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Das Glaukom, der „Grüne Star“, ist eine der häufigsten Ursachen für eine Erblindung. Dabei kann die Erkrankung gut behandelt werden, wenn sie rechtzeitig erkannt wird. Neben den konventionellen Maßnahmen zum Senken des Augeninnendrucks steht eine ganz neue Therapieoption zur Verfügung: die minimal-invasive Glaukomchirurgie. In seinem Ratgeber gibt Dr. med. Ronald Gerste einen Überblick über die modernen Therapiemöglichkeiten sowie altbekannte, aberauch neu identifizierte Risikofaktoren. Er porträtiert die Augenerkrankung, erklärt das Diagnoseverfahren und auch, warum ein ganzheitlicher Ansatz bei der Behandlung sinnvoll sein kann. In kompakter Form zeigt er, wie das Glaukom in den Griff zu bekommen ist, ohne dass die Sehfähigkeit Schaden nimmt.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2022
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So hilft Ihnen dieses Buch:
• Sie erfahren alles über eine schwierige Erkrankung – absolut verständlich und praxisnah.
• Sie erfahren, wie das Glaukom Ihr Sehen bedrohen kann und wie Sie Ihre Sehkraft zusammen mit Ihrem Augenarzt wirksam schützen.
• Sie lernen, wie Ihr Auge funktioniert, was Sie bei auftretenden Problemen rechtzeitig tun und wie Sie diese richtig deuten können.
• Grüner Star, Grauer Star – was sind die Unterschiede? Sie erfahren, wie man beide „in einer Sitzung“ erfolgreich behandeln kann. Denn auch für den Grünen Star gilt: Je eher eine Behandlung erfolgt, desto besser sind die Erfolgsaussichten.
• Sie lernen die zahlreichen Therapieoptionen kennen: Augentropfen, Laser, OP und MIGS.
• Sie schauen einem Augenchirurgen über die Schulter: So läuft eine minimalinvasive Intervention ab.
• Sie lesen Berichte von Patienten, die beschreiben, was ihnen geholfen hat und wie sie mit Glaukom – glücklich – leben.
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GELEITWORT
GLAUKOM – PORTRÄT EINER KRANKHEIT
Zwei Patientengeschichten
Ein komplexes Augenleiden
Wie das Auge krank wird
Die Anatomie des Auges
Der Kammerwinkel
Trabekelmaschenwerk und Schlemm-Kanal
Die Linse
Die Netzhaut
Das Chiasma opticum
Die Papille
Weitere Strukturen
Risikofaktoren
Der Augeninnendruck
Die Drucktoleranz
Das Flammer-Syndrom
Genetische Faktoren
Diabetes
Das Alter
Späte Symptome
Früherkennung und Diagnose
Messung des Augeninnendrucks
Untersuchung der Sehnervenscheibe
Messung der Hornhautdicke
Untersuchung des Gesichtsfeldes
Optische Kohärenztomografie
24-Stunden-Drucküberwachung
Die Formen des Glaukoms
Das primär chronische Offenwinkelglaukom
Das Engwinkelglaukom
Pseudoexfoliationsglaukom
Sekundärglaukome
Grüner Star und Grauer Star
Wenn es ganz junge Menschen trifft
GLAUKOM – DIE THERAPIEMÖGLICHKEITEN
Voraussetzungen
Behandlungsoptionen
Die Progression
Medikamentöse Behandlung
Betablocker
Prostaglandine
Carboanhydrasehemmer
Neue Entwicklungen
Kombinationstherapien
Sonderfall Glaukom und Trockenes Auge
Minimalinvasive Glaukomchirurgie (MIGS)
MIGS mit Katarakt-OP und als „stand-alone procedure“
Wie die MIGS funktioniert
Wie effektiv ist die MIGS?
Aktuelle Entwicklungen
Einem MIGS-Operateur über die Schulter geblickt
Konventionelle Glaukomchirurgie
Die Trabekulektomie
Die 360-Grad-Kanaloplastik
Ventil- oder Drainageimplantate
Weitere Methoden
Behandlung mit dem Laser
Anwendungsmöglichkeiten
Neodym-YAG-Laser
Argon-Laser-Trabekuloplastik
Selektive Lasertrabekuloplastik
GUT UND GESUND LEBEN MIT GLAUKOM
Lebensqualität trotz Glaukom
Die richtige Ernährung
Sport und Freizeit
Nach einer Glaukom-OP
Zehn „Healthy Habits“
Ein Blick in die Zukunft
Sie sind nicht allein
ANHANG
Glossar
Quellen
Liebe Leserin, liebe Leser,
vor uns liegt ein sehr informatives und spannend geschriebenes Buch zu einem wichtigen, in der Öffentlichkeit oft unterschätzten Thema.
Ronald D. Gerste, Augenarzt, Journalist und Historiker, stellt mit dem Glaukom (im Volksmund „Grüner Star“ genannt) eine der häufigsten Erblindungsursachen weltweit vor. In Deutschland liegt das Glaukom an der zweiten Stelle der Erblindungsursachen – und wichtig: an der ersten Stelle der vermeidbaren Erblindungsursachen. Meist tritt die Glaukomerkrankung im höheren Lebensalter auf und ist daher angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung von besonderer Bedeutung. Nach aktuellen Schätzungen sind ca. eine Million Menschen in Deutschland wegen eines Glaukoms in Behandlung, aber rund eine weitere Million Menschen sind am Glaukom erkrankt, ohne es zu wissen. Wie kann so etwas geschehen?
Bei der Glaukomerkrankung stirbt langsam der Sehnerv ab – meist bedingt durch einen erhöhten Augeninnendruck. Diese Vorgänge laufen schmerzlos, symptomlos und sehr langsam ab, sodass die Betroffenen in der Regel über Jahre, manchmal Jahrzehnte, nichts bemerken. Kommt es jedoch zu Symptomen wie „Schleier sehen“, nachlassende Sehschärfe oder Schwierigkeiten bei der Orientierung, ist es zu spät. Der Sehnerv ist fast abgestorben und kann nicht wiederhergestellt werden.
Um dieses Szenario zu vermeiden, hilft nur die Früherkennung! Die Früherkennung kann nur durch den Augenarzt erfolgen. Er umfasst die Messung des Augendrucks und die Beurteilung der Sehnerven. Da meist ein erhöhter Augendruck vorliegt, gehören beide Untersuchungen zwingend zusammen.
Durch eine flächendeckende Früherkennung könnte tausendfach eine Erblindung oder Sehbehinderung vermieden werden, denn die Glaukomerkrankung kann gut und effizient behandelt werden, sofern sie rechtzeitig erkannt wird.
Es stehen eine Vielzahl von Medikamenten zur Verfügung – in der Regel Augentropfen, die den Augendruck senken. Weiterhin gibt es effektive und risikoarme lasertherapeutische Verfahren, und auch operative Verfahren helfen, die Erblindung durch Glaukom zu vermeiden. Über die einzelnen therapeutischen Maßnahmen erfahren Sie im vorliegenden Ratgeber detailliert alles, was Sie darüber wissen müssen.
Aber: Um das Glaukom sicher und effektiv zu behandeln, muss erst einmal die Diagnose gestellt werden. Daher gilt es, die Früherkennung zu verbessern. Und hierum bemüht sich seit vielen Jahren der „Initiativkreis zur Glaukom-Früherkennung“, bei dem Ronald D. Gerste und viele andere Glaukomexperten sich engagieren.
Tauchen Sie ein in die Details der Glaukomerkrankung und ihre Therapie, die Sie in diesem Ratgeber hervorragend beschrieben finden.
Herzlichst Ihr
Prof. Dr. Lutz E. Pillunat, FEBO
Direktor der Universitätsaugenklinik der Universität Dresden Präsident des Initiativkreises zur Glaukom-Früherkennung
Das Glaukom ist eine sogenannte neurodegenerative Erkrankung. Das heißt: Es gehen Sinneszellen kaputt, im Sehnerv und in der Netzhaut des Auges. In diesem Kapitel erfahren Sie, was sich dabei abspielt, wer besonders gefährdet ist, welche Krankheitsformen es gibt und wie wichtig es ist, den Grünen Star rechtzeitig zu erkennen und damit auch möglichst frühzeitig zu behandeln.
Auch wenn mir sein Name nach all den Jahren entfallen ist, sehe ich den Patienten noch vor mir: ein älterer, freundlicher Herr mit wallendem grauen Haar, der stets von seiner Frau ins Sprechzimmer geführt wurde. Die Würde, die er ausstrahlte, litt nicht unter seinen vorsichtigen Bewegungen: Er tastete nach dem Stuhl, streckte unsicher seine Hand aus, um die meinige zu schütteln. Die Pupillen in seinen Augen waren eng, enger als der sprichwörtliche Stecknadelkopf. Es waren Augen, die immer noch Lebensfreude ausstrahlten – obwohl sie praktisch blind waren.
Dieser Patient war ein in seiner Tragik beinahe klassischer Fall. Er litt an Glaukom, am Grünen Star, und hatte es über viele Jahre versäumt, sich augenärztlich untersuchen zu lassen – nicht ganz unerklärlich bei einem Leiden, das oft zunächst und über lange Zeit keine oder nur wenige Symptome zeigt. Als die Krankheit endlich und spät, zu spät bei ihm diagnostiziert wurde, war der Untergang der Nervenzellen in Netzhaut und Sehnerv zu weit fortgeschritten, um noch aufgehalten zu werden. Von den damals vergleichsweise wenigen zur Verfügung stehenden Augentropfen zur Glaukombehandlung vertrug er nur den seit den 1870er Jahren eingesetzten „Oldtimer“ Pilokarpin, der die Pupillen verengt und heute praktisch nicht mehr zur Glaukombehandlung eingesetzt wird. Ihm nicht mehr helfen zu können war eine der erschütterndsten Erfahrungen in meinem ärztlichen Berufsleben.
Die Begegnung mit diesem Patienten liegt nun über ein Vierteljahrhundert zurück. Sie scheint wie aus einem fernen Zeitalter – was mir deutlich wurde, als Prof. Dr. Fritz Hengerer vom Bürgerhospital in Frankfurt am Main mir vor Kurzem seine Patientin Karin S. vorstellte. Die im Ruhestand befindliche Lehrerin hatte sich regelmäßig in augenärztlicher Kontrolle befunden, seit das Glaukom vor gut zehn Jahren bei ihr entdeckt wurde und ihr Augeninnendruck mit konservierungsmittelfreien und damit gut verträglichen Augentropfen behandelt worden war.
Als sich bei ihr wie bei vielen älteren Menschen eine Linsentrübung (ein Grauer Star, eine Katarakt) entwickelte und damit eine Operation anstand, entschloss sie sich nach Beratung durch Professor Hengerer, bei diesem rund 15-minütigen Eingriff sozusagen in einer Sitzung auch zwei kleine Stents zur Augendrucksenkung implantieren zu lassen. Es war ein Kombinationseingriff, der zwei Probleme erfolgreich behandelte. Nicht nur kann Karin S. aufgrund der Operation des Grauen Stars, bei der eine Kunstlinse implantiert wird, wieder hervorragend sehen; auch ihr Augeninnendruck, der wichtigste Risikofaktor des Glaukoms, ist reguliert und sie kommt inzwischen ganz ohne Augentropfen aus. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen bei ihrem Augenarzt sind selbstverständlich.
Diese beiden Patientenschicksale verdeutlichen die Bandbreite dessen, was die so heimtückische, weil meist schleichend verlaufende Krankheit Glaukom bedeuten kann – vom schweren Sehverlust bis zu gutem Management dank rechtzeitiger Erkennung und moderner Therapien. Auch der zwischen diesen beiden Fällen liegende Zeitabstand spielt eine Rolle: Seither hat sich unser Wissen um die Krankheit, ihre Schadensmechanismen und ihre Risikofaktoren (der erhöhte Augeninnendruck, aber auch andere Faktoren) vervielfacht. Es gibt eine Vielzahl von innovativen diagnostischen Verfahren und vor allem eine erfreulich große Auswahl an Therapieoptionen. Glaukom ist nicht heilbar – aber es ist beherrschbar und in den Griff zu bekommen, ohne dass die Sehfähigkeit Schaden nehmen muss.
Was sich dagegen nicht geändert hat, ist die Bedeutung des Wissens um den Grünen Star, wie die Krankheit im Volksmund heißt. Die Kenntnis um die vom Glaukom drohende Gefahr ist essenziell, um dank einer augenärztlichen Untersuchung das Leiden rechtzeitig zu erkennen oder, besser noch, es auszuschließen. Ebenso wichtig ist für die Betroffenen, ihre Angehörigen, aber auch für alle Interessierten das Wissen um die vielfältigen Möglichkeiten der Therapie und der Diagnostik.
Dieses Buch enthält praktisch alles Wesentliche, was Sie über Glaukom wissen müssen, in kompakter Form und ergänzt die vielfältigen anderen Informationsquellen, unter denen heute neben Gesundheitsmagazinen vor allem das Internet mit Webseiten wie www.glaukom.de die höchste Bedeutung hat.
Auf den folgenden Seiten erfahren Sie alles, was man über eine der gefährlichsten Augenerkrankungen wissen sollte. Kein Buch kann das vertrauensvolle Gespräch mit Ihrer Augenärztin, Ihrem Augenarzt ersetzen. Aber es kann Sie vorbereiten – wenn Sie betroffen sind, wenn in Ihrem Familienkreis jemand an Glaukom leidet oder wenn Sie sich einfach nur informieren wollen. Denn für Glaukom gilt wie für viele Erkrankungen und mit steigendem Alter immer mehr: Es kann jeden von uns treffen.
Eine landläufige Definition des Glaukoms, des Grünen Stars, setzt die Augenerkrankung mit einem erhöhten Augeninnendruck gleich. Doch ganz so einfach ist es – leider – nicht. Das Glaukom ist ein sehr komplexes Leiden und lässt sich nicht über einen einzigen Faktor erklären. In den heute aktuellen Definitionen des Leidens taucht der Augendruck zunächst gar nicht auf.
Glaukom ist eine Erkrankung des Sehnervs, die unerkannt und unbehandelt zur Erblindung führen kann.
Glaukom wird von Fachgesellschaften als eine Gruppe von Krankheiten definiert, die durch den Untergang von Sinneszellen in der Netzhaut und vor allem des Sehnervs des Auges charakterisiert ist. Die Mediziner bezeichnen das Glaukom auch präzise als eine Optikusneuropathie, eine krankhafte Schädigung des Sehnervs (lateinisch Nervus opticus).
Glaukom zeichnet sich ferner dadurch aus, dass es progressiv ist, dass es also fortschreitet, wenn es nicht durch eine Therapie aufgehalten wird. Die funktionelle Folge des Glaukoms ist, dass das Gesichtsfeld Einschränkungen erleidet, die, falls der Krankheitsprozess nicht gestoppt wird, zu hochgradigem Sehverlust und im schlimmsten Fall zur Erblindung führen.
Eine Gruppe von Krankheiten? Das ist richtig, und später stelle ich Ihnen verschiedene Glaukomformen vor. Der Einfachheit halber spreche ich in diesem Buch aber meist in der Einzahl von „dem Glaukom“. Gemeint ist damit die bei uns in Europa bei Weitem häufigste Form der Krankheit, die mit vollem Namen „primär chronisches Offenwinkelglaukom“ heißt. In der internationalen Fachliteratur wird es als POAG abgekürzt: primary openangle glaucoma.
Es ist jene Glaukomform, bei der das Auge meist äußerlich und anatomisch völlig unauffällig aussieht und erst die Untersuchung des Augenhintergrunds Hinweise darauf liefert, dass etwas nicht in Ordnung ist: der Verlust von Zellen in Netzhaut und Sehnerv wird dem Arzt oder der Ärztin mit verschiedenen Untersuchungsmethoden auffallen. Die Patienten hingegen merken oft über lange Zeit nichts von diesen Veränderungen, denn das chronische Offenwinkelglaukom ist schleichend und weitgehend symptomlos wie sonst kaum eine Krankheit des menschlichen Körpers.
Die deutsche Sprache ist eine der wenigen, die einen von „Glaukom“ oder „Glaucoma“ unabhängigen weiteren Namen für die Krankheit hat. Der traditionelle volkstümliche Begriff ist der „Grüne Star“. Eine wahrscheinliche Erklärung dafür ist, dass er vom „Starren“ der zahlreichen Erblindeten in früheren Zeitaltern stammt. Die grüne Farbe dürfte auf heute kaum noch zu beobachtenden schweren Veränderungen an der Iris und anderen Teilen des vorderen Augenabschnitts beruht haben.
Der Begriff „Grüner Star“ lädt geradezu zu Verwechslungen mit dem „Grauen Star“ ein, einer anderen wichtigen Augenerkrankung. Den Unterschied erläutere ich später, hier sei das Wesentliche herausgehoben: Der Graue Star, die meist altersbedingte Trübung der Linse, kann durch eine Operation restlos geheilt werden. Das geht bei Glaukom leider nicht – bestenfalls kann das Fortschreiten der Krankheit, ihre Progression, gestoppt werden.
Glaukom ist die häufigste irreversible Erblindungsursache weltweit.
Glaukom – oder präziser: die Glaukome – ist nach den Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO die zweithäufigste Erblindungsursache weltweit und die häufigste irreversible Blindheitsursache. Die häufigste insgesamt ist global übrigens der gerade erwähnte Graue Star, die Katarakt, und zwar vor allem aufgrund der traurigen Tatsache, dass es vielen ärmeren Ländern nicht genügend Augenchirurgen gibt, die eine notwendige Operation durchführen könnten. Im Jahr 2020 hatten nach Schätzungen der WHO 80 Millionen Menschen Glaukom. Die Zahl der durch Glaukom Erblindeten wird weltweit auf rund elf Millionen geschätzt.
Das Wesentliche der Glaukomkrankheit lässt sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: Es gehen Sinneszellen zugrunde. Die genauen Vorgänge (medizinischer Fachausdruck: die Pathogenese) sind etwas komplizierter und in den letzten Jahren zunehmend besser erforscht worden.
In jedem Auge gibt es eine bis eineinhalb Millionen Ganglienzellen. Das sind Zellen, welche die Lichtwahrnehmung – unser Sehen – verarbeiten und über ihre langen Fortsätze, die Axone, weiterleiten. All diese Fortsätze werden an der Sehnervenscheibe gebündelt und laufen von hier aus in Richtung Gehirn, wo wir unsere Seheindrücke wahrnehmen.
Die Nervenzellen und -fasern sterben beim Glaukom ab, zunächst langsam und von den Betroffenen unbemerkt. Die Mediziner sprechen von der Apoptose, vom Zelltod. Verschiedene Faktoren können auf der Ebene der Zellen und ihrer einzelnen Bestandteile, z. B. der Mitochondrien, den „Kraftwerken der Zellen“, biochemische Vorgänge auslösen, die ein regelrechtes „Programm“ initiieren, das zum Zelltod führt. Der Schweizer Augenarzt und Wissenschaftler Prof. Dr. Josef Flammer, auf dessen Forschungen wir in diesem Buch wiederholt stoßen werden, hat es ein Apoptose-Programm genannt, das normalerweise in den Zellen des menschlichen Körpers ausgelöst wird, wenn die Zellen überaltert oder überflüssig geworden sind.
Die Nervenzellen in der Netzhaut von Glaukombetroffenen sind indes weder das eine noch das andere. Den Zelltod und damit den Untergang der Nervenfasern können eine Reihe von äußeren Faktoren beeinflussen oder auslösen. Eine schlechte oder stark schwankende Blutversorgung ist ein solcher Faktor. Ganz wichtig ist ein weiterer Faktor: ein erhöhter Augeninnendruck. Dieser Faktor steht denn auch fast ausschließlich im Zentrum einer jeden Glaukomtherapie. Dass daneben eine gute Durchblutung des Auges angestrebt werden sollte, versteht sich fast von selbst – die Zellen dieses Sinnesorgans brauchen mehr Sauerstoff als die Zellen eines jeden anderen Organs. Doch festzuhalten gilt: Glaukomtherapie ist vor allem eine ausreichende und anhaltende Senkung des Augeninnendrucks.
In der Behandlung geht es vor allem darum, den Augeninnendruck auf ein für die Nervenzellen sicheres Niveau zu senken.
Es ist erstaunlich, wie viele dieser Nervenzellen und ihrer Fortsätze absterben können, bevor es zu einer Beeinträchtigung des Sehens kommt: etwa ein Drittel bis die Hälfte. Erst dann treten im Gesichtsfeld die ersten Ausfälle auf, die die Betroffenen oft zunächst nicht einmal bemerken.
Vorher indes – und dies ist ein wichtiges Argument für eine Früherkennung des Glaukoms – kommt es durch den Zelluntergang und damit den Gewebeschwund zu Veränderungen am Augenhintergrund, die bei einer augenärztlichen Untersuchung festgestellt werden können. Über weite Teile der Netzhaut, vor allem aber im Zentrum des Augenhintergrunds, kommt es zu einer Verdünnung, einem Substanzverlust der Nervenfaserschicht in der Netzhaut. Besonders auffallend, manchmal geradezu dramatisch, sind die Veränderungen an der Papille, der Sehnervenscheibe (nicht zu verwechseln mit der Pupille, der Öffnung der Iris).
Die Excavation (Aushöhlung) der Sehnervenscheibe, der Papille, ist das wichtigste klinische Kennzeichen des Glaukoms.
Zunächst verändert sich der Randsaum der Papille und wird dünner. Dann scheint sie regelrecht einzusinken: Durch den Verlust von Nervenfasern werden die verbleibenden Axone tiefer in den Sehnerv hineingedrückt. Die Papille hat bei der Ophthalmoskopie und erst recht bei Hightech-Untersuchungen wie dem HRT und dem OCT eine Eindellung. Der Fachbegriff ist die Excavation. Je tiefer die Papille excaviert ist, desto fortgeschrittener ist der Sehnervenschaden und mit ihm das Stadium des Glaukoms.
Das Verhältnis dieser Eindellung zur gesamten Fläche der Papille wird als Cup-to-disc Ratio (C/D) bezeichnet und sagt etwas über das Ausmaß des Glaukomschadens aus. Eine C/D von 0,2 etwa kann noch im normalen Bereich liegen – manche Augen haben eine natürliche, eine „physiologische“ Excavation. Eine C/D von 0,8 hingegen, bei der 80 Prozent der Papillenfläche eingedellt sind, spricht sicherlich für einen fortgeschrittenen Glaukomschaden.
Das menschliche Auge ist ein wahres Wunder der Natur (das zahlreicher Tierarten sogar noch mehr). Mit einem Durchmesser von 23 bis 24 mm hat es die Ausmaße einer Mozartkugel, mit einem Gewicht von nur 7,5 Gramm liegt es deutlich unter der Salzburger Kalorienbombe. Dieses kleine Organ ist von unglaublicher Leistungsfähigkeit. Von sechs zarten Muskeln bewegt erlaubt es uns Blickbewegungen, bei denen beide Augen so kooperieren, dass wir unsere Umwelt ohne Doppelbildwahrnehmung betrachten können – im gesundheitlichen Normalfall und in nüchternem Zustand.
In der Netzhaut, an der Innenseite der hinteren Augenabschnitte, stehen mehr als 130 Millionen Photorezeptoren bereit, um einfallende Lichtsignale aufzunehmen und über rund eine Million Ganglienzellen weiterzuleiten. Im Sehnerv, einer hellen und mit 4 mm Durchmesser einem Kabel gleichenden Struktur, werden die Fortsätze dieser Nervenfaserzellen gebündelt und zu dem im Hinterkopf gelegenen Sehzentrum geleitet. Dort werden die visuellen Eindrücke zu jenem Sinnesprozess, den wir „Sehen “ nennen, verarbeitet.
Der Aufbau des Auges
Der Sehnerv ist für unser Verständnis, was beim Glaukom passiert und welchen Schaden die Krankheit verursachen kann, von zentraler Bedeutung. Doch gehen wir zunächst von vorn nach hinten durch die wichtigsten anatomischen Schichten, die das Licht, also die von uns wahrgenommenen Bilder, durchläuft.
Den Schutzapparat des Auges, also die Lider, die Wimpern, die Tränendrüse, die zusammen mit kleineren Drüsen in den Lidern den für die Oberfläche so wichtigen Tränenfilm liefert, behandeln wir dabei etwas stiefmütterlich. Hier sei nur erwähnt, dass dieser Tränenfilm durch eine medikamentöse Glaukomtherapie in Mitleidenschaft gezogen werden kann; darauf werden wir bei der Betrachtung der Behandlung des Grünen Stars näher eingehen.
Die Hornhaut wird durch die Lider und den Tränenfilm geschützt.
