Gralsfluch - Thomas Hoffmann - E-Book
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Gralsfluch E-Book

Thomas Hoffmann

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Beschreibung

Der Bannmagie der Vampirin Vanessa von der Geyerklamm entkommen, haben Norbert und das Wolfsmädchen Lonnie sich ins Diesseits hinübergerettet. Doch ein Teil ihrer Seelen ist in der Anderwelt zurückgeblieben.Und die untoten Schatten, von denen sie verfolgt werden,wachsen… Einen einzigen Weg gibt es, der ihnen Rettung bringen kann, bevor sie vollends in Untote verwandelt und für immer in die Anderwelt hinübergezogen werden: die heilige Gralsmagie. Aber wird das geraubte zwergische Kultgerät in der belagerten Stadt Harboror ihnen Heilung bringen oder tödlichen Fluch?

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Thomas Hoffmann

Gralsfluch

Die Fahrten des Norbert Lederer Band 4

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

I. Teil

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

II. Teil

9.

10.

11.

12.

13.

III. Teil

14.

15.

16.

17.

18.

19.

IV.

20.

Anhang: Glossar Segellatein

Impressum neobooks

I. Teil

Die Guhljäger

1.

Mai – die Zeit der Apfelblüte. Die Apfelbäume am Fluss unten im Tal und um die Höfe der Bergbauern standen weiß in Blüte. Ein erster Anflug von rosa zierte die Kronen der Apfelbäume längs der Talstraße, die sich vom eine Tagereise entfernten Talausgang bis hinauf zum Räubertor wand, jenem düsteren Felseneinschnitt, hinter dem sich verlassen die seit Generationen nicht mehr befahrene alte Barhuter Bergstraße ins Zwergengebirge hineinzog.

Die Abendsonne stand über den Berggipfeln und beleuchtete die schroffen Felshänge an der gegenüberliegenden Talseite jenseits des Schluchtwassers. Im Abendlicht glühten die Berghänge rot, als Jost Ebertsohn vom Heumachen mit geschulterter Sense den Wiesenhang hinunter ins Tal stieg.

Er hatte eine Auseinandersetzung mit einer Gruppe Vertriebener gehabt, bevor er mit dem Heumachen beginnen konnte. Die Flüchtlingsgruppe hatte sich mit ihrem Eselskarren, auf dem sie die kleinen Kinder, eine Schwangere und ihre wenige Habe transportierten, auf Josts Wiese niedergelassen.

„Hier auf meiner Wiese könnt ihr euch nicht ansiedeln,“ hatte Jost ihnen gesagt. „Wenn ich nicht genug Heu ernten kann, um die Tiere durch den Winter zu bringen, kommen wir alle in Not. Und nächstes Jahr sind dann keine Jungtiere da, die ihr für euren Neuanfang kaufen könntet. Geht hinauf in den Bergwald oben im Tal, rodet euch da eine Lichtung!“

Sie hatten ihre Habe auf den Karren geladen und waren weitergezogen, ohne zu streiten. Vor zwei Tagen auf Martin Gössners Wiese war es nicht so glimpflich abgelaufen. Die Talbauern der umliegenden Höfe, fünfzehn Mann, Jost unter ihnen, mussten heraufziehen und die Heimatvertriebenen mit Knüppeln und Stangen von Martins Wiese verjagen. Vielleicht waren es dieselben gewesen. Der Alte, der Jost seufzend zugehört hatte, hatte eine kaum verheilte Wunde auf der Stirn gehabt.

Mit düsterer Miene schritt Jost den kleinen Pfad zwischen den Feldern hindurch zu seinem Hof hinab. Es würden weitere Vertriebene kommen. Den ersten Gruppen und Familien, die vor zehn Jahren aus der Ebene heraufgekommen waren, waren von den Seigertaler Bauern auf Befehl des Grafen Wiesen und Felder zugewiesen worden. Und auch noch die Scharen, die vor drei Jahren ins Tal hinaufkamen, waren von den Seigertalern aufgenommen worden. Die Talbauern hatten Brachland und Felder mit ihnen geteilt. Jedes noch freie Fleckchen im Tal wurde urbar gemacht. Es gab keinen Boden mehr im Tal, auf dem sich jetzt noch Siedler niederlassen könnten. Und Woche für Woche kamen mehr Geflüchtete ins Tal. Der Tag würde kommen, an dem sie sich mit Stangen und Knüppeln nicht mehr verjagen lassen würden.

***

Hilda und Sigrid, Josts Tochter und seine Frau, kamen mit Melkeimern aus dem Stall und gossen die Milch in die auf der Bank an der Stallwand aufgereihten Milchkannen, als Jost den Hof erreichte. Vor dem Jahrhunderte alten Feldsteinhaus spalteten Gerd und Ron, die beiden Geflüchteten, die Jost in seinen Haushalt aufgenommen hatte, das Holz des Baums zu Holzscheiten, den sie gestern im Wald gefällt hatten. Josts Sohn Hans spaltete einen anderen Baustamm mit Holzmeißel, Hammer und Keil zu groben Brettern. Auf der Bank beim Hauseingang saß Josts greise Mutter und rupfte ein Huhn.

Jost trat zu Gerd und Ron. Die beiden unterbrachen ihre Arbeit und richteten sich auf. Schweiß rann ihnen über die Gesichter.

„Genug gearbeitet für heute,“ entschied Jost. „Kommt in die Küche. Wir ruhen uns aus und essen, sobald die Suppe fertig ist.“

Die beiden schichteten die letzten Scheite unter dem vorspringenden Scheunendach auf und brachten die Äxte zusammen mit Josts Sense in den Schuppen.

„Hans,“ befahl Jost, „nimm eine Kanne Milch und zwei, drei Scheffel Hafer und bring sie der Flüchtlingsfamilie oben am Waldsaum, damit sie sich Haferbrei kochen können.“

Sigrid stemmte die Hände in die Hüften und stellte sich vor die Milchkannen, als wollte sie die Kannen verteidigen: „Du wirst noch alle unsere Vorräte an die Flüchtlinge verteilen bei deiner Großherzigkeit!“

„Sie haben nichts,“ meinte Jost düster. „Wenn sie ihr letztes Saatgut aufessen, müssen sie verhungern, da oben im Wald.“

„Du würdest mit deinem Hab und Gut noch alle Flüchtlinge durchfüttern wollen, wenn man dich lässt!“

„Wenn es nach mit ginge,“ knurrte Jost, „würde es überhaupt keine Vertriebenen geben!“

„Ha!“ schimpfte Sigrid, ohne ihren Sohn daran zu hindern, die Milchkanne zu nehmen und mit einem Säckchen Hafer in der anderen Hand den Pfad zum Wald hinauf einzuschlagen, „und was willst du dazu tun? Mit den Zwergen kann man nicht verhandeln! Die hören nicht auf, zu morden, zu brennen und zu plündern! Sie würden bis nach Fedurwegen herab und hierher vordringen, wenn die Ritter des Königs nicht die Pässe verteidigten!“

Jost blickte empor zum schwarzem Schattenriss der Gipfel des Zwergengebirges, die sich jenseits der Seigertaler Berggrate vor der untergehenden Sonne erhoben.

„Was ich tun würde... den Zwergen wiedergeben, was sie vor Zeiten erschaffen haben, worum sie vor den Mauern Harborors kämpfen!“

Von der Bank vor dem Haus her mischte die Alte sich ein: „Du redest irre, Jost. Der heilige Gral ist nicht den Zwergen verheißen!“

Jost nickte grimmig: „Die Verheißung! Siebenhundert Jahre ist es her, dass der Gral unseren Vorfahren entrissen wurde. Wie viele Jahrhunderte werden noch vergehen, bis die Verheißung sich erfüllt und der Gral in sein Heiligtum zurückkehrt? Noch einmal siebenhundert Jahre, tausend vielleicht? Soll so lange Krieg und Not herrschen? Den Zwergen ist der Gral einstmals genommen worden. Er kann ihnen wieder genommen werden, wenn die Verheißung sich erfüllt.“

„Wenn die Zwerge den Gral erobern könnten, würden sie erst recht Krieg und Verderben in die Ebene und hierher zu uns bringen!“ spottete Josts Frau über seine Friedensträumereien.

Mit einem Mal blickte sie erschreckt den Weg entlang, der aus dem Tal zum Hof heraufführte, als sähe sie die Zwergenhorden schon dem Hof entgegenstürmen.

Bastian Mühlhauser kam den Pfad zum Hof herauf. Jost wusste, was es bedeutete.

Schon wieder! So grausam war es noch nie!

Er ging dem Nachbarbauern entgegen.

Statt eines Grußes fragte er düster: „Wer ist es diesmal?“

„Die Anne Brunnerstochter hat der böse Blick getroffen. Den ganzen späten Nachmittag hat sie geschrien wie von Sinnen. Jetzt ist alles Leben aus ihr gewichen. Sie liegt reglos auf ihrem Lager, atmet kaum noch.“

„Die dritte Nacht in Folge!“ stieß Jost bitter hervor.

Bastian streckte ihm die Hand entgegen: „Diese Nacht erledigen wir sie!“

Jost schlug ein.

„Ja. Diese Nacht gelingt es!“

Die beiden Männer schauten einander nicht an. Und sie hörten sich nicht überzeugt an von dem, was sie einander zusprachen.

Während Bastian Mühlhäuser ging, um die Männer der Nachbarhöfe zu alarmieren, trat Jost ins Haus. Das prasselnde Herdfeuer unter dem Rauchfang in der großen Wohnküche vertrieb kaum die von den dicken Feldsteinmauern ausgehende Kälte. Nur spärliches Tageslicht fiel durch die kleinen Fensterluken. Im flackernden Schein des Herdfeuers trat Jost zur Truhe an der Hinterwand neben der Sitzbank am großen Familientisch und öffnete sie. Stumm beobachtete Sigrid vom Hauseingang her, wie er die braune Kapuzenkutte herausnahm und überstreifte. Jost blickte zur Bank. Einen Moment zögerte er, ob er das Schwert aus der Lade holen sollte. Aber er wusste, dass Schwerter gegen die Blutbesudelte nicht taugten. Er nahm den langen, wie einen Pflock zugespitzten Holzstab aus der Truhe und wandte sich zum Eingang.

„Nicht einmal gegessen hast du! Seit dem Vormittag bist du auf den Beinen,“ klagte Sigrid.

„Ich habe das Vesperbrot gegessen, das du mir ins Heu mitgegeben hast. Wenn wir die Seelenfresserin erledigt haben, dann essen wir und feiern und schlafen.“

Sigrid hatte Tränen in den Augen: „Gib mir nur ja Acht! Bleib am Leben und komm unversehrt zurück.“

Jost zog sie an sich heran und gab ihr einen flüchtigen, bitteren Kuss.

„Heute Nacht erledigen wir sie, Sigrid!“

„Jede Nacht sagst du das! Möge das Auge wachen und dich behüten!“

Jost ging in den Stall, sattelte den Gaul und ritt den Pfad ins Tal hinab zu Karsten Brunners Hof.

***

Die Dämmerung war hereingebrochen, als Jost den Brunnerhof erreichte. Die hohen Gipfelgrate auf der südöstlichen Talseite glühten blutrot im Licht der jenseits der gegenüberliegenden Berge untergehenden Sonne. Vom Schluchtwasser im Talgrund kroch schwarz die Nacht herauf.

Ein halbes Dutzend Männer waren bereits eingetroffen. Sie führten ihre Gäule hinter den Stall, wo sie sie ans Gatter banden. Alle trugen die braune Kutte des Bundes. Und alle hatten sie ihre zugespitzten Holzspieße dabei. Weitere Männer trafen unmittelbar nach Jost beim Hof ein.

Vor dem gemauerten Bauernhaus mit dem für die Fedurwegener Bauart typischen ausladenden Dach und den großen mit Pergament bespannten Holzfenstern redete Karsten Brunners alte Mutter in flehendem Ton auf Olof Dunhag ein, der mit dem Holzspieß in der Hand vor ihr stand. Er trug die Kapuze tief hinabgezogen, nur der untere Teil seines bärtigen Gesichts war zu erkennen.

„Lass mich mit ihr fliehen! Wenn sie heute Nacht hier bleibt, wird sie grausam sterben. Ihr könnt es doch nicht verhindern!“

„Wohin willst du mit ihr fliehen? Die Nacht bricht herein. Innerhalb der nächsten Stunde kann die Seelenfresserin hier auftauchen. Ob du dich mit dem Mädchen davon machst oder nicht, sie holt euch ein!“

„Wir verbergen sie, unten im Keller eines der Nachbarhöfe!“ weinte die Alte.

„Du weißt, dass die Blutbesudelte durch Wände sehen und hindurchgehen kann! Wenn sie ihr Opfer erst in den Blick genommen hat, gibt es kein Entkommen mehr!“

Dunhag wandte sich an die umstehenden Männer: „Wir stellen sie hier! Heute Nacht gelingt es uns!“

„Heute Nacht gelingt es,“ murmelten die Bundesbrüder.

Es klang kläglich.

Stumm und mit grauem Gesicht zog Karsten Brunner seine weinende, widerstrebende und Mutter ins Haus.

„Zieht euch in die Räume auf der anderen Seite des Hauses zurück, weg von der Kammer der Anne,“ rief Olof Dunhag ihm nach.

Aus der Haustür, in der die beiden verschwunden waren, trat Karstens siebzehnjähriger Sohn Jörg. Er trug die braune Kutte des Bundes und einen Spitzstab. Während er zu den Männern trat, zog er sich die Kapuze über den Kopf.

Dunhag trat zu ihm: „Du musst diesmal nicht mit dabei sein. Es könnte zu viel für dich werden. Sie ist deine Schwester.“

Der Junge holte Luft: „Eben darum muss ich dabei sein! Ich kann nicht tatenlos herumsitzen und abwarten, während Anne...“

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Seine Faust krampfte sich um den Holzspieß. Dunhag ließ es gelten.

„Jost und ich gehen ins Haus und warten vor der Kammertür auf ihr Erscheinen,“ entschied er. „Ihr anderen bildet einen Halbkreis vor dem Kammerfenster. Falls sie uns entkommt, stellt ihr sie, zieht einen Kreis um sie und fallt ihr in den Rücken.“

Jost wusste, warum Dunhag ihn mit im Haus haben wollte. Genau wie Dunhag selbst sah er, was keiner der anderen Männer sehen konnte: er sah das unwirkliche blaue Leuchten, das dem Herüberkommen der Untoten aus dem Jenseits vorausging. Jost und Dunhag waren, so viel sie wussten, die einzigen Geistersichtigen im Seigertal.

„Ich komme mit hinein!“ rief Jörg.

„Wegen Anne!“ erklärte er auf Dunhags fragenden Blick. „Ich muss dem Monster meinen Spieß in den Rücken rammen – mit euch zusammen!“

Den letzten Halbsatz fügte er hastig stotternd hinzu, als er die zweifelnden Blicke der Männer sah.

„Wirst du das durchhalten?“ knurrte Dunhag. „Du weißt, was mit der Anne geschieht, wenn die Seelenfresserin sie anfällt!“

Jörg unterdrückte ein heftiges Schluchzen. Aber er riss sich sofort zusammen.

„Ja. Ich bin stark genug dafür!“

Dunhag überlegte einen Augenblick, bevor er entschied: „Nun gut. Zu dritt haben wir vielleicht eine bessere Chance, dass einer von uns sie erwischt. Also dann: Alle an ihre Plätze!“

Obwohl das Bauernhaus lange nicht so alt war wie Josts eigener Hof – es war erst vor wenigen Generationen erbaut worden – wies es doch denselben Grundriss auf wie die alten Seigertaler Höfe. Von der großen Wohnküche mit dem an der Hinterwand gelegenen offenen Kaminherd führten Türen an den Seiten und an der Rückwand links und rechts des Kamins auf die Zimmer und Kammern der Mitglieder der Bauernfamilie.

Die Kammer der Anne Brunnerstocher lag auf der linken Seite. Aus dem hinteren Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins war gedämpft das Schluchzen von Karsten Brunners Mutter und seiner Frau zu hören. Im rötlichen Schimmer der Glut auf der Herdstelle traten die Konturen im Raum nur schwach aus der Dunkelheit hervor. Hinter den großen Pergamentfenstern auf der Vorderseite links und rechts der Haustür senkte sich die Nacht über das Tal und den Hof.

Dunhag öffnete leise die Tür zur Kammer der Anne. Jost und Jörg blickten mit ihm hinein. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie das Mädchen reglos auf seinem Bett an der Innenwand gegenüber dem Kammerfenster liegen. Kaum war auszumachen, ob sie überhaupt noch atmete.

„Packt mit an,“ flüsterte Dunhag. „Wir rücken das Bett an die Außenwand unter das Fenster.“

„Warum?“ keuchte Jörg.

„Damit die Seelenfresserin uns den Rücken zukehrt, wenn sie die Anne anfällt!“

Das Mädchen auf dem Bett regte sich nicht, während die drei das Bett unter das Fenster rückten. Aber Jost sah, dass sie atmete, flach und mit langen Pausen, wie im Koma.

Sie verließen die Kammer und Dunhag schloss die Kammertür. Er schürte die Glut auf dem Herd und legte Holzkohle nach, damit die drei einander im schwachen Licht der brennenden Kohle sehen konnten. Sie nahmen sich Stühle und setzten sich nah an die Kammertür.

„Niemand geht hinein, bevor ich das Zeichen gebe,“ raunte Dunhag.

Jörg nickte.

Dunhag fuhr fort: „Wir warten, bis sie ihr Opfer angefallen hat. Erst, wenn sie trunken vom Blut über sie gebeugt ist und ihre Wachsamkeit im Blutrausch nachlässt, überfallen wir sie und rammen ihr die Spieße in den Rücken. Es muss schnell gehen! Jeder Augenblick zählt! Genau so wurden vorzeiten der alte Ghul und das andere Ghulweib erledigt. Auf diese Art werden wir sie erwischen.“

Jörgs Gesichtszüge konnte Jost unter der Kapuze im trüben Licht der Herdglut nicht ausmachen. Aber er sah, wie Jörgs Hände sich um den Holzspieß krampften.

Die Nacht schritt fort. Das Schluchzen der Frauen in der Kammer gegenüber war längst versiegt. In der drückenden Stille war nur das Knistern der Holzkohle im Kamin zu hören. Im fahlen Dämmer der Herdglut konnte Jost von seinen beiden Mitkämpfern nur Schemen erkennen. Hin und wieder tat Jörg einen langen Atemzug. Dunhag regte sich nicht. Jost kämpfte mit Erschöpfung und Müdigkeit. Falls die Aufmerksamkeit der drei Männer nachließ, war die Chance vertan, weitere Opfermorde nach diesem zu verhindern. Wieder und wieder rief Jost sich das Bild der reglos auf ihrem Bett liegenden Anne zu Bewusstsein. Und wenn auch das nicht mehr helfen wollte, um wach zu bleiben, die Schreie seiner Schwester Maren.

Es musste ein Ende haben! Sie durften nicht scheitern in dieser Nacht!

Die Schwärze vor den Pergamentfenstern ging in Dämmergrau über. Die Nacht begann, dem frühen Morgen zu weichen. Und noch immer kein Zeichen für das Erscheinen des Ghulweibs. Immer öfter ertappte Jost sich dabei, wie seine Aufmerksamkeit im Halbschlaf abdriften wollte. Auch dem Jörg sank wieder und wieder das Kinn auf die Brust. Jedes Mal raffte er sich mit einem heftigen Ruck wieder auf. Dunhag saß unbewegt.

Hatten sie am Ende den Angriff versäumt? Jost musste sich zusammenreißen, um dem Drang zu widerstehen, aufzustehen und in die Kammer zu spähen. Oder hatten sie sich geirrt? War die Anne von einer anderen Krankheit befallen worden, nicht vom bösen Blick der Seelenfresserin? War es bloß ihre überreizte Fantasie gewesen, die ihnen nach zwei umsonst gegen die Blutbesudelte durchkämpften Nächten vorgaukelte, schon wieder wäre ein Seigertaler Mädchen vom bösen Blick getroffen worden?

Durch die Pergamentfenster rieselte erstes Morgenlicht in den Raum. Die Nacht war vorüber. Nichts war geschehen. Sie hatten umsonst gewacht.

Eine leichte Regung Dunhags ließ Jost aufmerksam werden. Er blinzelte. Täuschten ihn seine überanstrengten Sinne? Da, tatsächlich! Jost fuhr zusammen. Ein fahler blauer Schimmer drang unter der Tür zu Annes Kammer hervor. Das blaue Licht wuchs. Alarmiert blickte Jörg von Dunhag zu Jost, die beide auf den Spalt unter der Kammertür starrten. Dunhag legte den Finger auf die Lippen. Er hob die Hand zur warnenden Geste, abzuwarten.

Der gellende Schmerzschrei des Mädchens drang aus der Kammer. Das anderweltliche Leuchten erlosch. Jörg sprang auf.

„Noch nicht!“ zischte Dunhag.

Annes Schreien ging in Todesröcheln über.

„Anne! Ich muss sie retten!“

Jörg stürzte zur Kammertür. Er stieß Dunhags Hand beiseite, die ihn stoppen wollte, riss die Tür auf und stürzte hinein.

„Verdammt!“ fluchte Dunhag.

Bestialisches Kreischen in der Kammer. Etwas klatschte dumpf gegen die Kammerwand. Dunhag sprang zur Kammertür.

„Rein! Jetzt oder nie!“

Jost folgte ihm auf den Fuß, den Spieß schützend vor sich haltend.

Das Ghulweib stand hoch aufgerichtet in der Kammer. Sie war groß, größer als die beiden Männer, die auf sie eindrangen. Die kleinen, blutunterlaufenen Augen in der faltigen, von nur wenigen schütteren Haarsträhnen umgebenen Visage fixierten Dunhag, der wieder und wieder zuzustechen versuchte, sooft sie versuchte, nach ihm zu schlagen. Von ihren rissigen, zurückgezogenen Lippen und den spitzen Eckzähnen troff Blut. Ihr Opfer hing schlaff und leblos an sie gepresst in ihrem linken Arm. Blut rann aus der Bisswunde am Hals des Mädchens auf das lange, fahle Hemd des Ghulweibs. An der Seitenwand sank Jörg zu Boden. Sein zertrümmerter Schädel ließ eine dicke Blutspur an der Wand zurück.

Während Dunhag mit dem Spieß auf das kreischende Ghulweib eindrang, das mit seiner spitzen Kralle am dürren Arm nach ihm schlug, versuchte Jost, in den Rücken der Blutbesudelten zu gelangen. Es gelang nicht. Er musste vor dem Schlag des heulenden Ghulweibs ausweichen. Bevor Dunhag zustechen konnte, warf sie sich gegen das Fenster und sprang mit ihrem Opfer im Arm durch zerreißendes Pergament und splitterndes Rahmenholz nach draußen.

„Hinaus, zu den anderen!“ keuchte Dunhag.

Dem Ghul durchs Fenster hinterherzuspringen hätte tödlich enden können. Außerdem waren die beiden Männer durch ihre Kutten behindert. Sie rannten durch die Wohnküche und zum Hauseingang hinaus.

Draußen reihten sie sich in den Kreis der Männer, die das Ghulweib umstellt hatten. Die Blutbesuldelte fuhr mit gellendem Kreischen rundherum, ihr lebloses Opfer mit der Linken an sich pressend. Mit der Rechten schlug sie nach den Männern, die ihr in den Rücken fallen wollten. Wieder und wieder wirbelte sie herum, die Männer mussten ausweichen. Dunhag sprang geradewegs auf sie zu und stach auf sie ein. Sie duckte sich unter seinem Spieß weg, sprang an ihm vorbei auf den nächsten der Männer zu, der überrumpelt stolperte. Das Ghulweib sprang über ihn hinweg aus dem Kreis und floh mit langen Sätzen talaufwärts.

Verzweifelt und außer Atem starrten die Männer ihr nach. Erstes Sonnenlicht leuchtete auf den Berggipfeln im Nordwesten.

„Auf die Pferde!“ rief Dunhag. „Wir schneiden ihr den Weg ab und treiben sie ins Sonnenlicht! Das tötet sie!“

Sie rannten um den Stall herum zu den Pferden. Jost hatte keine Ahnung, woher Dunhag solche Dinge wusste. Vielleicht hatte er sie in einem der okkulten Bücher gelesen, die er auf seinem Hof aufbewahrte.

Jost war neben Dunhag einer der ersten, die auf ihren Gäulen vom Hof auf die Talstraße hinaus galoppierten. Der Ghul hatte mehrere Steinwürfe Vorsprung. In langen Sätzen sprang er geduckt die Talstraße hinauf, sein Opfer eng an sich pressend. Jost fragte sich, warum die Seelenfresserin nicht einfach in jener Zwischenwelt verschwand, aus der sie in der Kammer der Anne aufgetaucht war. Doch vielleicht hätte sie das nur ohne ihr Opfer gekonnt. Womöglich hatte die Anne Brunnerstochter noch einen Funken Leben in sich. Jost wollte sich nicht ausmalen, was der Ghul mit ihr vorhaben mochte.

Das Ghulweib rannte in großen Sprüngen die Straße entlang ohne auf die umliegenden Felder auszuweichen, wohl weil sie dort nur langsamer vorangekommen wäre. Weit vorne auf der Straße trieb ein Hütejunge in panischem Schrecken seine Kühe vor dem heranpreschenden Ghul zwischen den Apfelbäumen und Hecken hindurch ins nächste Feld. Bauern auf dem Weg ins Heu und Reisigsammlerinnen flohen in die nächstgelegenen Höfe.

Jost sah sich nach den Männern um, die Dunhag, ihm und einigen anderen auf ihren Gäulen folgten. Zwei der Gäule blieben mit Schaum vor dem Maul stehen. Was ihre Reiter auch anstellten, nicht einmal im Schritt wollten sie weitergehen. Die schweren Ackergäule waren es gewohnt, stundenlang den Pflug zu ziehen, aber sie waren keine Rennpferde. Jost war froh, einen Freyländer zu reiten. Die alte, große Pferderasse war den Ackerpferden, die von den Fedurwegener Siedlern mitgebracht worden waren, an Stärke und Ausdauer überlegen. Auch Dunhag ritt einen Freyländer Hengst, obwohl seine Familie von Fedurwegenern abstammte.

Nur langsam kam die vorderste Reitergruppe dem Ghul näher. Noch lag das Tal im Schatten, doch die nordwestlichen Berghänge lagen im Licht der Morgensonne. Eine halbe Stunde später, wenige Steinwürfe unterhalb des Räubertors waren die Reiter bis auf drei Manneslängen an den Ghul herangekommen. Sie konnten das Monster keuchen hören, das in langen Sätzen vor ihnen hersprang. Die Straße stieg jetzt steil an zu dem schmalen Felsentor am Talausgang. Die schweißnassen Gäule verlangsamten bergauf ihre Gangart und der Abstand zu dem die Straße hinaufspringenden Ghulweib vergrößerte sich wieder. Sonnenlicht fiel auf die fernen Hangwiesen jenseits des Räubertors. Der Felseinschnitt selbst und das Felsplateau dahinter lagen noch im Schatten, als der Ghul mit seiner Beute durch das Felsentor hetzte und um die Felswand biegend aus der Sicht der Männer verschwand.

Die Reiter passierten das Felsentor und die Burgruine kam in Sicht. Eine tiefe Schlucht zog sich zur Linken zwischen dem diesseitigen Felshang und den gegenüberliegenden Wiesenhängen unterhalb der dortigen Bergrücken hin. Am Felshang entlang führte ein schmales Felsplateau längs der Schlucht aufwärts bis zu der steinernen Brücke, die zu der Ruine auf der Felsklippe mitten in der Schlucht hinüberführte. Einen Steinwurf voraus floh der Ghul der Brücke entgegen.

Schon standen die obersten Mauerreste der Turmruine auf der äußersten Kante der Felsnadel gegenüber dem Burgtor im Sonnenlicht. So unmöglich hielten die verfallenen Reste der obersten Zinne sich über dem Abgrund, dass es aussah, als müsste die gesamte Turmruine sofort einstürzen. Doch Jost sah jenen dunklen, anderen Turm, der wie ein durchscheinendes Doppelbild die Ruine überlagerte. Auch er war verfallen, doch in seinem untersten Stockwerk waren selbst die Fenster noch intakt.

Noch hatte das Sonnenlicht den unteren Teil der Turmruine, die Hofmauer und die verfallene Brücke nicht erreicht. Jeden Moment musste die Sonne zwischen den Gipfeln hervortreten und das Tal mit der Ruine in helles Licht tauchen. Dunhag trieb fluchend seinen Gaul an.

„Vorwärts, haltet sie auf! Die Sonne wird sie töten!“

Die erschöpften, schäumenden Pferde gaben, was sie konnten. Ein Dutzend Manneslängen voraus wandte der Ghul den Männern fauchend seine Visage zu und bleckte die Zähne. Er ließ sein Opfer nicht los. Jost schwang seinen Spieß. Sie mussten es schaffen! Sie durften nicht wieder versagen!

Die Sonnenstrahlen erreichten die Torzinne. Der Ghul sprang auf. Mit einer Geschwindigkeit, die Jost dem Ghulweib nicht zugetraut hätte, sprang sie mit ihrem Opfer geduckt über die verschattete Brücke und durch das Tor. Einen Augenblick später lagen das Tor und die Brücke im Sonnenlicht.

Die Männer hielten die zitternden, schweißnassen Pferde an. Dunhag saß sehr aufrecht im Sattel. Er ließ die Rechte mit dem Spieß herabhängen. Sein Gesicht war unter der Kapuze nicht zu sehen.

Jost brach das Schweigen: „Wir konnten nicht wissen, dass der Brunnersohn dermaßen von Sinnen handeln würde. Du nicht und ich auch nicht. Es war niemandes Schuld.“

Dunhag schwieg. Vom Räubertor her ritten die restlichen Männer heran, deren Gäule nicht unterwegs auf der Strecke geblieben waren.

Ein gellend kreischender Schrei hallte von der Burgruine herüber – von der jenseitigen Ruine! Jost und Dunhag wechselten einen Blick.

„Ihr Schrei!“ murmelte Dunhag. „So schrie das Ghulweib immer dann, wenn wir sie angegriffen haben.“

„Gibt’s was?“ wunderte Bastian Mühlhäuser sich.

„Keine Ahnung,“ brummte Dunhag unwirsch. „Wartet ab!“

Die Männer saßen ab. Erwartungsvolle Blicke musterten Dunhag und Jost.

Sie warteten noch kurze Zeit, dann meinte Jost: „Nichts mehr. Wer weiß, was es zu bedeuten hatte.“

Dunhag machte ein Zeichen mit der Hand. Er starrte zur Burgruine hinüber.

Da! Hohl und leise, wie tief aus dem Innern der Turmruine drang bestialisches Kreischen herüber. Es verhallte wie in weiter Ferne.

„Was geschieht dort?“ hauchte Jost.

Dunhag zuckte mit den Achseln.

An den Rest der Männer gewandt erklärte er: „Schreie. Schreie aus dem Jenseits. Die Schreie der Blutbesudelten.“

Die Männer, die natürlich nichts hören konnten, wechselten fragende Blicke miteinander.

Sie warteten noch eine Weile, dann meinte Dunhag zu den Männern: „Gehen wir. Morgen halten wir Versammlung. Wir müssen unsere Taktik ändern. Das nächste Opfer wird das letzte sein!“

Die Männer erwiderten die Parole müde, als Jost aufschrie: „Da! Was ist das?“

Drüben, im Hof der jenseitigen Burg loderte eine Feuergarbe auf. Eine lodernde Stichflamme tanzte hinter der Hofmauer durch den Burghof, der für die zur höhergelegenen Burgruine hinaufschauenden Männer nicht einsehbar war. Gebannt starrten Jost und Dunhag zur Ruine hinüber. Die Männer beobachteten die beiden angespannt. Brüllen wie von einem dämonischen Raubtier brandete im Burghof auf. Die Flammengarbe näherte sich der Mauer, loderte einen Moment über der Hofmauer. Eine große, in wehende schwarze Tücher gehüllte Gestalt hielt sich dort rücklings über die Mauer geneigt, wie gegen den Sturz in die Schlucht ankämpfend. Sie war umhüllt von der hoch auflodernden Flamme. Und doch brannte ihr wehendes schwarzes Gewand nicht. Mit einem Schrei stürzte sie von Flammen eingehüllt in den jenseitigen Abgrund. Tief unten versiegte die Flammengarbe.

„Was war das? Ein brennender Dämon?“ rätselte Jost.

Dunhag zuckte mit den Achseln.

Den Männern erklärte er: „Eine tanzende Flammengarbe drüben im Burghof der jenseitigen Burg, ihrer Burg. Drüben ist eine in Flammen gehüllte dämonische Gestalt über die Hofmauer in den Abgrund gestürzt.“

Viele der Männer machten misstrauische Gesichter. Sie hatten keine Möglichkeit, festzustellen, ob ihnen Dunhag und Jost nicht bloß Märchen auftischten.

Bob Hortsohn überlegte: „Vielleicht hat der Ghul einen Dämon verjagt, der sich bei ihm einnisten wollte?“

„Die alten Mythen erzählen von magischen Flammenschwertern, die ihre Träger in Flammen einhüllen, ohne sie zu verbrennen,“ überlegte Bastian Mühlhäuser. „Vielleicht trug der Dämon so ein Flammenschwert? Nach dem Mythos liegt solch ein vorzeitliches Flammenschwert tief unten in einer Gruft der Burgruine! Und Landgraf Erthelred unten in Fedurwegen soll selbst eins auf Burg Hohenbruck aufbewahren.“

Dunhag schüttelte den Kopf: „Die heiligen Flammenschwerter können nicht von Anderweltwesen getragen werden. Sie wurden ja eben dafür geschmiedet, Dämonen zu bekämpfen und zu besiegen.“

Eine Weile lang starrten die Männer zu den grotesk in die Höhe ragenden Mauerresten der Burgruine hinüber, die aussah, als müsse sie jeden Moment zusammenstürzen. Als könnten sie durch bloßes Hinstarren das Rätsel lösen.

Endlich meinte Bob Horstsohn: „Wir sollten die Pferde noch ausruhen lassen, bevor wir zurückreiten. Wir können uns auch hier besprechen, Dunhag. Du meinst, wir sollten unsere Taktik gegen die Blutbesudelte ändern?“

Jost war hundemüde. Und die Arbeit im Heu und auf den Feldern musste weitergehen. Doch als die Mehrzahl der Männer nickte, nickte auch er.

„Wenn das nächste Mal jemand vom bösen Blick getroffen wird, teilen wir uns auf,“ erklärte Dunhag. „Während die eine Gruppe, diejenigen mit den schnellsten, ausdauerndsten Pferden, den Ghul bei seinem Opfer erwartet, lauert die andere Gruppe ihm beim Räubertor auf und schneidet ihm, wenn er der ersten Gruppe entkommt, den Rückweg zur Burgruine ab.“

Die Männer diskutierten das Für und Wider des Plans. Das Ghulweib frontal anzugreifen, anstatt ihr in den Rücken zu fallen, war gefährlich. Womöglich konnte es für die Angreifer tödlich enden. Andererseits hatte es sich gezeigt, dass die Männer selbst zu Pferd den fliehenden Ghul nicht einholen konnten.

Schließlich entschied Dunhag: „Entscheiden wir morgen darüber. Denkt bis dahin über den Plan nach. Wem etwas Besseres einfällt, der kann es uns ja morgen erläutern.“

Als Jost ihn anstieß, blickte er auf.

„Dunhag, da! Sieht aus, als ob die Grenze verschwindet!“

Das Doppelbild der jenseitigen Burg auf der Felsnadel wurde fadenscheinig. Es verblasste zusehends. Dunhag spähte mit zusammengekniffenen Augen zur Burgruine hinüber.

„Das Anderwelttor schließt sich!“ murmelte er.

Niemand hörte ihm zu. Alle Augen waren auf die Brücke gerichtet.

Aus dem Burgtor kamen zwei Menschen auf die verfallene Brücke, ein Bursche und eine junge Frau, zwei Jugendliche an der Grenze zum Erwachsenenalter. Hand in Hand gingen sie über die Brücke. Beide hielten sich einen Arm über die Stirn, wie um die Augen vor der Sonne zu schützen. Der Bursche mit dem schulterlangen, dunklen Lockenhaar trug eine Ledermontur und ein Schwert wie ein Schildknappe oder vielleicht ein Freischärler. Die junge Frau trug ein dünnes, kurzärmeliges Kleid, das ihr bloß bis zu den Waden reichte. Sie ging in Halbschuhen und ohne Strümpfe. Ihre langen schwarzen Locken trug sie offen, ohne Kopftuch oder wenigstens einen Kapuzenüberwurf, wie ihn jede anständige Bauerntochter überstreifen würde, wenn sie aus dem Haus ging. So, wie sie gekleidet war, konnte die junge Frau nur ein Trossmädchen sein, wie sie allen Heeren in der Welt folgten. Oder eine Hexe. Ein junger Kriegsknecht und ein Trossmädchen – oder eine Junghexe und ein Abenteurer!

Das Doppelbild der anderweltlichen Ruine verschwand. Als der Übergang zur Anderwelt sich schloss, kamen die Mauerreste auf der Felsnadel ins Wanken. Ein Beben lief durch die steinerne Brücke. Steine brachen aus den erzitternden Brückenpfeilern. Die bizarren Reste der Turmmauern stürzten in sich zusammen. Die junge Frau und der Bursche blickten zu dem einstürzenden Burgtor zurück. Hand in Hand rannten sie über die Brücke, aus der immer größere Stücke herausbrachen, dem Felsplateau entgegen. Sie waren bis auf Sprungweite an die Felskante herangekommen, als die Brücke unter ihnen zusammenbrach und die beiden mit sich in den Abgrund riss.

2.

„Spring, Lonnie!“

Das Steinpflaster der Brücke brach unter den Füßen der beiden weg.

Norbert machte einen Satz nach vorn auf die Felskante zu. Zu kurz! Er prallte knapp unterhalb der Kante gegen den Fels, rutschte die Felswand hinab.

Halt dich fest!

Seine Hände klammerten sich im rissigen Fels an Unebenheiten, Die Stiefelspitzen fanden unsicheren Halt. Erst vor drei Tagen war er fluchend vor Angst unter Lonnies Anleitung die senkrechte Mauer des jenseitigen Brunnens hinaufgeklettert. Wie Lonnie es ihm gezeigt hatte, drückte er sich flach an den Fels wie eine Eidechse, krallte die Fingerkuppen in Risse, hielt sich atemlos auf den Stiefelspitzen.

Es gelang. Er stürzte nicht ab. Rumpelnd donnerten die Trümmer der Brücke unter ihm in den Abgrund. Kaum wagte er den Kopf zu bewegen, um nach oben zu schauen. Die Felskante befand sich eine halbe Armeslänge über ihm.

„Bert!“

Lonnies keuchender Ruf kam von links. Eine Armeslänge tiefer als er glitt sie verzweifelt festen Halt suchend an der bröckelnden Felswand abwärts. In hilflosem Entsetzen blickte sie zu ihm auf. Keine Zeit, nachzudenken! Norbert griff ihr Handgelenk, der Ruck hätte ihn beinahe aus seinem Halt gerissen. Mit den Stiefelspitzen und den Fingerkuppen der Rechten hielt er sich am Fels.

„Das nützt nichts, wir stürzen beide ab!“ schluchzte Lonnie.

Norbert hielt sie mit der Linken, während sie mit der anderen Hand und den Füßen versuchte, sich am brüchigen Fels zu halten. Norbert hörte nicht auf ihr verzweifeltes Weinen. Er blickte zur Felskante hoch. Es gab eine einzige Chance!

„Hilf, Aila!“

Er stemmte sich mit den Stiefelspitzen hoch, ließ mit der Rechten los und warf den Arm hoch, tastete über die Felskante, riss sich die über den Fels scharrenden Finger blutig, sah sich stürzen, fand Halt. Ein paar Atemzüge lang rang er nach Luft. Sein Puls raste. Er blickte zu Lonnie herab, die versuchte, ihr schluchzendes Weinen zu kontrollieren. Sie hielt sich fest an seinem Arm.

Du bist der Uralten durch die unmöglich enge Felsspalte entkommen, du hast den mörderischen Angriff Vanessas, dieses blutsaugenden Monsters überlebt und sie getötet. Du hast die Uralte besiegt. Das hier bringt dich nicht um! Dich nicht und Lonnie auch nicht!

Sich mit den schmerzenden, blutig gerissenen Fingern der Rechten über der Kante festhaltend tastete er sich mit den Stiefelspitzen aufwärts. Lonnie klammerte sich an seinen Arm, beobachtete seine Kletterversuche mit ihrer Panik kämpfend. Norbert bekam das zur Seite hochgestreckte rechte Bein über die Felskante, zog und stemmte sich aufwärts, zog das linke Bein auf das Plateau nach. Als er mit dem Oberkörper auf den Felsabsatz lag, streckte er Lonnie den anderen Arm entgegen. Sie griff seine Arme, stemmte die Füße gegen die Wand, stieg schlitternd hoch. Mit Schwung zog Norbert sie über die Felskante. An der Kante zum Abgrund knieten sie auf dem Felsboden, umschlangen einander zitternd nach der durchgestandenen Todesgefahr.

Norbert hielt Lonnie fest an sich gepresst, drückte sein Gesicht in ihr Lockenhaar.

„Wir haben es geschafft, Lonnie!“ keuchte er atemlos. „Wir sind im Diesseits! Du lebst! Du bist Darulan entkommen! Du bist frei!“

Lonnie hob den Kopf. Mit gegen das grelle Sonnenlicht zusammengekniffenen Augen blickte sie blinzelnd umher. Sie hielt den Atem an.

„Bert,“ murmelte sie, „ich glaube, wir sind in bösen Schwierigkeiten!“

***

Männer in braunen Kutten, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen, umstanden die beiden in einem weiten Halbkreis. Norbert sah sie undeutlich. Das grelle Licht trieb ihm Tränen in die Augen. Er musste blinzeln. Es mochten zwei Dutzend Männer sein. Sie hielten lange, spitze Stäbe in den Händen. Große Reitpferde standen hinter ihnen vor der Felswand.

Norbert sprang auf und legte die Hand an den Schwertgriff. Er ignorierte die Schmerzen in den wund gerissenen Fingern. Lonnie stand neben ihm auf.

„Wenn ich blank ziehe, greifst du sie mit deiner Magie an!“ flüsterte Norbert ihr zu.

Lonnie nickte unmerklich. Es würde brenzlig werden. und Mit dem Abgrund im Rücken konnten die beiden sich gegen zwei Dutzend Spieße auf einmal kaum verteidigen. Wenn Magier unter den Männern waren, hatten Norbert und Lonnie so gut wie keine Chance. Norbert holte Luft.

Laut sagte er: „Hört zu, wir müssen das nicht machen. Wir können einfach auseinander gehen. Ihr geht euren Weg und wir einen anderen, ohne euch zu behelligen. Und keiner von euch stirbt.“

Ein großer Mann trat vor. Von seinem Gesicht war unter der Kapuze nur der graue Bart zu sehen.

Seine Stimme klang herrisch, wie die von einem, der gewohnt ist, zu befehlen: „Wir möchten nur von euch wissen, was drüben in der Burgruine geschehen ist. In der jenseitigen Ruine, aus der ihr herübergekommen seid!“

Norbert versuchte, seinen flatternden Atem zu kontrollieren. Ein falsches Wort und Lonnie und er waren verloren! Verzweifelt suchte er nach einer unverfänglichen Antwort. Wenn diese Männer Anhänger eines Kults waren, der die Uralte verehrte – die schwarze Frau oder wie auch immer sie sie nennen mochten – würden sie Lonnie und ihn sofort töten, wenn sie die Wahrheit erfuhren. Oder vielleicht waren sie Gehilfen Vanessas, die ihr ihre Opfer verschafften?

Laut erklärte Lonnie neben ihm: „Bert hat dort drüben das blutsaugende Monster erschlagen...“

„Lonnie!“ zischte Norbert, aber sie blitzte ihn an und fuhr fort: „...das Nacht für Nacht hier in eurer Gegend die Menschen verschleppt und getötet hat.“

Schweigen. Die Männer standen wie versteinert. Norbert biss die Zähne zusammen. Er packte den Schwertgriff fester, stand kampfbereit.

Mit einem Mal lachte einer der Männer auf. Es klang beinahe hysterisch. Er streifte seine Kapuze vom Kopf. Sein junges Gesicht war nicht dasjenige eines Kämpfers.

„Ihr zwei habt die Seelenfresserin erschlagen?“ rief er.

In die Gruppe der Männer kam Bewegung. Mehrere nahmen ihre Kapuzen ab und musterten Bert und Lonnie mit zweifelnden Gesichtern. Es waren einfache Leute, Landvolk, Bauern vielleicht.

„Ja, die auch,“ gab Norbert zögerlich von sich. „Aber das war nicht die...“

„Sch!“ fiel Lonnie ihm ins Wort.

Verärgert blickte Norbert sie an. Er begriff nicht, was Lonnie beabsichtigte. Der Graubart, der zuerst das Wort ergriffen hatte, streifte ebenfalls seine Kapuze ab. Wenn unter diesen Leuten ein Kämpfer war, dann war er es, dachte Norbert.

„Wie willst du das Ghulweib erschlagen haben?“ knurrte der Grauhaarige.

Sein Blick war feindselig.

Norbert fixierte ihn: „Vanessa, die Untote, war kein Ghul.“

Lonnie neben ihm seufzte, aber er ließ sich nicht beirren: „Ghuls sind Leichen fressende Anderweltwesen. Im Diesseits werden sie nicht gefährlich, außer sie fürchten, nicht wieder über die Grenze zurückzukommen. Drüben können sie gefährlich sein.“

Der Graubart blieb unbeeindruckt: „Die untote Vanessa von Geyerklamm, das Ghulweib, genau die meine ich. Ihr beiden behauptet, du hast sie erschlagen?“

Norbert gab es auf, mit diesen Leuten zu diskutieren.

Mühsam um Worte ringend versuchte er zu beschreiben, was geschehen war: „In der Gruft des Burgturms, drüben in der Anderwelt, dort lag das heilige Schwert, nach dem ich lange gesucht hatte. Gerade als ich es aufnahm, kam die Untote in die Gruft herunter. Sie trug ein totgebissenes Mädchen im Arm. Sie griff mich kreischend an. Ich schlug ihr den Kopf ab, aber das tötete sie nicht. Ihr Kopf... zuletzt fiel er in das offene Kistengrab in der Gruft. Ich rammte ihr das Schwert in die Brust, aber sie kämpfte immer noch weiter. Erst, als ich den abgehauenen Kopf aus der Erde im Grab gegen die Wand schleuderte, starb sie, verbrannte mit einem Geisterschrei zu Asche.“

Mehrere Männer lachten auf. Einige fielen sich in die Arme. Viele hatten Tränen in den Augen.

„Sie ist tot! Wir können den Bund auflösen, Dunhag!“ rief jemand.

Der Dunhag genannte Graubart sah sich um wie ein wütendes, gehetztes Tier.

„Wir lösen den Bund nicht auf!“ donnerte er. „Die Gefahr ist längst nicht vorbei!“

Ein Mittvierziger mit gestutztem Bart, dessen blondes Haar sich von dem dunklen, dichten Haar der meisten Männer unterschied, rief: „Dunhag, du hast selber die Todesschreie der Blutbesudelten gehört! Du siehst mit eigenen Augen, dass das Tor zum Jenseits sich geschlossen hat. Die Felsnadel ist kein Grenzort mehr! Nichts kann mehr von drüben herüberkommen und uns heimsuchen!“

Zu Norbert und Lonnie meinte er: „Ihr habt unsere Familien vor der Seelenfresserin gerettet. Ihr habt einen schweren Kampf hinter Euch. Kommt mit mir auf meinen Hof. Ruht euch bei uns aus.“

„Vanessa war nicht die Blutbesudelte!“ murmelte Norbert zwischen den Zähnen hindurch, aber Lonnie schleuderte ihm einen warnenden Blick zu und er hielt den Mund.

Der Graubart ging zu den Pferden und stieg in den Sattel eines Gauls.

Vom Pferderücken aus zeigte er auf Lonnie und Norbert: „Diese beiden sind von drüben herübergekommen! Dort in der jenseitigen Ruine sind okkulte Dinge geschehen! Ihr begeht einen riesigen Fehler, diese dort in eure Höfe einzuladen! Morgen versammeln wir uns! Ihr werdet noch an meine Worte denken!“

Er schlug dem Gaul die Fersen in die Flanken und ritt abwärts dem engen Felseinschnitt entgegen, bei dem am Ende der Schlucht die gegenüberliegenden, von der Sonne beschienenen Wiesenhänge und Bergrücken auf das Plateau vor der diesseitigen Felswand trafen. Ein schmales Tal, möglicherweise eine lange nicht mehr begangene Straße, wand sich dort, wo sie zusammentrafen, tief in die Berge hinein.

Die Männer traten zu Norbert und Lonnie. Ein Alter trat vor, um Norbert die Hand zu reichen. Verlegen blickte Norbert auf die blutig aufgerissenen Finger seiner Rechten, doch Lonnie strich ihm rasch über die Hand und murmelte einen Heilspruch. Der Alte schien es nicht bemerkt zu haben. Oder er beachtete es nicht.

„Macht euch nichts aus Dunhags Wutausbruch,“ meinte er, „seit Jahren leitet er den Bund, erteilt uns seine Befehle für die Ghuljagd. Er erträgt es nicht, dass der Bund überflüssig geworden ist. Vielleicht ist er auch neidisch, weil nicht er die Seelenfresserin getötet hat, sondern jemand anders.“

Zu Norbert sagte er: „Du hast das Seigertal von einem Jahrhunderte alten Fluch befreit. Ihr habt uns gerettet!“

„Wir haben beide gegen die Untote gekämpft,“ erklärte Norbert. „Ohne Lonnie hätte ich nicht überlebt.“

Er verstand den Blick, den sie ihm heimlich zuwarf: Ohne dich würde ich überhaupt nicht leben!

Einer nach dem anderen kamen die Männer heran und schüttelten Norbert und Lonnie die Hände. Im schmerzhaft grellen Sonnenlicht hatte Norbert Mühe, sie anzusehen, ohne ein verkniffenes Gesicht zu machen. Lonnie schien es genauso zu gehen. Drei oder vier der Männer hatten ähnlich blondes Haar und dieselben grüngrauen Augen wie der Mittvierziger mit dem gestutzten Bart, der Norbert und Lonnie auf seinen Hof eingeladen hatte. Als Letzter reichte auch er den beiden die Hand. Er sah übernächtigt aus. Dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab.

Während die anderen ihre Pferde bestiegen und dem Felsentor entgegenritten, durch das Dunhag hindurchgeprescht war, stellte er sich den beiden vor: „Ich bin Jost Ebertsohn. Seid willkommen im Seigertal!“

Norbert gab ihm die Hand: „Norbert, Sohn des Hans Lederer. Wir waren Gornwaldsiedler. Aber von den Leuten meines Heimatdorfs ist keiner mehr am Leben. Ich bin der einzige Überlebende Wildenbruchs. Die Uralte, ein mächtiger Schwarzalb, hat sie ermordet...“

Zögernd fügte er an: „Jedenfalls hat sie ihren Tod mitverschuldet – glaube ich. Nein, ich weiß es bestimmt!“

Er musste an die Erzählung über die Vergiftung der Gorn durch kaiserliche Alchimisten denken, die dadurch, wie es hieß, die Elben am Fluss ausgerottet hatten. Doch er wusste, dass es die Uralte, die Blutbesudelte war, die die Elben und später auch die Wildenbrucher Siedler umgebracht hatte!

Auch Lonnie gab Jost die Hand: „Wo ich geboren bin, hieß ich Leonie. Leonie Klarenbach. Die Klarenbacher Kätner sind dem Kloster Schwarzach fronpflichtig – oder waren es zumindest, als ich dort lebte,“ ergänzte sie düster.

Das Kloster Schwarzach lag nicht weit von der Altenweiler Mark am Rand des Gornwalds! Lonnie warf dem überraschten Norbert einen Blick zu.

Zu Jost meinte sie: „Aber das war in einem früheren Leben.“

„Sozusagen?“ lächelte Jost.

Lonnie antwortete nicht. Sie machte keinen Knicks, wie ein Bauernmädchen es getan hätte. Sie blickte Jost offen und ernst an, obwohl ihr die Augen im grellen Licht tränten. Verwirrt wandte er den Blick ab.

„Jetzt bin ich Lonnie. So nennen mich alle, die mich kennen. Norbert und ich sind uns in Köhlershofen am Rand des Gornwalds begegnet,“ fuhr sie fort. „Es war am Dorfbrunnen, spät am Abend.“

„Und seitdem seid ihr zusammen unterwegs,“ vermutete Jost.

„Ja,“ meinte Norbert zögernd. „So kann man das nennen.“

Die beiden wechselten einen Blick. Das Lied der Köhlershofener Kinder, damals, vor fast zehn Jahren, ging Norbert durch den Kopf:

Geh nicht zum Brunnen am Abend,

warte den Morgen ab!

Das Geisterwolfsmädchen am Brunnen,

sie zieht dich hinab!

„Ihr seid Abenteurer, nicht wahr?“ wollte Jost wissen.

Nur kurz blickte er fragend in Lonnies Richtung. Es war offensichtlich, dass ihm eine Frage auf der Zunge lang, die er nicht stellen wollte.

„Ja,“ sagte Norbert schlicht. „Ich hab verschiedene Sachen gemacht, seit ich als Junge aus Wildenbruch ausgerissen bin. Ich war in Altenweil bei einem Dämonologen in der Lehre. Von ihm hab ich gelernt, über die Grenze zu gehen. Zurückgeholt,“ wieder warf er Lonnie einen verstohlenen Blick zu, „hat mich meistens Lonnie. Später war ich Kriegsknecht des Markgrafen in Altenweil. Bei seinem Burgschmied habe ich Schmieden gelernt und Waffenmagie. Das braucht man, um ein heiliges Schwert aufzunehmen. Zuletzt war ich Bergknappe in den Stegerstinger Silberminen.“

Lonnie erklärte kurz: „Ich verstehe mich aufs Heilen. Wenn es Kranke hier in der Gegend gibt, kann ich ihnen vielleicht helfen.“

Norbert verstand, dass sie um nichts in der Welt von ihrer Zeit als Initiantin und Sklavin in der Hölle von Darulans Haus reden wollte.

„Die Seigertaler würden dir dankbar sein,“ meinte Jost, während er sein Pferd am Halfter nahm und mit den beiden gemeinsam dem Felsentor entgegen ging.

„Es gibt ein paar Mütterchen im Tal, die Warzen besprechen können. Einen Arzt haben wir nicht in diesem Winkel der Welt. Und der greise Einsiedler, der manchmal durch die Dörfer kommt, hat für jeden tröstende Worte, aber heilen tut er niemanden.“

„Du sagst, ihr seid Seigertaler,“ meinte Norbert, „die Sonne hier in dieser Gegend, scheint die immer so grausam grell?“

„Sie scheint überhaupt nicht grell,“ wunderte sich Jost. „Es ist ein milder, warmer Maimorgen mit sanftem Licht!“

Das Sonnenlicht schmerzte Norbert nicht nur in den Augen. Sein gesamter Körper rebellierte im brennenden Licht. Vom langen Aufenthalt in der Sonne war ihm übel.

„Gehen wir näher an die Felswand, in den Schatten,“ forderte er Jost auf.

Auch Lonnie atmete auf, als sie in den Schatten unter der Wand traten.

„Wo liegt das Seigertal?“ wollte Norbert wissen, während sie sich dem Felsentor näherten, durch das grelles Sonnenlicht fiel.

Überrascht blickte Jost die beiden an.

„Das wisst ihr nicht? Ich dachte, ihr wärt letzte Nacht die alte Barhuter Bergstraße heruntergekommen und in die Burgruine eingedrungen, um der Blutbesudelten aufzulauern, während wir im Seigertal mit ihr kämpften, als sie ihr Opfer heimsuchte!“

„Wir sind von drüben gekommen,“ erklärte Norbert düster. „Drüben, in der Anderwelt, in einem ausgetrockneten Brunnenschacht, ich habe ihn bis zuletzt für einen schmalen Turm gehalten, er stand in einem von Ghuls – von echten Ghuls! – heimgesuchten Anderweltsumpf, dort habe ich... haben wir,“ verbesserte er sich schnell, „die Magie des Lebens gewirkt, um gemeinsam ins Diesseits zurückzugelangen. Aus dem Brunnenschacht sind wir hinaufgeklettert in die Burg.“

Das Entsetzen, als die Geisterwölfin ihn in dem leeren, verschlammten Brunnenschacht anfiel, ihm den Arm zerbiss – das auflodernde Ritualfeuer, der Rausch, der ihn beim Einatmen des magischen Kräuterrauchs ergriff – das vermoderte Gerippe, das sich unter seinem Zaubergesang in die Wasserleiche eines Mädchens verwandelte, ihr Aufbäumen in Todesnot, Wasser erbrechend, endlich ihre wilde Panik, als sie begriff, dass sie nicht tot war.

„Wo ist das Wasser?“ hatte sie geschrien. „Warst du das? Hat Darulan dich geschickt? Ist er da oben?“

Mit Mühe, zu Tode erschöpft, hatte er sie daran hindern können, ihn im ersten Affekt zu ermorden, bevor sie begann, zu begreifen...

Zweifelnd betrachtete Jost das junge, erschöpft aussehende Paar. Das dünne Kleid der jungen Hexe, mochte sie sich auch Heilerin nennen, war verschlissen, der linke Ärmel der Ledermontur des Burschen war zerfetzt, sein rechter Ärmel und ein Stiefel aufgerissen wie von Krallen. Blut sickerte aus einer Wunde an seinem Hals unter dem Ohr. Im Halsausschnitt des Kleids seiner Begleiterin waren blutige Bisswunden zu sehen.

Dunhags Worte gingen ihm durch den Kopf: Diese beiden sind von drüben gekommen! Ihr begeht einen riesigen Fehler, wenn ihr sie in eure Höfe einladet!

Unwillig drängte er die Zweifel beiseite: „Zweifellos habt ihr einen mörderischen Kampf hinter euch. Es sind noch zweieinhalb Wegstunden bis zu meinem Hof. Dort könnt ihr euch ausruhen.“

Dann erklärte er: „Das Seigertal ist der am höchsten in den Bergen gelegene Ausläufer Freylands, des Lands meiner Ahnen. Seit Jahrhunderten schon gehört es zu Fedurwegen, der Südprovinz Barhuts am Fuß des Zwergengebirges. Die Barhuter Kernlande liegen im Norden jenseits der Zwergenberge.“

Barhut! Das mystische Reich, das Jahre zuvor Norberts Fantasie beschäftigt hatte – seine und die seines besten Freunds Mark. Zusammen, so hatten sie es sich oft ausgesponnen, würden sie dorthin reisen, wo König Anfortas mit seinen Rittern, Träger heiliger Schwerter unter ihnen, Krieg gegen die Zwerge führte. Die Träume waren längst verweht. Mark war tot, gefallen in der Schlacht am Wörnersee.

Eine Wolkenbank schob sich vor die Sonne, als die drei in das Felsentor traten. Norbert hoffte, es würde so bleiben. Er war überzeugt, zweieinhalb Stunden in der hiesigen, grausamen Sonne zu marschieren würde ihn umbringen!

Vor ihnen erstreckte sich das Seigertal. Auf beiden Seiten von hohen Bergrücken begrenzt wand es sich etwas über eine Tagereise weit abwärts bis zum Talausgang, wo sich vor den nahe zusammenrückenden, dunklen Bergketten eine Turmburg innerhalb eines von Palisaden umgebenen Burghofs erhob. Ein Fluss durchströmte das Tal unterhalb der südöstlichen, zur Linken gelegenen Bergkette, das steile linke Flussufer war von Strauchwerk und Büschen überwuchert. Am rechten Flussufer und längs der sich zwischen Feldern und Wiesen entlangschlängelnden Talstraße wie auch um die zahlreichen Gehöfte standen Apfelbäume in Blüte. Ein Meer von weißen und rosa Blüten überzog das Tal mit zarten Farbtupfern.

Lonnie nahm Norberts Hand: „Wie wunderschön das Tal ist!“

Ergriffen fügte sie an: „So hoch in den Bergen bin ich nie gewesen.“

Sie zögerte kurz, dann murmelte sie: „Das Laendorgebirge ist karg und furchtbar dagegen!“

Norbert wusste, worauf sie anspielte: In einem Tal am Fuß des Laendorgebirges stand Darulans Haus. Norbert selbst hatte die Hölle dieses Hauses erlebt – und nur um Haaresbreite überlebt. Aber nirgendwo sonst hätte er die Magie des Lebens lernen können. Er nahm Lonnies Hand fest in seine. Der Anblick der Apfelblüte im Tal ließ ihn die nagenden Fragen, Zweifel und Widersprüche vergessen.

Jost sah die Ergriffenheit der beiden.

„Ich hatte schon lange keinen Sinn mehr für die Schönheit des Seigertals. Ihr habt das Tal von einem grausamen Fluch befreit. Von allen Übeln war dieser Fluch der schlimmste.“

„Noch andere Übel?“ fragte Lonnie nach.

Jost seufzte und nickte. Aber er schwieg. Norbert betrachtete den müde dastehenden Mann mit dem grauen, übernächtigten Gesicht.

„Warum setzt du dich nicht auf dein Pferd und reitest im Schritt neben uns? Wenn ihr die ganze Nacht lang gegen die Untote gekämpft habt, musst du hundemüde sein!“

„Ihr seid auch müde und erschöpft,“ gab Jost zurück.

„Sitz auf!“ bestimmte Lonnie. „Du kannst im Sattel dösen. Dein Gaul findet den Weg zum Hof schon selbst. Wir gehen nebenher. Wenn ich... wenn wir nur beide in zweieinhalb Stunden auf deinem Hof etwas zu essen bekommen und einen Platz zum Schlafen, dann kämpfen wir zur Not noch alle Dämonen und Wegelagerer nieder, die sich uns in den Weg stellen!“

Dabei wusste Norbert, dass Lonnie schon den dritten Tag, seit sie beide aus dem Brunnen herausgeklettert waren, nichts zu essen gehabt hatte und kauernd in einer Ecke des Burghofs, ständig in Gefahr, von der Untoten angegriffen zu werden, praktisch nicht geschlafen haben konnte. Würgend verscheuchte er die Erinnerung an das Fleisch, das die Untote ihm in der Geisterburg vorgesetzt hatte. Beinahe hätte er sich übergeben.

Während Jost seinen Gaul bestieg, blickte Norbert durch das Tal unterhalb von ihnen. Eine Gruppe Reisender mit kleinen Pferdekarren, die unten am steinigen Flussufer ihr Lager aufgeschlagen hatten, wunderte ihn. Es waren Familien mit Kindern. Warum lagerten sie nicht auf einer der unzähligen Wiesen des Tals, nahe bei den Höfen, wo sie Verpflegung einkaufen konnten? Sie erinnerten Norbert an die obdachlosen Überlebenden des Altenweiler Stadtbrands, die vor den Toren der Stadt in notdürftigen Unterständen gehaust hatten. Ein weitere kleine Gruppe hatte sich dicht am Waldrand unterhalb des Felseinschnitts, weitab der Seigertaler Höfe niedergelassen. Sie besaßen nur einen einzigen Eselskarren, nicht einmal so viel wie eine Plane, um sich vor Wind und Regen zu schützen. Waren es Kriegsflüchtlinge? Während des Kriegs gegen Warnenbüttel waren viele Geflüchtete in Altenweil eingetroffen, deren Höfe geplündert und gebrandschatzt worden waren. Sie fanden Unterkunft in den Baracken der Ausgebrannten vor der Stadt, nicht bei den Bürgern innerhalb der Stadtmauern. Aber auch hier? Woher kamen diese Leute?

Norbert und Lonnie gingen dem langsam die Landstraße hinuntertrottenden Gaul nach. Jost schien im Sattel eingenickt zu sein.

„Noch mehr Dämonen und Wegelagerer erschlagen!“ griff Norbert Lonnies letzte Bemerkung auf. „Du musst doch vollkommen erschöpft sein, nach den grausamen zwei Nächten im Burghof!“

Lonnie kam nahe an seine Seite.

Ihr Lächeln war ein bisschen traurig: “Ohne meine Magie wär ich längst zusammengebrochen. Du müsstest mich tragen!“

„Klar würde ich das tun! Bis hinunter zu Jost Ebertsohns Hof! Oder durch das gesamte Tal, wenn wir dort keine Aufnahme fänden.“

Lonnie blickte mit einem Anflug von Traurigkeit vor sich hin.„Ich bin es dir schuldig!“ fügte Norbert an. „Ohne dich wäre ich nicht mehr am Leben!“

Sie antwortete nicht.

Kurze Zeit später meinte sie: „Ich will versuchen, deine Halswunde nochmal zu heilen, und meine Bisswunde auch. Die Wunden haben etwas Böses an sich, dass sie nicht heilen wollen!“

Sie legte Norbert die Hand auf und er spürte den warmen Strom heilender Magie.

„Diese blutsaugende Untote war ein ganz und gar bösartiges Monster,“ fand er. „Viel schlimmer als Ghuls, auch wenn die Leute hier sie für einen halten. Fast so grausam wie die uralte Gornwald-Behemoth, die wirkliche Seelenfresserin!“

Sie kommentierte das Gesagte nicht, aber an der Art, wie sie den Mund verzog, erkannte Norbert, dass sie nicht seiner Meinung war. Unter der Berührung ihrer Hand versiegte das Bluten der Wunden. Und doch schlossen sie sich nicht ganz.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander.

Endlich blickte sie ihn an, ernst und fragend: „Vorhin, als wir es auf die Felskante geschafft hatten, hast du etwas zu mir gesagt, aber ich weiß nicht, was du damit gemeint hast. Du hast gesagt: „Du bist frei, Lonnie“.“

„Glaubst du etwa immer noch, Darulan könnte uns hier finden? Und wenn – ganz wehrlos sind wir schließlich auch nicht. Erst recht nicht zu zweit!“

Lonnie blieb stehen.

„Das meine ich nicht. Vor Darulan habe ich keine Angst. Nicht mehr,“ behauptete sie, während Josts Gaul weiter die Landstraße hinuntertrottete. „Ich frag nur... Es ist doch so: Du hast mir das Leben wiedergegeben. Das kann ich nie wieder gut machen, nicht, so lange ich lebe. Wofür hast du das getan? Was erwartest du dir von mir?“

Norbert war sprachlos.

Hastig fuhr Lonnie fort: „Ich weiß doch, wie es überall ist! Männer bestimmen über alles. In Klarenbach gehörte das Pachtland, die Hütten, die Ackerwerkzeuge, der Hausrat, alles gehörte den Männern. Frauen und Mädchen mussten arbeiten, um sich ihr Daseinsrecht zu verdienen. Von morgens bis spät abends haben wir gemahlen, auf den Knien das Getreide mit dem Mühlstein zerrieben, Feuerholz geholt, Essen gekocht für die Männer, gebacken, Bier gebraut, die Hütten und die Betten sauber gehalten, bis spät in die Nacht Kleidung geflickt. Die Männer sagten, die Feldarbeit und die Fron seien noch viel härter. Dabei saßen sie oft nur zusammen, klönten und tranken Bier und Schnaps, während wir schufteten. Sie sagten, sie bräuchten den Schnaps, weil sie so elend hart arbeiten müssten.“

Als sie sah, dass Norbert ihr zuhörte, erzählte sie weiter: „Als ich vierzehn war, brach meine ältere Schwester sich den Arm und konnte nicht mehr arbeiten. Sie wäre ausgestoßen worden, hätte sich zwischen den Katen durchbetteln müssen. Ich war so verzweifelt, ich nahm ihren Arm in meine Hände und der Bruch heilte sofort. Der Arm war gesund. Die Nachricht breitete sich in Windeseile aus, aber ich konnte es nie wieder wirken, sooft sie mich auch dazu aufforderten. Kurz darauf kam ein Klostermönch zu unserer Kate. Er sagte mir, ich sei magiebegabt und er würde mir beibringen, magische Runen herzustellen, wenn ich an drei Tagen der Woche zu ihm ins Kloster käme. Ich sagte ja. Einem Mönch durfte mein Vater natürlich nicht widersprechen. Das Erlernen magischer Runen war leichter als die Schufterei bei den Eltern, aber was der Mönch dafür von mir verlangte... Er sagte, es gehöre dazu, es sei gottgewollt. Irgendwann stumpfte ich ab und ekelte mich nicht mehr so vor dem, was er mit mir machte.

Ein Jahr später kam Darulan nach Klarenbach. Er fragte mich, ob ich seine Schülerin werden wollte. Bei ihm müsste ich mich nicht im Haus abrackern, dafür hätte er Diener. Ich hab ja gesagt. Ich dachte, ich wüsste ja, was er dafür von mir wollte. Aber das, was er dann mit mir anstellte, Nacht für Nacht, abgesehen von den blutigen Opferritualen...“

Noch bei der Erinnerung rang sie nach Luft.

„Du hast die Hölle von Darulans Haus kennengelernt,“ murmelte sie, „um meinetwillen!“

Endlich blickte sie auf. Es war ein wilder, trauriger Blick.

„Jetzt hast du mich mitgenommen – sozusagen. Was willst du dafür von mir haben? Wie soll ich dir zu Willen sein?“

Fassungslos starrte Norbert sie an.

„So was traust du mir zu?“

Er merkte nicht, dass er schrie vor Wut: „Liebesdienste zu verlangen von einer Frau, weil ich ihr vielleicht mal geholfen habe?“

Er musste nach Luft schnappen, bevor er weitertobte: „Wenn du glaubst, ich würde jemals irgendwas von dir wollen, was du nicht tun willst, wenn du glaubst, ich bin einer von diesen Schweinekerlen – ja, die gibt es, weiß ich! – einer, der Frauen was gegen ihren Willen antut, wenn du das glaubst...? Dann mache ich hier auf der Stelle kehrt und geh ins Gebirge und du gehst runter ins Tal und siehst mich nie wieder! Hörst du?“

Lonnie stand wie vor den Kopf geschlagen. Norbert nahm es nicht wahr.

Blind vor Wut schimpfte er weiter: „Erst dieses Frühjahr, auf dem Weg hinauf zu den Silberminen, haben wir – ein Weggefährte und ich – fünf solcher Mörderschweine totgeschlagen, die glaubten, sie könnten mit einer Bergbäuerin, deren Mann und Söhne sie ermordet hatten, machen was sie wollen! Ich würde es wieder machen, glaub mir!“

Schwer atmend und so wütend, wie er Lonnie anstarrte, sah es fast so aus, als wäre Lonnie die nächste, die er erschlagen wollte.

Hilflos gab sie von sich: „Das Gebirge ist menschenleer, höchstens Zwerge hausen dort, sagen die Leute hier. Wo willst du hingehen ohne umzukommen?“

„Bin oft genug allein unterwegs gewesen. Irgendwo findet man immer Aufnahme und Hilfe.“

Sie trat nahe an ihm heran und nahm seine Hände. Der Blick ihrer graubraunen Augen war sehr sanft und sehr ernst. Wie schön ihr Mund mit den blassen, geschwungenen Lippen war!

„Verzeih mir, es tut mir leid,“ hauchte sie. „Ich liebe ja nur dich!“

Sie näherte ihre Lippen seinem Mund.

Norbert ließ ihre Hand los und legte zwei Finger auf ihre Lippen: „Sag mir, dass du nie, niemals etwas tun wirst, bloß weil du meinst, ich könnte es von dir wollen oder ich bräuchte es, auch wenn du es nicht tun willst. Versprich es mir. Schwöre es!“

„Ich schwöre!“

Ihr Kuss war hingebungsvoll wie es Melanies Küsse gewesen waren und wild wie Sturmkinds Küsse es waren. Aber er schmeckte nicht nach Tabak und salziger Seeluft wie diejenigen von Sturmkind, auch nicht nach Äpfeln, wie Leslies Küsse geschmeckt hatten. Norbert war nicht klar, wonach Lonnies Kuss schmeckte und als es ihm heraufzudämmern begann, wollte er es nicht wahrhaben. Ihr Kuss schmeckte nach Raubtier.

***

Auf Jost Ebertsohns Hof wurden die drei von Josts Familie empfangen. Gerd und Ron standen nahe bei. Im Gegensatz zu dem blonden Jost und dem Jungen, der wohl sein Sohn war, hatten die beiden dunkle Haare. In ihren zerrissenen Lumpen hielt Norbert sie für Knechte – was nicht ganz falsch war. Die drei Frauen, eine Alte, eine in Josts eigenem Alter und eine schlanke Jugendliche trugen Kopftücher.

Während Jost abstieg und Sigrid ihn Freudentränen weinend umarmte, stimmte die bucklige Alte einen Gesang an, eine Art Dankeshymne. Die Hymne hatte kaum Melodie, es war eher ein Sprechgesang. Singend humpelte die Greisin heran und drückte abwechselnd Norbert und Lonnie beide Hände. In ihren Augen schwammen Tränen. Weinend und immer wieder den beiden die Hände drückend sang sie:

„Schwerter geschmiedet, das Böse zu bannen,

harren der Helden, der Rächer des Lichts,

heilige Waffen hehrer Könige goldener Reiche

vergangener Zeiten,

eine Grenze zu setzen dem nagenden Zahn,

dem fressenden Rachen Einhalt gebietend,

die Mörderin in ihre Schranken zu weisen.“

Norbert stand wie versteinert. Entgeistert starrte er die Alte an, als sähe er eine Erscheinung. Die Greisin ließ sich nicht beirren. Jost, Sigrid, ihre Tochter und ihr Sohn und auch Gerd und Ron traten zu Norbert, Lonnie und der Alten und lauschten, als wohnten sie einem heiligen Ritual bei. Die Alte sang:

„Es steht ein Turm an verborgener Stätte

fern dem nagenden Zahn der Zeit,

von altem Adel einstmals errichtet,

von Edlen, lang schon hinübergegangen,

längst der Welt allen Lebens entsagt.

Im steinernen Rund vor Feinden verborgen

bewahren die wehrhaften Mauern die heilige Waffe.

Hier harrt sie des Helden, kundig zu kämpfen,

mit ihr zu zerschlagen die uralte Pest.“

„Du bist gekommen!“ weinte die Alte. „Du hast die uralte Pest erschlagen!“

Norbert war schwindlig.

„Woher kennst du Donatas Weissagung?“ keuchte er.

Die Alte hielt seine Hände und blickte ihn unverwandt mit ihren kleinen Greisenaugen an: „Die Verheißung der Errettung des Seigertals von der Seelenfresserin ist Jahrhunderte alt, Junge! Seit unzähligen Generationen tragen wir sie einander vor.“

Fast schmerzhaft drückte sie seine Hände.

„Heute Nacht hat sie sich erfüllt. Durch dich und deine Gefährtin!“

„Aber die Weissagung handelt überhaupt nicht von der blutsaugenden Untoten!“ rief Norbert.

Umsonst versuchte Lonnie, ihm Zeichen zu machen, innezuhalten.

Er nahm es nicht wahr: „Sie handelt von der Uralten, der Gornwald-Behemoth, die die Familien meines Heimatdorfs ausgerottet hat! Auch im Schwärzergrund im Findelgebirge war sie es, die dort die Höfe entvölkert hat!“

Die Stimme der Greisin blieb fest: „Von Dämonen in fernen Wäldern und Tälern weiß ich nichts. Uns im Seigertal hat seit undenklichen Zeiten die Blutbesudelte, die Seelenfresserin heimgesucht!“

Norbert fest im Blick behaltend rezitierte sie:

„Zerfressen von Hass, Feind allem Leben

liegt auf der Lauer das uralte Böse,

allesverschlingend, Leben zerstörend,

in bitterem Groll gegen alles Lebendige.

In ihrer Höhle harrt sie der Opfer,

schleicht in der Finsternis blutgierig geifernd,

die Seelenfresserin, Blutbesudelte

Pest zu bringen und Hungersnot,

mit Strömen von Blut den Boden zu tränken.

Finstere Schatten verschlucken das Licht.

Verlassen liegen die Hütten, Totenklage hallt im Land.

Das Singen der Mädchen erstirbt, Lachen schlägt in

Klage um.

Hernieder fällt die schaffende Hand, stolze Häupter

sinken ins Grab.“

„Genau so heißt es!“ rief Norbert verzweifelt. „Genau das hat sie in meinem Heimatdorf getan. Alle dort hat sie umgebracht, alle außer mir! Und auch im Schwärzergrund! Die Uralte! Die Erzbehemoth! Die Weissagung hat mir Donata mitgegeben, letztes Jahr, als die Erzbehemoth mich verfolgte!“

Jost trat zwischen Norbert und seine Mutter.