Hab dich, Omega - Jasmin Bähner - E-Book

Hab dich, Omega E-Book

Jasmin Bähner

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Beschreibung

Nerio Von meiner besten Freundin verlassen, von meinen Peinigern gedemütigt, und am Ende scheint jeder nur darauf aus zu sein, den kleinen Omega zu brechen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Eben noch war mein Leben einfach nur bemitleidenswert. Und jetzt? Jetzt steckte ich so tief drin, dass klar zu denken unmöglich wurde. Denn ein ganz bestimmter Alpha hatte sich heimlich in mein Herz geschlichen. Und ich hoffte inständig, dass er achtsam damit umgeht. Callan Im letzten Studienjahr wollte ich eigentlich nur meinen Abschluss schaffen. Mehr nicht. Doch meine Freunde machten sich einen Spaß daraus, einen kleinen Omega zu schikanieren. Bis er mir buchstäblich in die Arme fiel. Und in diesem Moment veränderte sich alles. Der kleine Omega ist mein Gefährte – und ich beschütze, was mir gehört. Jetzt muss er nur noch verstehen, dass er zu mir gehört.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Jasmin Bähner

Hab dich, Omega

Triggerwarnung : Dieses Buch enthält Darstellungen von Mobbing, Magersucht und starkem zwischenmenschlichem Hass. Einige Szenen können emotional belastend wirken oder Erinnerungen an eigene Erfahrungen auslösen. Bitte lies achtsam und nimm dir Pausen, wenn du sie brauchst.

KAPITEL EINS

Nerio

Heute war ich wieder allein. Alle um mich herum hatten Freunde, waren glücklich und genossen ihr Leben – nur ich nicht. Ich fühlte mich in meiner eigenen Welt gefangen und wusste nicht, ob ich jemals wieder entkommen würde. Ich hatte mich zwar an das Alleinsein gewöhnt, aber war das ein gutes oder schlechtes Zeichen?

Ich wusste es nicht.

Leise seufzend blickte ich auf mein Tablett, das ich mir geholt hatte, obwohl ich eigentlich keine Lust hatte. Ich wollte nicht auffallen, also gab ich mein Geld aus – für was? Richtig, um herumzustochern und über mein Leben nachzudenken. Ein weiterer Seufzer entfuhr mir, während ich die überfüllte Cafeteria überblickte. Überall saßen sie, lachten und genossen das schlechte Essen. Und da saß auch sie.

Es tat weh, zu sehen, wie sie sich zu ihrem Alpha-Freund lehnte und glücklich kicherte. Ich war nicht eifersüchtig auf Emily, schließlich war sie glücklicher als je zuvor. Doch ich fand es wirklich unfair, dass sie mich links liegen ließ, seit sie mit Luca zusammen war. Es war, als würde sie mich nicht mehr erkennen – und das, obwohl wir seit dem Kindergarten beste Freunde waren.

Bitter musste ich feststellen, dass eine jahrelange Freundschaft in Sekunden vergessen war, sobald der Schwarm sich für einen interessierte. Jahrelang war ich ihr bester Freund.

Ein Omega, der kategorisch ausgeschlossen wurde. Und doch hatte sie sich bereits im Kindergarten auf meine Seite geschlagen und Jahrelang dort verweilt. Bis nun mal Luca kam und sie mir nahm.

Ein Wager Blick auf die große Uhr in mitten der Wand, riss mich aus meinen trüben Gedanken. Schnell räumte ich mein noch volles Tablett weg, packte meine Sachen und ging zum nächsten Kurs. Jetzt stand Spanisch auf dem Plan. Wir waren im zweiten Collagejahr und die meisten waren schon einundzwanzig und lebten ihr Leben in vollen Zügen. Sie ignorierten jeden und machten ihr eigenes Ding – so wie ich. Ich lebte mein trübes und einsames Leben, Tag für Tag.

Der Tag verlief wie gewohnt, es war langweilig, wenn man niemanden zum Reden hatte. Meine Mitstudierenden schienen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, mich zu quälen. Ich war nie der Beliebteste gewesen, aber all die Jahre hatte ich meine treue beste Freundin Emily an meiner Seite. Jetzt war der Platz an meiner Seite leer.

Sie war mein Anker, meine Hoffnung, und nun war alles weg.

Besonders zwei meiner Mitstudenten liebten es, mich zu ärgern: Logan und Christian. Schließlich war ich ein wohlgenährter Omega und kein wissbegieriger Beta oder athletischer Alpha. Ich hatte gehofft, dass die Mobbingattacken aufhörten, nachdem meine beste Freundin mit deren besten Freund zusammengekommen war. Doch ich wurde bitter enttäuscht. Zunächst dachte ich, sie würden Emily nicht beachten, da sie mit Luca zusammen war. Aber letzte Woche war sie krank gewesen, und Luca hatte wieder Zeit gefunden, um seinen Spaß mit mir zu haben. Er hielt sich für etwas Besseres, weil er ein großer Alpha war. Und da er zum Castello Rudel gehörte, war sein Ansehen deutlich höher als dessen der anderen. Wobei ich sagen musste, dass weder Wandler noch Mensch sich mit speziell diesem Rudel sich anlegen wollte. Sie hatten einen gewissen Ruf und doch waren sie mehr als beliebt.

Es war mir egal, was sie in ihrer Freizeit trieben, aber dass sie nun Emily mit hineinzogen, gefiel mir gar nicht. Vielleicht hielt sie mich ja deswegen auf Abstand, weil sie in diesem merkwürdigen Rudel einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Ob Emily das wusste? Keine Ahnung, aber irgendwann war es mir auch egal, was sie tat. Ich wünschte mir nur, dass ich das wirklich glauben konnte. Emily war wie eine Schwester für mich – nein, sie war eine Schwester für mich, und jetzt war sie einfach weg.

Trauriger konnte mein Leben nicht sein, oder?

Emily kannte all meine Geheimnisse. Ich hatte ihr alles anvertraut, und sie mir. Und jetzt war alles dahin. Von einem Tag auf den anderen war unsere Freundschaft zum Scheitern verurteilt. Nur eine Nachricht von Luca hatte unser beider Leben verändert.

In Gedanken verloren stolperte ich in meinen nächsten Kursraum und suchte mit einen Platz weiter vorne. Von hier aus würde ich perfekt dem Professor zuhören können und wäre weit weg von den beliebten Plätzen weit hinten. Denn diesen Kurs teilte ich mir mit Jackson und Logan. Und von denen hatte ich einfach genug. Da musste ich mich nicht noch freiwillig in ihre Nähe setzen.

***

Mit hängenden Schultern trat ich hinauf auf die Veranda und öffnete die Tür. Sofort wurde ich von einem Geruch und dem Geschrei von Kindern empfangen. Am liebsten hätte ich gewendet und wäre wieder gegangen, doch das war leichter gesagt als getan. Wo sollte ich hin?

Früher ging ich zu Emily, bei ihr war ich immer willkommen.

Aber heute?

Nicht nur meine beste Freundin war weg – auch mein Zufluchtsort war verschwunden. Es fühlte sich an, als ob ein Teil von mir zusammengebrochen wäre. Ich kannte das Gefühl der Einsamkeit, aber nun war es stärker denn je.

Also zwang ich mich hinein und durchquerte das Chaos im Haus. Unser Haus war groß, es musste groß sein, schließlich lebten dort viele Menschen. Aber die Fassade könnte dringend einen neuen Anstrich vertragen. Das blasse Gelb sprach Bände und ließ das Haus trist erscheinen, als wäre es in der Zeit stehen geblieben. Ich öffnete die alte Holztür, die viele Jahre in Gebrauch war und weiterhin ihren Dienst tun sollte – sie quietschte erschöpft, als hätte sie genug von dem ganzen Trubel. Ich auch.

„Dad?“ rief ich ins Chaos und versuchte, über die vielen Kinderschuhe im Flur zu steigen, um den Raum zu durchqueren. Es war wie ein Hindernislauf, und ich hatte das Gefühl, irgendwann würde ich einen Schuh finden, der schon von all den kleinen Füßen zertrampelt worden war. Früher war alles ruhig hier. Doch es brachte nichts an vergangene Zeiten zu denken, denn ich bekam sie ja sowieso nicht zurück.

„Da bist du ja endlich… konntest du heute nicht früher Schluss machen?“ mahnte mich sofort Maddelein, die neue Frau meines Vaters, die mit ihren Kindern ins Haus gezogen war. Kinder, die unerzogen, verwöhnt und eine Plage waren. Ich starrte sie fassungslos an. Hatte sie das wirklich gesagt?

Doch wundern tat es mich nicht. Maddelein war eine gehässige Beta, die dachte, jeden zu übertrumpfen. Sie trug immer diese teuren Kleidung, die sie mehr wie eine Prinzessin als eine Mutter aussehen ließ. Und da ich nur ein kleiner, dicker Omega war, war ich unter ihrer Würde.

„Ich gehe aufs Collage … ich brauche die Credits für meinen Abschluss und schreibe bald wichtige Prüfungen, da muss ich aufpassen. Außerdem hatte ich heute Theoretische Mathematik und Professor Eckstein will immer einen guten Grund wissen, warum man seinen Kurs nicht besucht oder gar die Frechheit besitzt, früher gehen zu wollen. Und ‚Entschuldigung, aber die neue Frau meines Vaters will, dass ich früher nach Hause komme, weil ich Babysitter für ihre Brut spielen soll‘ wird wahrscheinlich kein guter Grund für ihn sein?“ platzte es aus mir heraus, während der Zorn in mir aufstieg. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein?

Sie hatte meinem Vater den Kopf verdreht und mit ihren fünf Kindern, die alle von anderen Alphas waren, unser Leben gewaltig durcheinandergebracht. Vor zwei Jahren war ich noch glücklich allein mit meinem Dad gewesen, und dann war sie in unser Leben geschlüpft, wie ein hinterhältiger Schatten. Und mein Vater, so naiv wie er war, ließ sich viel zu schnell auf sie ein. Nach drei Monaten war sie bei uns eingezogen, als wäre sie das fehlende Puzzlestück, das unser Leben komplett machen sollte. Und nach einem Jahr Beziehung gaben sie sich schon das Ja-Wort.

„Wie redest du denn mit mir, du nutzloser Omega?“ konterte sie und stellte sich vor mich, böse funkelnd. Ihre Augen schauten mich an, als könnte ich gleich in Flammen aufgehen. „Außerdem ist das Collage sowieso verschwendete Zeit. Du bist ein dreckiger Omega und wirst in dieser Welt sowieso untergehen. Da haben Menschen mehr Ansehen als ein Omega. Merk dir das, du bist ein Nichts!“ Es war, als hätte sie mir einen Schlag ins Gesicht versetzt. Gekonnt überhörte ich diese abwertenden Sticheleien. Wie so oft. Ich hatte gelernt, sie abzublocken. Es war meine defensive Strategie.

„Spiel dich nicht so auf, du bist nicht meine Mutter und wirst es nie sein. Bring erst mal deine Kinder in den Griff, dann überlege ich, ob es sich überhaupt lohnt, dir zuzuhören…“ knurrte ich und ließ meine Tasche im Flur fallen. Hier sah es ohnehin aus wie im Schweinestall, da musste ich mir keine Gedanken über Ordnung machen. Es war der einzige Bereich in meinem Leben, in dem ich Kontrolle hatte.

„Wie bitte? Ich habe meine Kinder sehr gut im Griff…“ knurrte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Doch in dem Moment, als sie das sagte, rannten die Alpha-Zwillinge kreischend durch den Flur, stießen die Kommode um und die teure Lampe samt Vase. Ich konnte nicht anders, als spöttisch eine Augenbraue zu heben. Ein echtes Chaos.

„Jason, Tyler, hört auf!“, rief sie ihren neunjährigen Söhnen hinterher, doch die interessierten sich kein bisschen für ihre Mutter und tobten munter weiter durchs Haus. Ihr Geschrei übertönte alles, und ich musste mir ein Grinsen verkneifen.

„Sag ich ja…“ meinte ich nur spöttisch, bevor ich mich in mein Zimmer zurückzog. Da mein Dad anscheinend nicht da war – sonst hätte Maddelein niemals so mit mir gesprochen – hatte ich keinen Grund, unten meine Zeit zu verschwenden. Mein Zimmer war der einzige Rückzugsort, der mir blieb. In diesen vier Wänden konnte ich atmen, mich verstecken und einfach ich selbst sein – ohne die ständige Kritik und den Druck, jemand anderes zu sein.

Als ich gerade die Tür zu meinem Zimmer schließen wollte, hörte ich hinter mir das scharfe Klacken ihrer Absätze. Natürlich. Sie konnte es nicht lassen.

„Lauf ruhig weg, das kannst du ja am besten“, fauchte Maddelein, ihre Stimme triefte vor Spott. „Immer schön flüchten, sobald jemand dir die Wahrheit sagt.“

Ich blieb stehen. Langsam. Zu langsam. Mein Nacken spannte sich an, als würde jemand eine Schraube hineindrehen. Es war immer wieder das gleiche Spiel mit ihr — ihre scharfen Zähne, ihre spitzen Bemerkungen. Manchmal konnte ich nicht entscheiden, ob sie mit ihrem Gepolter wirklich dachte, sie könnte mich verletzen oder ob sie einfach nicht anders konnte.

„Welche Wahrheit denn?“ fragte ich, ohne mich umzudrehen. „Dass du überfordert bist? Oder dass du mich brauchst, damit dein perfektes Prinzessinnen‑Leben nicht zusammenbricht?“

Ein scharfes Einatmen hinter mir. Treffer. Ich spürte die Erregung in der Luft, als sie mir die Dinge um die Ohren knallte.

„Ich brauche dich überhaupt nicht“, zischte sie. „Du bist nur Ballast. Ein Omega, der glaubt, er wäre etwas Besonderes, nur weil er ein paar Bücher liest. Dein Vater lässt dich viel zu viel durchgehen.“

Ich drehte mich um, langsam, und sah sie an. Ihre Arme verschränkt, Kinn erhoben, als wäre sie Königin dieses Hauses. Hinter ihr rannte eines ihrer Kinder mit einem Filzstift über die Wand — und sie bemerkte es nicht einmal. So viel für ihre angebliche Perfektion. Es war fast komisch, wie blind sie für die Realität ihrer eigenen Unzulänglichkeiten war.

„Ballast?“ Ich lachte trocken. „Wenn hier jemand Ballast ist, dann die Person, die es nicht mal schafft, ihre eigenen Kinder davon abzuhalten, die Wohnung zu ruinieren. Mach dir nichts vor, Maddelein. Du bist gerade recht weit davon entfernt, die beste Mutter der Welt zu sein.“

Sie funkelte mich an, als hätte ich ihr ins Gesicht gespuckt. So sehr wollte ich sie mit meinen Worten verletzen. Und in diesem Moment wusste ich, dass ich sie auch genau da treffen konnte, wo es am meisten schmerzte.

„Pass auf, wie du über meine Kinder redest.“

„Dann sorg dafür, dass sie sich benehmen. Ich bin nicht ihre Aufsichtsperson, und auch kein Babysitter!“

„Du frecher—!“

Sie machte einen Schritt auf mich zu, als wolle sie mich einschüchtern. Doch ich wich nicht zurück. Nicht diesmal. Nicht nach all den Monaten, in denen ich geschwiegen hatte, um nicht in den Strudel ihrer Wut hineingezogen zu werden. Es war erfrischend, eine Grenze zu setzen.

„Weißt du, was dein Problem ist?“ fragte ich leise, aber mit einer Schärfe, die selbst mich überraschte. „Du weißt, dass ich recht habe. Du weißt, dass du hier nicht reinpasst. Du weißt, dass du meinen Vater nur benutzt, weil du allein nicht klarkommst. Das macht dich nicht zu einer besseren Person, Maddelein.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem gefährlichen Lächeln, als würde sie jetzt richtig in Rage kommen.

„Und du weißt, dass dein Vater mich liebt. Mehr als dich.“

Der Satz traf mich wie ein Schlag in den Magen. Ich spürte, wie mir die Kehle eng wurde — doch ich ließ es mir nicht anmerken. Es war ein Spiel, das ich nicht verlieren wollte, selbst wenn ich wusste, dass es wehtat.

„Wenn du glaubst, dass Liebe so funktioniert, dann tust du mir fast leid“, sagte ich ruhig. „Fast. Denn du wirst irgendwann die Wahrheit erkennen müssen. Und dann wird es zu spät sein.“

Sie hob eine Hand, als wolle sie mir eine scheuern — doch genau in diesem Moment polterte unten eine Tür, und eine Kinderstimme brüllte nach ihr. Laut. Fordernd. Unüberhörbar. Es war fast, als würde das Moment der Auseinandersetzung mit einem lauten Knall unterbrochen.

Sie zuckte zusammen, und der Bruch in ihrer Fassung war wie ein Funke in der Nacht.

Ich hob eine Augenbraue. „Deine Majestät wird gerufen.“

Ihr Gesicht wurde rot vor Wut, sie wollte sprechen, doch die Worte schienen in ihrer Kehle stecken zu bleiben. Die Kontrolle, die sie so gerne vorgespielt hatte, schwand vor meinen Augen.

„Das ist noch nicht vorbei“, fauchte sie und drehte sich abrupt um, ihre Absätze klackten wie Peitschenhiebe auf dem Boden. In ihrem Rückzug lag eine Wut, die ungebrochen war und mit jedem Schritt drohte, sich in etwas Unberechenbares zu verwandeln.

„War es nie“, murmelte ich, schloss die Tür hinter mir und lehnte mich dagegen, während mein Herz raste. Ich war nicht sicher, ob ich mich befreit fühlte oder ob ich mich in einen noch größeren Sturm begeben hatte.

In meinem Zimmer war es still. Endlich. Doch die Worte hallten nach — ihre und meine. Und irgendwo tief in mir wusste ich: Dieser Krieg war gerade erst richtig losgegangen. Es war eine Schlacht um mehr als nur Worte; es war der Kampf um Respekt, um Würde — und vielleicht, nur vielleicht, um das Gefühl, tatsächlich zu existieren.

Seufzend schloss ich die Tür hinter mir, ging zu meinem flauschigen Bett und ließ mich darauf fallen. Doch sofort ertönte ein ersticktes „Uff“, das mich panisch aufschrecken ließ.

„Callan! Was machst du in meinem Bett?“ schimpfte ich den Jungen an, während er die Decke zur Seite schlug und mich traurig anschaute. Er war erst fünf Jahre alt und mit seiner zickigen Zwillingsschwester der zweitjüngste. Naja, eigentlich mochte ich ihn, wenn ich es mir recht überlegte. Er war ruhig, höflich und nervte nicht.

Und vor allem vertrat der junge Alpha nicht die Ansicht der anderen. Er mochte Omegas und hatte sogar für eine kurze Zeit im Kindergarten einen Omega-Freund. Doch die Eltern hatten schnell mitbekommen, dass Greenwater Town nicht gerade die nettesten waren, wenn es darum ging Omegas zu integrieren. Daher zogen sie schnell weiter und Callan hatte seinen Freund verloren. Und zusätzlich machten sich die anderen Kinder über ihn lustig, weil er so gar nicht typisch Alpha war.

„Tut mir leid, Nerio, aber Mia hat mich nicht in Ruhe gelassen, und ich wollte doch nur schlafen…“ sagte Callan traurig und schniefte kurz.

„Schon gut… aber wieso bist du müde? Hast du im Kindergarten nicht geschlafen?“ fragte ich verwirrt. Ich nahm an, seine Schwester hatte ihn mal wieder geärgert. Schließlich war es in diesem Haus nichts Neues, und man könnte meinen, man würde sich daran gewöhnen. Doch das war eine Lüge. Man kann sich niemals an etwas gewöhnen, was man verabscheut. Ich war nie an diesen Lärm oder an diese Unordnung gewöhnt gewesen. Meine Mom hatte immer viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit gelegt, ganz im Gegensatz zu Maddelein.

„Nein, die ärgern mich alle und ich konnte nicht schlafen, weil ich so große Angst hatte… letztes Mal als ich eingeschlafen war, hat sich Tommy Taylors aus seinem Bett geschlichen und ist auf mich drauf gesprungen“ flüstert er und schaut betreten auf seine kleinen Hände. Ich seufzte erneut. Callan hat es wirklich nicht leicht. Wir leben in einer ruhigen Gegend in Greenwater Town, die bekannt dafür ist, schlicht und einfach zu sein. Im Gegensatz zu allen anderen Kindern, auch seinen Geschwistern, hat Callan jedoch kein schlichtes Aussehen. Mit seinem blonden Lockenkopf, der einen leicht rötlichen Schimmer hat, sticht er deutlich heraus. Auch seine Augenfarbe ist untypisch: das linke Auge ist grün und das rechte strahlend blau. Es ist selten und solche Besonderheiten werden hier in Greenwater Town nicht gerne gesehen. Ja, er hatte es schwer, da er so anders war und genau das wird oft zum Ziel von Mobbing.

Die Tatsache, dass er gerne mit einen Omega befreundet war, das ruhige und untypische Verhalten eines kleinen Alphas und sein anderes Aussehen, hatten ihn zugleich auf die Bestenliste der Außenseiter gebracht. Traurig, aber leider Wahr.

„Das tut mir leid, Kleiner… schlaf weiter, aber nächstes Mal mach dich wenigstens sichtbar, sonst könnte ich wieder einfach auf dich fallen“ grinste ich ihn an. Sofort lächelte er und kuschelte sich wieder in sein Kissen. Eilig zog er sich die Decke über den Kopf, als er die Stimme seiner Schwester hörte. Aber niemals würde sie hier in mein Zimmer kommen; das durfte nur Callan. Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und ging zu meinem Schreibtisch, um meinen Laptop einzuschalten und mir die Zeit zu vertreiben. Früher traf ich mich immer nach der Schule mit Emily, wir lernten zusammen oder gingen zum Strand, doch das fiel nun weg.

***

Am nächsten Morgen wachte ich hungrig mit heftigen Kopfschmerzen auf. Leise seufzend stand ich auf – kein Wunder. Nachdem ich mich gestern wieder mit Maddelein gestritten hatte, weil sie mir das Essen verboten und mich als fettes Schwein beschimpft hatte, war ich auf mein Zimmer gestürmt und hatte geweint. Was bildete sie sich eigentlich ein? Sie selbst war nicht die Schlankeste, aber andere zu beleidigen? Ich war nicht dick, auch wenn ich vermutlich gut zehn Kilo weniger wiegen könnte. Aber ich fühlte mich in meinem Körper wohl, bis sie mir das eisig ins Gesicht sagte und mir das Abendessen vorenthalten hatte. Mein Vater bekam davon nichts mit, weil er länger arbeiten musste… leider.

Ich dachte wirklich, dass ich den Streit gewonnen hatte. Doch wieder einmal bewies mir Maddelein das Gegenteil und demonstrierte zugleich, dass sie am längeren Hebel saß.

Als ich mühsam aus dem Bett kroch, machte ich mich bereit und ging nach unten. Dort saßen alle entspannt beim Frühstück. Mein Vater strahlte mich an, als er mich sah, aber mir gelang nur ein gezwungenes Lächeln.

„Guten Morgen“ begrüßte er mich und tätschelte meine Schulter.

„Morgen.“

„Ist alles in Ordnung, Nerio?“ fragte er, während er mich genauer ansah.

„Ja, ich habe nur etwas Kopfschmerzen“ murmelte ich, schnappte mir ein trockenes Brötchen und ging in den Flur. Die Küche roch nach frisch gebrühtem Kaffee, doch ich war nicht in der Stimmung dafür.

„Ich muss los!“ rief ich und nahm meinen Rucksack mit, bevor ich die Haustür hinter mir schloss und zum Collage ging. Die frische Morgenluft war klar und kühl, ein kleiner Lichtblick in meinem grauen Gemütszustand.

Doch ich wurde am Tor sofort begrüßt. Aber nicht freundlich, sondern von Logan und Christian, die mich ärgerten. Sie standen mit ihren frechen, selbstsicheren Grinsen da, als ob sie extra auf mich gewartet hatten. Der Campus war nicht groß, daher konnte ich keinen anderen Weg nehmen. Ich musste leider Gottes an den beiden Alphas vorbei und mir meine tägliche Portion Schikane abholen. Doch war ich einmal auf dem Campus, so würde ich ihnen besser aus dem Weg gehen können. Manchmal versteckte ich mich zwischen den Studentenwohnheimen, da fanden sie mich nicht so schnell.

„Na, wer kommt da?“ lachte Logan, als er mich sah. Christian stand grinsend neben ihm, die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben, als ob das seine Geheimwaffe gegen mich war. Ich versuchte, sie zu ignorieren und ging an ihnen vorbei, doch sie folgten mir wie Schatten.

„Ich wusste nicht, dass du so schnell laufen kannst, mit deinen kurzen Beinen und dem dicken Hintern… du erinnerst mich an einen Kegel“ lachte Logan laut, sodass ein paar passierende Schüler schauten.

„Glaubst du, er schwingt auch hin und her, wenn wir ihn anschubsen?“ fragte Christian, seine Stimme voller hinterhältigem Spaß. Ich zuckte zusammen und lief schneller, mein Herz klopfte. Gerade rechtzeitig erreichte ich den Kursraum wo ich als nächstes Statistik hatte, bevor sie ihren Plan umsetzen konnten. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ich atmete erleichtert auf. Erleichtert ließ ich mich auf einen leerem Platz, mittig des großes Hörsaals, fallen, die anderen Kursteilnehmer waren zum Glück schon beschäftigt mit ihren eigenen Unterhaltungen, und holte alles heraus, was ich für die Statistikstunde benötigte. Ein bisschen mehr Ruhe, dachte ich mir, kann nicht schaden.

***

So verlief die Woche. Tag für Tag war ich allein und wurde gemobbt – meist am College, manchmal auch zu Hause. Immer, wenn ich etwas falsch machte, wurde ich bestraft. Immer, wenn ich allein war, wurde ich beschimpft. Ich hatte es so satt. Maddelein machte mir das Leben zur Hölle, meine Mitstudenten taten das Gleiche. Es war frustrierend und machte keinen Spaß mehr. Jeder Schultag zog sich wie Kaugummi, und die Wochenenden waren kaum auszuhalten.

Nun saß ich wieder allein an einem leeren Tisch in der Cafeteria und stocherte in meinem Essen herum. Der Appetit war mir schon lange vergangen. Da ich zu Hause kaum etwas zu essen bekam, weil ich nicht nach Maddeleins Pfeife tanzte, hatte ich mich daran gewöhnt, wenig oder gar nichts zu essen. Der arme Omega brauchte schließlich nichts … Die Gedanken darüber, wie ich es nur wieder schaffen könnte, durch den Tag zu kommen, schwirrten in meinem Kopf herum. Ich bemerkte die anderen, die um mich herum lachten und sich unterhielten, während ich in meiner eigenen Welt gefangen war. Es fühlte sich an, als wäre ich unsichtbar, als würde kein Mensch sich je für mich interessieren.

Manchmal hatte ich den Drang, einfach aufzustehen und zu gehen, aber wohin? Es gab keinen Ort, an dem ich mich wohlfühlen konnte. Also saß ich da, einfach nur da und beobachtete, wie sie schikanierten und spöttelten, während ich mich in meinem alten T-Shirt und meinen abgewetzten Jeans verloren fühlte. Die Tage zogen an mir vorbei wie die Wolken am Himmel, ohne dass ich jemals das Gefühl hatte, dass es einen Unterschied machte. Ich war einfach da, ein Schatten, ein Omega, der den Anforderungen und Erwartungen nicht gerecht werden konnte. Ein weiterer Tag, eine weitere Chance, in der Menschenmenge unterzugehen.

In Gedanken versunken bemerkte ich nicht, dass sich jemand an meinen leeren Tisch setzte. Erschrocken blickte ich auf und sah in zwei braune Augen.

„Was machst du denn hier?“ fragte ich sie. Als ich sie verwirrt anblickte, lächelte sie verlegen. Ihr Tablett war noch voll, und sie schaute mich erwartungsvoll an – was wollte sie hier?

„Ich wollte mich entschuldigen!“ sagte Emily und versuchte, mich mit ihren besten Hundeaugen anzusehen. Doch sie wusste, dass mich das nur zum Lachen brachte. Dieses Mal blieb mein Lachen aus, und sie merkte, dass sie wirklich einen Fehler gemacht hatte. Lange war sie nicht mehr hier gewesen, hatte nur mit ihren Freunden abgehangen, und ich war wie Luft für sie gewesen. Und nun wollte sie sich wieder zu mir setzen?

„Wofür?“

„Weil ich dich so vernachlässigt habe… und dann auch noch für Luca, dessen Freunde dich schon lange mobben. Es tut mir leid… wirklich… du musst mich hassen, oder?“ fragte sie und sah mich verzweifelt an, während Tränen in ihren Augen blinkten. Als sie ihre Hand nach meiner auf dem Tisch ausstrecken wollte, zog ich sie schnell weg und sah sie schweigend an.

„Bitte sag etwas, Nerio!“ flehte sie. Leise seufzte ich.

„Ich bin nicht sauer auf dich; ich kann dich verstehen. Du warst schon lange in ihn verliebt, und ich freue mich für dich, dass er endlich bemerkt hat, was für ein wunderbarer Mensch du bist. Aber ich bin enttäuscht. Du hast mich einfach sitzen gelassen, ohne Bescheid zu geben, und mich nicht mehr beachtet. Als du dann Zeit hattest, hast du mich eiskalt versetzt und dich nicht mal dafür entschuldigt. Ich freue mich, dass du glücklich bist, Emily, wirklich. Aber ich dachte, ich bedeute dir etwas. Ich dachte, ich bin deine bester Freund, dein kleiner Omega!“ erklärte ich ihr so neutral wie möglich. Am Ende stand ich auf, schnappte mir mein Tablett und wollte gehen, als Emily aufstand und mich am Arm festhielt. Ihr Griff war nur leicht -schließlich war sie nur ein Mensch und kein Wandler-, doch er hielt mich auf.

„Ich kann mich nur für mein dummes Verhalten entschuldigen, bitte… verzeih mir, Nerio!“ flehte sie leise, den Tränen nah. Als ich sie böse anschaute, zuckte sie merklich zusammen. Wir waren einundzwanzig Jahre unzertrennlich gewesen; selbst wenn einer von uns krank war, kümmerten wir uns umeinander… doch ein einfacher Alpha hatte es geschafft, uns zu entzweien.

„Ich überlege es mir…“ meinte ich kurz, drehte mich um und ging. Auf dem Weg zur Essenstheke bemerkte ich die Blicke von Luca und seinen Freunden. Diese Blicke waren nicht gerade freundlich. Doch ich ließ mir nichts anmerken und verlasse die Cafeteria flott. Als nächstes hatte ich Geschichte, das könnte mich vielleicht von meinen Gedanken ablenken. Es tat mir weh, dass Emily nicht mehr in meinem Leben war. In Greenwater Town gab es kaum etwas zu unternehmen. Deshalb war ich immer froh gewesen, eine so gute beste Freundin an meiner Seite zu haben; schließlich wurde es uns nie langweilig.

In Gedanken versunken lief ich den langen Flur entlang. Bilder hingen an den Wänden, um die Gänge des College schöner zu gestalten, doch ich war nie ein großer Fan moderner Kunst. Seufzend betrat ich den nächsten Kursraum und ging zu meinem üblichen Platz.

Als ich auf meinem Platz saß und willkürlich auf meinem Block herumkritzelte, nahm ich am Rande wahr, wie jemand den Raum betrat und direkt neben mir stand. Erst als sich diese Person räusperte, blickte ich verwirrt auf und erstarrte. Dort standen Logan und Luca und sahen alles andere als gut gelaunt aus.

„Was bildest du dir eigentlich ein?“ fragte Luca, während er sich auf meinen Tisch stützte. Verwirrt schaute ich den Alpha an. Ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. Was wollte er von mir?

Warum war er so wütend?

Normalerweise fanden sie es lustig, mich zu ärgern, aber wütend waren sie nie gewesen.

Wieso auch?

Ich stellte schließlich keine Bedrohung dar. Ich war halt nur der kleine, dicke Omega. Derjenige, der keine Freunde hatte und zur keiner Gefahr wurde.

„Was ist denn… jetzt auf einmal so still? Eben hast du meine Freundin Emily beleidigt und sie zum Weinen gebracht, und jetzt tust du so unschuldig?“ fragte er voller Hass. Ich zuckte leicht zusammen.

„Ich habe sie nicht beleidigt… und Emily ist schon immer nah am Wasser gebaut!“ versuchte ich mich zu verteidigen, aber in dem Moment war mir nicht klar, dass ich ihn damit noch wütender machte.

„Hör auf, über sie zu reden! Du kennst sie ja nicht mal… wer bist du… niemand…! Sie hatte Mitleid mit dir, der dummer, hässlicher Omega, und du hast nichts Besseres zu tun, als sie zu beleidigen?

„Ich kenne Emily!“

„Aber nicht so gut wie ich! Und hör mir jetzt gut zu, du dämlicher Omega: Wenn du sie noch einmal zum Weinen bringst, dann haben wir ein ernstes Problem!“ Mit diesen Worten stand er von dem Platz neben mir auf und verließ den Raum. Logan folgte ihm und warf mir zuvor einen durchdringenden Blick zu. Ein Schauer der Angst lief mir über den Rücken; sein Blick war bedrohlich. Doch als auch er den Raum verließ, überkam mich eine Flut von Gedanken.

War er verrückt? Ich kannte Emily besser als er, aber dass er nicht wusste, wer ich war oder welchen Bezug ich zu Emily hatte, ließ mich schaudern. Es wurde mir klar, dass sie anscheinend nicht über mich gesprochen hatte. Das könnte erklären, warum die Mobbing-Attacken nicht aufgehört hatten. Luca und seine Clique wussten nicht, dass ich zuvor Teil von Emilys Leben gewesen war – jedenfalls nicht so präsent, wie ich es jetzt war. Immerhin hatten sie uns in der Schule oft zusammen gesehen. Vielleicht dachten sie, dass wir nur in der Schule Zeit miteinander verbrachten und uns außerhalb nicht kannten. Das machte es nur noch trauriger: Emily hatte mich vergessen – ihren besten Freund.

Verträumt und in Gedanken versunken blieb ich während der gesamten Pause sitzen. Erst als Emily sich zu mir setzte und mir freundlich zulächelte, bemerkte ich, dass die Pause bereits zu Ende war.

„Alles okay?“ fragte sie besorgt, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. Ich zuckte zusammen und nickte hastig. Der Kurs verlief schnell, und als das Glöckchen läutete, ließ ich mir Zeit, um meine Sachen einzupacken. Ich war einer der Letzten, die den Hörsaal verließen, zusammen mit Emily.

„Nerio… ist wirklich alles in Ordnung?“ fragte sie zögerlich. Ich seufzte leise und fasste meinen Mut zusammen.

„Weiß dein Freund denn nichts über unsere Beziehung?“ fragte ich und hielt an. Verwirrt schaute sie mich an und schüttelte schließlich den Kopf.

„Nein… also… ich… wir hatten andere Dinge im Kopf und ich habe schon gesagt, dass ich…“

„Schon gut… aber kannst du ihn bitte aufklären, wer ich bin? Ich möchte nicht noch einmal von ihm bedroht werden, nur weil ich dich vielleicht traurig gemacht habe. Und sag ihm bitte, dass er falsch liegt mit der Behauptung, ich würde dich nicht kennen – ich kenne dich besser als du dich selbst!“

„Er hat was? Wann?“

„Gerade vor der Stunde, darum war ich noch etwas abwesend, als du kamst…“ gestand ich und sah mich um, denn ich wollte nicht dabei ertappt werden, wenn ich über Emily redete.

„Es tut mir leid, das wird nicht noch einmal vorkommen… ich verspreche, ich werde mit ihm reden… nein, ich werde ihn anbrüllen! Es kann doch nicht wahr sein, dass ich ihm gesagt habe, dass alles in Ordnung ist und er trotzdem nicht zuhört!“

„Ich finde es gut, dass er dich beschützen will, aber ich bin der Letzte, der dir jemals schaden würde… du bist meine beste Freundin Emily, und auch wenn ich momentan enttäuscht von dir bin, hoffe ich, dass wir weiterhin unzertrennlich bleiben wie die letzten Jahre!“

„Natürlich!“ rief sie und fiel mir um den Hals. Ich erwiderte die Umarmung leicht und zwang mich zu einem Lächeln.

„Es tut mir wirklich leid…“

„Hör auf, dich ständig zu entschuldigen! Du weißt, wie sehr ich Wiederholungen hasse!“ murmelte ich, während ich nur ein leises Kichern von ihr hörte.

KAPITEL ZWEI

Callan

Genüsslich biss ich in den Muffin, den Amanda zuvor auf den Tisch gestellt hatte. Sie war die beste Köchin, die ich kannte – wobei das nicht besonders schwierig war, angesichts meiner Erfahrungen. Meine Mutter war schon lange tot, und mein Vater konnte nicht wirklich kochen. Die Frauen, mit denen ich normalerweise zu tun hatte, waren nicht einmal in der Lage, die Zeit bis zum Essen abzuwarten, bis ich sie wieder loswurde, ganz zu schweigen von dem wenig Grips, den sie hatten, um zu wissen, was ein Herd war. Der Schokoladenmuffin war köstlich, ein wahrer Genuss. Und nicht nur mir schmeckte er, auch die anderen Alphas am Tisch, Logan, Ruben, Jackson und Luca, waren bereits am Essen. Nur Andrew stand am Rand und schmuste mit seiner Verlobten. Kitschig.

Auf der anderen Seite war es jedoch schön, die beiden endlich zusammen zu sehen. Als Wandler findet man nur einmal im Leben seine wahre Gefährtin, und sie hatten es sich wirklich nicht leicht gemacht. Sie wussten, dass sie füreinander bestimmt waren, und jeder wusste es auch. Dennoch dauerte es Monate, bis sie zueinander fanden, da sie beide Alpha-Wölfe waren.

Amanda hatte es schwergefallen, ihr Rudel aufzugeben und sich Andrews anzuschließen. Das Castillo-Rudel.

Hier nach Greenwater Town zu ziehen, war ein großer Schritt für sie. Sie hatte immer noch Heimweh, obwohl ihr altes Rudel nur eine Autostunde entfernt war. Doch die Liebe zu ihrem Wahren Gefährten, ihrem Seelenverwandten, machte das wett.

Ich war etwas neidisch auf die beiden. Schließlich hatten sie das Glück gefunden und konnten alles miteinander teilen. Sie waren glücklich… so etwas wollte ich auch einmal erleben. In meinem Leben hatte ich schon viele Frauen kennengelernt, aber keine war die Richtige. Ich hatte einige kluge Alphas, willige Betas, hinreißende Omegas und experimentierfreudige Menschen gehabt und doch konnte ich mich nie dazu überwinden, mit deren eine Beziehung eingehen zu wollen. Mein innerer Wolf hatte sich nie zu einer entschieden. Wie lange wollte er noch warten?

„Wenn ihr euch genug vollgestopft habt, vergesst nicht, dass wir nachher ein Rudeltreffen haben… falls ihr eure Ärsche hochbekommt,“ grummelte Andrew nach einer Weile. Leise schnaubte ich. Auch wenn es schien, als wolle er uns hier nicht haben, war das nicht der Fall. Schließlich waren wir sein Rudel. Seine Familie.

Wir hatten uns den kleinen Ort Greenwater Town in Kanada ausgesucht, damit wir ungestört in den Wäldern umherstreifen konnten, ohne Fragen beantworten zu müssen. Der Ort war ruhig, nicht überfüllt und jeder ließ uns in Ruhe. Nahe des Waldrandes lebten wir in einer eigenen Siedlung, in der sich niemand sonst hineintraute. Schließlich hatten wir hier in Greenwater Town einen Ruf. Es war perfekt.

Wären da nicht einige andere Wandler und somit Rudels in der Nähe.

Theoretisch nervte jedoch nur ein besonderes Rudel -die anderen waren uns unterlegen und wussten was Besseres, als sich mit uns messen zu wollen. Nur mit dem einen konkurrierten wir.

Das Magnus-Rudel.

Sie waren auch alles Wandler wie wir, doch sie konnten sich nicht in Wölfe, sondern in Hyänen verwandeln. Und diese Viecher liebten es, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Schrecklich.

Kurz horchte ich auf, als ich draußen ein Auto hörte. Es musste Thea sein, die mit Emily kam. Lucas Aufmerksamkeit war nun nicht mehr auf seinen Muffin gerichtet, sondern wandte sich der Tür zu.

Seit die beiden zusammen waren, hatte sich Luca verändert. Es machte mich beinahe wütend, schließlich führte er auch ein normales Leben … aber jetzt drehte sich alles nur noch um Emily. In Wolfsgestalt war es einfach schrecklich. Das fand selbst Andrew, der seine Gefährtin gefunden hatte und ständig an Amanda dachte. Doch Luca übertraf ihn darin.

Deshalb versuchte ich, ihm in meiner Wolfsgestalt so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Ich fluchte innerlich darüber, dass wir Wandler uns in verwandelter Form verständigen konnten.

„Hey… wie ich sehe, kommen wir genau richtig!“ begrüßte Thea uns, als sie die Tür aufstieß und sofort zum Tisch lief, um sich einen Muffin zu schnappen. Obwohl Thea eine Beta-Wölfin war, war auch ihr Appetit unersättlich. Ich meine, wer könnte ihr das verdenken? Muffins sind einfach der Hammer!

Hinter ihr erschien die schüchterne Emily… wobei sich etwas in ihren Augen widerspiegelte. Es sah fast so aus, als ob sie ein Geheimnis hatte oder etwas auf dem Herzen lag. Doch Luca schien das nicht zu bemerken, sprang sofort auf und wollte seine menschliche Gefährtin willkommen heißen. Als sie ihn jedoch stoppte und leise schnaufte – wie bei einem tiefergelegten Auto, das versehentlich auf einen Kratzer auf der Straße gestoßen wurde –, wurde Luca bewusst, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Oh je, das könnte spannend werden!

Grinsend hob ich meine Augenbraue und beobachtete das Paar. Das konnte unterhaltsam werden. Auch die anderen richteten ihre Aufmerksamkeit auf die beiden. Es war wie eine Live-Show, die wir alle gespannt verfolgten.

„Alles okay, Süße?“ fragte Luca verwirrt und sah Emily in die Augen. Doch sie schüttelte ruhig den Kopf. Ihre Reaktion sorgte für eine gewisse Anspannung im Raum – jeder wartete gespannt darauf, was da gleich kommen würde.

„Können wir bitte unter vier Augen sprechen?“ fragte sie neutral. Das klang nicht gut. „Ehh…“ war Lucas dämliche Antwort. Wenn eine Frau sagt, dass sie mit einem unter vier Augen reden möchte, ist das meist nicht gut. Da würde ich auch zögern, besonders wenn mir etwas an dieser Frau lag. Und ich schwöre, die Stimmung war plötzlich so dicht, dass man sie mit einem Messer schneiden konnte.

„Ach, ihr könnt euch ruhig hier unterhalten, schließlich erfahren wir spätestens, wenn Luca sich verwandelt, was ihr besprochen habt. Hier im Rudel gibt es keine Geheimnisse,“ lachte Logan. Diese ganz entspannte Art von ihm brachte so viel Leichtigkeit in die Situation.

„Da hat er recht, die Jungs sind ziemlich neugierig…“ grinste Luca und warf Logan einen gelangweilten Blick zu. Dieser lachte nur. Doch Logan hatte Unrecht. Wir hörten nicht ständig die Gedanken der anderen, sondern konnten sie nur senden. Es war wie ein ganz spezielles Funknetz, das nur unter Stress öfter mal ausfiel. Außer wir waren in einem tiefen emotionalen Zustand, dann hatten wir keine Kontrolle über unsere Gedanken – ein bisschen wie ein ungefilterter Stream von Emotionen. Deshalb gab es von Andrews Seite aus ein strenges Verbot, sich zu verwandeln, wenn wir emotional unausgeglichen waren.

Versetz dich mal in die Lage: Unkontrollierte Verwandlung?

Nö, danke!

Lucas Gedanken waren grenzwertig, denn er hatte seine Gefährtin getroffen, und laut Andrew mussten wir da leider durch. Also, das hier könnte ein echter Schlamassel werden.

„Gut, wenn du es hier klären willst…“ meinte Emily und straffte ihre Schultern. Wow, die Kleine hatte sich einen ordentlichen Mut zusammengenommen. Die Situation war echt angespannt, und ich hatte das Gefühl, dass jeder im Raum den Puls im Ohr pochen hören konnte.

„Was gibt es denn zu klären?“ fragte Luca verwirrt und schaute sie ebenso fragend an. Irgendwie verspürte ich Mitleid, auch wenn ich nicht wusste, warum. Vielleicht, weil ich die ganze Sache überblickte und wusste, dass hier etwas richtig Großes am Laufen war, das weit über eine kleine Meinungsverschiedenheit hinausging.

„Ach, das weißt du nicht…“ schniefte Emily spöttisch und trat auf Luca zu. Sie tipte mit ihren zarten Fingern auf seine breite Brust und sah wütend zu ihm hoch. Luca strich sich seine braunen, schulterlangen Haare zurück, während er hinunterblickte. Der Blick von Emily war wie ein Mix aus Wut, Enttäuschung und einer Menge Entschlossenheit – ein explosiver Cocktail.

„Ähh, nein…?“ antwortete Luca, und ich konnte die Panik in seiner Stimme hören. Verständlich, er war total auf Emily fixiert und liebte sie über alles. Seit sie zusammen waren, hatten sie nicht einen einzigen Streit – keine Überraschung, denn sie schienen füreinander gemacht zu sein. Wer würde sich in den ersten Jahren der Beziehung schon streiten? Sie waren das perfekte Paar, die Art von Paar, die immer in ihren eigenen kleinen Blase unterwegs schien.

„Du bist so ein Arschloch, Luca… weißt du das? Was bildest du dir ein, meinen… MEINEN BESTEN FREUND zu bedrohen und ihm zu sagen, er soll sich von mir fernhalten? Wer gibt dir das Recht, über meine Freundschaften zu bestimmen?“ Sie schrie ihn schließlich an. Im Raum war es plötzlich ganz still. Schnell schaute ich zu den anderen und blieb schließlich bei Andrew hängen, der das Ganze mit wachen Augen beobachtete. Der sah aus, als hätte er gerade einen spannenden Film entdeckt.

„Wie bitte?“ fragte Luca verwirrt. Der Typ hatte einfach keine Ahnung. Es war fast komisch zu sehen, wie er in seiner eigenen kleinen Welt gefangen war, ohne zu begreifen, in welchem Sturm er sich befand.

„Du hast genau verstanden, worum es geht! Frag nicht so blöd nach… Nerio hat mir alles erzählt!“ fauchte sie weiter. Wenn Blicke töten könnten, wäre unser armer Luca jetzt tot… und ich würde drauf wetten, dass das nicht nur Emily so sah.

„Nerio? Meinst du dieser fette, hässliche Omega?“ fragte Luca dumm. Ich hätte mir vor den Kopf schlagen können – hatte er das wirklich gesagt? Wusste er denn nicht, wie man eine wütende Frau besänftigt, anstatt noch mehr Öl ins Feuer zu gießen…?

Das war ein klassischer Anfänger-Fehler, und ich konnte förmlich das Drama in der Luft riechen.

„Was? Hast du den Verstand verloren? Ich hab dich gerade gefragt, was du dir einbildest, meinen besten Freund zu bedrohen! Und du beleidigst ihn einfach?“, schrie Emily. Man hörte ein leises Schnauben aus der Ecke des Raumes.

Verständlich.

---ENDE DER LESEPROBE---