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Die Sammlung "Großstadtliebe" vereint dreizehn Kurzgeschichten über Frauen in Berlin, die alle an Wendepunkten ihres Lebens stehen. Von der einsamen Homeoffice-Arbeiterin Tabea, die durch eine Katzenfamilie neue Liebe findet, über die Schriftstellerin Louisa, die sich spektakulär an ihrem betrügenden Verlobten rächt, bis hin zu Merle, die beim Festival of Lights einen neuen Anfang wagt - jede Geschichte erzählt von Momenten, in denen sich das Leben grundlegend verändert. Beziehungen enden. Mal laut. Mal leise. Mit einem Knall oder einem Schweigen. In diesen Geschichten stehen Frauen im Mittelpunkt. Sie lieben, zweifeln, kämpfen, gehen. Sie leben in der Stadt – zwischen Cafés und Bootshäfen, Supermärkten und Altbauwohnungen. Sie verlieren sich. Finden sich. Und manchmal verlieren sie sich wieder. Es geht um Einsamkeit, die nicht still ist. Von Wut, die nicht laut sein muss. Und von der Frage, was bleibt, wenn nichts mehr bleibt. Großstadtfieber erzählt von Momenten, in denen das Leben kurz die Contenance verliert.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2025
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GROSS STADT LIEBE
GROSS STADT LIEBE
Maren Thunert
1. Auflage, veröffentlicht 2025.
© 2025 Maren Thunert – alle Rechte vorbehalten
Maren Thunert
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Cover: istockphoto
Canva Design
Druck:
Neopubli GmbH
Köpenicker Straße 154a
10997 Berlin
ISBN: 978-3-565082-13-1
www.maren-thunert-autorin.de
Auch wenn du die Sanduhr stark schüttelst, wird jedes Korn erst dann fallen, wenn es an der Zeit ist.
Erzwinge nichts.
Alles wird zur richtigen Zeit geschehen.
unbekannten Autor
Inhaltsverzeichnis
Nachtschatten9
Die Lücke im Rahmen25
Stille Helden35
Fremde Leben44
Fluchtvorbereitungen49
Farben im Asphalt54
Scherben lügen nicht60
Immer diese Montage75
Die Eisbombe101
Der verlorene Knopf114
Herz über Kopf121
Kanzler im Rosmarin151
Sieben Uhr zehn, Hauptbahnhof, Berlin167
City of Lights175
Im Nebenzimmer polterte es, als ob jemand Möbel verrückte. Tabea hielt den Atem an und lauschte in die Nacht. Alles war ruhig. Hatte sie sich das Geräusch eingebildet? Sie drehte sich um, wollte sich wieder in ihre Decke kuscheln, da rumpelte es erneut – eindringlicher. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie griff nach ihrem Handy, wählte die 110 vor und schaltete die Taschenlampenfunktion ein. Das helle Licht durchschnitt die Dunkelheit. Sie tastete nach ihren Hausschuhen. Einbrecher jagen mit kalten Füßen, das ging ja mal überhaupt nicht.
Halbherzig öffnete sie ihre Schlafzimmertür einen Spalt und riskierte einen suchenden Blick in den schwach beleuchteten Flur. Das Butzenfenster in der Haustür war die einzige Lichtquelle. Die flackernde Straßenlaterne vor ihrem Haus ließ einen schmalen Lichtkegel durch die roten Butzen auf den Flurboden fallen. Lichtflecken tanzten auf weißen Fliesen.
Der Kratzbaum, der mit zahlreichen Liegeplätzen, Höhlen und Brettern die gesamte Flurwand einnahm – ein Blick zum Schlafplatz von Fluffy – er war leer. Ihr Kater war nachts nie zu Hause. Sie liebte diesen albernen Kater, der im Tierheim als »eigenwillig« galt. Er hatte ein grünes und ein blaues Auge und eine freche Ausstrahlung. Für sie war es Liebe auf den ersten Blick.
Fluffy war jetzt die einzige Konstante in ihrem Leben. Vielleicht hatte er das registriert – ihre Verletzlichkeit, ihre Angst vor Veränderung. Womöglich hatte er sie beschützen wollen. Auf seine eigenwillige Art.
Pünktlich nach dem Abendessen verabschiedete sich ihr Glückskater mit einem hoheitsvollen Abschreiten seines Territoriums, ein König, der seine Ländereien inspiziert. Er strich einmal um ihre Beine, um dann durch die Katzenklappe in der Küche zu verschwinden – hinaus in sein geheimes Nachtreich. Pünktlich mit dem Gurgeln ihrer altmodischen Kaffeemaschine tauchte Fluffy morgens wieder auf. Mit zitternden Barthaaren und dreckigen Pfoten, die Geschichten von nächtlichen Abenteuern erzählten. Fluffys Leben war aufregender als ihr eigenes, so viel war klar. Sie saß in dieser traumhaften Erdgeschosswohnung mit Gartenanteil, unbemerkt von dem Weltgeschehen da draußen und verschrumpelte wie die Kastanie, die in der kleinen Glasschale im Flur lag. Nach der Coronapandemie hatte ihre Firma alle Arbeitsplätze ins Homeoffice verlegt. Seitdem gab es für Tabea kaum einen Grund, das Haus zu verlassen. Ein Schatten huschte vorbei. Tabea zuckte zusammen und schloss die Schlafzimmertür komplett. Was war das? Sie atmete tief ein und aus. Endlich fiel ihr zur richtigen Zeit eine der Übungen aus der Meditation ein.
Wer oder was war das? Sie wusste, dass sie nachsehen musste, obwohl ihr jeder Instinkt sagte, sie solle weglaufen. Mit zitternden Händen hob sie das Handylicht, atmete tief ein und trat in den Flur. Das Poltern begann erneut, lauter und näher.
Jetzt reicht’s! dachte Tabea. Ich lasse mich nicht in meiner eigenen Wohnung verschaukeln.
»Hallo?«, rief sie in die Dunkelheit hinein, »Ist da jemand?«
Innerlich stöhnte sie, wie oft hatte sie sich in gruseligen Filmen über diese Szene lustig gemacht – über Protagonisten, die direkt in ihr Verderben liefen. Klar, der Mörder würde jetzt antworten mit: »Ich bin in der Küche und suche ein schönes Messer für dich aus, komm doch rein!«
Tabea hatte genug. Mit einem Schritt schaltete sie das Flurlicht an. Die Lampe verwandelte die bedrohliche Finsternis in einen harmlosen Flur. Tabea folgte dem Geräusch, das sie zur verschlossenen Tür am Ende des Flurs führte.
Die Abstellkammer. Was zur Hölle ... Tabea grübelte kurz. Wo war der Schlüssel? Als sie letzten Sommer eingezogen war, war das Schloss defekt gewesen, die Tür ließ sich nicht öffnen. Es war nicht weiter schlimm, Tabea brauchte die Kammer nicht. Es hatte Monate gebraucht, bis die Hausverwaltung jemanden für die Reparatur geschickt hatte. Sie erinnerte sich an diesen Tag.
Es war einer von den miesen Tagen – ein schwarzer Montag in Reinkultur. Jahresabschluss, WLAN-Probleme, E-Mail-Chaos – alles gleichzeitig. Dieser Haushandwerker mit den hinreißenden Grübchen hatte die Tür repariert und war gerade im Gehen. »Ähm«, hatte er noch gesagt und war rot geworden, »ich habe Ihnen was hingelegt. Auf die Kommode.«
»Danke!«, hatte Tabea gerufen, wieder am Laptop. »Danke, tschüss!«
Im Augenwinkel sah sie, wie Fluffy vom Kratzbaum sprang. Das Rascheln von Papier. Sie drehte sich um – Fluffy saß auf der Kommode, spielte mit einem weißen Zettel.
»Fluffy, nein!«
Zu spät. Der Kater sprang herunter und raste den Flur entlang. Eine Teams-Benachrichtigung poppte auf. Ihr Chef. Tabea seufzte und ließ den Kater gewähren. »Später«, murmelte sie. Später kam nie.
Dabei hätte sie sich gern an diesem Tag mit ihm unterhalten, ihm einen Kaffee angeboten, wie es ihre Großmutter beigebracht hatte. »Jeder Beruf verdient Respekt, Tabea, einem Handwerker bietet man einen Kaffee an, das gehört sich.« Die Worte ihrer Großmutter klangen nach. Ach, es war alles hektisch an diesem Tag gewesen, wo war denn nur dieser dämliche Schlüssel? Das Poltern kam aus der Kammer, eindeutig. Ratlos stand sie im Flur, als erneut ihr Blick auf die kleine Glasschale fiel. Sie stutzte, was blitzte da hervor? Sie machte einen Schritt und griff in die Schale. Die Schlüssel, Gott sei Dank.
Mit zitternden Händen schob sie den altmodischen Bartschlüssel in das Schloss der Abstellkammer und öffnete die Tür. Mit Getöse fiel ihr eine Harke, ein Besen und ein Schrubberstiel entgegen. Sie sprang erschrocken zur Seite, ihr Herz flatterte. Jetzt fiel es ihr ein, die Gartengeräte, natürlich. Die Kammer hatte eine zweite Tür, die gartenseitig geöffnet werden konnte. Nachdem sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah sie es. Die Türschwelle aus Holz war vermodert, jemand hatte sich unter der Tür durchgegraben und sich in ihrer Besenkammer ein kuscheliges Nest mit Kartons, Putzlappen und Wischlappen gebaut – eine improvisierte Kinderstube. Die tiefschwarze Katze mit den grünen Augen, leuchtend wie Smaragde in der Nacht, sah sie an und fauchte wie ein kleiner Panther. Fünf neugeborene Katzenkinder, mit geschlossenen Augen, kuschelten sich maunzend an ihre Mama.
Die schwarze Katze beobachtete sie. Müde, aber wachsam. In ihren grünen Augen lag etwas Wildes, Ungezähmtes – und gleichzeitig eine Bitte. »Vertrau mir«, schien sie zu sagen. »Ich vertraue dir auch.« Ihr Herz machte einen Satz.
Tabea lief in die Küche, holte eine Schale mit Wasser und füllte eine weitere mit Futter. Unter den wachsamen Blicken der Mamakatze stellte sie es etwas abseits der Kinderstube auf den Boden und verkeilte die Gartengeräte, damit sie nicht wieder umfallen konnten.
»Na da wird Fluffy aber Augen machen«, sagte Tabea seufzend in Richtung Katze.
»Dann lasse ich dich mal in Ruhe und gehe wieder schlafen.«
Schnell machte sie ein Foto von der Katze und lehnte die Kammertür an. Es war weit nach Mitternacht, als sie zurück in ihr Kissen fiel und sofort einschlief.
Der Wecker klingelte pünktlich um 6.15 Uhr. Tabea hatte Mühe, aus dem Bett zu kommen, die fehlenden Stunden hingen an ihr wie Bleigewichte. Vorsichtig tapste sie zur Abstellkammer und öffnete diese. Die Katzen schliefen allesamt, der Futternapf war leer, das Wasser ebenfalls. Erleichtert tauschte Tabea die Näpfe aus, bevor Fluffy nach Hause kam von seinen nächtlichen Eskapaden. Pünktlich um 7.30 Uhr betrat der Herr des Hauses die Bühne. Argwöhnisch beäugte er sein Frauchen, die nicht ordnungsgemäß an ihrem Platz saß.
»Ich muss dir was sagen«, begann Tabea vorsichtig. »Dein Lieblingsfutter ist alle. Ich habe letzte Nacht die Notfallreserve angezapft.« Fluffy legte den Kopf schräg und blinzelte.
»Es tut mir leid«, sagte sie, »es gibt einen Grund dafür! Du darfst nicht sauer sein«, sie ging voraus und Fluffy folgte ihr. »Benimm dich!«
Tabea öffnete die Tür. »Wir haben Gäste«, sagte sie leise, »erschrick sie bitte nicht.«
Fluffy kam zögernd näher. Die Nachtschattenkatze war wach, sie stellte sich auf, ließ Fluffy nicht aus den Augen und fauchte. Schnurrend begutachtete Fluffy die Familie, sein Schnurren vibrierte in der Luft, Tabea atmete erleichtert auf.
Er trat näher, schnupperte – die schwarze Katze entspannte sich, rieb kurz die Schnauze an seiner. Tabea blinzelte. Das war ... vertraut. »Ihr kennt euch, hm?«
Fluffy drehte sich beleidigt um wie ein gekränkter Aristokrat und kehrte in die Küche zurück, Tabea folgte ihm.
»Wenn du dich nicht immer die ganze Nacht herumtreiben würdest, dann wäre das nicht passiert!« Fluffy sah sie an, unergründlich. Als wüsste er mehr als sie.
»Was?«, fragte Tabea. »Was guckst du so?« Der Kater putzte sich die Pfote.
Sie trank ihren Kaffee aus, trug eine zweite Tasse ins Arbeitszimmer, schaltete den Arbeits-PC ein. Irgendetwas war anders. Sie öffnete das Fenster, ließ Luft herein. Sie blickte in den Garten hinaus – ein Nachbar winkte herüber. Sie winkte zurück. Zum ersten Mal seit Monaten. Unterdessen öffnete sie auf ihrem Handy die Nachbarschaftsapp und lud ihren ersten Beitrag hoch – das Foto der Katzenfamilie mit einem Bitte-melden-Appell. Sie starrte auf das Posting, den Finger über ‚Senden‘. Ihr Herz klopfte. So albern. Es war nur ein Foto, nur eine Frage. Aber es war das erste Mal seit Ewigkeiten, dass sie ... nach außen trat. Sie drückte auf ‚Senden‘. Geschafft. Zu guter Letzt rief sie die Hausverwaltung an, mit der Bitte, die Kammertür zu reparieren. Dieses Mal war sie klug genug, gleich um einen kurzfristigen Termin zu bitten, da es sich um einen Notfall handelte.
Der Arbeitstag ging ihr mühelos von der Hand, trotz der Müdigkeit. Die schwarze Katze unterdessen war zaghaft in den Flur getreten und maunzte deutlich hörbar. Sie sprang auf die Kommode und spielte mit dem Bömmel an ihrem Schlüssel. Tabea kam in den Flur und siedend heiß fiel ihr ein, dass sie heute einkaufen musste, wenn ihre Gäste und Fluffy nicht verhungern sollten. Die Katzen sahen sie hoffnungsvoll an. Fluffy schob die Schlüssel von der Kommode. Er sah sie dabei direkt an – als würde er warten, dass sie etwas bemerkte.
»Ich habe jetzt keine Zeit zum Spielen, du verrückter Kater!« Sie hob die Schlüssel auf und stutzte. Lag da ein Zettel hinter dem Schränkchen?
Vergilbt, mit Staubflocken.
Sie griff danach. Ich würde gern mit Ihnen einen Kaffee trinken gehen, wenn Sie einmal Zeit dafür finden. Sven, Haushandwerker. Wie lange mochte der Zettel dort gelegen haben? Jetzt musste sie aber erst zum Supermarkt. Sie riss die Haustür auf – Sven stand vor ihr, seine Hand schwebte über dem Klingelknopf.
»Huch!«, sagte Tabea überrumpelt.
»Huch«, sagte Sven ebenfalls und errötete. Sie lächelte ihn an. »Ich soll mich beeilen«, sagte er mit einem schiefen Grinsen. »Ein Notfall – steht hier.«
»Ich weiß«, sagte sie und errötete. »Ich zeige es Ihnen. Ich habe seit gestern Untermieter, die nicht angemeldet sind.«
Sie machte einen Schritt zurück, er folgte ihr und sie legte ihren Finger auf die Lippen, als sie an der Kammer ankamen.
»Schhhhhh«, machte sie, »vorsichtig.« Sanft öffnete sie die Tür.
Die Nachtschattenkatze sah auf, übermüdet, ihre Augen glänzten. Sven erfasste die Lage sofort. Er lächelte.
»Wir müssen warten, bis diese kleine Familie umgezogen ist – das Werkzeug ist zu laut und der Staub wäre ungesund.«
Tabea seufzte. »OK, dann in ein paar Wochen, vielleicht früher, wenn die Besitzer sich melden.«
»Besitzer?«, fragte er.
»Sie gehört nicht mir, ich habe in der Nachbarschaft nachgefragt, ob jemand eine Katze vermisst. Ich vermute, niemand wird sich freiwillig melden, um sich diese Arbeit aufzuhalsen.«
»Versorgen Sie die Katzen trotzdem?«, fragte er liebenswürdig, »ich sehe, Sie haben ja einen vierbeinigen Mitbewohner.«
»Ja«, sagte Tabea und seufzte, »ich war auf dem Weg in die Zoohandlung, mit Katzenbabys habe ich keine Erfahrung.«
»Sie sind 10–12 Tage alt. Nicht mehr lange, und sie öffnen die Augen.«
Er kniete sich hin, die Hand respektvoll flach ausgestreckt. »Sehen Sie, wie die Mama noch misstrauisch ist? Das gibt sich. Bei meiner Schwester hatte die Katze letztes Jahr Junge – da habe ich gelernt: Abstand halten und leise sein. Die Kleinen vergessen’s dir nicht, wenn du sie in Panik versetzt. Bald wird die Kammer zu klein. Kann ich durch den Garten gehen, um die Tür auszumessen?«, fragte er.
Sie begleitete ihn durch die Küche, er nahm die Maße für die neue Türschwelle, summte dabei. »Sie kennen sich aus mit Katzen?«
»Ein bisschen.« Sven wurde rot. Er hatte damals einen Zettel hingelegt, sie zu einem Kaffee eingeladen.
Tabea überlegte fieberhaft, ob sie ihn auf den Zettel ansprechen sollte. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie den Zettel erst nach einem halben Jahr gefunden hatte wie einen vergrabenen Schatz? War das mit dem Kaffee ernst gemeint oder nur höfliche Floskel?
»Ähm«, begann Tabea, »ich habe Ihren Zettel gefunden.«
Sven wurde rot. »Welchen Zettel?« Sven lächelte, dann wurde sein Blick nachdenklich. »Ich weiß, das klingt komisch … aber ich habe Sie damals gesehen. Wie Sie mit dem Kater gesprochen haben.«
Tabea runzelte die Stirn. »Wie ich mit Fluffy gesprochen habe?«
»Ja. Nicht wie mit einem Tier. Wie mit einem Menschen. Ruhig, aufmerksam, als würde er Ihnen antworten.« Tabea schwieg.
»Da wusste ich, Sie sind jemand, der zuhört. Nicht nur mit den Ohren.«
»Den mit dem Kaffee«, murmelte sie. »Ja … also …«, stotterte sie.
»Ich wollte Ihnen damals einen Kaffee anbieten, meine Oma hat immer gesagt …«
Tabea lächelte zerknirscht. »Einem Handwerker bietet man einen Kaffee an, das gehört sich so.«
Sven blinzelte. »Das hat meine Oma auch gesagt.« Sie sahen sich an, beide mussten lachen.
»Kluge Omas«, sagte Tabea.
»Die besten«, ergänzte Sven. Nur eine Sekunde lang war alles still, Fluffy schnurrte leise.
»Das mit dem Zettel«, sagte er und wurde noch röter. »Das ist ewig her, Sie müssen sich nicht verpflichtet fühlen ...«
»Nein, nein«, unterbrach sie ihn hastig, ihre Worte sprudelten, »ich würde gern. Warum haben Sie ihn so gut versteckt? Ich habe ihn heute erst gefunden!«
»Er lag neben der Glasschale mit der Kastanie«, antwortete er verwundert.
Tabea starrte ihn an. »Er war hinter der Kommode.«
Sven blinzelte. »Ich habe ihn auf die Kommode gelegt. Direkt neben den Schlüssel.«
Beide sahen sich an. Dann dämmerte es ihnen gleichzeitig.
»Fluffy?!«, rief Tabea empört. »Du hast ihn geklaut! Damals schon!«
Wie auf Knopfdruck stolzierte der Kater um die Ecke, den Kopf hoheitsvoll erhoben.
»Du hast den Zettel versteckt!«, beschuldigte ihn Tabea wie eine Staatsanwältin. »Ein halbes Jahr lang! Na warte!«
Fluffy setzte sich hin, putzte demonstrativ seine Pfote und sah sie an, als würde er sagen: »Ihr wäret eh zu feige gewesen.« Seine Augen funkelten.
Er setzte sich vor die Abstellkammer, ein leises Maunzen war zu hören. Tabea öffnete die Tür und ging in die Hocke.
»Oh Gott, ich kann mich nicht bewegen«, flüsterte sie. »Wenn ich aufstehe, nehmen sie mir das übel.«
»Oh, sehen Sie, eines hat die Augen aufgemacht!« Sven hockte neben ihr.
Tabea und Sven starrten erst das Katzenkind, dann Fluffy an. Das Kätzchen hatte ein blaues und ein grünes Auge, genau wie Fluffy – ein kleiner Spiegel seines Vaters.
»Na hallo! Du Casanova«, sagte Sven grinsend. Der Kater putzte sich die Pfote, als wäre nichts gewesen, unschuldig wie ein Engel.
»Das gibt’s nicht!«, rief Tabea. »Du hast nicht nur meinen Zettel versteckt, sondern auch eine Geliebte! Jetzt sind sie alle hier eingezogen!« Er sah sie an, verschwand in der Kammer. »Was macht er denn jetzt?«, fragte Sven.
Fluffy kam mit einem winzigen Kätzchen im Maul zurück. Behutsam legte er es vor Tabeas Füße wie ein kostbares Geschenk. Dann holte er ein zweites und legte es vor Svens Füße.
»Oh«, flüsterte Tabea. Sven starrte auf das kleine Bündel zu seinen Füßen.
»Hat er mich gerade ...«
»Adoptiert«, vollendete Tabea.
Ihre Glückskatze setzte sich zwischen sie beide, schnurrte laut und sah abwechselnd zu Tabea, zu Sven, zur Kammer. Seine Botschaft war klar: Ich habe euch meine Familie gezeigt. Jetzt macht was draus.
»Er ist ein Matchmaker«, sagte Sven leise.
»Er ist ein Kontrollfreak«, korrigierte Tabea, sie lächelte dabei. »Erst sabotiert er mich, dann spielt er Amor.« Fluffy blinzelte langsam – das Katzen-Äquivalent eines zufriedenen Lächelns.
Dann trug er das dritte Kätzchen aus der Kammer – behutsam, konzentriert. Eins nach dem anderen legte er sie in seinen Korb am Kratzbaum. Die schwarze Katze folgte ihm, schnurrend.
»Er zieht sie um«, flüsterte Tabea berührt.
»Ein verantwortungsvoller Vater«, sagte Sven grinsend. Dann, nach einem kurzen Blick zur Kammer: »Wir sollten besser eine Wurfkiste bauen. Sonst bricht hier bald das Chaos aus.«
Tabea lachte leise. »Du meinst, bevor sie anfangen, in meine Schuhe zu pinkeln?«
»Genau das meine ich.«
Der Kater blickte kurz auf, als wollte er sagen: Geht, ich habe das im Griff. Dann verschwand er wieder in der Kammer. Die schwarze Katze hatte sich auf seinen alten Schlafplatz am Kratzbaum gelegt. Als hätte sie nie woanders gewohnt.
Fluffy setzte sich schnurrend in die Mitte, da verstand Tabea: Das war kein Zufall. Sie fasste sich ein Herz. »Sieben Katzen, da kann ja nichts mehr schiefgehen. Mein Schicksal als verrückte Katzenlady ist besiegelt, oder?«
»Also«, sagte Sven beherzt und streckte ihr die Hand hin, »du bist auf keinen Fall eine verrückte Katzenlady. Darf ich dich zum Kaffee einladen? Und danach könnten wir zusammen Katzenfutter kaufen.« Er hielt inne, sah sie zögernd an, sein Herz klopfte.
»Das«, sagte Tabea und ergriff, ohne lange nachzudenken, seine Hand, »ist das romantischste Angebot, das ich je bekommen habe.«
Fluffy schnurrte zufrieden und trottete davon.
