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Ob in Schule, Kita, Wohngruppe oder Beratungsstelle – wer pädagogisch wirkungsvoll tätig sein und dabei motiviert und gesund bleiben will, braucht eine professionelle Haltung. Was das allerdings genau ist und wie wir eine solche gewinnen und weiterentwickeln können, darüber herrscht oft Unklarheit. Hier setzt die erfahrene Psychologin, Mediatorin und Berufsschullehrerin Katrin Halfmann an: Sie benennt die Kriterien einer professionellen Haltung, erklärt, wie es uns gelingen kann, die nötigen Werte und Tugenden zu leben, Haltung in stressigen Situationen zu wahren und nicht zuletzt, wie wir eine Kultur des beruflichen Miteinanders entwickeln, die von Respekt und Verantwortung geprägt ist. Praxisbezogen, anschaulich, relevant.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2023
Katrin Halfmann
Ein Praxisbuch für mehr Professionalität im pädagogischen Alltag
Ob in Schule, Kita, Wohngruppe oder Beratungsstelle – wer pädagogisch wirkungsvoll tätig sein und dabei motiviert und gesund bleiben will, braucht eine professionelle Haltung. Was das allerdings genau ist und wie wir eine solche gewinnen und weiterentwickeln können, darüber herrscht oft Unklarheit. Hier setzt die erfahrene Psychologin, Mediatorin und Berufsschullehrerin Katrin Halfmann an: Sie benennt die Kriterien einer professionellen Haltung, erklärt, wie es uns gelingen kann, die nötigen Werte und Tugenden zu leben, Haltung in stressigen Situationen zu wahren und nicht zuletzt, wie wir eine Kultur des beruflichen Miteinanders entwickeln, die von Respekt und Verantwortung geprägt ist. Praxisbezogen, anschaulich, relevant.
Katrin Halfmann, Jahrgang 1969, ist Erzieherin, Diplom-Psychologin, Berufsschullehrerin und Mediatorin (BM). Sie unterrichtet an einer Fachschule mit Fachrichtung Sozialpädagogik und Heilpädagogik. Darüber hinaus ist sie freiberuflich als Mediatorin tätig, erstellt psychologische Gutachten im Rahmen von Adoptionen und bietet Fortbildungen für Lehrkräfte und Unternehmen an. Sie lebt in Lübeck.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2023
Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung FinePic®, München
ISBN 978-3-644-01437-4
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Vorwort von Friedemann Schulz von Thun
Einleitung
1 Was ist Haltung? – Eine Begriffserhellung
1.1 Im Zentrum einer Haltung stehen Einstellungen, Überzeugungen und Werte
1.2 Haltungen können generell oder sehr spezifisch sein
1.3 Der «ganze» Mensch hat (bzw. ist) seine Haltung
1.4 Hinter Haltungen verbirgt sich innere Vielfalt
1.4.1 Das Innere Team
1.4.2 Vielfältige Haltungen innerhalb einer Person
1.4.3 Haltung als Ergebnis innerer Vielfalt
1.5 Haltungen entstehen früh und entwickeln sich lebenslang
1.6 Haltungen sind beständig und beweglich zugleich
1.7 Haltungen können mehr oder weniger bewusst oder reflektiert sein
1.8 Haltungen sind mehrdimensional
1.8.1 Die vier Seiten einer Haltung zu anderen
1.8.2 Wirkungen auf das Gegenüber
1.8.3 Wirkungen auf die eigene Person
2 Was macht eine Haltung professionell?
2.1 Haltung reflektieren – nachdenkliche Gespräche mit sich selbst
2.1.1 Wie ich wurde, wer ich bin
2.1.2 Was mich leitet und wie ich sein will
2.1.3 Wie ich jetzt bin
2.1.4 Was mich hält
2.2 Haltung finden – Werte und Tugenden
2.2.1 Würde
2.2.2 Tugenden
2.3 Haltung einnehmen – Verantwortung übernehmen
2.3.1 Verantwortlichkeit für die eigentliche Aufgabe
2.3.2 Verantwortlichkeit für das eigene Fühlen, Wollen, Denken und Handeln
2.3.3 Verantwortlichkeit für die eigene Wirkung
2.3.4 Grenzen der eigenen Verantwortlichkeit
2.4 Haltung (er)leben – ganz bei mir und ganz bei dir
2.4.1 Präsenz
2.4.2 Begegnung
2.4.3 Pädagogische Beziehung
2.5 Haltung wahren – die Kunst der Selbststeuerung
2.5.1 Selbstkompetenzen
2.5.2 Innere Führung – das Oberhaupt
2.5.3 Erstreaktion und professionelle Zweitreaktion
2.6 Haltung zeigen – Zivilcourage im beruflichen Alltag
2.6.1 Was ist Zivilcourage?
2.6.2 Hilfreiche innere Teammitglieder für zivilcouragiertes Verhalten
2.6.3 Innere Bedenkenträger
2.7 Haltung verkörpern – die innere Profimannschaft
2.8 Haltung schützen – Umgang mit Stress
2.8.1 Stress schadet der Haltung
2.8.2 Ist das Oberhaupt am Ruder?
2.8.3 Innere Stressverstärker
2.8.4 Wechselwirkungen zwischen inneren und äußeren Bedingungen
2.8.5 Professionelle Haltung erhöht die Stressresistenz
3 Haltung weiterentwickeln – aber wie?
3.1 Weckrufe
3.2 Inspirationen
3.3 Fachwissen
3.4 Reflexion von Praxissituationen
3.4.1 Der Blick auf die eigene Haltung – ein Haltungscheck
3.4.2 Der Blick auf die innere Vielfalt – die Arbeit mit dem Inneren Team
3.4.3 Der Blick auf den anderen – der Perspektivwechsel
3.4.4 Der systemische Blick – Teufelskreise und Auswege
3.4.5 Den Blick weiten – vielfältige Hypothesen
3.4.6 Der Blick auf das Gute – aus dem Gelingen lernen
3.4.7 Einen neuen Blick wagen – das eigene Denken in Bewegung bringen
3.5 Innere Teamentwicklung
3.5.1 Stärkung eines Teammitglieds
3.5.2 Transfer eines Teammitglieds aus einem anderen Lebensbereich
3.5.3 Die Integration unliebsamer innerer Anteile
3.5.4 Neueinstellung eines Teammitglieds
4 Gemeinsam Haltung zeigen – Kultur entwickeln
4.1 Ansteckende Wirkungen
4.2 Führungskultur
4.3 Kollektive Reflexion
4.3.1 Wie wir wurden, wer wir sind
4.3.2 Was uns leitet und wie wir sein wollen
4.3.3 Wie wir jetzt sind
4.4 Feedbackkultur
4.5 Fehlerkultur
4.6 Kollegiale Unterstützung
Nachwort
Danksagung
Literatur
Der Begriff «Haltung» wird seit einigen Jahren viel gebraucht und auch sehnsuchtsvoll beschworen. Es komme darauf an, Haltung zu bewahren, zu zeigen, zu wagen! Dahinter steckt der Wunsch, dass besonders Menschen mit Macht und Einfluss deutlich für etwas stehen und dann auch dazu stehen und dahinterstehen – statt mit geschmeidiger Rhetorik auf den wechselnden Wogen der Opportunität zu surfen. Wenn etwa Wirtschaftsführer oder Politikerinnen nicht nur auf Profitabilität oder Stimmengewinne setzen (das müssen sie natürlich auch!), sondern in erkennbarer Verantwortung für das Gemeinwohl handeln, dann dürfen wir Hoffnung schöpfen für unser Land, für unseren Planeten.
Haltung! Was ist das eigentlich? Kann man sie beobachten, messen? Nein, aber man kann sie ergründen. Sie ist etwas «Zugrundeliegendes» und kann sich in Standpunkten und Entscheidungen zeigen, in Äußerungen und Verhaltensweisen, in Einstellungen und Ausrichtungen der Persönlichkeit und auch in der Körpersprache. Nicht jede Haltung verdient eine positive Wertung. Die Forderung «Ausländer raus!» drückt z.B. durchaus eine klare Haltung zur Migrationsfrage aus – aber ist sie auch menschlich wertvoll und politisch klug?
Katrin Halfmann geht all diesen Fragen nach, und zwar besonders und speziell für die Pädagogik – für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Denn da fängt alles an, und was hier gelingt und misslingt, hat noch lange Folgewirkungen, sowohl für das individuelle Leben als auch für das gesellschaftliche Miteinander.
Ich habe ihr Buch mit großem Gewinn gelesen, und zwar in allen vier Abschnitten: (1) Haltung – was ist das eigentlich? (2) Was zeichnet eine Haltung im pädagogischen Kontext als professionell aus? (3) Wie kann ich eine Haltung, die Menschlichkeit und Professionalität miteinander verbindet, entwickeln und weiterentwickeln? Und (4) wie schaffen wir gemeinsame Haltungen in der Kultur unserer Institution?
Allein schon dieser klare Aufbau ist eine starke Säule der Verständlichkeit. Wichtiger noch dürfen Sie in diesem Buch eine immerwährende Verknüpfung von allgemeinem Gedanken und konkretem Praxisbeispiel erwarten. Katrin Halfmann ist als Psychologin und Pädagogin viel im Einsatz gewesen, hat viel erlebt und klug reflektiert. Gerade in prekären Situationen kommt es auf die Haltung an – so viel verstehen wir bald! Besonders hier wird sie erkennbar, und besonders hier benötigen wir sie als inneren Kompass, um auch ohne differenziertes Nachdenken erst einmal handlungsfähig zu sein: Die Stunde der Reflexion schlägt dann später.
Was hat das Thema «Haltung» in einer Reihe «Miteinander-reden-Praxis» zu suchen? Wann immer jemand in einer verzwickten Situation vor der Frage steht «Wie reagiere ich hier am besten?», dann ist vor jeder Verhaltensempfehlung und vor jedem Verhaltenstraining die Vorfrage zu klären: Wie stehen Sie dazu? Welche Haltung nehmen Sie dazu ein? Davon hängt Ihre stimmige Kommunikation ab! Angenommen, Ihr vierjähriges Kind lügt Sie an. Wie beurteilen Sie die Situation? Sehen Sie darin einen schweren Vertrauensbruch, eine nahezu kriminelle Verfehlung? Dann würde es passen, dem Kind ernsthafte moralische Vorhaltungen zu machen und womöglich eine schwere Strafe zu verhängen – jedenfalls die Sache nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Wenn Sie hingegen der entwicklungspsychologischen Erkenntnis folgen, dass Kinder nicht nur lügen, um einer Strafe zu entgehen, sondern damit auch eine «kognitive Eigenständigkeit» experimentell erproben, dann werden Sie vielleicht auf das «Flunkern» mit augenzwinkernder Gelassenheit reagieren wollen. Das heißt: Sie gehen mit einer anderen Haltung an die Sache heran – an die Sache und an den Menschen. Weiterhin ist es möglich und sogar wahrscheinlich, dass Sie in dieser Frage mehrere Seelen in Ihrer Brust haben: Die eine ist schwer enttäuscht und empört, eine andere ist belustigt über die kindliche Kreativität, die dem Flunkern zugrunde liegt. Und nun? Wahrscheinlich sind beide inneren Wortmeldungen nicht dumm, und die Weisheit und pädagogische Professionalität entsteht in der Vereinigung beider Haltungen, sodass es weder zu einer Kriminalisierung noch zu einer Bagatellisierung kommt.
Insbesondere das Modell vom Inneren Team und das Wertequadrat kommen hier zum Tragen, und es trifft sich gut, dass Katrin Halfmann «vor 100 Jahren» bei mir Kommunikationspsychologie studiert hat. Weiterhin entdeckt sie das gute alte Kommunikationsquadrat als ein Modell, das die vierfache Ausrichtung einer Haltung anderen gegenüber vor Augen führt. Die Autorin bedient sich all dieser Modelle und bereichert sie oft mit liebevollen und kreativen Visualisierungen – so wird uns als Leserin, als Leser die geistige Arbeit zur Freude.
Und noch etwas ist besonders: Immer wieder werden Sie mit inspirierenden Fragen eingeladen, die Inhalte und Gedanken auf sich selber zu beziehen, nach eigenen Beispielen zu suchen und mit Ihrer eigenen Praxis anzudocken.
Meine Haltung zu diesem Buch: ein spannendes und wichtiges Thema, kundig entfaltet – ein echter Gewinn nicht nur für Pädagog:innen! Ich lege es Ihnen ans Herz – und sollten Sie ähnlich ticken wie ich, werden Sie es nicht bereuen, es durchgelesen und auch ein wenig durchgearbeitet zu haben!
Friedemann Schulz von Thun, März 2022
Wenn Sie in verantwortlicher Position mit Menschen arbeiten, kommt es auf Ihre Haltung an.
Stimmen Sie dem zu? Könnten Sie anderen erklären, was diese Aussage konkret bedeutet?
Der Begriff «Haltung» oder auch «professionelle Haltung» wird viel verwendet, aber selten konkretisiert. Es gibt offenbar ein implizites Wissen darüber, was (für den Einzelnen) eine (professionelle) Haltung ausmacht, denn Haltung wird in der Praxis immer wieder eingefordert, ohne sie näher zu definieren. Eine Haltung scheint auf das Gegenüber spürbar zu wirken und einigermaßen treffsicher erkannt zu werden. Schon als Kind hatte ich – wie alle Schulkinder – einen deutlichen Eindruck von der Haltung meiner Lehrkräfte. Nun habe ich als Lehrerin, Psychologin und Fortbildnerin die Aufgabe, eine professionelle Haltung zu praktizieren und andere bei der Reflexion und Entwicklung ihrer Haltung zu unterstützen. Dafür muss ich jedoch verstehen, um was es genau geht.
Auf der Suche nach Erklärungen habe ich Fachliteratur durchforstet und die gelebte Praxis in den Blick genommen. Aus meinem ursprünglichen Anliegen, den Begriff «professionelle Haltung» in seiner praktischen Bedeutung zu verstehen, um schließlich angehende Profis bei der Entwicklung einer solchen unterstützen zu können, ist letztlich dieses Buch entstanden. Es besteht aus vier Teilen:
Was genau ist das – Haltung? Dieser Frage gehe ich im ersten Kapitel nach und erläutere acht Merkmale, die Haltungen kennzeichnen. Im beruflichen Kontext ist eine professionelle (pädagogische) Haltung gefragt. Was wir uns darunter vorstellen können und welche vielfältigen Anforderungen sie zu erfüllen hat, ist Inhalt des zweiten Kapitels. Kaum jemand bringt eine solche Haltung von Anfang an mit. Wir können sie bewusst (weiter)entwickeln. Wie das möglich ist, stelle ich anhand von konkreten Methoden und Praxisbeispielen im dritten Kapitel vor. Das vierte Kapitel erweitert den Blick von uns als Person auf ein ganzes Team, eine Institution. Unsere Haltung kann in Zusammenarbeit mit gleich bzw. ähnlich Gesinnten eine besonders hohe Wirksamkeit entfalten. Wie dies gelingen kann und welche Fallstricke lauern können, ist Gegenstand dieses letzten Kapitels.
Um Haltungen sichtbar, fühlbar und schließlich auch bearbeitbar zu machen, verwende ich kommunikationspsychologische Modelle, die Friedemann Schulz von Thun entwickelt bzw. in die breite Öffentlichkeit getragen hat – allen voran das Innere Team (Schulz von Thun, 1998). Nach meiner Erfahrung eignet es sich besonders gut, um in der Selbstreflexion und der Reflexion von erlebten Praxissituationen an der Professionalisierung der eigenen Haltung zu arbeiten. Alle Modelle stelle ich jeweils an der Stelle des Buches vor, an der sie erstmals Verwendung finden, und vertiefe sie im Zuge der weiteren Kapitel. Eine ausführliche Einführung in die praktische Anwendung für den Eigengebrauch finden Sie in Kapitel 2.2.2 und 3.4.
Die zahlreichen Praxisbeispiele stammen aus dem «echten» Leben, d.h. aus meinem Umgang mit Studierenden, Lehrkräften und anderen pädagogisch Tätigen. Aus Datenschutzgründen sind sie durch erfundene Namen anonymisiert und teilweise stark verfremdet.
Mein Anliegen ist es, Sie dazu einzuladen, mitzudenken und Ihre eigenen Erfahrungen mit dem zu verbinden, was Sie lesen. Dafür finden Sie immer wieder Impulse zur Selbstreflexion. Ich verwende dabei absichtsvoll die «Du-Form», um Sie direkter anzusprechen.
Meine kleinen Illustrationen mögen Ihnen zur Veranschaulichung dienen und Sie dazu ermutigen, gegebenenfalls selbst zum Stift zu greifen. Nach meiner Erfahrung können Zeichnungen helfen, eine innere Distanz zu dem zu bekommen, was uns gerade beschäftigt, Verworrenes auf den Punkt zu bringen und dem ernsthaften, analytischen Blick auf eine Situation etwas Intuition, Leichtigkeit und Humor an die Seite zu stellen – vor allem dann, wenn sie keinem künstlerischen Anspruch zu genügen haben.
Wenn Sie in einem pädagogischen Arbeitsfeld tätig sind, wie z.B. in einer Schule, Kita oder der Jugendhilfe, gehören Sie zu denen, auf deren Haltung es ankommt. An Sie habe ich beim Schreiben gedacht. Sie werden sich in einigen Praxisbeispielen möglicherweise wiederfinden. Doch auch wenn Sie in einem anderen Arbeitsfeld zu Hause sind, können Sie profitieren – der Ruf nach einer professionellen Haltung beschränkt sich nicht auf die Pädagogik.
Das vorliegende Buch enthält keine neue Theorie zum Begriff der Haltung. Mein Ziel ist es, den Haltungsbegriff in unmittelbarem Zusammenhang mit der gelebten Praxis zu erfassen. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist der Versuch, Klarheit zu schaffen, d.h. ein umfassenderes und genaueres Bild davon zu vermitteln, wovon wir sprechen, wenn wir sagen: «Auf die Haltung kommt es an!»
Zugleich möchte ich Ihnen Impulse für einen persönlichen Entwicklungs- und Professionalisierungsprozess geben. Hier zu investieren lohnt sich! Eine professionelle Haltung ist ein gut geeichter innerer Kompass, der uns auch dann Orientierung im beruflichen Alltag bietet, wenn es turbulent und schwierig zugeht. Davon profitieren einerseits wir selbst und andererseits die Menschen, um die es bei unserer Arbeit geht.
Wenn Sie sich beim Lesen fragen, ob eine pädagogische Haltung, die sich professionell nennen kann, tatsächlich menschenmöglich ist, möchte ich Sie ermutigen. An sich selbst und seiner Weiterentwicklung zu arbeiten, betrachte ich nicht als Mühsal, sondern als einen absichtsvoll initiierten Wachstumsprozess, der freudvollere und weniger belastende berufliche Beziehungen und eine höhere Arbeitsqualität verspricht. Es geht mir nicht darum, Ihnen eine mustergültige Haltung als Blaupause anzudienen. Ich will Sie einladen, sich selbst besser kennenzulernen, Ihre Wirkung auf andere zu erkunden, Ihrem Wesen und Ihren Werten treu zu bleiben und sich zugleich auf einen Entwicklungsweg zu begeben. Dabei strebe ich an, was Friedemann Schulz von Thun «Souveränität höherer Ordnung» nennt. Er grenzt sie vom Ehrgeiz einer «Souveränität erster Ordnung» ab, sich jederzeit makellos und brillant zu präsentieren (Pörksen und Schulz von Thun, 2014).
«Die Souveränität höherer Ordnung strebt ebenfalls an, den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein, gewachsen zu werden, mit allen dafür erforderlichen Kompetenzen. Jedoch gestehe ich mir hier Schwächen, Irrtümer und Begrenzungen zu, auch dass ich zuweilen ratlos, melancholisch, empfindlich, hilfsbedürftig, gelähmt und unbedacht bin, mich womöglich schuldig gemacht habe. Und indem ich dies nicht als kläglich angehörig, sondern als menschlich zugehörig ansehe, erkenne ich es als Teil der humanen Realität an. Mir fällt, indem ich mir Fehlbarkeit zugestehe, kein Zacken aus der Krone – im Gegenteil: Die Krone der Menschlichkeit wird jetzt erst wirklich» (Pörksen und Schulz von Thun, 2014, S. 87–88).
Wir können unsere Haltung also auch und besonders im Umgang mit uns selbst kultivieren!
Wenn Sie sich gerade in Ausbildung oder Studium befinden, wird es Ihnen vorrangig darum gehen, die Weichen für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit in der Zukunft zu stellen. Wenn Sie dagegen bereits in der Mitte oder am Ende Ihrer beruflichen Laufbahn angekommen sind, wird Ihr Blick zunächst auf Ihre bisherige Praxis fallen. Vielleicht sind Sie bereits seit Langem dem Haltungsbegriff auf der Spur und finden hier vertraute Gedanken wieder. Wo auch immer Sie gerade stehen und wie auch immer Ihr Arbeitsalltag aussieht – sollte ich Sie zum Mit- und Weiterdenken, zu Ideen für Ihre gelebte Praxis oder zur Selbstreflexion inspirieren können, hat es sich für mich gelohnt, dieses Buch zu schreiben.
Ein Blick in die Praxis: Es ist Freispielzeit in einer Kindertagesstätte. Wie immer ist es trubelig. Die Erzieherin hat damit zu tun, bei Bedarf zu assistieren, zu ermutigen, zu trösten, Freude zu teilen, mit einzelnen Kindern das gemeinsame Frühstück vorzubereiten, die Einhaltung von Regeln einzufordern, Streit zu schlichten und den Überblick zu behalten. Moritz braucht Hilfe beim Toilettengang. Die Erzieherin kommt mit ihm in den Waschraum und sieht dort den dreijährigen Igor. Er steht vor dem Waschbecken und hält seine beiden Hände dicht unter den Wasserhahn. Mit der Bewegung seiner Hände lenkt er den kräftigen Wasserstrahl mal gegen den Spiegel, mal gegen seinen Körper, mal nach rechts oder links. Die Erzieherin sieht auf dem Boden große Pfützen, Igors Kleidung ist vorne schon ganz durchnässt. Er scheint die Erzieherin und Moritz nicht zu bemerken, blickt konzentriert auf seine Hände und leckt sich immer wieder das Wasser von seinen Lippen.
Versetze dich in die Situation der Erzieherin. Welche Gedanken und Gefühle würde diese Situation in dir auslösen? Wie würdest du spontan reagieren?
Schauen wir uns hypothetisch die unterschiedlichen Reaktionen von drei verschiedenen Erzieherinnen an.
Inga Schmidt reagiert ärgerlich und ruft mit vorwurfsvoller Stimme: «Ach herrje, Igor! Mach sofort das Wasser aus! Was soll das denn? Ab jetzt darfst du nicht mehr ohne Begleitung in den Waschraum!» Sie denkt daran, dass Moritz Zeuge des Schauspiels ist und nicht auf die Idee kommen sollte, diese «Sauerei» nachzumachen. Man weiß ja nie!
Catarina Faller ruft staunend: «Wow, Igor! Du kannst das Wasser ja in alle Richtungen lenken! Das spritzt ordentlich, was?» Ihr war aufgefallen, dass Igor in der Kita äußerst zurückhaltend ist und kaum eigene Initiativen zeigt. Sie freut sich, dass er hier offenbar aus eigenem Antrieb das Wasser und seine Eigenschaften erkundet und dabei ganz in seinem Element ist. Ihr ist bewusst, dass Kinder durch solche Experimente viel lernen können.
Betül Akgül reagiert gestresst: «Oh nein! Mach schnell aus! Schau doch mal, wie es hier aussieht! Du bist ja klatschnass!» Sie denkt daran, dass es gleich Mittagessen gibt und vorher alle Kinder zum Händewaschen ins Bad müssen. Wann soll sie das hier alles trocken kriegen und Igor auch noch komplett umziehen?
Die spontane Reaktion der jeweiligen Erzieherin wird vor dem Hintergrund ihrer pädagogischen Haltung erfolgen. Doch was genau ist da im Hintergrund, das deutlich spürbar das jeweilige Verhalten beeinflusst? Die Kolumnistin Mely Kiyak schreibt über Menschen, die sie als Vorbilder empfindet: «Die Haltung, die ihrem Handeln zugrunde liegt, ist wie ein Licht. Es beleuchtet ihr Tun, wo sie auch stehen, wo sie auch gehen» (Kiyak, 2018, S. 47–48). Was aber verbirgt sich hinter diesem Licht? Und was führt dazu, dass es leuchtet?
Der Begriff «Haltung» ist ein Konstrukt, d.h., wir gehen fest davon aus, dass es Haltungen gibt, können sie aber nicht direkt beobachten oder gar messen. Wir können psychologische Konstrukte wie Intelligenz, Kreativität oder eben auch Haltung nur mithilfe von beobachtbaren Indizien annähernd beschreiben – was in der empirischen Wissenschaft «Operationalisierung» genannt wird. Sie in ihrer Gänze zu erfassen bleibt ein Vorhaben, welches über die reine Beschreibung von Sichtbarem hinausgeht. Die Empirie stößt hier an ihre Grenzen. Schon in der Antike haben sich Philosophen wie Aristoteles unter den Begriffen «hexis» und «habitus» mit Haltung befasst (Roick, 2016, S. 25ff.). In den letzten 20 Jahren sind Forschende der ethischen und anthropologischen Philosophie, der Psychologie, Pädagogik, Schulpädagogik und der Hirnforschung diesem Konstrukt verstärkt auf der Spur. Sie betrachten und beschreiben Haltung aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven und kommen zu Definitionen oder Beschreibungen, die Übereinstimmendes enthalten, aber auch unterschiedliche Aspekte fokussieren und benennen. In der Gesamtschau der gesichteten Literatur und nach eingehender Auseinandersetzung mit dem Phänomen Haltung kristallisieren sich folgende wesentliche Aspekte heraus:
Im Zentrum einer Haltung stehen Einstellungen, Überzeugungen und Werte.
Haltungen können generell oder sehr spezifisch sein.
Der «ganze» Mensch hat (bzw. ist) seine Haltung.
Hinter Haltungen verbirgt sich innere Vielfalt.
Haltungen entstehen früh und entwickeln sich lebenslang.
Haltungen sind beständig und beweglich zugleich.
Haltungen können mehr oder weniger bewusst oder reflektiert sein.
Haltungen sind mehrdimensional.
Das, was wir als richtig, sinnvoll und wertvoll empfinden, ist Kern unserer Haltung. Dies können Einstellungen sein wie beispielsweise «Schwule sind besonders hilfsbereit und fürsorglich», Überzeugungen wie «Jedes Fehlverhalten hat seinen guten Grund, den es zu erforschen gilt», oder Grundwerte wie «Die Würde des Menschen ist unantastbar». Einer Haltung können einzelne Glaubenssätze zugrunde liegen wie «Wer dazugehören will, muss sich anpassen» oder Grundüberzeugungen wie «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!». Begriffe wie «inklusive Haltung» oder «systemische Haltung» kennzeichnen ganze Haltungspakete. Im Paket der inklusiven Haltung stecken z.B. das Anerkennen und Würdigen von Verschiedenheit, das Bemühen um Teilhabemöglichkeiten für jeden Menschen und die Orientierung an Ressourcen. Die systemische Haltung beinhaltet u.a. die Überzeugung, dass jeder Mensch Situationen auf seine sehr individuelle Weise erlebt, d.h., seine eigene subjektive «Wahrheit» bildet, und dass bei Fehlverhalten oder psychischen Beeinträchtigungen meist nicht ein einzelner Mensch, sondern das Zusammenspiel von Menschen «gestört» ist. Grundhaltungen oder Geisteshaltungen beinhalten, neben einem Geflecht von Werten und Überzeugungen, ein Grundgestimmtsein anderen Menschen, sich selbst und der Welt gegenüber. Wir können z.B. eine wohlwollende, misstrauische, vertrauensvolle, zuversichtliche oder ängstliche Grundhaltung haben. Dies hat Auswirkungen auf unser Menschenbild. Es kann besagen, dass Menschen grundsätzlich gut oder schlecht sind – oder beides zugleich.
Haltungen sind immer gerichtet – wir haben eine Haltung zu anderen, zu uns selbst oder zu bestimmten Sachverhalten oder Fragestellungen (Kurbacher, 2016, S. 150). Diese enthält immer auch Bewertungen der Situation bzw. des Gegenübers. Im Grunde bereitet uns unsere Haltung innerlich auf das vor, was kommen mag, und versetzt uns in einen Zustand, der uns dabei behilflich sein kann, eine Situation einzuordnen, gegebenenfalls Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu reagieren.
Stelle dir folgende Situation vor: Du bist zu Hause, es klingelt. Du öffnest die Tür. Vor der Tür stehen zwei Zeugen Jehovas, die mit dir über Gott sprechen wollen.
Mit welcher Haltung begegnest du ihnen? Was empfindest du? Was sagt dein Bauchgefühl? Was denkst du? Wie ist deine Körperhaltung? Wie könnte deine Haltung von deinem Gegenüber wahrgenommen werden?
Nun stelle dir vor, vor der Türe stehen nicht die zwei Zeugen Jehovas, sondern …
… ein Nachbarskind, das sich ausgesperrt hat und nun nicht weiß, was es machen soll;
… zwei Polizisten mit ernster Miene;
… der Paketbote mit einem bestellten Paket;
… eine Freundin – Überraschungsbesuch!
Mit welcher Haltung begegnest du deinem jeweiligen Gegenüber? Was empfindest du? Was sagt dein Bauchgefühl? Was denkst du? Wie ist deine Körperhaltung? Wie könnte deine Haltung von deinem Gegenüber wahrgenommen werden?
Wir haben unterschiedliche Haltungen unterschiedlichen Menschen oder Menschengruppen gegenüber, die zum Ausdruck kommen, wenn wir an sie denken, ihnen begegnen oder über sie sprechen. Zusätzlich können wir Haltungen bestimmten Situationen gegenüber einnehmen – so kann es sein, dass wir eine sehr offene, liebevolle Haltung unserer Freundin gegenüber hegen, aber Überraschungsbesuche nicht schätzen und daher ungewöhnlich distanziert reagieren, wenn sie plötzlich vor der Tür steht.
Die Philosophin Frauke Annegret Kurbacher (2016) unterscheidet einen weiten und einen engen Haltungsbegriff. Im weiten Sinne haben wir Grundhaltungen, die uns kaum bewusst sind. Sie sind da, haben sich im Laufe unserer Sozialisation entwickelt und bilden die Basis unseres Tuns, ohne dass wir darüber nachdenken. Dagegen gibt es auch Haltungen im engeren Sinne, die wir zu bestimmten Fragen, Menschen oder Sachverhalten bewusst und selbstbestimmt einnehmen. Hier fühlen wir uns autonom und frei und können absichtsvoll Haltung entwickeln und zeigen. So können sich unsere Haltungen z.B. auf konkrete Fragen beziehen wie «Wie stehe ich zum Gendern in der Schriftsprache?» oder auf Grundsätze des Lebens oder Zusammenarbeitens.
Einstellungen, Überzeugungen und Werte allein machen noch keine Haltung aus. Eine Haltung wird nicht nur im Kopf gedacht, sondern mit «Leib und Seele» gelebt. Sie kommt von Herzen. In ihrer Definition von «Professioneller pädagogischer Haltung» sprechen Kuhl, Schwer und Solzbacher von «authentischem Selbstbezug» (Kuhl et al., 2014, S. 107). Wir machen uns unsere Einstellungen, Werte und Überzeugungen so zu eigen, dass sie sich in unserem Denken, Fühlen, Wollen und Handeln niederschlagen und ein Teil von uns und unserer Identität werden.
Unsere innere Haltung uns selbst und der Welt gegenüber zeigt sich in gewisser Weise daran, wie wir stehen und wie wir uns bewegen – geduckt und unterwürfig, steif und starr, aufrecht und offen. Haltungen haben eine mentale und körperliche und immer auch eine emotionale Seite. Unsere Überzeugungen beeinflussen unsere Gefühle und umgekehrt. Wer davon ausgeht, dass Obdachlose betrunken und gewalttätig sind, empfindet vermutlich Unbehagen beim Zusammentreffen mit ihnen oder allein schon beim Gedanken an Obdachlose und macht einen Bogen um sie. Dieses Unbehagen kann dazu führen, weitere ablehnende (Vor-)Urteile zu entwickeln wie «Obdachlose täuschen ihre Armut nur vor» oder «Obdachlose sind an ihrem Elend selbst schuld». Dies wiederum beeinflusst unseren Willen, uns für sie (politisch oder praktisch) einzusetzen oder gerade nicht.
Wenn wir dagegen etwas mit einer Haltung der liebevollen Fürsorge tun – z.B. das Nachbarkind unterstützen, welches sich ausgesperrt hat –, äußert sich dies in unserer Gefühlslage, Mimik, Gestik und Stimme. Unsere Haltung zeigt sich darin, was wir tun, und vor allem, wie wir etwas tun.
Haltungen können sich auch in der eigenen Körperwahrnehmung niederschlagen. Das passende Bauchgefühl ist ein meist verlässlicher Indikator, ob eine Haltung stimmig ist. Wenn wir z.B. aufgrund von Einrichtungsregeln oder dem Erwartungsdruck anderer Menschen Erziehungsmaßnahmen umsetzen, die uns und unserer Grundhaltung eigentlich zuwiderlaufen, sind diese (hoffentlich) von einem flauen Bauchgefühl begleitet. Es hat sich im Laufe unserer Sozialisation als Wegweiser entwickelt und tut dies weiterhin. Wenn unsere Haltung und die ihr zugrunde liegenden Werte von anderen verletzt werden, merken wir das in aller Regel in Form von körperlichem Unbehagen, vielleicht sogar körperlich spürbarer Empörung – Bauchgrummeln, Engegefühl in der Brust, Verspannung u.v.m. Das Bauchgefühl zeigt uns, ob eine Haltung wirklich verinnerlicht ist.
Wir können uns Haltungen durch Überzeugungen aneignen, also vom Kopf ausgehend, sie können aber auch intuitiv und in gelebter Praxis, sozusagen aus dem Bauch heraus, entstehen und zu einem Teil von uns werden. Die zugrundeliegenden Überzeugungen werden uns erst dann bewusst, wenn unsere Haltung in Konfrontation mit anderen gerät, wenn sie «herausgefordert wird» (Weber-Guskar, 2016, S. 189).
Ein starkes Rückgrat kann gegebenenfalls notwendig sein, um sich gegen äußere Widerstände den eigenen Überzeugungen und Werten gemäß zu verhalten, um Haltung zu zeigen. Haltung zeigen kann in anderen Situationen wiederum bedeuten, sich aus Taktgefühl oder um seiner Werte willen selbst zu kontrollieren, sozusagen sich selbst gegenüber Rückgrat zu zeigen, die eigenen Impulse nicht ungebremst nach außen zu tragen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Die Philosophin Eva Weber-Guskar (2016) spricht von «Haltung als Selbstverhältnis, in dem man Emotions- und Handlungsdispositionen gestaltet» (Weber-Guskar, 2016, S. 188–189). Wir regulieren unsere Gefühle und unser Verhalten mehr oder weniger stark, wenn wir Haltung zeigen. Haltung impliziert daher nicht nur Einstellungen und Werte, sondern auch die Art und Weise, wie wir mit ihnen und unseren Emotionen umgehen. Der Mensch ist also in seiner Einheit gefragt!
Häufig kann von innerer Einheit allerdings nicht die Rede sein. Mal will der Kopf anders als der Bauch, mal ist das Rückgrat den Anforderungen der eigenen moralischen Ansprüche einfach nicht gewachsen. Wir Menschen sind vielschichtige und vielfältige Wesen mit unterschiedlichen Impulsen, Meinungen, Gefühlen und Erwartungen. Manchmal alles zur selben Zeit. Vor allem in nicht eingeübten Situationen, die unmittelbare Reaktionen erfordern, zeigt sich unsere Haltung – aber auch unsere innere Vielfalt. Wie häufig stehen wir verdattert da und wissen nicht weiter, sind innerlich hin- und hergerissen oder handeln wie ferngesteuert und ärgern uns später darüber.
Das Modell des Inneren Teams des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun (1998) eignet sich gut, um die Prozesse sichtbar zu machen, die sich in Bezug auf unsere Haltung(en) im Inneren abspielen. Es geht davon aus, dass es in einem Menschen zu einer Situation oder einer Fragestellung normalerweise unterschiedliche Impulse, Gedanken oder Gefühle gibt, die verschiedenen inneren Anteilen zugeordnet werden können. Wir sind selten mit uns selbst «ein Herz und eine Seele», sondern bemerken, wenn wir genauer in uns hineinhören, meistens verschiedene Stimmen, die sich zu Wort melden und sich nicht immer einig sind. Im Modell des Inneren Teams betrachten wir diese als innere Teammitglieder, die alle eigene Gefühle, Interessen oder Bedürfnisse haben und untereinander eine eigene Dynamik entwickeln. Einige sind laut, andere leise und zaghaft. Einige melden sich schnell, andere erst eine Weile später.
So kann es sein, dass in der eingangs beschriebenen Wasserhahn-Situation alle drei Erzieherinnen sowohl etwas Ärger («Ach herrje, muss das jetzt sein?!») als auch etwas Stress («Wie soll ich das alles wieder trocken kriegen?») als auch etwas Freude («Wow, Igor lernt ganz viel!») empfinden – das eine mehr, das andere weniger. Entscheidend für ihre Reaktion ist, welcher Impuls schnell zur Stelle ist, welcher dominiert, welchen sie zulässt und welchen oder welche (es kann auch eine Kombination von mehreren sein) sie schließlich in welcher Form äußert.
Trotz unserer inneren Vielfalt sprechen wir nicht von «Wir», sondern von «Ich». Das, was wir dabei «Ich» nennen, ist die Führungskraft unseres Inneren Teams, die Schulz von Thun das Oberhaupt nennt. Wie eine gute Teamleitung muss das Oberhaupt zusehen, wie es alle unsere inneren Teammitglieder unter einen Hut kriegt, um als Gesamtperson handlungsfähig zu sein. Es versucht idealerweise, alle im Blick zu behalten und angemessen einzusetzen.
Eine vertiefte Betrachtung des Oberhauptes und seiner Bedeutung für eine professionelle Haltung findet sich in Kapitel 2.5.2.
Das Modell des Inneren Teams lebt von seiner Visualisierung. Dabei geht es nicht um Schönheit oder künstlerische Qualität, sondern um Praktikabilität. Einfache Strichmännchen reichen. Es wird zunächst ein Kopf mit einem großen Bauch aufgemalt. Hierein werden dann nach und nach die Inneren Teammitglieder eingezeichnet, die sich zu einer konkreten Fragestellung zu Wort melden. Sie bekommen alle einen passenden Namen und eine typische Botschaft in eine Sprechblase geschrieben. Gegebenenfalls werden sie mit Gesten, Symbolen oder einem passenden Gesichtsausdruck versehen. Der Kopf steht für das Oberhaupt.
Das Modell des Inneren Teams (vgl. Schulz von Thun, 1998)
Das Aufmalen ist wichtig, weil sich die Wirkung des Modells erst voll entfalten kann, wenn wir unsere inneren Anteile und die dadurch entstandene Dynamik bildlich vor uns sehen. Dadurch können wir uns von dem, was in uns vor sich geht, emotional leichter distanzieren und es von außen betrachten. Indem die inneren Teammitglieder als «Wesen» bildlich dargestellt werden, aktivieren wir unterschiedliche Hirnregionen, die jeweils für analytische oder eher assoziative Prozesse zuständig sind. Diese Verbindung ermöglicht es uns auch, unseren Blick zu erweitern und uns von einseitigen Bewertungen und Interpretationen zu lösen. Nachhaltige und auch kreative Lösungen werden hierdurch wahrscheinlicher.
Die Erzieherin Catarina Faller spürt in der oben beschriebenen Situation mit Igor zunächst die «Pädagogin» in sich, die Igor und seine Entwicklung im Blick hat. Sie freut sich über jeden kleinen Fortschritt und nimmt wahr, dass er heute in der Kita etwas Neues wagt.
Auch die «Bildungssensitive» in ihr vermutet, dass es sich hier keineswegs um Unsinn oder Böswilligkeit handelt, sondern um einen spontan entstandenen kindlichen Forschungsprozess. Sie ist davon überzeugt, dass sich Kinder beim Spielen selbst bilden. Ihre Haltung ist offen und neugierig. Sie hat das Vertrauen, dass Igor einen subjektiv guten Grund dafür hat, mit dem Wasser zu experimentieren, und interessiert sich dafür.
In ihr meldet sich aber auch die «gestresste Alltagsmanagerin», die genervt reagiert und der Experimentierfreude von Igor Grenzen setzen möchte. Sie trägt hier die Verantwortung, der Tagesablauf muss weitergehen, und es bleibt an ihr und ihrer Kollegin hängen, dafür zu sorgen, dass das Bad und Igors Kleidung trocken und benutzbar sind.
Auch eine «Ressourcenbewusste» macht auf sich aufmerksam. Ihr ist es ein Anliegen, mit der kostbaren Ressource Trinkwasser sparsam hauszuhalten.
Als ungutes Gefühl macht sich schließlich eine «Grenzwächterin» bemerkbar. Ihr ist es wichtig, Kindern gutes Benehmen beizubringen. Sie weist darauf hin, dass Igor solche Experimente nicht nach Belieben überall machen sollte und dass es auch nicht gut wäre, wenn nun alle Kinder, z.B. beim Händewaschen vor dem Essen, mit Wasser im Bad herumspritzen. Igor sollte lernen, auch auf die Bedürfnisse und Grenzen anderer Rücksicht zu nehmen.
Inneres Team von Catarina Faller zur Wasserhahn-Situation
Nicht selten kommt es innerhalb einer Person zum Kampf verschiedener Haltungen. Mehrere innere Teammitglieder ringen dann darum, Gehör zu finden und sich durchzusetzen.
Der Referendar Lukas Hempel hat noch eine recht unklare Haltung – man könnte auch sagen, unterschiedliche Haltungen – zu der Frage, wie mit Lernenden umzugehen ist, die häufig der Schule fernbleiben.
Wenn er mit dem Kollegen G. spricht, der ein konsequentes Vorgehen mit schulrechtlichen Konsequenzen anmahnt, wird der «Ordnungshüter» in ihm wach: «Ich denke auch, da müssen wir hart vorgehen. Wo kämen wir hin, wenn jeder kommt oder nicht kommt, wie es ihm gefällt!?»
Später spricht er mit dem Kollegen L. Dieser macht darauf aufmerksam, dass es für die Jugendlichen meist «gute» Gründe gibt, warum sie fehlen. Diese herauszufinden müsste oberstes Gebot sein. «Das leuchtet mir ein», findet Lukas. «Vielleicht liegt ja irgendeine Not vor! Wir müssten sie auf jeden Fall ansprechen und fragen, was los ist. Durch gnadenlose Sanktionen machen wir vielleicht alles noch schlimmer!» Der «Empathische» in ihm ist nun ganz in seinem Element.
Zu Hause klagt sein Sohn: «Schule ist ätzend! Wir machen nichts, was mich interessiert!» «Hm», entgegnet Lukas nachdenklich, «was müsste denn passieren, dass sich Schule für dich lohnt?» In ihm meldet sich plötzlich ein «Qualitätsbewusster», der darüber nachdenkt, ob die Schule wirklich so gestaltet ist, dass sie von Lernenden als sinnvoll erlebt wird.
Schulz von Thun bezeichnet es als «reziproke Hervorlockung», wenn wir uns von der Ausstrahlung unseres Gegenübers so beeinflussen lassen, dass die dazu passenden inneren Stimmen hervorgelockt und aktiv werden (Schulz von Thun, 1998, S. 249ff.).
Dieses Phänomen des Herauslockens einzelner Teammitglieder durch das Gegenüber kann auch kontrastierend bzw. «komplementär» (ebd.) sein. In Diskussionen ertappe ich mich hin und wieder dabei, dass ich Haltungen vertrete, die im Gespräch noch nicht vertreten sind, die aber, aus meiner Sicht, zur Vervollständigung einer – in der Sache – angemessenen Haltung eine wichtige Rolle spielen sollten. So kommt es zu einer Art Kontrastverstärkung. Wenn mein Gegenüber einseitig die Vorteile von etwas herausstellt, übernehme ich zuweilen die Rolle des kritischen Bedenkenträgers und umgekehrt.
Die Innere Vielfalt kann lästig sein und innere Konflikte heraufbeschwören. In ihr verbirgt sich allerdings auch eine große Chance. Wenn eine Haltung von mehreren inneren Teammitgliedern gemeinsam getragen wird, im Idealfall vom gesamten Team, ist sie wesentlich bedachter und ausgewogener und wird einer Situation in ihrer Vielfältigkeit sehr wahrscheinlich gerechter, als wenn einzelne Teammitglieder ihre eigenen Haltungen durchzusetzen versuchen. Es ist die Aufgabe des Oberhauptes, aus den Einzelstimmen ein Team zu machen, das an einem Strang zieht.
Der Referendar Lukas Hempel kann, wenn er als Oberhaupt seine drei oben skizzierten Überzeugungen in einen Austausch miteinander bringt, mit seinen inneren Teammitgliedern zu einer ausgewogenen Haltung finden, die zwar Ambivalenzen enthält, aber gangbare Wege eröffnet.
