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Familiengeschichte - Regional- und Zeitgeschichte - Mosel-/Hunsrückregion - Weinbau - Mundart - römische Besiedlung - Rolle von Religion und Kirche - Militär in zwei Weltkriegen - Westfalen - Landwirtschaft - Leben auf dem Land - Rolle der Frau - Juden an der Mosel - Holocaust - Widerstand gegen den Nationalsozialismus - Luftkrieg - Sterben der Dörfer Von der Schwierigkeit, in unanständigen Zeiten anständig zu bleiben und den sich daraus ergebenden Zwiespältigkeiten. Jede Geschichte braucht einen, der sie aufschreibt, ansonsten geht sie unwiederbringlich verloren. Dies ist also die Geschichte meiner Leute, meiner Heimat und von allem, was diese Menschen und diesen Teil Deutschlands so besonders macht: die Schönheit eines einmaligen Flusstales, der Klang des lokalen Dialekts, der Duft von Schiefer und Heu, der Geschmack unseres Weins. Eine sinnliche Saga von Elend und Verzweiflung durch Kriege, Krankheit und Tod, von Hoffnung und Glaube, von Versuchung und Widerstehen, von Mühe und harter Arbeit, wie auch von der ewigen Freude an Liebe und Leben.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Salve, magne parens frugumque virumque, Mosella!
Für mich ist es immer die Eifel geblieben Mario Adorf
Für meine Kinder und alle Ukrainer
Heimat und Familie - Geborgenheit und Verpflichtung
Dem Andenken an meine bäuerlichen Vorfahren aus dem Rheinland und Westfalen. Meiner Großmutter Aenne Quint, geb. Franksmann-Tobergte (*1901 Altenhagen b. Osnabrück, +1989 Wintrich/Mosel) in Liebe und Dankbarkeit gewidmet.
Prolog - Schicksalhafte Begegnung in Berlin
Vorwort
Wilde Gesellen - Die Quints ziehen an die Mosel
Matthias - Stahl auf Schiefer
Nasse Achter - Militärdienst in Metz
Abenteuer des Schienenstrangs - Das Haus auf Korbel
Heimatfront - Kanonier Quint im Weltkrieg
Susanna - Wohlstand ohne Badewanne
Wintrich - Otto meets Automatix und Verleihnix
Jeder half Jedem - Leben und Arbeiten im Dorf
Schöner fremder Mann – Erbe und Erbgut der Soldaten Roms
Georg - Ein Mann will nach oben
Der Kaiser in Lieser
Katharina - Käthchen von der Mosel
Salve Mosella! - Konstantin, Cusanus, Karl & Co.
Vom Fluppes bis zum Hochgewächs -Weinbau an der Mosel
Das Grab der Deutschen - Quints als Auswanderer im Banat
Aenne - Frauenpower
Eduard - Stolz und Urteil I
Erbhof - Zwangsgemeinschaft in schwerer Zeit
Mia wòan datt nèt! - Juden in Wintrich
Matthäus 25, 35
Rosa - Frühes Unglück
St. Michael nach dem Krieg - Stolz und Urteil II
Hildegard - Liebe in Zeiten der Verbannung
Walter- Es ist nicht leicht, Sohn zu sein
Junge Römerinnen - Die Zwillinge Hiltrud und Hedwig
Erika - Bonjour Mademoiselle
Michael - Der Fluch des Ikarus
Heinz - Jo, Mehn!
Jenseits der Berge die Sonne! - Ausblick
Sag mir wo die Blumen sind - Impressionen aus einer untergegangenen Welt
Nachwort
Glossar
Literaturverzeichnis
Soundtrack
Karte
Berlin-Lichterfelde, Gardeschützen-Kaserne, Herbst 1904
Im Hof der repräsentativen Kaserne aus rotem Backstein (sie ist noch heute zu bewundern) stehen angetreten die zur Entlassung anstehenden Unteroffiziere und Mannschaften der 4. Kompanie.
Das Garde-Schützen-Bataillon ist ohnegleichen in der großen Armee des deutschen Kaiserreichs, ein Eliteverband. Vielleicht nicht so exklusiv wie das 1. Garde-Regiment zu Fuß oder das Garde du Corps, aber hinsichtlich der besonderen Tradition und Bewährung auf diversen Schlachtfeldern gibt es im ruhmreichen preußischen Heer wenige Einheiten, die es mit den “Nöffschandellern”1 aufnehmen können. Das Offizierkorps ist selbstverständlich zu 100% adelig, unter den Mannschaftsdienstgraden sind, wie auch bei der Jägertruppe üblich, die Forstberufe vorherrschend. Die 4. Kompanie hatte sich im Deutschen Krieg 1866 besondere Verdienste erworben, als sie in der Schlacht bei Königgrätz unter hohen Verlusten eine österreichische Batterie weggenommen hatte. Die Szene wurde im Kaiserreich gerne auf Schlachtengemälden wiedergegeben, vielleicht auch wegen der besonderen Uniform, denn der kleidsame grüne Waffenrock und der schwarze Tschako (besonders geformter Lederhelm, später Kopfbedeckung der deutschen Polizei bis in die 60er Jahre) war ausschließlich den wenigen Jägerbataillonen und eben den Gardeschützen vorbehalten.
Aufgrund ihres verhältnismäßig frischen Waffenruhms genoss die 4. Kompanie noch einmal einen Sonderstatus, sie war sozusagen die ‘Elite der Elite’. Am heutigen Tag hat sich neben den Soldaten eine ausgesprochen exklusive Schar von Herrschaften auf dem Appellplatz versammelt: Vertreter des hohen Blut- und Finanzadels, hauptsächlich aus Preußen, aber auch anderen Gliedstaaten des Reiches. Männer, die über ausgedehnten Landbesitz verfügen und sich eine stattliche Anzahl Angestellter leisten können. Zu einem solchen Hofstaat gehört selbstverständlich ein Hof- oder Leibjäger. Dieser wiederum nimmt in der Rangfolge der Angestellten eine herausgehobene Stellung ein, war doch die Jagd über Jahrhunderte ein an sich aristokratisches Privileg. Mit seinem Leibjäger ist der Jagdherr bei Ausübung selbiger Tätigkeit buchstäblich auf Tuchfühlung, da sucht man sich solch einen Mann vorzugsweise persönlich aus. Zu diesem Anlass sind also die ‘Entlassungskandidaten’, etwa die Hälfte der Kompanie, angetreten und zwar in drei Gliedern mit drei Schritt Zwischenabstand, so dass die hohen Herrschaften zwischen die Reihen treten können.
Die Front des ersten Gliedes schreitet gerade ab Clemens August Michael Hubertus Antonius Aloysius Maria Freiherr von Schorlemer-Lieser - der Mann hieß wirklich so - beurlaubter Oberpräsident der Provinz Schlesien, ernanntes Mitglied des Preußischen Herrenhauses, gewählter Abgeordneter des Rheinischen Provinziallandtags, 50 Jahre alt. Alter westfälischer Adel, durch Geschick und Befähigung in die genannten hohen Positionen, durch Heirat zu bedeutendem Wohlstand gelangt. Hohe Gestalt, graumelierter, pedantisch gepflegter Schnauzbart, die kurzen grauen Haare mit dem damals obligaten schnurgeraden Scheitel geteilt. Von der Erscheinung nicht unbedingt das Klischee des preußischen hohen Offiziers oder Beamten, eher ein englischer Lord. Der Mann genießt Sympathie und Vertrauen des Kaisers, irgendwann wird vielleicht auch Freundschaft daraus werden. Mehr kann man in einer Monarchie nicht erreichen.
Seine Exzellenz mustert also im Vorbeischreiten die angetretenen Soldaten. Viele haben eine Jagd- oder Forstausbildung vor ihrem Wehrdienst durchlaufen, bzw. einen verwandten Beruf erlernt, Gärtner etwa. Vor allem: diese Männer haben eine vortreffliche zweijährige Militärausbildung absolviert, bei der gesteigerter Wert auf die Schießausbildung gelegt wurde. Gardeschützen sind tatsächlich, was man auch Scharfschützen nennen könnte. Bei der leichten Infanterie herrscht zudem aufgrund der besonderen Kampfweise zwischen Offizieren und Mannschaften ein anderer, etwas weniger steifer, dafür gleichberechtigterer Umgang. Der Gardestatus2 ist das Sahnehäubchen, im Ergebnis ist dann selbst der einfache Gefreite fast schon satisfaktionsfähig. Kurz: ein besseres Reservoir für Leibjäger gibt es in Deutschland nicht.
In der ersten Reihe ist Schorlemer nicht fündig geworden, auch in der zweiten konnte kein Mann sein Interesse wecken. Eben beginnt er wieder ganz links außen im letzten Glied. Dort steht der Korporalschaftsführer, ein auffallend junger, schmucker Unteroffizier. Schorlemer bleibt stehen. Der Mann vor ihm hat nicht eben Gardemaß, weshalb er sich nach auch heute noch praktizierten militärischen Gepflogenheiten im hintersten Glied befindet. Ansonsten herrschen bei den Gardeschützen eben andere Maßstäbe: außergewöhnliches Sehvermögen kann da schon mal fehlende Wuchshöhe3 ausgleichen.
In seiner kerzengeraden, korrekten Haltung unterscheidet sich der Mann nicht von seinen Nebenleuten. Das ansonsten glatt rasierte Gesicht ziert ein stattlicher Schnurrbart, so wie ihn auch seine Majestät der Kaiser trägt. Aber auch das ist damals an sich nichts Besonderes.
Die Messingknöpfe auf der Brust und den besonderen “Französischen” Aufschlägen glänzen in der Septembersonne. Und noch etwas blitzt den Herrn Baron an:
Es sind die Augen meines Urgroßonkels. Diese besonders dunklen Augen, die für seine Familie so charakteristisch sind. Sie schauen ihr Gegenüber lustig-herausfordernd an, gar nicht militärisch-starr oder gar devot. Nein, aus diesen Augen schaut Selbstbewusstsein.
“Sind Sie katholisch? “
“Jawohl, Euer Excellenz!”
“Name? Herkunft?”
“Oberjäger4 Georg Tobergte aus Altenhagen, Osnabrücker Land!5”
Welchen Beruf haben Sie gelernt?”
“Gärtner, Herr Baron.”
In diesem Augenblick nimmt das Schicksal von Georg Tobergte eine entscheidende Wende. Innerhalb kurzer Zeit sollte aus dem aus eher einfachen Verhältnissen stammenden westfälischen Bauernsohn ein angesehener und wohlhabender Weingutsbesitzer an der Mosel werden. Doch auch für eine Verwandte Georgs hatte dessen Zug nach Süden weitreichende Folgen und lenkte ihr Leben in völlig andere als die scheinbar vorbestimmten Bahnen. Hier und in diesem Moment nimmt die Geschichte der Verschmelzung zweier zuvor vollkommen entfernter Familien ihren Anfang und damit auch diese Aufzeichnung.
Die schönste Kaserne des Deutschen Reiches, zeitgenössische Aufnahme aus dem Erinnerungsalbum von Georg Tobergte
1 typisch Berliner Verballhornung des Französischen. Die Berliner, die für alles und jeden sofort einen neuen Spitznamen kreieren, bezogen sich auf den Schweizer Kanton Neufchatel/Neuburg, aus dem der Verband ursprünglich stammte. Sh. auch unter gleicher Nummer im Glossar.
2 zum Begriff der Gardetruppen in der preußischen Armee sh. unter gleicher Nummer im Glossar.
3 aufgrund ihrer spezifischen Kampfweise galten bei der Jägertruppe ohnehin andere Vorgaben. Im 18. Jhdt. gab es beispielsweise selbst bei den Gardejägern eine Körperhöchstgröße!
4 Oberjäger: die nur bei der Jägertruppe übliche Bezeichnung für den Unteroffizier
5 Wenn es Georg geschickt angestellt hat, und alles deutet darauf hin, dann ließ er in dieser entscheidenden Situation gegenüber Schorlemer ‘den Westfalen raushängen’. Also: Altenhagen, Kreis Osnabrücker Land und nicht das an sich übliche: Altenhagen, Provinz Hannover. Landsmannschaftliche Verbundenheit spielte damals bei Personalentscheidungen dieser Art eine Rolle, die man nicht hoch genug einschätzen kann.
Familiengeschichten nicht-fiktiver Art dürften in der langen Reihe effektiver literarischer Schlafmittel einen der vordersten Plätze einnehmen. Um dem entgegenzuwirken, enthält dieses Buch stellenweise ordentliche Prisen von sex ‘n drugs, crime ‘n violence sowie Gesellschaftsklatsch aus hohen bis allerhöchsten Kreisen. Dennoch - und darauf lege ich großen Wert - ist nichts erfunden, sondern vielmehr ALLES historisch oder durch Zeitzeugen belegt.
Dieses Buch richtet sich ausdrücklich auch an jüngere Leser.
Wintrich, Oberdorf, 21.05.2017, 14:45 Uhr
Gleich werde ich mich für vier Stunden in die Pfarrkirche St. Stephanus begeben. So genieße ich an eine Mauer gelehnt noch die warmen Sonnenstrahlen. Von oben kommt eine Frau die Pützgasse herab. In diesen Bereich des Ortes verirren sich in der Regel keine Touristen. Ich werfe ihr einen Blick zu, dabei denkend: lustig, aber die Chance, das ich mit dieser mir wildfremden Person verwandt bin, liegt bei mindestens 50%. Wie zum Gruß sagt sie: ”Ein letztes Mal” und lacht. In Wintrich ist der letzte Tag der Passionsfestspiele. Was der kleine Ort alle fünf Jahre auf die Beine stellt, ist schlicht sensationell. Buchstäblich das halbe Dorf ist unmittelbar involviert, allein der Chor umfasst 88 Mitglieder.
Bahnstrecke, irgendwo zwischen Berlin und Frankfurt. 20.05.2017
Ich sitze im ICE - auf dem Weg an die Mosel - und schreibe. Ich schreibe die Geschichte meiner mütterlichen Familie und tue dies - in einem Zug - seit etwa fünf Wochen. Annähernd 200 Seiten sind bereits gefüllt, die Rohfassung der persönlichen Kapitel nähert sich dem Ende. Seit bald 20 Jahren sollte eigentlich alles bereits fertig sein, aber man scheut ja vor solchen Großvorhaben ständig zurück und es findet sich immer ein guter Grund, warum man mit dem Werk doch nicht beginnen kann.
Warum es jetzt auf einmal Klick gemacht hat? Ich weiß es selber nicht genau. In den Osterferien habe ich erstmals seit fast 25 Jahren wieder meine Tante Hildegard, die ‘Seniora’ der Familie, in Freiburg besucht. Meine Tante weiß sehr viel, sie hat vor allem die seltene Gabe, sehr präzise Angaben zu machen und auch dezidiert darauf hinzuweisen, wenn sie sich in der einen oder anderen Sache nicht 100%ig sicher ist. Man spürt ihre akademische Ausbildung deutlich.
Hildegard ist zum Zeitpunkt meines Besuchs fast 88 Jahre alt. Die Zeit, sich mit den Kindern der Aenne und des Eduard unterhalten zu können, geht unaufhaltsam dem Ende entgegen. Dies war der eine Grund. Der andere war ein Fund, der mich geradezu elektrisiert hat. Die Gestapo-Akte meines Großvaters. Jahrzehntelang waren die Akten der Gestapoleitstelle Trier in einem französischen Militärarchiv verschwunden, erst 2015 wurden sie wiederentdeckt und waren erst Monate vor meiner Anfrage bei der Uni Trier grob erfasst worden. Dennoch hat man mir sehr schnell und umfassend Auskunft gegeben, so dass ich erstmals den Namen des abgeschossenen amerikanischen Fliegers erfuhr und weitere Nachforschungen im Internet anstellen konnte.
Das Wissen, die Hintergründe für dieses Buch haben sich über mehr als vier Jahrzehnte angesammelt, alles war im Kopf, es musste ‘nur’ noch zu Papier gebracht werden. Jede Minute in Urlaub, Freizeit und auf Reisen (einmal auch nach Afrika) nutzte ich in den folgenden Wochen. Ich schulde meiner Frau und meinen Kindern einerseits einen großen Dank für ihr Verständnis, andererseits ist dieses Werk in erster Linie für sie verfasst.
Für mich war das Recherchieren und Schreiben eine bislang einmalige und geradezu unglaubliche Erfahrung. Mir sind so viele Dinge klargeworden, die jahrzehntelang Rätsel aufgegeben hatten. Wenn man sich intensiv in die Rolle eines Menschen begibt, über den man an sich eine Menge weiß, wenn dann von rechts und links Puzzleteile hinzugefügt werden können, ergibt sich irgendwann ein annähernd komplettes Bild und plötzlich sieht man klar und versteht Vieles, was bislang rätselhaft erschien. Eine faszinierende Erfahrung, die selber zu machen ich jeden nur ermuntern kann.
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich Angaben zu Jahrzehnten in diesem Text stets auf das 20. Jhdt. Ein Stammbaum am Ende erleichtert die Orientierung in der weitverzweigten Familie.
Zu diesem Buch in besonderer Weise beigetragen haben, was die Quints angeht meine beiden Tanten Hildegard Kling und Erika Moser sowie die 93-jährige Nachbarin Pauline Simon. Was die Tobergtes und Franksmanns angeht der Cousin meiner Mutter Alex Himmermann (+ 2019) sowie mein Cousin Matthias Quint und was das Dorf Wintrich und seine Geschichte angeht, Herr Paul Jüngling (+2020). Ihm verdanke ich auch viel Hilfe bei Übersetzungsarbeiten (Hoch-) Deutsch - Wintricher Platt. Herrn Günter Kettern aus Konz schulde ich viel Dank für vielfältige Unterstützung durch seine umfangreiche genealogische Datenbank. Selbstverständlich haben viele weitere Menschen beigesteuert, nicht zuletzt mein Vater und meine Geschwister.
Jede Familie hat ein kollektives Gedächtnis, aber wenn es nicht von Zeit zu Zeit niedergeschrieben wird, geht Vieles unwiederbringlich verloren. In meiner Familie gab es auffallend viele ausgesprochen starke Persönlichkeiten, mit allen positiven wie negativen Begleiterscheinungen solcher Menschen. Ich erwähne dies deshalb, weil es für den Autor den großen Vorteil birgt, authentische und unverwechselbare Charaktere als Ausgangsmaterial vorzufinden. Ich habe mich bemüht, meine Vorfahren in der sie prägenden Zeit und ihren Umständen vorzustellen. Wie man diese dann persönlich beurteilt, möchte ich ausdrücklich dem Leser überlassen.
Eine ganze Reihe zum Teil spektakulärer Aktenfunde gab den Anstoß, eine zweite Auflage dieser Familiengeschichte zu besorgen.
Konkret: die Akten der Spruchkammerverfahren (Entnazifizierung) meines Großvaters Eduard Quint und meines Urgroßonkels Georg Tobergte - beide spielen in dieser Saga eine herausgehobene Rolle - brachten eine Reihe sehr interessanter und bislang nicht mehr bekannter Aspekte ans Licht. In diesem Zusammenhang möchte ich den Herren Archivräten Dr. Daniel Heimes und Dr. René Hanke vom Landeshauptarchiv in Koblenz danken.
Großen Dank schulde ich Frau Elisabeth Quint aus Rastatt und Herrn Claus Quint aus Wintrich, die mir wertvolle Informationen zum Schicksal jener Wintricher Quints gaben, die im 18. Jhdt. in das Banat auswanderten. Ich habe deren bewegtem Schicksal ein eigenes, neues Kapitel gewidmet. Damit findet auch eine Facette der reichen Geschichte der deutschen Siedlung im Osten Europas seinen Niederschlag in dieser Familienchronik.
Insgesamt, so denke ich, konnte der Inhalt dieses Buches durch die neuen Informationen abgerundet, bereichert und komplettiert werden.
Ich wünsche allen Lesern viel Vergnügen bei der Lektüre!
Sofia, im März 2022
Aber da draußen am Wegesrand,
Dort bei dem König der Dornen,
Klingen die Fiedeln im weiten Gebreit,
Klagen dem Herrn unser Carmen.
Und der Gekrönte sendet im Tau
Tröstende Tränen herunter.
Fritz Sotke
Der Winzer und Bauer Matthias Quint wurde am 18.12.1873 in Wintrich/Mosel geboren. Sein Vater hieß ebenfalls Matthias6 und erblickte 1835 das Licht der Welt, bei seinem Tod war mein Urgroßvater 13 Jahre alt. Matthias d.Ä. war der Sohn des Johann, der von 1807 - 1885 lebte. Johann war der Sohn des Jakob (*1774 + 1807), Jakob der Sohn des Michael, dieser schließlich der Sohn des Gerlach, der 1717 geboren war. Ein älterer Bruder des Gerlach (Johann) wanderte 1766 aus ins Banat.
Fast wäre unser Quint-Zweig in den dreißiger Jahren des 19. Jhdts., als die Kindersterblichkeit besonders stark grassierte, ausgestorben, denn von den 5 Kindern, die der Johann mit seiner Katharina Esselen hatte, überlebte nur der Matthias. Die in den Akten erhaltene Heiratsbescheinigung des Vaters Jakob und der Mutter Anna Eva (übrigens einer Analphabetin, die mit Kreuzen unterschrieb) stellt bemerkenswerterweise die erste Urkunde der Franzosenzeit im Amt (Marie) Lieser dar (03.03.1798).
Matthias Mutter war die ebenfalls aus Wintrich stammende Anna Maria Kiemes, 10 Tage vor seinem 16. Geburtstag war Matthias Vollwaise. Auch Großvater Johann7 war selbstverständlich schon tot, so alt wie heute wurden die Menschen Anfang/Mitte des 19. Jhdts. nicht. Die besagte Anna Maria starb mit 29. Matthias hatte fünf Geschwister: vier Schwestern und einen Bruder. Außer den Schwestern Elisabeth (Liß) (*1869) und Anna (*1875) wurden alle Geschwister nicht wirklich alt. Der Bruder hieß Johannes (Hanni, *1867); die beiden übrigen Schwestern Gret (*1868) und Marie (1871) verstarben früh [Kommentar Tant’ Lis: “Se hunn sej-ich iwer de Bur gelocht.” Sie haben sich über den Bor (Brunnen) gelegt: Wir vermuten, dass in der Familie offene Tbc grassierte]. Gret war die älteste Schwester und übernahm nach dem Tod der Eltern das Kommando. Die Geschwister blieben nämlich zusammen und wurden nicht, wie sonst in solchen Situationen üblich, auf die gesamte Verwandtschaft verteilt. U.a. hielt sich die Kinder-WG mit der Zucht von Ochsen über Wasser. Es muss eine sehr harte Schule gewesen sein, völlig ungewöhnlich war so etwas damals keinesfalls.
Wir können die Vorfahren des Matthias recht weit zurückverfolgen, die ersten Quints tauchen etwa Anfang des 17. Jhdts. im Hunsrückraum (Hoxel) auf. Sie kamen von außerhalb Deutschlands, wohl aus dem romanischen Sprachraum, mutmaßlich aus der Lombardei. Die ältesten an der Mosel nachweisbaren Quints übten ein ‘unehrliches‘ Gewerbe8 aus und zogen als vagabundierende Kesselflicker im ersten Viertel des 18. Jhdts. vom rauen Hunsrück auf Dauer herunter an die liebliche Mosel.
So, so, meine Ahnen waren also ‘Fürsten in Lumpen und Loden, ehrlos bis unter den Boden’, wie es in dem schönen Wandervogellied heißt, sie zogen ‘weiter wirbelnd auf staubiger Straß’ und ‘klopften bei Veit und bei Velten’ ... und ab und an werden sie sich auch gekloppt haben wie die ….
„Die Quint waren und sind auch wegen ihres Jähzorns (Gätsch [?]) bekannt.“9
Das Haus, in dem Matthias geboren wurde, existiert noch. Es liegt auf der Flur namens “Thanischt” und heißt folgerichtig in der moselländischen Diktion: ‘auf Tónischt’ (kelt.: tanaoon; es ist der älteste besiedelte Teil Wintrichs).10 Eigentlich ist es gar kein einziges, zusammenhängendes Haus sondern ein ziemliches Sammelsurium von mindestens drei recht verschiedenen und unterschiedlich alten Gebäudeteilen. Das typische Produkt einer Bauweise, bei der fehlender Platz die Mutter und fehlendes Geld den Vater bilden. Da wurde hier mal was zugekauft und angestückelt und dort mal was um- bzw. angebaut. Dann musste aufgrund eines Erbfalls wieder etwas abgetrennt werden, am Ende kam ein architektonischer Frankenstein heraus, nur viel kleiner und schwächer. Aufgrund der auch Realteilung genannten fränkischen Erbteilung sahen in Moseldörfern Baugrundstücke genauso aus, wie die Wingerten im Berg: schmale, lange Handtücher, wobei die Bauplätze zwar fast immer schmal, dafür aber fast immer eher kurz waren.
Der Erbauer des jüngsten, den rechten Flügel des Hauses bildenden Teils war Matthias’ Großvater Johann. Folglich ziert den Türsturz (dieser bildet, zusammen mit den schönen, in Sandstein gefassten und oben abgerundeten beiden Fenstern des Mittelteils, den einzigen Schmuck des Hauses) folgende Initiale: J 18 + 85 Q.
Johann ließ also diesen Flügel bauen, wirft nach Fertigstellung einen Blick auf die Handwerkerrechnungen und fällt auf der Stelle tot um. Das war folglich im besagten Jahre 1885 und zwar gleich im Februar, sein Enkel ist gerade zarte 11, fünf Jahre später wird er Vollwaise sein. So etwas ist heute kein Spaß, damals war es so ziemlich die Hölle.
Die Lage eines Hauses innerhalb des Dorfes sagt viel über den sozialen Status seiner Bewohner aus, das ist letztlich allerorten so. Es gibt gute und weniger gute und natürlich gibt es auch schlechte Lagen. Aufgrund der spezifischen Moseltopographie (Ernst Jünger hat sie einmal mit dem treffenden Adjektiv ‘plastisch’ versehen) sieht es in einem typischen Moseldorf so aus: die besten Lagen befinden sich entlang von Hauptstraße und am Dorfplatz. Die Hauptstraße liegt, womöglich, hoch genug, dass sie einerseits frei von Hochwasser ist aber gleichzeitig nicht so hoch, dass die Topographie zu steil wird/das akuter Platzmangel herrscht. In Wintrich war dies der Fall, eine glückliche Ausnahme, denn in den meisten Moselorten liegt die Hauptstraße aus Mangel an ebener Fläche mehr oder weniger direkt am Fluss bzw. auf dessen Höhe. Dann kommen die Grundstücke ‘in zweiter Reihe’, aber immer noch im Flachen und möglichst hochwasserfrei. Je weiter nach oben zum Berg, bzw. je tiefer hin zum Wasser (letzteres gilt ausdrücklich nur für Wintrich, an vielen Orten standen die schönsten Häuser am Wasser und man nahm die Folgen in Kauf) sich alle übrigen Häuser ziehen, desto schlechter die Lage.
Auf Thanischt liegt auf einer unteren bis mittleren Hanglage, in dieser Kategorie dürfte sich bis heute ein Großteil bis die Masse aller Häuser in Wintrich befinden. Wie mit einem modernen Refraktometer den Oechslegrad des Traubenmostes, können wir anhand dieser Einstufung erstaunlich präzise den sozialen Stand der Quints bestimmen: sie lagen sozial vollkommen im Durchschnitt, d.h.: sie lebten in bescheidenen aber auskömmlichen Verhältnissen. Für uns Heutige waren sie damit ziemlich arm. Sie waren es auch im Vergleich zu bäuerlichen Verhältnissen in anderen (nicht allen!) Teilen des damaligen Deutschlands. Außenstehende verbinden heute mit Weinbau reflexartig eher bäuerlichen Wohlstand. Damals war das an der Mosel definitiv nicht so.11 Bis nach dem 2. Weltkrieg konnte man in den Moseldörfern nackte Armut antreffen, zu Matthias Zeiten dürften 40, eher 50% seiner Klassenkameraden aus bescheideneren Verhältnissen als er selbst gekommen sein.
6 Matthias (hebr.: “Geschenk Gottes”; im 19. Jdt. oft nur mit einem t geschrieben), war über Jahrhunderte einer der gebräuchlichsten männlichen Vornamen im Großraum Trier und der ganzen Moselregion. Dies lag an dem Umstand, dass die Kaiserin Helena, also die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, den Trierer Bischof Agritius (auch diesem Namen werden wir noch einmal begegnen) beauftragt hatte, die Gebeine des Apostels Matthias nach Trier zu bringen, wo sie seit Anfang des 12. Jhdts. in der gleichnamigen Basilika verehrt werden. Auch heute noch tragen zwei meiner Cousins den schönen Namen zu Ehren ihres/ihrer Vorfahren.
7 Der Hausname der Wintricher Quints lautet “Haanesen”. Über den Ursprung gibt es konkurrierende Theorien. Die These, weil in der Familie der Vorname Johannes so häufig gewesen sei, ist m.E. völlig abwegig. Erstens stimmt es nicht und zweitens träfe es auf viele andere Familien wesentlich eher zu. Wahrscheinlicher ist, dass ein Johannes seinen Namen auffällig gedehnt aussprach: “Ei-esch sinn der Joha-anes”.
8 unehrlich im Sinne von ehrlos. Bis ins 18. Jhdt. galten alle nicht ortsfest, von als „herrenlos“ geltenden Menschen („Fahrendes Volk“) ausgeübten Gewerbe wie Lumpensammler, Spielleute, Kesselflicker, Scherenschleifer oder Hausierer als unehrlich. Sh. auch Glossar.
9 Aufzeichnungen des Eduard Quint, S. 117
10 etymologische Ausführungen zur Flurbezeichnung im Glossar.
11 welche Kriterien ausschlaggebend dafür waren, ob eine Weinregion eher arm oder wohlhabend war, findet sich im Glossar
Am 26.05.1904 heiratet Matthias Susanna Kettern, die von einer vergleichsweise begüterten Familie aus dem moselaufwärts gelegenen Nachbarort abstammt. Für diese Geschichte ist Matthias gewissermaßen der Ausgangspunkt, der “Stammvater”. Wenn wir an die Stammväter denken, welches Bild haben wir vor Augen? Großgewachsene, ehrwürdige ältere Männer mit kahlem Haupt und Rauschebart, so oder so ähnlich, nicht wahr?
Nun, so können wir uns unseren Matthias auch tatsächlich vorstellen, nur den Rausche- müssen wir durch einen Schnauzbart ersetzen, allerdings einen stattlichen. Gegen Ende des Weltkrieges trug er tatsächlich einen sorgfältig gestutzten Vollbart. A propos: Matthias war ein ausgesprochen ansehnlicher Mann: das Hochzeitsbild zeigt ihn groß gewachsen und von kräftiger Statur, mit den großen Händen eines Landwirts und tatsächlich - auch bereits mit 30 - recht kahlem Haupt. Dieses Haupt ist freilich ein echter Charakterkopf: vollkommen ebenmäßig geformt, mit gerader Nase, den beiden leicht kalt-herablassend blickenden blauen Augen (das Markenzeichen aller waschechten Quints: die graublauen Augen) und darüber, buchstäblich als Krönung: eine hohe und sehr breite Stirn. Das Haupt eines freien und stolzen Mannes, der Schädel Eines, der stur und unbeirrbar dem Weg zu einem selbst gesetzten Ziele folgt.
Sein erstes wichtiges Ziel hatte Matthias tatsächlich sozusagen im Moment der fotografischen Aufnahme erreicht: durch die Heirat mit Susanna war der aus beengten Verhältnissen stammende junge Mann mit der schwierigen Kindheit zu Wohlstand gelangt, jedenfalls zählte er von diesem Moment an zu der sehr überschaubaren bäuerlichen “Oberschicht” im armen Wintrich.12
Ich fürchte, dieser stets ausgesprochen rational denkende und auf äußerste Effizienz und Sparsamkeit ausgerichtete Mann hat später in der Ehe auch nicht einen Hauch für romantische Gefühle erübrigt. Ein drastisches Beispiel mag dies verdeutlichen: nachdem innerhalb Jahresfrist nach Eheschließung wunschgemäß ein Junge (Eduard, mein Großvater) geboren war, stellte Matthias bildlich die Betten auseinander, der ‘Ehebetrieb’ wurde komplett eingestellt. Der Hoferbe war ja geboren, jedes weitere Geschwister hätte doch nur das Erbe verkleinert und damit seine Lebensleistung geschmälert, den Quint-Hof (der mit Rücksicht auf das von außen ererbte Vermögen noch etwa bis Susannas Tod der Quint-Kettern Hof hieß) endlich groß zu machen. Um sich nicht in Versuchung zu bringen, musste Susanna alsbald sogar ein Zimmer unter dem Dach beziehen, wenn Matthias etwas machte, dann immer nur zu 100%.
Man sollte in diesem Zusammenhang wissen, wie Matthias bereits früh seine Prioritäten gesetzt und diese dann auch zeitlebens konsequent gelebt hat: Zu allererst kam sein Hof. Dann kam ganz lange gar nichts. Dann kamen seine Frau und die beiden Kinder und am Schluss schließlich noch die Kirche. Das war’s.
Nix Volk, nix Reich und gleich gar nix Führer, mochte er Wilhelm, Friedrich oder Adolf geheißen haben.
Exkurs Erbrecht:
Tatsächlich erscheint die an der Mosel herrschende fränkische Erbteilung (Realteilung) auf den ersten Blick zwar als gerecht und modern, führte im Resultat jedoch häufig dazu, dass sich die oftmals ohnehin kleinen Höfe bis unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze verkleinerten (Eduard: “Die Leute haben sich buchstäblich zu Tode geteilt.” Auf Platt: ‘Sei hunn se-ich dootgedehlt’). Dies verschärfte die allgemeine Armut eher noch. Das Gegenmodell, die in Gegenden wie Westfalen, Niedersachsen, Sachsen, dem Hochschwarzwald, Oberbayern und Tirol vorherrschende germanische Erbteilung (Anerbenrecht) bevorzugte einen einzigen Erben. Dies benachteiligte objektiv die übrigen Geschwister, sicherte aber den Fortbestand der Höfe innerhalb der gleichen Familie oftmals über Jahrhunderte. Der Hoferbe wiederum konnte aus praktischen und auch moralischen Gründen seinen Geschwistern die Hilfe nicht versagen, sollten diese sich in einer Notlage befinden. Matthias war ganz eindeutig ein entschiedener Gegner der Realteilung oder umgekehrt und noch präziser ausgedrückt: er wollte seinen Hof auf möglichst lange Zeit in voller Größe erhalten wissen. Das war seine Lebensvision.
Sozio-historisch betrachtet ist das Anerbenrecht übrigens eine Übertragung der feudalen Sippschaftsstrukturen auf den Bauernstand. Auf den Einzelfall projiziert lautete das Ziel aller Träume mithin: Herr Matthias von Quint auf und zu Korbel.
Wo wir schon mal bei den Herren sind. An der armen, weinbäuerlichen Mosel unter fürstbischöflicher Herrschaft gab es deren in Wirklichkeit nur exakt drei: 1. dé Hä-a im Himmel, 2. dé Hä-a Pastóa unn 3. dé Hä-a Weinkommissär.13
Sèrèck zo osem Matti: Seinen Vorfahren hatte sich das ‘Problem’ eines reichen Erbes nie gestellt, Matthias musste sich hierzu erstmals Gedanken machen und anschließend entsprechend handeln. Er tat dies in der für ihn eigenen konsequenten und unbeirrbaren Art.
Die später von einem anderen Großen Vorsitzenden als fortschrittlich erkannte und entsprechend kopierte ‘Ein-Kind-Politik’ war in den Winzerfamilien der Mosel, wo man im Schnitt mindestens 4 Kinder hatte, etwas vollkommen Außergewöhnliches. Neun Jahre später ereignete sich dann doch ein ‘Betriebsunfall’.14 Dessen Ergebnis war die kleine Schwester Rosa Christiane, die im Februar 1914 geboren wurde.
Wer war dieser Matthias Quint? So, wat wiss’n mir iwer de Haanessen-Mattes?
Auf den ersten flüchtigen Blick unterscheidet er sich mit Mitte 20 in keiner Weise vom Gros seiner Altersgenossen in Wintrich und damit an der Mittelmosel. Er stammt aus einer vergleichsweise armen Winzerfamilie. Das dürfte, wie wir gesehen haben, auf 80-90% seiner Altersgenossen zugetroffen haben. Natürlich gab es noch eine ganze Menge Vertreter verschiedener Handwerke (Bäcker, Metzger, Schreiner, Stellmacher, Schmiede, Schuster, Küfer u.v.m.), die waren deshalb aber in aller Regel nicht wohlhabender. Lediglich Müller konnten es oftmals zu einem mehr oder weniger bescheidenen Wohlstand bringen. Dafür mussten freilich (wie beispielsweise bei den Brauern) zuvor erst einmal kräftige Investitionen getätigt werden.
Matthias wächst ‘Auf Thanischt’ (Tónischt) auf. Die Straße liegt am südlichen Ortsrand, an einer leichten Hanglage unweit des Friedhofs. In den Moseldörfern herrscht aufgrund der spezifisch topographischen Verhältnisse fast überall diese drängende und belastende Enge (vorne der Fluss, hinten der Berg). Beim Hantieren und Rangieren mit den teilweise recht großen Fahrzeugen und Gerätschaften einer Winzerwirtschaft, Behinderung der Durchfahrt, Ableitung von Regenwasser oder gar Jauche, sind ständige Nachbarschaftsstreitigkeiten vorprogrammiert. So war die Zufahrt zum Stall auf Thanischt gemeinschaftlich, es gab ständig Ärger. Matthias will unbedingt raus aus dieser beklemmenden Enge, aus dieser elenden Armut, die keine Entwicklung zulässt. Matthias fehlen aber nahezu alle Voraussetzungen, um seine Absichten auch in die Tat umzusetzen. Er verfügt über keinerlei finanzielle Mittel, sein Bildungsabschluss entspricht dem Minimum bzw. ist vollkommen durchschnittlich (8-jährige Dorfschule), er hat keine reichen Verwandten oder sonstigen Gönner.
Zur politischen Einstellung meines Urgroßvaters: Matthias war katholischer Rheinländer. Damit ist schon viel zu seiner politischen Verortung im Kaiserreich der Jahrhundertwende gesagt, viel mehr, als man heutzutage annehmen würde. Das Moseltal wurde, wie die Mehrheit der linksrheinischen Territorien, jahrhundertelang überwiegend von Fürstbischöfen regiert (Wintrich gehörte zum Kurfürstentum Trier). Die Herrschaft der Kirchenherren war gemeinhin etwas weniger drückend, als dies in den weltlichen Territorien der Fall war (daher auch der Spruch “Unterm Krummstab lässt es sich gut leben”). Dieses vergleichsweise liberale Regiment wurde noch bestärkt, als die Franzosen Ende des 18. Jhdts. die gesamten linksrheinischen Territorien besetzten und Frankreich einverleibten. Zwar war das französische Militär bzw. die Verwaltung keineswegs beliebt, u.a., weil es fleißig Steuern eintrieb, aber die positiven Seiten überwogen zunächst: politische Freiheit und ein modernes Rechtssystem. Jedwede Privilegierung Einzelner oder bestimmter Gruppen wurde abgeschafft, vor dem Gesetz waren erstmals alle gleich.
Einen nicht unerheblichen Anteil an der Attraktivität der Herrschaft der Franzosen hatte zu allen Zeiten und Orten ihre wohlklingende Sprache, die selbst den profansten Dingen einen Hauch von Eleganz und Exklusivität zu verleihen vermochte. So wurde aus meinem Ururururgroßvater, dem Bauern Jakob, “Jacques”, der “cultivateur”, so steht es in der Geburtsurkunde seines Sohnes Johann, pardon, Jean, aufgesetzt im März 1807 in der Mairie de Lieser, Département de Sarre. Doch keine 20 Jahre sollten sich die rheinischen Bauern ihres schicken neuen Titels erfreuen dürfen, nach 1815 machten die Preußen aus ihnen schlichte “Ackerer”, welch ein Fall! “Das sie uns nicht gleich “Rackerer” genannt haben, war aber auch schon alles”, pflegte mein Großvater bei dieser Gelegenheit stets anzumerken. Sein Vater wählte übrigens nicht das Zentrum, sondern rechtsliberale, nationale Parteien, am Schluss wohl DNVP.
Als ausgerechnet den anti-liberalen Preußen 20 Jahre später auf dem Wiener Kongress das Rheinland zugesprochen wurde, musste das auf seine Bewohner wie die sprichwörtliche kalte Dusche gewirkt haben. Kurzum: die Preußen waren nicht beliebt im Rheinland und das blieb in vielen rheinischen Familien so über Generationen. Bis weit in das 19. Jhdt. hatte das preußische Militär erhebliche Probleme bei der Aushebung seiner rheinischen Rekruten. Der lange und schwere preußische Wehrdienst war gerade im Rheinland sehr unbeliebt und zahllose junge Männer suchten sich ihm durch Flucht oder kurzfristige Auswanderung zu entziehen. Selbst wenn es gelang, einen Rheinländer in den ‘blauen Rock’ zu stecken, galt dieser bei Preußens pauschal als unzuverlässiger Soldat und lästiger Fragensteller. Erheblich beigetragen zu dem verbreiteten anti-preußischen Sentiment und die Entfremdung nochmals entscheidend vertieft hat die prononciert anti-katholische Haltung und Politik des preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichskanzlers Bismarck während langer Jahre seiner Regierungszeit.
Mit den Preußen hatte Matthias nichts im Sinn, mit einer gewichtigen Ausnahme: ihre sprichwörtliche Sparsamkeit und ihren Sinn für Ordnung und Organisation hat mein Urgroßvater zeitlebens hemmungslos bewundert. Die Geschichten, dass der Soldatenkönig sich seine Badewanne nicht gekauft, sondern beim Nachbarn ausgeliehen habe (zumindest für einen gewissen Zeitraum ist das historisch verbürgt), oder dass der Alte Fritz sich seinen Uniformrock eher fünfmal flicken ließ, als sich einen neuen zu beschaffen, wurden bei Quints von Generation zu Generation als leuchtendes Beispiel vorbildlicher Lebensführung weitergegeben.
Ansonsten wurde die preußische Verwaltung, wenngleich korrekt und sparsam, als brutal empfunden. Noch bei meiner Mutter konnte ich deutlich spüren, dass alles, was östlich der Elbe lag, als zutiefst rückständig, wenn nicht primitiv, wahrgenommen wurde. Dass ostelbische Agrarier ihre Landarbeiter schlugen, hat Matthias zutiefst entsetzt.
Ein geflügeltes Wort im Rheinland:
„Was brachten uns die Preußen?
die Flöh (die Armut)
die Schandarm (Gewalt)
den kalten Wind (Osten)“15
12 Bereits wenige Jahre nach der Heirat war Matthias zum reichsten Winzer in Wintrich aufgestiegen. Sh. auch Glossar
13 Weinhändler, sh. auch Glossar
14 Neben der allzu menschlichen Theorie des ‘Betriebsunfalls’ gibt es noch eine weitere, leider eher wahrscheinlichere Theorie: Im Jahre 1913 fanden in Wintrich sogen. ‘Exerzitien’ statt. Dazu entsendet der Bischof alle 10-15 Jahre einen Trupp von 2-3 Priestern in ein Dorf, um es im Sinne der Kirche ‘auf Vordermann’ zu bringen. Den Herren Geistlichen dürfte nicht gefallen haben, dass ausgerechnet der reichste Bauer im Dorf (Vorbild!) nur ein einziges Kind hatte. Sie werden dem Matthias energisch ins Gewissen geredet haben, was denn da bei ihm los sei von wegen des göttlichen Auftrags ‘Wachset und mehret euch!” und so. Prompt kommt im folgenden Jahr eine Tochter auf die Welt.
Von 1895 - 1897 leistete Matthias seinen obligatorischen 2-jährigen Wehrdienst beim Rheinischen Fußartillerieregiment No. 8 in Metz. Dazu musste er sich im Prinzip nur genau 160 km moselaufwärts begeben.
Metz war eine sogenannte “Festung Ersten Ranges” versehen mit einer geradezu riesigen Garnison (natürlich diente diese geballte Militärmacht dem Schutz der Westgrenze des Reiches, man könnte freilich auch sagen, sie war gegen Frankreich gerichtet). Ansonsten war die Stadt an der Mosel ein wichtiger Verwaltungssitz (Hauptstadt von Lothringen), Bischofsresidenz und Standort von Industrie (dominierend dabei Gerbereien und Lederverarbeitung). Metz hatte in den 90er Jahren rund 60.000 Einwohner, aus der Perspektive eines Winzerjungen von der Mittelmosel eine absolute Großstadt. (Zum Vergleich: Trier hatte zur gleichen Zeit nur gut 36.000 Einwohner). Ein großer Teil der Metzer Stadtbevölkerung - mehr noch die umliegende Landbevölkerung - war französischsprachig, wie der gesamte Westen von Lothringen, das 1871, nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich, als Teil des Reichslandes Elsass-Lothringen vom Deutschen Reich annektiert worden war.
Insgesamt umfasste die Metzer Garnison rund 20.000 Mann16 und war damit eine der größten des Deutschen Heeres (ein Kaiserliches Heer gab es nicht, laut Verfassung des Deutschen Kaiserreiches unterstanden alle Heereseinheiten den jeweiligen Reichsstaaten. Eine Kaiserliche Marine hingegen gab es). Eine Besonderheit verdient Erwähnung: die ‘bunte Mischung’ aus Truppen aller Reichsstaaten war im Kaiserreich keinesfalls normal und stellte eine Besonderheit der Garnisonen in Elsass-Lothringen dar, die von allen Gliedstaaten ‘beschickt’ wurden um den Charakter des ‘Reichslandes’ zu unterstreichen.
Fußartillerie nannte sich im Kaiserreich die schwere Artillerie, die im Gegensatz zur (leichten) Feldartillerie zu schwerfällig war, um der kämpfenden Truppe unmittelbar zu folgen. Wir erinnern uns, Clemens August Schorlemer tat Dienst in einem Feldartillerieregiment. Er war zwar von Adel, aber nur Beutepreuße und - Gott sei mit uns - Katholik!! Ab zu den Bummsköppen!!! “Aba marsch, marsch, wenn ick bitten daaf!!” Ein echter ostelbischer Junker wäre ‘da’ nie hingegangen.
Das Rheinische Fußartillerie-Regiment Nr. 8 wurde am 16. Juni 1864 gegründet. Einzelne Kompanien/Batterien weisen zum Teil ältere Traditionslinien auf, die bis auf die Befreiungskriege zurückreichen. Das Regiment erhielt seine Feuertaufe bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen 1864 im Krieg gegen Dänemark, wo es eine prominente Rolle spielte. Auch die Kriege 1866 und 1870/71 sahen das Regiment im Einsatz.
Der Regimentsspruch des 8. Fußartillerie-Regiments war, neben dem für alle Artilleristen auch heute noch gültigen „Zu-gleich!“17, seit 1877 „Treu Metz alle Wege!“
Spitzname für die Angehörigen des Regiments war „Nasse Achter“. Eine Anspielung auf die rheinische Trinkfestigkeit der Artilleristen. Dazu kam, dass in den Reichslanden Elsaß-Lothringen das Bier so billig war, wie nirgends sonst im Deutschen Reich. (Jetzt wissen wir also, warum die Bayern das zweitgrößte Truppenkontingent in Metz stellten.)
Eine amüsante Begebenheit ereignete sich gleich zu Beginn von Matthias’ Metzer Zeit. Nachdem er sich ordnungsgemäß am 01. Oktober (einem Dienstag) zum Dienstantritt bei seinem Truppenteil gemeldet hatte, sollte er am nächsten Tag eingekleidet werden. Dabei ergab sich ein Problem.
Laut Eintragung im Militärpass, den ich wie ein Kleinod verwahre, betrug das Stiefelmaß von Matthias 30,5 cm, was einer heutigen Schuhgröße von 48 entspricht. Solch ungewöhnlich große Stiefel hatte der Kammerbulle der La Ronde Kaserne einfach nicht auf Lager, nicht ein einziges Paar. Es wurden zwei Paar speziell in Auftrag gegeben, doch bis die fertig waren, würden mindestens 2 Wochen ins Land gehen. Kulanterweise entließen die Preußen unseren Matthias für diese Zeit wieder nach Hause. Er trat seine Militärzeit aufgrund übergroßer Füße also mit Verspätung erst am 17. Oktober (steht so im Militärpass) an, mit Sicherheit ein rarer Ausnahmefall.
Ein knappes Jahr nach Einberufung ereignete sich ein Zwischenfall. Matthias hatte sich wegen irgendeiner Sache mit einem Unteroffizier überworfen, es kam zum Streit, der Unteroffizier wurde schließlich handgreiflich. Nun war das preußische Militär bekanntlich kein Mädchenpensionat. Die Ausbildung war hart und der Ton fast durchweg rau, gerade in den Grenzgarnisonen, wo man sich, sozusagen Auge in Auge mit dem Feind, keine Laxheiten erlauben wollte. Andererseits gab es klare Regeln, die einzuhalten waren, und zwar von allen. Schließlich gab es ein Beschwerderecht und ab 1918 sollte es sogar in jeder Kompanie eine Art Vertrauensmann geben, damals eine Weltneuheit. Kurz: die preußische Armee war auch in dieser Hinsicht vielen anderen europäischen Armeen weit voraus. Die schwere Prügelstrafe (Gassenlaufen - oft mit Todesfolge für den Delinquenten) hatte bereits der Alte Fritz abgeschafft, aber auch jedwede andere Form von Tätlichkeit war bereits seit längerem strikt untersagt.18
Matthias reichte noch am gleichen Abend schriftliche Beschwerde ein. Bereits am folgenden Tag wurde der Beschwerde stattgegeben und der Unteroffizier wanderte für eine volle Woche in den ‘Bau’. Doch auch Kanonier Quint wurde bestraft, und zwar mit einem Tag Arrest. Hatte das Gericht eine Mitschuld erkannt und ahnden wollen? Nein. Matthias hatte die vorgeschriebene Frist zur Einreichung der Beschwerde unterschritten. Laut Reglement sollte der Beschwerdeführer die Angelegenheit mindestens eine Nacht ‘überschlafen’, bevor er seinen Schriftsatz einreichte. Eine sehr weise und von viel Lebenserfahrung gespeiste Regelung, die auch in meiner Soldatenzeit 90 Jahre später Anwendung fand und sicher heute noch Gültigkeit besitzt. Der etwas hitzköpfige Matthias hatte diese Geduld nicht aufgebracht, er hatte die Regel verletzt und dafür durfte er sein Temperament im Karzer kühlen.
Ein mit der Sache befasster Leutnant oder Oberleutnant, der mutmaßlich beide Soldaten angehört hatte und dem Matthias und sein Vorgehen nicht unsympathisch waren, bestellte ihn nach Verbüßung der kurzen Strafe zu sich und machte ihn zu seinem Burschen.19 Kurzfristig war Matthias damit aus der Schusslinie, was wohl die Hauptintention des wohlmeinenden Vorgesetzten gewesen sein dürfte. Langfristig wurde der verbleibende Aufenthalt in Metz dadurch entscheidend verbessert.
15 Aufzeichnungen des Eduard Quint, S. 17
16 sh. im Glossar zu den milit. Kommandobehörden
17 bei der Artillerie wurde von Beginn an mit schwerem Gerät hantiert, da mussten die Kanoniere ihre Muskelkraft oftmals gemeinsam und koordiniert einsetzen, beispielsweise, wenn ein Geschütz in Stellung gebracht wurde oder wenn man mit der Wischerstange ein Rohr reinigte. Angaben zum Fußartillerieregiment 8 aus Wikipedia, abgerufen am 18. und 19.04.2017
18 Die Prügelstrafe für ganz Deutschland (und damit auch für Heer und Marine) wurde 1871 mit der neuen Reichsverfassung abgeschafft. Bestehen blieb allerdings bis 1900 (Einführung des BGB) das Züchtigungsrecht des Ehemanns (!) und noch bis 1918 durfte Gesinde “im Affekt” geschlagen werden.
Das Haus auf Korbel
Der erste Schritt war die Heirat 1904. Vier Jahre später folgt der zweite, der einschneidendere: Matthias baut ein neues Haus. Schon die Wahl des Bauplatzes folgt geradezu strategischen Überlegungen. Platz muss her, gleichzeitig soll der neue Hof nahe seiner Weinberge liegen (“Ich zahle meine Arbeiter nicht für’s Spazierenfahren”) - Die besseren sind, da überwiegend von Susanna in die Ehe gebracht, in oder Richtung Piesport gelegen. Das Haus muss also an den südlichen Ortsrand, wo gerade neue Baugrundstücke ausgewiesen werden. Die Flur heißt Korbel, ‘auf Korbel’ entstehen entlang der Straße nach Niederemmel zwischen 1907 - 1919 insgesamt sechs neue Anwesen, fünf davon Bauerngüter verschiedener Größe. Nur durch einen Trick kommt Matthias an das begehrte Baugrundstück. Sein Sohn schildert 80 Jahre später, wie:
„Anfänglich wollte er nach Reinsport ziehen, wo seine Frau her war, und er hatte die heutige Gaststätte ‚Moselloreley‘ bis auf 500 M Differenz gekauft. In dieser Zeit kam der Jude Isidor Mendel aus Emmel an ihm vorbei. Er sagte: „Mathi, ich hab gehört, du willst Fuchsen [?] Haus kaufen?“ „Ja, das hab ich vor.“ Der Isidor zur Antwort: „Mathi, vor dir hast du die Mosel, hinter dir den Berg und um dich herum die Pipen. [??]“
Die Wirkung: Mein Vater wollte das Haus nicht mehr, obwohl er es 1000 Mark billiger haben konnte.
Jetzt hieß es in Wintrich eine Baustelle finden. ...1907 kam eine Versteigerung mit einer passenden Parzelle. Dem Ausbieter [Versteigerer] stand die Auswahl der Parzelle frei. Mein Vater gab ihm 16 M. Die Parzelle kam und wurde mit 6 M à Mtr. (viel Geld) zugeschlagen. Der Bau konnte beginnen. Die Steine für das Fundament kamen mit der Bahn ... von Maring.“20
Die Häuser auf Korbel liegen etwas außerhalb des Dorfes, etwa 300 m von den nächsten Häusern entfernt. Nicht das dort reichlich Platz wäre, jedoch deutlich mehr als in den beengten Gassen des Dorfes. Matthias baut ein beeindruckendes Haus: groß und von schlichter Klarheit, die Proportionen sind ausgewogen. Es sieht aus, wie wenn Kinder ein Haus malen: rechteckiger Grundriss, zwei Stockwerke, Zeltdach mit hohen Giebeln auf beiden Seiten.
Beeindruckend ist der Bauschmuck: das Haus ist komplett aus Schiefer errichtet (Wandstärke ca. 70 cm!), was damals nicht ungewöhnlich ist, doch nicht jeder kann sich das leisten. Alle Fenster und Türen sind mit schön gearbeiteten Stürzen aus rotem Sandstein versehen. Das große Scheunentor ist aus Eichenholz gefertigt, genauso wie die reich geschnitzte Eingangstüre. Auf dem Türsturz sind die Initialen der beiden Erbauer und das Jahr der Errichtung in geschwungener Schrift eingemeißelt (M.Q. + 1908 + S.K.).
Die Initialen finden sich auch auf dem Schlussstein über dem Scheunentor. Die Fenster in beiden Stockwerken sind weiß gestrichen und beidseitig mit grün gestrichenen Läden versehen. Die Tür ist bekanntlich die Visitenkarte eines Hauses. Die Erbauer wählen eine kunstvoll geschnitzte, zweiflügelige Eichentür mit Fenstern in der oberen Hälfte, wie sie nur von wohlhabenden Hausbesitzern dieser Zeit genutzt wurden. Der davorliegende etwa 50 cm tiefe offene Eingangsbereich ist rechts und links mit jeweils 4 Bilddarstellungen verziert, darunter mehrere Szenen mit arbeitenden Menschen im Wingert, beim Binden, beim Lesen (die Frauen der ‘Musel-Männer’ trugen damals alle Kopftuch) oder beim Keltern. Oben links ist ein Weintrinker in schöner Mosellandschaft dargestellt, oben rechts ein frommer Beter unterm Kruzifix. In die Mitte der Giebelseite des Wohnbereichs ist eine Nische eingelassen, in ihr steht, als zusätzlicher und wertvollster Schmuck, eine Darstellung des Heiligen Michael aus grauem Sandstein gehauen. Er wird dem Hof später seinen Namen geben.
„Das Haus stand, mein Vater konnte drin bleiben, er mußte nicht hinterher versteigern aber er war finanziell am Ende, alles Eisen hatte Menniganstrich, alles Holz war mit Bleiweiß gestrichen, aber im Haus waren nur Küche, Wohnzimmer u. ein Schlafzimmer geweißt.“21
Das Haus hat 32.000 RM gekostet (ein Arbeiter verdiente damals etwa 1.500 RM im Jahr), allein der Hl. Michael 300 RM, soviel wie ein halbes Fuder Wein.
Warum der Heilige Michael? Dass ein Mann vom Schlage des Matthias sich dabei nichts weiter gedacht hätte, kann getrost ausgeschlossen werden.
Aus politischer Perspektive betrachtet, handelt es sich um den Schutzheiligen des Deutschen Reiches und zwar seit dem Sieg des besagten Otto - der war, in seiner Rolle als einstiger Weingutsbesitzer am gleichen Ort, quasi Kollege - über die Ungarn 955 auf dem Lechfeld. Aus kirchlicher Perspektive war der höchstrangige Erzengel der Schutzpatron der wehrhaften Kirche, der ecclesiae militans.
Matthias war deutschnational eingestellt und hat so gewählt, er war treuer Anhänger seiner Kirche, und ‘militant’ war er auch.
Passt alles 100%ig.
Das Haus ist mittig geteilt: links Wohnbereich, rechts Scheune und Ställe für die beiden Zugpferde und die 4-5 Stück Milchvieh. Alles ist wohl durchdacht und weitsichtig angelegt. So setzen sich die an sich unnötigen Fensteröffnungen im Obergeschoss des Wirtschaftsflügels (dahinter befindet sich der Heuboden) in gleicher Ausführung wie im Wohnbereich fort. Das Haus wirkt so einheitlicher und großzügiger. Rechts vom Haus führt eine mit Katzenkopfsteinen gepflasterte abschüssige Zufahrt zum hinter dem Haus gelegenen Hof und zum Eingang des Weinkellers. An der Spitze des Giebels vom Wirtschaftsteil befindet sich die große Luke des Heuspeichers (mit Zugkran), in der Mitte der darunterliegenden Giebelseite der Zugang zum Stall mit dem davorliegenden Misthaufen, auf dem sich das obligate Plumpsklo für alle Bewohner befindet. Unter dem Mist befindet sich die ‘Meastepoulskaul’, die Jauchegrube.
Korbel 1965
Eine weitere Besonderheit: der (Wein-) Keller. Das Haus ist groß, eine komplette Unterkellerung ist teuer und wäre für die wirtschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1908 (Jahresproduktion vielleicht 7 Fuder) nicht notwendig gewesen. Matthias, vor 5 Jahren noch in beengten Verhältnissen, denkt aber weit voraus und er denkt groß. Das Haus wird komplett unterkellert, er selbst wird den Keller nie vollständig nutzen. Seine Nachfolger werden ihm dankbar sein.
Von Anfang an hatte Matthias eine Erweiterung geplant, sie aus Gründen des soliden Wirtschaftens (Schulden machte er, wenn überhaupt, nur sehr dosiert) aber erst 1921 verwirklicht, indem er links vom Wohnbereich ein weiteres Wirtschaftsteil anfügt: ein großzügiges Kelterhaus mit neuem Pferdestall (hinter der heute noch gut sichtbaren separaten Stalltür links vom Tor befindet sich jetzt die Brennerei des Hauses). Das darüber liegende Stockwerk wird dem Wohnbereich zugeschlagen. Der neue Flügel wird bis ins letzte Detail dem 15 Jahre älteren Teil angeglichen. Das Haus ist dadurch nunmehr weitgehend symmetrisch und großzügig: rechts und links des Wohnbereichs zwei Wirtschaftsbereiche mit identischen Toreinfahrten. Es dürfte wenige zeitgenössische Bauernhäuser am langen Moselstrand geben, die das Haus des Matthias und der Susanna an gutem Geschmack und Schönheit übertreffen.
Das Haus war anfangs nicht feuerversichert. „Wenn nun der Blitz einschlägt, und es brennt ab?“, hielt man dem Erbauer vor. „Dann bau‘n eisch en nauet!“, war seine Antwort.
Der geschilderte äußere Schein des stattlichen Hauses soll niemanden täuschen: im Hause Quint war keinesfalls der große Wohlstand ausgebrochen. Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte Matthias nichts an seinem hergebrachten Lebensstil geändert und sei es nur aus purer Sturheit. Im Inneren war das neue Haus letztlich ein schlichtes Bauernhaus.
Beschreibung:
Durch die schöne eichene Eingangstür gelangte man in einen Flur mit Terrazzoboden (in der Mitte eine große Lilie und an den Rändern eine schwarze Zierborte), von dem nach rechts und links eine Tür zu den beiden großen, zur Straße hin gelegenen Zimmern führte. Rechts lag die ‘gute Stube’. Ihr einziger Schmuck war ein schöner Eichenwandschrank, der in eine große Nische an der Stirnseite eingelassen war. Hier befand sich der ‘Großvatersessel’ des Hausherrn, in dem er sich sonntags nach der Messe ein Pfeifchen schmecken ließ. Gegenüber war Susannas Reich. Es wurde für diverse Heimarbeit genutzt und hatte mit seinen Spinnrädern, dem Butterfass und anderen Gerätschaften eher den Charakter einer Werkstatt als eines Wohnraums. Den Flur geradeaus gelangte man zur hölzernen Treppe, vorher konnte man links in die ‘Alltagsstube’ gelangen, heute würde man Wohnzimmer sagen. Rechts an der Treppe vorbei kam man zu einer Eichentür, die der Vordertür an Schönheit nicht nachstand. Ich hebe das hervor, weil ich es bemerkenswert finde, dass der Hausherr selbst bei seiner Hintertür raus zum Hof keine ästhetischen Abstriche machte.
Rechts vor der Treppe ging es in den wichtigsten Raum, die Küche. Sie war der täglich zuerst und zuletzt genutzte Funktionsraum des Hauses und dies bedeutete, dass sich in ihr während des gesamten Tages stets mindestens eine Person aufhielt. Die Küche war eindeutig der Mittelpunkt
