Jenseits von Wut - Lucie Flebbe - E-Book
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Jenseits von Wut E-Book

Lucie Flebbe

4,0

Beschreibung

Ihr verhasster Job wird ihre neue Chance … Knall auf Fall steht Edith ›Eddie‹ Beelitz mit ihrer kleinen Tochter Lotti auf der Straße: Ehemann Philipp war eindeutig die falsche Wahl. Weil bei der Bochumer Polizei Personalnotstand herrscht, kann Eddie kurzfristig in ihren ungeliebten Beruf zurückkehren, und das sogar in Teilzeit bei den Mordermittlern. Die haben gut zu tun: Vor dem Jobcenter liegt die Leiche der arbeitssuchenden Ronja Bleier - sie wurde brutal erschlagen. Eddie, die gehofft hatte, nur Schreibarbeiten übernehmen zu müssen, ist überfordert. Wie soll ausgerechnet sie dabei helfen, einen Mord aufzuklären?

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Lucie Flebbe

Jenseits von Wut

Kriminalroman

© 2018 by GRAFIT Verlag GmbH Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund Internet: http://www.grafit.de E-Mail: [email protected] Alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Diego Schtutmann (Hintergrund), Elina Li (Herz), Cafe Racer (Riss) E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck eISBN 978-3-89425-746-0

ÜBER DIESES BUCH

Knall auf Fall steht Edith ›Eddie‹ Beelitz mit ihrer kleinen Tochter Lotti auf der Straße: Ehemann Philipp war eindeutig die falsche Wahl. Weil bei der Bochumer Polizei Personalnotstand herrscht, kann Eddie kurzfristig in ihren ungeliebten Beruf zurückkehren, und das sogar in Teilzeit bei den Mordermittlern. Die haben gut zu tun: Vor dem Jobcenter liegt die Leiche der arbeitssuchenden Ronja Bleier – sie wurde brutal erschlagen. Eddie, die gehofft hatte, nur Schreibarbeiten übernehmen zu müssen, ist überfordert. Wie soll ausgerechnet sie dabei helfen, einen Mord aufzuklären?

DIE AUTORIN

Lucie Flebbe, geb. 1977 in Hameln, lebt mit Mann und Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt ›Der 13. Brief‹ mischte sie 2008 die deutsche Krimiszene auf. Folgerichtig wurde sie mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ als beste Newcomerin in der Sparte ›Romandebüt‹ ausgezeichnet. Die Geschichte der Detektivazubine Lila Ziegler lässt sich über acht weitere Romane verfolgen.

Mit ›Jenseits von Wut‹ startet eine Trilogie um die Kriminalkommissarin Eddie Beelitz. Die Folgebände heißen ›Jenseits von schwarz‹ und ›Jenseits von tot‹.

www.lucieflebbe.de

Sämtliche Personen und Geschehnisse sind frei erfunden.Die Schauplätze hingegen sind realitätsnah beschrieben. Möglich gemacht hat das die freundliche Unterstützung des Jobcenters, der Agentur für Arbeit und der Polizei Bochum.

ZOMBIE 1

Freddie spuckte Blut auf den Boden. »Scheiße, Alter! Glaubst du den Schwachsinn etwa?«

Die Kiekser in seiner dröhnenden Stimme verrieten, dass das Dreckschwein genau wusste, wie gern ich ihm den Hals umdrehen würde. Angstschweiß glänzte auf seiner Glatze, seine tief liegenden Augen flitzten auf der Suche nach einem Fluchtweg unter den buschigen Brauen hin und her.

Natürlich ließ ich ihn nicht gehen. Ich hatte ihn bewusst in der Ecke neben den Metallspinden in die Zange genommen, ich wusste ja, wen ich mir vorknöpfte. Jetzt stand er mit dem Rücken zur Wand.

»Zombie, Alter! Krieg dich ein!«

Blut tropfte von Freddies Kinn und lief seine Arme hinunter, als er die Fäuste schützend vors Gesicht hob. Sein Bizeps, der den Umfang eines durchschnittlichen Beins hatte, zuckte nervös.

»Ich hab nix gemacht, ehrlich! Du weißt doch, wie die Weiber manchmal sind.«

Meine Wut explodierte grellrot. Seine Linke ruckte reflexartig nach unten, als ich einen unfairen Tiefschlag andeutete. Kaum war die Deckung weg, prallte meine Faust gegen seine Stirn, hellrotes Blut spritzte, sein kahler Schädel krachte gegen den Blechschrank. Freddie sackte zusammen.

EDDIE 1

Zurückstellung Ihres Antrags auf Verlängerung des Sonderurlaubs

Sehr geehrte PK Kramaczik-Beelitz,

Ihr Antrag auf Verlängerung Ihres Sonderurlaubs um ein weiteres Jahr zum Zweck der Kindererziehung ist eingegangen.

Aufgrund des aktuellen personellen Engpasses geben wir Ihnen die Gelegenheit, Ihren Wunsch noch einmal zu überdenken.

Wie Sie wissen, haben Sie ein Anrecht auf Arbeitszeitreduzierung. Gern wird Ihre zuständige Dienststelle Ihren Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit mithilfe einer Teilzeitregelung und internen Schulungen unterstützen. Auch Ihre Wünsche bezüglich Einsatzort und – bereich werden, soweit organisatorisch möglich, berücksichtigt.

Verbindlich zur Rückkehr in den Dienst oder Verlängerung Ihres Sonderurlaubs äußern müssen Sie sich spätestens drei Monate vor Dienstbeginn. In Ihrem Fall bedeutet das, dass Sie sich bis zum 31. Juli festlegen müssen.

Mit der Bitte um Überprüfung stellen wir Ihren Antrag um die verbleibenden vier Wochen zurück. Als Anlage erhalten Sie die Broschüre »Unter Umständen – Informationen zu Schwangerschaft und Elternschaft« der Gewerkschaft der Polizei NRW.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Polizeipräsidentin

»Eddie? Wenn du dich schon wieder aufs Klo verdrückt hast, flippe ich aus, das schwöre ich dir!«

Mist! Philipp hatte gemerkt, dass ich weg war.

Hastig faltete ich das alte Schreiben zusammen. An den Stellen, an denen die Knicke ihre Linien hinterlassen hatten, war das Papier vom ständigen Auseinander- und wieder Zusammenfalten dünn und teilweise eingerissen. Die Zeilen konnte ich auswendig, weil ich sie immer las, wenn ich mich im Badezimmer aufhielt. Und ich hielt mich nicht gerade selten im Badezimmer auf.

Die Frist, in der ich mich für die Rückkehr in den Dienst hätte entscheiden können, war lange abgelaufen. Mittlerweile war es schon Ende Oktober.

Den Brief hatte auch nicht wirklich die Polizeipräsidentin unterschrieben, sondern ein gewisser I. Lambrecht, in Vertretung. Weder Lambrecht noch die Polizeipräsidentin kannten mich persönlich. Genau wie fünfundneunzig Prozent der übrigen etwa tausendneunhundert Polizeibeamten, die derzeit in Bochum Dienst schoben. Die allermeisten ahnten rein gar nichts von meiner Existenz. Ich war lediglich eine Karteileiche im Aktenschrank der Personalabteilung.

So ein Brief ging vermutlich standardmäßig raus. Immer wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich aus welchem Grund auch immer im Sonderurlaub befanden, diesen verlängern wollten. Eine Maßnahme, um dem aktuellen Personalengpass entgegenzuwirken. Genau wie die Plakate mit fröhlichen, jungen Menschen in Uniform, die zurzeit in sämtlichen öffentlichen Gebäuden für eine Ausbildung bei der Polizei warben.

Ich wusste selbst nicht, warum ich das Schreiben seit Wochen unter der Pyramide aus Klopapierrollen auf der Fensterbank versteckte, anstatt es endlich wegzuwerfen. Ich wollte nicht ernsthaft zurück in den aktiven Dienst. Es war auch gar nicht möglich, Lotti ging noch nicht einmal in die Schule. Außerdem hasste ich den Job. Trotzdem achtete ich sorgfältig darauf, die Toilettenpapierpyramide nicht so weit zusammenschrumpfen zu lassen, dass der Zettel darunter sichtbar wurde.

»Eddie?«

Ich stopfte das Schreiben zurück unter den Klopapierturm, sprang von der Toilette und versuchte, meinen Hintern zurück in die knatschenge Kunstlederhose zu quetschen.

Philipp rüttelte an der Türklinke.

»Es ist keine Viertelstunde her, seit du zum letzten Mal auf dem Klo verschwunden bist«, zischte er. »Was ist mit diesen Einlagen? Benutzt du die überhaupt?«

»Ich komme schon«, überging ich die Frage.

»Und ich fliege zum Mond. Auf einem Einhorn mit Flügeln«, ätzte Philipp. »Ich warte auf dich.«

Ich warf einen Blick in den Spiegel. Meine Nase war rot und schien größer zu werden und meine Augen glänzten verräterisch. Hastig griff ich nach dem Make-up.

»Hörst du schwer?«, wurde mein Mann lauter, weil ich immer noch nicht reagierte.

Mit den Fingerspitzen tupfte ich die Schminke um meine Nase, doch eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel und hinterließ einen schwarzen Bach aus Wimperntusche auf meiner blassen, rechten Wange. Ehe ich mich versah, hatte sich die Wimperntusche mit dem Make-up vermischt und meine knubbelige Nase grau gefärbt.

Verdammt! Wieso brach ich andauernd in Tränen aus, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab?

Genervt griff ich das Handtuch und rubbelte das Make-up wieder weg. Jetzt stach mein rot geheultes Riechorgan aus meinem Gesicht hervor wie eine Clownsnase aus Plastik. Außerdem waren die dicken, hellbraunen Sommersprossen auf meinem rechten Jochbein zum Vorschein gekommen.

»Unten stehen zwanzig potenzielle Geschäftspartner, die unter anderem deinen nächsten Fünfhundert-Euro-Friseurbesuch bezahlen sollen. Aber du hast eine nervöse Blase und ich kann alles allein machen«, knurrte Philipp gereizt. »Du bist doch total gestört!«

Ich ließ das Handtuch sinken, mein Blick wanderte auf den glänzenden, dunklen Zopf, der über meine rechte Schulter bis an meine Hüfte baumelte. Ich hatte die unechte Mähne nicht gewollt. Philipp stand auf lange Haare – aber was die Mega-Extensions kosteten, hatte ihn doch überrascht.

»Die ersten Gäste flüchten gleich, weil sie glauben, sie fangen sich bei uns den Norovirus ein«, tobte Philipp vor der Tür weiter. »Ich schnalle nicht, wie man hoffnungslos überfordert sein kann, wenn man lediglich höflich lächeln soll. Wenn du in fünf Minuten nicht drüben im Trainingszentrum aufgetaucht bist, gibt es heute Abend noch richtig Stress.«

Endlich entfernten sich seine Schritte.

Mein Herz raste.

Meine Fünfhundert-Euro-Extensions waren vom Hinterkopf aus zu einem dicken, dunklen Zopf geflochten. Eine einzelne, mit Glätteisen und Haarfestiger bearbeitete Strähne hing mir lose ins Gesicht. Zusammen mit der dunklen Kunstlederhose, dem figurbetonten, schwarzen Pulli und den Stiefeln mit den Killerabsätzen sah ich aus wie eine Faschingsversion von Lara Croft. Eine Möchtegern-Tomb-Raiderin mit einem dicken Hintern, einem Push-up-BH anstelle eines Busens und einer knallroten Hexennase.

Ich kannte die Frau im Spiegel nicht.

Dann erinnerte ich mich dumpf an Philipps Warnung. Ich restaurierte mein Make-up, straffte die Schultern und entriegelte die Tür.

Kurz darauf trat ich durch eine unauffällige Stahltür direkt in die Halle, die an die Rückseite unseres Wohnhauses grenzte.

Von der verkehrsberuhigten Sackgasse aus betrachtet, sah unser Klinkerbau wie ein ganz normales Einfamilienhaus mit Garten aus. Trat man aber von der Parallelstraße auf das Grundstück, befand man sich auf dem Parkplatz vor einer flachen, grauen Halle. Physio-World Bochum war über dem Eingang zu lesen, neben dem runden Logo mit dem stilisierten Körper, den ursprünglich Leonardo da Vinci gezeichnet hatte.

Im weitläufigen, klimatisierten Innenraum herrschte Urlaubsfeeling. Es gab sandfarbenen Boden, plätschernde Zimmerbrunnen und Fototapeten mit Palmen. Dazwischen standen moderne Krafttrainingsgeräte mit sonnengelben Polstern. Nach dem Training konnte man einen pinkfarbenen Eiweißshake in Longdrink-Optik nippen. Die Atmosphäre eines All-inclusive-Hotels auf Malle trug Philipps Meinung nach entscheidend zum Erholungsgefühl seiner Kundschaft bei.

In meinem Fall trugen Entspannungsliegen mit Sonnenstuhlcharakter und übereinander ausbalancierte Steintürmchen zum unmittelbar bevorstehenden Nervenzusammenbruch bei.

So unauffällig wie möglich näherte ich mich den Menschen, die einen deckenhohen, anthrazitfarbenen Trainingsturm umringten. Mein Mann hatte sich nach seinem Physiotherapiestudium zügig mit seinem Rehasportzentrum selbstständig gemacht. Jetzt zog er, umringt von Anzugträgern und mehreren Frauen in Businesskostümen, ein an einem Griff befestigtes Seil in die Länge.

»Der Ergo-Train spricht sämtliche Muskelgruppen ergonomisch und effektiv an«, referierte er souverän.

Das war kein auswendig gelernter Text. Philipp beherrschte die hundertdreißig Verstellmöglichkeiten des Fitnessturms einfach umfassend und sprach so begeistert darüber wie ein Trekkie über das originalgetreue Legomodell der Enterprise.

»Mit dem Gerät können wir arbeitsplatzspezifisch trainieren und Ihre Mitarbeiter so langfristig fit halten.«

Lotti kauerte hinter dem Empfangstresen und rollte mit den Füßen einen großen, roten Gymnastikball in monotonem Rhythmus gegen die Wand.

Zu den fremden Leuten hielt unsere kleine Tochter Sicherheitsabstand. Sie entdeckte mich im gleichen Moment wie ich sie. Mit ausgestreckten Ärmchen flog sie mir entgegen und mir wurde warm.

Ganz kurz wunderte ich mich wieder über Lottis rote Locken und vergaß Philipps unechte Trainingsoase.

Jedes Mal, wenn ich Lotti ansah, blitzte der Moment im Kreißsaal in meiner Erinnerung auf, in dem sie zum allerersten Mal auf meiner Brust gelegen hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, eine Tochter mit roten Locken zu bekommen.

Die Haare hatte sie von Philipp, die dicken Sommersprossen im ganzen Gesicht von uns beiden und die grünen Augen mit den dunklen Sprenkeln in der Iris hatte ich bereits von meiner Mutter und meine Mutter von meiner Großmutter geerbt.

Lotti hüpfte an mir hoch, als würde die Schwerkraft für sie nicht gelten. Philipp meinte, ihre Sportlichkeit habe sie ebenfalls seinen Genen zu verdanken. Dass ich irgendwann mal den Eignungstest der Polizeihochschule bestanden hatte, schien er vergessen zu haben.

»Wo warst du, Mami?«, piepste Lotti vorwurfsvoll, schlang mir die kräftigen Ärmchen um den Hals und klammerte sich fest, als hätte ich sie in einer düsteren Drachenhöhle zurückgelassen. Obwohl es mittlerweile nach zwanzig Uhr war, brauchte ich nicht zu versuchen, sie ins Bett zu bringen. Solange fremde Stimmen zu hören waren, schlief sie prinzipiell nicht.

»Geht es wieder, Schatz?« Philipp unterbrach seinen Vortrag und heuchelte Besorgnis, während seine blauen Augen bereits zu dem Tablett mit Sektgläsern flitzten, das auf dem Empfangstresen stand.

»Natürlich«, lächelte ich irritiert. Was sollte die Show?

Ein Anzugträger nickte mir wohlwollend zu. Um die Hände frei zu haben, schob ich Lotti auf meinen Rücken, wo sie sich festkrallte wie ein Affenbaby im Nacken seiner sich durch den Urwald hangelnden Mutter. Dann entsorgte ich die benutzten Plastikgläser im Müllsack und schenkte Sekt nach.

Maggie de Jong hatte sich von der Gruppe entfernt und trat zu mir an den Tresen.

Die Holländerin mit dem blonden Pagenkopf und dem zartrosa Businesskostüm kannte ich aus dem Kindergarten. Dummerweise hatte ich Philipp gegenüber erwähnt, dass sie Filialleiterin der örtlichen Sparkasse war. Daraufhin hatte er darauf bestanden, sie einzuladen. Und ich hatte mich beim morgendlichen Puschen-Anziehen im Kindergarten einschleimen müssen.

»Persönliche Kontakte sind das A und O«, hatte Philipp gesagt. »Es geht um unsere Existenz, da wirst du deine Schüchternheit ja wohl mal überwinden können.«

Ich hatte Maggie mit einem kostenlosen Probetrainingsjahr bestochen, das alle, die nicht zufällig Sparkassenfilialleiterinnen waren, gut dreihundert Euro kostete. Seitdem fühlte ich mich, als säße ich im Vorstand eines Großkonzerns und hätte den Betriebsrat ins Bordell eingeladen.

»Als Unternehmerin bist du eine absolute Niete«, lautete Philipps Meinung zu meinen Skrupeln.

Die Stilllegung des nahe gelegenen Opelwerks bereitete dem Trainingszentrum seit geraumer Zeit ernsthafte Probleme: Tausende von Arbeitern waren aus dem Bochumer Süden weggezogen. Jetzt wohnten hier hauptsächlich Studenten, von denen die meisten weder unter chronischen Gebrechen litten noch fünfundvierzig Euro im Monat in die Gesundheitsvorsorge investieren konnten.

Das war der Grund für die Verkaufsveranstaltung am Sonntagabend. So oft wie möglich köderte Philipp Firmenchefs, leitende Angestellte und Handwerksmeister mit eigenem Betrieb mit Sekt, Häppchen und Probestunden, erzählte von »Prävention am Arbeitsplatz«, »Bandscheibenerkrankungen in sitzenden Berufen« und »betrieblichem Gesundheitsmanagement« und sah ungemein attraktiv aus, wenn er seine neuesten Trainingsgeräte vorstellte. Mit Lausbubengrinsen beantwortete er geschmeidig Fragen und drückte jedem Teilnehmer anschließend einen Stapel Gutscheine in die Hand, die diese an ihre Mitarbeiter verteilen konnten. Mit dieser Strategie gelang es ihm allmählich, seine Bilanz wieder aufzupolieren.

»Ihr habt ja einen tollen Laden.« Maggie neigte den Kopf neben mein Ohr. Eine Geste, die vertrauter schien, als wir in Wirklichkeit waren. Ich biss mir auf die Oberlippe, während ich nickte. Philipp und seine nach Feng-Shui-Raumgestaltungsprinzipien durchgestylte Trainingswelt verfehlten nur selten ihre Wirkung.

Mit den wirren, roten Locken, den Sommersprossen und dem peppigen, orangefarbenen T-Shirt unter seinem gut sitzenden Anzug war mein Mann einfach die Idealbesetzung für seinen Job. Er wirkte jugendlich, extrem kompetent und smart und der Laden mit dem angrenzenden, neuen Wohnhaus vermittelte den Eindruck, als würde das Unternehmen richtig Geld abwerfen – dabei hatte beides in Wirklichkeit mein Schwiegervater nach dem lukrativen Verkauf seiner eigenen Baufirma gesponsert. Die protzige Fassade von Philipps Leben färbte anscheinend ab, die Chefbankerin sah auch mich offenbar mit anderen Augen.

Bisher hatte Maggie de Jong mich nur als Elternsprecherin der ›Eichhörnchen‹ gekannt. Bis vor zwei Stunden hatte sie also lediglich gewusst, dass ich von einem Zettel ablas, wenn ich vor Gruppen sprechen musste, und Zupfkuchen mochte.

Was nicht einmal stimmte. Ich brachte lediglich zu allen denkbaren Anlässen Zupfkuchen mit, weil mir meine Oma ihr Rezept verraten hatte. Alle anderen Kuchen, die ich je gebacken hatte, waren schlicht ungenießbar gewesen.

»Ich bewundere dich, Eddie«, fuhr Maggie fort.

Zwei weitere Frauen hatten genug vom Ergo-Train und gesellten sich zu uns. Die jüngere hatte eine IT-Firma, wenn ich das richtig verstanden hatte, die ältere betrieb einen ambulanten Pflegedienst. Mir wurde mulmig zumute.

»Kind, Haushalt, Elternsprecherin, nebenbei organisierst du das Sommerfest und den Basar, dein Kuchen ist immer selbst gebacken und du siehst zu jeder Uhrzeit einfach perfekt aus«, sprach Maggie weiter.

Das war so offensichtlich unwahr, dass ich spürte, wie die Scham meine normalerweise blassen Wangen rot färbte. Hoffentlich hatte ich das Make-up dick genug aufgespachtelt.

»Und um die Abrechnungen für das Trainingszentrum kümmerst du dich nebenbei auch noch, sagt dein Mann.«

Aha. Philipp hatte durchblicken lassen, dass sein Sportzentrum in Wirklichkeit ein mit Herzblut geführter ›Familienbetrieb‹ war. Besonders die alteingesessenen Handwerksmeister fuhren auf das Stichwort ab. Deshalb war es für Lotti und mich Pflicht, bei seinen Kundenfangabenden artig Männchen zu machen.

Bis zum heutigen Tag hatte Maggie mich vermutlich für eine Vollzeitmami gehalten, deren aufregendstes Erlebnis die jährliche Elternsprecherwahl der Kita war. Was der Wahrheit sehr nahekam.

Maggie selbst machte neben der Erziehung ihrer kleinen Tochter Rieke Karriere und sah sogar in ihrem spießigen Bankerinnenkostüm aus wie ein Model für Businessmode.

Mein Bauch hingegen war nach der Schwangerschaft weich geblieben und mein Hintern doppelt so groß wie vorher. Es war offensichtlich, dass Maggie kein einziges Wort ernst meinte. Sie machte Small Talk, wie es bei Anlässen dieser Art üblich war. Es musste Kurse für Existenzgründer und Führungskräfte geben, in denen Leute diese Gesprächsform erlernten. Oder es kamen überhaupt nur Menschen auf die Idee, eine Firma zu gründen, denen die Natur das lockere Füllen von Gesprächspausen mit sinnfreien Phrasen in die Wiege gelegt hatte.

Mir jedenfalls fielen die Nichtigkeiten, die als spontaner Gesprächsstoff taugten, nie zum richtigen Zeitpunkt ein.

Ich benötigte nicht mal einen Kaffeesatz wie meine Oma, um vorauszusehen, dass mein Gespräch mit Maggie in allerspätestens zwei Minuten in peinlichem Schweigen enden würde.

Ich musste aufs Klo.

Schon wieder.

Philipp würde Amok laufen.

»Und das schaffst du alles unter diesen Umständen«, orakelte Maggie unterdessen vielsagend.

Damit holte sie mich aus der Leere in meinem Kopf zurück in die mediterrane Fitnesslandschaft. Sollte das heißen, was ich dachte, dass es heißen sollte?

»In den ersten drei Monaten war mir auch dauerübel«, bestätigte Maggie verschwörerisch und die ältere der beiden anderen Frauen nickte wissend.

Mir wurde heiß.

»Aber ich sah dabei auch so elend aus, wie ich mich fühlte«, ergänzte Maggie.

Auf einmal schwitzte ich in der gefakten Lederhose, Lottis Klammergriff drückte mir die Kehle zu. Ich fing an, von einem Bein auf das andere zu treten. Mein Blick flitzte zu Philipp hinüber, der gerade einen älteren Herrn in Anzug und Lackschuhen auf ein Beintrainingsgerät bugsierte.

Deswegen das allgemeine Grinsen, als ich wieder hereingekommen war. Philipp hatte seinen Geschäftspartnern in spe eine Erklärung für meine Badezimmeraufenthalte geliefert, die nichts mit einer ansteckenden Magen-und-Darm-Infektion zu tun hatte.

Dieser Idiot! Maggie begegnete ich jeden Morgen im Kindergarten. Spätestens in drei Monaten musste ich ihr ein dramatisches Melodram vorspielen, das erklärte, warum ich noch immer keinen Bauch hatte. Und zum Schauspielern hatte ich in etwa so viel Talent wie zum Small Talk.

Plötzlich spürte ich die vermeintlich wissenden Blicke auf meinem schlecht proportionierten Gesäß. Endlich war erklärt, warum das Frauchen des Fitness-Gurus fünf Jahre nach der Geburt der Tochter den Schwangerschaftsspeck noch immer nicht losgeworden war.

Das Tablett in meiner Hand begann zu wackeln, ich stellte es zurück auf den Tresen.

Jetzt musste ich wirklich aufs Klo! Die unechte Lederhose kratzte zwischen meinen Beinen und ich hoffte, dass die Wärme nur mit meinem Schweißausbruch zusammenhing.

Ich löste Lottis Klammergriff und schob meine Tochter in die vor Blicken geschützte Ecke hinter dem Tresen. Sie sah mich an, als hätte ich sie im Löwenkäfig des Zoos abgesetzt.

»Ich muss mal, Mami!«, piepste sie dann sauer.

Ich machte große Augen.

Dann schnappte ich ihre warme, kleine Hand und wir rannten los.

ZOMBIE 2

Zu gern hätte ich Freddies hohlen Schädel zerknackt wie eine faule Nuss.

Dieser notgeile Sack! Wenn er es wirklich so nötig hatte, musste er eben eine Nutte bezahlen. Wagte er aber noch mal, meine Schwester anzutatschen, würde er garantiert nicht mehr mit einem blauen Auge davonkommen. Dann war der Wichser tot.

Und wenn ich richtig mies drauf war, kaufte ich ihn mir morgen gleich noch mal.

EDDIE 2

»Was hätte ich den Leuten denn deiner Meinung nach erzählen sollen?« Philipp dachte nicht daran, leise zu sprechen. »Es war doch klar, dass du dich irgendwann verkriechst. Ich kann alleine sehen, wie ich meinem Vater das Geld für das Haus zurückzahle, in dem du den ganzen Tag deinen fetten Arsch auf dem Sofa platt sitzt.«

Hastig zog ich die Tür von Lottis Kinderzimmer zu. Wenn sie jetzt aufwachte, würde ich Stunden brauchen, um sie wieder zum Schlafen zu kriegen.

Tatsächlich war ich nicht zu Philipps Werbeveranstaltung zurückgekehrt, sondern hatte Lotti ins Bett gebracht und mich dazugelegt, bis sie endlich eingeschlafen war.

»Sollte ich etwa freundlich lächeln, während mir alle zu einer Schwangerschaft gratulieren, die es gar nicht gibt?«, fauchte ich und wunderte mich selbst über meinen ungewohnt scharfen Ton.

»Ha!«, wurde Philipp prompt noch lauter. »Beim letzten Mal hast du mich genauso sitzen lassen! Nur dass ich so schnell keine Ausrede parat hatte und wie ein Trottel dastand. Dass du fünf Jahre nach der Geburt immer noch unter Blasenschwäche leidest, kannst du deiner Oma erzählen. Du hast keinen Bock und lässt mich allein buckeln, so sieht’s aus.«

»Wenn ich wieder arbeiten gehen würde …«

»Das Thema ist durch!« Philipps Stimme überschlug sich vor Wut. »Du kriegst nicht mal ein paar Abrechnungen hin. Wenn meine Mutter nicht zweimal die Woche putzen käme, würde der Schimmel aus der Küche kriechen. Selbst wenn du einfach nur nett lächeln sollst, bist du hoffnungslos überfordert. Und ausgerechnet du willst zurück zur Polizei? Meinst du, da kannst du auch den ganzen Tag auf dem Klo hocken? Hast du etwa schon verdrängt, dass du die komplette Fehlbesetzung für den Job bist, oder was?«

Ich biss mir auf die Unterlippe.

»Idiot«, murmelte ich.

»Pass auf, was du sagst!«, tobte Philipp weiter. »Ohne mich hättest du kein Haus, kein Auto und keine schicken Klamotten im Schrank! Ohne mich bist du überhaupt nicht lebensfähig!«

Ruckartig wandte ich mich ab, verschwand im Bad, drückte die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel um.

»Von mir aus kannst du dich die ganze Nacht einschließen«, triumphierte Philipp. »Das ändert nichts dran, dass ich recht habe.«

Ich sank auf die weiche, weiße Badematte und heulte.

Weil Philipp wirklich recht hatte. Selbst wenn ich ihn wegen seiner miesen Sprüche hätte verlassen wollen, ging das gar nicht. Seit die Elterngeldzahlungen ein Jahr nach Lottis Geburt aufgehört hatten, bewegte sich auf meinem Konto absolut nichts mehr. Sogar das Kindergeld hatte Philipp auf seinen Namen beantragt. Ich könnte die Miete für eine Wohnung gar nicht bezahlen. Ganz zu schweigen von einer Kaution, die ich hinterlegen müsste. Oder dem Wocheneinkauf. Oder den Kitagebühren. Oder Fahrkarten für die U-Bahn, denn auch der weiße Opel Mokka, mit dem ich Lotti jeden Morgen zum Kindergarten kutschierte, gehörte meinem Mann. Na ja, genau genommen, meinem Schwiegervater. Ich saß in Philipps Wohlfühlscheinwelt fest wie in einem goldenen Käfig.

Ich hätte schreien können vor Wut!

Mit einem Ruck sprang ich auf und knickte mit dem hohen Absatz der Stiefel auf der dicken Badematte um. Zornig riss ich die langen Reißverschlüsse an den Rückseiten meiner Waden auf und schleuderte die Stiefel gegen die Wanne. Wer hatte denn eine freistehende Kochinsel haben wollen? Wer wollte denn, dass ich ein Auto fuhr, das zwar an einer Wüstenralley teilnehmen konnte, aber in keine Parklücke passte? Wer stand denn auf die Klamotten, in denen ich aussah wie die Karikatur einer Actionfilmheldin?

Ich trat vor den Spiegel, aus dem mir Lara Croft verheult entgegenstarrte.

Sogar die Extensions, für die ich Stunden meiner Lebenszeit in einem Friseursalon verschwendet hatte, waren Philipps Idee gewesen – er hatte mir die unechte Mähne zum Geburtstag geschenkt. Von selbst wäre ich garantiert nicht auf die Idee gekommen, mich mit Anfang dreißig wie ein Teenager mit Modelambitionen aufzuführen.

Na, warte!

Ich riss die Schranktüren unter dem Waschbecken auf. Schminke, Wimperntusche, Lippenstifte, Lidschatten, Haarfestiger, Schaum, Wachs, Haarspray, Shampoo, Spülungen, Tönungen, Bürsten, Föhn, Lockenstab, Epiliergerät, Schere und Glätteisen polterten zur Seite.

Hölle! Mit dem Zeug hätte ich ein Kosmetikstudio ausstatten können. Plötzlich wurde mir bewusst, was für einen Aufwand ich betrieb, um Philipp zu gefallen. Hatte er mich eigentlich schon zu Beginn unserer Beziehung dumm, fett und hässlich gefunden oder war das erst in den letzten Jahren passiert?

Mein Blick blieb an den Heißwachsstreifen hängen, die sich vor meinen Füßen auf den Fliesen verteilt hatten. Sogar darauf hatte ich mich eingelassen – an ausnahmslos allen Stellen, die mein Mann für nötig hielt. Auch wenn die Prozedur wirklich kein Vergnügen war und sämtlichen feministischen Grundsätzen, die meine Mutter mir von klein auf eingetrichtert hatte, wiedersprach. Weil Philipp Haare an allen anderen Körperstellen als am Kopf paradoxerweise eklig fand. War ich eigentlich vollkommen bescheuert?

Ab sofort war Schluss damit!

Ich griff die große Schere und den dicken Zopf, der wie eine tote Schlange über meiner Schulter hing.

In der nächsten Sekunde sprangen die Haarreste auf meinem Kopf auseinander, während die geflochtenen Extensions neben meinen Füßen auf die Fliesen klatschten.

Seltsamerweise fühlte sich mein Kopf sofort leichter an. Als wäre die unechte, hüftlange Mähne aus Blei gewesen.

Als ich jetzt in den Spiegel sah, stockte mir der Atem. Obwohl meine Haare ungleichmäßig lang um mein Gesicht zottelten und noch die Knoten der Haarverlängerungen darin baumelten, war die Veränderung unübersehbar: Ich war wieder ich.

Ich drehte den Wasserhahn auf und wusch mir die Schminke von den Sommersprossen. Die Reste rubbelte ich in ein Handtuch und hatte endlich auch mein Gesicht wieder.

Auf dem Körper einer fresssüchtigen Actionheldin.

»Spinnst du jetzt völlig?«

Eine Schrecksekunde lang war Philipp sprachlos, als ich in den zerrissenen Jeans, die ich eigentlich nur zur Gartenarbeit trug, ins Wohnzimmer trat. Dann sprang er auf und packte mein Handgelenk, bevor ich zurückweichen konnte. Er zerrte mich in den Flur, vor den großen Spiegel neben der Garderobe.

»Guck hin! Du siehst aus wie ein Wischmopp!«

Mir fiel keine Antwort darauf ein.

»Ganz toll! Jetzt bist du nicht nur unfähig, sondern siehst dabei auch noch beschissen aus! Ist dir überhaupt klar, dass du die Haare nicht wiederbekommst? An die Fransen kriegst du keine neuen Extensions dran! Hast du mal so weit gedacht?«

Meine Ohren rauschten.

»Ach, nee! Denken ist ja nicht deine Stärke.«

Ich registrierte die kleine, hellblaue Gestalt aus dem Augenwinkel heraus. Lotti stand in ihrem Eisköniginnennachthemd auf der Treppe. Kälte knisterte durch meinen Körper, als hätte meine Tochter einen Schneesturm im Flur heraufbeschworen. Philipps Stimme rückte weit in den Hintergrund. Die Kopfnuss, die er mir in die struppigen Haarfransen klatschte, spürte ich kaum.

Ich richtete mich auf.

»Jetzt bist du zu weit gegangen, das lasse ich mir nicht gefallen!«, tobte Philipp weiter. »Raus hier! Hau einfach ab, ich will dich nicht mehr sehen!«

Er schmiss mich raus?

»Mami!«, quietschte Lotti erschrocken. Sie stürzte an Philipp vorbei und umklammerte meine Hand.

»Du bleibst hier!«, protestierte Philipp, doch Lotti verkroch sich hinter meinen Beinen.

Die Situation kam mir absurd vor. Ich konnte nicht glauben, dass mir das gerade wirklich passierte.

»Ohne mich steht ihr auf der Straße, wird Zeit, dass ihr das kapiert! Deine verrückte Mutter nimmt euch garantiert nicht auf! Mal ganz abgesehen davon, dass ihr ohne mein Auto sowieso nicht bis nach Gerthe kommt!«

Er schnappte meinen Autoschlüssel von der Kommode und pfefferte ihn klimpernd ins Wohnzimmer.

»Wir können immer im Garten übernachten, sagt Oma Edith«, widersprach Lotti, hob trotzig das Näschen und zog mich zur Tür.

Mir wurde übel. Meine fünfjährige Tochter handelte entschlossener als ich selbst.

Wie in Trance griff ich meinen dunkelgrünen Winterparka und stellte fest, dass alle meine Schuhe einen Absatz besaßen, mit dem ich den Weg quer durch die Innenstadt nicht schaffen würde. Schließlich schlüpfte ich in die Gummistiefel. Lotti zog ich ihre Regenhose, die noch an der Garderobe hing, und den Miniparka über das dünne Nachthemd. Die nackten Füßchen steckte ich in die wasserdichten Winterstiefel mit Fellbesatz.

Im nächsten Augenblick stand ich auf der Straße.

»Du solltest dir eine verdammt gute Entschuldigung einfallen lassen, wenn du zurückgekrochen kommst!«, brüllte Philipp mir nach, bevor er die Haustür hinter mir zudonnerte.

ZOMBIE 3

Ich hatte das schrille, hohe, lang gezogene Quieken oft genug gehört, um zu wissen, dass der Kampf verloren war.

Eine Sekunde lang überlegte ich trotzdem, ob es sich lohnte, aufzustehen und einzugreifen. Doch die Erfahrung sagte mir, dass ich dann das Opfer, dem vermutlich schon die Gedärme aus dem aufgeschlitzten Bauch quollen, wohl selbst mit einem Tritt auf den Kopf erlösen musste.

Zum Glück übertönte der Sonntagabend-Zeichentrickfilm im Wohnzimmer den Todeskampf im Flur einigermaßen. Sekunden später verrieten mir das hörbare Knacken der Knochen und das schmatzende Geräusch, dass es vorbei war.

Neben mir bewegte sich lautlos die Tür und die Mörderin schob sich herein. Mit einem geschmeidigen Satz landete sie auf dem Küchentisch und setzte sich zwischen die Teller, die ich noch nicht weggeräumt hatte. Sie legte den übertrieben buschigen Schwanz, der ihre adlige Herkunft verriet, über ihre Pfoten. Dann starrte mich das arrogante Vieh auffordernd an, während es sich das Blut von der Schnauze leckte.

Ich starrte zurück.

Ich fragte mich, wo die dämliche Katze in einem Haus mit zwanzig Wohnparteien jeden Tag eine Maus herholte. Entweder züchtete Günni im dritten Stock dem zeternden Vermieter zum Trotz noch immer Lebendfutter für seine Königspythons oder es wurde Zeit, dass sich mal ein Kammerjäger im Keller umsah.

Ich wünschte, Janine hätte damals statt des BMW den haarigen Killer mitgenommen.

EDDIE 3

Verdammt! Mein Rücken und meine Füße schmerzten, ich schwitzte, obwohl der kalte Herbstwind unter meine Jacke pfiff, und meine Arme zitterten vor Anstrengung, weil Lotti mittlerweile gut fünfzehn Kilo wog.

Weil mein Portemonnaie noch in der Jackentasche gesteckt hatte, hatte ich genug Kleingeld für ein U-Bahn-Ticket zusammenbekommen. Jetzt besaß ich noch genau zwei Euro und achtunddreißig Cent. Meine EC-Karte nutzte mir nichts, weil auf meinem Konto ja seit Jahren gähnende Leere herrschte. Wenn ich Geld brauchte, hatte Philipp mir welches gegeben.

Keuchend wuchtete ich Lottis schlaffen, kleinen Körper wieder auf meine Hüfte und blieb unschlüssig stehen. Der gleichmäßige, warme Atem, den ich unter Lottis Kapuze an meinem Hals spürte, sagte mir, dass meine Tochter längst eingeschlafen war.

Aber ich konnte nicht ewig auf der Straße herumstehen.

Meine Eltern lebten fünfzig Meter weiter, in einem Reihenhäuschen aus Bergbauzeiten, gleich hinter der Kleingartenanlage. Meine Oma bewohnte ein Zimmer zwei Straßen weiter.

Mein Vater saß, seit er in Rente war, im Atelier auf dem Dachboden vor einer zwei mal zwei Meter großen Leinwand und malte mit autistischer Perfektion die Bochumer Skyline in Acryl. Im Schlafzimmer stapelten sich die Werkzeuge meiner Mutter, die nicht mehr in die Garage gepasst hatten, neben dem Ehebett. Auf der Couch im Wohnzimmer wäre noch ein bisschen Platz für Lotti und mich.

Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte meine Mutter nicht mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln. Weil mein Mann mich rausgeschmissen hatte. Ihre Reaktion darauf verkraftete ich heute nicht mehr.

Ruckartig wandte ich mich von der Häuserreihe ab und schleppte Lotti weiter die Straße hinunter.

Bevor ich reumütig zu Philipp zurückkroch, krabbelte ich morgen lieber zum Sozialamt und beantragte Stütze. Ich stutzte, weil dieser Gedanke, der mir in diesem Moment das erste Mal kam, etwas Tröstliches hatte. Das war wahrscheinlich möglich. Und etwas anderes würde mir letztlich wohl auch nicht übrig bleiben.

Die einzige Person, bei der ich mitten in der Nacht samt Kind vor der Tür stehen und mich für ein paar Monate einquartieren könnte, war meine beste – und einzige – Freundin Anne. Dummerweise lebte die seit Jahren in South Dakota.

Heute Nacht blieb mir nur eine Möglichkeit.

Ein schmaler Fußweg führte zwischen den Häusern hindurch, an einem rot-weißen Pfosten vorbei, der Autos und Fahrrädern die Durchfahrt verwehrte. Dann stand ich zwischen den ersten Hecken und Büschen der weitläufigen Kleingartenanlage direkt neben dem ehemaligen Zechengelände. Hoffentlich lag der Schlüssel zu Omas Gartenlaube unter dem Lavendeltopf.

Ich bog nach rechts ab. Der Garten meiner Großmutter befand sich in der hintersten Ecke der Anlage, direkt an dem Wall, der die Grenze zum neuen Gewerbegebiet bildete.

Um Mitternacht herrschte Ruhe zwischen den Beeten. Der alte Baumbestand der Anlage knarrte im Wind, bunte Blätter wirbelten den gepflasterten Weg entlang, während sich düstere Wolken über den Himmel wälzten.

Der Kirschbaum meiner Oma überragte die meisten anderen Gewächse. Zwischen ihren Obstbäumen standen noch die langen trockenen Stängel der Pflanzen, die im Sommer ungehindert wucherten. Die kleinen Beete, in denen meine Oma Kräuter und Kohlrabi anbaute, waren scheinbar willkürlich zwischen den Bäumen verteilt. Wer die schmalen Lücken zwischen den außer Kontrolle geratenen Thujas nicht kannte, fand in diesem Urwald weder die gemütliche, kleine Holzlaube noch die Bienenstöcke.

Mein Blick wanderte den Plattenweg entlang. Beinahe wäre ich zusammengezuckt. Auf den Steinplatten, die zwischen den Büschen hindurch zur Gartenlaube führten, materialisierte sich eine helle Gestalt. Sie trug ein flattriges, knielanges Hemd und der Wind zerrte an ihrem langen, weißen Haar. Sah aus, als spukte ein Gespenst durch den Garten.

Eigentlich überraschte mich das gar nicht so sehr.

»Was machst du hier?«, fragte ich über das morsche Törchen im Zaun hinweg.

»Pilze sammeln«, antwortete meine Oma, als wäre das die logischste Erklärung der Welt. »Wenn man sie um Mitternacht pflückt, sollen sie angeblich besonders gut Darmprobleme lindern.«

Beinahe lautlos schwebte sie zum Gartentor und hielt es mir auf. Keuchend schleppte ich Lotti zur Laube. Mittlerweile kam es mir vor, als würde sie drei Zentner wiegen.

Die weit auseinanderstehenden Augen meiner Oma leuchteten in der Dunkelheit wie die einer Eule. Typisch, dass sie keine Fragen stellte.

»Ich habe uns Tee gemacht«, brummelte sie nur, während sie mir zwischen den Büschen hindurch zum Häuschen folgte.

ZOMBIE 4

Brot war alle. Also gab es wieder Milch und Cornflakes. Jeden Morgen der gleiche Fraß, kam mir schon zu den Ohren raus.

Bevor ich aufstand, um die Milch aus dem Kühlschrank zu holen, klickte ich auf das Tablet neben der Krümelmonster-Müslischüssel, hinter der schon wieder die Killerkatze herumlungerte. Die kurze Stille, die morgens um sechs in der Wohnung herrschte, konnte ich nicht ertragen. Ich brauchte Ablenkung.

Als ich die Milch über die Maisflocken kippte, war die Action auf dem Bildschirm schon im Gange. Eine Fotze auf einem Bierzelttisch. Nackt, bis auf die roten Stilettos. Dunkle Mähne, dicke rote Lippen, Wahnsinnstitten. Mindestens Doppel-D. Dass die überdimensionalen Hupen nicht von Natur aus zu ihrem dünnen Körper gehörten, war unübersehbar. Sah aus, als hätte jemand zwei Plastikbecher Wackelpudding auf ihrer Brust umgestürzt.

Der eine Kerl rammte seine Faust in die Muschi. Sie wand sich auf dem Holztisch, konnte sich nicht wehren, noch nicht mal schreien, weil der andere ihre Arme festhielt, während sein Schwanz so weit in ihrem Mund steckte, dass sich das Ende irgendwo hinter ihrem Kehlkopf befinden musste.

Igitt, die Milch war sauer!

Ich spuckte die Scheiße zurück in die Schüssel.

Die Katze grinste.

Im gleichen Augenblick hörte ich Geräusche im Flur. Fuck! Wieso geisterten die Bratzen schon rum?

Hastig klickte ich das Video weg, bevor ich mir über den Mund wischte. Die Möchtegernregisseure auf den Internetplattformen filmten sowieso alle den gleichen Dreck. Wieso dachten die Idioten, ein paar hochhackige Schuhe, Megatitten und ein Blick wie eine gefolterte Kuh reichten aus, damit Mann auf seine Kosten kam?

Mir wäre was Originelleres eingefallen …

EDDIE 4

»Ich muss nicht sagen, dass ich es von Anfang an gesagt habe, oder?«

Ich beantwortete die blöde Frage mit einem bösen Blick.

Meine Mutter tat, als würde sie es nicht bemerken. Sie wühlte eine große Schere aus der uralten Küchenzeile in der Schrebergartenlaube meiner Oma.

Während es draußen auch heute Morgen noch ungemütlich kalt war, bullerte in Omas Hexenhäuschen der kleine, gusseiserne Ofen in der Ecke. Es roch nach Feuerholz und Kräutergarten. Die Wände des winzigen, mit Holz verkleideten Innenraumes waren bis unter die Decke mit Regalen gefüllt. Ich sah Apfelmus, Kirschmarmelade und eingemachte Rote Bete, Teedosen und Honiggläser. Dazwischen sammelten sich unzählige kleinere Töpfchen und Tiegelchen, deren Aufschrift Anti-Age-Creme oder Haarwachs mit handbeschriebenem Klebeband überdeckt war. Unter der Decke baumelten an Wäscheleinen zum Trocknen aufgehängte Kräuterbüschelchen und eine Leiter führte auf den niedrigen Dachboden, wo die Matratzen lagen, auf denen Lotti und ich die Nacht verbracht hatten. Oma hatte im Ohrensessel in der Ecke geschlafen.

Jetzt saßen wir an dem ausklappbaren Tischchen unter dem einzigen Fenster. Meine Oma schob mir wortlos eine Teetasse unter die Nase, der verdächtig intensive Geruch ließ mich auf Baldrian tippen.

Sie hatte ihr Nachthemd gegen einen bodenlangen, schwarzen Rock und eine grüne Strickjacke getauscht und ihre weißen Haare zu einem losen Zopf geflochten. Selbst mit einundsiebzig Jahren besaß meine Oma noch sehr weibliche Rundungen. Genau wie meine Mutter, auch wenn sie die immer unter einer ausgebeulten Latzhose versteckte.

Meine Mutter machte sich mit der Küchenschere an meinen Haaren zu schaffen, während sie darauf wartete, dass ich ihr mitteilte, wie es meiner Meinung nach nun weitergehen sollte.

Sie selbst hatte immer einen Plan. Nicht nur einen Masterplan, sondern auch Plan B, C und D und eine Notlösung. Sie erkannte die Möglichkeiten, die sich durch eine neue Situation eröffneten, mit einem einzigen Blick und identifizierte zuverlässig die beste. So wie sie die Möglichkeiten einer halb verrotteten Baumwurzel mit einem Blick erkannte.

Allerdings war sie nicht in der Lage nachzuvollziehen, dass es Menschen wie mich gab, die einfach keinen Plan hatten. Und wenn ich doch mal eine Idee äußerte, konnte meine Mutter, noch bevor ich sie ganz ausgesprochen hatte, bereits sagen, warum ich die am wenigsten klügste aller Möglichkeiten gewählt hatte.

Meine Mutter hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie mein komplettes Leben für eine einzige Fehlplanung hielt.

Meine Berufswahl hatte in meiner gesamten Familie für Entsetzen gesorgt.

Du willst zur Polizei? Wieso, um Himmels willen? Für einen kreativen Menschen ist in so einem System doch gar kein Platz. Eine Behörde denkt nicht mit einem Gehirn, sondern mit einer Hierarchie. Da gehst du unter.

Rückwirkend betrachtet war diese Weitsicht einmal mehr bemerkenswert gewesen. Damals hatte ich, ehrlich gesagt, gar nicht verstanden, wovor sie mich warnen wollte.

Auch meine Schwangerschaft hatte bei meiner Mutter für schlecht verstecktes Entsetzen gesorgt.

Natürlich ist dein Philipp ein süßer Junge, aber ihr kennt euch gerade mal drei Monate, Eddie. Mit anderen Menschen sprichst du nach drei Monaten noch keine zwei Sätze. Außerdem ist er zwei Jahre jünger als du. Glaub mir doch einfach, dass kein Mann mit zweiundzwanzig Vater werden will.

Auch damit hatte sie recht behalten, denn Philipp hatte seine gesamte Energie darauf verwendet, sein gerade eröffnetes Trainingszentrum zum Laufen zu bringen. Sein Einsatz als Vater hatte sich auf das Mitbringen von Lollis beschränkt.

Schön, hatte er gesagt, als ich ihm damals die ungeplante Schwangerschaft gebeichtet hatte. Allerdings müsstest du zu Hause bleiben und dich um das Kind kümmern. Meine Eltern haben viel Geld in die Physio-World gesteckt. Ich kann beruflich jetzt keine Pause machen.

Weil mir damals sowieso gerade starke Zweifel an meiner eigenen Berufswahl gekommen waren, war mir Philipps Aufgabenverteilung sogar ganz recht gewesen. In meinen goldenen Käfig hatte ich mich also freiwillig gesetzt und die Tür hinter mir zuschnappen lassen.

Ich legte Lotti ein Honigbrötchen auf den Teller. Meine Tochter schnupperte gerade an einem Kräuterbüschelchen, das Oma ihr unter die Nase hielt.

»Salbei«, identifizierte Lotti das Kraut, während mir noch der knappe Kommentar meiner Mutter zu meiner Hochzeit durch den Kopf schoss: Behalt wenigstens deinen Nachnamen.

Meine Mutter zupfte die Reste der Extensions aus meinem neuen Wuschelkopf. Sie selbst war mit der Emanzipationsbewegung groß geworden und hatte ihre eigenen schlauen Ratschläge konsequent befolgt. Trotz über dreißig Jahren spießigster Beziehung lebten meine Eltern bis heute aus Protest gegen die Konventionen in wilder Ehe. Meine Mutter hieß noch immer Greta Beelitz, sie hatte ihre Identität nie aufgegeben – im Gegensatz zu mir.

Meine Mutter war nicht viel größer als meine Oma, sah aber größer aus, weil sie sich stets provokativ aufrecht hielt. Dass ich beide Frauen um beinahe einen ganzen Kopf überragte, verdankte ich den Erbanlagen meines Vaters.

Das Haar meiner Mutter war genauso weiß wie das meiner Oma. Sie trug es extrem kurz und fransig. Mit der Zunge an der Nasenspitze schnippelte sie nun an meinem Kopf herum, als würde sie einem Kunstwerk die entscheidenden Pinselstriche verpassen. Die herunterfallenden Haare verrieten mir, dass sie noch einmal radikal kürzte.

»Ende Oktober in einer Gartenlaube zu wohnen kommt jedenfalls nicht infrage. Schon gar nicht mit Kind«, entschied meine Mutter, weil sie längst begriffen hatte, dass von mir keine Antwort mehr zu erwarten war.

Sie wuschelte so gekonnt über meinen Kopf, dass es fantastisch aussehen musste und ich nie in der Lage sein würde, es genauso hinzukriegen. Dann legte sie die Küchenschere auf den Tisch, dessen wegklappbare Platte aus einer blank polierten, rechteckigen Holzplanke bestand, die vom Stamm eines großen Baumes gesägt worden war. Meine Mutter hatte den Tisch vor über dreißig Jahren extra für Omas Gartenlaube angefertigt.

»Hey! Jetzt siehst du aus wie Hicks, der Drachenreiter, Mami!«, feixte Lotti.

In meiner Fantasie tauchte der dünne Wikingerjunge auf, der auf einem schwarzen Drachen durch die Zeichentrickserien ritt, die in Dauerschleife auf dem Kinderkanal liefen. Ich stand auf und betrachtete meine neue Kurzhaarfrisur mit schrägem Pony im Spiegel über der Spüle.

Manchmal hatte es auch Vorteile, dass meine Mutter besser wusste, was ich wollte, als ich selbst.

»Wenn du wirklich nicht zu Philipp zurückwillst, braucht ihr eine Wohnung«, informierte mich meine Mutter nüchtern. »Darauf, dass Philipp dir die bezahlt, würde ich mich allerdings nicht verlassen. Wirft sein Trainingszentrum genug ab, dass neben Selbstbehalt, laufenden Krediten und Unterhalt für Lotti auch noch was für dich übrig bleibt?«

Ich biss mir auf die Unterlippe. Seit Philipps Geschäfte schlechter gingen, hatte er die Kreditraten öfter aussetzen müssen. Was nur problemlos möglich war, weil sein Gläubiger sein eigener Vater war.

Meine Mutter konnte mir ansehen, was ich dachte.

Ich schluckte trocken. »Ich geh heute Vormittag gleich zum Amt.«

Als ich mich umdrehte, hatte meine Mutter das alte Marmeladenglas, in dem sie ihren Notgroschen aufbewahrte, aus der Brusttasche ihrer Latzhose gezogen. In weiser Voraussicht hatte sie es eingesteckt, bevor sie hergekommen war, begriff ich.

»Trainingszentrum und der Rohbau des Hauses standen schon vor der Hochzeit, gehören also Philipp«, stellte sie fest. »Genau wie die Schulden – wenn du nicht auch noch für ihn gebürgt hast.« Sie musterte mich durchdringend, während sie Geldscheine neben meine Teetasse sortierte.

Siebenhundert – achthundert – tausend Euro etwa.

»Ich gebe es dir zurück, sobald ich kann«, murmelte ich zähneknirschend.

Ich hatte nicht gebürgt. Und in Bezug auf den Nachnamen hatte ich zumindest so weit auf ihren Rat gehört, dass ich bei der Hochzeit auf einen Doppelnamen bestanden hatte – was schwierig genug gewesen war, weil Philipp keinen Sinn darin sah und den ›Emanzentick‹ nur umständlich fand.

Bei Lottis Geburt hatte ich es dann auch schon nicht mehr geschafft, mich durchzusetzen. Egal, wie es jetzt weiterging, meine Tochter hieß Karlotta Kramaczik.

Ich hielt die Nase in meinen Baldriantee und atmete tief durch.

Meine Mutter hatte richtig gelegen. Mit ausnahmslos allem. Das zugeben zu müssen war der absolute Tiefpunkt in meinem bisherigen Leben.

ZOMBIE 5

»Schlag ihn tot! Schlag ihn tot!«

Er ist in Spitzenform.

Aber meine Wut ist größer. Meine Wut ist meine Waffe, und mittlerweile kann ich sie heraufbeschwören und freilassen wie einen bösen Flaschengeist.

Seit Jahren warte ich auf den Moment, in dem ich mit ihm im Ring stehe. Ich lasse den Dämon frei und sehe rot.

Die verzerrten Gesichter um mich herum verschwimmen. Das Gebrüll der Menschen rückt in die Ferne. Wenn die Pulle einmal entkorkt ist, kann ich die bösen Geister nicht mehr kontrollieren.