich viel Würde bewahrt. Ein bisschen geheult, ja, aber das war zu erwarten gewesen.

Vielleicht sollte ich mal nach ihr schauen. Konnte ja nicht schaden. Wenn Zeus es erlaubte, könnte ich ihr sogar helfen, ihre Begegnung mit den Göttern niederzuschreiben.

Immerhin kannte ich mich als Bote und Chronist der Götter damit aus. Ich hatte schon Homer und Herodot geholfen. Es war Jahrhunderte her und vielleicht an der Zeit, die Menschen an uns zu erinnern.

Josh strahlte übers ganze Gesicht, als ich ihm die Tür öffnete. Der Geruch von Algen und Salz drang vom Meer zu uns herüber. So viel gute Laune war ja kaum auszuhalten. Aber er war der Letzte, an dem ich meine Wut auslassen durfte.

»Bereit?«, fragte er.

Ich schulterte meine Umhängetasche und warf einen Blick zurück. Mom lehnte mit einer Kaffeetasse in der Hand in der Küchentür und nickte aufmunternd.

»Hi, Mrs Harper«, rief Josh, »Sie sehen gut aus.«

»Du warst schon immer ein Charmeur.« Mom kam zu uns geschlendert.

Josh hatte recht. Sie trug eine saubere Jeans und ein hübsches T-Shirt. Die Nägel ihrer nackten Füße waren ordentlich lackiert und ihre frisch gewaschenen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie hatte keinen Schluck Alkohol angerührt, seit ich aus dem Camp zurückgekommen war, obwohl die Kaffeetasse in ihrer Hand zitterte. Ich wagte nicht zu hoffen, dass sie diesmal etwas länger durchhielt. Das hatte ich schon zu oft getan und immer war ich enttäuscht worden.

»Ich habe mich noch gar nicht bedankt, dass du Jess vom Camp nach Hause gebracht hast.«

»Das war doch selbstverständlich, nachdem …« Ich legte ihm eine Hand auf den Unterarm und er verstand mich ohne Worte. Mom wusste nichts von dem Streit zwischen Robyn und mir, und von Cayden schon gar nicht. Ich wollte sie nicht beunruhigen, obwohl sie taub und blind sein müsste, wenn sie nichts von meinem Liebeskummer mitbekommen hatte. Aber wir hatten uns viel zu sehr entfremdet, als dass ich mich von ihr hätte trösten lassen. Eigentlich hatte ich ja auch gar keinen Liebeskummer. Ich war einfach nur stinkwütend, und zwar vor allem auf mich selbst, dann auf Robyn und natürlich auf Cayden.

»Pass gut auf meine Kleine auf«, sagte Mom lächelnd, während Josh mir die Tür aufhielt. Früher hatte sie mir morgens immer einen Kuss auf die Wange gegeben, aber das war lange her.

»Bis später, Mom«, rief ich zum Abschied und folgte Josh die gekieste Einfahrt hinunter zu seinem Wagen. Das Meer auf der anderen Seite der Straße lag ganz ruhig in der Sonne. Es war ein wunderschöner Tag. Zu schön eigentlich, um ihn in der Schule zu verbringen.

Josh wartete, bis ich angeschnallt war, bevor er mit seinem Verhör begann. »Warum hast du nicht auf meine Anrufe reagiert?«, fragte er. »Ich wollte wissen, wie es dir geht.«

»Gut«, antwortete ich so gelassen wie möglich und zog mein Handy aus der Tasche, um meine Nachrichten zu checken. Leah hatte geschrieben. »Ich brauchte nur meine Ruhe«, setzte ich hinzu.

»Willst du nicht mit mir reden?« Immerhin startete er den Wagen. Am ersten Schultag wollte ich ungern zu spät kommen.

»Doch, klar. Was hast du heute für Kurse?«, versuchte ich mich an einem unverfänglichen Thema.

»Das meinte ich nicht«, antwortete er genervt und reihte sich in die Schlange der Autos ein, die nach Monterey hineinfuhren. Unser Haus lag etwas außerhalb, und ich war froh, dass er mich abgeholt hatte. Bis zum Ende des vorigen Schuljahres war ich immer mit Robyn gefahren. Aber seit unserer Rückkehr aus dem Camp hatte sie sich nicht mehr bei mir gemeldet. Ich war nicht sicher, ob ich darüber froh oder unglücklich sein sollte. Das entschied sich vermutlich heute, wenn wir uns wiedersahen.

»Ich will wissen, wie es dir wirklich geht. Meinst du, mir ist nicht aufgefallen, wie sehr du dich in Cayden verknallt hattest? Was Robyn mit ihm abgezogen hat, war unmöglich.«

»Hattest trifft es genau«, unterbrach ich ihn. »Das ist vorbei.« Jedenfalls fast. Heute Morgen hatte ich mindestens eine halbe Stunde damit verbracht, meine Augenringe zu überschminken, um nicht wie ein Zombie auszusehen. Wenn ich jetzt anfing zu heulen, konnte er gleich umdrehen und mich wieder nach Hause bringen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Tränen ausbrechen würde, war ziemlich hoch. Meine kleine Schwester Phoebe hatte behauptet, dass der Meeresspiegel um ungefähr einen Zentimeter gestiegen wäre, wenn wir meine Tränen der vergangenen Tage direkt ins Meer gekippt hätten. Ihrer Meinung nach war es eine Zumutung, so viel zu heulen, wenn man bedachte, dass, bedingt durch die Klimaerwärmung, etliche Gebiete der Welt sowieso schon von Überflutung bedroht waren. Diese stichhaltigen Argumente hatten meine Springflut versiegen lassen, und ich hatte kein Interesse daran, dass es wieder losging. Meine Augen brannten höllisch. Vielleicht sollte ich eine Sonnenbrille aufsetzen und in der Schule behaupten, ich wäre über den Sommer erblindet.

»Ich hätte mich nicht so aufführen dürfen«, lenkte ich ein. »Wenn ich Robyn gesagt hätte, dass ich auf Cayden stehe, dann hätte sie sich bestimmt nicht mit ihm eingelassen.«

Josh schnaubte nur zur Antwort. »Als wenn sie das nicht gewusst hätte. Weshalb nimmst du sie immer in Schutz?«

»Weil sie, seit ich denken kann, meine beste Freundin ist und ich nicht will, dass die Sache mit Cayden uns auseinanderbringt«, schnauzte ich ihn an. »Er war schließlich der Idiot.«

»Hat sie sich eigentlich auch nur ein einziges Mal bei dir bedankt, dass du ins Wasser gesprungen bist, als ihr Boot umgekippt ist?« Joshs Finger klimperten auf dem Lenkrad eine wütende Melodie. »Du hättest ertrinken können, wenn Cayden dich nicht gerettet hätte.«

»Bin ich aber nicht«, entgegnete ich schnippisch, und die Erinnerung an Skylla und ihre Hunde jagte mir einen Schauer über den Rücken. Möglicherweise lag das aber auch an der Erinnerung, wie Cayden mich aus dem See gezogen hatte. Ich schob den Gedanken weit weg. Die Götter waren Geschichte. In ein paar Jahren würden mir die Ereignisse in dem Camp bestimmt wie ein Märchen vorkommen. Das hoffte ich zumindest.

Wenn ich in den letzten Tagen mal gerade nicht geheult hatte, hatte ich jede Einzelheit der vergangenen Wochen aufgeschrieben. Es war fast wie eine Sucht gewesen, mir alles bis ins kleinste Detail von der Seele zu schreiben. Warum ich das getan hatte? Keine Ahnung. Diese Diafanigabe hatte jedenfalls nichts zu bedeuten. Ich wollte einfach nur mit der Sache abschließen. Schon als Dad uns verlassen hatte, hatte ich eine Zeit lang Tagebuch geführt. Irgendwem musste man seine düsteren Gedanken und Gefühle ja anvertrauen und Robyn hatte damals mein Gejammer irgendwann nicht mehr ertragen. Die Blätter mit den Aufzeichnungen hatte ich zusammen mit der Kette, die Zeus mir zum Abschied überreicht hatte, in meinem Geheimversteck verstaut. Es war mir ein bisschen wie ein Begräbnis vorgekommen, aber damit war die Sache nun endgültig vorbei. Ich presste die Augen zusammen.

So schwarz auf weiß zu lesen, was passiert war, erinnerten die Aufzeichnungen tatsächlich an griechische Legenden. Schließlich gab es kaum eine Sage, die nicht davon handelte, dass ein Gott ein Mädchen verführte. Dass all diese Sagen auf tatsächlichen Ereignissen beruhten, hätte ich dennoch nie vermutet. Ereignisse, die aufgeschrieben waren von Menschen, die den Göttern in unserer Welt begegnet waren und die sich an sie und das, was geschehen war, hatten erinnern können, wie ich. Diafani, so hatten Zeus, Apoll und die anderen Götter diese Menschen genannt. Und genau so eine Diafani sollte ich angeblich sein. Dank dieser Fähigkeit hatte ich auch die Bekanntschaft mit Skylla und Agrios gemacht. Darauf hätte ich allerdings gerne verzichtet. Diafanigabe hin oder her. Die Götter waren weg und ich war fertig mit ihnen. Schmerz klopfte hinter meiner Schläfe, aber ich riss mich zusammen. Das war nur die Sonne, die mich blendete.

»Ich will dich nicht drängen«, erklärte Josh gerade und unterbrach meinen Gedankenstrom. »Du weißt ja, wenn du mich brauchst, genügt ein Anruf.«

Ich nahm seine Hand und drückte sie. In dem Chaos der vorigen Woche war er mein Fels in der Brandung gewesen, obwohl ich mich geweigert hatte, mit ihm zu telefonieren, und seine Nachrichten nur sehr einsilbig beantwortet hatte. Ich wünschte, ich könnte ihm die ganze Wahrheit erzählen. Aber nicht heute.

Der Parkplatz war bereits brechend voll, als wir an der Schule ankamen. Ich sah Robyns Auto in der vordersten Reihe stehen. Ich brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben, wiederholte ich immer wieder geradezu mantraartig. Trotzdem schlug mein Magen Purzelbäume. Vielleicht hätte ich sie anrufen sollen. Sie machte nicht gern den ersten Schritt nach einem Streit, aber wenn ich ihr ein Stückchen entgegenkäme, dann … Ja, was erwartete ich eigentlich?

Josh rührte sich nicht, obwohl er längst eine Lücke gefunden und eingeparkt hatte. »Du hoffst sicher, dass ihr euch wieder vertragt, oder?«

Ich nickte und knibbelte an den Nähten meiner Jeans.

»Sie ist ganz schön verzogen und ziemlich egoistisch, aber das weißt du ja. Du solltest ihr wirklich nicht so schnell verzeihen. Sie hätte nicht so auf deinen Gefühlen rumtrampeln dürfen.«

»Das ist dein Rat?« Erstaunt sah ich ihn an. Josh war ziemlich harmoniebedürftig. Wenn wir beide uns stritten, dauerte es maximal fünf Sekunden, bis er einlenkte.

»Robyn hat dich und Cameron betrogen. Aber ich befürchte, sie redet sich ihr Gewissen irgendwie rein. So ist sie nun mal.«

Ich verknotete meine Finger. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne sie als Freundin wäre.« Das war ein schwaches Argument, das wusste ich selbst. Aber Robyn und ich waren seit Ewigkeiten befreundet. Dass ein Junge uns auseinanderbringen könnte, wäre vor ein paar Monaten noch undenkbar gewesen. »Er ist es nicht wert, dass unsere Freundschaft wegen ihm in die Brüche geht.« Ich würde Caydens Namen auf keinen Fall laut aussprechen. Er hatte mich glauben lassen, dass ich ihm etwas bedeutete, und dann hatte er mit meiner besten Freundin geschlafen. Ich schluckte. Er war so schön gewesen, ein paar Blicke, ein paar Küsse – das hatte genügt, und mein Herz war ihm direkt vor die Füße geplumpst. Das fiel nicht mal im Ansatz unter den Tatbestand der Verführung. Leider. Wenn ich geahnt hätte, dass er so darauf herumtrampeln würde, hätte ich besser aufgepasst. Da hatte ich mich immer für besonders taff gehalten und dann hatte der erstbeste Gott mich direkt eines Besseren belehrt.

»Ich möchte einfach nicht, dass sie dir noch mehr wehtut«, sagte Josh, stieg aus und kam um das Auto herum, um mir die Tür zu öffnen. »Ich habe Cameron nichts von der Geschichte erzählt«, erklärte er wie beiläufig. »Das muss Robyn schon selbst tun.«

Ob das eine kluge Entscheidung war? In seiner Haut wollte ich nicht stecken. Cameron wäre am Boden zerstört, wenn er von Robyns Betrug erfuhr. Sagte Josh nichts und es kam irgendwann heraus, würde Cameron sich von ihm mindestens genauso betrogen fühlen wie von Robyn. Wollte Robyn etwa tatsächlich mit ihm zusammenbleiben? Sie hatte mit Cayden geschlafen, dann konnte sie Cameron doch eigentlich nicht mehr lieben? Vermutlich war ich da zu altmodisch. Sie hatte nur ausprobieren wollen, wie es war, mit einem Jungen zu schlafen, und Cayden war natürlich nicht abgeneigt gewesen. Das machte es fast noch schlimmer. Mein Frühstück machte sich selbstständig und kletterte die Speiseröhre wieder hinauf. Ich musste an etwas anderes denken. Das hier grenzte an Folter. Robyn würde Cayden nie wiedersehen – genau wie ich. Ob sie das wusste? Oder hatte der Idiot ihr versprochen, sie anzurufen? Wenn ja, würde sie eine Enttäuschung erleben. Etwas sagte mir, dass es mit dem Mobilfunknetz in der Götterwelt nicht besonders weit her war.

»Jess, du hast immer noch mich«, sagte Josh eindringlich und riss mich damit aus meinen Gedanken. »Und Leah. Du brauchst dich von Robyn nicht so herumschubsen zu lassen.«

»Ich weiß.« Ich lehnte mich kurz an ihn, bevor ich mich dazu aufraffte, in die Höhle des Löwen zu gehen. So schlimm würde es schon nicht werden. Mir waren in diesem Sommer ganz andere Monster über den Weg gelaufen.

 

Die Glocke läutete das erste Mal, als wir die Eingangshalle unserer Schule betraten. Ich rieb über meine Arme, weil es hier drinnen deutlich kühler war als draußen. Das vertraute Neonlicht über uns flackerte an der hohen Decke, und aufgeregtes Summen lag in der Luft, wie jedes Jahr am ersten Schultag. In wenigen Wochen würde die Euphorie in Lethargie umschlagen, die meist bis zum Ende des Schuljahres anhielt. Es war mein letztes Schuljahr, was danach kam, stand in den Sternen oder lag in den Händen der Götter. Allerdings würde ich weder den einen noch den anderen mein Schicksal widerstandslos überlassen.

Ich schulterte meine Tasche und folgte Josh zu dem Gang mit unseren Spinden. Robyn lehnte an ihrem und unterhielt sich mit einem Mädchen, mit dem wir im vergangenen Jahr gemeinsam Sport gehabt hatten. Ihr blondes, glattes Haar fiel ihr sorgfältig gekämmt über die Schultern. Sie trug ein enges, dunkelblaues Polokleid und sah nicht im Mindesten so aus, als litte sie an einem gebrochenen Herzen oder schlechten Gewissen. Mein Herz klopfte schneller, als ich auf sie zutrat.

»Hi, Robyn«, begrüßte ich sie. »Mel.«

Die Mädchen würdigten mich keines Blickes. Etwas in der Art hatte ich erwartet und befürchtet und doch auf ein Wunder gehofft. Die beiden kicherten, während ich meine Bücher in den Schrank räumte. Krampfhaft überlegte ich, was ich noch sagen könnte. Leider fiel mir nichts Unverfängliches ein. Ich atmete auf, als Mel sich von Robyn verabschiedete und verschwand.

»Robyn«, setzte ich noch mal an und verstummte, als sie sich zu mir umdrehte und mich kalt musterte.

»Wehe, du sagst auch nur ein Sterbenswörtchen zu Cameron. Ich werde alles abstreiten«, zischte sie, drehte sich um und schlenderte ohne ein weiteres Wort davon. Fassungslos sah ich ihr hinterher. Cameron wartete am Ende des Flures. Er winkte mir kurz zu und legte einen Arm um ihre Schultern. Robyn stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Dann warf sie mir einen letzten triumphierenden Blick zu.

»Tief durchatmen«, sagte Josh, der wieder neben mir aufgetaucht war. »Es bringt nichts, wenn du dich aufregst.«

»Du hast gewusst, dass sie so reagieren würde, oder?«

»Sagen wir mal, ich habe so etwas vermutet. Gleich nachdem wir zurück waren, ist sie zu Cameron gefahren und hat ihm eine haarsträubende Geschichte erzählt. Du bist dabei nicht sonderlich gut weggekommen.«

Ich schloss kurz die Augen, weil mir schwindelig wurde. »Verschone mich mit den Details«, unterbrach ich ihn. »Wir müssen zu Kunst.«

Josh nahm meine Hand und ließ sie nicht los, bis wir an unserem Raum angekommen waren. Es war gut, dass ich mich an ihm festhalten konnte. Mein Herz hatte bei der ganzen Geschichte ziemlich viele blaue Flecken davongetragen. Ich war nicht sicher, was mehr wehtat: dass Cayden mich nicht gewollt oder dass meine beste Freundin mich verraten hatte. Ich hätte ihr verziehen, wenn sie mir vorhin nur einen Schritt entgegengekommen wäre. Sie hätte sich nicht mal zu entschuldigen brauchen. Aber diese abweisende Reaktion hatte ich wirklich nicht erwartet. War ihr unsere Freundschaft denn gar nichts wert?

Ms Bley, unsere Kunstlehrerin, teilte bereits Infozettel aus und sah uns missbilligend an, als wir eine Minute nach dem zweiten Läuten den Raum betraten.

»Beehren die Herrschaften uns auch endlich?« Sie schob ihre Brille von der Nasenspitze nach oben und musterte mich. »Ich lege in meinem Kurs besonderen Wert auf Pünktlichkeit.«

»Es war meine Schuld«, erklärte Josh und lächelte sie an. »Ich habe Jess aufgehalten.« Die Lehrerin, die seinem Lächeln widerstehen konnte, musste erst noch geboren werden.

»Beim nächsten Mal bekommt ihr zwei eine Verwarnung«, brummte sie. »Jetzt setzt euch.«

Fast alle Tische waren bereits belegt. Ein Mädchen aus der Schulband klopfte auf den freien Platz neben sich und nickte Josh zu.

»Ist das in Ordnung?«, fragte er.

»Geh ruhig.« Ganz so bedürftig war ich nun auch nicht. Ich würde es fünfundvierzig Minuten ohne ihn aushalten. Immerhin wusste ich jetzt, woran ich mit Robyn war.

»Dort hinten ist auch noch ein Platz«, sagte Ms Bley, immer noch missmutig. »Setz dich da hin. Cayden ist neu an unserer Schule«, fuhr sie fort. »Du kannst ihm ein bisschen helfen.«

Noch bevor ich zu ihm hinübergesehen hatte, wusste ich, dass es sich unmöglich um eine zufällige Namensgleichheit handeln konnte. Mein Kunstbuch polterte auf den Boden und Josh sprang wieder auf.

»Setz dich, Josh!«, blaffte Ms Bley. »Und du, geh sorgfältiger mit deinen Büchern um.«

Ich bückte mich und presste das Buch an meine Brust. Dann ging ich mit gesenktem Blick an den mir zugewiesenen Platz. So musste ein Tier sich fühlen, das man zur Schlachtbank führte. Kurz überlegte ich, mich umzudrehen und einfach wegzulaufen. Ich suchte Joshs Blick, der mindestens ebenso erschrocken war wie ich, mir aber aufmunternd zunickte.

Mein Stuhl wurde zurückgeschoben und ich setzte mich. »Hey«, raunte Caydens vertraute Stimme.

Ich antwortete nicht. Das war die einzige vernünftige Strategie, die mir einfiel. Ich würde ihn ignorieren. Wenn ich ihn nie wieder an mich heranließ, verschwand er vielleicht, löste sich in Luft auf oder was immer Götter eben so taten, wenn sie der Menschen überdrüssig wurden. Im Gegensatz zu ihm hatte ich nur dieses eine Leben und er würde es mir nicht vermasseln.

»Jess, bitte, sprich mit mir.« Seine Stimme klang beinahe flehend. Dachte er wirklich, ich fiele noch mal auf diese Masche rein? Er beugte sich näher zu mir und ich spürte seinen Atem auf meiner Wange. Das war so unfair. Ihn zu ignorieren, würde nicht einfach sein. Vielleicht half es, mir die Nase zuzuhalten, denn er roch immer noch göttlich. Ich presste die Lippen zusammen und erinnerte mich daran, was er mir angetan hatte. Wut stieg in mir auf. Erst als ich mir sicher sein konnte, dass mein dummes Herz mir keinen Strich durch die Rechnung machte, sah ich ihn an. Seine grünen Augen strahlten noch intensiver, als ich sie in Erinnerung hatte. Fast unmerklich veränderten sich seine Gesichtszüge. Sie wurden klarer, leuchtender. Mir stockte der Atem und mein Mund wurde trocken. Ob er das bei Robyn auch gemacht hatte? War sie deshalb so besessen von ihm gewesen? Mich hätte er auch ohne dieses Kunststückchen haben können. Wie blöd konnte man eigentlich sein? Meine Finger krallten sich um meinen Stift.

Etwas prallte gegen meine Wange und riss mich aus der Trance, in die Caydens Blick mich versetzt hatte. Ich schüttelte mich und faltete das Papierkügelchen auseinander. »Sei eine Eisprinzessin«, stand dort in Joshs chaotischer Schrift. Dankbar lächelte ich ihn an.

»Mach das nicht noch einmal!«, zischte ich Cayden wutentbrannt an. Was bildete er sich eigentlich ein?

»Entschuldige, das war dumm von mir. Aber ich wünschte wirklich, du würdest mich nicht hassen.«

Meine Augen fixierten die Tafel. »Es gibt Wünsche, die erfüllen sich selbst für Götter nicht«, erwiderte ich mit eisiger Stimme.

Aufzeichnungen des Hermes

II.

Ach du lieber Himmel. Wie hatte Athene unseren Vater denn zu diesem Unsinn überreden können? Das hatte es in all den Jahrhunderten nicht gegeben. Prometheus war noch nie einem Mädchen zweimal begegnet. Was sollte der Quatsch? Okay, sie war eine Diafani. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er ihr das Herz ein weiteres Mal brechen durfte. Für so gefühllos hätte ich weder Athene noch unseren Vater gehalten. Die Kleine litt schon genug, das sah ein Blinder mit einem Krückstock. Ich hatte sie heute früh beobachtet. Sie war ganz weiß im Gesicht gewesen, als sie endlich aus dem Bad gekommen war. Ich hätte auch keine Lust, dieser Schlange Robyn über den Weg zu laufen.

Und hätte Prometheus nicht ein bisschen behutsamer vorgehen können? Ich hätte ihm an ihrer Stelle eine gescheuert. »Ich wünschte wirklich, du würdest mich nicht hassen.« So ein Blödmann. Das hätte er sich früher überlegen müssen. Ich musste unbedingt mit Athene sprechen. Sie musste mir sagen, was Zeus mit dieser Aktion bezweckte.

Er war hier, hämmerte es in meinem Kopf. Er war hier. Meine Wut wurde von Minute zu Minute größer. Wie konnte er mir das antun? Aber meine Gefühle waren ihm völlig egal, das hatte er bereits im Camp sehr eindrucksvoll bewiesen. Ich war so unfassbar naiv gewesen, dass es schon fast wehtat. Wahrscheinlich hatten die Götter einen morbiden Spaß daran, ihre Opfer leiden zu sehen. Aber nicht mit mir. Ich würde diese Unterrichtsstunde überstehen, auch wenn Cayden viel zu dicht neben mir saß. Immerhin schwieg er. Mein ganzer Körper stand unter Strom. Ich konnte kaum den Stift halten, geschweige denn den Ausführungen von Ms Bley folgen. Das musste ein schlechter Scherz der Götter sein. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Götter waren herrisch und rachsüchtig, das wusste jeder. Ich hatte sie völlig verklärt und ihnen menschliche Attribute wie Mitgefühl angedichtet. Ich war ein Schaf. Ein hoffnungslos romantisches Schaf.

Resigniert ließ ich mein rotes Haar wie einen Vorhang zwischen uns fallen und atmete kurz auf. Er durfte nicht merken, wie nervös seine Anwesenheit mich machte. Das Schweigen zwischen uns wurde ohrenbetäubend. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her. Ich musste hier raus. Je eher, desto besser. Bevor ich ihm diese grünen Augen auskratzte, mit denen er mich unablässig musterte. Warum drehten sich ständig irgendwelche Mädchen zu uns um? Diese dummen Kühe. Sahen sie nicht, was er für ein Typ war? Ich sollte eine Rundmail verfassen oder es im Schulfunk durchsagen. Haltet euch von Cayden fern. Er ist ein Arschloch und wird eure Herzen brechen. Etwas in der Art vielleicht. Aber warum sollte ich irgendeine von ihnen warnen? Solche Lektionen gehörten zum Leben dazu. Ich war ihm ja auch auf den Leim gegangen. Wieder durchfuhr mich eine Welle der Wut. Bestimmt war er nur wegen Robyn hier. Das musste es sein. Er wollte sie wiedersehen. Er vermisste sie. Verliebten Götter sich eigentlich auch mal richtig? Wusste sie schon, dass er hier war? Wenn ich mir vorstellte, dass Cayden und Robyn den Rest des Schuljahres vor meiner Nase herumturtelten, sich küssten und Händchen hielten … Mir wurde speiübel.

Und ich hatte ihm auch noch erlaubt, mich zu küssen, dabei hätte ich mir doch denken können, dass ich nur eine Nummer auf einer Liste war. Ich wischte mir über den Mund. Nie wieder würde ich das zulassen.

 

Als es klingelte, sprang ich auf und schob meine Sachen so hektisch in die Tasche, dass ein Stift zu Boden fiel. Ich wollte nach ihm greifen, aber Cayden war schneller. Gleichzeitig beugten wir uns unter den Tisch. Er hielt mir den Stift hin und der Blick seiner smaragdgrünen Augen traf mich mitten ins Herz. Glaubte er wirklich, auf diese Masche fiel ich herein? Er sah mich ja an, als hätte ich ihm das Herz gebrochen und nicht er mir. Wütend zog ich ihm den Stift aus der Hand, drehte mich um und rannte davon. Es war mir egal, wie es für die anderen aussah. Ich musste dringend Abstand zwischen uns bringen. Er war die Pestbeule in meinem Leben und ich musste sie herausschneiden und entfernen. Okay, das war etwas übertrieben. Aber meine Mutter war schließlich das beste Beispiel dafür, was passieren konnte, wenn man einen Mann zu nah an sich heranließ. Den Fehler würde ich nicht machen.

Josh lief hinter mir her. Seine Hand legte sich auf meine Schulter. »Jess, jetzt warte doch. Was hat er gesagt? Was will er hier? Hat er nach Robyn gefragt?«

Er glaubte es also auch. Die Vorstellung, er wäre meinetwegen gekommen, war natürlich so abwegig wie die, dass Menschen den Saturn besiedelten.

Ich schüttelte den Kopf und riss mich zusammen. »Ich habe keine Ahnung«, flüsterte ich. »Und ich habe nicht vor, es herauszufinden. Ich werde kein einziges Wort mit ihm wechseln.«

»Wenn er wegen Robyn hier ist, dann muss ich mit Cameron sprechen. Ich muss ihn vorwarnen.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Klar, für Josh war es auch eine blöde Situation.

Fahrig kramte ich nach meinem Stundenplan. »Ich weiß es wirklich nicht und ich muss jetzt zu Bio.« Ich zerknüllte den Zettel in den Händen, bis Josh ihn mir abnahm.

»Ich habe Sport. Aber ich kann dich noch bringen?«, bot er an.

»Nicht nötig. Das schaffe ich schon.« Ich hasste es, wie verletzlich und gleichzeitig wütend ich war, und daran war nur dieser Mistkerl schuld.

»Wir sehen uns später, okay?« Joshs Stimme war deutlich anzuhören, dass er mich nur ungern allein ließ.

Ich nickte und widerstand der Versuchung, mich an ihn zu lehnen. Was auch immer Cayden im Schilde führte, mich ging das nichts mehr an, und diese seltsame Diafanigabe würde ich einfach vergessen. Sie war nützlich gewesen, um im Camp Robyn zu finden, aber sonst … Übernatürliche, kosmische Kräfte wären mir lieber gewesen, dann hätte ich Cayden zum Mond befördern können. Bei der Vorstellung musste ich grinsen.

»So gefällst du mir schon besser.« Josh gab mir einen Kuss auf die Wange und ging davon. Ich packte meine Tasche fester und machte mich auf den Weg zum Bioraum, der zwei Etagen höher lag.

Dummerweise hatten die wenigen Tage, die seit der Abreise aus dem Camp verstrichen waren, längst nicht gereicht, über Cayden hinwegzukommen. Natürlich nicht. Wut hin oder her. Dazu war ich viel zu verblendet gewesen. Was also wollten die Götter hier? Sie hatten behauptet, wir würden uns nie wiedersehen. Oder hatte ich da womöglich etwas falsch verstanden? Ob Athene und Apoll auch in Monterey waren? Hatte Cayden vielleicht doch ein schlechtes Gewissen? Unsinn! Götter besaßen kein Gewissen, und deshalb gab es nur einen einzigen Grund, weshalb er zurückgekommen war. Er musste sich in Robyn verliebt haben.

Wie hatte ich im Camp nur glauben können, dass er etwas für mich empfand? Das alles hatte ich mir selbst eingebrockt. Obwohl ich wusste, dass er noch andere Mädchen traf, hatte ich nicht aufgehört, ihn anzuhimmeln. Und dann hatte er sich diejenige geschnappt, die am bereitwilligsten gewesen war, mit ihm ins Bett zu steigen. Im Grunde sollte ich Josh dankbar sein, dass er uns an dem Abend, als ich zu Caydens Lodge geschlichen war, gestört hatte. Sonst wäre ich auch nur eine seiner zahlreichen Eroberungen gewesen, die Cayden in seinem unsterblichen Leben gemacht hatte. Ich schüttelte mich und seufzte gleichzeitig. Aber es wäre mit Sicherheit eine unvergessliche Erfahrung gewesen, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf.

Wenn ich wenigstens mit jemandem darüber reden könnte. Es hatte in den letzten Tagen Momente gegeben, da hatte ich gedacht, ich müsste platzen, wenn ich diese Geschichte nicht irgendjemandem erzählte. Robyn fiel leider aus. Ich sollte sie hassen, aber ich vermisste sie mehr. Ich vermisste die Robyn, die sie früher gewesen war. Die Robyn, mit der ich mich in ihr riesiges Bett gekuschelt und unter der Decke kichernd Jungsgeschichten ausgetauscht hatte. Die Robyn, mit der ich unzählige Eisportionen gefuttert und bei Liebesfilmen gemeinsam geheult hatte. Aber wenn ich ehrlich war, war es so schon lange nicht mehr zwischen uns gewesen. Wir hatten uns in den vergangenen Jahren beide viel zu sehr verändert.

Ich fasste meine Bücher fester. Bildete ich mir das nur ein oder starrten mich tatsächlich alle an? Kleine Grüppchen von Mädchen standen vor den Klassenzimmern und tuschelten. Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch. Es half nicht viel, aber immerhin konnte ich mich bis zur Nasenspitze dahinter verstecken. Vorsichtig hielt ich Ausschau nach Cayden. Noch mal sollte er mich nicht kalt erwischen.

Als ich den Bioraum betrat, schrillten sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf. Cayden war nicht allein gekommen. Apoll, der Gott der Heilkunst, saß in der hintersten Bank am Fenster und strahlte mich an. Seine blauen Augen glitzerten. Die Blicke der Mädchen, die ihn anschmachteten, ignorierte er einfach. Dachte er etwa, ich freute mich, ihn zu sehen? Den Zahn würde ich ihm ganz schnell ziehen. Auffordernd klopfte er auf den Stuhl neben sich. Das konnte er vergessen. Es waren noch jede Menge andere Plätze frei. Je eher die Götter kapierten, dass ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte, umso besser. Ich setzte mich in die erste Reihe zwischen zwei Mädchen, mit denen ich im letzten Schuljahr Chemie gehabt hatte. Allerdings hatten wir nicht viel miteinander zu tun gehabt. Ich kannte nicht mal ihre Namen.

»Der Typ da hinten möchte, dass du dich neben ihn setzt. Er hat jedes andere Mädchen weggeschickt«, sagte die Linke. »Was willst du bei uns? Er ist so was von heiß. Sex auf zwei Beinen«, sagte sie fachmännisch.

Ich zuckte mit den Achseln. »Meine Augen sind nicht so gut, von da hinten kann ich nichts sehen.«

Das Mädchen zu meiner Rechten stöhnte. »Was gibt es an der Tafel schon zu sehen, wenn so ein Wahnsinnstyp neben dir sitzt? Hast du seine Brustmuskeln gesehen? Und diese Augen …«

Ging es noch primitiver? Was interessierten mich Brustmuskeln. Gut, Apoll war wirklich sehr ansehnlich, aber deswegen würde ich ihn nicht auf seine Brustmuskeln reduzieren. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte mich nun doch woanders hingesetzt.

»Jess.« Der Duft von Moos und frischer Luft traf mich, als Apoll sich über mich beugte. Meine Banknachbarinnen schnappten nach Luft. »Ich nehme an, du hast mich nicht gesehen. Setzt du dich zu mir?«

Täuschte ich mich oder war es in dem Raum plötzlich leiser geworden? Die beiden Mädchen starrten mich an, als erwarteten sie, dass ich mich Apoll an den Hals warf, was sie an meiner Stelle vermutlich auch getan hätten.

»Ich sitze hier sehr gut.« So leicht wollte ich mich nicht überreden lassen. Ich hatte auch meinen Stolz. Er hatte mich zwar nicht so sehr enttäuscht wie Cayden, aber die Götter steckten doch alle unter einer Decke.

»Bitte.« Apoll lächelte die beiden Mädchen an. »Man muss sie manchmal zu ihrem Glück zwingen«, erklärte er, und die beiden nickten eifrig.

Blöde Kühe. Wussten die nicht, dass Jungs wie Apoll ihre Herzen im Handumdrehen zerkrümeln konnten? Widerwillig stand ich auf. Wenn ich mich noch länger sträubte, würden wir noch mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Und die brauchte ich weiß Gott nicht.

Unwillig folgte ich Apoll zu seinem Platz.

»Sie hat im Sommercamp mit einem Jungen geschlafen, den sie kaum kannte«, hörte ich eine flüsternde Stimme. »So eine Bitch und nun schnappt sie sich gleich den nächsten«, raunte eine zweite. »Wenn ich Robyn wäre, wollte ich auch nichts mehr mit ihr zu tun haben.«

Ich drehte mich schockiert um. Ein paar Mädchen standen zusammen und starrten mich böse an. Eine schüttelte den Kopf, während eine andere eine Kaugummiblase knallen ließ.

Ich musste mich verhört haben. Wie kamen sie dazu, so etwas zu behaupten? Bestimmt meinten sie damit nicht mich.

Apoll packte sanft meinen Arm und zog mich zu dem Tisch, an dem er den Platz für mich reserviert hatte.

»Lass das«, flüsterte ich aufgebracht. »Was machst du hier überhaupt? Ich dachte, ich wäre euch los.«

Apoll lächelte. »Und ich dachte, du vermisst mich.« Er beugte sich näher. »Ich dachte, wir wären Freunde.«

Ich fuhr zurück, als hätte ich mich verbrannt. »Ganz sicher nicht! Ein Freund hätte mich vor einem Cousin wie Cayden gewarnt und sich von mir verabschiedet.«

Er drückte mich auf den Stuhl und berührte mit der Fingerspitze die Haut unter meiner Kehle, wo bis gestern noch die Kette gehangen hatte. »Die Kette war unser Abschiedsgeschenk«, erwiderte er leise. »Du solltest sie tragen. Hephaistos hat sich ziemlich viel Mühe damit gegeben.«

Ich spürte, wie ich rot wurde, und beugte mich über meine Tasche, um einen Block und Stifte herauszunehmen. »Äh, ja danke«, murmelte ich. Die Kette war mehr, als ich je von Cayden bekommen hatte, trotzdem würde ich sie in dem Versteck lassen. Ich brauchte keine Almosen, die mich vermutlich nur trösten sollten.

Glücklicherweise betrat Mr Matthews in dem Augenblick den Raum und begann mit dem Unterricht. Er referierte über das kommende Schuljahr und darüber, welchen Unterrichtsstoff er mit uns durchnehmen wollte. Auf ein anspruchsvolleres Thema hätte ich mich auch nicht konzentrieren können. Apoll ließ mich die ganze Stunde nicht aus den Augen, während ich eifrig völlig unnütze Dinge auf mein Blatt schrieb.

Kaum war die Stunde vorbei, schoss ich hoch, um auch diesen Raum so schnell wie möglich zu verlassen. Wenn das so weiterging, dann würde ich noch zu einer Rakete mutieren. Aber Apoll war schneller als Cayden und hielt mich am Handgelenk fest. »Ich bin neu hier, und ich dachte, du führst mich ein bisschen herum.« Verschmitzt zwinkerte er mir zu. »Jetzt sei nicht mehr sauer. Ich habe dir schließlich nichts getan. Mein Cousin ist ein Dummkopf, deswegen musst du mich aber nicht mit ihm in einen Topf werfen.«

»Wenn es sein muss«, grummelte ich zurück und ergab mich seinem Charme. Ich müsste mir schon sehr viel Mühe geben, ihm länger böse zu sein. Und er hatte natürlich recht. Im Gegensatz zu Cayden hatte er sich nichts zuschulden kommen lassen. Er konnte schließlich nichts dafür, dass er ein Gott war.

»Wie geht es Kalchas?«, fragte ich auf dem Weg zur Cafeteria, weil mir nichts anderes einfiel, über was ich mit ihm reden konnte.

»Er vermisst dich und er hat Pr… Cayden gebissen.« Apoll lachte leise in sich hinein.

»Ich hoffe, es hat richtig wehgetan«, entschlüpfte es mir.

Apoll beugte sich zu mir. »Du weißt ja, wie das mit uns Göttern ist: Hacke uns die Leber heraus und sie wächst binnen eines Tages wieder nach.«

»Darum habt ihr auch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn einem das Herz bricht«, konterte ich und wurde gleichzeitig knallrot. Mist. So deutlich hatte ich nicht werden wollen.

»Oh, von Herzen verstehen wir schon etwas«, behauptete Apoll und lächelte mitfühlend.

Er ließ sich von mir die Schule zeigen, bis es klingelte und ich zu meinem nächsten Kurs musste.

»Wir sehen uns.« Er drückte mich kurz an sich.

»Wenn es sich nicht vermeiden lässt«, murrte ich.

»Ich habe dich auch vermisst«, rief er mir hinterher.

Unverbesserlicher Kerl. Ich grinste. Vielleicht sollte ich all meine Wut auf Cayden richten. Das erschien mir machbarer.

 

Mittags holte ich mir in der Cafeteria einen Café Latte mit extra viel Zucker und einen Brownie.

Weder Apoll noch Cayden waren mir in meinem Physikkurs begegnet und zum ersten Mal an diesem Tag hatte ich mich entspannt. Ich würde dringend den Kunstkurs abgeben müssen. Am besten, ich ging gleich nach Schulschluss ins Schulbüro und fragte nach Alternativen. Die meisten Schüler tauschten in der ersten Woche noch ihre Kurse, weil die Zeiten ungünstig lagen oder sie sich in den Ferien für andere Fächer entschieden hatten. Mir würde schon eine plausible Ausrede einfallen, obwohl ich mich wirklich auf Kunst gefreut hatte. Es war eine willkommene Abwechslung unter den ganzen Lernfächern. Auch das hatte Cayden mir gründlich verdorben. Vielleicht wartete ich besser bis zum Ende der Woche. Dann wusste ich, ob er noch in einem meiner anderen Kurse war, und konnte gleich meinen ganzen Stundenplan umschmeißen. Vermutlich musste ich Koch- und Töpferkurse belegen, um ihn loszuwerden. Die Aussicht deprimierte mich zusätzlich.

Robyn saß mit ein paar kichernden Mädchen einige Tische entfernt von der Kasse. Die Blicke, die sie mir zuwarfen, konnte man nicht mal mit viel gutem Willen als nett bezeichnen. Der Tag war eine einzige Katastrophe. Es half nichts, ich musste Robyn zur Vernunft bringen. Aber ich musste sie allein erwischen, sonst brachte sie es noch fertig, mir vor versammelter Mannschaft eine Szene zu machen. Wenn sich Robyn in die Ecke gedrängt fühlte, konnte sie sich nur sehr schlecht beherrschen.

Ich setzte mich an einen Tisch am Fenster. Wenige Sekunden später wurde ein Stuhl neben mir zur Seite gezogen. Josh musterte mich besorgt. »Wie geht es dir?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Scheiße?«, schlug ich dann vor.

Er nahm einen Schluck aus einer Coladose. »Ich habe Athene gesehen.« Mit einem Knall stellte er die Dose auf den Tisch.

»Apoll ist in meinem Biokurs«, sagte ich resigniert. Warum sollten Athene und Apoll Cayden begleiten, wenn er nur wegen Robyn hier war?

»Was wollen die drei hier? Weißt du das?«

Ich pulte mit den Fingern in meinem Brownie. Der Appetit war mir vergangen. »Keine Ahnung, und ich habe auch nicht vor, es herauszufinden.«

»Merkwürdig ist das schon irgendwie«, überlegte Josh laut. »Dass sie gerade jetzt in Monterey auftauchen. Sie haben das im Camp nie erwähnt, oder?«

Ich zuckte mit den Schultern. Nur zu gern hätte ich ihm gesagt, dass die ganze Sache noch merkwürdiger war, als er je vermuten würde. Zeus hatte mir zwar nie direkt verboten, jemanden einzuweihen, aber Cayden hatte mehr als deutlich gemacht, dass mir niemand glauben würde. Und damit hatte er leider recht. Ich wollte nicht auch noch Josh verlieren.

»Ich habe mit Leah telefoniert«, wechselte ich das Thema. »Sie kommt mich am Wochenende besuchen.«

»Das ist schön.«

Ich hätte mit mehr Begeisterung gerechnet. Leah war ziemlich in ihn verknallt. Ich hatte gehofft, dass die beiden zusammenkämen. Da war auch wieder meine Fantasie mit mir durchgegangen.

»Du weißt, was über dich erzählt wird?«, fragte er vorsichtig.

»Du meinst, die Lügen, die Robyn verbreitet?«

Er nickte. Wir saßen ganz nah beieinander. Für die anderen musste es sehr vertraut aussehen. Das war vielleicht nicht besonders klug.

»Ignoriere es einfach«, flüsterte er mir zu. »Die hören schon von allein auf zu reden.«

Wieder wurde ein Stuhl verrückt, und als ich aufsah, strahlte Athene uns an. »Hi. Ich freue mich so, dich zu sehen.« Für einen winzigen Moment glaubte ich, sie meinte es ehrlich, und lächelte zurück. Dann fuhr ich meine Schutzschilde wieder hoch.

»Wir sind noch nie zweimal denselben Menschen begegnet«, plapperte sie los, stoppte dann und blinzelte verlegen.

»Wie meinst du das?«, fragte Josh, und ich war gespannt, wie sie sich aus der Affäre ziehen würde. Mit meiner Hilfe konnte sie jedenfalls nicht rechnen.

»Wir ziehen sehr oft um«, erklärte sie und schenkte Josh ein Lächeln, das ihn irgendwie hypnotisierte. Jedenfalls nickte er wie betäubt, während ich wütend die Lippen zusammenkniff. Athene zuckte entschuldigend mit den Schultern.

»Was hast du jetzt?«, wandte Josh sich an mich.

Ich kramte in meiner Tasche nach meinem zerknitterten Stundenplan. »Sport.« Das war die erste gute Nachricht des Tages. Da konnte ich mich auspowern und vielleicht war ich danach nicht mehr ganz so wütend.

»Ich auch«, sagte Athene. »Gehen wir zusammen?«

Vor Josh konnte ich kaum ablehnen. Wie Apoll hatte sich auch Athene objektiv nichts zuschulden kommen lassen.

Wenn ich die Wahl habe, dann wähle ich Robyn, hallten Caydens Worte in meinem Kopf. Das hatte er kurz nach Skyllas Angriff zu Athene gesagt. Das Monster mit dem Oberkörper einer Frau und einem Unterleib, der aus sechs geifernden Hundeköpfen bestand, hatte mir im Camp aufgelauert und mich fressen wollen, und Cayden hatte mich gerettet. Schweigend aß ich meinen Brownie auf und trank den Kaffee, der mittlerweile kalt geworden war. Dann stand ich auf. »Lass uns gehen«, forderte ich sie auf. »Wir müssen uns noch umziehen.«

Josh musterte mich besorgt.

»Ist schon okay«, erklärte ich. »Wirklich.« Er musste es nicht übertreiben. Er hatte doch selbst auch schon einigen Mädchen das Herz gebrochen.

Stumm liefen Athene und ich Richtung Turnhalle. Wenn sie dachte, ich würde sie mit Fragen löchern, dann hatte sie sich getäuscht. Im Sportunterricht stand für heute Ausdauerlauf auf dem Plan. Zumindest musste ich so mit niemandem reden. Schon von Weitem hörte ich das aufgeregte Geschnatter der Mädchen aus der Umkleidekabine. Es verstummte in dem Augenblick, als Athene und ich eintraten. Feindselige Blicke richteten sich auf mich. Neugierige auf Athene.

Robyn stand mitten im Raum und musterte mich verächtlich. Als sie Athene erkannte, stürzte sie auf sie zu und zog sie zu der Clique, die sich um sie versammelt hatte. Alles Mädchen, über die sie sich im letzten Schuljahr noch lustig gemacht hatte.

»Was machst du denn hier?«, quietschte sie los. »Ich freue mich ja so, dich zu sehen.« Sie stellte Athene jede einzelne ihrer neuen Freundinnen vor. »Du musst unbedingt mit mir zusammen laufen«, verlangte sie. »Und mir erzählen, wie es deinem Bruder geht.«

Sie fragte Athene nicht nach Cayden. Merkwürdig. Mittlerweile musste sie doch wissen, dass er hier war. Ich verkrümelte mich in eine Ecke, um mich umzuziehen.

»Hast du die Unterwäsche gesehen?«, tuschelten zwei Mädchen eine Reihe weiter. »Ganz grau. Igitt.«

Sie konnten nur mich meinen. Gestern war zu allem Überfluss eine schwarze Socke in meine Feinwäsche geraten. Im Grunde war es egal. Niemand sonst bekam meine Unterwäsche zu sehen. Aber es würde ewig dauern, bevor ich mir neue leisten konnte. Ich band meine Schuhe zu und verließ den Raum.

Ms Fuller, unsere Sportlehrerin, gab uns ihre Instruktionen, und ich stopfte mir meine Kopfhörer in die Ohren, bevor ich lostrabte. Normalerweise lief ich lieber am Strand, als auf dem Sportplatz meine Runden zu drehen, aber immerhin war es heute nicht allzu heiß, und nach dieser Stunde konnte ich endlich nach Hause gehen und mich erschießen. Dieser Tag gehörte definitiv auf meine Liste der schlimmsten Tage meines Lebens.

 

Eigentlich ging ich wirklich gern zur Schule. Wie ich dieses letzte Jahr überstehen sollte, war mir allerdings schleierhaft. In Gedanken fasste ich die Katastrophen des Tages kurz zusammen: Meine beste Freundin hatte mit dem Jungen geschlafen, in den ich verliebt gewesen war, und jetzt verbreitete sie Lügen über mich in der Schule, sodass alle dachten, ich wäre eine Schlampe. Die Götter waren wieder aufgetaucht, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie und vor allem Cayden im Schilde führten. Mit Apoll und Athene hatte ich kein Problem, solange sie mich dieses Mal in Ruhe ließen.

Ein Monster war bisher noch nicht in Sicht, aber das war vermutlich bloß eine Frage der Zeit. Was dachten die Götter sich eigentlich dabei? Hatten sie ein morbides Vergnügen daran, mich in Gefahr zu bringen? Wenn die drei jungen Götter hier waren, konnten Zeus und Hera nicht weit sein. Bestimmt lauerte Agrios nur auf eine Gelegenheit, seinem Vater eins auszuwischen. Ich hatte keine Lust, wieder zwischen die Fronten zu geraten. Der einzige Lichtblick des Tages: Mom war nüchtern und empfing mich zu Hause mit einer leckeren Suppe. Sie wollte Phoebe heute sogar zum Ballettunterricht fahren und hatte versprochen, dortzubleiben und zuzusehen. Am Wochenende hatte meine kleine Schwester ihre erste Hauptrolle als Odette in Schwanensee getanzt und es war ein riesiger Erfolg gewesen. Sie war vor Stolz mindestens zwei Zentimeter gewachsen. Ich hätte die Aufführung noch mehr genießen können, wenn meine Augen von der Heulerei nicht so verquollen gewesen wären. Mom hatte zum Glück nichts gesagt und mich nur mitleidig angesehen. Vermutlich hatte Phoebe ihr brühwarm erzählt, was passiert war. Jedenfalls das, was ich preisgegeben hatte. Alles musste eine kleine Schwester auch nicht wissen.

Ich konnte also heute beruhigt in die Pizzeria fahren, in der ich an drei Tagen in der Woche jobbte. Noch schlimmer konnte der Tag nicht werden.

Als ich gegen sechs losfuhr, hatte ich von der Grübelei so starke Kopfschmerzen, dass ich befürchtete, mein Kopf würde platzen. Außerdem machte ich mir Sorgen, ob mit Mom und Phoebe auch wirklich alles gut gehen würde. In den letzten zwei Jahren war sie dreimal in einer Entzugsklinik gewesen und jedes Mal hatte sie, kaum dass sie wieder zu Hause gewesen, war, einen Rückfall gehabt. Warum sollte sie es ausgerechnet jetzt allein schaffen? Sie konnte jederzeit wieder schwach werden und zur Flasche greifen. Nicht auszudenken, wenn dann Phoebe in ihrer Nähe wäre oder mit ihr in einem Auto säße. Ob ich Josh anrufen und ihn bitten sollte, im Ballettstudio vorbeizufahren? Oder sollte ich versuchen, meiner Mutter zu vertrauen? Damit hatte ich nicht sonderlich gute Erfahrungen gemacht. Da die beiden mit unserem Auto unterwegs waren, musste ich das Rad nehmen. Die frische Luft tat mir gut.

 

Pietro, der Inhaber der Pizzeria, in der ich seit fast einem Jahr arbeitete, empfing mich mit einer Umarmung. »Carissima, wie war dein Sommer?« Er roch vertraut nach Mehl und der Tomatensoße, die er nach einem alten Familienrezept herstellte. Sein Geheimnis war das selbst gezüchtete Basilikum, das er trocknete und zu einem Pulver zerrieb.

»Ganz gut«, erklärte ich nur knapp.

Er musterte mich kritisch. »Hast du dich gut erholt? Hast du geflirtet und geküsst?«

»Pietro, hörst du auf damit.« Seine Frau Francesca drängte ihn zur Seite. »Du bist unmöglich. Es geht dich nichts an, was die Kleine in ihrer Freizeit macht.« Auch sie schloss mich in eine weiche Umarmung. Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir, die beiden wären meine Großeltern. Leider hatten Pietro und Francesca eine eigene riesige Familie mit unzähligen Enkeln. Was sie nicht daran hinderte, regen Anteil an meinem Leben zu nehmen. Da dies sonst keiner tat, war ich normalerweise sehr auskunftsbereit. Nur heute nicht.

»Aber ein Mädchen in ihrem Alter muss endlich die Liebe kennenlernen«, schwadronierte Pietro mit seinem gespielten italienischen Akzent, mit dem er normalerweise nur Touristen um den Finger wickelte. Er kannte Italien nur von der Landkarte.

»Das wird sie schon noch«, versuchte seine Frau, ihn zu beruhigen, während ich mir eine rot karierte Schürze umband. Während die beiden weiter über mein unzureichendes Liebesleben diskutierten, fing ich lächelnd an, Tomaten für die Bruschetta zu schneiden. Bevor am Abend die ersten Gäste kamen, half ich in der Küche bei den Vorbereitungen. Ich schnippelte und schälte, erzählte Francesca von meinen Fortschritten in Altgriechisch (das einzig Positive an dem Camp) und ging dann auf die Toilette, um mich frisch zu machen und Pietro im Lokal beim Bedienen zu helfen.

Die Tische waren bereits kurz nach Ladenöffnung bis auf den letzten Platz besetzt, was kein Wunder war, da wir die beste Küche in ganz Monterey hatten. Die Pizzeria wurde unter den Einheimischen und Touristen als Geheimtipp gehandelt. Trotzdem ließen sich die meisten Urlauber am Fisherman’s Warf abzocken. Ich jonglierte Getränke, Pizzen und Salate zwischen den Tischen hin und her. Kassierte ab, deckte neu ein und brachte die Gäste zu ihren Plätzen. Obwohl sich die Saison langsam dem Ende näherte, wimmelte es in Monterey noch von Touristen, worüber ich froh war, denn ich konnte das Trinkgeld wirklich gut gebrauchen. Jedes Jahr im November und Dezember schloss Pietro den Laden, und er und seine Frau besuchten ihre Kinder, die verstreut in den unterschiedlichsten Bundesstaaten lebten. Bis dahin musste ich mir ein Polster erarbeitet haben. Wenn Mom trocken blieb, konnte ich zukünftig vielleicht auch am Wochenende arbeiten. Beflügelt von dem Gedanken, deckte ich einen Tisch ein und ging zum Empfang, um die nächsten Gäste zu platzieren.

»Hallo, Jess.« Ich hatte gerade nach den Speisekarten gegriffen, als ich die bekannte Stimme hörte. Mein Kopf ruckte hoch und Zeus’ Blick fixierte mich. Bevor die Karten auf den Boden polterten, hatte er sie mir schon abgenommen. »Es ist schön, dich zu sehen.«

Mein Mund öffnete und schloss sich wieder.

»Wir sind sehr hungrig, wärst du so nett und bringst uns an den Tisch?« Hera strich mir zur Begrüßung beruhigend über den Arm. Dann sah ich Cayden, Apoll und Athene hinter ihr stehen. Caydens Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das ich nicht erwiderte. Hastig sah ich zu Apoll, der mir zuzwinkerte. Diese ganze Familie machte mich wahnsinnig. Ich führte sie zu ihren Plätzen, nahm die Getränkebestellung entgegen und hastete in die Küche. Sie waren tatsächlich alle hier. Das konnte nur Ärger bedeuten. Sie mussten ihre Pläne aus irgendeinem Grund geändert haben.

»Pietro, kannst du den Tisch mit den neuen Gästen übernehmen?«, bat ich und setzte mich mit zitternden Knien auf einen Hocker.

Mein Chef lugte durch das Bullauge in der Küchentür nach draußen. »Auf keinen Fall«, sagte er. »Da sitzen zwei sehr hübsche Jungs. Schnapp dir einen von ihnen. Mach ihm schöne Augen. Bestimmt sind es Touristen und du bist ihn rapidamente wieder los. Aber bis dahin …« Er fuchtelte mit den Armen in der Luft, und ich kniff die Lippen zusammen, stöhnte und sah Hilfe suchend zu Francesca, die summend den Pizzateig knetete. Von ihr war auch kein Beistand zu erwarten.

Gut. Ich konnte das schaffen. Die würden mir nicht den Job vermiesen, den ich so gern machte. Wenn ich einfach nett und freundlich zu ihnen war, wie auch zu allen anderen Gästen, würden sie essen und danach verschwinden. Das würde ich schaffen.

Ich brachte die Getränke an den Tisch und notierte die Essensbestellung. Dabei achtete ich darauf, keinem von ihnen in die Augen zu schauen. Selbst erstaunt darüber, dass mein Plan aufging, eilte ich zurück in die Küche. Bis ihre Bestellung fertig war, ignorierte ich den Tisch geflissentlich. Leider hatte ich die Rechnung ohne meinen Boss gemacht.

»Bring den Jungs noch eine Cola«, raunte er mir zu. »Sie haben längst ausgetrunken, und lächle sie an.«

Ich schluckte meinen Ärger hinunter. Musste das sein? Die würden schon nicht verdursten. Bei dem Gedanken grinste ich. Mein Problem wäre im Nu gelöst.

»Ihre Pizzen sind fertig.« Pietro blitzte mich zehn Minuten später ungehalten an. »Wenn du sie ihnen nicht bald bringst, sind sie kalt.«

Ich nickte und schleppte die Pizzen an den Tisch. Meine Arme zitterten unter dem Gewicht der Teller. Ich war etwas aus der Übung. Normalerweise machte es mir nichts aus.

»Möchtet ihr noch etwas trinken?«, fragte ich, nachdem ich die Teller abgestellt hatte.

»Wie lange musst du arbeiten?«, stellte Zeus eine Gegenfrage.

Das ging ihn nichts an, also ignorierte ich die Frage einfach.

»Noch drei Cola?« Ich sammelte die leeren Gläser ein.

»Jess. Wie lange hast du hier zu tun?«, wiederholte Zeus eindringlicher.

Ich drehte mich um und ging. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Hera beruhigend eine Hand auf den Arm ihres Mannes legte.

Dieses Mal habe ich das letzte Wort gehabt, dachte ich triumphierend.

»Sie wollen ein Dessert«, mahnte Pietro mich zum dritten Mal an diesem Abend. »Bring ihnen das Tiramisu und fünf Espressi. Die gehen aufs Haus, weil du heute so trödelst.«

Pietro war ein herzensguter Mensch, aber er hasste es, wenn seine Gäste nicht ordentlich bedient wurden. Deshalb hatten alle Aushilfen vor mir nach nur wenigen Wochen den Job wieder verloren. Das konnte ich mir nicht leisten.

»Sorry«, sagte ich. »Du kannst sie mir vom Gehalt abziehen.«

Sofort wurde Pietros Blick weich. »Ach, Carissima. Das würde ich doch nie tun. Jetzt beeil dich.«

»Dessert und Espressi mit den besten Empfehlungen vom Chef«, sagte ich, als ich die Last abstellen wollte. Das Tablett geriet ins Wanken. Die Teelöffel fielen klirrend von den Untertassen. Sonst war ich nie so ungeschickt. Cayden nahm mir das Tablett ab, bevor ich überhaupt registriert hatte, dass er aufgestanden war. Unsere Fingerspitzen berührten sich, und wenn ich das Tablett noch gehalten hätte, wäre es spätestens jetzt auf den Boden geknallt. Ein Stromstoß durchzuckte mich.

Mit zitternden Fingern verteilte ich die Teller und Tassen.

»Du siehst müde aus, mein Kind«, sagte Hera. »Ist das nicht zu viel für dich? Erst die Schule und dann noch die Arbeit?«

»Ist schon in Ordnung.« Ihr Mitleid konnten sie sich sparen.

»Cayden wird dich nachher nach Hause bringen«, sagte Zeus. »Du fährst nicht mit diesem Fahrrad.« Er betonte das Wort falsch. »Wenn ich besser aufgepasst hätte, wäre so ein Wackelding nie erfunden worden. Das ist lebensgefährlich.«

War das sein Ernst? Mir fielen tausend Sachen ein, die nicht hätten erfunden werden sollen. Ein Fahrrad stand ungefähr an letzter Stelle.

Sein Gesichtsausdruck erstickte meinen Widerspruch im Keim. »Nicht Cayden«, verlangte ich leise, aber bestimmt. »Wenn du darauf bestehst, dass mich jemand nach Hause bringt, wäre Athene mir lieber.« Tatsächlich war ich plötzlich so müde, dass ich auf der Stelle hätte einschlafen können. Es musste auf elf Uhr zugehen.

Athene sprang auf. »Habe ich doch gleich gesagt.«

Ohne es zu wollen, lächelte ich sie an.

»Wir werden gut auf dich aufpassen, kleine Diafani«, sagte Zeus leise. »Du musst dir keine Sorgen mehr machen.«

Bis gestern hatte ich mir keine Sorgen gemacht. Jedenfalls nicht darum. »Dann seid ihr deswegen hier?«, platzte ich heraus. Die Müdigkeit war wie weggeblasen.

»Unter anderem«, kam die einsilbige Antwort von Apoll. Missmutig löffelte er das köstliche Tiramisu. Wenn Pietro das sähe, wäre er beleidigt.

Cayden musterte mich stirnrunzelnd, aber glücklicherweise bestand Zeus nicht weiter darauf, dass er mich nach Hause brachte.

Ich machte die Rechnung fertig und schob mein Fahrrad in Pietros Garage. Athene wartete geduldig neben der Tür. Ich verabschiedete mich von Pietro und Francesca und ging mit Athene zu ihrem Auto. Kaum saßen wir, wurde eine der hinteren Türen geöffnet, und Cayden schob sich auf den Rücksitz.

»Ich begleite euch«, sagte er und ignorierte Athenes Protest. »Man kann nicht vorsichtig genug sein.«

Die Autofahrt verlief schweigend. Keiner von uns sprach, obwohl mir jede Menge Fragen auf der Zunge brannten. Ich war hundemüde, konnte mich aber unmöglich entspannen, wenn Cayden so dicht hinter mir saß. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken. Das letzte Mal war er mir auf dem Abschlussfest im Camp so nah gekommen. Kurz darauf hatte ich ihn und Robyn in unserer Lodge erwischt. Ich umklammerte meine Tasche auf meinem Schoß und beugte mich etwas weiter nach vorne.

Athene hielt vor unserer Haustür. »Wir sehen uns morgen in der Schule.«

»Wie lange bleibt ihr in der Stadt?«, platzte ich heraus, obwohl ich eigentlich wissen wollte, wie lange ich ihn diesmal ertragen musste. Vielleicht sollte ich mich krankmelden.

Athene zuckte nur mit den Schultern. »Wir passen auf dich auf. Das hat Vater doch gesagt.«

»Ist es wegen Agrios?«, fragte ich. »Denkt ihr, der Albino lauert mir irgendwo auf?«

»Wir wissen es nicht. Aber wir sind mittlerweile sicher, dass er nicht nur Skylla geschickt hat, sondern auch für den Unfall verantwortlich war, den du und Robyn auf dem Weg zum Camp hattet.«

Ich schluckte. Natürlich. Ich hatte den Albino selbst am Straßenrand stehen sehen. Warum hatte ich da nicht längst dran gedacht? Er hatte den Baum zum Umsturz gebracht. Er war schuld daran, dass Robyn und ich fast gestorben waren. Wenn er mir gefolgt war …

»Hör auf, ihr Angst zu machen«, erklang Caydens Stimme scharf von hinten.

Ich spürte seine Hand auf meinem Arm. Sanft strich er daran herunter und ich erstarrte. »Mach dir keine Sorgen. Agrios ist nicht hier und er wird dir nichts tun. Wir lassen das nicht zu.«

Zornig schlug ich die Hand weg. »Fass mich nicht an«, zischte ich. Wie konnte er es wagen! Mit dieser Hand hatte er Robyn … Ich öffnete die Autotür. »Schlaf gut«, rief Athene mir hinterher, als ich ausstieg und zum Haus ging.

»Warte doch, Jess.«

Ich hörte Caydens Schritte und ging schneller.

»Bitte. Lass es mich doch erklären.«

Ich stieß den Schlüssel ins Schloss und knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

Erklären. Wollte er mich auf den Arm nehmen? Erschöpft sank ich gegen die Wand in der Diele. Draußen heulte der Motor auf und der Wagen entfernte sich. Ich atmete tief ein und aus, aber mein Herzschlag beruhigte sich nur langsam.

Im Haus war es still. Nicht mal das leise Gemurmel des Fernsehers war mehr zu hören. Das konnte nur bedeuten, dass Mom im Bett war. Früher hatte sie die ganze Nacht irgendwelchen Mist geschaut und dabei getrunken. Bei Sonnenaufgang war sie schließlich ins Bett gekrochen und hatte es mir überlassen, Phoebe zu wecken und für die Schule fertig zu machen. Heute Morgen war sie sogar mit uns aufgestanden und hatte uns Frühstück hingestellt. Es hatte sich komisch angefühlt.

Das Auto stand in der Einfahrt. Also war beim Ballett alles glattgelaufen. Ich sollte erleichterter sein, als ich mich fühlte. Es war besser, wenn ich nachschaute, ob Phoebe in ihrem Bett lag. Jahrelange Gewohnheiten ließen sich nur schwer abschütteln.

Ich öffnete leise Phoebes Zimmertür. Das Nachtlicht brannte und tauchte den Raum in ein geheimnisvolles Licht. Meine Schwester schlief wie immer bei weit geöffnetem Fenster, damit sie das Meer hören konnte. Ich strich ihr das Haar aus dem Gesicht und lächelte über den zerlumpten Teddy, den sie fest an