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Schluss mit Mythen und Gerüchten.
Wer Hashimoto-Thyreoiditis hat, weiß: Diese Autoimmunerkrankung zu behandeln, ist eine Herausforderung. Die chronische Entzündung führt erst zu einer Über-, dann zu einer Unterfunktion - und zu ganz unterschiedlichen Symptomen, was die Diagnose und Behandlung erschwert. Der renommierte Schilddrüsenexperte PD Dr. med. Joachim Feldkamp klärt Sie umfassend über das Erkrankungsbild auf und zeigt Ihnen, was Sie selbst für Ihre Schilddrüse tun können:
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2017
Gut leben mit Hashimoto
Das ganzheitliche Selbsthilfeprogramm
Joachim Feldkamp
1. Auflage 2018
die Hashimoto-Erkrankung ist die häufigste Ursache für eine Unterfunktion der Schilddrüse. Da sie schleichend beginnt, werden die Symptome in vielen Fällen erst spät erkannt und die Patienten durchleiden häufig eine Zeit der Unsicherheit, bis die Therapie einsetzt. Bei dieser Krankheit richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Organstrukturen – verständlich, dass dies bei vielen Betroffenen Ängste hervorruft.
Seit fast drei Jahrzehnten betreue ich Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis. Dabei ist mir bewusst geworden, dass viele Menschen einen hohen Informationsbedarf haben. Doch Internetrecherchen führen oft nur zu einem bruchstückhaften Bild dieser Störung und ihrer Folgen. Eine große Menge an nichtwissenschaftlicher Literatur und Behandlungsvorschläge von selbst ernannten Heilern können den Suchenden in ein unüberschaubares Dickicht von Ratschlägen und Therapieempfehlungen führen.
Ich habe deshalb versucht, den aktuellen Stand des Wissens zur Hashimoto-Erkrankung zusammenzutragen und die häufigsten Fragen von Patienten zu beantworten. Ich erläutere die Ursachen der Erkrankung, stelle die verschiedenen Untersuchungs- und Therapiemethoden vor und erkläre die wichtigsten Begriffe im ▶ Glossar. Sie erfahren, woran der Arzt Hashimoto erkennt und welche Begleiterkrankungen damit einhergehen können. Ich zeige Ihnen auf, wie Sie Ihre Schilddrüse optimal mit allen wichtigen Nährstoffen versorgen und was es in speziellen Lebensphasen wie der Schwangerschaft und den Wechseljahren zu beachten gilt. Zahlreiche anschauliche Erfahrungsberichte von Patienten runden diese Informationen ab.
Ich hoffe, mit diesem Buch Ihnen als Betroffenen und Angehörigen einen umfassenden und kompetenten Ratgeber für den Umgang mit der Hashimoto-Erkrankung geben zu können, und wünsche Ihnen alles Gute!
PD Dr. med. Joachim Feldkamp
Stuttgart, im Dezember 2017
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Teil I Hashimoto – von der Ursache zur Diagnose
1 Was ist eine Hashimoto-Thyreoiditis?
1.1 In welchen Formen tritt Hashimoto auf?
1.2 Wie häufig kommt Hashimoto vor?
1.2.1 Gibt es heutzutage mehr Hashimoto-Erkrankungen?
1.2.2 Die häufigste Schilddrüsenerkrankung bei Kindern und Jugendlichen
1.3 Wird Hashimoto vererbt?
1.3.1 Welche Gene sind an der Entstehung der Krankheit beteiligt?
1.4 Klein, aber lebensnotwendig: die Schilddrüse
1.4.1 Wo liegt die Schilddrüse?
1.4.2 Wie groß ist eine normale Schilddrüse?
1.4.3 Welche Funktionen und Aufgaben hat die Schilddrüse?
1.4.4 Der komplizierte Hormonhaushalt der Schilddrüse
1.5 Welche Rolle spielt das Immunsystem?
1.5.1 Wie ein gesundes Immunsystem Eindringlinge abwehrt
1.5.2 Das kranke Immunsystem
1.6 Angriff auf eigene Organstrukturen
1.6.1 Die Autoimmunreaktion bei Hashimoto-Thyreoiditis
2 Wie sich Hashimoto äußert: die Symptome
2.1 Naheliegend: Halsbeschwerden
2.2 Beschwerden bei einer Schilddrüsenunterfunktion
2.2.1 Haut, Haare und Nägel
2.2.2 Muskulatur
2.2.3 Stimme
2.2.4 Knochen und Gelenke
2.2.5 Blut
2.2.6 Energiehaushalt und Stoffwechsel
2.2.7 Kohlenhydrat- und Zuckerstoffwechsel
2.2.8 Fettstoffwechsel
2.2.9 Magen-Darm-Trakt und Gewicht
2.2.10 Leber und Bauchspeicheldrüse
2.2.11 Herz-Kreislauf-System
2.2.12 Nervensystem
2.2.13 Gehirn
2.2.14 Psyche
2.2.15 Wärmehaushalt
2.2.16 Nierenfunktion und Wasser- und Mineralstoffhaushalt
2.2.17 Fortpflanzung und Sexualität
2.3 Beschwerden bei einer Schilddrüsenüberfunktion
2.3.1 Haut
2.3.2 Muskulatur
2.3.3 Knochen und Skelettsystem
2.3.4 Kohlenhydrat- und Zuckerstoffwechsel
2.3.5 Fettstoffwechsel
2.3.6 Eiweißstoffwechsel
2.3.7 Magen-Darm-Trakt und Gewicht
2.3.8 Herz-Kreislauf-System
2.3.9 Nervensystem
2.3.10 Psyche
2.3.11 Nierenfunktion
2.3.12 Fortpflanzung und Sexualität
3 Wie wird Hashimoto diagnostiziert?
3.1 Nach dem Gespräch: die körperliche Untersuchung
3.1.1 Die körperliche Untersuchung: sehen, tasten, hören
3.1.2 Die Untersuchung der Reflexe
3.2 Ultraschall: wichtigstes bildgebendes Verfahren
3.2.1 Was sieht der Arzt bei Hashimoto typischerweise im Ultraschall?
3.3 Nicht immer nötig: die Schilddrüsenszintigrafie
3.3.1 Wann wird eine Szintigrafie gemacht?
3.4 Eher selten nötig: die Feinnadelpunktion
3.4.1 Bei Schilddrüsenknoten
3.4.2 Was passiert bei einer Feinnadelpunktion?
3.4.3 Wie schmerzhaft ist eine Feinnadelpunktion?
3.5 Laboruntersuchungen
3.5.1 Wichtigster Laborwert: der TSH-Wert
3.5.2 Was kann den TSH-Wert beeinflussen?
3.5.3 Die Messung der freien Schilddrüsenhormone T4 und T3
4 Erkrankungen, die Hashimoto begleiten können
4.1 Typ-A-Gastritis: schmerzlose Magenschleimhautentzündung
4.2 Vitiligo – Weißfleckenerkrankung
4.3 Diabetes mellitus Typ 1: Zucker mit totalem Insulinmangel
4.4 Morbus Addison: Unterfunktion der Nebenniere
4.5 Zöliakie: Glutenunverträglichkeit
4.6 Weizenallergie und Weizensensitivität
4.7 Alopezia areata: kreisrunder Haarausfall
4.8 Alopezia areata totalis: vollständiger Körperhaarausfall
4.9 Prämature Menopause: vorzeitiger Eintritt der Wechseljahre
4.10 Myasthenia gravis: schwere Muskelschwäche
4.11 Rheumaerkrankungen
4.12 Entzündliche Darmerkrankungen
4.13 Kombinationen mehrerer Autoimmunerkrankungen
4.13.1 Schmidt-Syndrom
4.13.2 Schmidt-Carpenter-Syndrom
4.13.3 Down-Syndrom – Trisomie 21
Teil II Die richtige Therapie bei Hashimoto
5 Die Therapie der Wahl: Medikamente
5.1 Thyroxinpräparate bei Schilddrüsenunterfunktion
5.1.1 Flüssiges Thyroxin
5.1.2 Intravenöses Thyroxin
5.1.3 Kombinationspräparate und zusätzliche T3-Gaben
5.2 Was bringen alternative Therapien?
5.2.1 Wolfsfußkraut: pflanzlich, aber ungeeignet
5.2.2 Homöopathische Medikamente: zumindest nicht schädlich
5.2.3 Tierische Schilddrüsenhormonpräparate
5.2.4 Operation: meist unnötig
6 Bei Therapie und Einnahme zu beachten
6.1 Schilddrüsenmedikamente richtig einnehmen
6.1.1 Was tun, wenn Sie eine Hormontablette vergessen haben?
6.2 Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
6.2.1 Steigt der Hormonbedarf durch die Einnahme der »Pille«?
6.2.2 Wie wirkt sich eine Östrogeneinnahme in den Wechseljahren aus?
6.2.3 Worauf ist bei Einnahme von Diabetesmedikamenten zu achten?
6.2.4 Wie wird die Wirkung von Gerinnungshemmern beeinflusst?
6.2.5 Welche Mittel beeinflussen die Wirkstoffaufnahme?
6.2.6 Wie wirken sich Nahrungsergänzungsmittel aus?
6.3 Unerwünschte Wirkungen und Nebenwirkungen
6.3.1 Nebenwirkungen einer Behandlung mit Schilddrüsenhormon
6.3.2 Wie wirkt sich eine zu hoch dosierte Hormontherapie aus?
6.3.3 Was ist bei Laktoseintoleranz zu beachten?
6.4 Beeinflussen Hormontabletten das Gewicht?
6.4.1 Kann man mit erhöhten Hormongaben Gewicht reduzieren?
Teil III Alles Gute für die Schilddrüse
7 Die richtigen Vitalstoffe für Ihre Schilddrüse
7.1 Das A und O: Jod
7.1.1 Die Jodversorgung in Deutschland
7.1.2 Wie wichtig ist Jod in der Schwangerschaft?
7.1.3 Was bewirkt Jod bei Hashimoto-Thyreoiditis?
7.1.4 Welche Lebensmittel liefern viel Jod?
7.2 Selen fängt freie Radikale
7.2.1 Was bewirkt Selen bei Hashimoto-Thyreoiditis?
7.2.2 Welche Lebensmittel liefern viel Selen?
7.3 Zink: wichtig für die Regulation von Immunprozessen
7.3.1 Die Mär vom Zinkmangel bei Hashimoto-Patienten
7.3.2 Welche Lebensmittel liefern viel Zink?
7.3.3 Führen Kryptopyrrole zu einem Zink- und Vitamin-B6-Mangel?
7.4 Vitamin D: das Sonnenvitamin
7.4.1 Ohne Sonne geht nichts
7.4.2 Vitamin-D-Mangel und die Folgen
7.4.3 Wann sollte man Vitamin D einnehmen?
7.4.4 Welche Lebensmittel liefern viel Vitamin D?
7.5 Vitamin B12: wichtig für Blut und Nerven
7.5.1 Wie entsteht ein Vitamin-B12-Mangel?
7.5.2 Welche Lebensmittel liefern viel Vitamin B12?
7.6 Folsäure: essenziell in der Schwangerschaft
7.6.1 Welche Lebensmittel liefern viel Folsäure?
7.7 Nützen Omega-3-Fettsäuren dem Immunsystem?
8 Bringt eine glutenfreie Ernährung Vorteile?
8.1 Quinoa und Chiasamen: wirklich so super?
8.2 Sollte man auf Gluten oder Weizen verzichten?
8.3 Was ist dran am Leaky-Gut-Syndrom?
Teil IV Gut leben mit Hashimoto
9 Hashimoto in speziellen Lebensphasen
9.1 Hashimoto bei Kindern und Jugendlichen
9.1.1 Ullrich-Turner-Syndrom und Down-Syndrom
9.1.2 Symptome bei Kindern und Jugendlichen
9.2 Kinderwunsch, Schwangerschaft und Wechseljahre
9.2.1 Was bei einer Fruchtbarkeitsbehandlung zu beachten ist
9.2.2 Polyzystisches Ovarsyndrom (PCO-Syndrom)
9.2.3 Eine gute Schwangerschaft mit Hashimoto
9.2.4 Schilddrüsenentzündung nach der Entbindung
9.2.5 Gewichtszunahme nach der Entbindung und in den Wechseljahren
9.3 Hashimoto in belastenden Lebenssituationen
9.3.1 Der richtige Umgang mit Stress
9.3.2 Kann Stress die Nebennierenfunktion erschöpfen?
10 Hashimoto im Alltag: häufige Fragen
10.1 Kann die Erkrankung spontan heilen?
10.2 Löst sich meine Schilddrüse auf?
10.3 Darf man Tabletten vor der Blutabnahme einnehmen?
10.4 Was ist bei Reisen mit Zeitverschiebung zu tun?
10.5 Kann ich an die See reisen?
10.6 Darf ich Seefisch essen?
10.7 Was soll ich bei erhöhten Antikörpern tun?
10.8 Muss ein leicht erhöhter TSH-Wert behandelt werden?
10.9 Wie oft muss ich meinen TSH-Wert messen lassen?
10.10 Wie oft werden die Antikörperwerte gemessen?
10.11 Wie oft muss ein Ultraschall gemacht werden?
10.12 Muss ich ein Szintigramm machen lassen?
10.13 Wie hoch ist das Hashimoto-Risiko für meine Kinder?
10.14 Soll ich meine Kinder untersuchen lassen?
10.15 Warum wechselt die Schilddrüsengröße im Ultraschall?
10.16 Worauf müssen Vegetarier und Veganer achten?
10.17 Kann ich mich als Hashimoto-Patient impfen lassen?
10.18 Soll ich mich gegen Grippe impfen lassen?
10.19 Können Darmbakterien Hashimoto auslösen?
10.20 Wird Hashimoto in Zukunft heilbar sein?
11 Glossar
12 Literatur
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
1 Was ist eine Hashimoto-Thyreoiditis?
2 Wie sich Hashimoto äußert: die Symptome
3 Wie wird Hashimoto diagnostiziert?
4 Erkrankungen, die Hashimoto begleiten können
Die Hashimoto-Thyreoiditis gehört zu den gutartigen Erkrankungen der Schilddrüse. Benannt wurde sie nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto.
Hashimoto hat erstmals im Jahre 1912 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift über die Erkrankung berichtet. Der Begriff »Thyreoiditis« setzt sich aus dem griechischen Wort für »Schilddrüse«, thyreoidea, und der Endung »itis« zusammen. Wird diese Endung an einen medizinischen Fachbegriff angehängt, ist von einer Entzündung die Rede. Dies trifft auch für die Hashimoto-Thyreoiditis zu. Diese Erkrankung führt zwar nicht zu den klassischen Zeichen einer Entzündung, wie wir sie von anderen Organen kennen. Eine Rötung, Fieber oder starke Schmerzen, wie sie sonst bei Entzündungen auftreten, sind nicht typisch. In der Schilddrüse lassen sich jedoch in der feingeweblichen Untersuchung unter dem Mikroskop viele weiße Blutkörperchen als Zeichen einer Organentzündung nachweisen. Neben der entzündlichen Veränderung der Schilddrüse liegt eine Aktivierung des Immunsystems vor. Es kommt zur Bildung von Abwehr-Eiweißen, die sich gegen Strukturen der Schilddrüse richten können – man spricht hier von einer Autoimmunreaktion. Die Folge kann dann eine Unterfunktion der Schilddrüse sein, die die typischen Beschwerden hervorruft.
Hashimoto beschrieb ursprünglich eine Schilddrüsenentzündung, die mit einer Vergrößerung des Organs einherging. Die autoimmun bedingte entzündliche Erkrankung der Schilddrüse, die wir in Deutschland mit dem Namen Hashimoto verbinden, wird im englischen Sprachraum meist nur als autoimmune Thyreoiditis bezeichnet. Dieser Begriff ist eigentlich treffender, da die Erkrankung nicht immer mit einer Schilddrüsenvergrößerung einhergeht. Viele Patienten mit einer Hashimoto-Thyreoiditis erleiden im Verlauf ihrer Erkrankung eine Unterfunktion der Schilddrüse. Das ist aber nicht immer so.
Bei einem Teil der Betroffenen werden nur die typischen Antikörper im Blut erhöht gemessen oder
es findet sich ein typischer Ultraschallbefund. Beide Gruppen haben meist keine Beschwerden.
Die Erkrankungsform, die Hakaru Hashimoto beschrieben hat, geht mit einer Struma (Schilddrüsenvergrößerung) einher. Sie kann bleibend sein oder im Verlauf dazu führen, dass die Schilddrüse schrumpft.
Die Form der autoimmunen Schilddrüsenerkrankung mit einer sich deutlich verkleinernden Schilddrüse wurde 1878 zuerst von William Miller Ord beschrieben. Der britische Arzt war also noch vor Hashimoto der eigentliche Erstbeschreiber der autoimmunen Schilddrüsenentzündung.
Zweifellos besteht eine Hashimoto-Thyreoiditis, wenn eine Unterfunktion bei gleichzeitig erhöhten Schilddrüsenantikörpern vorliegt. Aber auch bei normaler Schilddrüsenfunktion können die Antikörper erhöht sein. Von einer Hashimoto-Thyreoiditis spricht man erst, wenn die Antikörper ein Mehrfaches des oberen Normalwertes erreichen und gleichzeitig das typische Ultraschallbild vorhanden ist. Eine leichte Antikörpererhöhung allein kommt bei 5–7 % der Normalbevölkerung ohne Krankheitswert vor. Auch Menschen mit Schilddrüsenknoten weisen gelegentlich eine leichte Erhöhung der Antikörperwerte auf.
Die Folge einer Hashimoto-Thyreoiditis ist oft die Unterfunktion der Schilddrüse. Die Hashimoto-Thyreoiditis ist fast die einzige Erkrankung, die bei Erwachsenen zu einer dauerhaften Unterfunktion der Schilddrüse führt. Andere Erkrankungen, die eine Unterfunktion verursachen, sind entweder angeboren und daher schon seit der Kindheit bekannt, oder sie sind absolute Raritäten. Insgesamt leiden in Deutschland zwischen 1 und 2 % der Bevölkerung an einer Schilddrüsenunterfunktion. Frauen sind etwa 10-mal häufiger von der Hashimoto-Thyreoiditis betroffen als Männer. Die Ursachen dafür sind nicht bekannt. Vor der Pubertät kommt die Hashimoto-Thyreoiditis bei Jungen und Mädchen etwa gleich häufig vor, nach der Pubertät sind deutlich mehr Mädchen betroffen. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass die weiblichen Geschlechtshormone einen gewissen Einfluss auf die Auslösung der Erkrankung haben können. Allein können sie aber nicht der Grund sein, da ja auch Jungen und Männer erkranken.
Antikörper gegen Schilddrüsengewebe (TPO-, TG-Antikörper) sind typisch für die Hashimoto-Thyreoiditis. Untersuchungen an vielen Tausend Menschen zeigen, dass etwa 7 % der Gesamtbevölkerung messbare Antikörper haben, aber nur ein Teil der Menschen tatsächlich eine Hashimoto-Thyreoiditis im Verlauf des Lebens entwickelt. Je älter die Personen werden, desto häufiger werden Antikörper nachgewiesen. Bei über 60-jährigen Frauen ist dies bei über 10 % der Fall. Werden erhöhte Antikörper gemessen, ist allerdings das Risiko, im Lauf des Lebens eine Schilddrüsenunterfunktion zu erleiden, deutlich höher als bei Menschen ohne Antikörpernachweis. Für Schwangere mit nachweisbaren Antikörpern besteht ein deutlich höheres Risiko, dass es in den ersten Monaten nach der Geburt zu Funktionsstörungen der Schilddrüse kommen kann.
Die Vermutung, dass die Hashimoto-Thyreoiditis in ihrer Häufigkeit zunimmt, lässt sich nicht bestätigen. Neuere Untersuchungen an einem großen Kollektiv von Menschen in Deutschland haben sogar gerade aufgezeigt, dass die Häufigkeit der Schilddrüsenantikörper in der Bevölkerung rückläufig ist. Während vor gut 10 Jahren bei über 4000 Personen der Normalbevölkerung bei 3,5 % der Untersuchten Schilddrüsenantikörper nachweisbar waren, waren es 10 Jahre später bei derselben Untersuchungsgruppe nur noch 2,9 %. Dies zeigt einerseits, dass die Hashimoto-Krankheit, die ja u. a. durch erhöhte Antikörperwerte diagnostiziert wird, nicht zunimmt und dass es bei einem Teil der Menschen zu einem spontanen Verschwinden der Antikörper kommen kann. Eine weitere Erklärung für die vermeintliche Zunahme der Hashimoto-Thyreoiditis ist die Tatsache, dass besonders in früheren Jahren die Patienten nicht so gut über ihre Erkrankungen aufgeklärt wurden. Viele Patienten erhielten die Diagnose »Schilddrüsenunterfunktion« und es wurde eine Therapie eingeleitet. Auch aus meiner täglichen Praxis weiß ich, dass viele Patienten erst nach z. T. jahrzehntelanger Schilddrüsenhormonbehandlung erfahren, dass die Ursache für ihre Schilddrüsenunterfunktion eine Hashimoto-Thyreoiditis ist.
Die Hashimoto-Thyreoiditis ist die häufigste Schilddrüsenerkrankung im ▶ Kindesalter. Bei etwa 1–2 % der jüngeren Kinder und 4 % der Jugendlichen finden sich erhöhte Antikörperwerte ohne Nachweis einer Hashimoto-Erkrankung. Bei Erwachsenen sind Schilddrüsenknoten um ein Vielfaches häufiger als die Hashimoto-Erkrankung. Etwa 3,5 von 1000 Mädchen erkranken an einer Hashimoto-Thyreoiditis und 0,8 von 1000 Jungen. Nach der Pubertät überwiegen bei den neu erkrankten Kindern die Mädchen, und zwar im Verhältnis von 6,5:1. Bei Erwachsenen ist das Verhältnis von Frauen zu Männern über 10:1.
Früher häufiger als heute?
In Deutschland besteht seit einiger Zeit der Eindruck, dass mehr Jugendliche eine Hashimoto-Thyreoiditis haben könnten. Dies liegt aber vermutlich nicht an einer echten Zunahme der Erkrankungshäufigkeit, sondern an der Neueinführung einer Vorsorgeuntersuchung von Kindern und Jugendlichen zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr (sogenannte J1-Untersuchung). Früher sind nach den kindlichen Vorsorgeuntersuchungen (U1–U9) bis zum Erwachsenenalter keine weiteren Vorsorgeuntersuchungen gemacht worden. Mit Einführung der Jugendlichenvorsorge J1 sind viel mehr Jugendliche zum Arzt gegangen. Dabei sind dann manchmal im Ultraschall oder bei den Laboruntersuchungen Veränderungen aufgefallen, die zur Diagnose »Hashimoto« geführt haben. Diese vermeintliche Zunahme der Erkrankungen ist also eher auf die zusätzlich durchgeführten Untersuchungen zurückzuführen.
Viele Patienten berichten über Verwandte mit einer Unterfunktion der Schilddrüse. Bei genauem Befragen stellt sich heraus, dass fast immer eine Hashimoto-Thyreoiditis die Ursache ist. Es gibt also ein gehäuftes Auftreten dieser Erkrankung bei Familienmitgliedern betroffener Menschen. Ein typischer Erbgang wie bei anderen Erkrankungen besteht aber nicht. Es lässt sich daher statistisch auch nicht berechnen, wie hoch das Risiko für den Einzelnen in der Familie ist, eine Hashimoto-Thyreoiditis zu entwickeln. Auffällig ist aber, dass es Familien gibt, in denen viele Mitglieder betroffen sind und fast in jeder Generation Erkrankte bekannt sind, während in anderen Familien nur wenige Personen betroffen sind und häufig auch ganze Generationen übersprungen werden und krankheitsfrei sind. Warum dies so ist, ist nicht bekannt.
Eine große Untersuchung an 2945 Zwillingspaaren (5890 Einzelpersonen) wurde in Dänemark durchgeführt. Das Risiko, überhaupt eine Schilddrüsenunterfunktion zu haben, betrug für alle untersuchten Personen 0,41 %. Das heißt: Weniger als jeder 200. Mensch (im Alter von 38–47 Jahren) entwickelte bis zu diesem Lebensalter eine Schilddrüsenunterfunktion.
Lediglich bei eineiigen Zwillingen liegt das Risiko bei über 50 %, dass beide Zwillinge eine Unterfunktion der Schilddrüse entwickeln. Die für die Hashimoto-Thyreoiditis typischen Antikörper gegen die thyreoidale ▶ Peroxidase besitzen sogar 80 % der eineiigen Zwillinge, wenn ein Zwilling betroffen ist. Dies zeigt deutlich, dass nicht alle Personen mit nachweisbaren Antikörpern auch eine Schilddrüsenunterfunktion entwickeln müssen. Schon bei zweieiigen Zwillingen ist das Risiko, dass beide Zwillinge erkranken, bereits deutlich niedriger und ähnlich wie bei normalen Geschwistern.
Einige Gene, die die Funktion des Immunsystems regeln, stehen im Verdacht, an der Entstehung der Hashimoto-Thyreoiditis beteiligt zu sein. Ein einzelnes Gen, das die Erkrankung verursacht, gibt es allerdings nicht. Es scheinen also mehrere Erbmerkmale (Gene) an der Entstehung der Erkrankung beteiligt zu sein. So gibt es Hinweise, dass das sogenannte humane Leukozytenantigen-System (HLA-System) sowie das zytotoxische T-Lymphozyten-Antigen (CTLA-4) eine wichtige Rolle spielen.
HLA-DR3: Bei Menschen mit einer Hashimoto-Thyreoiditis, deren Schilddrüse im Verlauf deutlich an Größe verliert, ist wohl dieses Gen von Bedeutung.
HLA-DR5: Bei Patienten mit einer vergrößerten Schilddrüse scheint dieses Gen beteiligt zu sein.
CTLA-4: Wenig Zweifel gibt es daran, dass das CTLA-4-Gen zur Entstehung der Krankheit beitragen kann. Dieses Gen reguliert die Funktion einer bestimmten Art von weißen Blutkörperchen. CTLA-4 steht für »zytotoxisches T-Lymphozyten-Antigen«. Die T-Lymphozyten gehören zu den weißen Blutkörperchen und »zytotoxisch« kann man mit »zellschädlich« übersetzen. Somit greift dieses Gen direkt in die Immunprozesse des Körpers ein. Das Gen ist nicht nur an der Entstehung der Hashimoto-Thyreoiditis beteiligt, sondern ebenfalls mitursächlich für die Entwicklung anderer Autoimmunerkrankungen.
Damit Sie die Hashimoto-Thyreoiditis besser verstehen können, möchte ich Ihnen hier die Schilddrüse und ihre Funktionsweise näher erklären. Die Schilddrüse ist ein sehr kleines Organ, das für unseren Organismus aber eine umso größere Rolle spielt. Bei normaler Funktion und normaler Größe bemerkt man eigentlich nichts von dieser komplexen Hormondrüse.
Die Schilddrüse erinnert in ihrer Form an einen Schmetterling mit aufgeklappten Flügeln. Sie liegt unterhalb des Kehlkopfes kurz vor dem Beginn des Brustbeins. Sie hat einen Lappen, der rechts der Luftröhre lokalisiert ist, und einen linken Lappen, der auf der linken Seite der Luftröhre liegt. Verbunden sind diese beiden Seitenlappen durch einen schmalen Gewebesteg, der Isthmus genannt wird. Das Wort »Isthmus« kommt aus dem Griechischen und bezeichnet den engsten Punkt einer Landbrücke.
Die Größe der Schilddrüse variiert von Mensch zu Mensch etwas. Sie wiegt bei Frauen normalerweise weniger als 18 Gramm und bei Männern weniger als 25 Gramm. Solange die Funktion der Schilddrüse normal ist, gibt es auch keine zu kleine Schilddrüse. Die Größe der Schilddrüse ist wesentlich vom Jodgehalt der Nahrung abhängig. In Ländern mit sehr guter Jodversorgung (z. B. Schweden) sind die Schilddrüsen in der Bevölkerung durchschnittlich viel kleiner als in Deutschland mit einer gerade ausreichenden Jodversorgung. Wenn der Schilddrüse zu wenig Jod zur Verfügung steht, versucht sie durch ein Größenwachstum mehr Jod aus dem Blut aufzunehmen. Dieses Größenwachstum begünstigt dann auch die unkontrollierte Bildung von Gewebe und es können Schilddrüsenknoten entstehen.
Die Schilddrüse gilt als »drüsiges Organ«, weil sie Hormone produziert und in die Blutbahn abgibt. Sie kann allerdings auch einen sehr großen Vorrat an Schilddrüsenhormon speichern, der für mehrere Wochen reichen kann. Die Schilddrüsenzellen, die die Hormone produzieren, sind wie auf einer kleinen Kugel angeordnet. Im entstehenden Hohlraum wird das Schilddrüsenhormon innerhalb einer Eiweißsubstanz in Form des sehr großen Moleküls Thyreoglobulin gespeichert. Den Komplex aus kugelförmig angeordneten Schilddrüsenzellen und Speicherhohlraum nennt man Follikel. Dieser Begriff stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet ursprünglich einen Ledersack oder eine Hülse und veranschaulicht damit recht gut die Speicherfunktion der Schilddrüse für die gebildeten Hormone.
Die Schilddrüse ist ein sehr wichtiges Organ, das viele Körperfunktionen steuert oder mit beeinflusst. Ihre Arbeit ist entscheidend für das normale Funktionieren nahezu aller Organe und Organsysteme im Körper.
Kindliche Entwicklung Eine ausreichende Versorgung mit Schilddrüsenhormon ist bereits im Mutterleib für die normale kindliche Entwicklung wichtig. Leiden Kinder im Mutterleib an einem Schilddrüsenhormonmangel, kann es zu Frühgeburten, kindlicher Mangelernährung oder im schlimmsten Fall zu angeborenen geistigen und körperlichen Behinderungen kommen.
Nach der Geburt ist eine normale Schilddrüsenfunktion ebenso wichtig für das normale Gedeihen unserer Kinder. Alle Wachstumsprozesse und die Gehirnfunktion sind von einer gut funktionierenden Schilddrüse bzw. deren Hormonen abhängig.
Körpertemperatur Viele unbewusst ablaufende Körperfunktionen sind von der Schilddrüse mit beeinflusst. Die Schilddrüse regelt neben anderen Systemen die Körpertemperatur. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse frieren wir leichter, bei einer Überfunktion ist uns zu warm und wir schwitzen vermehrt.
Herzfrequenz Auch der Pulsschlag wird von der Schilddrüse mit geregelt. Zu viele Schilddrüsenhormone im Blut beschleunigen den Pulsschlag und können sogar Herzrhythmusstörungen auslösen, zu geringe Konzentrationen können den Herzschlag zu stark verlangsamen.
Verdauung Das Verdauungssystem regiert auf zu eine zu hohe Versorgung mit Schilddrüsenhormon mit häufigeren Stuhlgängen und breiigeren Stühlen bis hin zu Durchfällen. Unter Verstopfung können dagegen Patienten mit einer Schilddrüsenunterfunktion leiden.
Skelett und Knochen Auch das Skelett ist sehr empfänglich für zu hohe Konzentrationen von Schilddrüsenhormon im Blut. Die Knochenzellen werden aktiviert und der Knochen bekommt ein Signal zum Knochenabbau. Dies führt langfristig zu einer Abnahme der Knochendichte, einer Osteoporose, und erhöht die Gefahr von Knochenbrüchen.
Gehirn und Psyche Das Denken und andere Funktionen des Gehirns werden ebenfalls durch Schilddrüsenhormone beeinflusst. Zu viel Schilddrüsenhormon führt zu Konzentrationsstörungen, innerer Unruhe, Ängsten und Schlaflosigkeit. In der Unterfunktion bestehen Denkstörungen, Konzentrationsprobleme, ein erhöhtes Schlafbedürfnis, Antriebslosigkeit bis hin zu Apathie und im schlimmsten Fall können Bewusstlosigkeit und Koma eintreten. Auch eine depressive Stimmungslage kann durch eine Unterfunktion der Schilddrüse entstehen.
Die Regelhormone TRH und TSH Das erste Hormon im Gehirn, das die Produktion von Schilddrüsenhormon steuert, ist das Thyreoliberin (auch Thyreotropin-Releasing-Hormon, TRH). Es entsteht im Hypothalamus, einer Region im Gehirn, die dem Zwischenhirn zugerechnet wird. Wenn im Blut zu wenige Schilddrüsenhormone zirkulieren, wird dies vom Zwischenhirn registriert und es schüttet das Hormon TRH aus. Das Hormon wird auf kurzem Weg durch ein stark ausgebildetes Adergeflecht vom Zwischenhirn über den Hirnanhangsdrüsenstiel an die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) transportiert. Dort sorgt das TRH für eine Freisetzung von Thyreotropin (Thyreoidea stimulierendes Hormon, TSH). TSH ist ein Hormon, das die Schilddrüse (med. Glandula thyreoida) zur Produktion von Schilddrüsenhormon anregt. Eine zu geringe Menge an Schilddrüsenhormon im Blut kann aber auch direkt die TSH-Produktion in der Hirnanhangsdrüse aktivieren. So sind zwei Steuerhormone aktiv, um die Schilddrüsenhormonproduktion anzukurbeln. Aber nur das TSH wirkt direkt an den Schilddrüsenzellen.
TSH ist also kein Hormon der Schilddrüse, wie viele Menschen denken, sondern ein Regelhormon des Gehirns. Dies ist wichtig, um zu verstehen, dass die TSH-Werte bei einer Schilddrüsenunterfunktion steigen, um die Hormonproduktion anzuregen. Umgekehrt sinken die TSH-Werte bei einer Überfunktion ab, da ja kein stimulierendes Hormon benötigt wird.
Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 Um das Jahr 1915 konnte der amerikanische Forscher Edward Calvin Kendall erstmals aus Schweineschilddrüsen das Schilddrüsenhormon Thyroxin isolieren und 1926 gelang es dem britischen Biochemiker C. R. Harington, das Thyroxin künstlich herzustellen. Noch im selben Jahr wurde Thyroxin von dem deutschen Pharmazeuten Georg Friedrich Henning für die Patienten erstmals auf den Markt gebracht.
Für die Funktion des Organismus sehr wichtige Hormone sind das Trijodthyronin (T3), das drei Jod-Atome enthält, und das Levothyroxin oder kurz Thyroxin (T4), das vier Jod-Atome enthält. Die Zahl 3 bzw. 4 weist also auf die Anzahl der eingebauten Jod-Atome hin. Hier wird deutlich, dass das Spurenelement Jod für die Produktion von Schilddrüsenhormon zwingend notwendig ist.
Der Schilddrüsenhormon-Regelkreis
Der Grundbaustein der Produktion von Schilddrüsenhormon ist der Eiweißbaustein Tyrosin, eine Aminosäure. Durch Umbauprozesse wird Jod angelagert und es entstehen T3 und T4. Auf dem Produktionsweg und durch Abbauprozesse entstehen allerdings auch Eiweiße mit nur einem (Monojodtyrosin) oder zwei Jod-Atomen (Dijodtyrosin). Ob diese oder andere Produkte der Schilddrüsenhormonproduktion eigene Wirkungen haben, ist zurzeit Gegenstand der Forschung.
Zum jetzigen Zeitpunkt geht man davon aus, dass alle wesentlichen Prozesse im Körper durch T3 und T4 geregelt werden. Dabei betrifft der ganz überwiegende Teil der Schilddrüsenhormonproduktion die Herstellung von T4. Mindestens 95 % der Hormonproduktion entfallen auf dieses Hormon. T3 macht die restlichen ca. 5 % der Hormonproduktion aus.
