Grundlagen des Systemdenkens - Othmar von Ettingshausen - E-Book

Grundlagen des Systemdenkens E-Book

Othmar von Ettingshausen

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Beschreibung

Wir alle müssen, um zu überleben, unser Umfeld verstehen. Wir können aber unmöglich Experten auf jedem Gebiet sein, das uns betrifft. Besteht vielleicht ein Ausweg aus dieser Zwangslage? Erstaunlicherweise gibt es aber eine verhältnismäßig einfache Methode, unser komplexes Umfeld zu begreifen und mit ihm umzugehen. Die Antwort lautet: Systemdenken. Es ist das Ziel dieses Buches, Sie mit dieser Methode vertraut zu machen. Es befasst sich mit den Strukturen und den Gesetzen, die in Systemen herrschen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf sozialen Systemen, die Familien, Volkswirtschaften und industrielle Organisationen betreffen und auf Systemen, die Menschen, Ressourcen und Technologien miteinander verbinden. Soziale Systeme sind Systeme, die sich demnach auf menschliche Gemeinschaften beziehen. Sie verkörpern die Wechselwirkungen zwischen Menschen und umfassen Familien, kleinere Gruppen, Unternehmen, Länder, Volkswirtschaften, internationale Beziehungen oder die Globalisierung und vieles mehr. Das Buch richtet sich an alle, die ihre Fähigkeiten verbessern wollen, Probleme in komplexen Situationen zu lösen. Ich hoffe, es verschafft den Lesern einen Zugang zu neuen Denkweisen und Einblicken in die komplexe Welt, in der wir leben und die unsere Kinder erben werden.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Ina-Maria, Colin und Valeska

Situation eins

Ich gehe die Straße entlang.

Im Bürgersteig ist ein tiefes Loch.

Ich falle hinein.

Ich bin ratlos und hilflos.

Ich fühle mich nicht schuldig.

Es dauert endlos lang, wieder herauszufinden.

Situation zwei

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Im Bürgersteig ist ein tiefes Loch.

Ich tue so, als ob ich es nicht sähe.

Ich falle wieder hinein.

Ich kann nicht glauben, dass ich mich wieder in dieser Situation befinde.

Aber ich fühle mich nicht schuldig.

Es dauert immer noch lange, herauszukommen.

Situation drei

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Im Bürgersteig ist ein tiefes Loch.

Ich sehe, dass es da ist.

Ich falle hinein –es ist schon eine Gewohnheit-

aber ich habe meine Augen dabei weit geöffnet.

Ich weiß, wo ich mich befinde.

Es ist meine Schuld.

Ich klettere sofort heraus.

Situation vier

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Im Bürgersteig ist ein tiefes Loch.

Ich gehe daran vorbei.

Situation fünf

Ich gehe eine andere Straße entlang.

Portia Nelson (aus: There is a hole in my sidewalk)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Systemen begegnet man überall

Was ist ein System?

Die Sprache des Systemdenkens

4.1 verbale Beschreibungen des Problems

4.2 Zeitverläufe der Schlüsselvariablen

4.3 Feedbackdiagramme (Rückkoppelungsschleifen)

4.4 Bestands- und Flussgrößen (Stock and Flow)

4.5 Software (mathematische Fachsprache)

Rückkoppelungen

5.1 negative, stabilisierende Rückkoppelung

5.2 positive, verstärkende Rückkoppelung

5.3 selbsterfüllende Prophezeiungen

5.4 positive Rückkoppelungen in Wirtschaftsleben

5.5 Verzögerungen: die versteckten Störenfriede

Verständnisebenen: vom Ereignis zur Vision

6.1 Ereignisse

6.2 Muster, Trends, Zeitverläufe, Verhaltensmuster

6.2.1 lineare Zeitverläufe

6.2.2 exponentielle Zeitverläufe

6.2.3 zielsuchende Zeitverläufe

6.2.4 oszillierende Zeitverläufe

6.2.5 s-förmige Zeitverläufe

6.2.6 Zeithorizont

6.2.7 Logik

6.2.8 Zusammenfassung

6.3 Strukturen

6.4 mentale Modelle

6.5 Visionen

6.6 systemische Veränderungen managen

Komplexität

Entscheiden in komplexen Situationen

Systemarchetypen

9.1 Fehlkorrekturen

9.2 Problemverschiebungen

9.3 Grenzen des Wachstums

9.4 die Tragödie der Gemeingüter

9.5 Widersacher wider Willen

9.6 Eskalation

9.7 erodierende Ziele

9.8 Erfolg dem Erfolgreichen

9.9 Wachstum und Unterinvestition

9.10 der Stammbaum des Systemarchetypen

Benutzte Literatur

System Dynamics Software

System Dynamik Institutionen

Die Spielregeln werden härter.

Deshalb muss das Rüstzeug für Problemlösungen

effizienter und effektiver werden.

Der einzige nachhaltige Wettbewerbsvorteil besteht daher

in der Fähigkeit schneller zu lernen als die Konkurrenz.

1. Einleitung

Wir alle müssen, um zu überleben, unser Umfeld verstehen. Wir können aber unmöglich Experten auf jedem Gebiet sein, das uns betrifft. Besteht vielleicht ein Ausweg aus dieser Zwangslage? Erstaunlicherweise gibt es eine verhältnismäßig einfache Methode unser komplexes Umfeld zu begreifen und mit ihm umzugehen. Die Antwort lautet: Systemdenken. Es ist das Ziel dieses Buches, Sie mit dieser Methode vertraut zu machen.

Das ist ein hoher Anspruch. Wenn Systemdenken uns in die Lage versetzt, die Welt um uns herum besser zu verstehen und nachhaltige Problemlösungen zu finden, fragt man sich, warum die Methode nicht verbreiteter ist. Zunächst sind unsere Schulen ausgesprochen langsam, neue Lehrinhalte aufzunehmen. Systemdenken ist noch relativ neuartig und unbekannt und fühlt sich für Menschen ungewohnt an, die in der traditionellen fachspezifischen Weise ausgebildet sind. Dazu kommt noch, dass die meisten Veröffentlichungen über Systemdenken sehr technisch, mathematisch und schwer zu lesen sind. Erst in jüngster Zeit sind die Versuche, vielfach auf Englisch, zahlreicher geworden, Systemdenken auch Laien zu vermitteln. Dies entspricht auch der Zielsetzung dieses Buches. Sie brauchen kein ausgeprägtes mathematisches oder naturwissenschaftliches Wissen und die Formulierungen sind möglichst einfach und leicht verständlich gehalten. Ohne großen Aufwand müssen Sie nur Ihren Hausverstand einsetzen, um Systemdenken zu verstehen und es anzuwenden lernen. Vielfach müssen Sie nur Ihr Wissen umdenken. Dann können Sie folgendes erwarten:

Es wird Ihnen leichter fallen, Neues zu lernen. Die meisten Themen und Studienfächer werden völlig getrennt voneinander gelehrt. Wenn Sie an einem Kurs in Chemie teilnehmen und danach in Volkswirtschaftslehre wird zwischen beiden Fachgebieten keine Verbindung hergestellt und Sie müssen in Volkswirtschaftslehre ganz von vorne anfangen. Genau genommen bezieht sich aber einiges, das die Chemie betrifft auch auf politische Systeme und umgekehrt. Anstatt von vorne zu beginnen, können Sie auf dem vorhandenen Wissen aufbauen. Die grundlegenden Regeln nach denen Systeme funktionieren, wie Rückkoppelungen und das Verhalten von Systemen, das durch seine Struktur bestimmt wird, lassen sich gleichermaßen auf soziale, politische, ökonomische, ökologische, chemische und physikalische Systeme anwenden. Sobald Sie diese Regeln verstanden haben, können Sie jeden neuen Sachverhalt und jedes neue Problem auf der Grundlage vorhandenen Wissens erfassen.

Sie lernen, komplexe Probleme und Situationen leichter zu verstehen. Die meisten Lehrinhalte befassen sich nicht mit der Lösung von Problemen, die die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen überschreiten und nur wenige Menschen lernen, wie sie schwierige Probleme besser beherrschen können. Systemische Denkansätze für solche Probleme garantieren zwar nicht die richtigen Antworten, aber sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit nachhaltigere Lösungen zu finden.

Sie erhalten Hinweise auf effektive Strategien, wie sie ihr Umfeld beeinflussen können, damit es sich im gewünschten Sinn verhält. Wenn Menschen Zustände verändern und Probleme lösen wollen, verschwenden sie oft ihre Zeit mit wirkungslosen Methoden und sind letztlich über die Ergebnisse enttäuscht. Hingegen helfen systemische Denkansätze effektive Eingriffe in Systeme zu identifizieren, wodurch die Erfolgschancen für nachhaltige Lösungen steigen.

Systemdenken wird Ihnen helfen Arbeitsabläufe zu optimieren, Verzögerungen wahrzunehmen und Engpässe zu beseitigen.

Sie verbessern Ihre Fähigkeit über komplexe Streitfragen produktiv zu kommunizieren, weil Sie eigene und fremde mentale Modelle als Ursache eines Problems erkennen. Sie werden die unterschiedlichen Sichten darüber, wie ein Problem entsteht, besser wahrnehmen.

Sie werden Ihre Fähigkeiten der komplexen Kommunikation und der Mustererkennung (Strukturanalyse) verbessern. Beides ist im digitalen Zeitalter erfolgsentscheidend.

Schließlich hilft Ihnen Systemdenken eine übergreifende Sicht Ihres eigenen Umfeldes zu entwickeln. Die meisten Menschen erfahren ihr Wissen stückweise und erhalten wenig Unterstützung darin, eine sinnvolle Gesamtsicht zu entwickeln. Aber ein systemischer Denkansatz bietet zumindest einen widerspruchsfreien Bezugsrahmen und die Möglichkeit Wissensfragmente, die einem begegnen, anschaulich zusammenzufügen.

Im weitesten Sinn umfasst das Systemdenken eine große und relativ formlose Sammlung von Methoden, Werkzeugen und Prinzipien, die alle darauf zielen, die Wechselwirkung von Kräften zu erkennen und sie als Teil eines gemeinsamen Prozesses zu begreifen. All diese unterschiedlichen Ansätze werden von dem Leitgedanken getragen, dass das Verhalten aller Systeme bestimmten allgemeinen Prinzipien folgt, die man erforschen und beschreiben kann. Eine Variante des Systemdenkens bietet eine besonders nützliche Sprache, mit der sich beschreiben lässt, wie man lohnende Veränderungen in Organisationen –in der Politik und in Unternehmen- bewirken kann. Diese Form, die sogenannte „Systemdynamik“, ist in den letzten vierzig Jahren von Professor Jay Forrester und seinen Kollegen, allen voran Professor John Sterman am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston entwickelt worden. Die Werkzeuge und Methoden (Verbindungen von Variablen und Schleifen sowie Modelle von Bestands- und Flussgrößen) gründen alle auf dem systemdynamischen Verständnis, dass komplexe Rückkoppelungsprozesse problematische Verhaltensmuster in Organisationen und weitverzweigten menschlichen Systemen erzeugen können.

Ein System ist ein wahrgenommenes Ganzes, dessen Elemente „zusammenhängen“, weil sie einander gegenseitig im Laufe der Zeit beeinflussen und auf ein gemeinsames Ziel hinwirken. Der Begriff geht auf das griechische Verb synistánai zurück, was ursprünglich „zusammenstellen oder einen Zusammenhang bewirken“ bedeutete. Wie hier anklingt, schließt die Struktur eines Systems die Qualität der Wahrnehmung mit ein, durch die man als Beobachter, den Zusammenhang herstellt.

Beispiele für Systeme sind biologische Organisationen (einschließlich des menschlichen Körpers), die Atmosphäre, Krankheiten, ökologische Nischen, Fabriken, Unternehmen, Industrien, chemische Reaktionen, Projektmanagement, politische Parteien, Gemeinschaften, Familien oder Teams. Man selbst und seine Arbeit gehören Dutzenden von verschiedenen Systemen an.

Systemische Strukturen sind häufig unsichtbar –bis jemand darauf aufmerksam macht. Das Wort „Struktur“ kommt vom lateinischen struere, „bauen“. Aber Strukturen in Systemen sind nicht zwangsläufig bewusst gebaut. Sie setzen sich aus den bewussten und unbewussten Entscheidungen zusammen, die die Menschen im Laufe der Zeit treffen.

Seit dem Beginn der Arbeiten über Systemdynamik am MIT in Boston haben unzählige Personen unterschiedliche Aspekte der Systemdynamik und des Systemdenkens veröffentlicht. Jay W. Forrester, Donella Meadows, John D. Sterman, Peter M. Senge, Daniel H. Kim, Hartmut Bossel, Dietrich Dörner, Peter Milling, Günther Ossimitz, Klaus Mainzer und Frederic Vester –um nur einige zu nennen- haben mit ihren Publikationen wesentlich zum besseren Verständnis der System Dynamik und des Systemdenkens beigetragen.

Das Buch, das Ihnen vorliegt, baut im Wesentlichen auf der Literatur auf, die im Anhang genannt ist. Es beinhaltet meine Vorlesung „Grundlagen des Systemdenkens“, die ich an der „International School of Management“ in Dortmund gehalten habe. Es befasst sich mit den Strukturen und den Gesetzen, die in Systemen herrschen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf sozialen Systemen, die Familien, Volkswirtschaften und industrielle Organisationen betreffen und auf Systemen, die Menschen, Ressourcen und Technologien miteinander verbinden. Soziale Systeme sind Systeme, die sich demnach auf menschliche Gemeinschaften beziehen. Sie verkörpern die Wechselwirkungen zwischen Menschen und umfassen Familien, kleinere Gruppen, Unternehmen, Länder, Volkswirtschaften, internationale Beziehungen oder die Globalisierung und vieles mehr.

Das Buch richtet sich an alle, die ihre Fähigkeiten, Probleme zu lösen, verbessern wollen. Es wäre schön, wenn Ihnen dieses Buch gefällt. Ich hoffe, es verschafft Ihnen einen Zugang zu neuen Denkweisen und Einblicken in die komplexe Welt, in der wir leben und die unsere Kinder erben werden.

Wer nicht kommuniziert, muss damit rechnen,

dass es jemand anders für ihn tut-

und dann womöglich nicht in seinem Sinne.

Paul Watzlawick

2. Systemen begegnet man überall

Ein System ist eine Anordnung aufeinander wirkender, in Wechselbeziehung zueinander stehender und voneinander abhängiger Elemente, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Dieses Zusammenwirken entscheidet darüber, wie sich ein System verhält und wie es sich weiter entwickelt. Systeme können unterschiedlich aufgebaut sein und Menschen, Tiere, Pflanzen, Wälder, Maschinen, Unternehmen, Städte oder Volkswirtschaften umfassen.

Dazu einige Beispiele von Systemen, die uns allen vertraut sind:

Mechanische Systeme

: Kraftwerke, Produktionsanlagen, Fließbänder, Auto, Fahrrad, Autopilot, Thermostat, Getriebe, Klimaanlagen, Gangschaltung

Biologische Systeme

: Lebewesen, Fotosynthese, Durst, Atmung, Hunger, Krankheiten, Immunsystem, Nervensystem

Ökologische Systeme

: Wetter, Regenwald, Klimaschwankungen, Landwirtschaft, Treibhauseffekt, Stoffkreisläufe, Lawinen, Gletscherschmelze, Gezeiten, Anstieg des Meeresspiegels

Sozioökologische Systeme

: Demokratie, Diktatur, Politik, Management, Produktion, Wertschöpfungsketten, Investitionen, Inflation, Arbeitsmarkt, Familie, Gesundheitssystem, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Bildung, Preisbildung durch Angebot und Nachfrage, Lagerhaltung, Finanzmärkte, Börse

Systeme verfügen über ausgeprägte Eigenschaften, die nicht in ihren Teilen vorhanden sind. Man kann die Eigenschaften des gesamten Systems nicht bestimmen, wenn man es zerlegt und die Teile untersucht.

Wir alle leben und arbeiten in Gesellschaftssystemen, zum Beispiel in Beziehungen, Unternehmen, Handwerksbetrieben, Behörden, Schulen, Forschungseinrichtungen oder Universitäten. Aber trotzdem begann sich erst spät und zögernd ein grundlegendes Verständnis für die Gesetze zu entwickeln, die das Verhalten von Systemen in Familien, Politik und Wirtschaft beschreiben. Ganz im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, zu Medizin und Technik, wo das Bewusstsein für verflochtene und unübersichtliche Systeme ausgeprägt ist.

Warum wird Systemen und ihren Grundlagen in der Fachliteratur, im Bildungswesen, in Politik und Wirtschaft zu wenig Beachtung geschenkt? Sind sie doch allgegenwärtig. Hat das damit zu tun, dass keine Notwendigkeit dafür erkannt wird, das Verhalten von Systemen zu verstehen? Oder scheint es, dass Systeme schwer durch eine allgemein umfassende Theorie zu erfassen sind und ihnen deshalb wenig Bedeutung zugemessen wird? Oder könnte es damit zusammenhängen, dass Gesetzmäßigkeiten von Systemen so schwer wahr zu nehmen sind und sich deshalb der Aufklärung entziehen? Wahrscheinlich treffen alle diese Gründe zu.

Für primitive Gesellschaften, die von Ackerbau und Viehzucht lebten, standen Systeme von Natur aus fest und ihre Eigenschaften wurden als gegeben und jenseits von Einsicht und Kontrolle akzeptiert. Die Menschen versuchten ganz einfach den natürlichen Systemen ihrer Umgebung und den Familien- und Stammessystemen zu entsprechen, die eher allmählich entstanden sind und sich nicht planmäßig entwickelt haben. Und so glichen sich die Menschen den Systemen an, ohne sich dem Zwang auszusetzen, sie verstehen zu müssen. Zwar mussten sich die Menschen vielfach so verändern, dass sie zu den jeweiligen Gegebenheiten passten und ohne größere Schwierigkeiten mit ihnen leben konnten. Aber das Gefühl von den Systemen in ihrer Umgebung, dem Klima, dem Wetter, der Jagd, dem Ackerbau, Bedrohungen durch Umweltkatastrophen, Hungersnöten oder Feindseligkeiten beherrscht zu werden, hatten die Menschen damals nicht. Das Bewusstsein für Systeme existierte nicht.

Im Mittelalter war die Lebenserwartung der Menschen im Vergleich zu heute begrenzt. Sie lag zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahren. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war hoch. Die Bevölkerung wurde häufig von verheerenden Naturkatastrophen und Epidemien heimgesucht. Die meisten Menschen entfernten sich nicht mehr als fünfzehn Kilometer von ihrem Geburtsort. Es herrschte kaum persönliche Freiheit. Armut und Entbehrung waren weit verbreitet. Deshalb wurde das Bewusstsein der Menschen von Spiritualität und dem Leben nach dem Tod und nicht vom Inhalt und den Zusammenhängen des täglichen Daseins getragen.

Das änderte sich in der Renaissance, der europäischen Kulturepoche des 15. und 16. Jahrhunderts. Sie war wie ein Erwachen. Die Menschen begannen die Welt, in der sie lebten, wahrzunehmen und sich für sie zu interessieren. Sie wurden wissbegierig und nachfragend. Sie wollten nicht nur andere Zivilisationen kennen lernen, sondern interessierten sich auch für die Lebensverhältnisse der Menschen in früheren Zeitaltern. Die Neugierde entwickelte sich zu einer mächtigen Antriebskraft. Sie bewirkte die Wiederbelebung von Lehren, Lernen und Forschen. Erfindungen und Entdeckungen waren die Folge. Die Wissbegierde führte zu experimentellen Methoden. Sie erweckte das Bestreben, die Welt unbehindert durch die Fesseln vermeintlicher Autoritäten wahrzunehmen.

Die Menschen begannen die Objekte, die sie nicht verstanden, auseinander zu nehmen, um zu begreifen, wie sie funktionieren. Sobald sie durchschauten, welche Aufgaben die Einzelteile erfüllten, versuchten sie Schlüsse auf die Wirkungsweise des Ganzen herzuleiten. Dieser dreistufige Prozess, nämlich

Objekte in Einzelteile zu zerlegen,

die Eigenschaften und das Verhalten der Einzelteile isoliert zu erkennen und

das Verständnis der Funktionsweise der Einzelteile in das Verständnis des ganzen Objektes zu integrieren

wurde die grundlegende Untersuchungsmethode, die von der Renaissance initiiert wurde. Diesen Prozess nennen wir Analyse. Kein Wunder, dass für uns heute Analyse und Nachforschung gleichbedeutend sind. In unserem Sprachgebrauch wurden die „Analyse des Problems“ und die „Lösung eines Problems“ sinnverwandt.

Das änderte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es entwickelte sich die industrielle Revolution. Der Mensch als Arbeitskraft wurde von Maschinen ersetzt. Es entstanden Industriegesellschaften. Mit ihnen begannen Systeme unser tägliches Leben zu dominieren. Sie wurden uns bewusst, weil wir ihnen überall begegnen und wir nicht außerhalb der Systeme leben, sondern vielfach mitten drin.

So begegnen uns Systeme in Wirtschaftskreisläufen, wir treffen sie im Marktgeschehen, in veränderlichen Zinsniveaus, schwankenden Beschäftigungssituationen und bei Firmengründungen an. Systeme beobachten wir im Bildungswesen, im technischen Fortschritt, in der Infrastruktur des Kommunikations- und Verkehrswesens, im Gesundheitswesen und in der Globalisierung. Systeme begegnen uns auch in Aufständen gegen Regierungen und Streiks zur Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen sowie in vielen anderen Erscheinungsformen in unserem sozialen Umfeld. Diese Systeme in Politik und Wirtschaft wurden unerwartet so komplex und ihr Verhalten so verwirrend, dass es schien, als könnten sie mit keiner allgemeinen Theorie erklärt werden. Die vergebliche Suche nach einer durchdachten, wohl geordneten Struktur, einem Bauplan, nach Ursache- und Wirkungsbeziehungen und nach einer Theorie, die das Systemverhalten erklärt, führte zu der Ansicht, dass soziale Systeme zufällig entstehen und verstandesmäßig nur unzureichend zugänglich sind.

Aber im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde es nach und nach offenkundig, dass die Schwierigkeit, Systeme zu verstehen nicht so sehr im Fehlen gesicherter und allgemein gültiger Erklärungsmöglichkeiten zu suchen ist. Vielmehr verursachte es vor allem Kopfzerbrechen, allgemein gültige Grundsätze zu erkennen und zu beschreiben, mit deren Hilfe Erfolg oder Versagen von sozialen Systemen, in denen wir uns bewegen, erklärt werden können. Das Interesse begann sich somit auf die Lösung von Problemen zu richten und auf unerwünschtes Systemverhalten zu konzentrieren.

Industriegesellschaften sind wissbegierig. Unentwegt suchen sie nach neuen Erkenntnissen. Wirtschaftswissenschaftler haben eine Vielzahl grundlegender Beziehungen in unserem Wirtschaftssystem erkannt. Psychologen haben die wechselseitigen Verknüpfungen in sozialen Systemen dargestellt. Chemiker, Physiker, Biologen und Ärzte erforschten die Natur. Die Politikwissenschaften untersuchten Regierungssysteme und internationale Beziehungen. Jedoch waren alle diese Untersuchungen nur beschreibend und qualitativ. Eine bloße Beschreibung und Darstellung alleine reicht jedoch nicht aus, das Wesentliche von Systemen offen zu legen. So gute Dienste mathematische Methoden bei der Strukturierung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Naturwissenschaften und Technik auch leisten, versagten sie bei der Analyse charakteristischer Eigenschaften, Situationen und Konstellationen von Systemen in Familien und Unternehmen, in Politik und Wirtschaft, bei Behörden und in Institutionen. Wir wurden mit Wissensfragmenten dieser sozialen Systeme überschüttet. Aber es fehlte die Methode, dieses Wissen interdisziplinär zusammen zu fassen, zu strukturieren und in einer Art „Bauplan“ darzustellen.

Unerlässlich sind Strukturkenntnisse, wenn es darum geht, naturwissenschaftliche Beobachtungen schlüssig zu einander in Beziehung bringen und auszuwerten. Ohne integrierende Struktur bleiben Informationen nur eine Ansammlung von vielen verschiedenen ungeordneten Sachverhalten. Forschungsergebnisse bleiben nur eine Sammlung von Beobachtungen und Verfahren. Vereinzelt erleben wir widersprüchliche Erkenntnisse, wenn es nicht gelingt, die Beobachtungen zu strukturieren und eine Struktur in dem betreffenden System zu erkennen. Ohne Strukturkenntnisse, die Beobachtungen und Sachverhalte zueinander in Beziehung bringen, ist es schwer, aus Einsichten zu lernen oder Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft zu ziehen.

In Strukturkenntnissen steckt Wissen. Die Gesetze der Physik, Chemie und Biologie öffnen den Blick für Strukturen mit deren Hilfe die unzähligen Beobachtungen erklärt werden können. Diese Strukturen sind die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und die Grundlage des technischen Fortschritts.

Ein Beispiel aus der Chemie soll diesen Sachverhalt verständlich machen. Die Gesamtzahl der zurzeit bekannten organischen Verbindungen liegt schätzungsweise knapp über acht Millionen. Diese Zahl ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass über 90 Prozent aller organischen Verbindungen nur aus Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff- und Sauerstoffatomen bestehen. Je mehr Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Sauerstoffatome aber Moleküle haben, desto unterschiedlicher sind ihre Strukturen bei gleicher Summenformel.

Die Summenformel einer Verbindung gibt die Art und Zahl der Atome einer Substanz an. Aceton ist ein Molekül mit der Summenformel C3H6O, das aus drei Kohlenstoff- und sechs Wasserstoffatomen sowie einem Sauerstoffatom besteht. Da aber auch Propionaldehyd dieselbe Summenformel aufweist, wird zu der Unterscheidung der beiden Verbindungen eine Strukturformel verwendet, die die räumliche Anordnung der Atome darstellt. Erst die Strukturformel und nicht die Summenformel gibt Aufschluss über das chemische Verhalten der beiden Moleküle, in diesem Falle des Acetons und des Propionaldehyds. Und nur die Strukturformel erlaubt es über das Reaktionsvermögen einer Verbindung zweifelsfrei zu diskutieren. Abbildung 2-1 macht deutlich, wie sehr sich zum Beispiel Aceton vom Propionaldehyd, zwei chemische Verbindungen mit gleicher Summenformel, strukturell unterscheidet. Diese strukturellen Unterschiede erklären auch die experimentell feststellbaren Unterschiede ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften.

Abbildung 2-1: Einer Summenformel können mehrere Strukturformeln zugeordnet werden. Die Struktur bestimmt das Reaktionsvermögen der Substanz.

Die Naturwissenschaften versuchen, die Vorgänge in der Natur zu erfassen, zu beschreiben, zu ordnen und letztlich zu verstehen. Von „Verständnis” kann gesprochen werden, wenn es gelingt, eine Vielzahl von Erscheinungsformen mit einer vergleichsweise einfachen Theorie zu erfassen. Eine Theorie ist ein Konzept zur Beschreibung von Strukturen, eine umfassende Zusammenstellung von Informationen und Begründungszusammenhängen. Im Laufe der letzten 200 Jahre wurden Theorien –man kann sie auch als Verallgemeinerungen oder als vereinfachtes Bild eines Ausschnittes der Realität ansehen- entwickelt, die jeweils auf mechanische, optische und elektrische Systeme angewandt werden konnten. Mit Hilfe dieser Theorien konnte das Verhalten von Systemen in Naturwissenschaft und Technik erklärt werden.

Solche Systeme sind jedoch weitaus einfacher aufgebaut und leichter darzustellen als die, denen man in sozialen Systemen, in Familien, in Unternehmen, in Wirtschaft und Politik, begegnet. Und so wundert es nicht, dass Betriebs- und Volkswirtschaftslehre lange Zeit lediglich als beschreibende Wissenschaften ohne vereinheitlichende Struktur charakterisiert wurden. Die Anforderungen an Politik und Wirtschaft änderten sich im beginnenden Informationszeitalter aber derart, dass die traditionellen Konzepte, zum Beispiel des Rechnungswesens und der Investitionsplanung nicht mehr ausreichen. Auch sind die meisten ökonomischen Kennziffern rückwärtsgerichtet. Die Steuerung eines Unternehmens und im Besonderen einer Volkswirtschaft erfordert aber auch zukunftsorientierte Indikatoren und Konzepte zur Überprüfung und Simulation von Entscheidungsregeln.

Es fehlte an Analyse- und Planungsinstrumenten für verlässliche und nachhaltige Entscheidungen. Deshalb wurde lange Zeit nach Prinzipien gesucht, die das dynamische und systemische Verhalten der vielfältigen Erscheinungsformen im Familien- und Freundeskreis, im öffentlichen Leben und in Unternehmen erklären. Gefragt sind Konzepte, die das Handeln ordnen und mit deren Hilfe die unterschiedlichen Prozesse zum Beispiel in Psychologie, Betriebs- und Volkswirtschaft sichtbar gemacht, zusammengefasst und vereinheitlicht werden können. Dies gelang erst seit den 1960er Jahren mit Prinzipien, die zeigten, wie das dynamische und systemische Verhalten der Strukturen in Politik und Wirtschaft analysiert, bewertet und nachhaltig verändert werden kann (Forrester, 1961; Goodman, 1989; Sterman, 2000).

Das Konzept rückgekoppelter Systeme, das sich zur Beschreibung naturwissenschaftlicher und technischer Systeme bewährt hat, stellte sich dabei auch als die lang gesuchte Grundlage zur Strukturierung von Beobachtungen in sozioökonomischen Systemen heraus. Rückkopplungen sind das Wesentliche aller Systeme –no feedback, no system! Rückkopplung oder Feedback bedeutet, dass eine Auswirkung auf eine Ursache reagiert. Ursache und Wirkung sind miteinander verknüpft.

Die folgenden Prozesse sind Beispiele für Rückkopplungen:

Wenn wir eine heiße Herdplatte berühren, schmerzt es. Wir ziehen, die Hand zurück und unterbrechen dadurch die Rückkopplung.

Je mehr Atomwaffen die NATO während des Kalten Krieges stationierte, desto mehr Atomwaffen produzierte die Sowjetunion mit der Folge, dass die NATO ihrerseits ihren Bestand an Atomwaffen erhöhte.

Wenn ein Unternehmen die Preise seiner Produkte senkt, um Marktanteile zu gewinnen, reagiert der Wettbewerb mit der gleichen Maßnahme und beschleunigt dadurch eine Abwärtsspirale der Preise.

Je attraktiver eine Stadt ist, desto größer ist die Zuwanderung aus benachbarten Gegenden mit der Folge steigender Immobilienpreise, überbelegter Schulen und überfüllter Straßen. Das geht so lange gut, bis andere Städte wieder anziehender werden.

Je stärker ein seinen Markt beherrschendes Unternehmen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Regierung als Wettbewerbshüterin eingreift, um die Macht der den Markt beherrschenden Firma zu begrenzen.

Je höher die Preise von Gebrauchsgütern sind, desto geringer ist die Nachfrage. Dies führt zu überhöhten Lagerbeständen und hat Preissenkungen zu Folge, um die Lagerbestände abzubauen.

Anhand allgemeiner Grundsätze, die den Aufbau von Systemen beschreiben, wurde es möglich, die oft verwirrenden und widersprüchlichen Beobachtungen in familiären, betriebswirtschaftlichen und politischen Systemen zu strukturieren und einem Ordnungsprinzip zu unterwerfen. Sobald eine Struktur und die für ihr Verhalten maßgeblichen Regeln erfasst worden sind, wird es möglich, sich in sozioökonomischen Systemen mit Widersprüchen auseinanderzusetzen, Unklarheiten aufzuklären und Streitfragen zu lösen.

Die Kenntnis der Strukturen und ihres Verhaltens sowie der Gesetze, die in Systemen herrschen, sind somit der entscheidende Ansatz für erfolgreiche Problemlösungen. Dabei liegt der Schwerpunkt dieses Buches auf sozialen Systemen, die Volkswirtschaften und industrielle Organisationen betreffen und auf Systemen, die Menschen und Technologien miteinander verbinden. Soziale Systeme sind Systeme, die sich auf menschliche Gemeinschaften beziehen. Sie verkörpern die Wechselwirkungen zwischen Menschen und umfassen Familien, kleinere Gruppen, Unternehmen, Länder, Volkswirtschaften, internationale Beziehungen, Nichtregierungsorganisationen oder die Globalisierung und vieles mehr.

Physikalische Systeme umgeben uns in Form von Technologien. Soziale und physikalische Systeme aber dürfen nicht voneinander isoliert betrachtet werden, denn viele Systeme in unseren Lebensbereichen betreffen die Wechselwirkung zwischen sozialen und physikalischtechnischen Elementen. Denn der Mensch spielt in der Technik noch immer die entscheidende Rolle.

Dafür gibt es unzählige Beispiele wie Menschen und Maschinen in einem System zusammenarbeiten. So ist ein Forschungslaboratorium ein System von Menschen, die neue Produkte entwickeln. Menschen arbeiten an Bildschirmen, um Prozesse zu steuern. Der Baggerführer hebt Gräben aus. Ein Pilot bedient im Cockpit Instrumente, um Flugzeug und Passagiere sicher und pünktlich ans Ziel zu bringen. Im Operationssaal führen Mediziner mit Hilfe von Geräten chirurgische Eingriffe an Menschen durch.

Es ist kein Geheimnis, dass die Welt in der wir leben, sehr komplex geworden ist und zunehmend komplexer wird. Probleme wie Umweltverschmutzung, Klimawandel, Energieengpässe, Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption, Planwirtschaft, demographischer Wandel, Migration aus Krisen- und Kriegsgebieten, Kriminalität, Terrorismus und Verwahrlosung von Städten betreffen uns alle. Aber es wird immer schwieriger, diese Probleme zu lösen. Wenden wir uns jedoch an Fachleute, erleben wir sie nicht selten hilflos und von den Teilen eines Problems festgehalten, die in ihr spezielles Arbeitsgebiet und in ihre Erfahrungen passen. Tatsächlich scheint es, dass je mehr Menschen sich mit den Problemen dieser Welt befassen, desto schwieriger wird es, eine Erklärung dafür zu bekommen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Probleme entstehen und wie sie zu beheben wären.

Aber wie kommen wir weiter? Sollen wir uns nur mit unseren eigenen Angelegenheiten befassen und alles andere links liegen lassen? Aber das „alles andere“ hat die Gewohnheit, in unserer Leben auf eine meist unangenehme Art einzudringen, wenn wir es nicht beachten. Bei klugen Entscheidungen wird daher das nähere und weitere Umfeld berücksichtigt. Folglich müssen wir beides verstehen, um richtig zu entscheiden und zu überleben. Wie ist das möglich, können wir doch nicht Experten auf allen Gebieten werden? Gibt es einen Ausweg? Ja, den gibt es. Die Antwort lautet: Systemdenken. Was heißt das?

Systemdenker arbeiten mit einer zentralen Vorbedingung: Wenn man nicht weiß, wie bestimmte Ergebnisse erzielt werden oder eine bestimmte Situation entsteht, bereitet es große Schwierigkeiten, Verbesserungen zu erreichen. Eine zeichnerische Darstellung von Verstärkungs- und Ausgleichsprozessen, sogenannte Feedbackdiagramme, ist dabei ein erprobter Ausgangspunkt für die Darstellung von Rückkoppelungen, die das Systemverhalten verursachen, das man korrigieren will. Darüber hinaus helfen Feedbackdiagramme, Probleme zu orten, bevor es tatsächlich zu einem Zusammenbruch kommt. Besonders wirkungsvoll sind Feedbackdiagramme, wenn sie in einer Arbeitsgruppe erstellt werden. Das gemeinsame Verständnis, wie ein System wirken könnte, vermittelt ein umfassenderes Bild der Wirklichkeit und führt deshalb zum Teamlernen und angemessenen und nachhaltigen Aktionsplänen.

Wissenschaftler erkannten, dass Probleme nicht in einzelne Problembereiche zerlegt, einzeln betrachtet und dann mit Hilfe nur einer Disziplin gelöst werden konnten sondern nur durch verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit. Sie deckten generelle Ähnlichkeiten, Überschneidungen und Übereinstimmungen in den unterschiedlichen Lösungsansätzen auf. Dies führte zur Suche nach einem gemeinsamen methodischen Ansatz. In der Folge wurde erkannt, dass im Verständnis des Verhaltens von Systemen der Schlüssel für die Lösung komplexer Problemstellungen liegt. Dieser Gedanke, der als Systemdenken bezeichnet wird, führte allmählich zu der Auffassung, dass es die Untersuchung des jeweiligen Systemverhaltens zulässt, die vielfältigen Herausforderungen bei der Lösung der anstehenden Probleme zu organisieren und zu meistern. So wird es möglich, unerwünschtes, schädliches und nachteiliges Verhalten von Systemen zu erkennen und im gewünschten Sinne zu verändern.

Zu den Erfahrungen in Politik und Wirtschaft, aber auch im persönlichen Bereich gehört, dass sich die Umwelt fortgesetzt verändert und die Geschwindigkeit, mit der dies erfolgt, in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist. Dies ist mittlerweile schlichtweg selbstverständlich geworden. Die äußeren Umstände, in denen ein Unternehmen wirtschaftet, verändern sich ohne seine Mitwirkung ständig. Wenn Kunden, Lieferanten oder Wettbewerber ihre Verhaltungsweise ändern, der Staat neue Gesetze erlässt, die vielfach ohne volkswirtschaftlichen Nutzen sind und oft nur die Leistungsfähigkeit von Unternehmen beeinträchtigen und Ressourcen verknappen, dann entsteht Handlungsdruck in der gegenwärtigen Situation. Zwar werden manchmal Abweichungen des gegenwärtigen Zustandes vom anvisierten Ziel verzögert wahrgenommen und die Dringlichkeit für Veränderungen wird nicht immer sofort erkannt oder zunächst auch verdrängt; aber das funktioniert nie über einen längeren Zeitraum. Denn erfolgreiche Unternehmen wissen, dass es unerlässlich ist, sich kontinuierlich an veränderte Situationen anzupassen.

Nicht nur das unternehmerische Umfeld verändert sich fortwährend, auch im privaten Bereich finden laufend Wechsel und Umgestaltungen statt, die Probleme erzeugen. Deshalb ist auch hier die Wahrnehmung für notwendige Wechsel unerlässlich, um Familien- und Beziehungssysteme funktionstüchtig zu halten. Man denke doch nur daran was sich alles in einer Familie ändert, wenn die Kinder den Windeln entwachsen sind, den Kindergarten besuchen, in die Grundschule und anschließend aufs Gymnasium gehen. Das Leben hat dadurch für die Eltern immer neue Herausforderungen parat. Sie müssen sich stets auf die veränderten, neuen Umstände einstellen: die Zielvorgaben verändern sich stetig, wenn gleich alles etwas langsamer abläuft als in der rauen Geschäftswelt. Aber auch die Berufswelt der Eltern wirkt auf das Familiensystem.

Wir werden laufend in verschiedenen Lebensbereichen mit unterschiedlichen Entscheidungssituationen, auf die wir reagieren müssen, konfrontiert. Dadurch werden unsere Managementfähigkeiten gefordert und wir werden Teil eines Prozesses in dem Informationen in Aktionen, Maßnahmen oder Handlungen umgesetzt werden. Daraus wird offenkundig, dass der Erfolg der Entscheidungen in erster Linie davon abhängt, welche Informationen ausgewählt werden und wie die Umsetzung ausgeführt wird. Systemisches Denken hilft uns dabei, weil

die Komplexität in unserem Leben zunimmt,

die gegenseitigen Abhängigkeiten größer werden,

die Managementpraxis sich grundlegend ändert,

globales Denken an Bedeutung gewinnt und

die Lernfähigkeit als Wettbewerbsvorteil entscheidender wird.

Man ist schneller weg vom Fenster als man denkt.

Falsche Konzepte, fehlende Weitsicht

und ängstliche Entscheidungen

sind meist die Ursachen!

3. Was ist ein System?

Zuerst müssen wir die Konzeption des Systemgedankens verstehen, bevor wir uns auf den Weg machen, die Veränderungen in unseren Sichten zu begreifen, die auftreten, wenn wir Systeme in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen und Entscheidungen stellen.

Ein System ist eine Anordnung von Komponenten, die voneinander abhängig sind und zusammenarbeiten, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen oder ein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Die Einzelteile kommunizieren miteinander und sind untereinander rückgekoppelt. Das bedeutet, dass jede Veränderung an einer Stelle im System zwangsläufig das ganze System verändert und somit auch Auswirkungen auf alle anderen Faktoren und Beteiligten im System hat. Das Wetter, Ökosysteme, Immunsysteme, neurale Netzwerke, lebende Zellen, der Blutkreislauf, Augen, Volkswirtschaften, Ministerialbürokratie, Wertschöpfungsketten, Produktionsbetriebe, Kraftwerke, Wettbewerb, Landesverteidigung, Banken, Versicherungen, Familien, Universitäten, Verkehrssysteme, Kommunikationssysteme, Haushaltsgeräte oder Uhren sind einige Beispiele für Systeme.

Jedes System kann eine Vielzahl charakteristischer Merkmale besitzen. Auch gehen die unterschiedlichen Eigenschaften ineinander über und lassen sich nicht immer voneinander trennen. So sind zum Beispiel anpassungsfähige (adaptive) Systeme zumeist auch fehlertolerant und selbstorganisierend. Auch können Systeme dynamisch sein und trotzdem ein verzögertes Verhalten aufweisen. Fast immer verhalten sich ihre Variablen im Zeitverlauf nicht linear. Diese Vielzahl verschiedener Eigenschaften macht es schwer, die Systemstruktur zu erkennen und ihr Verhalten daraus abzuleiten.

Entscheidungen in dynamischen, komplexen Systemen, deren Struktur man nicht kennt oder nicht berücksichtigt, führen häufig zu Fehlschlägen oder Enttäuschungen, wenn man versucht ihr Verhalten zum Besseren zu verändern. Wer das Problem nicht versteht, wird schwerlich Lösungen finden. Und wer das System zu wenig versteht, um ein einfaches Problem von einem komplexen zu unterscheiden, kommt kaum zu geeigneten Lösungen. Jedenfalls heißt Management, danach Ausschau zu halten, welches Problem gerade unter den Nägeln brennt und mit welchen Problemen in Zukunft zu rechnen ist. Und dann dafür zu sorgen, dass nicht alle möglichen, sondern nur erwünschte Zustände eintreten.

Als komplexe Systeme werden nichtlineare, stark vernetzte Strukturen bezeichnet. Alle Systeme, in denen Menschen wirken, fallen unter diesen Begriff. So weist die Managementstruktur eines Unternehmens alle Eigenschaften eines komplexen Systems auf. Ebenso sind Städte, Regierungen, Wirtschaftsprozesse und der internationale Handel komplexe Systeme. Sie alle haben viele unerwartete und wenig verstandene Eigentümlichkeiten. Nur wenn es gelingt, das Verhalten eines Systems, das durch diese Eigentümlichkeiten bestimmt wird, zu verstehen, kann man die Systemstruktur so verändern, dass sie die erwarteten Ergebnisse erzeugt. Denn die Struktur bestimmt das Verhalten des Systems.

Systeme bilden ein vielschichtiges und einheitliches Ganzes. Ihre Einzelteile stehen in genau definierten Beziehungen zueinander und sind miteinander vernetzt. Jedes Einzelteil hat eine für sich gesondert zu betrachtende Eigenschaft. Diese kann materiell wie in technischen Systemen oder in Wertschöpfungsketten aber auch immateriell wie in Rechtssystemen, Familien, Unternehmen oder Volkswirtschaften sein. Die Art, wie die Teile eines Systems zu einander in Beziehung stehen, bestimmt ihre Einflussmöglichkeiten auf das ganze System. Die Elemente, deren Einfluss auf das Systemverhalten entscheidend ist, nennt man Schlüsselvariable.

Die Einzelteile des Systems bilden seine Struktur. Das Systemverhalten wird durch die Wechselwirkungen seiner Einzelteile bestimmt. Ein System verändert sich oder es bricht zusammen, wenn einzelne Systemkomponenten verändert werden oder die ihnen zugewiesene Aufgabe nicht mehr erfüllen.

Jedes System, als Ganzes beobachtet, besitzt eine augenfällige Eigenschaft, die keines seiner Teile, gesondert betrachtet, aufweist. Seine konkreten Eigenschaften verliert ein System, wenn man es zerlegt. Jedes System hat eine Bestimmung- auch wenn diese nur darin besteht sich am Leben und stabil zu halten. Jedes System hat eine untrügliche Grenze nach außen und weist ein zeitliches Entwicklungsverhalten auf, es verändert sich über die Zeitachse. Die Veränderung einzelner Komponenten eines Systems im Laufe der Zeit, das Systemverhalten, ist ein inhärentes Merkmal eines Systems. Kenntnisse des Systemverhaltens führen zu verantwortungsbewussten nachhaltigen Entscheidungen.

Es werden zwei Typen von Systemen unterschieden: offene oder geschlossene Systeme.

Offene Systeme

Bezeichnend für offene Systeme ist die fortwährende Wechselwirkung mit ihrer Umwelt. Offene Systeme haben durchlässige Grenzen. Informationen und Anreize kommen aus der Umgebung in das System. Sie werden im System verarbeitet. Ebenso fließen Informationen und Anreize aus dem betreffenden System in andere Systeme. Es findet ein kontinuierlicher Austausch statt. Offene Systeme leben von den Wechselwirkungen zwischen ihren Komponenten und ihrer Umgebung.

Das heißt, ein offenes System wird von seiner Umgebung beeinflusst. So reagieren z. B. Finanzmärkte auf die Gewinnprognosen von Unternehmen, Verkehrsströme werden beeinträchtigt, wenn bestimmte Straßen wegen Bauarbeiten geschlossen werden.

Ein offenes System müssen wir sowohl nach innen als auch nach außen betrachten. Wir müssen unser Interesse auf die Beziehungen und Muster der Wechselwirkungen zwischen dem System und seiner Umgebung innerhalb seiner Grenzen richten. Aber ebenso müssen wir unser Augenmerk auf die Wechselwirkungen und gegenseitigen Einflüsse zwischen dem System und der Umgebung außerhalb seiner Grenzen richten. Hierzu einige Beispiele:

Ein See ist ein offenes System. Ein Fluss speist den See und Regen verändert den Wasserpegel. Fische schwimmen in den See und wieder heraus. Solchermaßen erhält der See Reize und Bewegungen von außen. Und überdies fließt Wasser aus dem See oder verdampft. Fische, die im See auf die Welt gekommen sind, schwimmen flussabwärts. Auf diese Weise erzeugt der See Reize und Anstöße in benachbarten Systemen. Trotzdem bleibt der See immer ein See. Seine Grenzen sind bekannt. Aber die Grenzen halten keine Anreize und keine Eingriffe in benachbarte Systeme zurück. Es existiert ein freier Austausch.

Auch unser Körper ist ein offenes System. Wir nehmen Nahrung, Luft und Wasser aus der Umgebung auf –wir essen, atmen und trinken. Wir werden beeinflusst von unseren Erfahrungen, unseren Beziehungen und unserer Umgebung. Und wir beeinflussen durch unser Verhalten andere Systeme.

Auch eine Familie kann man als offenes System bezeichnen. Ihre Mitglieder stehen in einem Wechselverhältnis zueinander. Jedes Element (Vater, Mutter, Kinder) hat eine Beziehung zueinander und gleichzeitig zur Gesamtheit der Mitglieder der Familie. Außerdem hat jeder Angehörige der Familie noch Beziehungen zur Umgebung, zum Beispiel zur Nachbarschaft, Verwandtschaft, Schule oder Beruf

Unternehmen sind offene Systeme, denn sie agieren nicht autonom. Sie sind in vielfältiger Weise in die Systemumwelt eingebunden. Dadurch werden sie Zwängen und Bedingungen ausgesetzt, die im Regelfall durch das Unternehmen selbst als nicht immer veränderbar anzusehen sind. Sie haben verschiedene Organisationseinheiten, wie Einkauf, Forschung und Entwicklung, Marketing, Produktion, Controlling und Vertrieb, die sich bei ihrer Zusammenarbeit gegenseitig beeinflussen. Nicht zuletzt sind sie auch Beziehungssysteme, in denen die Zusammenarbeit der Belegschaft geregelt ist. Die Grenzen nach außen sind offen –zu Kunden, Lieferanten, Wettbewerbern, Behörden oder Anteilseignern. Unternehmen erhalten Anstöße von außen zum Beispiel durch Kundenwünsche, gesetzliche Vorschriften, Verhalten von Wettbewerbern oder den Einfluss von Wetterbedingungen auf den Vertrieb von Waren oder Dienstleistungen.

Bewegung und Veränderung sind für ein Unternehmen normal. Die gut funktionierende Wechselwirkung eines Unternehmens mit seiner Umgebung ist die Voraussetzung dafür, dass es sich bestmöglich an die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen anpassen kann. Wenn Unternehmen nicht im Austausch mit ihrem Umfeld stehen, dann erhalten sie nicht die richtigen Informationen über die Zustände in ihrem Umfeld. Wenn sie nicht neue Signale, Geld oder neue Mitarbeiter von außen bekommen, dann fehlt ihnen die Möglichkeit notwendige Veränderungen zu vollziehen. Erst dann wissen sie warum, wie und wohin sie sich verändern müssen, weil sie dann erst die richtigen Fragen stellen können.

Unternehmen sind offene Systeme, welche grundsätzlich lebensfähig sind, sofern seine Elemente in einem ständigen Prozess gefördert werden und es die Fähigkeit besitzt, eigenständig und von anderen zu lernen. Lebensfähige Unternehmen zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:

Sie haben viele Teilelemente, die in einer engen Wechselwirkung zueinander stehen. Deshalb ist die Vielfalt zu fördern.

Sie besitzen eine flexible Organisationsstruktur, die sich an der Effektivität und nicht an Machtstrukturen ausrichtet. Eindeutige Weisungssysteme werden zugunsten von Matrix- oder Projektstrukturen aufgegeben.

Sie sind dynamisch, so dass sie auf veränderte Bedingungen flexibel reagieren können. Dies setzt voraus, dass möglichst alle Mitarbeiter solche Veränderungen registrieren und umgehend in ihrem eigenen Handeln berücksichtigen und umsetzen können.

Sie sind offen im Umgang mit Kunden, Partnern, Konkurrenten und der Gesellschaft.

Sie arbeiten mit einem leistungsfähigen Controllingsystem, das möglichst vielfältige Information erfasst, analysiert und zielgerecht aufbereitet.

Sie haben Mitarbeiter und Teams, die sich im Rahmen der Unternehmensstrategie selbst organisieren können.

Geschlossene Systeme

Hingegen hat ein geschlossenes System keinen Bezug zu seiner Umwelt. Es hat keinen Stoff-, Energie- oder Informationsaustausch mit der Umwelt. Es ist unabhängig von außerhalb des betreffenden Systems liegenden Einflüssen. Die Grenzen eines geschlossenen Systems sind äußerst starr –es gibt keine Einflüsse von außen und es beeinflusst auch nicht seine Umgebung. In der Regel überleben sie nicht auf unbestimmte Zeit. Ihre Betriebsmittel erschöpfen sich allmählich.

Ein klassisches Beispiel für ein geschlossenes System ist eine Armbanduhr. Als Gerät zur Messung oder Anzeige der Zeit, beobachtet sie sich nicht selbst, ob sie genau geht und korrigiert sich eventuell auch nicht eigenständig. Die Uhr teilt nichts mit ihrer Umgebung und wird auch von ihr nicht beeinflusst. Aber sobald ihre Batterie erschöpft ist oder ihre Feder keine Spannkraft mehr hat, bleibt sie stehen.

Ein Spaceshuttle im Weltall ist ebenfalls ein gutes Beispiel für ein abgeschlossenes System: Es werden normalerweise keine Umwelteinflüsse durchgelassen. Druck, Luftzusammensetzung und Temperatur bleiben im Spaceshuttle immer gleich Ein weiteres Beispiel für ein isoliertes System ist das gesamte Universum, da aus ihm auch nichts entweichen kann, bzw. etwas außerhalb davon eindringen kann.

Bildlich gesehen war die DDR auch ein geschlossenes System. Einflüsse von außen wurden abgewehrt. Störsender verhinderten das Eindringen von Nachrichten von draußen. Die Grenzen wurden durch Mauern und Sperrzäune undurchlässig. Niemand konnte unkontrolliert die DDR verlassen oder betreten. Es gab keinen freien Austausch von Informationen und Waren mit Ländern anderer Politik-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen. Die DDR verkam ohne äußeren Wettbewerb – wirtschaftlich, sozial und emotional. In der Folge löschte sie sich selbst aus und hörte auf zu existieren. Ohne belebenden Austausch auf allen Gebieten der Wirtschaft-, Finanz-, Sozial- und Bildungspolitik mit seinen westlichen Nachbarn konnte die DDR, genauso wie die übrigen Länder des Ostblocks, nicht überleben.

Bei der Untersuchung von Systemen spielen Rückkopplungen eine wichtige Rolle (Abbildung 3-1). Rückkopplung heißt, ein Impuls oder Anreiz zeigt direkt oder in modifizierter Form im System eine Wirkung. Mit anderen Worten: Systeme scheinen „lebendig“ zu sein. Die Veränderung in einem Teil des Systems verursachte eine Veränderung in einem anderen Teil des Systems. Es entwickelt sich in einer nicht alltäglichen und oft komplizierten Weise. Es wird gesteuert von seinen Elementen, die sich gegenseitig beeinflussen und sich unter Mithilfe von Rückkopplungen anpassen.

Weitreichende und übergeordnete Ziele laufen auf rückgekoppelte Systeme und Subsysteme mit unzähligen Komponenten hinaus. Und jede Komponente für sich kann wiederum Teil eines rückgekoppelten Systems mit davon abhängiger Zielsetzung sein. Man muss dann die Hierarchie der Rückkopplungsstrukturen verstehen, in denen die übergeordnete Interessenlage den Spielraum der dazugehörenden Subsysteme regelt.

Abbildung 3-1: Rückkopplungskreislauf

Wenn das übergeordnete Ziel eine blühende Volkswirtschaft sein soll, dann müssen alle Subsysteme darauf hin ausgerichtet werden: wie die Gesetzgebung, das Steuersystem, die öffentliche Verwaltung, die Unternehmen, das Bildungswesen, die Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur, Energiepolitik, Kunst und Kultur, Familien- und Frauenpolitik, Forschungspolitik, etc.

Ein erfülltes Leben –wie auch immer dieses nur subjektiv definierbare Ziel aussehen mag- erfordert die Optimierung mehrerer Subsysteme: Gesundheit, Ausbildung, geistige und seelische Widerstandskraft, persönliche Beziehungen, Erfolg im Beruf und im Privatleben und Stressbewältigung.

Systeme organisieren und erhalten sich durch ihre Strukturen. Struktur bezeichnet das Muster der Systemelemente und ihrer Beziehungsgeflechte, durch die ein System entsteht, funktioniert und seinen Bestand sichert. Hingegen wird eine strukturlose und nicht rückgekoppelte Zusammenstellung mehrerer Elemente auch als Ansammlung, Menge, Haufen oder Aggregat bezeichnet.

Ein System besteht demzufolge aus unterschiedlichen Teilen, die auf verschiedene Art und Weise miteinander verknüpft sind und die ein bestimmtes Ziel verfolgen. Diese Vernetzung muss jedoch keineswegs sichtbar sein, sondern wird oft nur durch ihre Wirkung offenkundig. Nur wenn man erkennt, wie alle Systemkomponenten miteinander verknüpft sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen, gelingt es, Systemdenken erfolgreich anzuwenden. Diese Kenntnis ist die Voraussetzung dafür, ein System zu verstehen, es verändern und gestalten zu können. Nur wenn wir lernen, die Strukturen wahrzunehmen, in denen wir uns bewegen und die uns umgeben, erlangen wir die Fähigkeit effektiv und konstruktiv mit ihnen zu arbeiten und sie so zu verändern, dass sie sich in Zukunft nach unseren Vorstellungen verhalten. Mit den Denkmodellen der Vergangenheit aber werden immer wieder die gleichen Fehler erzeugt, ohne an Zukunftsfähigkeit zu gewinnen.

Übergeordnete, stark vernetzte Systeme entstehen, wenn mehrere voneinander getrennte Systeme miteinander in Beziehung treten. Aus mehreren Menschen entsteht eine Gemeinschaft. Aus Pflanzen und Tieren bildet sich eine selbst regulierende Einheit von Lebewesen und Umwelt - ein Ökosystem. Aus vielen Produktionsbetrieben in einer Region formiert sich ein Ballungsraum und Staaten können sich zu einem Staatenbund zusammenschließen. Auch das Internet, ein offener Verbund von Computernetzwerken, der die Computer und die darauf ablaufenden Programme in die Lage versetzt, direkt miteinander zu kommunizieren, ist ein System.

Es gibt Systeme, dessen Komponenten man anfassen kann. Sie sind materiell, wie die Triebwerke eines Flugzeuges, Kraftfahrzeugmotoren und -getriebe, Produktionsanlagen, die Heizungsanlage in einem Wohnhaus oder die Versorgung einer Stadt mit Elektrizität oder Trinkwasser. Bei jeder Art von technischen Geräten handelt es sich um ein System, denn es erfüllt die Bedingungen der Rückkopplung. Sie sind aber im Gegensatz zu biologischen und sozialen Systemen in der Regel leichter zu durchschauen und zu verstehen. Denn meistens sind Konstruktionspläne vorhanden, aus denen ersichtlich ist, wie die Systemkomponenten aufeinander wirken. Und auch wenn sie aus vielen miteinander verbundenen Teilen bestehen und unzählige Verknüpfungen aufweisen, sind sie –vielfach mit Hilfe einer Betriebsanleitung- besser zu steuern als biologische oder soziale Systeme.

Systeme können auch immateriell sein, wie verwandtschaftliche, freundschaftliche oder wirtschaftliche Beziehungen, der Informationsfluss innerhalb eines Unternehmens, die Wirtschaftspolitik eines Landes oder Kulturen. Solche sozialen Systeme sind biologischen Systemen ähnlich, die sich selbst reproduzieren und ihre innere Ordnung ohne äußere Steuerung eigenständig entwickeln und aufrechterhalten können. Sie weisen jedoch noch einige weitere kennzeichnende Merkmale auf: Sie sind unsichtbar, unterschwellig vernetzt, in hohem Maße rückgekoppelt, schwer zu durchschauen und deshalb auch schwer zu steuern und zu beeinflussen. Sie besitzen eine ausgeprägte Eigendynamik und einen starken Selbsterhaltungstrieb. Dies führt dazu, dass soziale Systeme schwer zu verändern oder gar zu beseitigen sind.

Zum Beispiel bleiben politische Parteien und Bewegungen, Wirtschafts- und Finanzsysteme oder staatliche Institutionen auch dann erhalten, wenn sie unter starken Druck stehen und unerwünschte Ergebnisse zeitigen. Staatsmonopole, verstaatliche Betriebe, politische Seilschaften zur Erhaltung von Machtstrukturen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, auf einzelne Parteien ausgerichtete Interessengruppen, Religionsgemeinschaften, Diktaturen, ineffektive und veraltete Verwaltungsstrukturen, engstirnige Bürokratien aber auch der deutsche Föderalismus, der die Entfaltung der Eigenkräfte der Bundesländer zu wenig fördert und mitunter bremst, fallen unter die oben genannte Betrachtung. Alle diese stark rückgekoppelten Strukturen beeinflussen das Befinden der Bevölkerung und den Erfolg einer Volkswirtschaft. Sie sind in ihrem Verhalten schwer zu verändern.

Warum lassen sich Veränderungen in der Politik so schwer durchsetzen? Nehmen wir an, dass eine Regierung stabil ist, alle Ministerien und Behörden erfolgreich zusammenarbeiten und das System funktioniert. Die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Dienststellen halten das System „Regierung“ stabil. Nun soll aber etwas geändert werden, um das Land leistungs- und damit wettbewerbsfähiger zu machen: die Energieversorgung, die Verkehrs- und digitale Infrastruktur, das Rentensystem, die Einwanderungspolitik, die Struktur der Streitkräfte, die Gesundheitsfürsorge, die Innovationspolitik, die Bildungspolitik, die Kulturpolitik, die Arbeitsmarktpolitik und Mindestlöhne sind nur einige Beispiele für den Veränderungsdruck unter dem die Regierung steht. Dies ist aber ohne die Beteiligung vieler Behörden, aber auch von Parteien, die die Regierung stützen, nicht machbar. Sie alle müssen an der Veränderung mitarbeiten und sind davon betroffen. Eine Veränderung wird also viele Teile des Regierungssystems oder der Bevölkerung beeinflussen. Sie werden sich möglicherweise den Veränderungen widersetzen, denn dies bedeutet, dass sie sich selbst ebenfalls ändern und Neues lernen müssten. Und Parteien müssten ihre lieb gewonnenen Ideologien in Frage stellen. Genau dies ist das Problem politischer Reformen. Denn jedes politische System ist äußerst komplex und besitzt einen systemimmanenten Widerstand gegen Veränderungen.

Auch auf Unternehmen wirken unterschiedliche Einflüsse aus der Umwelt. Das gewaltige Ausmaß an Veränderungen, Turbulenzen und Informationen setzt sie unter einen starken Veränderungsdruck. Für sie werden die Spielregeln immer härter. Deshalb müssen das Rüstzeug und die Fähigkeiten, Probleme zu lösen, effizienter und effektiver werden. Folglich besteht der einzige nachhaltige Wettbewerbsvorteil darin, schneller zu lernen als der Wettbewerb. Und Neues lernen bedeutet Veränderung.

Aber auch in Unternehmen, genauso wie in der Politik, sind Veränderungen immer schwierig. Denn sie verlangen von allen Mitarbeitern Umdenken, Anpassungen, Verhaltensänderungen, aktives Mitmachen und damit einfach mehr Entschlossenheit, als bliebe alles beim Alten. Niemand gibt gerne Gewohnheiten auf, die sich scheinbar bewährt haben. Dennoch verlangen die Umstände, dass sich ein Unternehmen wandelt. Starke Wettbewerber, veränderte Kundenwünsche oder eine Umstellung der Informations- oder Produktionstechnologie können die Gründe sein. Aber letztlich geht kein Weg an permanentem Wandel vorbei, wenn ein Unternehmen wettbewerbsfähig und somit überlebensfähig bleiben will. Das systemimmanente Beharrungsvermögen grundsätzlicher Neinsager kann am Ende oft nur durch entsprechende Dienstanweisungen oder durch Entlassungen der Bremser gebrochen werden. Hier haben erfolgreiche Unternehmen im Vergleich zur Politik günstigere Voraussetzungen für Umgestaltungen, weil sie unter einem wesentlich größeren Erfolgsdruck stehen. Sie müssen die Zukunft in die Hand nehmen und proaktiv und verantwortungsbewusst gestalten, um zu überleben.

Eine Pflanze besteht aus vielen unterschiedlichen miteinander vernetzten Teilen und ist daher ein System. Außerdem ist sie mehr als nur die Gesamtheit ihrer Teile, denn sie hat eine überragende Eigenschaft –sie lebt. Sie hat Struktur, eine Grenze nach außen und ein zeitliches Verhalten. Und es tritt eine Veränderung ein, wenn ein wesentlicher Teil der Pflanze entfernt wird.

Auch ein Mensch ist ein System. Er ist mehr als eine Anhäufung von Zellen, Knochen, Wasser und Gewebe. Innerhalb dieses Systems befördert der Blutkreislauf Sauerstoff, Nährstoffe, Hormone und Antikörper, die wiederum von anderen körpereigenen Systemen produziert werden und bringt Stoffwechselprodukte zu den Ausscheidungssystemen. Der Blutkreislauf seinerseits besteht aus Herz, Venen, Arterien und einer Fülle anderer unterstützender Elemente. Alle diese Systembestandteile beeinflussen sich gegenseitig, um ihre Wirkung innerhalb des größeren Systems, in diesem Fall unseres Körpers, zu entfalten. Das Immunsystem schützt den Körper ununterbrochen vor Krankheitserregern. In Grippezeiten hat es besonders viel zu tun. Erkältungen, Schnupfen und grippale Infekte haben in der nasskalten Jahreszeit Saison.

Abbildung 3-2: Systeme sind Knotenpunkte eines gigantischen Netzwerks.

Diese Beispiele weisen auf einen auffallenden Aspekt von Systemen hin: Wir können alle Systeme als Knotenpunkte betrachten, die in ein großes Netzwerk eingebettet sind, in dem alles miteinander vernetzt ist. Zum Beispiel ist (Abbildung 3-2) ein Unternehmen mit seinen ineinander greifenden F&E-, Produktions- und Vertriebssystem selbst ein System, das seinerseits mit noch größeren Systemen verflochten ist – mit der gesamten Industrie und seinen Absatzmärkten. Und ein Unternehmen ist wiederum mit einen noch größeren System vernetzt, der Volkswirtschaft. Je mehr wir unseren Blick in diese Richtung öffnen, desto mehr erkennen wir, dass alles –vom kleinsten subatomaren Teilchen bis zum Universummiteinander verflochten ist.

Allerdings gibt es auch für von Menschen geschaffene, künstliche Systeme eine Grenze, innerhalb der sie noch erfolgreich gemanagt werden können. Alles über einer bestimmten Größe wird schwerfällig, ist schwer zu organisieren und neigt zu Fehlschlägen und Zusammenbruch. Deshalb ist es zweckmäßig ein zu großes System zur Bewältigung seiner Komplexität in neue kleinere funktionsfähigere Systeme umzustrukturieren und verschiedene, neue Kontrollebenen einzurichten. In einem Unternehmen kann eine Gruppe von wenigen Mitarbeitern als Team erfolgreich zusammenarbeite; aber ein Team von 100 Mitarbeitern ist schwerer zusteuern. Es muss daher in kleinere Einheiten aufgeteilt werden, um erfolgreich kommunizieren und kooperieren zu können. Denn in der Welt der Systeme bedeutet größer nicht immer besser oder erfolgreicher, sondern meistens schlechter. Jedes System hat demnach eine optimale Größe, in der es bestmöglich funktioniert. Und wenn es diese ohne weitere Anpassung über- oder unterschreitet, dann funktioniert es nicht mehr zufriedenstellend.

Auch Unternehmen werden, damit sie erfolgreich bleiben, während eines Wachstumsprozesses mehrfach in Subsysteme geringerer Komplexität zerteilt. Innerhalb dieser Subsysteme steigt die Vielschichtigkeit anschließend wieder durch eine erhöhte Kommunikationsdichte und der Teilungsprozess muss wiederholt werden. Denn in kleineren Einheiten kann die Komplexität besser beherrscht werden, weil hier der persönliche Kontakt leichter zustande kommt.

Auch technische Systeme erreichen ihre optimale Größe. Mit den Dimensionen des Airbus A380 ist die Größe von Flugzeugen ausgereizt. Bei einer weiteren Vergrößerung würden viele Bauteile so schwer, dass das Flugzeug unwirtschaftlich wird. Zudem könnte kaum ein Flughafen einem solchen Riesenflieger Platz bieten. Flugzeuge mit noch größerer Personenkapazität müssen daher ganz anders konstruiert werden. Die Megajets der Zukunft sind Nurflügler, die einen Paradigmenwechsel im Flugzeugbau darstellen. Sie haben weder Rumpf noch Fenster und bieten Platz für bis zu 1.000 Passagiere, die sich auf ein völlig neues Fluggefühl einstellen müssen: sehr viele Sitze in einer Reihe, starke Turbulenzen.

Nicht nur in sozioökonomischen und technischen Systemen sondern auch in der Natur gibt es Beispiele dafür, dass ein System über eine bestimmte Größe hinaus nicht mehr funktioniert. So können Bäume über eine bestimmte artspezifische Größe hinaus nicht mehr wachsen, weil ihr innerer osmotischer Druck nicht mehr in der Lage ist, die obersten Pflanzenteile mit Nährstoffen zu versorgen.

In Systemen zu denken ist deshalb so entscheidend für unser Verständnis der Wirklichkeit, weil wir in unserer Welt von Systemen umgeben sind. Wir leben in dem ausgedehnten komplexen System der Biosphäre, wir bauen Verkehrswege, Verwaltungsgebäude, Fabriken und Häuser. Wir arbeiten mit mechanischen, elektrischen und elektronischen Systemen, wie Autos, Fließbändern, Waschmaschinen, Computern und Telefonanlagen. Wir befinden uns in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem und bewegen uns in unseren Beziehungssystemen.

Wohin wir uns wenden, überall treffen wir auf Systeme. Wir erforschen die belebte und die unbelebte Natur mit ihren Molekülen, Zellen, Pflanzen und Tieren. Wir selbst bestehen aus vielen und unterschiedlichen Zellen, die wiederum zu Organen zusammengefügt sind und vom Nervensystem überwacht werden. Wir leben in Beziehungen und sind Teil einer Nachbarschaft, die sich mit anderen Nachbarschaften zu Stadtbezirken, Städten und Ländern zusammensetzt. Diese Systeme gehören zu noch größeren Systemen – Wirtschaftsräumen, Staatenbünden, Kontinenten.

Systemdenken betrachtet das gesamte System und seine Einzelteile sowie deren Beziehungen zueinander und deren Wirkungen aufeinander. Man schaut zuerst einmal ganz unvoreingenommen auf das Gesamtsystem. Dann untersucht man die Zusammengehörigkeit und die gegenseitige Beeinflussung der Systemkomponenten, um deren Funktion zu verstehen. So entsteht Systemdenken. Dabei ist die Struktur des Systems das Muster der Wechselbeziehungen zwischen den Komponenten des Systems. Man kann daher Voraussagen über seine Verhaltensweise ableiten, ohne die Teile im Detail zu kennen.

Ein System unterscheidet sich wesentlich von einer Menge und weist besondere Eigenschaften auf.

Jede Komponente muss im System ohne Einschränkung zur Verfügung stehen und ihren Zweck optimal erfüllen können

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Die Systemkomponenten müssen in einer spezifischen Art und Weise angeordnet sein, damit das System eine Struktur aufweist, mit der es den gewünschten Zweck erfüllen kann.

Systeme verfolgen ein spezielles Ziel innerhalb größerer Systeme.

Ein System hält sich durch die Wechselwirkung seiner Komponenten aufrecht. Ein System hat Rückkopplungen.