Hämatom - Lucie Flebbe - E-Book

Hämatom E-Book

Lucie Flebbe

4,4

  • Herausgeber: GRAFIT
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Lila Ziegler macht mal wieder keine halben Sachen. Nachdem sie zwei Wochen daran gearbeitet hat, ihren Beziehungsschmerz zu betäuben, begibt sie sich in eine Klinik zur Entgiftung. Dort wird sie Zeugin, wie eine junge Putzfrau an einem Herzinfarkt stirbt. Doch war das wirklich ein natürlicher Tod? Dreist bewirbt sich Lila auf die frei gewordene Stelle und erhält ein sehr widersprüchliches Bild von der Verstorbenen: liebevolle Mutter oder nymphomanisches Flittchen? Hilfsbereite Kollegin oder karrieresüchtige Zicke? Als Privatdetektiv Ben Danner in der Klinik auftaucht, muss sich Lila endlich ihren Gefühlen stellen - und erfährt von einem handfesten Motiv für einen Mord ...

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Seitenzahl: 256

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Copyright

© 2010 by GRAFIT Verlag GmbH Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund Internet: http://www.grafit.de E-Mail: [email protected] Alle Rechte vorbehalten. eISBN 978-3-89425-802-3

Die Autorin

Lucie Flebbe(vormals Klassen) kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie ist Physiotherapeutin und lebt mit Mann und vier Kindern in Bad Pyrmont.

Mit dem Roman Der 13. Brief mischte sie 2008 die deutsche Krimiszene auf. Folgerichtig wurde sie mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ als die beste Newcomerin in der Sparte Romandebüt ausgezeichnet.

1.

Bochum bei Nacht von oben zu betrachten ist irritierend. Als würde man in einem Raumschiff über einem fremden Planeten hängen. Und dabei überlegen, ob es nicht das Klügste wäre, einfach weiterzufliegen.

Klingt depressiv, ich weiß.

Soll es auch.

Mein Name ist Lila. Ich bin zwanzig Jahre alt und mein Leben ist eine Katastrophe.

Ich blickte auf das blinkende Meer bunter Lichter, das den Advent ankündigte. Der beleuchtete Förderturm des Bergwerkmuseums ragte hinter den Häusern hervor wie ein außerirdisches Insekt und in der Ferne hörte ich das Brummen der Autobahn, das selbst nach Mitternacht nicht verstummte.

Mein Blick glitt über die Schaufenster im Erdgeschoss des Hauses gegenüber, die auch nachts beleuchtet waren. Neben einem Tattoo-Studio, das mit Bildern von tätowierten Hintern warb, zeigte ein Fotoshop Hochzeitsaufnahmen.

Zwischen den unzähligen Satellitenschüsseln, die an den Stockwerken darüber klebten, war es hinter vereinzelten Fenstern noch hell. Ich konnte in die Wohnungen sehen. Ein Mann im Unterhemd schlief mit einer Bierflasche in der Hand vor dem Fernseher. Hinter einer mit Sternen geschmückten Scheibe stritt sich ein Paar seit einer halben Stunde, was in absehbarer Zeit mit einem Totschlag im Affekt enden musste. Und eine Hausfrau mit Schlafstörungen hatte soeben einen vorweihnachtlichen Großputz begonnen. Weiter unten starrte eine Oma aus dem Fenster.

Ich hatte das Gefühl, von ihr beobachtet zu werden, obwohl das unmöglich war, denn ich saß draußen im Dunkeln und in ihrer Wohnung brannte Licht. Trotzdem zog ich mich in den Schatten eines blechernen Belüftungsschachtes zurück.

Mir war kalt.

Kein Wunder: Es war Anfang Dezember, drei Uhr früh und zwei Grad unter null und ich hockte fünf Stockwerke hoch auf einem Dach, neben einer aus öffentlich-rechtlichen Zeiten übrig gebliebenen Fernsehantenne.

Das war das Ende.

Eindeutig.

Und es geschah mir so was von recht!

Wie arrogant war ich gewesen, mir als gerade Zwanzigjährige einzubilden, schon alles zu wissen, alles gesehen zu haben und auf alles, was noch kam, vorbereitet zu sein!

Wie war ich darauf gekommen?

Weil ich es fertiggebracht hatte, mit drei Dutzend Männern zu schlafen, bevor ich volljährig war? Oder weil ich bereits aufgehört hatte zu kiffen, als meine Klassenkameraden erst bemerkten, dass man mit Hanf keine Kaninchen fütterte? Oder weil ich mein Bestes getan hatte, um mir die jahrelangen Prügel meines Vaters auch zu verdienen?

Wirklich alles Meisterleistungen.

Nur auf Ben Danner war ich nicht vorbereitet gewesen.

Ich hatte mich verliebt. Zum allerersten Mal war mir das passiert und gleich schlimmer als einer Viertklässlerin mit den Milchgesichtern von Tokio Hotel. Es hatte mich erwischt wie eine rechte Gerade. Kompletter Knock-out, anders konnte man das nicht nennen.

Jedem, der einigermaßen bei Verstand war, wäre sofort klar gewesen, dass die Geschichte niemals gut gehen konnte. Der Altersunterschied war dabei noch das allerkleinste Problem. Aber in dem seit seiner geplatzten Hochzeit vergangenen Jahrzehnt hatte der Kerl regelmäßig sogar Frauen mit Hochschulabschluss und D-Körbchen vor die Tür gesetzt. Was sollter er da mit einer verhaltensauffälligen Gewohnheitslügnerin wie mir anfangen? Wieso hätte ausgerechnet unsere Beziehung Danners bewährte Drei-Monats-Grenze überstehen sollen?

Ich hatte alle Alarmsignale konsequent ignoriert. Zu sehr hatte ich mir gewünscht, mich in diesem rosaroten Luftschloss einmieten zu können, in dem Danner mit mir schlief, Molle uns in seiner Kneipe leckeres Essen kochte, Kriminalkommissar Lennart Staschek die Ermittlungen unserer Detektei unterstützte und dessen Tochter Lena sowie deren beide beste Freundinnen Karo und Franzi zu meiner Clique mutierten, die ich noch nie vorher gehabt hatte. Von Danner hatte ich mich ernst genommen, vielleicht sogar zum ersten Mal ein bisschen verstanden gefühlt.

Ich hatte ein Zuhause gewollt und mit Gewalt verdrängt, was ich schon lange wusste: dass es so etwas nicht gab. Da mein rosarotes Luftschloss vom Boden der Tatsachen schon ein ganzes Stück abgehoben hatte, war der Absturz umso schmerzhafter gewesen.

Ich rieb mir mit vor Kälte steifen Fingern die Augen, weil die blinkenden Lichter Bochums vor mir verschwammen.

Meine Finger zitterten und daran waren nicht nur die Minusgrade schuld. Rasch verbarg ich die Hände in den Taschen, doch die Kälte wanderte meine Arme hinauf, ließ mich am ganzen Körper schlottern.

Ich versuchte, mich abzulenken, mich zu erinnern, was genau eigentlich geschehen war, aber es kam mir vor, als lähmte die Kälte nicht nur meine Finger, sondern auch mein Gehirn.

Ich kann ihn spüren, neben mir. Seine heiße, raue Hand, die schwer auf meinem Bauch liegt, dicht unter meinem Nabel und noch über den ersten Haaren. Seine Wärme lässt meine Haut sanft kribbeln.

Es ist dunkel draußen und ich überlege, ob er noch mal mit mir schläft, wenn ich ihn jetzt küsse …

Es kam mir vor, als hätte ich Danner erst vor ein paar Stunden so dicht neben mir gespürt.

Wie lange war es wirklich her? Eine Woche? Zwei? Drei?

Ich zuckte zusammen. Irgendein Geräusch hatte mich in die kalte Nacht auf das Hausdach zurückgeholt. Was war das gewesen?

Ich drückte mich mit dem Rücken gegen das eiskalte Blech des Lüftungsschachtes und hob automatisch die Hände, bereit, mich zu verteidigen. Bewegungslos lauschte ich in die Finsternis, bildete mir ein, schleichende Schritte zu hören. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.

War da wirklich jemand?

Oder drehte ich gerade durch?

Die alte Antenne wackelte im Wind. Bis auf das entfernte Brummen des Verkehrs auf der A 40 blieb alles ruhig.

Mein Rücken krampfte.

Schließlich zwang ich mich, Luft zu holen.

Ich hatte Halluzinationen. Verfolgungswahn. Wer außer mir sollte mitten in der Nacht auf diesem Dach stehen?

Vorsichtig versuchte ich, meine Schultern zu bewegen. Der Krampf in meinem Rücken löste sich ein wenig. Erschöpft sank ich auf die Knie, blieb an den Lüftungsschacht gelehnt sitzen und wartete darauf, dass sich mein Puls beruhigte. Verdammt, was war ich für eine Memme geworden! Immer öfter erschrak ich grundlos, zuckte zusammen, zitterte.

Ich wurde verrückt.

Und ich wunderte mich nicht einmal darüber.

2.

Ich saß hinter dem Steuer des alten VW Bulli. In der Eingangsnische der Kneipe hatte sich der übliche Penner in seinen Parka eingerollt, ein kleiner, schwarzer Hund kauerte auf seinem Schoß. Keine Ahnung, wie spät es war oder wie lange ich schon in dem Wagen saß.

Ich wusste nur eines: Ich würde nicht hineingehen. Nie wieder!

Ich presste beide Hände auf mein Brustbein, krallte die Fingernägel so fest durch den Pulli hindurch in die Haut, dass es möglicherweise blutete.

Wie spät war es wohl?

Wahrscheinlich noch vor Mitternacht, in der Kneipe herrschte noch Betrieb. Warmes Licht fiel durch die Fenster auf das nass glänzende Pflaster der Straße.

Heiße Tränen rannen über mein Gesicht.

War mir egal. Dieses Mal kapitulierte mein Stolz. Ich war einfach nicht gewohnt, dass mir was wehtun konnte. Nicht mir! Ich war doch immer unverwundbar gewesen.

Ich würde nicht hineingehen.

Auch nicht, um meine Sachen zu holen.

Ich musste weg von hier.

Ich ließ den Schlüssel im Zündschloss stecken und stieg aus. Es regnete immer noch. Automatisch tastete ich in den Taschen meiner Jacke. Mein neues Handy war da. Und mein Portemonnaie mit EC-Karte, Papieren und fünfzig Euro.

Ich zog den Reißverschluss meiner alten, blauen Cordjacke zu und lief los.

Keine Ahnung, wohin.

Mal wieder.

Aber dieses Mal half es nicht wegzulaufen.

Vor meinem gewalttätigen Vater und meiner lieblosen Mutter hatte ich ausreißen können. Irgendwohin, wo sie mich nicht fanden. Vor meinem Liebeskummer konnte ich nicht davonlaufen, der folgte mir. Das hatte ich nicht gewusst. Schließlich hatte ich bisher sorgfältig vermieden, in so eine Situation zu geraten.

Bis jetzt.

Scheiße.

Ich stand vor einer Disco. Vor dem Eingang tranken ein paar Jugendliche mit Kapuzen über den Köpfen Bier. Das war dieser Gammelladen in der Nähe vom Krankenhaus.

Egal, ich brauchte was zu trinken.

Dumpfe Bässe dröhnten mir entgegen, als ich die Tür öffnete. Bunte Lichter zuckten über Betonwände. Die Typen an der Bar trugen Halsbänder, die eigentlich für Hunde bestimmt waren, und Haare, die ihre Gesichter wie Gardinen verhängten. Eine Menschenmenge bewegte sich im Takt der Bässe auf und ab, als würde sie ein unsichtbarer Magier lenken. Und die Bedienung im Heavy-Metal-T-Shirt wischte Bierpfützen von Tischen und Fußboden.

Beängstigend.

Aber ich musste meinen Schmerz irgendwie betäuben.

Ich drängelte mich zur Theke. Auch der Barkeeper trug ein Stachelhalsband, seine schwarz gefärbten Haare hingen ihm vors Gesicht und über seine rechte Wange zog sich eine auffällige Narbe.

Aufgeschminkt, schätzte ich.

Er streifte mich mit einem Blick, der mir verriet, dass ich verheult aussah: »Was kann ich dir bringen?«

»Bacardi.«

»Mit Red Bull, O-Saft, Bitter Lemon?«

»Bacardi. Was hast du daran nicht verstanden?«, erkundigte ich mich gereizt.

Er musterte mich, diesmal länger. Dann nahm er den Bacardi aus dem Regal, schenkte ein und stellte die Flasche zusammen mit dem Glas vor mir auf die Theke.

Ich schnippte ihm meine fünfzig Euro hin und stürzte den Alkohol hinunter. Ich schmeckte nichts – gar nichts, nicht mal ein wenig Wärme in der Kehle.

Ich füllte mein Glas selbst wieder.

»Schlimm?«, erkundigte sich der gruselige Barkeeper.

»Seh ich so scheiße aus oder was?«

Er nickte.

Und das musste ich mir von Ozzy Osbournes kleinem Bruder sagen lassen.

»Stress mit deinem Typen?«, versuchte Ozzy weiter, mir ein Gespräch aufzudrängen.

»Halt einfach die Fresse, ja?«

Er zuckte mit den Schultern und gesellte sich ein paar Meter weiter zu ein paar fröhlichen Vollstrammen.

Ich wartete darauf, dass der Alkohol endlich Wirkung zeigte. Doch er tat es einfach nicht. Frustriert packte ich die Flasche und setzte sie an den Mund.

Ich wachte auf, weil sich das Bett, in dem ich lag, drehte.

Verdammt, war mir schlecht.

Ich öffnete die Augen. Eine weiße Zimmerdecke stürzte auf mich zu. Ich schloss die Augen wieder und musste würgen. Stöhnend drehte ich mich auf die Seite und mein Blick fiel auf den Typ neben mir. Er trug einen Slip mit Totenkopfaufdruck und seine schwarzen Haare verdeckten sein Gesicht. Ich erkannte Ozzy an seinem Hundehalsband.

Ich stöhnte noch einmal. Sekundenlang fühlte ich mich zurückversetzt in eine abgekaute Wiederholung meines früheren Lebens. Dann dämmerte mir langsam, dass ich mich nicht im Schlafzimmer meiner Eltern befand, um ihnen mit dieser grandiosen Horrorversion eines Schwiegersohnes eine Freude zu bereiten.

Als ich mich im nächsten Moment erinnerte, was tatsächlich passiert war, konnte ich den Brechreiz nicht mehr bremsen. Ich versuchte aufzuspringen, wusste nicht, wo das Badezimmer war, und griff deshalb nach dem Mülleimer unter dem Schreibtisch.

Von dem Geruch nach Erbrochenem wurde mir gleich wieder übel. Den Mülleimer in der Hand ließ ich mich gegen die Wand kippen, rutschte in die Hocke und blieb sitzen.

Das Nächste, was ich spürte, war Ozzys Hand in meinem Gesicht. Er strich meine Haare zur Seite und drehte meinen Kopf am Kinn in seine Richtung. Ich registrierte, dass die Furcht einflößende Narbe auf seiner Wange verschwunden war.

»Lebst du noch? Hast dich ja ordentlich abgeschossen, Süße.«

Ich fragte mich, ob ich ihm irgendeinen Anlass zu solcher Vertraulichkeit gegeben hatte.

Er verschwand mit dem Müllbeutel aus dem Papierkorb in der Küche. Er war groß, schlaksig und er schwankte ein wenig beim Gehen, was mir sagte, dass auch er nicht nüchtern geblieben war.

Als er wieder auftauchte, hatte er zwei Gläser in der Hand. Das eine war ein Schnapsglas, das andere füllte er mit Wasser und warf zwei Kopfschmerztabletten hinein, die sich sprudelnd auflösten.

»Hier!« Er hielt mir das Schnapsglas hin. »Bekämpfe Feuer mit Feuer.«

Ich roch an der klaren Flüssigkeit.

Alkohol.

»Du musst immer mit dem Zeug weitermachen, das dir den Rest gegeben hat«, belehrte mich Ozzy mit einer Oberlehrermiene, die nicht recht zu seiner Totenkopfunterhose passen wollte.

Erstaunlicherweise musste ich mich bei dem Gedanken an Alkohol nicht gleich wieder übergeben. Hauptsache, es half. Ich stürzte erst den Schnaps und dann die aufgelösten Aspirin hinunter.

Ozzy nickte anerkennend: »Und jetzt lass uns noch mal ins Bett gehen, Süße, es ist noch nicht mal acht.«

Schlagartig wurde mir heiß. Ich hatte keine Ahnung, was heute Nacht passiert war.

Ozzy zog mich auf die Füße, griff mein Gesicht mit beiden Händen und steckte mir seine dicke, nasse Zunge in den Mund. Mit beinahe wissenschaftlichem Interesse beobachtete ich, was er mit mir anstellte, ohne zu begreifen, dass es mir passierte.

Als Ozzy kurz darauf das Kondom auf den Nachtschrank schnippte, drehte ich mich auf die Seite und schlief wieder ein.

»Biste fit?«, weckte mich Ozzy später.

Auch diesmal brauchte ich ein paar Sekunden, um mich zu erinnern. Ich sah mich um und entdeckte das Kondom auf dem Nachtschrank.

Mir wurde schon wieder übel.

Draußen war es dunkel. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Neun Uhr. Abends? Hatte ich den ganzen Tag verschlafen?

Ozzy wurschtelte sich bereits in seine Hose.

Ich zog mir die Decke über den Kopf. Ich wollte liegen bleiben. Einfach liegen bleiben, nie wieder aufstehen müssen.

Ozzy betrachtete mich einen Augenblick. Dann riss er mir die Decke weg: »Lass uns losziehen, dann geht es dir besser.«

Ich starrte an die Wand. Meine Arme und Beine fühlten sich leblos an, mein Kopf war bleischwer. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nicht bewegen können.

Aber ich wollte auch nicht.

Ozzy kramte in seiner Hosentasche. »Hier. Das bringt dich auf die Beine.« Er hielt mir eine Hand hin.

In seiner großen Handfläche lagen drei kleine, weiße Tabletten, von denen Ozzy noch ein paar Fusseln heruntersammelte. »Das gibt Strom für die ganze Nacht.«

Ich musterte ihn misstrauisch: »Was ist das?«

»Depri-Killer.«

Aufputschmittel. Ecstasy oder so was. Ich hatte nie was Härteres als Hasch probiert.

Ich zögerte eine Sekunde, bevor ich zugriff.

3.

Mein Herz pochte immer noch panisch.

Ich musste endlich was tun. Egal was, aber es musste bald geschehen. Ich konnte nicht ewig auf diesem Dach sitzen bleiben. Nicht nur weil ich in absehbarer Zeit festfrieren würde, sondern auch weil die Dämmerung den Nachthimmel im Osten allmählich grau färbte.

Ich wollte nicht darüber nachdenken. Ich versuchte, mich wieder an meine Gedanken zu klammern, mich zu erinnern, was passiert war, nachdem ich die Drogen genommen hatte. Seitdem glich mein Leben einem kunterbunten Albtraum: Ich erinnerte mich an bunte Discolichter, bunte Cocktails und bunte Tabletten.

Und ich erinnerte mich an Sex.

Auf Ozzy, dessen richtigen Namen ich bis heute nicht kannte, war ein griechischer Türsteher mit Pferdeschwanz gefolgt, dann ein farbiger DJ, dann einer, der auf den lustigen Namen ›Mörtel‹ hörte, und sicher noch andere, die mein Gehirn gar nicht erst gespeichert hatte.

Ich hatte keine Ahnung, in wie vielen fremden Betten ich aufgewacht war und in wie viele fremde Toiletten ich gekotzt hatte. Ich konnte nicht einmal annähernd sagen, wie viele Wochen ich mithilfe von Alkohol, Drogen und Sex aus meinem Gedächtnis gelöscht hatte.

Ich hatte versucht, mich zu betäuben. Mit allen Mitteln.

Doch heute war ich unsanft aus meinem kunterbunten Albtraum geweckt worden.

Der Typ war übergewichtig und stank nach altem Schweiß und dem Leder seiner Jacke. Mit einem fettigen, grauen Pferdeschwanz im Nacken wirkte er wie ein in die Jahre gekommener Rocker. Er kramte einen durchsichtigen Plastikbeutel aus der Hosentasche und schüttelte die Pillen darin hin und her.

Ich hielt ihm ein paar Fünfeuroscheine hin.

Seine flinken, kleinen Schweineaugen blieben an meinem Busen kleben: »Alles wird teurer, Schätzchen!«

Ich blinzelte.

»Kannst es abarbeiten. Geh mit mir aufs Klo und schon hast du deinen Kick.« Mit einem Nicken deutete er auf die Türreihe hinter mir. Wir standen in der Damentoilette.

»Vergiss es«, knurrte ich. »Hol dir selbst einen runter!«

Ich steckte die Scheine wieder ein und wollte gehen. Als er mich an der Schulter packte, wirbelte ich reflexartig herum.

»Stell dich nicht so an! Du brauchst das Zeug. Ich bin doch nicht blind. Also zick nicht rum!« Er packte mich an den Oberarmen und schob mich rückwärts auf die nächste Toilettentür zu.

Ich riss mein Knie hoch. Durch jahrelanges Karatetraining traf ich blitzschnell und punktgenau. Jaulend griff er sich zwischen die Beine und sackte zusammen.

Wie benommen blieb ich stehen. Mein Blick fiel in den schmutzigen Spiegel und ich begriff, dass der Dealer recht hatte. Ich sah aus wie ein Junkie. Mein Gesicht war leichenbleich, eingefallen, mein Kinn spitz und an meinem Hals traten die Schlüsselbeinknochen hervor. Die Ringe unter meinen blauen Augen waren tiefschwarz, meine ursprünglich blonden Haare nur noch verfilzte Strähnen. Und bei dem Gedanken, dass ich die Drogen nicht bekommen würde, lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich betrachtete den wimmernden Rocker und dachte daran, ihm das Tütchen mit den Tabletten zu klauen. Wann genau hatte ich mein letztes bisschen Würde verloren?

Ich flüchtete aus der Disco, lief die Straße entlang, überquerte eine Kreuzung, ohne auf die roten Ampeln zu achten, rüttelte an den Türen der Häuser, drückte wahllos Klingeln, bis eine Tür aufging, und stieg auf das Dach des Gebäudes.

Und dort saß ich immer noch.

Das war also das Ende.

Ich sah wieder zu den beleuchteten Fenstern im Haus gegenüber.

Der Biertrinker schlief immer noch vorm Fernseher. Die putzwütige Hausfrau tanzte mit dem Staubsauger Tango. Und das streitende Pärchen wälzte sich beim Versöhnungssex im Bett.

Ich holte mein Hightechhandy aus der Tasche. Nagelneu mit Internetzugang, Foto- und Videokamera und Diktierfunktion. Alles sehr nützlich für die Arbeit einer Privatdetektivin, der ich nie wieder nachgehen würde.

Ich kontrollierte das Display. Doch er hatte schon lange aufgehört, mich anzurufen. Hätte ich seine Nummer erkannt, wäre ich sowieso nicht drangegangen.

Ich steckte das Handy ein und stand auf.

Der Lüftungsschacht knarrte. Wieder schrak ich zusammen. Die Aufputschmittel ließen meinen Herzschlag in die Höhe schnellen.

Ich trat an die Dachkante und sah in den Abgrund.

Im Licht der Straßenlaternen glänzten tief unten der Asphalt des Nordrings und die nassen Dächer der parkenden Autos.

Der Wind wehte mir ins Gesicht, kalt, mit Regen vermischt. Die Füße dicht nebeneinanderstellen, die Zehenspitzen auf der Betonkante des Daches. Noch ein Mal einatmen. Augen schließen, die Luft im Gesicht spüren, im Haar, zwischen den Fingern …

Eine Sekunde lang stand ich bewegungslos.

Da! Wieder ein Knacken – ich war nicht allein!

Ich zuckte zurück in den Schatten, presste mich an den Lüftungsschacht und lauschte atemlos.

Das bildete ich mir doch nicht ein!

Doch wieder blieb alles ruhig.

Mein Herzflattern ließ etwas nach. Ich starrte auf die Stelle an der Dachkante, an der ich eben noch gestanden hatte. Dann drehte ich mich um und ging zu der Tür zurück, hinter der eine schmale Treppe nach unten führte.

4.

»Mein Name ist Lila Ziegler, ich habe mindestens zwei verschiedene Aufputschmittel und eine drei viertel Flasche Schnaps zu mir genommen und glaube, das könnte eine Vergiftung bewirken«, erklärte ich knapp zehn Minuten später der Dame hinter der Glasscheibe am Empfang des Otto-Ruer-Klinikums.

»Ach, wirklich?« Sie blinzelte mich ungläubig über den auffälligen, schwarzen Rahmen ihrer Brille hinweg an. »Ist Ihnen schlecht? Schwindelig?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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