Grab im Blumenbeet - Louise M. Moran - E-Book

Grab im Blumenbeet E-Book

Louise M. Moran

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Beschreibung

Boudica führt in einer Einliegerwohnung ein ruhiges, zurückgezogenes Leben, bis zwei Kolleginnen sie aus der Idylle reißen und mit dem Nachtleben und Jonas bekanntmachen. Nach dem zufälligen Fund eines menschlichen Skeletts im Garten der Vermieterin stellt sich die Frage, wer ebenfalls eine Leiche im Keller haben könnte. Wer war die Tote? Kennt Finn die Antwort? Ein humorvoller Roman über Liebe, Freundschaft, spontane Lebensplanänderungen und ein wenig Gartenarbeit.

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MOBI

Seitenzahl: 268

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Inhalt

Volltreffer

Sekt oder Selters

Willkommen im Club

Ice Cream ohne Smoke

Verpackungskünstlerin

Gefunden

Gäste im Garten

Flatterband und Nervenflattern

Stau in der Partyzone

Vollhonk mit Idiotenzertifikat

Große Pläne

Dinner for Fourteen – Der 90. Geburtstag

1. Volltreffer

Ein lauter Knall riss mich aus meinen Tagträumen und ließ mich heftig zusammenzucken. Ich drehte mich um. Hinter mir stand, halb auf dem Gehweg, halb in einer Einfahrt, ein uralter Golf an einen großen Betonblumenkübel geschmiegt, der keinen Zentimeter von seinem Bestimmungsort gewichen war. Eine Person war über dem Lenkrad zusammengesunken und regte sich nicht. Hatte ein Rentner am Steuer einen Schlaganfall erlitten?

Weit und breit war niemand zu sehen. Nicht einmal eine Gardine bewegte sich. Mist! Nun musste ich ganz allein Ersthelferin spielen. Wie ging doch gleich nochmal der Rettungsgriff, mit dem man Unfallopfer aus dem Auto ziehen konnte? Ich atmete tief ein, bevor ich energisch zur Tat schritt. Mit einem Ruck öffnete ich die Fahrertür und rief: »Hallo! Können Sie mich hören?«

»Klar und deutlich«, murmelte der Fahrer, ohne den Kopf zu heben. »Und die braven Bürgerinnen und Bürger der Nachbarorte garantiert auch, wenn du weiter so herumbrüllst.«

»Sind Sie verletzt?«

»Nein, ich warte hier nur geduldig, bis sich vor mir ein großes Loch auftut, in dem ich vor Scham versinken kann. Ich wohne hier und habe selbst mitgeholfen, diesen verdammten Kübel mit Eisenstangen im Boden zu verankern. Wir hoffen, dass der nächste Idiot, der ihn nachts besoffen über den Haufen fährt und abhauen will, sein blaues Wunder erlebt.« Der junge Mann richtete sich auf, packte wie in der Fahrschule das Lenkrad mit beiden Händen, bewegte es ein wenig hin und her und grinste mich frech an. »Bitte gehen Sie weiter! Es gibt nichts zu sehen.« Mit der Stimme eines Kleinkindes fügte er hinzu: »Ich fahr’ dann mal den Wagen in die Garage. Brumm-brumm!«

Unschlüssig nagte ich an meiner Unterlippe. Hatte der Typ eine Gehirnerschütterung oder war er von Natur aus nicht ganz bei Trost? Konnte ich ihn gefahrlos allein lassen? War er etwa betrunken? Ich beugte mich zu ihm hinunter und sah ihm in die Augen. Die Pupillen wirkten normal. Alkohol war nicht zu riechen. Das leichte Zucken der Mundwinkel hing vermutlich mit dem Amüsement ihres Besitzers zusammen und schien kein Anzeichen für einen Schlaganfall zu sein.

»Ich zähle bis drei. Wenn du bis dahin deinen Kopf nicht wegziehst, küsse ich dich«, flüsterte er spöttisch lächelnd. »Eins …«

Hastig richtete ich mich auf. Beinahe hätte ich mir den Kopf am Türrahmen angehauen. Nein, der Typ brauchte keine Erste Hilfe, sondern höchstens einen Psychiater.

Ich setzte meinen Weg fort, bis mir nach ein paar Schritten einfiel, dass ich besser das Kennzeichen notieren sollte, falls der Spinner gelogen hatte und gar nicht dort wohnte. Fahrerflucht schien sich in letzter Zeit zum Volkssport entwickelt zu haben. Dem wollte ich gern entgegenwirken.

Als ich mich umdrehte, warf der Fahrer gerade die Tür ins Schloss und betätigte breit grinsend die Zentralverriegelung. »Gibst du mir deine Telefonnummer? Für die Versicherung?«

»Wozu braucht die meine Nummer?«, fragte ich verblüfft.

»Falls der Sachbearbeiter dich zu einem Kaffee einladen möchte.«

Hastig fotografierte ich mit meinem Smartphone das Kennzeichen des Wagens. Praktischerweise befand es sich direkt neben dem Blumenkübel, sodass sämtliche eventuell aufkommende Fragen zum Zweck des Bilds sofort beantwortet waren.

»Ist was passiert?«, erkundigte sich ein älterer Herr, der in der Eingangstür des Hauses aufgetaucht war, zu dem die mit dem Blumenkübel dekorierte Kombination aus Einfahrt und Hauszugang gehörte. Er war mit einer weißen Küchenschürze mit der offenbar handgemalten Aufschrift Chef der Cousine bekleidet. Inständig hoffte ich, dass er darunter zumindest Shorts trug, denn auf ein T-Shirt hatte er großzügig verzichtet.

Ich kannte den Mann flüchtig vom Sehen. Hin und wieder arbeitete er in seinem Vorgarten, wenn ich von der Haltestelle kam. Seit einer Weile grüßten wir einander.

Der Unfallverursacher kratzte sich am Hinterkopf. »Ja, also der Blumenkasten ist fest im Boden verankert und weicht keinen Millimeter vom Fleck. Habe es gerade mit deinem Wagen getestet und bin bereit, es vor Gericht zu beschwören. Wir werden wohl in der Apotheke eine große Tube Beulensalbe kaufen müssen.«

»Ist Ihnen was passiert?«, fragte mich der Hausbesitzer erschrocken.

Ich starrte ihn an. Was hatte das mit mir zu tun? Sah ich etwa aus wie ein Betonblumenkübel?

»Nein!«, antwortete der irre Typ für mich. »Sie kam nur zufällig vorbei und wollte Erste Hilfe leisten. Wenn ich es geschickt angestellt hätte, wäre ich in den Genuss einer Mund-zu-Mund-Beatmung gekommen, aber die besten Ideen hat man leider immer erst hinterher.«

»Guten Abend!«, sagte ich freundlich lächelnd zu dem älteren Herrn, der schließlich auf keinen Fall etwas dafür konnte, dass sein Mitbewohner gewaltig einen an der Klatsche hatte, und wandte mich zum Gehen. Das hätte ich längst tun sollen.

»Mögen Sie Kirschen?«, fragte er, was mir ein eigenartiger Gruß zu sein schien. Was rauchten die beiden da in diesem kleinen Einfamilienhaus nach Feierabend? War das legal?

»Ja«, antwortete ich verwirrt.

»Warten Sie! Ich packe Ihnen welche ein!« Schon war er im Haus verschwunden. Die stark beschädigte linke Seite seines Autos schien ihn nicht weiter zu interessieren. Zumindest trug er tatsächlich Bermudas unter der Schürze. Glück gehabt!

Mir wurde die Sache langsam unheimlich. Statt hier herumzustehen, setzte ich meinen Heimweg fort, kam jedoch nicht weit.

»He! Warte! Opa packt dir doch Kirschen ein!«

Ich zuckte zusammen und drehte mich verlegen um.

»Wenn du es eilig hast, kannst du mir gern deine Adresse geben, damit ich dir die Kirschen nachher vorbeibringen kann«, bot der Unfallfahrer breit grinsend an.

Ich schenkte ihm ein schuldbewusstes Lächeln und kehrte zur Einfahrt zurück. »Nicht nötig. Ich kann warten.«

»Du bist echt eine merkwürdige Lady!«, stellte er lachend fest.

Das sagte gerade der Richtige! »Willst du den Wagen so stehenlassen?«, lenkte ich das Gespräch in eine andere Richtung.

»Warum nicht?« Er grinste. »Unsere Nachbarin parkt noch viel chaotischer! Ihretwegen haben wir das bekloppte Teil überhaupt aufgestellt. Wenn ich schon spontan so eine kostspielige Abendgestaltung wähle, möchte ich wenigstens ihr dummes Gesicht sehen. Vielleicht klingelt sie nachher bei Opa, um ihn darauf hinzuweisen. Das wird ein Spaß!«

Ratlos blickte ich abwechselnd in das strahlende Gesicht meines Gesprächspartners und auf den Unfallwagen. Ich verstand die Welt nicht mehr.

»Wenn du in deinem Leben so richtig viel Scheiße erlebt hast, bringen dich solche Kleinigkeiten kaum noch aus der Fassung«, flüsterte er und blickte mir ernst in die Augen. »Wer sich über eine Blechbeule aufregt, hat keine echten Probleme. – Ich heiße Finn. Und du?«

»Boudica.« Den Moment hatte ich gefürchtet. Meist musste ich meinen Namen dreimal wiederholen und obendrein buchstabieren. Manchmal beneidete ich all diese Leas, Lenas und Lauras, deren Eltern bei der Namenssuche offensichtlich lediglich einen kurzen Blick auf die Geburtsanzeigen im Gemeindeblatt geworfen hatten.

Meine Mutter hatte hingegen in den letzten Wochen der Schwangerschaft einen Roman über den keltischen Aufstand im römisch besetzten Britannien gelesen und mich kurzerhand nach der Heerführerin benannt. Offenbar konnten wehenfördernde Medikamente ungeahnte Nebenwirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten einer Wöchnerin haben. Davon hatte vermutlich nichts im Beipackzettel gestanden.

Entsprechend verdutzt fiel Finns Gesichtsausdruck aus. »Heißt du wirklich so, oder möchtest du mir deinen Namen nicht verraten? – Das wäre beides okay. Ich will’s bloß wissen.«

»Ich heiße tatsächlich so. Der Name stammt aus dem ersten Jahrhundert, als in Britannien eine keltische Königin …« Entmutigt brach ich mitten im Satz ab. Wozu lang und breit etwas erklären, was mit Sicherheit ebenfalls zur Erheiterung meines Gegenübers beitragen würde? Wer einen Unfall nicht ernst nehmen konnte, machte sich über so was doch erst recht lustig.

Finn schien lautlos in sich hineinzulachen. Klar. War ja nicht anders zu erwarten. »Da kannst du froh sein, dass du kein Junge bist. Sonst würdest du womöglich Prasutagus heißen.«

Ich war baff. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass jemand die Geschichte kannte und sich sogar an den Namen des eher unwichtigen, verstorbenen Gatten der Boudica erinnerte.

Finn zwinkerte mir zu. »Boudica klingt hübsch und passt zu dir. – Wenn ich daran denke, wie du dich vorhin mit diesem entschlossenen, kritischen Blick über mich gebeugt hast … Mann, da ist mir der Arsch auf Grundeis gegangen. Zum Glück bin ich lediglich ein miserabler Autofahrer und kein römischer Legionär! Sonst …« Er deutete mit dem Zeigefinger das Aufschlitzen der Kehle an, riss die Augen auf und tat so, als würde er gleich umfallen.

Der ältere Herr trat aus der Tür und kam eifrig auf uns zu. »Ich habe ein Glas Himbeermarmelade dazugepackt.« Nachdem er mir eine prall gefüllte Papiertüte übereicht hatte, machte er auf dem Absatz kehrt. »Ich muss wieder in die Küche. Vielen Dank für alles.«

Wofür bedankte sich dieser ulkige Alte eigentlich? Warum gab er mir Kirschen? »Danke. Was möchten Sie dafür haben?«, fragte ich verlegen. Doch er schien mich nicht zu hören.

»Vergiss es. Der Baum hängt voll mit dem Zeug. Opa ist froh um jede Kirsche, die er nicht einkochen muss.« Finn schien auf einmal so verlegen zu sein wie ich.

Schnell nutzte ich die Gelegenheit, mich endlich aus dem Staub zu machen.

Als ich außer Sichtweite war, warf ich einen neugierigen Blick in die Tüte: dunkle, reife Süßkirschen. Lächelnd setzte ich meinen Heimweg fort. Langsam fühlte ich mich in diesem drolligen Dorf zu Hause.

Die Hirschstraße führte mit erträglicher Steigung den Hügel hinauf. Auf beiden Seiten reihten sich Einfamilienhäuser aneinander, deren Vorgärten für den unaufmerksamen Betrachter alle gleich aussahen: sorgfältig gestutzte Büsche in unkrautfreien Blumenbeeten. Besonders beliebt waren hier offenbar Thuja, Buchs und blühende Bodendecker. Ab und zu sorgte eine größere Konifere für Abwechslung.

Doch zwei Exemplare hatten offensichtlich die Frechheit besessen, dem jeweiligen Erdgeschoss das Licht zu nehmen. Sie waren von einem ortsansässigen Künstler ruchlos gemeuchelt, in etwa drei Meter Höhe abgesägt, entastet, entrindet und mit einer kunstvollen Schnitzerei versehen worden, die alles andere als meinen Geschmack traf.

Es war paradox: Ich liebte gedrechselte, geschnitzte alte Möbel. Doch die aufwendig gestalteten Stämme in den Vorgärten empfand ich keineswegs als Holzkunstwerke, sondern als tote Bäume, an denen Leichenschändung betrieben worden war.

Für mich stand durchaus die Frage im Raum, ob die fleißigen älteren Herrschaften, die ich manchmal bei der Gartenarbeit antraf, nach ihrem Ableben bestattet oder mit Schnitzereien versehen im gepflegten Vorgarten ausgestellt werden würden. Es blieb abzuwarten.

Zumindest würde sich an ihnen kein Baumpilz ansiedeln, der für mich den heimlichen Triumph des Lebens über den Gestaltungswahnsinn gewisser Mitmenschen symbolisierte.

Gleiches galt für den winzigen Löwenzahn, der sich auf die künstlerisch angelegte Schotterfläche des Eckhauses verirrt hatte. Ich bewunderte den unerschütterlichen Optimismus dieser Pflanze, die zielstrebig eine Blüte in die Sonne hielt und wohl nicht wusste, dass ihre Tage längst gezählt waren. Gehörte doch zur Erhaltung der angeblich so pflegeleichten, leblosen Vorgartengestaltung der großzügige Einsatz von Unkrautvernichtern, Moosvertilgern, Algenkillern und Insektenabmurksern.

Ich bog in den Schafsbuckelweg ein, den ich wie meinen Vornamen ständig buchstabieren musste, wenn mich jemand nach meiner Adresse fragte. Natürlich hatte ich ein wenig Verständnis dafür, dass die Ortsplaner gern die alten Flurnamen erhalten wollten. Aber musste das unbedingt in Form von Straßennamen geschehen? Eine Gedenktafel, ein Eintrag in der Gemeindechronik oder ein Tattoo auf der Stirn des Bürgermeisters hätte den Zweck genauso gut erfüllt, ohne mich dem Gespött der Pizzaboten auszusetzen.

Im Vorgarten meiner Vermieterin entdeckte ich hinter einem Rosenbusch Amadeus, den Kater der Nachbarin. Seine Körperhaltung verriet, was er von der Vorgartengestaltung hielt. Doch von meiner Anwesenheit offensichtlich gestört unterbrach er sein Vorhaben und blickte mich vorwurfsvoll an.

»Ich könnte auch nicht, wenn jemand zuguckt«, raunte ich ihm zu und überließ ihn seinen dringenden Geschäften.

So leise wie möglich schloss ich die Haustür auf und schlich an der offenstehenden Wohnungstür meiner Vermieterin vorbei, um meine unerwartete Obstbeute unbemerkt in Sicherheit zu bringen. Aus der unteren Wohnung war leises Schluchzen zu hören. Mich beschlich eine gewisse Ahnung.

Wie befürchtet saß auf der obersten Stufe der Treppe, die zu meiner Einliegerwohnung führte, Juliette und bearbeitete eifrig ihr Smartphone. Sie war die siebzehnjährige Tochter meiner Vermieterin Andrea und flüchtete gern zu mir, wenn sie Stress mit ihrer Mutter hatte.

»Na, endlich!«, begrüßte sie mich und rutschte etwas zur Seite, um mich vorbeizulassen.

»Hi!« Ich schloss die Wohnungstür auf. Möglichst unauffällig stellte ich meine Tasche und die Papiertüte mit den Kirschen auf die Flurkommode, um meine Schuhe ausziehen zu können.

Juliette folgte mir kichernd. Vermutlich hatte gerade jemand etwas Lustiges gepostet.

Ich brachte die Tüte in die Küche und rief über die Schulter: »Wie geht’s deiner Mutter?«

»Sie heult«, stellte mein Gast sachlich fest, ohne sich groß vom Tippen ablenken zu lassen.

»Weswegen?«, hakte ich nach.

»Onkel Markus hat wohl was Falsches gesagt oder so. Er hilft ihr irgendwas im Garten. Oder er ist auch abgehauen.« Zu meiner grenzenlosen Verblüffung steckte sie das Smartphone weg und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.

»Bei mir gibt’s Rührei auf Schwarzbrot. Möchtest du mitessen?«, bot ich an. Sie war so leicht zu durchschauen!

»Gerne! Ich habe einen Mordshunger!« Juliette deckte in der Essecke routiniert den Tisch, während ich in der Kochnische die Eier in die Pfanne haute, und setzte sich mit ihrem Smartphone auf die Couch.

So ähnliche stellte ich mir die Kommunikation eines alten Ehepaares vor: kurz, knapp, direkt auf den Punkt. Zum wiederholten Male beschloss ich, niemals zu heiraten und auf keinen Fall Kinder zu bekommen.

Aus dem Treppenhaus war Andreas Stimme zu hören: »Juliette!«

Die Angesprochene rührte sich nicht vom Fleck, sondern betrachtete ihr Smartphone.

»Deine Mutter ruft.«

Ein Seufzen. »Ja, ich hör’s.«

»Juliette! Du kannst dich nicht ständig bei Boudica durchfressen! Wir zahlen ihr schließlich kein Kostgeld! Komm sofort runter!«, brüllte Andrea unter Ausnutzung der hervorragenden Akustik des Treppenhauses.

Im Grunde genommen wäre die Sache mit dem Kostgeld keine schlechte Idee gewesen. Ich öffnete meine Wohnungstür. »Hallo, Andrea! Wir essen gleich. Ich bin gerade dabei, für zwei zu kochen.«

Meine Vermieterin stand mit verweinten Augen auf dem Treppenabsatz und schenkte mir einen ratlosen Blick.

»Möchtest du mitessen?«, bot ich an. »Ich kann schnell zwei Eier …«

»So weit kommt’s noch!« Ihre Stimme kippte. Tränen blinkten in ihren Augen.

»Was ist denn passiert?«, fragte ich pflichtschuldig. Sie weinte momentan bei jeder Gelegenheit und lief dadurch Gefahr, bald nicht mehr von mir ernstgenommen zu werden.

Mit zitternden Lippen antwortete sie etwas, das klang wie: »Herr Bush ist tot.« Schluchzend rannte sie in ihre Wohnung und warf die Tür hinter sich zu.

Verdutzt starrte ich auf das Treppengeländer. Sprach sie vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten? Oder von einem Bekannten? Müsste ich diesen Herrn kennen? Hastig schloss ich die Wohnungstür und flitzte in die Kochecke. Gerade noch einmal gutgegangen. Nichts war angebrannt.

»Verstehst du jetzt, warum ich mich eben tot stellte?«, erkundigte sich Juliette aus dem Wohnzimmer. »Eigentlich bin in diesem Haus ich die mit den Hormonschwankungen. Aber meine Pubertät fällt wohl aus wegen isnich.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Mein Onkel Markus. Kennst du doch.«

Entsetzt starrte ich sie an. »Das tut mir so leid, Juliette! Ich hatte ja keine Ahnung!«

Sie blickte vom Display auf. »Was meinst du?«

Ich erwiderte ihren verwirrten Blick. »Dass er verstorben ist.«

»Quatsch!« Juliette lachte. »Der kann Bäume ausreißen. Hat er auch vor. Der Buchs neben der Terrasse ist total am Arsch und wird nie wieder lebendig. Aber erklär das mal meiner Erzeugerin.«

»Ach, der Buchs ist tot!« Erleichtert verteilte ich das Rührei auf zwei Teller.

»Ja, wegen der Raupen mit dem komischen Namen.«

»Buchsbaumzünsler?«

»Mama ist deshalb völlig fertig. Was dachtest du?«

»Nicht so wichtig.«

Wir aßen schweigend. Ich hing meinen Gedanken nach und Juliette am Smartphone.

***

»Essen!«, brüllte Klaus ins Treppenhaus.

»Mit wem sprichst du?«, fragte hinter ihm Finn mit Unschuldsmiene.

Sein Großvater fuhr herum. »Mann, hast du mich erschreckt!«

»Sagt der Typ, der hier herumschreit. Was gibt’s zu essen?«

»Zucchinieintopf mit Bauernbrot.«

»Wolltest du nicht wochentags vegetarisch kochen?«

»Das ist doch veg…« Klaus stutzte und klopfte Finn lachend auf den Rücken. »Hach, was ist der Bub heute wieder witzig!«

»Achtung! Platz da! Ich komme mit dem Rennwagen!« Sonja ging Schritt für Schritt durch den Flur ins Esszimmer. Dabei stützte sie sich auf ein Gehgestell.

Finn schlenderte hinterher, verzichtete jedoch darauf, die Hände in die Hosentaschen zu stecken, um jederzeit blitzschnell zupacken zu können. Er wusste, dass seine Großmutter das hasste, aber er konnte nicht anders. Schließlich war es seit Jahren ein offenes Familiengeheimnis, aus welcher Linie er sein Tollpatschgen geerbt hatte. Was gegenüber Außenstehenden als Badeunfall bezeichnet wurde, war ein Kopfsprung in ein unbekanntes Gewässer gewesen, den seine Mutter als Einzige in der Gruppe nicht überlebt hatte. Strenggenommen verdankte Finn auch seine Existenz der Tollpatschigkeit seiner Mutter.

Nachdem alle platzgenommen hatten, verteilte Klaus den Eintopf.

Finn reichte Sonja den Brotteller.

»Ist es arg schlimm?«, erkundigte sie sich und blickte ihm forschend in die Augen.

»Meinst du den Schaden am Auto oder meinen Dachschaden?«

»Beides.« Sie lächelte. »Dir geht es also gut?«

»Ja, alles noch dort, wo es hingehört. Das Auto bringe ich morgen in die Werkstatt. Danach werde ich in der Lage sein, den anderen Teil deiner Frage zu beantworten.«

»Das kann ich doch erledigen«, widersprach Klaus.

»Nett von dir. Danke. Die Rechnung geht natürlich an mich«, stellte Finn klar.

Klaus drohte mit fröhlichem Gesicht: »Nein, das ziehen wir dir vom Erbe ab, junger Mann!«

Sonja ergänzte: »Du wirst Augen machen, wenn du beim Testament eine exakte Aufstellung aller Extrakosten findest, die du im Laufe der Jahre verursacht hast. Da kommt ein nettes Sümmchen zusammen. Wenn ich allein an die Sache mit dem Bobbycar denke …«

Klaus lachte. »Ja, und der Salto auf dem Trampolin, der in Frau Fischers Gartenteich endete.«

Finn nahm sich ein Stück Brot. »Aber Frau Fischers Fische habe ich alle rechtzeitig gerettet, bevor sich das Wasser durch die kaputte Teichfolie davonmachen konnte!«

»Dann war da noch im Gymnasium der Balanceakt auf dem Blechdach des Fahrradständers …« Sonja ließ auf halbem Weg zum Mund den vollen Löffel wieder sinken. Vor Lachen zitterte ihr die Hand.

»Das haben wir alles fein säuberlich notiert, damit du dich mal nicht wunderst, warum vom Familienvermögen so wenig übrig ist«, behauptete Klaus. Ein Zwinkern verriet ihn jedoch.

Finn ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Das Meiste hat doch eure leidgeprüfte Haftpflichtversicherung übernommen.«

»Den Schaden an unserem Dachkanal aber nicht. – Und die Fliesen des Kellerabgangs, die Scheibe des Wohnzimmerfensters, den Wasserschaden auf dem Parkett …«

»Lasst euch mit dem Vererben ruhig dreißig Jahre Zeit«, schlug Finn hastig vor. »Bis dahin ist das Geld ohnehin kaum noch etwas wert, und ich werde froh sein, dass ich es in meiner glorreichen Jugend gedankenlos verzockt habe.«

Sonja lachte. »Dreißig Jahre? Ich will doch keine hundert werden!«

»Darüber reden wir, wenn ihr neunundneunzig seid«, schlug Finn vor. »Da seht ihr das vielleicht ganz anders.«

Klaus nickte grinsend. »Dann haben wir die nötige Reife, um die Situation völlig neu einzuschätzen.«

»Aber nun verrate mir mal: Wie konnte das passieren?«, wollte Sonja wissen.

Finn zuckte mit den Schultern. »Brumm-brumm und bum!«

»Von wegen!« Klaus lachte. »Einem Mädchen hat er hinterhergeschaut. Stimmt’s oder habe ich recht?«

Finn schenkte seiner Großmutter ein Glas Wasser ein. »Quatsch!«

»Ich hab’s doch selbst gesehen!«

»Du bist ein sogenannter Knallzeuge«, dozierte Finn mit gespieltem Ernst. »Ein Zeuge, der erst durch das Geräusch des Aufpralls auf das Geschehen aufmerksam wurde und sich die Vorgeschichte zusammenreimt. Außerdem war das eine junge Frau und kein Mädchen. So viel zur Glaubwürdigkeit deiner Zeugenaussage.«

»Mit auffallend schönen Augen«, ergänzte sein Großvater feixend.

»Die ich von hinten ja wohl schlecht sehen konnte.«

»Ihre Rückseite ist auch nicht zu verachten«, lästerte Klaus weiter.

Sonja lachte. »Fragt sich, wer von euch beiden der Dame hinterhergeguckt hat.«

»Ich bin nur meiner Pflicht als Großvater nachgekommen. Schließlich will man wissen, mit wem sich der Junge auf der Straße herumtreibt.«

»Vielleicht sollten wir den Blumenkasten besser wieder entfernen, bevor noch jemand ernsthaft zu Schaden kommt«, gab Sonja zu bedenken.

Finn verdrehte die Augen. »Quatsch! Der bleibt! Der funktioniert doch super! Vertrau mir! Hab’s extra für dich getestet.«

»Das war sehr nett von dir!« Klaus klopfte ihm feixend auf die Schulter. »Sonja, die Fischer-Trine wendet sonst weiterhin rasant in unserer Einfahrt, und eines Tages übersieht sie dich, während ich das Auto aus der Garage hole.«

»Ich muss ja nicht im Rollstuhl auf dich warten«, beharrte seine Frau. »Ich kann aufstehen und …«

»Oder wir pflanzen was Hohes in den Kübel, damit man den nicht mehr übersieht. ’Ne Dattelpalme oder ’nen Mammutbaum. Christbaumbeleuchtung dranhängen …«

»Ganzjährig – wie Frau Fischer bei ihrem ulkigen Gesträuch neben der Eingangstreppe.« Klaus nickte zustimmend.

***

»Was ist da drin?« Juliette deutete mit dem Finger auf die Papiertüte, die ich in der Kochecke auf die Arbeitsfläche gestellt hatte.

»Kirschen.« Mist! Jetzt musste ich wohl teilen. »Möchtest du welche?«

»Nein, danke!« Juliette lächelte. »Mama wird schon wegen des Abendessens schimpfen. Dabei müsste sie dir doch einfach nur die Miete etwas reduzieren. Aber sie meint, dass du das bestimmt niemals annimmst.«

Och, wenn sie mir die Miete reduziert, würde ich garantiert nicht protestieren, dachte ich. Wenn sie es mir umständlich anbietet, würde ich natürlich höflich ablehnen. Ich stand auf, holte eine Untertasse aus dem Schrank und legte eine Handvoll Kirschen darauf. »Hier, nimm! Vergiss nicht, mir den Teller zurückzubringen.«

Juliette nagte an ihrer Unterlippe. »Ich soll gehen.«

»Sei mir nicht böse«, bat ich. »Ich bin total müde und möchte lieber lesen. Außerdem flippt deine Mutter sicher aus, wenn du nicht bald nach Hause gehst.«

»Ich muss auch noch lernen.«

»Na, siehst du!«

»Bei dir ist es ruhiger«, flüsterte Juliette. »Daheim kann ich mich schlecht konzentrieren.«

»So schlimm?«

»Sie drehte vorhin total ab, als Markus ihr das mit dem Buchs sagte. Dabei war das doch seit Wochen klar. Man konnte die Viecher erkennen, ohne lang zu suchen. Ich ekle mich total, wenn wir daneben auf der Terrasse frühstücken. Aber Mama wollte es nicht glauben.«

»Es war ein Schock für sie.«

»Ich bin froh, wenn das widerliche Ding endlich weg ist!«

»Und das hast du ihr gesagt.«

»Ja.« Juliette wich meinem Blick aus. »Ich dachte, dass es ihr hilft, wenn sie es mal von der Seite betrachtet.«

»Hat es aber nicht.«

»Nein.«

»Und jetzt?«

»Kann ich bei dir lernen? Ich bin auch ganz leise!«

»Okay!«

»Du bist ein Schatz! Ich hol’ nur schnell meine Sachen!« Weg war sie.

Ich nahm eine Schüssel aus dem Schrank und füllte die Kirschen um. Das harte Etwas ganz unten in der Tüte entpuppte sich tatsächlich als ein Glas selbst gekochte Himbeermarmelade, wie mir die schwungvolle Druckschrift auf dem Etikett verriet. Was einem auf dem Heimweg von der S-Bahn alles passieren konnte! Wenn das die Autofahrer wüssten, die sich jeden Morgen durch den Stau quälen, dachte ich lächelnd. Dann würden vielleicht mehr von ihnen auf Bus und Bahn umsteigen.

Ich mochte den älteren Herrn, der stets freundlich zurückgrüßte, wenn ich ihm einen guten Morgen wünschte. Bisher hatte ich angenommen, er sei alleinstehend. Aber vermutlich war er lediglich der einzige Frühaufsteher in diesem Haushalt. An seniler Bettflucht schien er noch nicht zu leiden, obwohl er vorhin ein wenig merkwürdig reagiert hatte.

Es klingelte.

Vor der Tür stand jedoch statt Juliette mit ihren Schulsachen eine reichlich genervt wirkende Andrea. »Wir müssen uns mal ernsthaft über die Zustände in diesem Haus unterhalten!«, erklärte sie mit leicht aggressivem Unterton. »Juliette spielt uns gegeneinander aus, wie es ihr gerade passt!«

Ich trat zur Seite und lud sie mit einer lässigen Geste ein hereinzukommen. Aus der Traum vom gemütlichen Leseabend.

Mit energischen Schritten ging sie zur Couch und setzte sich in die Mitte.

Da ich mich auf keinen Fall neben sie quetschen wollte, blieb für mich nur der dazugehörige Sitzwürfel übrig.

»Wenn dich Juliette das nächste Mal um Essen anbettelt, dann schick sie nach Hause! Der Kühlschrank ist voll!«, stellte sie klar.

»Sie hat nicht gebettelt. Ich habe sie eingeladen.«

»Ich kenne die Tour! Schließlich bin ich ihre Mutter! Das macht sie bei ihrem Vater auch so und kommt damit durch. Der glaubt seit der Scheidung wirklich alles, was sie ihm über mich erzählt. Deshalb probiert sie es jetzt bei dir. Sie muss lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, statt ständig wegzulaufen und das Opfer zu spielen.«

Vielleicht fühlt sie sich in dem Moment tatsächlich als Opfer, dachte ich und schwieg. Nach meiner Erfahrung wurde man Leute durch eisernes Schweigen am schnellsten los. Daher gab ich mir erst gar keine Mühe, irgendwelche Erwiderungen kunstvoll zu formulieren.

Andrea schenkte mir einen verwirrten Blick. Meine Methode schien bereits Wirkung zu zeigen. »Oder was meinst du?«, fragte sie.

»Ich habe keine Ahnung von Erziehung«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Haarscharf am Thema vorbeizudiskutieren und dabei meinem Gegenüber mit ausdruckslosem Gesicht fest in die Augen zu sehen, war meine zweite Spezialität. Meist hielt man mich daraufhin für geistig zurückgeblieben und ließ mich in Ruhe.

»Es wäre mir jedenfalls sehr recht, wenn du dich in Zukunft nicht mehr in meine Erziehung einmischen würdest!« Andrea stand abrupt auf und verließ grußlos die Wohnung.

Leider hatte sich offensichtlich noch nie jemand in ihre eigene Erziehung eingemischt. Sonst hätte sie vielleicht bessere Manieren besessen.

Erleichtert wusch ich mir zwei Handvoll Kirschen ab, nahm meinen Reader aus der Handtasche und legte mich auf dem winzigen Balkon in den Liegestuhl. Bald gelang es mir, das Gezeter auszublenden, das aus der unteren Wohnung zu hören war. Wie das Mädchen bei dem Theater lernen sollte, war mir ein Rätsel.

2. Sekt oder Selters

Für fünfzehn Uhr waren alle Angestellten aus der Verwaltung zum Sektempfang eingeladen. Die Geschäftsführung von Manure Bibelot vertrat offensichtlich die Ansicht, dass die neue Produktlinie ordentlich begossen werden musste. Vielleicht suchte man lediglich einen Vorwand für ein gemeinsames Besäufnis. Wenn ich mir die bisherige Produktpalette so ansah, konnte durchaus auch das Bedürfnis eine Rolle spielen, sich den ganzen Plunder schönzutrinken.

Mir war alles egal. Meine Aufgabe bestand darin, die Kombination aus selbst gebastelten Programmen und einem Wust an Papier, die der im Januar überraschend an einem Schlaganfall verstorbene Chefbuchhalter hinterlassen hatte, auf ein modernes Buchführungssystem umzustellen und dies in Zukunft zu betreiben, ohne meinen Vorgesetzten damit zu behelligen, der zwar nun die Abteilung Statistics and Accounting unter sich, von solchen lästigen Details jedoch kaum Ahnung hatte. Auf welche Weise diese Zahlen entstanden und ihre Größenordnungen, spielte für mich keine Rolle, solange die Mittel ausreichten, um pünktlich mein Gehalt zu bezahlen.

Doch diese Sektempfänge gingen mir auf den Keks. Dies war nun bereits mein dritter und inzwischen wusste ich, wie der Hase lief. Im Prinzip war die Abwesenheit alkoholfreier Alternativen ein Relikt aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, aber irgendein Entscheidungsträger vertrat offenbar die Ansicht, man könne ausschließlich mit Sekt korrekt auf ein Firmenjubiläum, den Geburtstag des stellvertretenden Geschäftsführers und nun die Erweiterung der Produktpalette anstoßen.

Da ich diese Meinung in keiner Weise teilte, anschließend weiterarbeiten wollte und das Sehen von Doppelbildern besonders bei meiner Tätigkeit fatal sein konnte, ging ich nun bereits zum zweiten Mal frühzeitig los, passte den Moment ab, als die mit dem Eingießen beschäftigen Mitarbeiter des Caterers nicht hinsahen, und lieh mir ein Sektglas.

Mit meiner Beute in der Handtasche suchte ich hastig die Damentoilette auf, füllte das Glas zu zwei Dritteln mit Leitungswasser und wartete, um mich als eine der Letzten möglichst unauffällig unter die Kollegen mischen zu können. Wenn man das Glas nicht am Stiel hielt, sondern wie erstaunlich viele Leute den Kelch in die Hand nahm, fiel der Inhalt kaum auf. Beim letzten Mal hatte der Trick hervorragend funktioniert.

Die Tür ging auf. Eine große, auffallend hübsche Brünette betrat den Vorraum. Mein Anblick schien sie etwas aus dem Konzept zu bringen.

Aber mein Gesichtsausdruck strahlte sicherlich auch alles andere als Gastfreundlichkeit aus. Leider war mir keine Zeit geblieben, das Glas auszukippen und in der Tasche verschwinden zu lassen. So stand ich mit meinem Sektglas am Waschbecken vor dem Spiegel und schien mir selbst mit Wasser zuprosten zu wollen. Meine Wangen wurden ganz heiß. Ich brachte nur ein lahmes »Hallo!« heraus.

Die junge Frau tat das einzig Logische: Sie lachte. »Hallo!«, erwiderte sie meinen Gruß, holte zwei Sektgläser aus ihrer Tasche, füllte sie seelenruhig am Wasserhahn und stellte sie auf den Waschtisch. Offenbar war meine Idee keineswegs so einzigartig genial, wie ich gedacht hatte.

»Ich hoffe, du hast dir den Trick nicht patentieren lassen«, meinte sie dabei seelenruhig. »Andererseits wäre ich bereit, Lizenzgebühren zu entrichten, solange sie einen gewissen Rahmen nicht überschreiten.«

Ich blickte sie verständnislos an.

»Keine Bange! Außer Laura hat dich garantiert niemand dabei erwischt, und sie hat es uns unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit weitererzählt. Wir wollen selbst vermeiden, dass es sich herumspricht. Wir wollen bloß mitmachen.« Sie schenkte mir ein entwaffnendes Lächeln. »Ich bin übrigens Isabelle aus dem Product Design.«

»Boudica aus Statistics and Accounting«, stellte ich mich kichernd vor.

»Ach, richtig! Da gab es zum Jahresanfang eine Stellenausschreibung. Offensichtlich gehörte Alkoholismus nicht zu den erforderlichen Qualifikationen, obwohl man es bei deinem Vorgänger für möglich gehalten hätte. Du scheinst diesbezüglich nicht sonderlich erfahren zu sein.« Sie flüsterte vertraulich: »Der war mehrmals pro Woche beim obersten Chef zur vormittäglichen Lagebesprechung.« Sie deutete mit einer eindeutigen Geste das Kippen von Schnäpsen an. »Lass mich raten: Du warst in der ganzen Zeit noch kein einziges Mal bei solch einem supergeheimen Spezialmeeting.« Lachend warf sie ihre langen, dunklen Locken nach hinten. »Tja, die Leutchen in der Chefetage trinken heimlich Wodka, und wir trinken gleich heimlich Wasser.«

»Wodka?« Ich konnte es kaum glauben.

»Ja, den soll man angeblich nicht im Atem riechen können. Keine Ahnung, ob das wirklich stimmt, denn in meiner Abteilung wird nie gesoffen, und ich werde zu diesen ominösen Treffen ohne Besprechungsprotokoll ebenfalls nicht eingeladen. Irgendjemand muss ja auch mal arbeiten in diesem ulkigen Laden. – Ups! Fast hätte ich hier für eine Slapstickeinlage gesorgt. Also erst auf die Uhr blicken und dann die Sektgläser in die Hand nehmen! Ja, ich glaube, wir können los! Super, dass du dabei bist! Du kannst mir die Tür aufhalten!«

Verstohlen warf ich einen Blick in den Flur. Vereinzelt steuerten noch Kollegen zielstrebig den großen Besprechungsraum an, aber die meisten schienen sich bereits dort versammelt zu haben.

»Wir können«, flüsterte ich und ließ Isabelle vorbei.

Wie sie es schaffte, auf diesen hohen Absätzen so fix zu sein, ohne etwas zu verschütten, war mir ein Rätsel. Sie schlängelte sich an den Kollegen aus dem Marketing vorbei, die uns zum Glück den Rücken zuwandten, drehte sich dabei halb um und gab mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass ich ihr folgen sollte.

Aus einer Ecke blickten uns drei junge Frauen erwartungsvoll entgegen. Zwei von ihnen zogen aus ihren Handtaschen Sektgläser, in die Isabelle je die Hälfte ihrer Beute goss. Endlich kapierte ich, warum sie vorhin die Gläser komplett gefüllt hatte. Der Kreis der Mitwisser war größer als erwartet. Ob das auf Dauer wirklich gutgehen konnte?

»Das ist Boudica aus Statistics and Accounting«, stellte mich Isabelle vor. »Das ist Laura, Assistentin der Geschäftsführung, Lena aus dem Marketing und Lea aus Human Resources.«

Wie auf Kommando drehten wir uns alle in eine Richtung, denn der Geschäftsführer hatte gegen das Mikrofon geklopft und begann nun mit einer umständlichen und stinklangweiligen Präsentation, deren einziger Unterhaltungswert in seinem verzweifelten Kampf mit dem Beamer bestand.

»Was machen wir, wenn die Kellner uns Sekt anbieten wollen und sehen, dass wir bereits bedient sind?«, flüsterte mir Isabelle ins Ohr. »Am Ende halten die den klaren Inhalt für Wodka. Dann sind wir das Gesprächsthema der nächsten Wochen.«

»Beim letzten Mal suchte ich meine Kollegen, sobald das Anbieten losging. Als ich sie fand, hatten die auch schon Gläser und dachten sich nichts.«

»Super! Wir verteilen uns und treffen uns anschließend wieder hier.« Sie flüsterte eifrig mit Laura. Diese weihte daraufhin offensichtlich Lena und Lea ein.

Nachdem der Geschäftsführer ausführlich sein Unternehmen im Allgemeinen und die neue Produktlinie im Besonderen gelobt hatte, gab er den Mitarbeitern des Caterers ein Zeichen.

Wir Frauen setzten uns langsam in verschiedene Richtungen in Bewegung. Da andere Spätankömmlinge ebenfalls die Gelegenheit nutzten, ihre Abteilungskollegen zu suchen, standen die Chancen recht gut.

Nachdem wir alle auf die Zukunft von Manure Bibelot getrunken hatten, stahl ich mich davon. In der Ecke traf ich mich wieder mit den anderen Teilnehmerinnen der Verschwörung.

Vorhin hatte ich Isabelles Behauptungen nicht so recht glauben wollen, aber Laura erzählte mir leise, wie sie eines Tages auf der Suche nach einem wichtigen Schriftstück in ihrer Verzweiflung kurzentschlossen die Schubladen des Schreibtischs ihres Chefs aufgezogen und in der untersten lauter leere Wodkaflaschen entdeckt hatte. »Dafür war das Sideboard abgeschlossen. Da lagert er wohl den Nachschub.«