Haltung - Mely Kiyak - E-Book

Haltung E-Book

Mely Kiyak

0,0
7,99 €

Beschreibung

Quer durch alle gesellschaftlichen und politischen Lager heißt es immerzu: "Haltung zeigen". Klingt erst mal gut - doch bei genauerem Hinsehen entlarvt sich dieser Appell häufig als hohle Phrase. Haltung manifestiert sich nicht, indem man sie zeigt, sondern hat. Und dort, wo eine Gesellschaft keine gemeinsame Haltung hat, kann sie auch keine zeigen. Gerade angesichts des Erstarkens der Antidemokraten und ihres Getöses kommt die politische Kolumnistin Mely Kiyak zu dem Schluss, dass Haltung ein persönlicher Kompass ist. Und der sagt ihr: Es gibt eine Zeit, da muss man die Stimme erheben. Und eine Zeit, da man zu härteren Mitteln greifen muss: leise sein.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 56




Wenn jemand fragt, was das wahre Zen ist,

ist es nicht notwendig, dass ihr den Mund öffnet,

um es zu erklären. Zeigt alle Aspekte eurer Zazenhaltung.

So wird der Frühlingswind wehen und die wunderbare

Blüte des Zwetschgenbaums erblühen lassen.

Daichi Sokei (1290–1366)

Ich schlage eine beliebige Zeitschrift, die über Medienschaffende berichtet, auf, um mich darüber zu informieren, was in Verlagen gerade Thema ist. Wieder einmal lese ich, dass einer der Kollegen auf einer Preisverleihung eine »mutige« oder wahlweise »dringend nötige« Rede gehalten und davon gesprochen hat, dass in Anbetracht »der Weltlage« die Zeit gekommen sei, »Farbe zu bekennen«.

Mein erster Gedanke angesichts solcher Appelle ist: Menschenskind! Dann bekenne er sich doch!

»Wir müssen aufstehen« ist eine andere typische Aufforderung, die ich dieser Tage häufiger lese, oder, es gelte, »Haltung zu zeigen«. Es herrscht gerade akute Imperativdichte.

Was auch immer mit »der« Weltlage gemeint ist – vermutlich das Abdriften der europäischen Nationen in reaktionäre Denk- und Politikmuster –, scheint mir der Zeitpunkt für derlei Appelle etwas verspätet. Da der Paradigmenwechsel in fast allen europäischen Ländern parlamentarischer Alltag geworden ist, frage ich mich, ob Widerstand in Form von öffentlicher Protestbekundung nicht hinfällig geworden ist. Vielleicht wäre es stattdessen endlich an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man »demokratische Partei« definiert.

Allein in Deutschland haben bei der letzten Bundestagswahl sechs Millionen Wähler entschieden, ihre Stimme einer Partei zu geben, deren gesamte Agenda sich in einer mit Schusswaffen kontrollierten deutschen Grenze zusammenfassen lässt, auf dass Deutschland den Deutschen vorbehalten bleibe. Wer genau mit »den Deutschen« gemeint ist, weiß ich nicht. Muss ich auch nicht. Mögen die Parteien und ihre Wähler es bitte selber erklären und sich dabei einen abbrechen.

Mein Bedürfnis, mich dazu zu positionieren, ist längst erloschen. Ebenso mein Wunsch, »Farbe zu bekennen«. Jetzt noch mutig sein und aussprechen, was ohnehin für jedermann sichtbar ist? In meinen Augen vollkommen unergiebig. Die Autokraten und Antidemokraten entlarven sich durch ihr Reden und Handeln von ganz allein.

Für meinen Geschmack herrscht derzeit ohnehin ein Überfluss an Bekennertum. Alle paar Tage werden Statements veröffentlicht, in denen Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Philosophen und Polizeigewerkschafter der Öffentlichkeit mitteilen, wie sehr sie eine Politik der »offenen Grenzen« verabscheuen. Davon distanzieren sich dann wiederum andere Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller, indem sie eine Gegenerklärung unterschreiben.

Besonders stupide ist die Verkürzung des politischen Anliegens auf ein oder zwei Sätze, in denen nur noch Schlagwörter fallen. »Wir sind gegen offene Grenzen« lautet einer dieser Slogans. Das können sie ja ganz gut, die Demagogen: Fantasiewelten erfinden. Eine Grenze, die offen ist, ist keine Grenze. Eben, höre ich sie jetzt aufschreien, eben! Ja klar, aber fragen Sie mal einen Libyer, der in einem sogenannten DCIM-Lager (Department for Combating Irregular Migration) gefangen gehalten und gefoltert wird, oder eine Syrerin, die seit Monaten im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos lebt, traumatisiert und suizidgefährdet (laut »Ärzte ohne Grenzen« gibt es dort täglich zehn bis fünfzehn Suizidversuche), als wie grenzenlos offen sie ihr Leben im Speziellen und die Welt im Allgemeinen empfinden. Für diese Flüchtlinge, man kann sie auch Gefangene nennen, sind Zäune, Grenzen und Maschendraht Realität. Für manche Menschen hierzulande beginnen Grenzen leider schon bei ihrem Denkvermögen.

Denen, die sich erst heute hinstellen und Ermutigungsreden halten, um Verbündete für den Marsch »gegen rechts« zusammenzutrommeln, kann ich nur sagen, dass sie ein eigenartiges Bild abgeben. Sie kommen mir vor wie Kinder, die – mit schwerem Ranzen und sperrigem Turnzeug beladen – dem bereits abgefahrenen Bus hinterherlaufen. Die, gegen die sie vermeintlich mutig aufstehen, sitzen derweil längst in diesem Bus und schauen amüsiert raus auf die hechelnden Zuspätkommer.

Dass man denjenigen, die unsere Freiheit und Demokratie bedrohen, keinen Zentimeter Land überlassen darf, dass man sich ihnen rhetorisch-argumentativ entgegenzustellen hat – völlig richtig. Ich sehe das genauso. Allerdings als Präventivmaßnahme. Solche Appelle wären mutig gewesen, hätte man vor drei, fünf oder fünfundzwanzig Jahren auf Preisverleihungen, Galas oder sonst wo öffentlich zum Widerstand aufgerufen. Jetzt wirken diese Reden kraftlos und wohlfeil.

Ich bin weder bestürzt noch empört. Nicht mehr. Jegliches Gefühl des Entsetzens hat sich längst abgenutzt. Als in einigen deutschen Städten Bürger im Rentenalter die Fassung verloren und ohne jede Selbstbeherrschung durch die Straßen marschierten, vulgär und primitiv die Kanzlerin beschimpften oder vor »dem Islam« warnten, war ich einigermaßen froh, dass das nicht meine Eltern waren. Ich hätte nicht gewusst, wohin mit meiner Scham. Nie war ich so verstört wie nach diesen Bildern.

Ich bin, wie sicher viele in diesem Land, durch eine Phase tiefen Grolls gegangen, eine Phase, die zugleich geprägt war von der Lust auf Widerspruch. Man hätte mich jederzeit nachts aufwecken und mir das demagogische Zitat eines rechtpopulistischen Politikers zurufen können, und ich hätte aus dem Stand einen Text getippt, der sich klar gegen die Volksverführer positioniert. Es war mir ein Leichtes nachzuweisen, wo sich in einem Satz verräterische Begriffe befinden, die darauf hindeuten, dass der Schreiber oder die Rednerin rechtsextreme Fantasien hegt, ohne explizit zu werden.

Zehn Jahre lang, Woche für Woche, wurde ich merkwürdigerweise nicht müde, diese Nachweise immer und immer wieder abzuliefern. All die Jahre meinte ich, durch meine Tätigkeit als politische Kommentatorin unmittelbaren Einfluss auf den Meinungsbildungsprozess nehmen zu müssen. Ich demaskierte antidemokratische, rassistische oder schlicht alberne Einstellungen von Politikern, sobald sie ausgesprochen wurden. Ich konnte genau belegen, wer wann Inakzeptables von sich gab. Ich warnte leidenschaftlich (fünfzig Prozent meiner früheren Texte bestehen nur aus Warnungen – wie peinlich!). Jedenfalls dachte ich allen Ernstes, ich gehörte zur Speerspitze des antifaschistischen Widerstands. Schließlich hatte ich es in meiner westdeutschen Schulzeit so gelernt: Wir dürfen den antisemitischen oder xenophoben Müll nicht einfach hinnehmen oder unkommentiert stehen lassen. Erst werden sie reden, dann werden sie handeln. Wir müssen Rassisten, wo immer sie auftauchen, entlarven. Auf keinen Fall schweigen, nicht wegducken.

Langsam stellt sich aber heraus, dass die Dynamik des Rechtsrucks gerade aus diesem Reaktionsmuster erwächst. Weil sie genau wissen, dass wir anderen darauf konditioniert sind zu reagieren, werfen die Menschenfänger und Angstverbreiter ständig Köder aus, um Empörung und damit allgemeine Aufmerksamkeit zu generieren. Je mehr wir uns über ihre Provokationen entrüsten, umso mehr fühlen sich die Rechtspopulisten bestätigt und umso mehr gewinnen sie Sympathien in neuen Wählerschichten. Schließlich können sie sich so als Opfer von Zensur darstellen. Ihnen wird angeblich das Wort verboten. Ach Gottchen.

Schweigt man dazu, käme es einer Duldung gleich. Wenn man reagiert, hat man das Spiel in Kenntnis der Methode mitgespielt. Wie also Einspruch erheben? Der Schlüssel ist, die Methode Widerspruch ohne Konsequenz in Widerspruch durch Konsequenz zu ändern. Nur so lässt sich die Dynamik durchbrechen, indem man die Grenzüberschreitung als nicht hinnehmbare Haltung auch sichtbar macht.

Ächtung wäre eine solche Konsequenz, zum Schweigen verdonnern, Demonstrationen sofort auflösen, sobald ein Regelverstoß stattfindet. Es gibt viele Möglichkeiten, den Ermessensspielraum der bestehenden Gesetzeslage so zu ihren Ungunsten anzuwenden, dass es nur so quietscht und kracht.