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Leben und Tod, Schuld und Schicksal - die Grenzgänge des Extrembergsteigers. "Die indische Palmblattbibliothek veränderte komplett meine Sicht auf das Leben. Plötzlich ergaben die tragischen Ereignisse einen Sinn." Bereits als Jugendlicher kletterte Hans Saler die schwierigsten alpinen Wände. Doch etwas schien ihn wie ein Schatten zu verfolgen: der Tod von geliebten Freunden, die mit ihm unterwegs waren. Nachder Nanga-Parbat-Expedition, bei der Günther Messner ums Leben kam, reist er nach Indien und findet dort in der Palmblattbibliothek sein bisheriges Leben aufgeschrieben. Packend erzählt er in diesem Buch seine wichtigsten Abenteuer vor dem Hintergrund, dass das Leben mehr ist als das, was wir glauben.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2016
Inhalt
Prolog Auf der Suche nach der Palmblattbibliothek
1
Tod an der Wand – eine Herausforderung für das Leben
2
Rebellentum am Predigtstuhl
3
Ein Berg namens Fleischbank
4
Der Sturz
5
Selbstvorwürfe im Krankenhaus
6
Zurück ins Leben – mit oder ohne Schuld?
7
Ganz dem Horizont folgen
8
Neue Träume und ein neuer Kletterpartner
9
Eigernordwand – nichts wie weiter
10
Schicksalsberg Nanga Parbat
11
Vereinbarungen vor dem Gipfel
12
Das Leid des Bruders, das Leid der Freunde
13
Expedition in die Seele
14
Der Weise von Tiruchirapalli
15
Erkenntnissuche im Elefantencamp
16
Das Neumondfest
17
Wenn ein toter Freund nicht zur Ruhe kommen darf
Anmerkungen
Ihr möchte ich danken für all die Freiheit, die sie mir von jungen Jahren an zukommen ließ. Ihr Glaube an mich gab mir bei allen Herausforderungen stets die Kraft, zum Leben Ja zu sagen.
Sie ist heute neunzig Jahre und lebt in einem Altenheim. Ihr Geist, der früher wie ein Vögelchen von Ast zu Ast sprang, kündigt ihr zunehmend den Gehorsam auf. Es ist wohl für jeden Menschen schwer, an sich festzustellen, wie das Gedächtnis eine Erinnerung nach der anderen aufgibt. Ich weiß, den Inhalt dieses Buches wird sie nicht mehr ganz erfassen, doch sie wird es stolz in Händen halten – denn ihr Vertrauen in mich ist grenzenlos.
Aus der Sehnsucht wird Ernüchterung und damit Erkenntnis.
Aus dieser Erkenntnis baut sich wieder Sehnsucht auf, weil es sich ohne sie nicht leben lässt.
So werde ich immer zwischen Sehnsucht und Erkenntnis wandeln, um in meinem Lebenshunger nie satt zu werden.
Etwas Unbestimmtes drängte mich, noch einen Tag zu bleiben, und so nahm ich mein unruhiges Umherstreifen in Tiruchirapalli, in dieser lärmenden und stinkenden südindischen Stadt, wieder auf. Ziellos ging ich durch die engsten, fremdartigsten und krümmsten Gässchen, die ich je betreten hatte. Heilige Ratten mussten einst diese Wege vorgezeichnet haben, und später wurden die Häuser entlang dieser irrläufigen Pfade gebaut. Hoch bepackte Rikschas mit überdimensionierten Messinghupen zwängten ihre dicken Bäuche durch die Gebäudereihen. Überall begleitete einen das Quäken dieser Hupen – dieser blecherne Ton, der mehr an den ängstlichen Ruf verlassener Entenkinder erinnerte, als dass er eine Warnung gewesen wäre. Woher nur diese Unruhe in mir?, fragte ich mich immer wieder. Dann stieg plötzlich aus der Vergangenheit die Erinnerung an ein Gespräch auf, das ich erst vor Kurzem mit einem englischen Anthropologen in Pakistan geführt hatte. Er erzählte von geheimen Palmblätterbibliotheken in Indien, in denen das Leben mancher Menschen schon bis vor über tausend Jahren aufgezeichnet wurde. Wie konnte ein Anthropologe, ein Wissenschaftler, ernsthaft so etwas behaupten? Wer konnte wissen, wer in tausend Jahren zur Welt kommen würde? Wie war es möglich, dann auch noch dessen Lebensweg auf Palmblätter aufzuzeichnen? Und wenn dies alles tatsächlich stimmte, wofür sollte das gut sein?
Erst langsam wurde mir in diesem ziellosen Herumirren klar, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Es ist wohl so, dass sich an jedes Erfahrenwollen ein kaum bewusstes Gefühl bindet und dieses auf einmal ein entschiedenes Wollen auslösen kann. So war das jetzt bei mir: Existierten diese Palmblätterbibliotheken wirklich, und wenn ja, wo konnte ich sie finden? Ließen sie sich hinter dem Horizont entdecken, zu dem ich schon als Junge aufgebrochen war – mit jedem Gipfel, den ich erstieg, war ich immer erfüllt von der Sehnsucht, dort das Denkbare, Erahnbare, das Ersehnte fassen zu können oder zumindest der erhofften Wahrheit näher zu kommen. Zumindest hatte dieser Horizont, der weiter unerreichbar schien, aber, seit ich auf Reisen ging, an Nähe gewonnen. Auch dadurch, dass ich mich aus den Zwängen einer konstruierten, reglementierten Sinnvorgabe, wie sie mir von Eltern, Lehrern und der Umwelt eingetrichtert worden waren, befreit hatte.
Keine halbe Stunde später. Auf der Treppenstufe eines Hofeingangs saß ein ergrauter Mann mit schmaler Brust und dünnen Beinen. Er las in einem Buch und mahlte dabei mit den Zähnen auf einer Betelnuss, die seine Lippen rot färbte. Auf der Nase trug er eine altmodische, kreisrunde Nickelbrille mit schräg hängenden Gläsern, die von dünnen metallenen Bügeln gehalten wurden, deren Enden sich fast ganz ums Ohr schlossen. Ich fragte ihn in etwas umständlicher Weise, ob er schon von Palmblätterbibliotheken gehört hätte, in denen vor mehreren Hundert Jahren das Leben von in der Gegenwart lebenden Menschen niedergeschrieben worden wäre. Er lächelte und blickte mich über die Gläser seiner Brille mit einer solchen Offenheit an, als sei ich ein alter Gast, den er erwartete. Wohl spiegeln die Augen eines Menschen etwas von dessen geistiger Persönlichkeit wider und hinterlassen einen ersten flüchtigen Eindruck. Doch die Begegnung unserer Blicke reichte weit darüber hinaus. Es war, als wenn zwei Menschen schon viel voneinander gehört hatten und sich dann durch eine Schicksalsfügung begegneten und sogleich erkannten. Noch während des Augenkontakts wurde ich gewahr, was für einen auffallend schlanken, scharf geschnittenen Kopf und welchen überaus konzentrierten und zugleich gelassenen Gesichtsausdruck dieser Mann hatte. »Du hast einen langen Weg hinter dir«, so lauteten seine ersten Worte. Sein Lächeln war dabei voller Nuancen. Ich wusste, dass ich angekommen war, seine Augen hatten zu mir gesprochen. Ich war emotional so überwältigt, dass ich ihm aus einer warmen Sympathie heraus die Hand entgegenstreckte. Er tat, als sähe er sie nicht. Er stand auf, faltete die Hände vors Gesicht, fing meinen Blick ein und neigte langsam Kopf und Hände, während er gleichzeitig die Begrüßungsformel »Namasté« aussprach. Ich folgte ihm darin. Ich hatte in diesem Moment das Gefühl, mich recht tölpelhaft zu verhalten, hatte ich ihm meine Hand wie einem Stammtischbruder entgegengehalten. »Namasté« – dieser Gruß ist in weiten Teilen Asiens verbreitet und vielleicht die formvollendetste Begrüßung zwischen Menschen, die sich begegnen.
Der ältere Mann trat durch das Tor, ich folgte ihm. Nach einem langen Durchgang erreichten wir einen großen Innenhof mit steinernen Säulen an allen Seiten, die den umlaufenden Balkon des zweiten Stockwerks trugen. Der Hof war kühl und ruhig und schien im Schatten von drei riesigen Mangobäumen, deren Kronen noch bis über das Dach des Kolonialgebäudes hinausreichten, in einem Jahrhundertschlaf zu liegen. Dort, wo deren mächtige Wurzeln den gekachelten Boden des Innenhofs aufwarfen, hatten sich Schmarotzerpflanzen festgesetzt, die sich über die Jahrzehnte zu oberarmdicken Zöpfen verknotet hatten und, die Mangostämme umwindend, zum lichtspendenden Himmel emporwuchsen. Vom Nachbargrundstück wuchs ein riesiger Indischer Feigenbaum herüber, die Hindus verehren den Banyan, der ihren Tempelbauten Schatten gibt und sich ausbreitet, indem er Luftwurzeln zur Erde senkt. Ein kleiner Dschungel hatte sich in dem Innenhof breitgemacht, in dem das alte gemauerte Fundament und das Wurzelwerk längst als Symbiose ineinander verwoben waren. Wahrscheinlich erzählten sie sich die ewig gleichen Geschichten von der guten alten Zeit, als Haus und Hof noch von einem pulsierenden, der Zukunft zugewandten Leben erfüllt waren.
Wir betraten ein großes hohes Zimmer mit zwei türlosen Durchgängen zu anderen Räumlichkeiten. Die Wände hatten allesamt die Farbe von Weizen. Das Inventar glich einer Mischung aus Bibliothek, Archivatenkammer und einem Museum, das alte Stühle ausstellt. An der Decke drehten sich zwei Ventilatoren und verteilten jenen Geruch, den altes Gemäuer und feuchte Bücher oft an sich haben. Die Nase ist nun mal das intimste Organ der Erinnerung, sie bewahrt das Irrationale des Lebens im Gedächtnis wie kein anderes Sinnesorgan. Dies mochte auch der Grund gewesen sein, weshalb dieser Geruch plötzlich Bilder des Wäschespeichers jenes Hauses in mir wachrief, in dem ich aufgewachsen war. Es war der Wäschespeicher, dessen Mauern und Gebälk ich zu einem »Klettergarten« ausbaute, um zu jeder Stunde und bei jedem Wetter trainieren zu können. Das waren alles Voraussetzungen, um später zur Nanga-Parbat-Expedition eingeladen zu werden.
Mister Banerjee Shastry, so hatte sich der Alte inzwischen vorgestellt, erzählte mir, seine Familie bewohne das Haus schon seit vielen Generationen. Einst hätten über zwei Dutzend Menschen unter diesem Dach gelebt, nun bewohne es nur noch er selbst zusammen mit zwei Bediensteten, einem Ehepaar. Diese beiden Menschen strichen durchs Haus wie Schatten und waren schweigsam und scheu. Sie gehörten zu diesem Anwesen wie das Moos, das auf dem Dach wuchs, und der Efeu, der sich um die Mangobäume schlang. Banerjee Shastry wiederum lehrte an der Universität und stellte die Bibliothek und die Räumlichkeiten im zweiten Stock seinen Studenten als Studierzimmer zur Verfügung.
Wir saßen uns in Korbsesseln gegenüber und schlürften stark gewürzten, übersüßten Tee aus Gläsern. Banerjee Shastry fragte mich nach meinen Reiseerfahrungen in seinem Land, und ich berichtete ihm, wie faszinierend und gleichzeitig fremd und wenig erklärbar vieles auf mich wirke. Aus allem, was ich vor dieser Asienreise erlebte, hätte ich mir Bilder machen können, die sich für mich zu einem Weltbild formen ließen. Hier aber füge sich nur wenig zusammen, alles sei offen für tausend Deutungen, von denen keine wahrscheinlicher sei als alle anderen. So käme ich mir oft vor wie ein Zuschauer eines Bühnenstücks, den zwar das Spiel überwältigt, der aber keinen Zugang zur Handlung findet. Ich könne die Dinge hinter den Dingen nicht erkennen.
Mein Gegenüber lächelte, sagte aber nichts weiter dazu. Er gab dem Bediensteten ein Zeichen, noch eine weitere Kanne Tee zu bringen. Bis das Getränk zubereitet und gebracht wurde, sprach keiner von uns; das Schweigen war wohltuend und von keiner hintergründigen Spannung begleitet. Beim Anblick des Dieners, wie er uns den Tee einschenkte, hatte ich den Eindruck, in die Zeit zu fallen. Ich wollte gerade auf die Palmblätter zu sprechen kommen, die ich mir, ganz naiv, grün vorstellte, als Mr. Banerjee auf meine Schwierigkeit einging, Bilder seiner Heimat zu fassen. Natürlich kann ich seine Worte heute nur sinngemäß wiedergeben, doch ist mir ihre Aussage bis auf den heutigen Tag noch sehr lebhaft in Erinnerung.
»Das Selbstverständliche für die eine Kultur ist das Fremde für die andere. Du kommst aus einem Zivilisationskreis, in dem du bisher nur jene Erfahrung gemacht hast, dass alle Wirklichkeit einzig methodisch und über die fünf Sinne fassbar ist. Im Westen sucht ihr ständig nach Gründen, Zweckmäßigkeiten und Bezügen und bewegt euch zwischen den Extremen einer bloßen Kopfmäßigkeit und einer bloßen Willensmäßigkeit. Beharrliches, ja fast blindwütiges Erklären, Messen und Bewerten werden aber nur das Gegenteil des gewünschten Verstehens erreichen. So glaubt ihr zu bauen – und reißt doch immer nur neue Abgründe auf. Ein Fisch im weiten Ozean kann nur das ihn umgebende Wasser erkennen, aber nicht, was ein Ozean ist und dass dieser auch wieder nur einen kleinen Teil eines unendlich viel größeren Seins darstellt. Mach dir bewusst: Wer seine Weltsicht auf das Materielle reduziert, verschließt sich alle Fenster, durch die Dinge hinter den Dingen gesehen werden können. Hinter aller sichtbaren Wirklichkeit gibt es immer auch eine transzendente, eine sinngebende Wirklichkeit. Welche Wissenschaft erreicht mit ihrer zweckgerichteten Methode schon die transzendente Wirklichkeit? Das asiatische Denken kennt die strikte Zweiteilung zwischen Außen- und Innenwelt, zwischen Körper und Geist nicht. Solange du indische Lebensformen in Formeln zu erfassen versuchst, also die Überbetonung des Rationalen nicht aufgibst, wird dir mein Land immer fremd und wenig einsichtig bleiben.«
In der Weise, wie er sprach, war er ganz er selbst, von beherrschter geistiger Kraft und von überzeugender, essenzieller Sicherheit erfüllt. In Märchen und Indianergeschichten sind weise Menschen stets alt. Vielleicht aber war dieser freundliche Gelehrte gar nicht wirklich alt, aber für mich als damals jungen Menschen von Anfang zwanzig bestand noch kein großer Unterschied zwischen vierzig und sechzig Lebensjahren. Zudem habe ich heute eine andere Differenzierung. Es entspringt keine Erkenntnis daraus, das Alter von Menschen mit Jahren zu messen.
Mit seiner ruhigen, gleichmäßigen Stimme erkundigte er sich nach meinen Geburtsdaten, dem Ort meiner Geburt, wann ich nach Indien gekommen sei und wann nach Tiruchirapalli. Dann erklärte er mir, er wolle sich kurz zurückziehen, ich könnte mich auch unterdessen in den Schatten des Mangobaums setzen oder in den Büchern seiner Bibliothek blättern, sein Diener würde mich dann zu ihm bringen. Es zog mich zur Bibliothek hin, denn ich kenne keinen Ort auf der Welt, an dem sich die Spuren, die Menschen hinterlassen, deutlicher zeigen als in Büchern. Auch war ich in Erwartung auf die bevorstehenden Aussagen der Schriften zu unruhig – und es bestand kein Zweifel, dass dies nun erfolgen sollte –, um auf einem Stuhl sitzen zu bleiben. In mir steckte die Nervosität eines Vater im Vorzimmer eines Kreißsaals.
Der Gedanke, mein Leben wäre vielleicht vor Jahrhunderten niedergeschrieben worden, war so absurd, dass ich nicht wusste, wie ich reagieren würde, wenn sich das doch bestätigen sollte. In diesem Fall würde jegliche Konstruktion des Verstandes von zwei Jahrzehnten unter mir wie eine Welle zerbrechen und damit auch die so mühsam entwickelten Perspektiven. Zudem das, was einen sonst so selbstsicher durch den Alltag führt: Objekte, Erlebnisse, Gedanken, was man sieht und hört, um daraus eine Ordnung mit Richtungsweiser zusammenzufügen. Erleben wir doch unsere erfahrbare Welt immer nur in Zusammenhängen. Würde ich die Kraft aufbringen, einen so gänzlich unbetretenen Weg zu einem vollkommen neuen Horizont aufzunehmen, oder würde ich von der Soggewalt der Angst hinweggespült werden? Die Erwartungen nahmen immerhin den ganzen Spielraum ein, den die Fantasie möglich macht. Ich stand vor einem Grenzerlebnis, das es zu durchstehen oder zu verweigern galt. Einfach weggehen? Nein, das war mir nicht mehr möglich. Drängte mich nur meine Abenteuerlust oder aber ein anderes Wissen, an diesem Ort zu bleiben? Zuerst glaubte ich noch, in mir sei ausreichend logisches Denken, auf das ich mich verlassen könnte. Aber damit lag ich falsch, denn ich steckte schon zu tief in dieser Herausforderung, es war mir einfach nicht mehr möglich, vor dem, was hier auf mich zukommen würde, davonzulaufen und eine beliebig neue Begebenheit aufzunehmen. Der Geist war aus mir ausgebrochen wie ein Küken aus der Eierschale, da gab es kein Zurück mehr.
Von Beginn an, da ich den alten Mann in der Toreinfahrt sitzen sah, fühlte ich mich von einem überwältigenden Kraftstrom durchpulst – so als stünde ich am Einstieg einer schwierigen Wand, auf die ich mich lange vorbereitet hatte. Das alles kann nicht in einer Weise verstanden werden, indem man Zahlen in Reihen stellt und subtrahiert oder dividiert.
In der Bibliothek zu schmökern, lenkte mich etwas ab. Zwischen den Büchern standen immer wieder Gips- und Bronzefiguren von hinduistischen Göttern und Symbolen. Die drei Hauptgötter Shiva, Vishnu und Krischna. Daneben Brahma, der Schöpfergott, Shivas Ehefrau Kali und deren Sohn Ganesha mit dem Elefantenkopf. Indra, der Götterkönig, und wie sie alle heißen.
Nach geraumer Zeit tauchte der Diener schließlich auf und führte mich ein Stockwerk höher in ein fensterloses Zimmer, dessen Grundfläche vielleicht fünf mal fünf Meter entsprach und an dessen vier Wandseiten – von der Türaussparung ausgenommen – bemalte und kunstvoll mit Einlegearbeiten verzierte Schrankregale bis zur Decke reichten. Im unteren Teil bestanden die Türfüllungen ganz aus Holz. Ab Hüfthöhe waren die Regale etwas nach hinten gerückt, sodass sich eine kleine Ablagefläche ergab, und die Türen aus Glas wurden eingefasst von kunstvollen Holzrahmen. An der Decke strahlten zwei Glühbirnen und hüllten den Raum in ein weiches Rot, die Farbe, die auch bei der Bemalung der Regale überwog. Hinter Vitrinen stapelten sich die alten Schriften, zum Schutz vor Licht und Staub in rote, samtene Tücher eingeschlagen. Und auch hier entdeckte ich Symbole und Figuren indischer Götter.
Auf dem mit Strohmatten ausgelegten Boden saß nach vorne gebeugt, wie ein mittelalterlicher Kopist, der alte Inder und las mit bewegten Lippen die antiken Sanskritschriftzeichen, geschrieben in einem nicht mehr existierenden Dialekt der Brahmanen. Jetzt wusste ich, dass über mich Schriften existierten. Ohne aufzusehen, machte er mir ein Zeichen, mich ihm gegenüberzusetzen. Zwischen uns war ein niedriges Tischchen mit einer gewebten Decke, auf ihr lagen die Schriftseiten. Es waren viele Dutzend Blätter von vielleicht fünf Zentimeter Breite und sechzig Zentimeter Länge. Ursprünglich hatten sie zwischen zwei dünnen hölzernen Deckeln gelagert, doch der obere Deckel war schon abgenommen und die Schrift lag offen. Ich habe nie wieder so schöne kunstvolle Zeichen wie diese gesehen, sie schienen so viel entkrampfter zu Papier gebracht worden zu sein als jene alten aus unserem Kulturkreis. Die Seiten waren nach oben und unten bis zu den jeweils äußeren Rändern mit ihnen versehen. Der Bodendeckel hatte seitlich zur Mitte hin einen Rundstab eingelassen, auf ihm waren die Seiten aufgesteckt. Das überraschend dünne, aber steife und teilweise etwas brüchige Papier brachte ich nur wenig mit Palmblättern in Verbindung, es hätte für mich auch Pergament sein können.
Banerjee Shastrys Lippen zuckten, als zermahlte er den Kern einer Nuss. Ich saß wie versteinert da, achtete auf jede Regung in seinem Gesicht, und die Spannung in mir wuchs bis zur Unerträglichkeit. Die Frage war quälend: Welche Aussagen mochten diese Schriften beinhalten, die ein spiritueller Meister über mein Leben angeblich aufgezeichnet haben soll? Wie mir Banerjee Shastry später erzählte, wurden die Aufzeichnungen über mich vor über fünfhundert Jahren zu Papier gebracht. Es gibt viele verschiedene Arten davon, manche reichen bis zu zwölf Jahrhunderte zurück, und nicht immer steht ein spiritueller Meister dahinter, wie es bei mir der Fall war, so wurde es mir erklärt. Und die Palmblätterbibliotheken selbst würden von Familie zu Familie weitergereicht werden. Ich fragte nicht weiter nach, wie das geschah. Wahrscheinlich lässt es sich nach so vielen Jahrhunderten auch kaum nachvollziehen. Ich schätzte, die Schriften wurden ursprünglich in Tempeln hinterlegt, dort gab es Schriftgelehrte, die sie vermutlich sicher aufhoben.
Endlich hob der alte Mann den Kopf, rieb die Finger ineinander und fing zu sprechen an: von meinen Eltern, der Schwester, meiner Umwelt, den Wechselbeziehungen dieser Gegebenheiten zueinander. Das war unverkennbar ich, was ich da hörte, mit jeder Faser. Es war, als wenn der alte Gelehrte Zugang zu einer Datenbank über mich hatte. Ich war bestürzt, ja geschockt. Ein schwankender Raum war während seiner Worte um mich entstanden. Mein Herz schlug wie das Herz eines gefangenen Vogels in der hohlen Hand seines Häschers. Unwillkürlich drückte ich mir die Fingernägel in die Handballen, um zu spüren, ob ich wach sei oder träumte. Ich muss dabei so dumm geschaut haben wie Narziss bei der ersten Wahrnehmung seines Spiegelbilds. Mein Gegenüber schien das bemerkt zu haben: Er war auf einmal verstummt. Ich schaute ihn verwirrt an – und glaubte in seinen Zügen eine Art »Feinspür-Ebene« mir gegenüber zu erkennen, und so hatte ich auch nicht das Gefühl, meinen Blick von ihm abwenden zu müssen. Er ließ mir Zeit. Die Vernunft griff in dieser Mentalebene nicht mehr. Langsam fasste ich mich. Während er sich wieder den Schriften zuwandte, machte ich Gedankenspiele, um mir selbst zu bestätigen, kein Opfer von Suggestionen geworden zu sein, dass der alte Mann und ich durch keinen Rückkopplungsprozess – wie das Lesen von Gedanken oder andere magische Beeinflussungen – miteinander vernetzt waren. Dagegen sprach: Was er aus diesen Schriften las, waren nicht bloße Aufzählungen, die ich in dem Bann selbst hätte produziert haben können, da waren Zusammenhänge aufgeführt, die ich nicht hätte durchschaut haben können. Jede der Aussagen aus diesen geheimen Schrifttafeln traf mich mit einer derartigen Überzeugungskraft, dass kurzzeitig kein Zweifel mehr für mich bestand. Doch die Vernunft kämpfte um ihr Bestehen, sodass ich mich schon wieder nach dem Palmström-Prinzip von Christian Morgenstern dagegen aufzulehnen begann, »dass nicht sein kann, was nicht sein darf«. Ich wusste nicht, durch welche Pforte ich hier ging, konnte das einfach alles nicht begreifen, weil sich in meinem Hirn noch keine Schaltstellen dafür befanden. Mein Koordinatensystem, in dem ich mich über die Jahre gemütlich eingerichtet hatte, mit Urteilen und Vorurteilen, war zu diesem Zeitpunkt bereits zerrissen. Wie ein aufgerollter Teppich sein unverwechselbares Muster entfaltet, so wurde mein Leben aufgerollt, und ich sollte in der Folge noch viel betroffener werden, als Mister Banerjee von den tödlichen Unfällen zu sprechen begann: von Horst Dossler und dessen Tod an der Kampenwand, von dem Tod von Karl Philip, von meinem eigenen Überleben in der Predigtstuhl-Westwand, von dem tiefen emotionalen Fall danach. All das war schon vor über fünfhundert Jahren zu Papier gebracht worden! Wellen der Fassungslosigkeit fluteten immer wieder durch meine Nerven. Während Banerjee Shastry mir aus den Schriften übersetzte, unterbrach er sich immer wieder und schaute mich über seine Brillengläser hinweg an. Er zeigte mir dadurch, dass er nicht nur las und übersetzte, sondern mich auch fühlend zu verstehen suchte. Mir war, als sei ich aus der Welt gefallen. Diese Erfahrung drohte die Autonomie des Ichs aufzuheben, meines Ich. Wieder fragte ich mich, durch welche Pforte ich hier eigentlich ging. Alle meine je zuvor gedachten Gedankengänge und Überlegungen und Weltvorstellungen fielen wie ein Kartenhaus zusammen, alles Grundgefühl war einfach weg. Eine Seifenblase, die zerplatzte. Wenn diese Basis nicht mehr da ist, werden die Dinge in der Welt unverständlich und unheimlich – und ich stand jetzt genau in diesem Vakuum. Dabei hatten all diese Gefühle absolut nichts mit einer Schwere zu tun, denn irgendwie fühlte ich mich gleichzeitig geleitet und beschützt, so ritten mich auch keine wirklichen Zweifel an einem Sinn dahinter, doch fehlte es mir an jeglichen Anhaltspunkten zur Neuorientierung. Mit anderen Worten: Mein Leben brach auseinander, doch ich wusste gleichzeitig, dass es sich auch wieder neu aufrichten ließ. Damals, nach dem Tod meines Freundes Karl Philip, war ich an mir selbst fast zerbrochen, jetzt aber war nur mein Weltbild zerbrochen.
Als mir auf dieser Gratwanderung des Verständlichen das einstige Unglück am Predigtstuhl aus den Schriften übersetzt wurde – wobei die Umstände des Todes nicht beschrieben wurden, nur der Tod selbst festgehalten war; dafür aber waren meine emotionalen Verstrickungen sehr detailliert wiedergegeben –, verursachte das Chaos sich überlappender Gedanken dann doch eine solche Desorientierung in mir, dass ich kurz vor einem emotionalen Absturz stand. Nichts, aber auch gar nichts hatte mich vorbereitet auf diese Empfindungen. Das alles hatte für mich etwas von der Gewalt, den Abgründen von Naturelementen: als stürze vor meinen Augen ein Bergmassiv in sich zusammen und ich stehe, zu keiner Bewegung fähig, davor.
Immer noch gefangen im undurchdringlichen Dickicht des psychischen Seins, gefangen von Raum und Zeit – weil das Hirn immer noch denken will –, sagte ich zu mir selbst: »Das kann nicht sein, wach auf, das ist nichts als ein Traum, ein Spiegel deiner selbst, den deine rege Fantasie dir vorhält.« Ich fuhr mir mit beiden Händen über das Gesicht, zog die Augenfalten weit nach unten, zwickte mich in die Haut, befühlte das Kissen, auf dem ich saß. Doch nichts veränderte sich! Ich war wach, wie ich vielleicht noch nie wach gewesen war. Ich hörte nicht nur mit den Ohren, ich hörte mit allen Sinnen, mit den Poren der Haut, jede Silbe meines Gegenübers sprach meine Seele in direkter Weise an. Noch nie trafen mich Worte in solcher Tiefe, dabei war mir nichts neu davon, sie waren nicht mehr als der genaue Widerhall meines Lebens. Schließlich stieß ich kurzatmig hervor: »Aber das kann doch alles nicht sein, das ist einfach nicht möglich!«
Diese Erfahrung sollte mein Leben nachhaltig verändern.
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