Guntershausen - Claire von Glümer - E-Book

Guntershausen E-Book

Claire von Glümer

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Beschreibung

In "Guntershausen" entführt die Autorin Claire von Glümer die Leser in ein komplexes Beziehungsgeflecht innerhalb einer fiktiven Gemeinde. Der Roman zeichnet sich durch einen lyrischen Stil aus, der sowohl intime Perspektiven als auch die gesellschaftliche Dynamik erhellt. Von Glümer kombiniert eindringliche Beschreibungen mit poetischen Passagen und vermittelt so die seelische Verfassung ihrer Charaktere. Vor dem Hintergrund sich verändernder sozialer Normen und unerwarteter Wendungen entfaltet sich eine Geschichte über Verlangen, Verlust und die Herausforderungen menschlicher Beziehungen, die die Grenzen des Individuellen ergründet und kritisch hinterfragt. Claire von Glümer, eine aufstrebende Stimme der zeitgenössischen Literatur, schöpft aus ihrem reichen Erfahrungshorizont und ihrer tiefen Verwurzelung in verschiedenen kulturellen Kontexten. Ihre eigene Biographie ist geprägt von interkulturellen Begegnungen und einem starken Interesse an zwischenmenschlicher Psychologie, was sich deutlich in ihren Erzählstrukturen und Charakterentwicklungen widerspiegelt. Dieser Roman ist nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch ein Spiegelbild der Komplexität des modernen Lebens, das von der Autorin mit Umsicht und Empathie gestaltet wurde. "Guntershausen" ist eine fesselnde Lektüre für alle, die sich für die Nuancen menschlicher Erfahrungen interessieren. Die kunstvolle Erzählweise von Glümers ermutigt die Leser, in die Gedankenwelt ihrer Figuren einzutauchen und deren innere Konflikte nachzuvollziehen. Dieses Buch ist ein bedeutungsvolles Zeugnis der heutigen Zeit und sollte in keiner Bibliothek fehlen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Claire von Glümer

Guntershausen

Eine Familiensaga im 19. Jahrhundert: Gesellschaftswandel, kulturelles Erbe und historische Tiefe
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547846833

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Guntershausen

Inhaltsverzeichnis
Guntershausen.
Von Claire von Glümer.

Ich weiß nicht und ich frag’ nicht, Ob man Dich schuldig heißt; Weiß nur, daß ich Dich liebe, Wer Du auch immer sei’st.

(Thomas Moore)
I.

Im Schloßhofe zu Guntershausen waren eben die Diener und Kammerjungfern beschäftigt, einen Reisewagen zu bepacken, als Graf Lothar, der Schloßherr, von einer kleinen Geschäftsreise zurückkehrte. Verwundert sah er auf das geschäftige Treiben, sprang vom Pferde und ging dem alten Castellan entgegen, der das Sammtkäppchen abziehend mit betrübter Miene auf ihn zukam.

„Nun, Joseph, was hat das zu bedeuten?“ fragte der Graf, indem er auf den Wagen zeigte.

„Frau Generalin haben befohlen, Alles zur Abreise in Bereitschaft zu setzen,“ erwiderte der Alte in einem Tone, als ob er die größte Trauerbotschaft zu verkündigen hätte. „Die gnädige Frau wollen noch heute nach Eichberg zurückkehren und haben nur auf den Herrn Grafen gewartet.“

Lothar runzelte die Stirn.

„Was ist denn vorgefallen?“ fiel er dem Diener in’s Wort, aber ehe dieser antworten konnte, fügte er mit abwehrender Handbewegung hinzu: „Laß es gut sein, ich werde mit der gnädigen Tante sprechen.“ Mit diesen Worten eilte er die Freitreppe hinauf und verschwand im Innern des Schlosses, während Joseph seufzend und kopfschüttelnd zur Beaufsichtigung des Reisewagens zurückging, wobei er vor sich hinmurmelte: „Nun ist’s wieder die alte Geschichte – nun ist’s wieder aus und vorbei mit unsrer guten Zeit.“

Aehnlich waren Lothar’s Gedanken, während er die Treppe hinaufstieg und sich den Zimmern der Tante näherte. „Ich lasse sie nicht fort; sie muß meinen Bitten nachgeben,“ sagte er zu sich selbst, aber als er ihre Thür erreichte und sie mit der Kammerjungfer sprechen hörte, schien er plötzlich seinen Entschluß zu ändern. Er ging schnell vorüber, dem Ende des Ganges zu, wo er die Thür der Bibliothek geöffnet sah.

Geräuschlos trat er ein und blieb einen Augenblick tief athmend stehen, als er Eva, die Tochter der Generalin, in der Fensternische am Ende des Saales erblickte. Sie stand von ihm abgewendet und hatte die Stirn an die Scheiben gedrückt. Ihre hohe, anmuthige Gestalt, ihr zierlicher Kopf mit den reichen, braunen Flechten waren vom Purpur der Abendsonne übergossen, während die Tiefe des Saales schon im Dunkel lag.

Endlich hörte sie seinen Schritt, richtete sich auf und wandte den Kopf. Ihre Augen standen voll Thränen, ihr sanftes Gesicht war ungewöhnlich blaß und wurde noch blasser, als sie Lothar’s verstörte Miene bemerkte.

„Was ist Dir?“ fragte sie, indem sie hastig auf ihn zutrat.

„Ihr wollt fort!“ rief er und faßte ihre beiden Hände. „Eva, ist das möglich?“

„Wir müssen,“ flüsterte sie.

„Warum?“ fiel er ihr hastig in’s Wort. „Was wollt Ihr zwischen den Schutthaufen und geschwärzten Mauern? Habt Ihr nicht versprochen, hier zu bleiben, bis Eichberg vollständig restaurirt ist? Haben wir nicht für den ganzen Winter unsere Pläne gemacht, unsere Einrichtungen getroffen?“

„So höre doch nur,“ fuhr sie bittend fort, als er sie wieder zum Sprechen kommen ließ. „Unser Inspector, der Einzige, auf den wir uns verlassen konnten, hat das Bein gebrochen; nun muß Mama die Arbeiten selbst überwachen – wir müssen uns in Eichberg einrichten, so gut es geht.“

„Und ich?“ fragte Lothar in bitterm Tone, ließ Eva’s Hände los, trat an das Fenster und sah in den Park hinunter. Der Wind peitschte den Teich vor dem Schlosse in kurzen Wellen gegen die Ufer und jagte dichte Massen rothgelber Blätter über Wege und Rasenflächen. Lenau’s Herbstklage fiel ihm ein: „Treulich bringt ein jedes Jahr welkes Laub und welkes Hoffen;“ und er sagte sich selbst, daß es kindisch wäre, gegen dies Gesetz des Lebens zu murren. Der böse, finstre Zug, den Eva seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, zuckte wieder um seinen Mund; die schwarzen Augenbrauen zogen sich zusammen und die Augen starrten halb trotzig, halb verzweiflungsvoll darunter hervor. – Er war wieder der „schwermüthige Guntershausen“, der alle Menschen vermeidend, von Allen gemieden, jahrelang in tiefster Einsamkeit gelebt hatte.

Dieser Anblick that Eva weh. Sie trat an seine Seite, legte die Hand auf seinen Arm und sagte: „Mach Dir und uns den Abschied nicht so schwer. So oft Du uns sehen willst, kannst Du ja in zwei Stunden drüben in Eichberg sein.“ Aber als er vorwurfsvoll fragte, ob sie glaube, daß er dadurch für das verlorene Zusammenleben entschädigt werden könnte, war sie fast nicht mehr im Stande ihre Bewegung zu beherrschen. In ihrer Verwirrung wollte sie zu einem scherzhaften Tone Zuflucht nehmen und sagte mit erzwungenem Lächeln: „Wir sollen doch nicht glauben, daß wir Dir unentbehrlich sind? Erinnere Dich, wie lange Du in unserer Nähe gelebt hast, ohne Dich im Geringsten um uns zu kümmern.“

„Aber was war das für ein Leben!“ fiel ihr Lothar in’s Wort. „Immer allein; von den düstersten Gedanken gefoltert; von traurigen, widerwärtigen, entsetzlichen Erinnerungen umgeben!“

Er schauderte und sah vor sich nieder. Als er den Kopf erhob, war sein Gesicht von jener tödtlichen Blässe bedeckt, die Eva in der ersten Zeit ihres Zusammenseins so oft erschreckt hatte, und seine Augen glühten in unheimlichem Feuer.

„Sieh, Eva,“ fuhr er fort, indem er ihre Hand zwischen seinen kalten Händen preßte, „so lange Guntershausen mein Eigenthum ist – und das sind nun bald neun Jahre – habe ich nicht eine glückliche Stunde gehabt, nicht eine, bis Du herkamst. Du hast meinem Herzen Frieden, meinem düstern Hause Sonnenschein gegeben, und Du wolltest mich verlassen? Nein, Eva, das kannst Du nicht!“ fuhr er in ganz verändertem Tone fort, indem er sie an sich preßte. „Du mußt bei mir bleiben, Du mußt! Mein Weib, mein Trost, mein Glück, willst Du das sein, willst Du?“

Sie zitterte so sehr, daß er sie mit beiden Armen stützen mußte, aber als sie nach einer Weile den Kopf erhob, leuchtete so viel Liebe und Glück aus ihren thränenvollen Augen, daß er nicht zweifeln konnte, wie gern sie wollte. Und doch sah er nicht glücklich aus, als er sie wieder an sich drückte und lange stumm in seinen Armen hielt. Plötzlich ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. „Es darf ja doch nicht sein,“ sagte er hastig und leise. „Es wäre ein unverzeihliches Unrecht, und Du würdest elend, wie ich es bin.“ Mit diesen Worten wollte er hinaus eilen, aber Eva vertrat ihm den Weg.

„Unrecht ist’s, wenn Du Dich immer wieder dem Trübsinne hingibst,“ sagte sie und sah ihm mit dem festen, klaren Blick in die Augen, der ihn immer zur Besinnung brachte. „Meinst Du,“ fuhr sie scherzend fort, obwohl ihre Stimme in verhaltnem Weinen bebte, „meinst Du denn, Du könntest mich so nach Belieben fassen und lassen? Oder denkst Du, meine Liebe wäre nur von heute, und ich könnte sie ohne Todespein aus meinem Herzen reißen?“

Aber diesmal wichen die bösen Geister nicht wie sonst. Lothar sah mit traurigem Kopfschütteln zu ihr nieder.

„Du kannst mich nicht lieben,“ sagte er. „Ich bin’s nicht werth!“ Dabei wandte er sich, als ob er hinausstürzen wollte, blieb aber wieder stehen, schrie laut auf: „Eva, ich kann nicht ohne Dich leben!“ warf sich auf die Steinbank in der Fensternische und schlug mit Verzweiflungsvoller Gebehrde die Hände vor’s Gesicht.

Eva setzte sich neben ihn und strich sanft über sein dunkles, lockiges Haar, in das sich hier und da schon ein Silberstreifen mischte.

„Wie Du Dich unnütz selber quälst!“ begann sie nach einer Pause mit mühsam erkämpfter Ruhe. „Ich bin Dir zum Leben unentbehrlich, Du bist es mir – so müssen wir mit einander gute und böse Stunden tragen, wie es eben kommt. Aber willst Du rechnen und wägen, wer dem Andern verschuldet ist – lieber, lieber Freund, erinnere Dich, daß ich ohne Deine muthige Hülfe nicht mehr am Leben wäre.“

Lothar fühlte, wie sie bei diesen Worten zusammenschauderte. „Sprich nicht davon; denke nicht daran,“ bat er, indem er sie umfaßte. Aber sie fühlte, daß jetzt nicht Zeit war, der eignen Schwäche nachzugeben.