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Sich an einem Traum abarbeiten. An den Grenzen Deutschlands entlang radeln und seine eigenen Grenzen erfahren. Was man hierbei alles erleben kann – von komisch bis traurig. Subjektive Eindrücke, Erlebnisse, Geschichten und Begegnungen. Streckenbeschreibungen, explizite Übernachtungs- und Restaurationstipps mit Wertungen und Reiseaphorismen ergänzen das Reisetagebuch.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Für Mia
Prolog
Vorbereitung
Saarbrücken - Merzig
Merzig – Trier
Trier - Vianden/Luxemburg
Vianden/Luxemburg – Sankt Vith/Belgien
Sankt Vith/Belgien – Roetgen
Roetgen – Heinsberg
Heinsberg – Arcen/Niederlande
Arcen/Niederlande – Aalten/Niederlande
Aalten/Niederlande – Nordhorn
Nordhorn – Heede
Heede – Greetsiel
Greetsiel – Jever
Jever – Bremerhaven
Bremerhaven – Cuxhaven
Cuxhaven – Büsum
Büsum – Bredstedt
Bredstedt - Süderlügum
Süderlügum – Flensburg
Flensburg – Eckernförde
Eckernförde – Kiel
Kiel – Dahme
Dahme – Boltenhagen
Boltenhagen – Bad Doberan
Bad Doberan – Barth
Barth – Greifswald
Greifswald – Ahlbeck
Ahlbeck – Ueckermünde
Ueckermünde – Penkun
Penkun – Bad Freienwalde (Oder)
Bad Freienwalde (Oder) – Frankfurt (Oder)
Frankfurt (Oder) – Forst
Forst – Görlitz
Görlitz – Bischofswerda
Bischofswerda – Kreischa
Kreischa – Nossen
Nossen – Chemnitz
Chemnitz – Reichenbach im Vogtland
Reichenbach im Vogtland – Regnitzlosau
Regnitzlosau – Marktredwitz
Marktredwitz – Weiden in der Oberpfalz
Weiden in der Oberpfalz – Neunburg vorm Wald
Neunburg vorm Wald – Chamerau
Chamerau – Deggendorf
Deggendorf – Passau
Passau – Niedergottsau
Niedergottsau – Salzburg
Salzburg – Bad Reichenhall
Bad Reichenhall – Chieming
Chieming – Rohrdorf
Rohrdorf – Neuhaus(Schliersee)
Neuhaus(Schliersee) – Kochel am See
Kochel am See – Saulgrub
Saulgrub – Nesselwang
Nesselwang – Oberstaufen
Oberstaufen – Wasserburg(Bodensee)
Wasserburg(Bodensee) – Moos(Bodensee)
Moos(Bodensee) – Waldshut-Tiengen
Waldshut-Tiengen – Weil am Rhein
Weil am Rhein – Breisach am Rhein
Breisach am Rhein – Kehl am Rhein
Kehl am Rhein – Wissembourg/Frankreich
Wissembourg/Frankreich – Hornbach
Hornbach – Saarbrücken
Nachbereitung
"60 jähriger übergewichtiger Frührentner", so sah der erste Treffer aus, den ich bei der Eingabe "mit dem Fahrrad um die Grenzen Deutschlands" in die Suchmaschine Google erhielt. Fast wäre es zutreffend gewesen. Die ersten beiden Beschreibungen passten. Ansonsten würde ich mich eher als "Privatier" bezeichnen. Jedenfalls hatte ich die Zeit und auch die nötigen Mittel, um solch eine Unternehmung anzugehen. Ich bezeichne mich als Genussradler. Dazu gehört abends ein Dach über dem Kopf und insbesondere gutes Essen und Trinken. (30 – 100 Euro kosteten letztendlich meine Übernachtungen pro Tag.) Ich fahre sehr gerne Fahrrad. Ich sehe so die Welt intensiver, erkenne mehr Einzelheiten als wenn ich im Auto sitze; komme jedoch schneller voran als zu Fuß.
Bisher habe ich zwei Mal die Alpen überquert (die Via Claudia sogar mit einem Trekkingrad; muss aber nicht mehr sein, ein Mountainbike ist dafür viel geeigneter). Mit meiner Frau zusammen, in früheren Jahren auch mit unseren beiden Kindern, erlebten wir halb Deutschland (viele Flussradwege) in 1 – 2 wöchigen Streckentouren mit Gepäck; in Europa erradelten wir hauptsächlich Italien. Die südlichste Provinz war Apulien – hier aber mit Flug und Leihfahrrad –, Frankreich, Österreich und als Highlight vor 8 Jahren in 2 mal 2 Wochen Estland, Lettland und Litauen. Die fehlende Infrastruktur damals wurde durch Land und Leute mehr als wettgemacht. (Den Fahrraddiebstahl in Vilnius lasse ich jetzt mal außen vor.)
Die Umrundung Deutschlands an 9 Grenzen der Nachbarländer entlang würde natürlich etwas anderes werden.
Wie kommt man überhaupt auf die Idee einer Deutschlandumrundung mit dem Fahrrad?
Bei mir war es so: Ich wusste, dass ich bald 60 Jahre alt sein werde und aus einer von mir gegründeten großen chirurgischen Gemeinschaftspraxis ausscheiden würde. Dies ist eine Zäsur. Also fand ich eine Auszeit angemessen. Ich wollte mehr zu mir kommen und mir über mein zukünftiges Leben klar werden. In unserer heutigen Zeit hat man in diesem Alter noch eine realistische Lebenserwartung von 20 – 30 Jahren, vorausgesetzt man gesund bleibt. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland vor 50 Jahren hatte ich ja schon überschritten. Also ran an die fünf häufigsten – von einem selbst beeinflussbaren – Risikofaktoren in der postindustriellen Zeit.
Rauchen / habe vor knapp 2 Jahren aufgehört
Adipositas / habe auf der Tour 12kg abgenommen und bis heute gehalten, worauf ich sehr stolz bin
Bluthochdruck / ist noch grenzwertig
Diabetes / nein
Bewegungsmangel / siehe Radtour
Das heißt jetzt nicht, dass ich unbedingt steinalt werden will. Ich möchte so gesund wie möglich noch viel erleben und genießen.
Es sang schon der von mir hochgeschätzte Konstantin Wecker in seinem Lied von 1976: "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist":
"Und dann will ich, was ich tun will, endlich tun.
An Genuss bekommt man nämlich nie zu viel.
Nur man darf nicht träge sein und darf nicht ruhn,
denn Genießen war noch nie ein leichtes Spiel."
Dies ist auch ein Lebensmotto von mir. Ferner wollte ich meine Grenzen ausloten. Dies geht bei so einer Radtour sehr gut. Schon früh setzte ich mich selbst unter Druck, indem ich lauthals mein Vorhaben ankündigte. Die Reaktionen waren vorhersehbar: "Du spinnst", "das schaffst Du nie" usw. usf..
Warum gerade um die Grenzen Deutschlands?
Meine Mutter und Schwiegermutter leben noch, und ich wollte bei irgendwelchen Problemen innerhalb eines Tages wieder zu Hause sein können.
Warum ein Buch?
Das war absolut nicht geplant. Seit meiner Dissertation habe ich keinen längeren Artikel mehr geschrieben. Die unzähligen Arztbriefe mit Epikrisen zähle ich nicht. Ich wurde unterwegs von so vielen Eindrücken überwältigt, dass ich es einfach schriftlich festhalten wollte. So kommt es halt.
Deutschland ist wunderschön
Aufgezeichneter Gesamttrack der gefahrenen Tour
Das Internet kann Segen und Fluch sein. Stundenlang saß ich vor der Kiste und recherchierte. Einer fuhr mit Zelt und Anhänger, die nächste fast ohne Geld, dann die Strecke in mehreren Etappen über Jahre aufgeteilt, mit dem E-Bike, im Uhrzeigersinn oder andersherum, mit dem Rennrad Kilometer bolzen, aber kaum etwas sehen, Städte nach Möglichkeit meiden, alleine oder zu zweit und so weiter und so fort.
Wann und wo starte ich?
Anfang Juni 2013 sollte es losgehen. Mein Zeitrahmen betrug ca. drei Monate. Als Ausgangspunkt wählte ich eine der nächstgelegenen Städte in Grenznähe mit Bahnanbindung von meiner Heimatstadt Aschaffenburg aus. Dies war Saarbrücken. Im Nachhinein stellte sich das als außerordentlicher Glücksfall heraus. Ein Start z.B. in Passau oder an der Elbe wäre wegen der Folgen des Hochwassers gar nicht möglich gewesen. Dort herrschte noch Land unter. Das sollte ich noch hautnah erleben.
Was nehme ich alles mit?
Ich besitze ein sehr gutes Trekkingbike von der Firma Riese und Müller mit gefedertem Gepäckträger. Das ist wichtig, ansonsten wirkt das Gepäck als ungefederte Masse an der Schwinge. Ich benutze Gepäcktaschen für hinten, eine Lenkertasche und einen kleinen Rucksack auf dem Gepäckträger. Auf einen Lowrider mit Gepäckbefestigung an der Vorderradgabel habe ich bewusst verzichtet.
Es sollte genau überlegt werden, was man alles mitnimmt und was man, wie in meinem Fall, 63 Etappen lang im Schnitt täglich ca. 70km fahren und bei der Ankunft auch schleppen muss; manchmal mehrere Stockwerke hoch. Am Ende hatte ich 15kg, einschließlich des Gewichtes der Hinterradtaschen, des Rucksackes und der Lenkertasche. Manche halten das für zu viel – man muss damit ja jeden Berg hochstrampeln oder schieben, was öfter als erwartet geschah. Aber ich wollte nicht jeden Tag meine Kleidung waschen. Als Arzt ist die Reiseapotheke natürlich umfangreicher. Und ich konnte vorher ja nicht wissen, dass ich das ganze Pannenset einschließlich Luftpumpe kein einziges mal brauchen sollte. Ich hatte zwar sogenannte "unplattbare Mäntel", aber ich rechnete auf Grund früherer Erfahrungen nicht damit, dass ich auf der ganzen Reise keinen einzigen Platten haben werde. Mein heimischer Fahrradhändler – die Firma Heeg – wollte mir kaum glauben, dass ich nicht einmal die Luftpumpe benutzt hatte. Aber es war so. Lediglich zwei Mal brach der Fahrradständer. Das Vorderrad wurde wegen eines ausgeschlagenen Lagers ausgetauscht. Am Ende der Tour war jedoch das Profil des hinteren Reifens total abgefahren, wie bei einem Slick Reifen der Formel 1. Der vordere Reifen zeigte nur geringe Gebrauchsspuren.
Regenkleidung war ein eigenes Thema. In Internetbeschreibungen von Radtouren las ich häufig: "Der Himmel hat mal wieder seine Pforten geöffnet", "es war wie gestern bedeckt und regnete immer stärker", "nach drei Tagen Dauerregen könnte es endlich einmal aufhören". Gut, akzeptiere ich die meteorologischen Gegebenheiten Mitteleuropas. Bei strahlendem Sonnenschein probierte ich auf meiner Hausstrecke den wasserdichten "atmungsaktiven" Anorak, Überhose (die Golfregenhose musste dafür herhalten), Gamaschen (sehr zu empfehlen) und eine übergroße Radbrille (sie musste über die optischen Gläser meiner Gleitsichtbrille passen). Ergebnis: Nassgeschwitzt und tropfend kam ich nach Hause. Wenn ich damals nur schon gewusst hätte, wie es in den folgenden knapp drei Monaten aussehen würde. Auch wenn man mich für einen Lügner halten sollte. Es stimmt wirklich. In der Zeit von Anfang Juni bis Ende August hatte ich gerade mal drei völlig verregnete Tage (davon einen Ruhetag). Ansonsten gab es maximal neunzigminütige Regenschauer und mehrmals leichten Nieselregen.
Glück muss man haben. Bei lange Zeit anhaltendem Hochwasser in der richtigen Region anfangen und einen Jahrhundertsommer erwischen. Aber auch Hitze kann äußerst unangenehm werden und einen bis zum letzten fordern, wie sich noch zeigen wird.
Wie orientiere ich mich unterwegs bzw. plane ich meine Route?
Gedruckte Fahrradkarten in einem Maßstab 1: 25 000 schieden allein schon wegen des Gewichtes aus. (Obwohl, ich kann noch richtig Karten lesen.) Als Vater eines "digital nativ" Sohnes habe ich schon so viele Nachhilfestunden erhalten, dass ich mich als genügend computeraffin bezeichnen würde, um mit dieser Technik zurecht zu kommen (war leider nur teilweise richtig). Anfang dieses Jahrhunderts experimentierte ich schon mit den ersten PDA’s (Personal Digital Assistent) und externer GPS Maus am Fahrradlenker. Die Software war Touratech QV und Path Away. Ich darf gar nicht daran denken, wie viele Stunden bzw. Tage ich damit verbrachte, bis es mehr recht als schlecht lief. Inzwischen hatte ich mich etwas mit der Software von Komoot angefreundet. Für meine Unternehmung sollte es diesmal etwas professionelles und ausgereiftes sein. Nach Umfragen im Bekanntenkreis und dem Lesen unzähliger Testberichte im Netz entschied ich mich für ein Outdoor Navi der Firma Garmin. Das bestellte ich bei Globetrotter, und zwar das vorab hochgelobte und neu erscheinen sollende Oregon 600t mit "brillantem Display und ActiveRouting". Konnte ich denn wissen, dass Garmin sich an keinerlei Auslieferungstermine hält. Nach ca. 8 Wochen Vertröstung bekam ich es 6 Tage vor Start. Wissen Sie was das bedeutet? Ich hatte so gut wie keine Einübungszeit mit einem hochkomplexen Gerät. Wenigstens hatte ich mir vorab die Deutschlandkarte gekauft und konnte so am PC zu Hause etwas üben und planen. Trotzdem, ich musste noch viel Lehrgeld zahlen. Nicht benötigte Tools wie "Mann über Bord" oder Geocoaching löschte ich gleich. Aber auch die restlichen Einstellungen überforderten mich momentan. Dadurch bedingte Probleme kamen noch zu Hauf. Was soll auch ein Gerät, zu dessen besserem Verständnis und Handhabung man erst noch ein externes Praxisbuch für 22.90 Euro kaufen muss? Dieses Buch erschien natürlich erst nach meiner Reise! Wirklich ärgerlich. Wenigstens zeichnete es vorbildlich die gefahrene Strecke auf. Dies war für die Nachbereitung sehr nützlich. Ich hatte ca. 1400 Fotos geschossen – manchmal sehne ich mich doch noch an die analoge Fotografie mit Filmen zurück, bei der ich auf Grund der Kosten genau überlegte, wie oft ich etwas fotografierte -. Nach dem Löschen von 2/3 wusste ich bei einigen Aufnahmen nicht mehr, wo sie entstanden waren. Durch die Verknüpfung des Zeitstempels der Fotodatei mit dem Trackpunkt auf meiner Routenaufzeichnung war das Problem perfekt gelöst. Ich sah sogar genau, wo ich für ein Motiv noch einen Schlenker geradelt war.
Langsam rückte der Termin der Abfahrt näher. Das Fahrrad war generalüberholt mit neuen Ritzeln. Ich hatte einige Probefahrten mit 15kg inklusive Gepäcktaschen bewältigt (zur Simulation mussten schwere Bücher herhalten). Ein regelmäßiges Training absolvierte ich nicht; das würde bei der Tour von selbst kommen. Etwas mulmig war mir bei dem Gedanken an die bevorstehende Aufgabe schon. Ich würde die meiste Zeit ja alleine sein.
Meine Frau Mia wollte mich nur zwei Wochen im August unterstützen. Durch Zufall war das auf dem Königssee Bodensee Radweg, einem der schönsten Streckenabschnitte, wenn ich so was überhaupt sagen kann. Jeder Teil war einzigartig und hat sich mir nachhaltig eingeprägt. Ich behaupte jetzt ernsthaft, fundierte Erdkundekenntnisse von Deutschland zu haben. Als Unterfranke sagt mir jetzt sogar die Oberlausitz in Niederschlesien etwas, oder der Zusammenhang zwischen den Sorben und der Stadt Bautzen. Vorher war mir auch nicht so klar, wie wunderschön und abwechslungsreich Deutschland ist (insbesondere auch der Osten). Und ich bin schon viel und weit gereist.
Übrigens: Meine Frau überraschte und motivierte mich jeden Morgen mit einem Zitat per SMS, das ich jedem Kapitel voranstellen möchte.
Am Ende jeden Kapitels erfolgt meinerseits eine rein subjektive Bewertung der Übernachtung und manchmal auch der Restauration. Dazu benutze ich das Sternesystem von Tripadvisor; dort kann man bei Interesse auch ausführlichere Bewertungen von mir nachlesen.
Während der Tour führte ich ein ganz einfaches, handgeschriebenes Tagebuch. In diesem Punkt bin ich noch altmodisch. Dies dient mir jetzt als Erinnerungsstütze.
Jetzt soll es aber wirklich losgehen, vielmehr losradeln.
Es geht los. Ich radelte zum Bahnhof und kaufte am Automaten Karten. Fahrradkarte ist ein extra Vorgang. Dies in einem Schritt zu bewerkstelligen bekommt die DB nicht hin. Mit dem Regionalzug fuhr ich zunächst bis Frankfurt/Main, nach Umsteigen ging es bis Mannheim, – bei Ludwigshafen reichte das Hochwasser des Rheins noch fast bis an die Gleise, auch waren viele Felder noch überflutet –, und nach erneutem Umsteigen kam ich in Saarbrücken um ca. 14.30 Uhr an. Das Wetter war sonnig, etwas kühl, aber trocken.
Vor 2 Tagen meldete das Fernsehen noch Katastrophen aus Südbayern, Thüringen, Sachsen und Niedersachsen, insbesondere die Gegend um Goslar war betroffen. Es wäre der verregneteste Mai in Deutschland seit 1881. Und hier im Saarland werden die Salatfelder schon wieder mit Wassersprengern begossen. Verrückte Welt.
Ich brauchte lange, um mein Garmin einzurichten, zusätzlich startete ich noch Komoot und kalibrierte meinen normalen Tacho mit Höhenmesser. Ich weiß, manchmal bin ich etwas zwanghaft und überperfektionistisch. Trotzdem verfuhr ich mich an einer Brücke. Am anderen Ufer kam das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ins Blickfeld. Es beeindruckte mich, aber ich hatte keine Zeit zur Besichtigung. Ab hier wurde es auf dem Saarradweg viel ruhiger. Ich wollte an dem halben Radtag noch einige Kilometer schaffen und hatte deshalb kaum Zeit zum Fotografieren. Ein lohnendes Motiv wäre der Spruch gewesen, der auf ein Holzscheit auf einem Holzstapel am Wegrand gesprüht war: "Holzdieb, ich kriege Dich". Der Radweg führte fast immer parallel zur Autobahn bzw. die Bundesstraße entlang. Viele Freizeitradler waren unterwegs. In Merzig landete ich im Hotel Römer (Bett & Bike). Zu Essen gab es erst eine Zwiebelsuppe, danach "saarländisches Duett" (Wurstsalat und Rindfleischsalat mit Bratkartoffeln) und einige Biere.
In den Nachrichten im Fernsehen gab es weitere Wettermeldungen mit Bundeswehreinsatz etc. Passau erlebte einen Pegelstand 12 Meter über Normalnull (höher als das Jahrhunderthochwasser 1954!). Dagegen hatte die Saar nur einen gering erhöhten Pegelstand.
Hotel Restaurant Römer ****
www.roemer-merzig.de
Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.
Marie von Ebner-Eschenbach
Zum Frühstück gab es frische Orangen zum Selbstpressen; das gleiche geschah erst nach 63 Etappen wieder an meinem letzten Reisetag. Ich holte das Fahrrad aus der Garage, in der noch 20 andere Räder standen. Sonne pur. Weiter ging es an der Saar entlang. Es wurde immer grüner, teilweise standen die Bäume bis zum Ufer. Gelbe Farbpunkte ergaben sich durch blühenden Stechginster. Die Saarschleife beeindruckte; jedoch traute ich mich nicht, das Rad alleine stehen zu lassen, um auf den Berg zu steigen und die Rundumsicht zu haben, die man von Fotos kennt. Bevor ich in Mettlach an dem riesigen "Villeroy und Boch" Gelände vorbeifuhr, bewunderte ich noch einen Stand am Radweg. Dort wurden Getränke, Äpfel und Bananen für 1 bis 1,50 Euro angeboten. Es war aber niemand anwesend, nur eine Pappschachtel mit der Aufschrift "Geldkasse" stand dort. Es lebe die Ehrlichkeit. In Saarburg aß ich eine mitgebrachte belegte Semmel (so blieb das fast während der ganzen Tour: ausgedehntes Frühstück, mittags nur einen Cappuccino mit einer Kleinigkeit, abends wieder ausgedehntes Essen und Trinken). Fasziniert war ich von einem großen Werbebanner mit der Aufschrift: "Pizzakartonfaltweltmeisterschaft 2013". Leider war ich für dieses Spektakel eine Woche zu spät. Inzwischen war ich schon in Rheinland – Pfalz.
Auf dem Asphalt rollte mein Rad mit den neuen Ritzeln und der neuen Kette perfekt. Ich erreichte meinen seit Jahren fast immer gleichgebliebenen Schnitt von 15km/Std.; bergauf und bergab – "Eropp un eraff" sagten die Kölner auf unserer ersten Alpenüberquerung – gleichen sich meiner Erfahrung nach die unterschiedlichen Teilgeschwindigkeiten am Ende immer wieder aus. Das Gepäck spürte ich heute nicht. Das sollte noch ganz anders werden.
Über Konz erreichte ich mein Etappenziel an der Mosel. In Trier hatte ich mich mit meinem Sohn verabredet, der hier am Ende seines Studiums sein praktisches Jahr im Krankenhaus der Boromäerinnen absolviert. Unterkunft fand ich in Nachbarschaft der Porta Nigra. Wie der Name schon sagt, war sie sehr schwarz, teilweise eingerüstet und von vielen Touristen umringt. Zum Essen gingen wir in eine Freiluftwirtschaft direkt neben dem Dom, der ältesten Bischofskirche Deutschlands. Getränke mussten wir holen, Speisen wurden gebracht. Es wurde spät.
Ab übermorgen war ich dann alleine. Eine ungewohnte Situation für mich.
Hotel Römischer Kaiser ***
www.friedrich-hotels.de/roemischer-kaiser/
Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel!
Wilhelm Busch
Ich spürte leichte Schmerzen beim Beugen des linken Knies am inneren Gelenkspalt, an der Anhaftungsstelle des Innenmeniskus. Dies war auf dem letzten Drittel der gestrigen Etappe auch schon so. Ich wollte es aber nicht wahrhaben. Vor ein paar Jahren musste ich auf Grund eines darauf folgenden Reizergusses im gleichen Knie eine mehrtägige Tour beenden. Nicht schon wieder, dachte ich. Das wäre es gewesen. Am dritten Tag abbrechen und kleinlaut nach Hause fahren. Mein Sohn wollte mich doch einen halben Tag lang begleiten. Ich hatte nicht vor, mir eine Blöße zu geben und zu schwächeln. Oder war ich übervorsichtig und hörte die Flöhe husten? Jedenfalls nahm ich als Anti-Entzündungs-Medikament 150mg Diclofenac.
Zu zweit ging es los. Am Anfang trug ich noch Armlinge, aber bald waren die nicht mehr nötig. Ein kleines Stück ging es die Mosel entlang, dann entlang des Deutsch-Luxemburgischen Grenzflusses Sauer durch das traumhafte Sauertal. Auf der deutschen Seite ist er als Sauertal-Radweg und auf der luxemburgischen Seite als "Piste-Cyclable-de-la-Basse-Sûr" ausgeschildert. Es war Idylle pur bei Traumwetter. Am kleinen Fluss erholten sich viele Camper. Der Radweg ist auf luxemburgischem Boden weit besser ausgebaut als auf deutscher Seite. Durch das Reden mit Markus Michel verging Kilometer für Kilometer im Nu und ich musste nicht ständig an das blöde Knie denken, dem es so la la ging; beim Laufen schlimmer als beim Fahren. Zwischendurch ein Apfel und eine Banane, außer natürlich dem obligatorischen Mineralwasser. (Mein Rekord fand im bayerischen Wald statt, 6 Liter bei 40° Celsius; darüber schreibe ich aber später.) Teilweise war alles menschenleer.
Nach vierzig Kilometern im luxemburgischen Echternach trennten wir uns nach einem Cappuccino-Stopp. Markus musste ja noch nach Trier zurückradeln. Später erzählte er mir, dass er quer über den Moselsteig geradelt war um abzukürzen, dann trotz Mountainbike und ohne Gepäck ziemlich kaputt zu Hause ankam. Ich saß noch eine Weile auf dem Marktplatz. Er sah aus wie in Frankreich, nur klang für mich die Sprache ganz komisch. Von der Echternacher Sprungprozession erfuhr ich erst zufällig durch einen Fernsehbericht ein halbes Jahr später.
Ich trennte mich vom Fluss Sauer und fuhr an der Our (Nebenfluss der Sauer), neben der Grenze. Diese Strecke hatte ich schon daheim auf dem Computer ausgearbeitet und als Track auf mein Garmingerät geladen. Sie sollte nicht zu weit weg von der Grenze verlaufen, aber auch nicht zu viele Steigungen beinhalten. Trotzdem gab es für mich auch Schiebestrecken, und das ist erst der Anfang der Eifel. So eine Streckenausarbeitung hätte ich später im Erzgebirge, Vogtland und Fichtelgebirge gebraucht, aber die Lieferung des Garmin Navis erst kurz vor Beginn der Reise ließ dies leider nicht zu. Die dadurch bedingten Umwege und Strapazen sollte ich eigentlich Garmin in Rechnung stellen. Ich kann der Pressestelle ja ein Buchexemplar schicken. Etwas problematisch war auch, dass ich von den Nachbarländern nur eine Karte 1:100 000 auf dem Radcomputer hatte, ohne Radwege und kleine Straßen. Das hatte ich vorher nicht bedacht. Ich kam
