• Herausgeber: GRAFIT
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Ein Auftrag mit Beigeschmack: Lena Staschek bittet Lila Ziegler herauszufinden, ob ihr Vater fremdgeht. Der Bochumer Kommissar glänzt häufiger als sonst zu Hause durch Abwesenheit. Auch wenn es der jungen Detektivin missfällt, einem Freund hinterherzuschnüffeln, gibt Lila dem Drängen nach. Und stellt fest: Lennart Staschek hat derzeit eine harte Nuss zu knacken. Auf dem Parkplatz eines Hotels wurde die Leiche eines Starkochs gefunden - grausam hingerichtet und verstümmelt. Als ein zweiter attraktiver und erfolgreicher Mann auf ähnliche Art und Weise in einem Hotelzimmer zu Tode kommt, befürchtet nicht nur die Bochumer Kripo den Beginn einer Serie, die sich gegen vermeintliche ›Traumprinzen‹ richtet. Hans Flegenfeld, der Hotelmanager, wendet sich an Ben Danner und Lila Ziegler. Die beiden Detektive sollen helfen, das Allee-Hotel, das bisher nicht nur wegen seiner vier Sterne, sondern auch wegen seines sozialen Engagements einen ausgezeichneten Ruf genossen hat, aus den geschäftsschädigenden Schlagzeilen zu bekommen. Damit hat Lila offiziell einen Grund, Staschek auf den Fersen zu bleiben. Allerdings kommt sie so auch dem Mörder sehr nah …

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Seitenzahl: 297

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Lucie Flebbe

Prinzenjagd

Kriminalroman

Bisher in dieser Reihe erschienen:

Der 13. Brief (noch unter dem Namen Lucie Klassen). ISBN 978-3-89425-349-3

Hämatom. ISBN 978-3-89425-367-7

Fliege machen. ISBN 978-3-89425-381-3

77Tage. ISBN 978-3-89425-411-7

Das fünfte Foto. ISBN 978-3-89425-417-9

Tödlicher Kick. ISBN 978-3-89425-435-3

Alle Titel sind auch als E-Books erhältlich.

©2015 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str.31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotive: Anna-Lena Thamm, una.knipsolina / photocase.de

eBook-Produktion: CPI books GmbH, Leck

eISBN 978-3-89425-187-1

Lucie Flebbe kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie ist Physiotherapeutin und lebt mit Mann und Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief

Sonntag, 22.Juni, 5:00Uhr

Das Bild hat sich eingebrannt. Mit dem Piepen des Weckers ist es wieder da.

Wie das Blut die Ritzen zwischen den Pflastersteinen füllt. Wie sich der Schwall im Herzrhythmus verstärkt. Es versickert nicht schnell genug, breitet sich aus, bildet dunkelrot schimmernde Kanäle zwischen den Steinen.

Die digitale Zeitanzeige blinkt bläulich.

Es muss eine Schlagader getroffen gewesen sein, das Blut lief wie aus einem Gartenschlauch. Und der Herzschlag wurde schnell schwächer. Nach knapp fünf Minuten war das Pulsieren nicht mehr zu sehen.

Das neue Messer liegt neben dem Wecker. 5:00Uhr – die Ziffern spiegeln sich in der Klinge. Keine Zeit zum Ausschlafen, obwohl heute ein freier Tag ist. Aber es ist noch viel zu tun.

Das Messer ist jedenfalls ein Profiteil, nicht so ein Gemüseschäler. Mühelos gleitet die Schneide durch Haut und Fleisch, trennt mit einem leisen Ritschen die Sehnen heraus.

Das wird alles leichter machen.

1.

»Tickst du nicht richtig? Oder bist du bekifft?«

Lena legte warnend einen Finger an die Lippen.

»Sonst würdest du das ja wohl nicht ernsthaft von mir verlangen!«, fauchte ich trotzdem weiter.

»Du bist meine beste Freundin, Lila!« Lenas elegant geschwungene Brauen rückten über ihren Bambi-Augen zusammen. Sie funkelte mich so vorwurfsvoll an, wie es mit den überdimensionalen Sehorganen eines zu Angstattacken neigenden Kuscheltiers möglich war. »Wen soll ich denn sonst fragen?«

Grrr.

Abschätzend musterte ich sie. Mittlerweile war Lena siebzehn Jahre alt und einen ganzen Kopf größer als ich. Ihre dünnen Beine wirkten zu lang für den schmuddeligen Plastikgartenstuhl, der auf einer Eichenwurzel kippelte. Der letzte Wachstumsschub hatte alle Babyspeckreste weggezaubert. Ihre Wangenknochen zeichneten zwei schräg stehende Kanten in ihr schmales Gesicht. Das dicke, kastanienfarbene Haar trug sie neuerdings auf Schulterlänge durchgestuft und die Röhrenjeans brachte ihre Magermodelfigur zur Geltung.

»Zufällig ist dein Daddy ebenfalls mein Kumpel«, erinnerte ich.

Wir saßen draußen in der Abendsonne, an einem der drei schmutzigen Tische, die Molle unter eine einzelne Eiche direkt an die Straße gestellt hatte. Der dicke Kneipenwirt traute sich tatsächlich, den Sperrmüll als ›Biergarten‹ zu bezeichnen.

Weder Molle noch mein Wider-Erwarten-noch-immer-Lover Ben Danner war außer Hörweite. Deshalb senkte ich die Lautstärke meiner Stimme nun doch: »Ich werde Lenny nicht für dich ausspionieren.«

»Papa ist nicht dein Freund, sondern der deines Mackers«, erinnerte mich Bambi boshaft. »Ich bin aber wirklich deine Freundin. Beste. Freundin. BFF – best friends forever. Pippi und Annika, Hanni und Nanni, Thelma und Louise. Oder etwa nicht?«

Thelma und Louise. Autsch.

Das traf mich unterhalb der Gürtellinie. Lena Staschek war nicht nur meine beste, sondern nach zwanzig Jahren als seltsame Außenseiterin auch meine allererste Freundin. Dank ihr, Karo und Franzi hatte ich plötzlich sogar eine Clique. Ich konnte mit ihnen Prosecco trinken, über Sex quatschen und mich wie ein ganz normaler Teenager aufführen. Und die drei nahmen mir nicht mal übel, dass ich meistens nicht wusste, wie das ging.

Ich konnte Lena nichts abschlagen. Schon gar nicht, wenn sie mit Thelma und Louise anfing.

Und vermutlich wusste Bambi das genau, das Kuscheltierchen war nämlich keineswegs dämlich.

»Dass ausgerechnet du ein schlechtes Gewissen wegen ein bisschen Schnüffelei bekommst, kauft dir nicht mal Molle ab«, versetzte Lena bockig, weil ich noch immer zögerte. Damit traf sie gleich meinen nächsten wunden Punkt – diesmal allerdings wohl aus Versehen.

Ich war im Augenblick dünnhäutig. Zu empfindlich. Für meinen Geschmack unerträglich weinerlich. Wenn ich das nicht schnellstmöglich wieder in den Griff bekam, mutierte ich bei vollem Bewusstsein zur Entspannungstee süchtigen Om-Sagerin.

»Du würdest doch deine eigene Mutter bespitzeln, wenn die Kohle stimmt.« Lena holte meine Gedanken zurück auf den Gartenstuhl unter der Eiche, indem sie sich vorbeugte, um mein Gesicht betrachten zu können.

»Dazu wäre ich tatsächlich zum Regeltagessatz bereit.« Etwas zu eilig griff ich nach der im Ausschnitt meines Shirts baumelnden Sonnenbrille und schob sie mir auf die Nase.

»Aber bei meinen Arschloch-Vater hast du plötzlich Skrupel, oder was? Wie kommst du denn plötzlich zu einem Gewissen?«

Du musst nicht alles wissen, Thelma!

Mein Name ist Lila, ich bin zwanzig Jahre alt und wenn ich mich nicht endlich zusammenreiße, werde ich in naher Zukunft mithilfe von Yoga meine innere Mitte suchen.

»Schon gut«, gab ich verärgert nach. »Ich mache es ja.«

Bambis Augen blitzten triumphierend.

»Ich sehe garantiert keine Gespenster, Lila.« Auch Lena sprach jetzt leise. »Schließlich habe schon einmal erlebt, wie mein Vater drauf ist, wenn er eine Affäre hat. Ein zweites Mal lass ich mich nicht verarschen.«

»Wie ist er denn dann?«, wollte ich wissen.

»Nicht da.«

»Vielleicht ist er im Augenblick einfach nur beschäftigt?«, verteidigte ich Staschek aus Gewohnheit. »Immerhin leitet er die Mordkommission, in deren Zuständigkeitsbereich der Fall von diesem toten Starkoch aus dem Fernsehen gehört.«

Lena lehnte sich zurück. »Meine Mutter hat er monatelang beschissen«, sagte sie wohlüberlegt. »Ich habe gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt – und was glaubst du, was er da gemacht hat?«

Lena hatte meine Aufmerksamkeit.

»Er hat mir eingeredet, dass ich eine Macke habe.«

Lenny, du wirbelloses Weichtier!

»Damals habe ich echt gedacht, ich werde verrückt.« Lena knirschte mit den Zähnen. »Aber das macht er mit mir nicht noch mal. Ich bin nicht mehr elf.«

Lena lebte seit der Scheidung ihrer Eltern bei ihrer Mutter. Beim Polizisten-Papa, dessen zweiter Frau Verena und deren Söhnen Marc und Christoph verbrachte sie nur die Wochenenden.

»Marc und Christoph haben sich auch schon beklagt, dass er nie zu Hause ist«, fügte Lena hinzu. Wenn sie sich mit ihren Stiefbrüdern verbündete, musste die Lage ernst sein. »Denen kann er vielleicht noch eine Weile was vormachen…«, Lena hob trotzig die Nase, »…mir nicht!«

»Versuch doch mal was ganz Gewagtes und frag Lenny einfach, was mit ihm los ist«, schlug ich vor. »Ich nenne diese neuartige Ermittlungstechnik ›miteinander reden‹.«

»Meinst du, da bin ich noch nicht selbst drauf gekommen?«, knurrte Lena.

Echt?

»Du hast Lenny gefragt, warum er nie zu Hause ist?«, vergewisserte ich mich. Ein so offener Umgang mit Problemen in der Familie war für mich schlicht nicht vorstellbar.

»So ähnlich.« Lena kaute auf ihrer Unterlippe. »Ich hab ihn gefragt, mit wem er schläft, wenn er nicht nach Hause kommt.«

»Oh.«

Ein derart offener Umgang mit Problemen konnte wahrscheinlich selbst zum Problem werden.

»Und?«

Lena schlug die Beine übereinander. »Er hat mir eine gescheuert.«

»Schwierigkeiten?« Danner deutete mit dem Kopf auf die Gartenstühle vor der Kneipe, auf denen ich eben mit Lena in der Sonne gesessen hatte.

Mein Partner, Freund, Lebensabschnittsgefährte oder wie auch immer man unsere Beziehung bezeichnen wollte, lehnte in breitbeiniger Biertrinkermanier an der Theke. Seine Glatze war besser rasiert als sein Kinn. Er trug die schwarze Jogginghose, in der er auch sonntags auf dem Sofa vor sich hingammelte, und das dunkle T-Shirt, das an seinen Oberarmen spannte und seinen Türstehercharme hervorragend unterstrich.

Obwohl Danner mit dem Rücken zur Tür an der Theke lehnte und tat, als hätte er die ganze Zeit mit Molle gequatscht, war ihm keineswegs entgangen, dass Lena und ich draußen keine Schminktipps ausgetauscht hatten.

Das war allerdings keine Überraschung.

Seit Tagen ließ Danner mich nicht aus den Augen. Was meine Nachforschungen zum Thema ›eheliche Treue seines besten Kumpels‹ nicht gerade erleichtern würde – und mich außerdem allmählich ernsthaft nervte.

Auch jetzt bohrten sich seine betongrauen Augen durch meine rotzig-kratzbürstige Fassade, als könnte er tatsächlich dahinter blicken. Moment, das hatte er ja bereits. Erneut hatte ich das dringende Bedürfnis, meine Sonnenbrille auf die Nase zu schieben.

Ich verkniff es mir und tat stattdessen, als hätte ich seinen Blick nicht bemerkt.

»Machst du mir ’nen Tee, Molle?«, wandte ich mich an den korpulenten Wirt hinter dem polierten Tresen.

Die rot karierten Tischdecken und die Topfpflanzen in den Fensternischen stammten in etwa aus der gleichen Zeit wie die Fußballfotos an den Kneipenwänden: Auf den Bildern hatte der VfL Bochum noch in der Ersten Liga gespielt. Die hellen Bodenfliesen und die Kirschholztische waren deutlich älter. Bei Molle gab es einen Kicker, einen Flipper und einen kaputten Computer, an dem man irgendwann mal für zwei Euro Trivial Pursuit hatte spielen können. Und seit eine strubbelige Promenadenmischung namens Mücke bei Molle eingezogen war, hatte er sein Herz für Hunde entdeckt und zwei Blechnäpfe für vierbeinige Gäste aufgestellt.

»Yogitee mit Zitrone?« Molle hatte eine schmutzige Schürze um sein schlabbriges T-Shirt gezurrt. Der graue Haarkranz, der von seiner spiegelnden Glatze auf die runden Schultern herabfiel, hatte, zumindest seit ich den Dicken kannte, keinen Friseur mehr gesehen. Mittlerweile band Molle die Strähnen zum Zopf zusammen. Genau wie seine Kneipe wirkte auch der Wirt, als hätte er eine Renovierung nötig.

»Oder diese Mischung, die du dir heute Morgen gemacht hast?« Fältchen gruben sich in die Augenwinkel des Dicken. »Wie hieß das Zeug gleich? Innere Ruhe?«

Das schmuddelige Erscheinungsbild des Gastwirtes täuschte leicht darüber hinweg, dass Molle über einen sensiblen Radar verfügte, mit dem er die Stimmungslage seiner Gäste auslotete. Meine derzeitige Vorliebe für Entspannungstee war ihm natürlich nicht entgangen.

Halt jetzt die Klappe, Molle.

»Innere Ruhe wäre gut, glaube ich«, presste ich gereizt hervor.

Molle öffnete den Mund, um weiter zu witzeln, als Danner ihn mit einem Blick zum Schweigen brachte.

Murrend goss Molle den Tee auf.

Großartig. Wenn ich jetzt schon vor Molles Witzen beschützt werden musste, hatten ja alle begriffen, dass ich ein nervliches Wrack war.

Dabei wusste Molle gar nicht, dass meine Großkotzigkeit nur Fassade war.

Niemand wusste es!

Ich hatte es sogar fertiggebracht, es selbst zu verdrängen.

Bis neulich blöderweise ein Messer in meiner Hand gesteckt hatte. Ein idiotischer Ausrutscher, ein klitzekleiner Rückfall – den Danner dummerweise gesehen hatte. Dabei hatte ich eigentlich schon mit fünfzehn mit dem Ritzen aufgehört.

Irgendwo in meinem Hinterkopf meldete sich eine imaginäre Stimme, die ärgerlicherweise wie Danner klang: Ungelogen? Okay, das war optimistisch geschätzt gewesen. Ganz bleiben lassen hatte ich den Scheiß wahrscheinlich doch erst mit achtzehn…

Denk dran, dass ich das nachprüfen kann.

Halt die Fresse! Auf alle Fälle habe ich nicht mehr geritzt, seit ich in Bochum bin, zufrieden? Das war immerhin seit einem Dreivierteljahr.

Die Tasse Innere Ruhe, die Molle mir auf die Theke schob, lenkte mich glücklicherweise von den Stimmen in meinem Kopf ab.

Hastig griff ich nach dem dampfenden Becher.

Danner tat, als hätte er es nicht bemerkt.

Oder bildete ich mir auch das nur ein? Kam es mir nur vor, als würde er mich wie ein rohes Ei, das einen Knacks bekommen hatte, behandeln? Während er sich in Wahrheit wie immer benahm?

»Om«, flüsterte meine Yoga-Vision.

Ein Glück, dass ich ab morgen in Stascheks Privatleben herumschnüffeln konnte und mich nicht länger mit meinem eigenen beschäftigen musste.

Montag, 23.Juni, 5:00Uhr

Der Wecker klingelt im Schlafzimmer!

Schnell ausschalten.

Dann wieder zurück in die Küche. Es bleibt nicht viel Zeit zum Aufräumen und Frühstückmachen.

Das Päckchen Katzenfutter steht auf der Spüle. Pute in heller Soße. Im Gegensatz zu den stinkenden Dosen sind die portionsweise eingeschweißten Beutel eine saubere Angelegenheit. Schnell die Packung auf die Fleischschnipsel im Napf gekippt und umgerührt.

Erledigt.

Und jetzt aufräumen.

Alles muss weg! Die Einweghandschuhe, die Schürze, die Plastiküberzieher für die Schuhe. Die Strumpfhose. Der Rock. Das ist ein hygienisches Desaster!

Zumindest beim Aufräumen dürfen jetzt keine Fehler mehr passieren.

2.

Du kannst dich nicht verstecken! Wir sehen dich! Alle sehen dich!

Ich reiße die Arme vors Gesicht, versuche, mich vor dem grellen Licht zu schützen. Dabei entdecke ich die Flüssigkeit an meinen Händen. Dunkelrot. Warm und klebrig.

Das Blut läuft über meine Arme, tropft von meinen Fingern. Ich entdeckte die Schnitte an meinen Unterarmen und bin erleichtert, als ich schläfrig werde, weil das Licht aufhört zu blenden.

Zu spät bemerke ich den Schatten, der es verdeckt. Die harten Konturen des Kiefers, der gespannte Nacken, die Fäuste jagen eine Überdosis Adrenalin in meinen Körper. Schlagartig bin ich wieder wach.

Mein Gegner öffnet den Mund. Doch heraus kommt nur das Tröten einer – Autohupe?!

Ich fuhr hoch.

Einen Augenblick lang suchte ich nach dem Blut, bis mein Blick auf die dünne Bettdecke fiel, in der sich meine Beine verheddert hatten.

Ein Albtraum. Mal wieder.

Unser Schlafzimmerfenster stand offen. In unserer Dachwohnung mit den teilweise schrägen Wänden war es jetzt im Sommer auch nachts ziemlich warm.

Die Motorengeräusche des Autos, dessen Hupe mich geweckt hatte, rückten wieder in die Ferne.

Doch mein Herz pochte weiter.

Verdammt! Die Gespenster meiner Vergangenheit spukten erneut kettenrasselnd durch meine Träume. Dabei hatten sie mich monatelang in Ruhe gelassen. Doch jetzt gelang es mir einfach nicht, sie in einer düsteren Ecke meines Unterbewusstseins wegzusperren.

Ich rieb mir die Stirn.

Danner schlief. Neben mir. Auf dem Rücken.

Sein Anblick lenkte mich ab. Ich betrachtete seine kräftige, raue Hand neben seiner stoppeligen Wange. Seine Unterarmmuskeln. Die Konturen seines Brustkorbs zeichneten sich unter der nackten Haut ab, wenn er einatmete.

Interessanterweise sah ich nicht nur den unrasierten Schnüffler, mit dem ich schlief, sondern auch den süßen Rotzlöffel mit den blonden Locken, der er früher einmal gewesen war. Der daumennuckelnd schlummerte, während seine Mutter sich aus der Wohnung schlich, um Zeitungen zuzustellen. Oder was auch immer sie gerade getan hatte, um das Geld zu verdienen, das ihr alkoholkranker Mann versoff.

Ich widerstand dem Impuls, mit den Fingern den Haarstreifen entlangzufahren, der Danners Brustbehaarung nach unten fortsetzte, eine dunkle Linie, die seine Bauchmuskulatur teilte.

Stattdessen stieg ich vorsichtig aus dem Bett und sammelte meine Jeans und ein ärmelloses, schwarzes Shirt vom Fußboden.

Ich hatte einen Auftrag.

Und weil ich Danner nicht am Arsch kleben haben wollte wie das Gummibärchen, auf dem ich versehentlich eingeschlafen war, musste ich die Wohnung verlassen, bevor er aufwachte. So leise wie möglich kramte ich den Autoschlüssel aus Danners auf dem Teppich liegender Jogginghose. Das kaum hörbare Klimpern veranlasste ihn, sich murrend auf die Seite zu rollen.

Sein Unterbewusstsein registrierte, wenn sich der Schlüssel unseres nachtschwarzen Triumph Spitfire Roadster von ihm entfernte, schlussfolgerte ich belustigt.

Ich wartete, bis er wieder gleichmäßig atmete. Dann schlich ich mich aus dem Schlafzimmer.

Minuten später lenkte ich den schnittigen, schwarzen Oldtimer auf den Südring. Mittlerweile hatte ich mich an das Fehlen überflüssiger Errungenschaften der Automobilindustrie wie Servolenkung, Bremskraftverstärker, elektrischer Fensterheber oder einer Heizung gewöhnt.

Der Fahrtwind, der durch das heruntergekurbelte Seitenfenster hereinströmte, ließ eine Gänsehaut auf meinen nackten Armen kribbeln und zerrte an meinen kinnlangen Haarfransen.

Meine Fahrt endete allerdings schon nach wenigen Minuten im Halteverbot vor dem Bochumer Polizeipräsidium. Der alte, braune Backsteinbau war irgendwann durch einen moderneren Bürotrakt ergänzt worden. Ein gläserner Gang flickte Neubau und Altbau zusammen. So war die Dienststelle unabsichtlich zeitgemäß gestaltet geworden: ein Patchworkbau, sozusagen. Über der Glasverbindung erhob sich der stählerne Förderturm des Bergbaumuseums wie ein modernes Kunstwerk in den strahlendblauen Sommermorgen.

Komisch, mir war noch nie aufgefallen, wie kitschig das aussah. Bevor die Gefühlsduselei schlimmer werden konnte, schnappte ich schnell Molles geblümten Einkaufskorb vom Beifahrersitz.

Schade, dass mir das verdutzte Gesicht des Dicken vor dem leeren Backofen entging, aus dem ich ihm die frisch aufgebackenen Brötchen gemopst hatte. Belegt hatte ich sie mit übrig gebliebenen Frikadellen und ausreichend Senf.

Der Hof des Präsidiums war mit Baggern, Containern und Baumaschinen vollgestellt. Es dauerte einen Moment, bis ich durch ein Labyrinth aus rot-weißen Flatterbandabsperrungen den Weg zum Eingang fand.

Ohne Danner war es schwieriger, zum Kriminalkommissariat 11 – besser bekannt als die Mordkommission – vorzudringen. Danner wurde gern durchgewinkt, als hätte niemand mitbekommen, dass er seinen Dienstausweis schon vor über zehn Jahren abgegeben hatte. Heute vergewisserte sich der Beamte an der Pforte hingegen erst telefonisch, ob Staschek auch wirklich gewillt war, mich zu empfangen.

Im Innern des Präsidiums musste ich mich neu orientieren, denn das Treppenhaus, das normalerweise zum Kriminalkommissariat 11 führte, war ebenfalls abgesperrt. Soweit ich erkennen konnte, wurde es möglicherweise abgerissen: Eine dröhnende Schlagbohrung ließ das gesamte Untergeschoss vibrieren, eine Staubwolke rieselte auf die Stufen herab.

Nach einigem Suchen entdeckte ich einen mit Edding auf ein Blatt Kopierpapier gekritzelten Hinweis, der mit Tesafilm befestigt am Geländer der Kellertreppe pappte: KK 11. Daneben zeigte ein Pfeil senkrecht nach unten. In den Keller, einen stillgelegten Stollen, Richtung Erdmittelpunkt oder direkt in die Hölle.

Na gut.

Ich folgte den Stufen hinab in das flimmernde Neonlicht der Katakomben. Die Türen bestanden hier aus braun gestrichenem Stahl und rumsten laut, wenn sie zufielen. Die großen Bodenfliesen waren schmutzfreundlich gesprenkelt.

Ein Hausmeister versuchte gerade, den kahlen Keller wohnlicher zu machen, indem er stressreduzierende Großaufnahmen von fließenden Gewässern an den Wänden platzierte.

Mehrere Beamte hechteten aus einem der hinteren Räume. Ihre Schritte hallten den Flur entlang, wurden von den leeren Wänden zurückgeworfen und erzeugten ein immer lauter werdendes Echo. So ähnlich musste das auch in Jim Knopfs Tal der Dämmerung passiert sein. War das nicht am Ende eingestürzt?

Die Meute strömte um einen in der Flurmitte platzierten Pappaufsteller herum auf mich zu. KK 11, las ich auf dem Schild, das aussah, als hätte Staschek es sich am Kiosk um die Ecke ausgeliehen, bis irgendwann eine ordentliche Beschilderung den Eingang zur neuen Mordkommission kenntlich machte.

Anscheinend war die Frühbesprechung gerade zu Ende, die Polizisten eilten an mir vorbei.

Ein paar Gesichter kannte ich: Karl-Konrad ›Kalle‹ Mahlmann erreichte die Treppe als Erster. Der Typ hatte mit seinen derben Sprüchen noch keine Sympathiepunkte bei mir sammeln können. Ihm folgte Kriminalkommissarin Katrin ›Schnabelnase‹ Wegner, eine hochaufgeschossene Brünette, die meist auf allen vieren hinter der Polizeipräsidentin herkroch.

Immer mehr Leute verließen fluchtartig die Katakomben. Der Keller beherbergte überraschend viel Personal. Offenbar hatte Staschek wegen des brisanten Mordfalls eine Personalaufstockung genehmigt bekommen.

KK Wegner verlangsamte ihre Schritte und musterte mich unerfreut. Wir waren uns erst vor Kurzem bei den Ermittlungen um einen ermordeten VfL-Kicker in die Quere gekommen.

»Na, hopp! Such!«, wedelte ich sie weiter in Richtung Treppe.

Vor mir tauchte Herta mit drei Akten unter dem Arm auf. Die moppelige Innendienstmitarbeiterin mit den violetten Kringellocken winkte mir zu, als sie mich vor dem mitten im Flur stehenden Schild entdeckte.

Hertas Kringellöckchen ergossen sich wie eine Fontäne über ihren Kopf. Ihre brombeerfarbene Schlaghose und die Pumps schummelten die X-Form ihrer Beine weg.

»Willkommen in unserem luxuriösen Feriendomizil«, begrüßte mich die Beamtin. Sie schaukelte mit wiegenden Schritten auf mich zu, wobei das Klackern ihrer Absätze erneut ein beängstigendes Echo erzeugte.

Ich strich Herta von der imaginären Liste potenzieller Chefkommissar-Büroaffären, die ich noch gar nicht erstellt hatte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Staschek Herta auf seinem Schreibtisch bumste. Da kam sie mit ihrer künstlichen Hüfte gar nicht drauf.

»Hier unten werden wir voraussichtlich die nächsten vier bis zehn Jahre verweilen«, klärte mich Herta auf. »Denn so lange werden Planungsfehler, Baustopps und die Brandschutzrichtlinien die Modernisierung unseres Traktes in die Länge ziehen.«

»Ach so, ich dachte schon, die wollen einfach nur alles abreißen«, witzelte ich.

»Pssst!«, zischte Herta. »Verschrei es nicht. Grund für den plötzlichen Renovierungseifer ist angeblich ein Asbestverdacht. Chefchen sitzt jetzt übrigens hinten links in der Ecke – im ehemaligen Putzmittellager«, sagte sie dann und deutete vage in Richtung Flurende. »Im Moment ist er aber wohl gerade im Aktenarchiv – ähm, in unserem neuen Besprechungsraum, wollte ich natürlich sagen. Komm.« Weil ihre Arme mit Akten beladen waren, tickte sie kurzerhand ihre Hüfte gegen meine. »Wo steckt deine leckere Hälfte?«

Als rheinische Frohnatur zählte für Herta Körperkontakt zu den selbstverständlichen Mitteln der Kommunikation. Ich hingegen konnte gerade noch verhindern, dass mich ihr unerwarteter Rempler aus dem Gleichgewicht brachte.

»Hab ich vernascht.«

Herta seufzte, nicht ganz ernst gemeint. »Hinten rechts. Guck einfach mal rein.« Sie zeigte auf die letzte, braun gestrichene Kellertür. Dann versuchte sie erfolglos mit dem Ellenbogen die Klinke der Tür herunterzudrücken, vor der sie stehen geblieben war.

Ich kam ihr zu Hilfe.

»Danke dir.«

Im Vorbeigehen drückte sie mir einen brombeerfarbenen Kuss auf die Wange. Ich ließ die Tür los und sie krachte hinter Herta zu.

Schreibdienst, las ich auf einem mit Tesafilm neben der Tür befestigten, gelben Zettelchen. Als ich es hochhob, stand auf dem unscheinbaren Plastikschild darunter Wäschelager.

Bizarr.

Na schön, wer kommt realistisch betrachtet denn überhaupt als Affäre des feschen Ersten Kriminalhauptkommissars infrage?, überlegte ich, während ich mit Molles Einkaufskorb über dem Arm in die von Herta gewiesene Richtung schlenderte.

KK Wegner kam mir in den Sinn. Immerhin trug sie das Haar neuerdings im angesagten, wenn auch leicht größenwahnsinnigen Polizeipräsidentinnenlook. Ihr Gesicht mit der auffälligen Nase und dem starren Blick erinnerte trotzdem immer irgendwie an einen Raubvogel auf der Suche nach Beute. Und ihr Faible für Stiefel, die aussahen, als wollte sie auf einem Pferd zum nächsten Einsatz reiten, ließ mich boshaft eine Vorliebe für Peitsche und Sporen unterstellen.

Die Tür zum ehemaligen Archiv stand offen, die Stimmen im Innenraum lenkten meine Aufmerksamkeit prompt hinein.

Inzwischen war außer mir niemand mehr im Flur, alles war still und ich konnte Stascheks Schnurren Marke ›Unterm-Kinn-gekraulter-Kater‹ identifizieren. Sollte für ihn je eine berufliche Neuorientierung notwendig werden, qualifizierte ihn seine Stimme problemlos für eine Callcenter-Tätigkeit im Bereich Versicherungsverkauf für Haustiere, unnütze Umfragen oder Telefonsex.

Der war garantiert nicht allein im Raum, sonst wäre das Schnurren ja überflüssig.

Ich schlich mich an die Stahltür heran, die ein untergeschobener Holzkeil am Zufallen hinderte. Glücklicherweise trug ich meine ausgelatschten Sneakers. Hertas klackernde Absätze oder Schnabelnases Reitstiefel hätten das Anschleichen vermutlich erschwert.

Ich linste ins Exarchiv. Der Raum war ockergelb gestrichen und genau wie der Flur mit den unempfindlichen Fliesen ausgelegt. Beleuchtet wurde er durch Neonröhren, die in vergitterten Kästen unter der Decke flimmerten. Mehrere Stuhlreihen erinnerten an den Klassenraum einer Grundschule. Hinter dem Lehrerpult hingen Fotos und Zettel an einer Magnettafel. Vor den schmalen Oberlichtern versperrte ein Bagger den Sonnenstrahlen den Weg in die Unterwelt.

Im Mittelgang zwischen den Stuhlreihen stand Staschek mit einer fremden Frau, von der ich leider nur die Rückseite sehen konnte. Doch die machte was her: Ein dicker, dunkler Zopf baumelte ihren schmalen Rücken hinab und endete knapp oberhalb eines der seltenen Hinterteile, für die Stretchjeans von Vorteil waren. Ihre Stiefeletten besaßen einen zwar kleinen, aber immerhin vorhandenen Absatz und ihre Frisur katapultierte sie prompt an die Spitze meiner übersichtlichen Liste williger Büroschnecken.

Stascheks Frau Verena trug nämlich ebenfalls einen hüftlangen, dunklen Zopf – die Fremde fiel eindeutig in sein Beuteschema.

Wobei der Begriff ›Stascheks Beuteschema‹ ein recht dehnbarer war, da unser Kripo-Chef sogar Herta, mich und die kratzbürstige Sieglinde von der Spurensicherung ausdauernd anflirtete.

Der Erste Kriminalhauptkommissar war jedenfalls ein Leckerli, das konnte auch die Unbekannte unmöglich übersehen: Groß, gertenschlank und in leitender Tätigkeit verbeamtet, passte er selbst eigentlich in jedes Beuteschema. Die ersten Fältchen im schmalen Gesicht und ein wenig Grau an den Schläfen seines gepflegten, kastanienfarbenen Haares ließen ihn nur attraktiver wirken. Seine Samtstimme und seine warmen Hundeaugen taten ihr Übriges. Außerdem hatte er Stil. Die Farbe seines leichten Pullovers war perfekt abgestimmt auf das Kastanienbraun seiner Augen und Haare. In diesem unbeobachteten Moment verblüffte mich einmal mehr, wie ähnlich er Lena sah.

Ach ja. Lena. Ich erinnerte mich an meine Auftraggeberin und überlegte, ob ich Stascheks Schnurren als Indiz in einer Ermittlungsakte vermerken sollte. Zumindest würde ich den Namen der Unbekannten in Erfahrung bringen müssen. Das dürfte zu schaffen sein.

Unbemerkt zog ich mich zurück und eilte den Flur wieder hinunter zu der Tür mit dem Schreibdienst-Klebchen.

Ohne zu klopfen, trat ich ein.

Auch dieser Raum versprühte Kellerambiente. Allerdings sah Herta zumindest Tageslicht, denn eines der schmalen Oberlichter war durch ein echtes Fenster ausgetauscht worden. Im Lichtschacht führte eine verzinkte Leiter als Fluchtweg aufwärts.

Drei Schreibtische mit Computer standen im Raum, die Drucker auf beweglichen Rollcontainern. Ein riesiger Kopierer parkte an der hinteren Wand neben einer alten – Waschmaschine?

Herta sah auf, als ich in den Raum schlüpfte.

»Sag mal«, kam ich ohne Umschweife zum Punkt, »wer ist die Frau mit dem Zopf?«

Herta sog die Wangen nach innen: »Blöd, dass du für die Konkurrenz arbeitest. Hab ich schon immer gesagt.«

»Spuck es aus, Herta.«

»Das ist unsere neue Profilerin.« Herta ließ das Wort einen Augenblick lang wirken. »Lätizia von Bimburg.«

Aha?

»Ganz so neu ist sie aber dann doch nicht«, informierte mich Herta weiter. »Eigentlich ist sie psychologische Beraterin bei den Kollegen von der Sitte. Aber die Kommandantin fand es schick, bei so einem brisanten Fall eine Profilerin vorweisen zu können, und hat sie – na, abkommandiert eben. «

»Kommandantin?«

»Na, unsere erste Vorsitzende, unsere Präsidentin, die Herrscherin unserer kleinen, unterirdischen Welt.« Hertas Lockenfontäne wippte, als sie mit dem Kopf wackelte.

Die Polizeipräsidentin. Bisher hatte ich nur von ihrem vielsagenden Spitznamen ›die Schlampe‹ Kenntnis genommen. Aber Hertas ›Kommandantin‹ gefiel mir ebenfalls.

»Wenn es gut läuft, darf Lätizia bestimmt öfter die Mordkommission verstärken«, prognostizierte Herta. »Chefchen hätte nichts dagegen einzuwenden, schätze ich.«

Um das festzustellen, benötigte Herta kein Psychologiestudium.

Als ich kurz darauf zum zweiten Mal in den Besprechungsraum spähte, verabschiedete sich Lätizia gerade von Staschek. Einen Moment später drehte sie sich schwungvoll um.

Von vorn wirkte sie nicht ganz so jugendlich wie von hinten. Wahrscheinlich war sie über vierzig – aber eine Erscheinung, die Stascheks Schnurren rechtfertigte. Mit tiefgründigen, ozeanblauen Augen, vollen Lippen, hohen Wangen und dem dunklen Zopf ähnelte sie einer normalgewichtigen Angelina Jolie.

Sie streifte mich mit einem ozeantiefen Blick, als sie den Kellerraum verließ. Ein Psychologinnenblick. Obwohl mein neues professionelles Privatdetektivinnen-Outfit mit kinnlangem Blondschopf, dunklem Shirt, Jeans und Turnschuhen betont unauffällig war, würde sich Lätizia von Bimburg ziemlich sicher auch morgen noch an mich erinnern.

Egal.

Mit Molles Einkaufskorb über dem Arm streunte ich ins Exarchiv.

»Zeit fürs Frühstück, Lenny.«

Staschek stellte sein Schnurren abrupt ab. »Was willst du?«

»Meinen Lieblingskommissar vorm Verhungern bewahren natürlich«, flötete ich unbeirrt, platzierte meinen Korb auf dem Tisch vor der Magnettafel und meinen Hintern daneben.

Ich baumelte mit den Beinen, während ich das Handtuch hochhob und damit den Frikadellenduft in Stascheks Richtung wedelte. Schon aus Gewohnheit betrachtete ich dabei die Fotos und Skizzen hinter Staschek.

Das Bild eines attraktiven Typen mit dunklen Locken war umgeben von mehreren Frauenporträts. Neben den Bildern hingen Notizzettel.

»Wenn du hier bist, weil du glaubst, ich würde dir was Spannenderes über den Fall erzählen, als in den Zeitungen steht, war der Weg umsonst.« Staschek trat zwischen mich und die Magnetwand und versperrte mir die Sicht.

»Ich mach mir nur Sorgen um dich, Lenny.« Schmollend schob ich die Unterlippe vor. »Du lässt dich nicht mehr in der Kneipe blicken, deshalb dachte ich, du musst doch mal Hunger haben. Also auf echtes Essen.«

Ich angelte eine Frühstücksfrikadelle aus dem Korb und lockte den Kommissar mit dem Brötchen auf mich zu. Seine misstrauische Miene erinnerte an den störrischen Ziegenbock im Streichelzoo. »Oder ist es Verena endlich gelungen, einen Pflanzenfresser aus dir zu machen?«

Nee. Dass aus Staschek niemals ein Müsli werden würde, verriet mir sein gieriger Griff nach dem hingehaltenen Brötchen. Dass seine Frau ihn seit Jahren vegetarisch bekochte, trieb Staschek dazu, sich Steak, Schnitzel und Currywurst woanders zu besorgen. Im Untergrund sozusagen. Genauer gesagt: bei Molle.

Deshalb hing Stascheks Leben – wie das von Danner und mir – gewöhnlich von Molles Gutmütigkeit ab. Ohne Mama Molle wären wir alle zumindest deutlich schlanker.

Der Frikadellengeruch aus meinem Korb siegte zuverlässig über Stascheks Misstrauen. Er stopfte sich das Fleischbrötchen in einem Stück in den Mund, als wäre er seit Tagen ohne Nahrung in der Wüste unterwegs gewesen.

»Ach, nee«, fiel mir ein, »zu Hause lässt du dich im Moment ja nicht blicken, sagt Lena.«

Staschek blieb der Fleischklops im Hals stecken.

»Du hast mit Lena geredet?«, hustete er erschrocken.

Schlechtes Gewissen wegen der Backpfeife, Super-Papa?

»Stell dir vor«, nickte ich eifrig. »Neben SMS, Facebook und Skype existiert dieser Weg, sich mitzuteilen, tatsächlich noch. Irre, nicht wahr?«

Argwöhnisch ließ Staschek den Brötchenrest sinken. »Und?«, hakte er nach, als ich schwieg.

»Was, und?« Ich ließ ihn aufatmen. »Sie meint, dass du ziemlich Stress mit dem toten Starkoch hast.« Mein Blick wanderte wieder zu den Fotos an der Wand.

»Ich hab gleich gewusst, dass du mich über den Fall ausquetschen willst!«

Jetzt schien Staschek darüber beinahe erleichtert. Er ließ mich ungehindert das Foto des dunkelgelockten Schönlings mit dem leicht schiefen Lächeln betrachten, während er die nächste Frikadelle herunterschlang.

Neben dem Porträt des Toten hing das Bild einer Frau, die ihre blonde Mähne im Stil niederländischer Moderatorinnen über eine Schulter geworfen trug und künstlich lächelte.

»Die Chefin kann jede Sekunde hereinmarschieren, wenn die mitbekommt, dass ich mit dir spreche…« Der Gedanke ließ Staschek schneller kauen.

Gestern noch ›die Schlampe‹, heute ›die Chefin‹ – na, wenn das kein gelungener Imagewandel war.

»Dann wird sie dich zweihundert Mal schreiben lassen: Ich darf den Schnüfflern keine internen Informationen verraten«, spekulierte ich. »Da würden mir auch die Knie zittern vor Angst.«

Staschek verdrehte die Augen.

»Einen mageren Mordkommissionschef wie dich verputzt deine Kommandantin auf einem Brötchen zum Frühstück.« Ich hopste vom Tisch und klopfte Staschek mitfühlend auf die Schulter.

Na bitte: Bambi-Papa funkelte mich böse an.

»Ich schau heute Mittag bei euch rein.« Er griff nach dem geflochtenen Henkel von Molles Korb. »Den bring ich dann mit.«

3.

Ein einsamer, dampfender Kaffeebecher stand neben der BILD-Zeitung auf der rot karierten Tischdecke und erfüllte die ganze Kneipe mit seinem Duft. Die altmodische Glocke über dem Eingang bimmelte, als das Türblatt sie streifte. Die Tür zur Küche stand offen. Geschirr klapperte.

Ich ließ mich an unserem Tisch vor der Theke nieder, zog Molles Becher zu mir heran und griff nach der Zeitung.

›Kochen mit Pfiff‹ wird eingestellt, titelte das Blatt. Seit Tagen gehörte Stascheks Fall die Seite 1.

Nach dem gewaltsamen Tod des bekannten Sternekochs Carlo Pfiffhofen ist nun entschieden: Die Rubrik ›Kochen mit Pfiff‹ wird es im Vorabendmagazin ›Smart‹ nicht mehr geben.

Das Foto zum Text zeigte einen durchtrainierten Mann mit dunklen Locken und fotogenem Lächeln in blütenweißer Küchenkluft. Küchenprinz, stand in Pink auf der Schürze, unter dem dezenteren Logo Catering mit Pfiff.

Der Publikumsliebling wurde am Donnerstagmorgen tot auf dem Parkplatz eines Bochumer Hotels gefunden. Der aus dem Fernsehen bekannte Sternekoch war an diesem Abend im nahe gelegenen Musicaltheater tätig, in dem seine Cateringfirma die Snackbar bewirtschaftet. Offenbar wollte Pfiffhofen gegen dreiundzwanzig Uhr den Heimweg über den Hotelparkplatz abkürzen.

»Wir gehen von einem Gewaltverbrechen aus«, bestätigte Polizeipräsidentin Klara Peters am Freitag.

Einen Verdächtigen gibt es bisher nicht und auch zum Tathergang schweigt sich die Polizei aus. »Wir wollen dem Täter keine Anhaltspunkte über den Stand der Ermittlungen geben«, bittet die Polizeichefin um Verständnis.

Augenzeugen zufolge soll die Leiche des Gourmets grausam verstümmelt worden sein.

Für die Verlobte des attraktiven Küchenchefs, Amanda Andraschek, steht fest: »Das muss ein Irrer gewesen sein! Carlo hatte keine Feinde.«

»Ähem.«

Molles Räuspern ließ mich von der Zeitung aufblicken.

Der Wirt schepperte die Kaffeekanne auf den Tresen und stemmte die Hände in die Hüften. »Kannst du mir verraten, wer mir sechs Brötchen direkt aus dem Backofen geklaut hat?«

Ich klimperte erstaunt mit den Wimpern: »Berta natürlich.«

»Wer?«

»Unser Poltergeist«, erklärte ich so ernsthaft wie möglich. »Ist sie nachts noch nicht durch dein Schlafzimmer geschwebt?«

Molles blaue Augen blitzten hinter der halbmondförmigen Brille – etwa so bedrohlich, als würde Papa Schlumpf versuchen, mich des Diebstahls zu überführen.

»Du hast mich erwischt«, gestand ich reumütig. »Während du Kaffee gekocht hast, hab ich mir schnell alle reingestopft.«

Molle platzierte die Kanne auf der Zeitung und nahm mir seinen Kaffeebecher aus der Hand.

»Was immer du damit angestellt hast, du bewegst deinen Hintern zum Kiosk und besorgst neue.«

»In Lennys Haut will ich nicht stecken.«

Als ich mit einer duftenden Brötchentüte vom Kiosk zurückkehrte, hockte Danner auf meinem Platz hinter Kaffee und Zeitung. »Die Schlampe macht ihm bestimmt eine Szene wegen der schlechten Presse.«

Ich freute mich, dass zumindest Danner die Schlampe noch nicht zur Chefin befördert hatte. Ich ließ mich neben ihn auf den Stuhl fallen und registrierte den Teebeutel, der in seiner Tasse baumelte. Seit ihm nach dem Tod seines Vaters sein Alkoholkonsum beinahe außer Kontrolle geraten wäre, schien Danner Gefallen an Wasser mit Geschmack gefunden zu haben.

Molle balancierte ein mit Marmeladengläsern, Honig, Eiern, Wurst, Käse und Lachs vollgestelltes Tablett aus der Küche und ließ sich schnaufend am Tisch nieder. Danner teilte die Zeitung und reichte dem Dicken die Hälfte über seinen Tee hinweg.

Ich warf die Brötchentüte neben die Marmelade.

»Um Lenny brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, sagte ich mit einem Kopfnicken in Richtung des Zeitungsberichtes. »Der hat eine Riesen-Soko.«

Von den Beamten im Kellerflur hätte Danner garantiert mehr Gesichter erkannt als ich. Obwohl er seit über zehn Jahren nicht mehr im Staatsdienst tätig war, wurde er immer noch zum Polizeiball eingeladen.

Hm. Dass er die Vornamen der meisten Menschen im Präsidium wusste, konnte ich bei meiner Betthasenjagd unmöglich ungenutzt lassen.

»Neuerdings hat er sogar eine echte Profilerin«, erwähnte ich beiläufig, während ich Kaffee in meine Tasse plätschern ließ. »Lätizia von Bomberg oder so.«

Noch bevor ich ihren Namen ganz ausgesprochen hatte, sah Danner mich an. Ich schnalzte mit der Zunge.

Erwischt.

Er wusste, dass er mir verraten hatte, dass er Lara Croft kannte, er versuchte gar nicht erst, sich hinter der Zeitung zu verstecken.

»Bimburg«, korrigierte er gedehnt, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Und woher weißt du das alles?«

»Insiderinfos.«

Molle kratzte sich den fettigen, grauen Haarkranz. »Ist das etwa die Lätizia…?«

Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Danners eisiger Blick brachte den Wirt zum Schweigen.

Zu spät.

Grinsend verschränkte ich ebenfalls die Arme.

Molle hingegen war die plötzliche Spannung sichtlich unangenehm, er rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her.

Danner klimperte mit den Fingern auf seinem Bizeps, wodurch seine Unterarmmuskeln zu spielen begannen.

Ich machte auch das nach.

»Na schön! Ich war mit ihr im Bett!« Danner donnerte die Teetasse auf die Zeitung. Braune Flüssigkeit spritzte auf die Schürze des Chefkochs auf dem Foto. »War es das, was du hören wolltest?«

»Ein paar Details mehr dürfen es schon sein«, fand ich.

Danner fuhr sich genervt über die Glatze. »Boah, keine Ahnung. Irgendwann letztes Jahr, glaube ich, war sie ein- oder zweimal hier.«

Mein Blick wanderte zu Molle, der angestrengt in seinen Becher starrte.

»Herrgott, vielleicht auch dreimal, okay?«, explodierte Danner endgültig. »Aber dann war Schluss! Dann war immer Schluss! Und das war auch gut so, denn danach gibt’s nur Stress!«

Sein Stuhl polterte nach hinten, als er aufsprang.

»So wie mit mir und meinen unbequemen Fragen, schon klar!«, brüllte ich ihm nach. Doch da bimmelte die Kneipentür schon hinter ihm zu.

Molle rieb sich stöhnend durchs Gesicht.

Erstaunt sah ich auf, als die Glocke über dem Kneipeneingang gleich noch einmal klingelte.

Danner hatte meine letzten Worte offenbar gehört, denn er kam zielstrebig auf mich zu, zog mich auf die Füße und küsste mich.

»Und das ist jetzt positiver Stress, oder was?«, beschwerte sich Molle.

Ohne mich loszulassen, angelte Danner den Sportteil vom Frühstückstisch und schob ihn Molle unter die Nase.

4.

Ich verließ das Bett widerwillig und nur, weil Staschek zum Mittagessen auftauchen wollte.

Danner blieb träge liegen.

Umso besser, meldete sich die übereifrige Privatdetektivazubine in mir. Vielleicht konnte ich Lenny aushorchen, bevor Danner Molles Riesencurrywurst schnupperte.

Der Kommissar saß bereits vor einem gigantischen Haufen mundgerecht zerkleinerter Wurststücke, als ich in die Kneipe kam. Molle band ihm gerade noch sein Lätzchen um.

Molles zottelige Hündin Mücke hockte unter dem Tisch und lauerte darauf, dass etwas herunterfiel.

Ich küsste Staschek zur Begrüßung auf die babyarschglatt rasierte Wange. »Ich dachte schon, ich müsste dir in Zukunft Essen auf Rädern bestellen.«