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Die ersten Hörtest, das erste Hörgerät - wer sich zu seiner Schwerhörigkeit bekennt und ihr etwas entgegensetzen will, der kriegt was auf die Ohren! Der Autor ist einer von 16 Millionen Schwerhörigen in Deutschland. Viele von ihnen genieren sich, fühlen sich beschädigt, gestehen die "Schwäche" ungern ein. In einem Tagebuch beschreibt Mieder ehrlich und (selbst)ironisch über die Erfahrungen der ersten 80 Tage neuer Hör-Erfahrungen.
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Eckhard Mieder
"Hä? Wie? Was hast du gesagt"
80 Tage, die meine Welt erschütterten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
„Wie? Hä? Was hast du gesagt?“
Dr. Trump oder: Wie wir lernen die Bombe zu lieben
„Preiswerte Hörgeräte, kostenlose Hörtests – lassen Sie sich besser beraten!
Impressum neobooks
von
Eckhard Mieder
Wer nicht sehen kann, verliert den Kontakt zu den Dingen. Wer nichts hören kann, verliert den Kontakt zu den Menschen.
Immanuel Kant
Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen.
Helen Keller
12. Mai, 1. Tag:
Heute Morgen wurden mir die zwei Trainings-Hörgeräte verpasst; das mit dem roten Punkt kommt ins rechte, das mit dem blauen Punkt ins linke Ohr. Zwischen den Ohren existiert mein Gehirn, dem ich in meinem Leben schon allerhand Lautes und Leises zugemutet habe. Einige Informationen, die auf Schallwellen hineingetragen und zu Nerv-Impulsen, schließlich Sounds, Wörtern, Sätzen umgewandelt wurden, gibt es mir wieder, wenn sich sie brauche, mich erinnern oder mich orientieren möchte. Anderes, vieles (das meiste?) hat es versenkt; auf dem Grunde dieses Ozeans liegen unzählige Wracks, Amphoren, Kanonen, Schatzkisten. In diesem meinem Gehirn findet ein Kommen und Gehen, ein Durchschleusen und Sterben, ein Absterben und Gebären, Vernichtung und Schöpfung statt. Nicht anders als im Hirn eines jeden Menschen.
Der Gehör-Akustiker, ein Mann breiter Schultern und imposanter Zuversicht, führt mich in das Therapie-Ritual ein. Für zwei Wochen werde ich jeden Tag eine Stunde lang spezielle Tests absolvieren. Dieses Gehör-Training dient dazu, „das Vermögen zu steigern, Sprache zu verstehen – auch wenn Störgeräusche vorhanden sind -, um so das Vertrauen in diese Fähigkeit zu festigen“.
Das erste, was ich in der alten, neuen Welt fast erschreckend deutlich und erschrocken wahrnehme, als ich den Laden verlasse: das Zischen der Autoreifen auf dem nassen Asphalt. Dann etwa 30 Meter vor mir eine Frau, die einen Rollkoffer nach sich zieht. Welch ein Poltern! Jetzt nähert sich hinter mir eine Frau mit ihren klackernden Schuhen (oder ist es ein Mann in Pumps?), kommt näher, überholt mich; es ist eine Frau, die auf schnellen, drallen Beinen ihrem Freund, Mr. Termin, zuläuft.
Gegen Mittag hole ich das Auto aus der Werkstatt ab. Das Geräusch des Blinkleuchters habe ich so noch nie gehört. Ein Tocken, ein trockenes Klacken. Der (vorläufige) Clou ist der anschließende Besuch in der Kaufhalle neben der Tankstelle. Eine Wahnsinns-Kakophonie von Tönen. Scheppern, Splittern, Klingeln, Knistern, Scharren – und was alles noch?! Ich werde neue Wörter für mein frischneues Hören erfinden müssen. So wie es in einem der ersten Tests für den ersten Tag gefordert ist: Sprechen sie die erfundenen Wörter nach und schreiben Sie sie auf; werde ich für die Geräusche neue Wörter erfinden müssen?
Vor der Haustür begegne ich Mascha, die Nachbarin unter uns. Sie lacht und sagt: „O, du hast Antennen in den Ohren!“ Ich sehe ein bisschen wie ein Marsmensch aus: der kurzen, durchsichtigen Plastefäden wegen, an denen die Hörgeräte aus den Ohren gezogen werden. Sie meint, dann müsse sie nicht mehr so laut sprechen. „Wie?“, fragte ich. „Hatte meine Schwerhörigkeit schon solche Folgen, hat man sie schon so gemerkt?“ „Nein, höchstens, dass du oft gefragt hast: ‚Bitte?‘“ Also das, was vermutlich vielen Menschen (Frau und Töchter sowieso) auffiel: dass ich um Wiederholungen bat. Hä? Wie? Was hast du gesagt??
Manchmal kamen die Nach-Fragen aus oberflächlicher Gewohnheit, glaube ich. Ich hatte recht eigentlich verstanden, hatte mich gedanklich nicht eingestellt (oder war in Gedanken nicht im Gespräch?) und wartete nicht auf die Realisierung des Gesagten, sondern fragte gleich: „Was hast du gesagt?“, „Wie bitte?“, „Noch einmal, bitte.“ Es war – neben der zweifellos vorhandenen Harthörigkeit – Bequemlichkeit im Rede-Spiel. Aber dass das Fernsehgerät ziemlich laut gestellt werden musste und ich trotzdem vielen Dialogen nicht folgen konnte, ist auch Fakt. (Wobei ich diesbezüglich wiederum nicht nur meine Ohren für schuldig erkläre. Es werden in manchen Filmen auch sehr bizarre Tonmischungen angeboten, zu schweigen davon, dass es für etliche Schauspielerinnen und Schauspieler en vogue ist, vor sich hin zu nuscheln. Und über Dialekte denke ich gleich gar nicht nach; Berlinern oder Bayerisch muss entweder talentiert gelernt oder von Hause aus gegeben sein. Es ist nicht so, dass akustische Klarheit um mich herum ist.)
Mich erheitert Maschas „Selbstkritik“, als sie zugibt, sie wisse aber von sich selber, dass sie sehr leise spreche. Das beruhigt mich ein bisschen; es lag (liegt) nicht immer an meinen Ohren, sondern auch an der Verständlichkeit des Gegenübers. Mascha spricht in der Tat sehr leise, ein bisschen vernuschelt, sehr verhalten, nenne ich es ihr gegenüber. Sehr in sich hinein. Aber sind das alles nicht Ausflüchte, Ausreden, ein Sichwinden vor der Hör-Malaise?
Mir beim Naseschnauben zuzuhören, zu hören, wie die Hose beim Anziehen raschelt, wie das Papier einer Zeitung beim Umblättern knattert, mein Schlucken ist ein Hör-Ereignis – das ist wie in einem Spiel; nur dass es kein Spiel ist, meine Prothesierung (oder Prothetisierung?) hat eine neue Nuance bekommen. Ein paar Zahnkronen habe ich schon, eine Brücke wurde mit vorige Woche entfernt (weil ein dazugehöriger Stütz-Zahn krank war und aus dem Zahngehege geext wurde), ein bissel Meniskus im linken Knie fehlt (nun, das ist keine Prothesierung), ich habe eine Neigung zu Thrombosen – alles in allem kann ich bilanzieren: Ich werde unausweichlich alt; hoffentlich. Vor drei Tagen war mein 64. Geburtstag. (Was habe ich in den letzten Jahren alles nicht gehört? Was habe ich zum Glück nicht gehört, was habe ich zum Schaden versäumt?)
Ist es ein Zeichen – wenn ja, wofür? -, dass ich just an meinem Geburtstag einen Steckbrief am Amtsgebäude neben dem REWE-Supermarkt entdeckte. Gesucht wird die Identität eines Mannes (Zeichnung seines Gesichtes), der tot in einer Metallkiste am Ufer der Elbe unweit von Dessau-Roßlau gefunden wurde. Ich muss an meinen neuen Personalausweise denken und an den Beamten, der mich fragte, in welchem Dessau ich geboren sei. Es stellt sich heraus, dass die Stadt Dessau zu Dessau-Roßlau erweitert (oder amtlich-bürokratisch verknappt?) wurde; es hat wohl eine Gebiets-Reform gegeben, und so steht seit neuestem als mein Geburtsort im Perso: DESSAU JETZT DESSAU-ROßLAU. Und zwar ein Roßlau und nicht Rosslau. Was hat das mit meinen Ohren zu tun?
Im Übrigen pfeifen die Vögel verdammt laut. Ich bin mal gespannt, ob ich, wenn wir im Sommer wieder durch Skandinavien wandern, die Pfifferlinge wachsen höre. Dieses Geräusch würde ich dann „Pfiffersingen“nennen. Dies ist mein erster Neologismus in diesem Tagebuch.
Am Nachmittag ein Fernsehen-Test. Ich schalte mich in „Rares für Bares“ rein und – halte für ein Willkommens-Zeichen, was ich als erstes sehe. Ein Gemälde des norwegischen Malers Anders Askevold wird angeboten. 1887 gemalt, „Am Hardangerfjord“. Ausgerechnet eine norwegische Landschaft, ausgerechnet der Hardangerfjord! In der Hardangervidda (Ost) sind Sabine und ich vor zwei Jahren gewandert, wir haben für diesen Sommer vor, drei Wochen durch die Hardangervidda (West) zu wandern. Wie das Wandern durch skandinavisches Gelände seit zehn Jahren ein Muss für uns ist. Als Agnostiker glaube ich nicht an Zeichen und Wunder. Aber ein solches Bild (das der Maler, höre ich vom Experten in der Sendung, in seinem Düsseldorfer Atelier gemalt hat) an diesem ersten Tag meines neuen Hörens zum Verkauf angeboten wird – erzähle mir mal einer was von Zufällen, Zeichen und Zusammenhängen. (Der Experte schätzt den Wert des Bildes auf 2.000 Euro; die Anbieterin wird es für 1.650 Euro los.)
Während des Fernsehens esse ich zwei Stullen. Das Geräusch des Kauens beeinträchtigt das Hören immens. Ich nehme die Hörgeräte heraus. Mir beim Kauen zuzuhören … Wie wird sich das entwickeln, ein Differenzieren der Töne, eine spezielle Gewöhnung des Gehirns bzw. der Bereiche, die für das Hören verantwortlich sind? Sicher ist schon jetzt: Ich höre seit heute anders als gestern. Sicher dürfte sein: Die Wahrnehmung der Welt, wo sie sich akustisch preisgibt, anbietet, gewärtig ist, wird eine andere werden (ist schon eine andere). Ich bin nicht euphorisch, ich bin nicht überfordert, ich bin nicht traurig, ich bin überrascht; vor allem bin ich neugierig auf das, was geschehen wird.
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Erster Tag auch als Versuchskaninchen im Selbsttest der „terzo“-therapie. Der Gehörakustiker hat mit mir am Morgen eine Stunde lang die Test-Methodik durchgespielt. Um 18 Uhr setzte ich mich vor den Player und folge den Anweisungen der ersten sieben Aufgaben: Informationen gewinnen und Lautlesen; Zahlen verstehen, nachsprechen und notieren; Wörter verstehen, nachsprechen und kennzeichnen; Anhören und beurteilen – Konzentrationsübung auf ein Zielwort; Gedächtnistraining – Ziffern anhören, merken, nachsprechen und kennzeichnen; Akustische Merkfähigkeit – anhören, nachsprechen und notieren …
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Am Abend stoßen Sabine und ich mit Sekt auf die neuen Ohren an. Sie betreffen nicht nur mich. Sie machen es ihr leichter, mit mir zu reden. Wahrscheinlich nicht sehr erhebend für meine Liebste gewesen, immerzu wiederholen zu müssen, wenn sie mit mir sprach. Sagen wir mal: vieles von dem, das sie zu mir sprach, musste sie wiederholen. Bin ich also jetzt einer von den grünen Marsmännchen mit Antennen ausm Kopp.
13. Mai, 2. Tag
Werde ich eines Tages im Rückblick mein Leben einteilen in die Phase vor den Ohrstöpseln und in die Phase mit den Ohrstöpseln? Jedes Geräusch ist jetzt anders; jedes Geräusch ist jetzt neu. (Und ich vergesse, wie es sich vorher angehört hatte? Dumpfer, leiser, matter, oder ich hörte es überhaupt nicht mehr, weil es ein Leben lang gewohnte Töne waren? Nur, dass sie sich unmerklich „verdrückten“, dass die Sounds schwächer wurden, unschärfer, ungewisser? Eine gewachsene Schwerhörigkeit wie ein im Fjord vom Meer hereinkommender Morgen-Nebel?)
Die erste Stunde des Tages mit dem Hörgerät, das ich mir nach dem Duschen einsetze. Noch nackt. Dass Anziehen der Unterwäsche, ein lautes Streifen. Die Jeans mit der laut klackernden eisernen Gürtelschnalle. Die Schritte über den Laminat-Fußboden im Wohnungsflur, danach die Schritte auf den Steinplatten des Hausflures. Drei Treppen, das Öffnen der Haustür, das klirrende Öffnen des Briefkastens, das Ffffft bei der Entnahme der Zeitung. Wieder die Schritte nach oben. Kühlschrank. Butter, Pflaumenmusglas, das Brot raschelt laut in der Papiertüre, als ich es aus dem porzellanenen Behälter nehme. Usw. usf. Nachher werde ich zum Sport gehen, die samstägliche Stunde „Fettburner“ (was für ein seltsames deutsch-englisches Kompositum, ein denglisches Wort). Ich bin gespannt, wie ich die ohnehin laute, treibende Musik höre oder – das Wort passt: - verkrafte. Und die mitleidlos-kundigen Anweisungen unserer Vorturnerin Antigoni.
Sabine wird nicht mitkommen, sie ist noch immer stark erkältet. Ich werde als einziger Mann allein zwischen den Frauen mich strecken, tänzeln, und mich zum nächsten Mal fragen, welches Fett diese schlanken Wesen um mich herum burnen wollen?
*
Ich ertappte mich gestern in der Kaufhalle dabei, anderen Menschen auf und in die Ohren zu schauen: ob sie Hörgeräte tragen. Es könnte zu einer Manie werden. Blickkontakt zu suchen, scheint mir etwas Normales zu sein; und Hör(gerät)kontakte? Obwohl es mir in den letzten Jahren so vorkommt, als vermieden es die Menschen, sich anzuschauen. Vor allem von Frauen werden Blicke selten erwidert; wenn, dann nur kurz. Kann es sein, dass sie als Mädchen dazu erzogen werden, Männern nicht länger in die Augen zu schauen, weil das als Aufforderung zum Kontaktieren – Daten? – verstanden wird? Sind die Kerle wirklich so bescheuert oder „so drauf“? Dass die meisten Menschen in vollen Bahnen, auf Bahnhöfen, überall dort, wo sie klumpen, ohnehin in ihre elektronischen Zauberwelten versunken und wie die Behämmerten auf ihren Displays herumwischen oder –tippen, trägt zu Blickkontakten nicht bei. Sie schauen nicht mal auf, wenn sich jemand neben sie setzt und einem quasi „auf die Pelle“ rückt.
Also was Neues: zu den Blickkontakten kommt der Hörkontakt. Das ist eine Bereicherung. Oder ist es eine der Facetten, die mein Hörakustiker meinte, als er gestern davon sprach, ich werde entzückt sein über die neue Lebensqualität? So sprach er, als ich anfangs meinte, es würde wohl eine Umstellung werden, an die ich mich gewöhnen müsse. Falls der Spezialist aus diesen Sätzen eine Bange herausgehört haben sollte, irrte er. Bis jetzt bin ich nur neugierig. Vielleicht ist es so wie mit den meisten Sachen, die man aktuell erfährt, die einen fokussierten Zugang herauskitzeln. Wenn du einen Schlaganfall hattest, interessiert dich plötzlich alles, was mit Apoplexien zu tun hat. Statistiken, Erfahrungsberichte, Artikel. Wenn du mal in Shanghai warst, nimmst du jede Nachricht über diese Stadt des Fortschritt-Wahnsinns begierig auf. Es entsteht in dir ein Wundern: darüber, dass du dich nicht schon immer (und obzessiv?) für Schlaganfälle und für Shanghai interessiert hast. Bis etwas Nächstes kommt, das ebenso wieder deine Aufmerksamkeit einsaugt. Etwa ein neues Auto oder der Fund eines bisher unbekannten Mikroorganismus im Abwasser der Städte. Du stellst plötzlich fest, dass es von Autos deiner Marke auf den Autobahnen und von Mikroorganismen in der Kanalisation nur so wimmelt.
Im Übrigen bin ich ein Fatalist. Ich nehme an, es sind die Gene meines Vaters, an den ich mich als Fatalisten erinnere. Als einen freundlichen Mann, der es nahm, wie es kam. Schmerzen, unverhoffte Schicksalswendungen der unangenehmen Art, Abstürze (etwa aus seiner Karriere als Offizier) – er nahm sie mit Demut, Friedlichkeit, vielleicht aus Lethargie, und er wurde darüber nicht zum Zyniker. (Ich muss es nicht werden, ich bin, glaube ich, einer; meine misanthropischen Züge, mindestens die, kann und will ich nicht verleugnen. Es widert mich an, rituell auf die Frage: ‚Wie geht’s?‘ mit einem ‚Supergut!‘ prahlend zu antworten, wenn ich bspw. mit meiner Schwerhörigkeit „kämpfe“. Im Übrigen werden Menschen wie Nietzsche die Bezeichnung ‚Misanthrop‘ geradezu wie eine Auszeichnung verliehen; oder muss man erst tot sein, um als ‚Misanthrop‘ geachtet zu werden?)
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Der Schlüsselbund im Schloss klirrt wie eine Schlacht, in der mit Schwertern gegeneinander gekämpft wird; so stelle ich mir jedenfalls, Rebecca-Gable-geschult, eine Schlacht zwischen Rittern und Mannschaften vor. Die Klospülung rauscht wie ein Sturzbach, oder wie ich den Dettifoss auf Island hörte. Der Einkaufswagen, der in einen anderen geschoben wird, gellt wie ein Unfall mit Blechschäden durch die Tiefgarage der Kaufhalle (ich mag das Wort, es gehört zu meinem Leben, mehr als der ‚Supermarkt‘; was verbinden ‚Super‘ und ‚Markt‘ miteinander? Das gehört in die Schachtel der Wörter, in der auch ‚Fettburner‘ steckt.)
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Die Anweisungen Antigonis und die Musik nehme ich nicht anders wahr als vorher sonst. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich auf die Reihenfolge der Bewegungen konzentriere – und nicht auf mich und meine Ohren. Merke: Bist du konzentriert, weißt du nicht, dass du „Plastikohren“ hast.
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Am Nachmittag fahren wir zur HORNBACH-Filiale, die wir in zehn Minuten über die Autobahn erreichen. Es herrscht dickster Autoverkehr. Das Wetter ist sommerlich, obwohl für den späten Nachmittag Gewitter und starker Regen angesagt sind. Es ist der normale Samstagverkehr um Frankfurt herum. Es gehört zur Alltagskultur, den Samstag für Einkäufe zu nutzen, zu denen man an den Werktagen in der Woche nicht kommt. Das muss man wissen, wenn man sich einreiht und Teilchen dieses Wahnsinns Verkehr wird. Nicht meckern im Stau, du gehörst dazu, du staust mit!
Was ich nicht neu erfahre: Mich nervt die Konsum-Welt sehr rasch. Immer schon halte ich es nicht lange in Kaufhäusern, auf Märkten, in Kaufhallen aus. Mir ist alles zuviel. Die Waren, die Menschen, nicht selten laufen über Monitore Werbefilmchen oder aus Lautsprechern verbrechert Musik – ich bin weder konsum-puritanisch noch ein Prediger der Askese. Es könnte sein, dass mein Genervtsein eine Facette meiner Klaustrophobie ist. (Ein platzängstlicher und Menschenmassen hassender, schwerhöriger Misanthrop, oje!) Ich leide nicht unter ihr. Warum soll es Leiden sein, wenn man mit Menschen- und Produkte-Massen nicht gern in Berührung kommen möchte? Vielleicht ist es auch so, dass jedem Menschen von allen Dingen, die er haben möchte, die er erleben kann, die er sehen, , schmecken, hören will, im Leben ein bestimmtes Maß bestimmt ist. Wenn du das Maß an Rotwein erfüllt hast, möchtest du keinen mehr trinken; er schmeckt nicht mehr. Wenn du die Zahl der Zigaretten, die du rauchen musstest, erreicht hast, wirst du zum Nichtraucher. (Ich las mal, dass einem Mann eine bestimmte Zahl von Erektionen und/oder Ejakulationen zur Verfügung steht. Vermutlich ist das wissenschaftlich gesehen der reine Humbug. Wäre diese Maß-Theorie wahr, dann gäbe es doch so etwas wie Schicksal oder einen Gott, der als Buchhalter agiert? Dessen Bücher mögen mir für immer verschlossen bleiben.)
Vom HORNBACH laufen wir ein paar Schritte zum IKEA, wo wir die Tischchen für den Balkon bekommen, die wir auf dem Baumarkt nicht fanden. Während des Gangs durch das schwedische Angebote-Labyrinth leichte Panik. Die hat aber mit den Hörgeräten nichts zu tun; es ist eben das Gefühl, von allem zu viel angeboten zu bekommen; Dinge und Menschen sind eine Invasions-Armee, die mich belagert.
Anschließend fahren wir noch rüber zum SUNFLOWER, wo die Hölle los ist. Ich glaube, jeder, der im Rhein-Main-Gebiet einen Garten oder einen Balkon hat, holt sich hier seine Sämereien, Pflanzen, Unkrautvertilger, Spaten, Rasenkantenrasierer. Jeder, der bereit ist, ein paar Euro mehr als im Supermarkt (ergo Kaufhalle) auszugeben, deckt sich hier mit den Agrarprodukten der Saison ein oder kauft Wurst und Fleisch für das Wochenend-Grillen. Im SUNFLOWER (wieder so ein brachiales Kompositum, das es im englischsprachigen Raum vielleicht gar nicht gibt; gibt es dort den ‚Fettburner‘, der dort mindestens ‚Fatburner‘ heißen müsste?) scheint die Sonne für jeden, der um sich herum eine grüne Welten-Hülle schaffen will.
Vier Tomatenpflanzen, drei Gurken, und ein Viertel Melone, auf die ich urplötzlich Appetit bekam. Wir essen eine Bratwurst, trinken einen badischen Weißwein dazu – ich bin froh, als wir zuhause sind, und meine Ohren entspannen sich, der ganze Kerl entspannt sich.
Apropos: Sabine meinte, bevor ich zum Sport fuhr, ich sollte aufpassen, dass die Hörgeräte bei den Übungen nicht herausfallen. Sie sind nicht herausgefallen, sie stecken fest und sicher. Ich setze mich noch für eine Stunde hin und mache den Test des zweiten Tages der „terzo“-Therapie. Dem Aufgabenheft ist ein Lösungen-Heft beigegeben. Ich kann, nachdem ich die Aufgaben gemacht habe, nachschauen, wie „perfekt“ ich bin. Ziemlich, lobe ich mich. So wie mich Sabine für meine Disziplin lobt. Das hilft übrigens, weiß ich sofort und für alles Weitere: Jemanden zu haben, der lobt, unterstützt, mit Humor beiträgt (oder erträgt).
Ihr Vater, inzwischen 92 und seit langem schwerhörig, ist uns ein – schlechtes Beispiel. Er hat sich jahrelang (aus Eitelkeit? aus Selbstüberschätzung?) einem Hörgerät verweigert. Als er es schließlich doch bekam oder nahm, fremdelte er damit. Mal trug er es, mal trug er es nicht. Und mit den Jahren nahm es zu, dass er in Gesprächen den Beitrag der anderen erriet. Und mit den Jahren nahm auch zu, dass er auf Fragen nicht reagierte und Monologe sprach. Ob passend oder nicht, spielte keine Rolle mehr. Man kann sagen, dass es einem sehr, sehr alten Mann egal sein kann (und mein Schwiegervater ist ansonsten ein kregler und wacher Mann), was er spricht, was andere verstehen, was andere von ihm halten. Aber ich will schon lieber noch, dass mein Reden eine Beziehung zum Thema hat. Die Zeit des Vorsichhinpalaverns kommt schon noch.
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Am Ufer eines Sees hat ein Kind vom Wasser her zwei schmale Kanäle gegraben – etwa einen Meter lang und einige Zentimeter breit. Die Wasseradern sind rund einen Meter voneinander entfernt und auf ihrer Oberfläche schwimmt jeweils ein kleines Boot, sanft gewogen von den Wellen des Sees. Sie selbst sitzen in der Mitte zwischen den Kanälen und haben eine Aufgabe: Allein anhand der schwankenden Miniboote sollen sie erschließen, was auf dem See los ist, wie viele Wasserfahrzeuge sich etwa darauf befinden und wo. Völlig unmöglich, werden Sie denken. Und doch halten Sie es für selbstverständlich, dass Sie in einem Raum heraushorchen können, wo sich einzelne Sprecher befinden.
Beide Situationen sind durchaus vergleichbar: Auch beim Hören erhalten wir nur die Informationen der Trommelfelle im linken und rechten Ohr, die durch von menschlichen Stimmen erzeugte Schallwellen schwingen. Aus diesen Schwingungen vermag das Gehirn eine komplexe akustische Welt zu rekonstruieren. Und das Gehör informiert nicht nur darüber, wo sich eine Schallquelle befindet und ob es sich beispielsweise um einen Menschen oder eine laute Verkehrsstraße handelt. Das Gehirn verarbeitet die unterschiedlichsten Schallinformationen, vom Rauschen der Blätter bis zur Stimme eines geliebten Menschen – und verknüpft sie mit Erfahrungswerten und Emotionen oder auch mit anderen Sinneseindrücken.
(aus: Wikipedia)
Als wir uns am Abend den European Song Contest anschauen – er wird in diesem Jahr in Kiew ausgerichtet -, kann ich die Lieder bei Zimmerlautstärke verstehen; hören kann ich sie, verstehen muss ich den Kram nicht. Es ist unterhaltsam, die Punkteverteilung am Ende ist amüsant und voraussehbar, wenn ein Land seinem Nachbarland in alter und in aller Freundschaft einen Haufen Punkte zuschanzt, und am Ende ist die deutsche Vertreterin auf dem vorletzten Platz. Mit insgesamt sechs Punkten der Zuneigung. Werden wir Deutsche, schluchz, so wenig geliebt in Europa, dass am Ende der Show ein leicht infantil wirkender portugiesischer Melancholiker gewinnen kann? Ich gebe zu: War ein faszinierender Jazz-und-Fado-Auftritt des jungen Mannes, der zum Schluss mit seiner Schwester zusammen, die das Lied komponierte und schrieb, auftrat. Außerdem soll er an einer Herzerkrankung leiden; ob er auch schwerhörig ist? Bin ich herzkrank?
14. Mai, 3. Tag
Sage ich Hörgerät oder sage ich Hörgeräe? Ist das Hörgerät der Sammel-Begriff für die beiden Ohrstöpsel, oder will jeder Stöpsel als Hörgerät bezeichnet werden? Womöglich leidet das eine oder das andere von denen unter Minderwertigkeitskomplexen, wenn es nicht als originäres, singuläres Hörgerät tituliert wird. Ein Professor oder Doktor legt schließlich auch Wert auf seinen akademischen Grad.
*
Unangenehm: Jeder Schritt hallt in meinem Kopf. Das Kauen und das Schlucken höre ich von innen. Ebenso höre ich mich lauter sprechen, d. h. ich höre mich als einen Fremden; so wie man seine eigene Stimme von einer Sprechaufzeichnung, etwa von einem Tonband hört. Selbst bekannte Künstler, Sänger, Schauspieler, Sängerinnen, Schauspielerinnen sprechen von diesem ihnen bizarr erscheinenden Effekt: dass sie sich selber nicht gern hören. Ich vermute, diese Effekte werden mein Leben fortan begleiten. Da hilft nur, sich daran zu gewöhnen und - es fatalistisch zu ertragen?
Eine andere Gewohnheit, die man (ich) früher hatte, ist das unbewusste, reflexhafte Puhlen oder Popeln im Ohr. Wenn es juckt, dann geht man mit dem Finger in den Gehörgang und reibt ihn. Oder kratzt in ihm. Dass das so war, erfahre ich jetzt, da ich mich gelegentlich kratzen möchte und nicht daran denke, dass mein Gehörgang verstopft ist. Von diesem Hörgerät. Daran kommt der Zeigefinger nicht vorbei.
*
Im Garten. Während ich ein Beet säubere, singt hell ein Vogel. Ein zweiter antwortet, ein dritter Gesang kommt dazu. Gesang ist zu groß: Sie schmettern zwei, drei Töne, so klar, dass es mir scheint, sie sitzen über mir im Mirabellen-Baum. Tun sie aber nicht. Ich suche nach ihnen, ich finde sie nicht. (Manfred Krugs soulige Stimme, „Erster Mai, ich suche dein Gesicht. Am Marx-Engels-Platz, ich find‘ es nicht“, geht mir durch den Kopf.) Dann kurz hintereinander, fünf-, sechsmal ein gleicher Ton, als fiele etwas trocken um. Ich, auf den Knien, schaue auf und zum Nachbarn hinüber. Ob er gekommen ist, und er tut irgendetwas Handwerkliches mit irgendeinem Gerät. Ist er nicht. Dann – setzt der Regen ein. Kurz und heftig. Das „trockene Umfallen“ waren die ersten Tropfen auf dem Well-Plaste-Dach über der Veranda.
Ich muss an die Regen in Lappland denken. Sie fangen tröpfchenhaft, sanft an und werden dann zu einem Strichregen. Allerdings nie lange. Und beim Weiterwandern ist man sehr schnell wieder getrocknet. Wir werden im August durch die Hardangervidda in Südnorwegen wandern. Drei Wochen mit dem Zelt und mit Proviant auf dem Rücken. Was werde ich zu hören kriegen? (Ich wiederhole mich.)
Mir fällt ein, wie wir vor vier Jahren in der Eifel übernachteten. In einem Waldstück oberhalb Gerolsteins. Es war ein Test für uns. Es ist in Deutschland, anders als in Skandinavien, nicht erlaubt, sein Zelt irgendwo im Wald aufzuschlagen. Gründe dafür gibt es sicherlich, ich kenne sie nicht, ich will sie auch nicht erfahren. (Meine Sehnsucht, in Deutschland im Wald oder an einem See zu zelten, hält sich in Grenzen. Es gibt ausgewiesene Zelt- bzw. Campingplätze. Sie sind in der Regel vollgestellt mit ausrangierten und zu Lauben umfunktionierten Wohnwagen. Wie ein Alibi: ein paar Quadratmeter sind freigehalten für wenige Zelte; als Zeltler fühlst du dich zwischen den grillenden, biertrinkenden, Fernsehernden wie ein Neandertaler; wie hat sich ein Neandertaler gefühlt? Gab’s damals schon Schwerhörigkeit? Oder war es Überlenes-Pflicht, hellhörig zu sein. Wegen Säbelzahntiger und Mammut?)
In der Nacht wachten wir von Geräuschen auf, die wir noch nie gehört hatten. Jemand war wütend. Jemand strich durch den Wald, mal kam er näher, mal entfernte er sich, und brüllte und röhrte. Mir rutschte das Herz in die Hose. Dann wurde es still, die Bestie zog fort.
Am nächsten Tag trafen wir einen Jägersmann, dem wir von der Nacht erzählten. Da hätten wir einen brünftigen Rehbock gehört, noch dazu einen, der mit der Anwesenheit eines roten Zeltes in seinem Revier ganz und gar nicht einverstanden gewesen war.
Heute stelle ich mir vor, ich hätte damals ein Hörgerät getragen. Des Tieres Geräusche wären mir wie Saurier-Gebrüll (obwohl, das kennt niemand) vorgekommen. Wiederum: Nachts werde ich das Hörgerät nicht tragen, nachts bleibt alles beim Alten.
Das Hören ist nicht nur zum Vergnügen da, sondern hat ganz praktische, teilweise überlebenswichtige Bedeutung für Mensch und Tier. Ohne das Knacken eines Asts zu hören, das ein Fressfeind in der Nähe verursacht, würde es so manchem Lebewesen schlecht ergehen. Und auch damit wir nicht buchstäblich unter die Räder eines Autos geraten, müssen wir Schall orten. Hierfür greift das Gehör auf einen Trick zurück: Es wertet bei hohen Tönen die Differenz der Intensität aus, mit der das Geräusch an beiden Ohren ankommt. Bei tiefen Frequenzen kalkuliert es die Zeitdifferenz mit ein, die der Schall beansprucht, um das von der Reizquelle weiter entfernte Ohr zu erreichen.
(aus: Wikipedia)
15. Mai, 4. Tag
Acht Uhr morgens, Sonne und blauer Himmel, vereinzelt weiße Wolken. Ein Maientag aus dem meteorologischen Bilderbuch. Erwähnenswert, weil das Jahr Kapriolen trieb und ein kapriziöses Wetter im Angebot hatte. Im März gab es zwei sommerliche Wochen, die die Obstblüte herauskitzelte. Im April folgten kühle, kalte Tage mit nächtlichen Bodenfrösten. Apfel, Kirsche, Mirabelle, Pflaumen erfroren, nur der Mispelbaum, der blühte später los. Ich weiß, dass Obstbäume über eine Reserve an Zellen verfügen. Es wird trotz des Frostes Früchte geben. Aber wenige.
Während ich nach draußen in die Bäume schaue (hoch gewachsene, mit hängenden, lahmen Ästen bestückte Kiefern, die wie eine trauernde Wand zwischen drei Grundstücken stehen und bedrückend sind) -, komme ich auf einen Trick, mich selber zu betrügen. Wie wäre es, ich steckte die Hörgeräte nicht schon nach dem Duschen, sondern erst nach dem Frühstücken in die Ohren? Auf eine Stunde mehr ohne – kommt es darauf an? Ich kann mir wenigstens bei einer Mahlzeit am Tag das unangenehme Anhören meines Kauens und Schluckens ersparen. Und Töne, die ich genau zur Kenntnis nehmen muss, kommen höchstens von meiner Frau, wenn wir zusammen frühstücken und uns über den Verlauf des Tages unterhalten, über Träume in der vergangenen Nacht etc. pp. Das Meiste davon verstehe ich ohne Hörgerät(e).
Überhaupt: Ich könnte die Hörgeräte sparsamer einsetzen, weil meine Kontakte mit Menschen (vornehmlich deshalb braucht der Mensch seine Ohren, um den anderen zu verstehen und auf ihn zu reagieren, und zwar mit passenden Antworten und Fragen, oder?) überschaubar sind. Am Schreibtisch sitze ich allein für mich. Meine inneren Monologe oder Selbstgespräche brauchen keine technischen Vehikel. Für die wenigen Telefonate brauche ich keine Hör-Hilfe. Anders wird es nach dem Sommer sein. Wenn ich wieder auf Recherche-Reisen gehe, um Porträts und Reportagen für die HAUS-Projekte /1/ zu schreiben. Das funktionierte auch in den Jahren zuvor ohne die Verstöpselung meiner Ohren. Ich muss aber zugeben, dass ich mich an Gesprächssituationen erinnere, in denen ich nicht präzise reagierte. Ich verstand manche Antworten nicht, ich wiederholte manche Fragen, und ich musste mir zwei-, dreimal sagen lassen, dass wir darüber doch schon gesprochen hatten. Es geht bei diesen Recherchen gottlob weder um Hohe Politik, noch werden globale Fragen verhandelt. Aber es geht um Einfühlnahme, um das Erfahren sehr persönlicher Erfahrungen, Lebensabsichten und –wünsche, Träume, Fehler, Falschentscheidungen – um all den Kram, aus dem das Leben besteht. Den Kram anderer Menschen, die sich mir öffnen sollen; es ist jedes Mal ein Geschenk, wenn sie es tun. Und recht eigentlich geht es durchaus um eine globale Frage. Um die, wie wir in Zukunft bauen wollen, energieeffizient, ressourcensparend, dem Planeten die Luft zum Atmen lassen …
Eine nächste Frage stelle ich mir, die ich nicht beantworten kann und die ich beim nächsten Treffen dem Hörakustiker stellen werden. Brauche ich das Hörgerät auf unseren drei-, vierwöchigen Sommerwanderungen in Skandinavien? Ich vermute ja. Aus einem Grund, der wahrscheinlich in der Sache, und aus einem Grund, der in mir liegt. Ich nehme an, Herr Sch. wird antworten, dass es jedes Mal, wenn ich auf die Hörhilfe für längere Zeit verzichte, Rückschläge für die Ohren (ich sollte schreiben: Rückschläge auf die Ohren) gibt. Wie sie sich an die Geräte gewöhnen, so dürfte es die Ohren irritieren, wenn sie plötzlich wieder mal ahne dastehen resp. hilflos vom Kopf abstehen und ohne Hilfe nach den gehörten Wörtern, Sätzen, Sounds angeln.
Der zweite Grund, nicht zu verzichten: Vielleicht empfinde ich Vergnügen daran, die Geräusche der Natur „neu“ zu hören. Die Bäche, die Wasserfälle, der scheue und doch neugierige Myrsnaper oder der ähnliche Savstarv (spatzenähnliche Vögel, die kläglich tschilpen; wobei das Klägliche menschlich-falsche Einfühlung ist, nehme ich an). Und machen die Lemminge, Hermeline und Erdmännchen Geräusche? Wer weiß, was ich hören werde, das ich in den Jahren zuvor nicht gehört habe? Und ich sollte mich tatsächlich endgültig daran gewöhnen, mit dieser nützlichen Prothese durchs Leben zu – wandern. So etwa wird Herr Sch. sprechen und in seinem Optimismus widerholen: Sie werden entzückt sein von der neuen Lebensqualität!
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Ich fahre Sabine zum Hauptbahnhof. Sie muss nach Mainz, auf den Lärchenberg, zum ZDF. Dort treffen sich heute Redakteurinnen und Redakteure aus allen regionalen Sendeanstalten der ARD und des ZDF mit ARTE-Vertretern; sie sprechen über die Kooperations-Sendung „arte re:, eine neue Reportage-Reihe auf ARTE, täglich von Montag bis Freitag um 19.45 Uhr. „Was dich bewegt. Reportagen aus Europa. Nach dran, authentisch, echt – der Mensch im Mittelpunkt.“ Es ist erstaunlich, wie originell das Altbewährte ist. Oder sollte ich verwundert sagen: Es ist erstaunlich wie das Altbewährte zu origineller Ware erklärt wird? Oder ich sage: Genau so sollte Fernsehen sein, was ist neu daran, außer dass es ambitioniert ist, jeden Werktag eine halbstündige Reportage zu einem brisanten Ereignis herzustellen. Ambitioniert und engagiert.
Mit den Stöpseln im Ohr setze ich mich an den Schreibtisch. Ich entnehme meinem elektronischen Post-Kasten die Nachricht, dass die „Der Letzte oder Begattet euch doch selber. Zwei Geschichten aus dem Anthropozän“ in der Druckerei ist. Ich werde mich an den zweiten Teil der „Republik der Ratten“ machen; die Geschichte geht ihrem Ende entgegen, ich möchte sie vor unserer Reise nach Grenaa und nach Schweden (Juni, zwei Wochen) fertig haben. Und es wartet der „Todriecher“-Roman, und es wartet der „Vatertod oder Die letzten Stunden des Joab“. Und es wartet …
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Stephen Hawking lässt ausrichten, dass die Menschheit noch hundert Jahre auf der Erde existieren wird. Länger nicht. Wenn er Recht bekommen sollte (was weder ihn noch mich interessieren wird), haben die Kinder meiner Urenkel keine Lebenschance mehr. Und selbst meine Enkel könnten, bisschen was über Hundert werden sie alle, den Untergang erleben – und ihm entkommen auf einen anderen Stern. Kann sein, dass es so kommt; ich werde es nicht erfahren, aber es betrübt mich, wenn ich an die süßen Kleinen, die sie grad sind, denke.
Im Toten Meer ist ein Tourist ertrunken. Ich lag schon mal auf dem salzgetränkten Wasser und war froh, als ich mich hinterher mit kaltem Süß-Wasser abduschen konnte. Der Ertrunkene hatte von dem Salz-Wasser getrunken, Herzstillstand, Magen verdorben, irgendwie so.
Ein Pornostar namens Molly Cavalli wird bei Dreharbeiten unter Wasser von einem Hai in den Fuß gebissen. Soweit die Nachrichtenlage gesichert ist, griff der Hai nicht während einer koitalen Situation an. Tut trotzdem weh, irgendwie so.
