Hamburg und die Juden - Jörg Berlin - E-Book

Hamburg und die Juden E-Book

Jörg Berlin

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Beschreibung

In seiner von der Zensur unterdrückten Schrift kritisierte August Sutor die "Fesseln des Druckes und der Verachtung", unter denen die Juden auch in Hamburg litten. Er forderte, dass "die äußere Zurücksetzung der Israeliten verschwinde und auch das Vorurteil der Menge gegen sie von Grund aus ausgerottet werde." August Sutors bisher nur als schwer zu entzifferndes Manuskript vorliegendes Werk wird mit diesem Buch endlich allgemein zugänglich gemacht. Jörg Berlin erinnert an die Person des Autors und erläutert die Zensurverhältnisse in der Hansestadt. Zudem stellt er das Leben der Israeliten und die antijüdischen Ausschreitungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Hamburg dar.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

August Sutors Schrift „Hamburg und die Juden“

Zur Bedeutung des Textes

Zur Edition

Zur Biographie und Persönlichkeit August Sutors

Über die Verweigerung der Druckerlaubnis für „Hamburg und die Juden“ 1838

Die Hamburger Juden in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts

Bevölkerungszahl und Wohnverhältnisse

Zur Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung

Straßenhändler, Hausierer, Trödler und das Bild vom Juden

Nach der „Befreiung“ von der französischen Herrschaft: Ausschluss vom Bürgerrecht und Ende der Gewerbefreiheit

Antijüdische Stimmen und Hetze

Privater Umgang zwischen Juden und Christen

Sprache und Sprechweise als „Scheidewand“

Oberschicht und Hilfseinrichtungen

Mosaische Religion zwischen Alltag, Tradition und Reform

Tumulte und Exzesse 1819, 1830, 1835

10.1 Gewalttaten gegen Hamburger Juden vom 19. - 26. August

10.2. Zu den Unruhen vom 31. August - 5. September 1830

10.3 „Neue Erbärmlichkeiten“ und „schmutzige Vorfälle“. Unruhe und Gewalttaten vom 30. Juli bis 1. August 1835

Parteinahme und Fürsprache im „Freiheits-Kampfe der Juden“: Johann Otto Wilhelm Patow und Friedrich Clemens Gerke

„Hamburg und die Juden“ (1838). (Das transkribierte Manuskript)

Inhaltsverzeichnis (Hinzugefügt vom Herausgeber)

Das transkribierte Manuskript

Anhang I „Der Haß gegen die Juden im Mittelalter“.

Anhang II „Was soll denn in Hamburg geschehen, um die Lage der Israeliten zu verbeßern?“

Anhang III A. Sutors Verzeichnis der von ihm benutzten Literatur

Anhang IV „Bilder aus dem Leben. Die arme Jüdin“ Eine Erzählung aus der Zeitung „Reform“ (1849)

Allgemeines Literaturverzeichnis

I August Sutors Schrift „Hamburg und die Juden“

1. Zur Bedeutung des Textes

In seiner 1838 von der Zensur unterdrückten Schrift „Hamburg und die Juden“ behandelte August Sutor die wesentlichen Gründe für eine „Emanzipation“1 der Juden in der Hansestadt. Zugleich beschrieb er die „Fesseln des Druckes und der Verachtung“, unter denen sie litten. Er engagierte sich für deren lange überfällige „Befreiung“. Der Autor beabsichtigte, die Stimmungen und Einstellungen der politisch berechtigten Bürger zu beeinflussen und zu ändern, damit diese gesetzlichen Bestimmungen für eine wirtschaftliche und politische Gleichberechtigung der in seiner Vaterstadt lebenden Menschen mosaischen Glaubens zustimmten.

Von besonderem Interesse dürfte daneben der in das Werk integrierte Text eines Antrags des Rats an die Bürgerschaft sein, in dem dieser 1814 seine Vorschläge für eine Verbesserung der Lage der Juden in der Stadt darlegte und begründete.

Die vorliegende Arbeit macht das Werk „Hamburg und die Juden“ von August Sutor endlich allgemein zugänglich. Sie erinnert zugleich an die Person des Autors und ehrt ihn, weil er aus humaner Gesinnung und als Einzelperson entschieden gegen eine seit Jahrhunderten andauernde Verächtlichmachung, Bedrückung, „Isolierung“ (G. Riesser), Benachteiligung und Verfolgung einer Gruppe von Mitmenschen Partei ergriff. Eine Würdigung von Männern, die sich auf diesem Gebiet und in diesem Sinne für soziale und politische Gerechtigkeit einsetzten, sollte nicht auf wenige prominente Wortführer wie etwa Christian Wilhelm Dohm (und dessen Werk „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, Theil 1, Berlin u. Stettin 1781, Theil 2, ebd. 1783) beschränkt bleiben. Vor allem ermöglicht die Schrift A. Sutors tiefere Einblicke in die Ansichten der Hamburger zur Frage der Judenemanzipation als überregional verbreitete Meisterwerke mit grundsätzlichen Aussagen zum Thema. In der konkreten Behandlung der Hamburger Verhältnisse liegen der besondere Vorteil und die allgemeine Bedeutung des Textes. Zugleich gibt das Werk jedoch Auskunft über eine Verbreitung und Rezeption jener Argumente für die Emanzipation, die in anderen deutschen Staaten diskutiert und publiziert wurden.

Wenn im Folgenden immer wieder von August Sutor die Rede sein wird, sollte daraus nicht geschlossen werden, dass er sein Werk allein aus seinem individuellen Denken geschöpft hätte. Seine Handlungsmotivation und seine Kenntnisse verdankte er einer Vielzahl von Anregungen und Umständen. Solche Einflüsse sind stets mit zu bedenken. Dazu wurde dem Buch als Anhang III eine Liste A. Sutors mit Angaben zur von ihm benutzten Literatur hinzugefügt. In diesem Zusammenhang ist auf andere Autoren zu verweisen, die Streitschriften gegen eine Benachteiligung bzw. zur Verteidigung der Hamburger Juden veröffentlichten. Bereits 1835 publizierten z. B. J. O. W Patow und F. C. Gerke (in Altona) aus aktuellem Anlass entsprechende kleinere Broschüren. 2

Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Frage einer Gleichberechtigung der Juden war um 1838 durch die Gängelung der Presse stark eingeschränkt. Als der Rat nach dem Hamburger Brand 1842 die Zensur lockerte, engagierten sich mehrere Hamburger wie Johann Wilhelm Christern, Benno Heitmann, Johann Gustav Gallois und Eduard Lehmann3 für die Emanzipation. Nach der Märzrevolution 1848 und der Abschaffung der Zensur nahmen sich weitere Hamburger Demokraten des Problems an. Der Schriftsteller B. Heitmann z. B. wählte dabei eine massenwirksame Form und verfasste für eine weitverbreite demokratische Zeitung eine Kurzgeschichte4. Sie zeigt in allegorischer Weise, wie „Die arme Jüdin“ trotz ihr angetanen Unrechts weiterhin Gutes tat und nicht etwa Gleiches mit Gleichem vergalt. Der exemplarische Text ist dem vorliegenden Buch als Anhang IV beigefügt.

Die in diesem Buch dargestellten Ansichten, Haltungen und Verhaltensweisen A. Sutors und anderer Hamburger sind, wie gesagt, nicht allein aus subjektiven oder lokalen Gegebenheiten, sondern weitgehend aus bestimmten geistigen, gesellschaftlichen und ökonomischen und politischen Verhältnissen entstanden. Diese beeinflussten Überzeugungen, Neigungen, Attitüden nicht allein von Hamburgern, sondern auch von Menschen in anderen Städten und Regionen.

Die einleitenden Kapitel verweisen auf Rahmenbedingungen, unter denen A. Sutor sein Werk verfasste.

Hintergrundinformationen und weiterführende Hinweise5 können Lesern, die sich wenig mit den Problemen und Hindernissen der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert beschäftigt haben, den Zugang zum Thema erleichtern. Um den Blick nicht von Sutors Text abzulenken, blieben die erläuternden Kommentare und Anmerkungen zu dessen Darstellung knapp.

Geschichtsforschung kann einen Beitrag zur Bildung von Geschichtsbewusstsein leisten. In diesem Sinne ist es durchaus sinnvoll bzw. überfällig zu fragen, ob das Gedenken an jene Hamburger, die für mehr Humanität im Zusammenleben in ihrer Stadt eintraten, bereits den ihnen gebührenden Platz im Geschichtsbewusstsein einnimmt. Männer wie A. Sutor verließen sich nicht auf eine Initiative und die Tätigkeit des Rates sowie der etablierten politischen Körperschaften. Trotz möglicher Nachteile für die eigene Person, versuchten sie durch Kritik und Widerspruch, Rechtsverletzungen zu korrigieren. Sie halfen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und umzugestalten sowie fällige Fortschritte zu befördern.

Positive Identifikationsfiguren könnten eine Beschäftigung mit Unrecht und Verbrechen durchaus erleichtern, ohne diese zu relativieren. Dies gilt auch, wenn ihre Bemühungen nicht vermochten, die von ihnen kritisierten Verhältnisse unmittelbar zu ändern.

Das hamburgische „Israelitische Familienblatt“ schrieb anlässlich des Erwerbs der Manuskripte A. Sutors durch die damalige Stadtbibliothek am 10.8. 1905, es gelte ein ehrendes Gedenken wachzuhalten für einen edlen, großherzigen, Gerechtigkeit liebenden Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden in Hamburg. Abschließend forderte der Verfasser des Artikels, Salomon Goldschmidt, indirekt dazu auf, die „bis heute unedierten“ Schriften bekannt zu machen. Diese Aufgabe erfüllt die vorliegenden Schrift - wenn auch spät.6

Den Herausgeber führten nach einer ersten eher zufälligen Lektüre die humanistische Tendenz dieser Schrift, deren Verbot durch die hamburgische Zensur und insbesondere das Engagement des Autors für die Sache bedrängter Mitmenschen zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Persönlichkeit August Sutors und dessen Anliegen.

Der erste Impuls zu einer Untersuchung des Manuskripts und damit letztlich zur Veröffentlichung des vorliegenden Textes ergab sich aus der vergeblichen Suche nach einem Exemplar der Schrift „Darstellung der Aufnahme der ersten Juden in Hamburg. Von Dr. S., Hamburg 1838“. In Hamburgs Bibliotheken und Archiven ließ sich die in vielen Literaturlisten aufgeführte Publikation mit dem vielversprechenden Titel nicht finden.

Der abgekürzte Name führte zu dem Autor: Dr. August Sutor. Dieser ist Hamburg-Historikern durch Schriften aus der Zeit nach dem Brand 1842 bekannt. An dessen Versuche, die Emanzipation der Juden in seiner Vaterstadt zu befördern, erinnerte nur ein von der Historikerin Jutta Braden an entlegener Stelle publiziertes Kurzporträt. Sie verwies auch auf in der Staatsbibliothek Hamburg erhaltene Manuskripte A. Sutors. Diesem Hinweis ist die folgende Beschäftigung mit der Quelle zu verdanken.7

2. Zur Edition

Das in der Staatsbibliothek vorhandene Konvolut der Handschriften Sutors (Signatur: Cod. Hans. III: 133 a Dr. Aug. Sutor, Hamburg und die Juden) besteht im Wesentlichen aus 94 (nachträglich paginierten) Blättern über „Hamburg und die Juden.“ Deren Größe (16 cm x 20,5 cm) entspricht in etwa dem Format eines halbierten Doppelfolio (33 cm x 42 cm). Hinzu kommen vier Blätter im Folioformat über die Geschichte der Juden seit dem Mittelalter. Sie bilden in diesem Buch den - kritisch zu lesenden - Anhang I „Der Haß gegen die Juden im Mittelalter“. Wahrscheinlich entstand dieser Text im Zusammenhang mit Vorarbeiten zu A. Sutors „Darstellung der Aufnahme der ersten Juden in Hamburg“ oder er sollte als Vorwort für die Publikation von Auszügen aus Rats- und Bürgerprotokollen über die Juden aus den Jahren von 1609 bis 1655 dienen.8 Das entsprechende Konvolut umfasst dreizehn Blätter.

Weitere fünfzehn Blätter im Folioformat sind als Ergänzung des zusammenhängenden Textes „Hamburg und die Juden“ anzusehen. Sie bieten eine knappe Darstellung und eine konstruktive Kritik des Entwurfs für ein neues Juden-Reglement, den der Rat 1814 der Bürgerschaft als Ergänzung zu seiner (von A. Sutor wiedergegebenen) Proposition vorgelegt hatte. Die Blätter sind als Anhang II unter dem Titel „Was soll denn in Hamburg geschehen, um die Lage der Israeliten zu verbeßern?“ nachzulesen.

Vorhanden sind zudem zwei Blätter mit einer (unvollständigen) Liste von Schriften für und gegen eine Judenemanzipation, die A. Sutor entweder gelesen oder für seine Bibliothek angeschafft hatte.

Die genannten Texte sind mit Ausnahme der andernorts vollständig gedruckt vorliegenden Dokumente(nauszüge) im vorliegenden Band wiedergegeben. Im genannten Konvolut befindet sich auch ein gedruckter Text, der zum Teil inhaltlich mit den Ausführungen über „Hamburg und die Juden“ übereinstimmt, aber nicht mit diesen identisch ist. Den größten Anteil nimmt dabei die Wiedergabe der erwähnten Proposition des Rats von 1814 ein. Ein Teil dieses Drucks ist abgerissen und nicht mehr vorhanden. Möglicherweise handelt es sich hier um einen der Zensurbehörde eingereichten Druckbogen. Ein handschriftlicher Vermerk auf der ersten Seite lautet: „Anlage A“. Außer den genannten Blättern befinden sich im Konvolut zahlreiche unzusammenhängende Notizzettel verschiedenster Größe zum Thema.

In editionstechnischer Hinsicht ist es das Ziel dieser Arbeit, Interessierten den Text „Hamburg und die Juden“ als lesbare Publikation und nicht als teilweise schwer zu entzifferndes Faksimile zur Verfügung zu stellen. Eine buchstaben- und zeichengetreue Ausgabe war nicht beabsichtigt.9

Substantielle Texteingriffe sind jedoch nicht vorgenommen worden. Unlesbare Wörter wurden durch eckige, nicht eindeutig zu entziffernde Buchstaben durch spitze Klammern gekennzeichnet. Wörter in eckigen Klammern stammen also vom Herausgeber, ob sie im Original so zu finden sind, bleibt ungewiss. Zweifelsfälle bei der Transkription sind durch spitze Klammern deutlich gemacht, wenn entweder im Schriftbild deutliche Anzeichen für eine bestimmte Lesart vorhanden waren oder der Sinnzusammenhang des Textes auf ein bestimmtes Wort hinwies. Unbedeutende Schreibfehler wurden stillschweigend korrigiert. Dem Leser sollten allerdings orthographische Besonderheiten und das Alter des Textes präsent bleiben, deshalb blieben z. B. die Verwendung von y statt i oder c statt k bei der Transkription erhalten. Dort wo Rechtschreibregeln gegenwärtig ein „ie“ vorsehen, stand im frühen 19. Jahrhundert oft nur ein „i“ (z. B.: markiren). Ausrufungszeichen in eckigen Klammern [!] verweisen auf aus dem Manuskript übernommene orthographische und semantische Auffälligkeiten.

Bei der Zeichensetzung des Originals fällt auf, dass oft mehrere aufeinander folgende unabhängige Hauptsätze nur durch Kommata voneinander getrennt sind. Wo dies zu Verständnisschwierigkeiten führen könnte, erschien es hilfreich, Punkte einzufügen. Veränderungen bei der Kommasetzung wurden sonst gleichermaßen nur vorgenommen, wenn andernfalls mit Missverständnissen zu rechnen war.

Streichungen und Korrekturen durch A. Sutor in seinem Manuskript sind dann wiedergegeben, wenn die erste Fassung inhaltlich bedeutsam erschien. Der Autor milderte nicht selten im Nachhinein zunächst schärfer formulierte Ausdrücke und Passagen. Neue Formulierungen schrieb er dann zwischen die Zeilen. Solche Textteile verursachten bei der Transkription besondere Schwierigkeiten. Unterstreichungen im Original sind wiedergegeben. Wahrscheinlich sollten die so markierten Wörter und Sätze in der beabsichtigten Druckfassung auf eine bestimmte Weise hervorgehoben werden.

Das Inhaltsverzeichnis zu „Hamburg und die Juden“ und manche der gliedernden Absätze hat der Herausgeber beigefügt.

Im Text vorkommende Währungszeichen wurden durch Buchstaben (Mark) ersetzt. Anführungszeichen sind nach der heutigen Gepflogenheit normiert. Der Beginn eines paginierten Blatts im Originalmanuskript ist im vorliegenden Buch durch eine Zahl zwischen senkrechten Strichen |Bl. 1| gekennzeichnet. Die Blätter des Konvoluts sind nur auf der Vorderseite (offensichtlich nachträglich) paginiert, die Rückseiten sind jeweils an dem vom Herausgeber der Seitenzahl hinzugefügten „b“ zu erkennen |Bl. 1b|. Das Manuskript liegt in Kanzleischrift vor. Es handelt sich um eine von A. Sutor veranlasste professionelle Abschrift der ursprünglichen Vorlage. Die Texte der Anhänge I und II liegen in der eigenen Handschrift A. Sutors vor.10

Möglicherweise beabsichtigte der Autor, die einzelnen Manuskripte jeweils gesondert als Kleinschriften zu veröffentlichen, wie er es mit der Broschüre „Darstellung der Aufnahme der ersten Juden in Hamburg“ bereits erfolgreich realisiert hatte.

Eingeklammerte Anmerkungen im transkribierten Text stammen vom Herausgeber, die übrigen von A. Sutor. Dieser hatte erheblich mehr Fußnoten vorgesehen. Die entsprechenden Texte waren jedoch nicht auffindbar.

1 Der Begriff „Emancipation“ ist mehrdeutig. Zunächst meinte er eine Gleichberechtigung auf politischer Ebene und eine Befreiung von überkommenen Rechtsbeschränkungen. Dazu sollten eine Integration in die Gesamtgesellschaft und das Verschwinden aller Arten von Diskriminierungen und Vorbehalten kommen. Zur Herausbildung des Begriffs und seiner verschiedenen Facetten vgl. auch Rürup, Reinhard, Emanzipation und Antisemitismus.

Studien zur „Judenfrage“ in der bürgerlichen Gesellschaft, Göttingen 1975, S. 11 - S. 73. Divergierende und aktuelle Verwendungen des Ausdrucks thematisiert die Aufsatzsammlung: Hartfiel, Günther (Hg.), Emanzipation - Ideologischer Fetisch oder reale Chance? Opladen 1975.

2 Vgl. hierzu S.179 und zum Folgenden: Zimmermann, Moshe, Hamburgischer Patriotismus und deutscher Nationalismus. Die Emanzipation der Juden in Hamburg 1830-1865, Hamburg 1979, S. 67 ff. u. S.89 ff.

3 Eduard Lehmann publizierte unter dem Pseudonym Santo Domingo. Vgl. in dessen „Hamburg, wie es ist“ (Leipzig 1838) das Kapitel über die Juden in Hamburg, S. 23. Dort schrieb er: „Ich schäme mich, wenn ich einem armen Juden begegne, dessen scheuer, gesenkter Blick, dessen gedrückte Haltung mir vorwurfsvoll zu sagen scheint: Bin ich nicht Mensch wie Du?… warum drückst und quälst, warum peinigst und marterst Du mich?“ Lehmann arbeitete 1838/39 als Redakteur des „Argus“ in der Hansestadt.

4 Siehe „Die arme Jüdin“, in: „Die Reform. Ein Volksblatt“, Nr. 35 v. 2.5.1849, S. 2. Zu B. Heitmann, der zeitweise als Redakteur der „Reform“ fungierte und ähnlich wie A. Sutor Probleme mit der Zensur bekam vgl. Lexikon der hamburgischen Schriftsteller bis zur Gegenwart, 3. Bd., Hamburg 1857, S. 178 f. Hier geht es nicht um die literarische Qualität des Textes, sondern um die humane Zielsetzung des Journalisten. A. Sutor und der „Literat“ B. Heitmann werden sich gekannt haben. Beide kandidierten 1848 erfolgreich im gleichen Wahlbezirk für die Verfassunggebende Versammlung.

5 Zur Literatur über Juden in Hamburg zwischen 1800 und 1848 siehe die grundlegenden Arbeiten: Krohn, Helga, Die Juden in Hamburg 1800 – 1850. Ihre soziale, kulturelle und politische Entwicklung während der Emanzipationszeit, Frankfurt 1967, Zimmermann, Moshe, Hamburgischer Patriotismus und deutscher Nationalismus. Die Emanzipation der Juden in Hamburg 1830-1865, Hamburg 1979, Freimark, Peter, Herzig, Arno (Hg.), Die Hamburger Juden in der Emanzipationsphase (1780– 1870); Hamburg 1989.

6 Wer der Vorbesitzer des Konvoluts der Schriften A. Sutors war, hat sich nicht feststellen lassen. Die naheliegende Vermutung über einen Zusammenhang mit der umfangreichen Übergabe der Hebraica-Sammlung (1020 Drucke, 174 Manuskripte) des Anwalts H. B. Levy an die Staatsbibliothek ließ sich nicht bestätigen. Vgl. hierzu: Jahrbuch der Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten, Hamburg 1906.

7 Vgl. Braden, Jutta, Das Porträt: August Sutor, in: Maajan. Zeitschrift für jüdische Familienforschung. Organ der Hamburger Gesellschaft für Jüdische Genealogie e.V.; Organ der Schweizerischen Vereinigung für Jüdische Genealogie e.V., Vol. 24, No. 97 (2010), S. 3641- S. 3643. Von der Schrift „Darstellung der Aufnahme der ersten Juden in Hamburg“ ist mittlerweile ein Nachdruck anfertigt und an Freunde des Herausgebers und einige Hamburger Bibliotheken verteilt worden. Erwähnt wurde das Manuskript auch zusammen mit A. Sutors „Darstellung der Aufnahme der ersten Juden in Hamburg“ in: Schwabacher, Isaac S., Geschichte und rechtliche Gestaltung der Portugiesisch-Jüdischen und der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, Berlin 1914 (Diss. Jur.).

8 Es handelt sich um Exzerpte aus „Acta“ der Verhandlungen zwischen Rat und Bürgerschaft vom 8. u. 9. 12. 1603, [3.] 5. 1604, 4. 5. 1604, 26.10. 1605, 15.6. 1606, 18.7. 1606, 27.7. 1609, 16. 8. 1610, 17.8. 1610, 7.11. 1611, 28. u. 29.1. 1619, 12. 2. 1623, 14.8. 1644, 16.8. 1648, 8.11.1648, 19.9. 1655.

9 Vgl. hierzu die Beiträge in: Martens, G., Zeller, H. (Hg.), Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation, München 1971 sowie die „Empfehlungen zur Edition frühneuzeitlicher Texte“, in: Jahrbuch der historischen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland, hg. von der Arbeitsgemeinschaft Historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland, Jg.6., München 1980, S. 85 – S. 95.

10 Speziell diese Blätter zu entziffern, war oftmals schwierig. Hier halfen Dieter Jürgensen bei einzelnen Wörtern und der Altphilologe Joseph Glagla bei dem gesamten Text. Letzterem ist besonders zu danken; denn ohne dessen Zureden wären jene Anhänge, die nicht unmittelbar zum Manuskript „Hamburg und die Juden“ gehören, hier wohl nicht abgedruckt worden.

II Zur Biographie und Persönlichkeit August Sutors

Als August Sutor 1838 seinen Text erarbeitete, kannte er die Lebensverhältnisse der Juden in Hamburg aus langjähriger unmittelbarer Anschauung.11 Der am 17. Mai 1812 geborene Junge wuchs er in der Hansestadt auf und ging dort auch zur Schule. Sein Vater, Joachim M. C. Sutor, verdiente den Lebensunterhalt der Familie als „Geldwechsler“. Diese Berufsbezeichnung meint hier eine Art Makler, deren Tätigkeit in einer Handelsstadt „ungemein nützlich, ja fast unentbehrlich“ war. Jedenfalls betrieb er keine Wechselstube, in der kleinere Beträge einer Münzsorte gegen eine andere getauscht wurden.12 Deshalb ist davon auszugehen, dass der Vater ebenso wie der Sohn - nach Beendigung seiner Schulzeit – häufig geschäftlich auch mit jüdischen „Geldwechslern“ zu tun hatte; denn A. Sutor arbeitete nach Beendigung der Schulzeit im Geschäft des Vaters. In seinem 18. Lebensjahr hatte A. Sutor nach Besuch des „Johanneums“ und des „Akademischen Gymnasiums“ die Hochschulreife erworben. Über das geistige Klima der Schule lassen sich keine eindeutigen Aussagen treffen. Dort hatte einerseits der Rektor J. Gurlitt gewirkt, der sich für eine Öffnung dieser Einrichtung für jüdische Jungen und allgemein für Humanität und Emanzipation engagierte, andererseits unterrichtete dort auch jener Dr. E. Meyer, der bei einer öffentlichen Kritik an L. Börne Formulierungen gebrauchte, die von deutlichen Vorbehalten gegen Juden im Allgemeinen zeugten.13

Über Meyer schrieb Emil Lehmann (geb. 1823), einer seiner ehemaligen Schüler, dieser „durch seinen Streit mit L. Börne auch in weiteren Kreisen“ bekannt gewordene aber sonst gutmütige, schwache Mann, wäre kein anregender Pädagoge gewesen.14

E. Lehmann Erinnerungen an die Schulzeit auf dem Johanneum sind deshalb von Bedeutung, weil sie einerseits zeigen, dass er Mitschüler jüdischer Herkunft als „Unterdrückte“ empfand und sich ihrer deswegen gezielt annahm, in ihnen aber stets „Juden“ sah. Über einen der von ihm in diesem Zusammenhang erwähnten Mitschüler schrieb er, dieser wäre von den „übrigen Mitschülern schlecht behandelt“ worden. Jener erregte sein Mitleid. Deshalb habe er sich dieses Jungen erfolgreich angenommen. Von einem anderen betroffenen Mitschüler berichtete er, dieser „litt unter dem Druck der Verhältnisse“, dessen „Judenthum“ habe jenen zum ständigen „Jammer“ veranlasst und an einer freien Entfaltung gehemmt.15

E. Lehmann trat auch später noch für die Juden ein. Er übersetzte deshalb z. B. gezielt die für deren Integration werbende Schrift eines Briten über die Juden und ihre Gegner ins Deutsche und äußerte sich enttäuscht, als der Text in Deutschland nur geringe Resonanz fand.16 Ob auch A. Sutor beim Besuch des Johanneums eine entwürdigende Behandlung jüdischer Mitschüler wahrnahm, ist nicht bekannt. Die Ausführungen E. Lehmanns lassen jedoch vermuten, dass dies Problem für A. Sutor bereits hier eine Rolle gespielt haben könnte.17

Wohl bereits während seiner Schulzeit empfand er Mitleid mit den „armen Israeliten“. Als Beweggründe seines Engagements nannte er in der Einleitung seines Textes „Hamburg und die Juden“ Wut und Trauer über die Behandlung unterdrückter, „verstoßener Menschen“, zumal er das über diese verbreitete „schlimme Urtheil“ als falsch empfand. Zu einer solchen Stellungnahme fühlte er sich berechtigt, da er „viele“ jüdische Menschen kennengelernt und sie einer „genaueren Beobachtung“ gewürdigt hätte. Die gegen die Juden gerichteten Tumulte und Ausschreitungen der Jahres 1830 und 1835 wird A. Sutor bewusst selbst miterlebt oder an seinem Studienort verfolgt haben. Ab wann er sich gezielt mit auch allgemeinen Fragen der Emanzipation bzw. der Unterdrückung der Juden beschäftigte und eine öffentliche Stellungnahme plante, lässt sich nicht sagen. Jedenfalls befasste er sich bereits als Student mit der Thematik. 18

In seinen Ansichten über Religion sah sich A. Sutor in Übereinstimmung mit Lessing und der Aufklärung. Lehren, Vorschriften, Rituale und Ansichten einzelner Religionen lehnte er für sich ab. Die Grundlehre aller großen Religionen, dass ein allwissender Gott „Schöpfer der Welt…[und] Erhalter des Ganzen, so wie der Theile“ wäre, sei nachvollziehbar. Den Glauben jedoch, Gott würde nur die Gebete der Anhänger einer Religion mit „Wohlgefallen“ hören, sah er als mehr denn unsinnig an: „In der That, bei einigem Nachdenken sollte man auf die Idee kommen, als habe [ein solcher Glaube] seinen Ursprung in dem Hirnkasten eines Verrückten gehabt!“ Zu allen Zeiten und in allen Religionen hätten „Pfaffen“ Abscheu gegen „Anders-glaubende“ gepredigt. Das entspräche aber nicht Gottes Willen, sonst hätte er diese als Ketzer längst mit „Donner und Blitz… [oder] Sturm und Flut“ vertilgt. Die einzelnen Religionen, deren Gemeinschaften und Vorschriften wären für jene vorteilhaft, „die nicht zum selbständigen Denken fähig wären“ und sich nicht „selbst eine Religion… bilden“ könnten.19

Nach dem Schulabschluss begann A. Sutor zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann, entschloss sich dann aber zum Jurastudium. Dieses absolvierte er an den Universitäten Berlin und Göttingen. Im Jahr 1837 promovierte er (wohl) in Göttingen. Anschließend praktizierte er als „Advocat“ in Hamburg. Bereits während seiner Universitätsjahre studierte er Streitschriften und Darstellungen über die „Kämpfe für das unterdrückte Volk“ der Juden in verschiedenen deutschen Staaten.20

Nach Beendigung des Studiums und der Rückkehr in die Heimatstadt hielt A. Sutor es für seine „Pflicht“, sich insbesondere mit den Lebensverhältnissen der „Israeliten“ in der „freien Stadt“ Hamburg zu beschäftigen. Dabei ging er systematisch vor. Zuerst erarbeitete er eine „Darstellung der Aufnahme der ersten Juden in Hamburg“ (48 S.), die 1838 im Druck erschien. Am Ende des gleichen Jahres schloss er sein Manuskript „Hamburg und die Juden“ ab. Damit wollte er nicht nur allgemein für die Befreiung der Israeliten von den „Fesseln des Druckes und der Verachtung in Hamburg“ wirken. Er sah ganz klar, dass dieses Ziel in der Hansestadt nur erreicht werden könnte, wenn die gesetzgebende „Bürgerschaft zumindest zum größten Theile… im voraus von der Unrechtmäßigkeit des gegenwärtigen Zustandes überzeugt“ worden wäre. Seine Zielsetzung bestand deshalb in einer entsprechenden Beeinflussung der öffentlichen Meinung in der Stadt: „Ohne dies schien mir ein Sieg des Rechts und der Wahrheit fast unmöglich.“

Offene Unterstützung erhielt er bei seiner Arbeit nicht. Er erwähnte im Gegenteil eine „zitternde Stimme“ – wohl die der Mutter oder die der späteren Ehefrau Lina Fincke aus Göttingen – die fragte, „Was geht es Dich an?“. Einige Bekannte drückten ihm zumindest „heimlich“ die Hand. Enttäuscht war A. Sutor, weil er von jüdischer Seite weder Unterstützung noch positive Rückmeldungen erhielt. In mehreren Gesprächen erlebte er dort Mutlosigkeit und „Abgestumpftheit“: Die Enttäuschungen über vergebliche Bemühungen, ihre politische Gleichberechtigung voran zu bringen, hätten unter den Juden zu „ohnmächtiger Ruhe“ geführt. Hier schoss A. Sutor über das Ziel hinaus.21 Offensichtlich wusste er bei Beginn seiner Arbeit wenig von den Aktivitäten zahlreicher jüdischer Hilfsvereine wie – um nur ein Beispiel zu nennen - z. B. des „Vereins zur Beförderung nützlicher Gewerbe unter den Israeliten“. Beabsichtigt war, langfristig die Zahl der Juden im Bereich Handel zu vermindern. Der Verein engagierte sich, um jüdische Jungen bei christlichen Meistern als Lehrlinge unterzubringen. Probleme bereiteten die „Vorurteile gegen die Aufnahme“ auf christlicher Seite jedoch auch eine durch die „langjährige Ausschließung erzeugte Entwöhnung und Unlust“ auf jüdischer Seite. In zehn Jahren konnten etwa 67 Lehrverträge vermittelt werden. Die Zahl der Bewerber war allerdings fast doppelt so hoch.22

Wenig wahrscheinlich ist zudem, dass A. Sutor bereits zu Beginn seiner Arbeit jene Suppliken kannte, die zuletzt am 27. Januar 1836, am 2. März 1838 und am 7. November 1838 von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde beim Rat der Stadt eingereicht worden waren. Allerdings klagte deren Vorstand in der Supplik vom 7.11. 1838 selbst, ihm würde in der jüdischen Gemeinde „Passivität“ vorgeworfen. Aber der Schein trüge. Wenn er keine spürbaren Fortschritte erreicht habe, liege dies nicht an einem Mangel an Aktivitäten, sondern an der Unnachgiebigkeit der Behörden.23

Damals durften selbst Suppliken an den Rat nicht gleichzeitig im Druck erscheinen. Abschriften werden zwar in einigen Exemplaren im Umlauf gewesen sein, aber Publizität – wenn diese beabsichtigt gewesen wäre - ließ sich so nicht herstellen. Informationen über Aktivitäten der Jüdischen Gemeinde oder von Vereinigungen ihrer Mitglieder erreichten wegen der Zensurverhältnisse, d. h. des Fehlens einer freien Presse und einer ungehinderten Berichterstattung (auch) in Hamburg nur einen geringen Teil der Öffentlichkeit. Das Druckverbot für A. Sutors Schrift zeigt hier ein deutliches Beispiel. Gerade weil Sutor die Aktivitäten der Jüdischen Gemeinde nicht kannte, ist die große Übereinstimmung mit deren Absichten bemerkenswert. Die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde wollten ebenso wie A. Sutor die vom Rat 1814 der Bürgerschaft vorgelegten Argumente für eine Reform der Stellung der Juden bekannt machen. Die Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg.

Mit dem Versuch, das Promemoria und den Reglementsentwurf des Senats für eine rechtliche Besserstellung der Juden aus dem Jahr 1814 drucken zu lassen, war z. B. bereits 1831 ein Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde, M. M. Haarbleicher, an der Zensur gescheitert. Diese Initiative und die Reaktion der Behörde blieben A. Sutor und der Öffentlichkeit allerdings unbekannt. Jedenfalls finden sie außer in M. M. Haarbleichers später veröffentlichten Aufzeichnungen nirgendwo Erwähnung.24

Das gleiche Schicksal erlitt 1835 ein erneuter Versuch, das zur Werbung für die Gleichstellung der Juden wichtige Promemoria zu veröffentlichen. In den hamburgischen Zensurakten ist dazu nur die Zurückweisung der Beschwerde gegen die Verweigerung einer Druckgenehmigung vorhanden. Demnach wollte der Antragsteller und Buchhändler bzw. Drucker G. [L].Fränkel sogar auf die für Juden besonders positiven ersten Passagen des Promemoria aus dem Jahr 1814 verzichten. Aus dem den Zensurakten beiliegenden Probedruck (Gedruckt bei G. [L.] Fränkel, Adolphsplatz No. 9) ist entnehmen, dass an eine kleinformatige Broschüre (8 Seiten) nur mit dem Text des Rats, ohne irgendeinen Kommentar gedacht war. Trotzdem ließen Zensor und die als Beschwerdeinstanz angerufene Zensurkommission einen Druck nicht zu.

Diese Publikationsversuche zeigen, dass A. Sutor treffsicher die gleichen Dokumente als Argumente für seine Bemühungen um die Emanzipation der Hamburger Juden verwenden wollte, wie deren Repräsentanten. Diesen erschien es von „allergrößter Wichtigkeit“, dass allen Bürgern der Stadt der nur von „Wenigen gekannte bedeutungsvolle Umstand kund“ würde, dass der Rat im gegenwärtigen Status der Israeliten ein „offenbares politisches Unrecht“ sah.

Ebenso wie A. Sutor schrieben sie in der Supplik vom 27. Januar 1836, „welches auch der unmittelbare Erfolg der ersten Schritte seyn m[ö]ge, gefördert [würde] die gute Sache jedenfalls werden, durch den ausgesprochenen Willen, durch die an den Tag gelegte Ueberzeugung Eines Hochweisen Rathes.“ Dessen Stellungnahme würde Bewegung in die erstarrten Fronten der Gegner einer Emanzipation bringen, denn ein „absoluter Stillstand“ der Bemühungen um Emanzipation dürfe „nicht eintreten“, und „je mächtige die Vorurtheile [seien]… desto dringender erforderlich [sei] es, daß eine höhere, aus reiner Quelle geschöpfte Einsicht in die Waagschaale gelegt w[ü]rde, desto wichtiger [sei] es, daß von einem höheren das Gemeinwohl mit umfassenden Blick überschauenden Standpunct aus die Ansicht ausgesprochen w[ü]rde, daß die wegzuräumenden Beschränkungen dem wahren Gemeinwohl nicht förderlich [seien], dasselbe vielmehr in mancher Rücksicht benachtheilig[t]en.“

Durch den Druck und eine Veröffentlichung der Ratsproposition von 1814 wäre eine solche öffentliche Stellungnahme problemlos möglich gewesen. Dies erschien dem Rat jedoch als inopportun, und der Zensor half dabei, zumindest in Hamburg eine Publikation des Textes zu verhindern.25

Zur Beurteilung der Arbeit A. Sutors ist es von Bedeutung, dass er zwar die gleichen Ansichten vertrat, wie Vertreter der Jüdischen Gemeinde, ohne aber von diesen beeinflusst worden zu sein. Auch die bereits 1834 zusammen mit einer Supplik dem Rat übergebenen „Denkschrift über die bürgerlichen Verhältnisse der Hamburgischen Israeliten zur Unterstützung der von denselben an Einen Hochedlen und Hochweisen Rath übergebenen Supplik“ (Hamburg 1834) trug nicht zu A. Sutors Arbeit bei.

Die Wirkung dieser in der Fachliteratur zur Judenemanzipation oft hervorgehobenen Arbeit veranschlagte er 1838 zunächst als gering. Er bezeichnete sie spontan als „kleine“ Schrift. 26Erst später änderte er sein Urteil. Die „Denkschrift“ war nicht im Buchhandel erschienen, sondern in gedruckter Form zunächst an einen kleinen Kreis von politischen Funktionsträgern in Hamburg verteilt worden. Verfasser war Gabriel Riesser, der bekannteste und bedeutendste Streiter für die Emanzipation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da die Denkschrift ein Teil der Supplik eines größeren Komitees war, tauchte Riessers Name als Verfasser allerdings nicht auf. Dies war A. Sutor bekannt, der allerdings zu Beginn seiner Arbeit an „Hamburg und die Juden“ selbst noch kein Exemplar der - wie er dann später einräumte - „höchst sachgemäß abgefaßte[n] Schrift“ besaß.27 A. Sutor schrieb, er habe „vernommen“, dass die Supplik und deren Anliegen im Rat 1834 durchaus positiv gewirkt hätten und Gesetzesinitiativen zur Verbesserung der Lage der Juden nur wegen der Juden-Tumulte im folgenden Jahr (1835), „angezettelt von irgendeinem Nichtdenkenden, fortgesetzt von der Hefe des Volkes des Volkes und verachtet von den Besseren“ aufgeschoben worden wären.

Im Konvolut der in der Staatsbibliothek erhaltenen Manuskripte A. Sutors befindet sich eine größtenteils chronologisch geordnete, aber unvollständige Liste mit ihm bekannten Schriften zur Judenemanzipation. In dieser Aufstellung vermerkte er u. a., welche der aufgeführten, meist zwischen 1816 und 1838 erschienenen Schriften er „gesehen“, „angeführt gefunden“ oder gelesen hatte und welche in seiner eigenen Bibliothek vorhanden waren.

Ein erheblicher Teil der genutzten Publikationen war neueren Datums, d.h. in Jahren 1837 und 1838 erschienen. Ein Vergleich mit den im Katalog der Hamburger Commerz-Bibliothek 1841 verzeichneten bis 1838 gedruckten Schriften zur „Juden-Emancipation“ zeigt, wie vergleichsweise umfassend A. Sutor Literatur beschaffte und sich über die Argumente für und gegen eine Gleichberechtigung der „Israeliten“ informierte. Hinsichtlich seines Bestandes musste er einen Vergleich mit der öffentlichen Bücherei nicht scheuen. Auffällig ist dabei, wie genau er auch Texte der Gegner einer Emanzipation zur Kenntnis nahm und diese für seine Bibliothek anschaffte.28

Anders als die jüdischen Supplikanten in den vorhergehenden Jahren beabsichtigte Sutor 1838 mit seinen Veröffentlichungen nicht, den Rat zu beeinflussen; von dessen gutem Willen in Fragen der Emanzipation ging er ohnehin aus. Hier zeigt sich ein gewisser politischer Optimismus A. Sutors. Die Ratsherren beurteilte er insbesondere auf der Grundlage der in seiner Schrift ausdrücklich gewürdigten Ratsproposition des Jahres 1814 generell als reformwillig. Hinsichtlich der zur Abstimmung in der „Bürgerschaft“ berechtigten Hamburger bestand nach seiner Überzeugung die Möglichkeit, einen Gesinnungswandel herbeizuführen. Die Bürgervertreter sollten durch die Verbreitung aufklärerischer Schriften und durch die Vermittlung von mehr Kenntnissen über die Juden zumindest auf längere Sicht für eine Befürwortung von Reformen gewonnen werden. Ihm war dabei durchaus bewusst, wie langwierig dieser Prozess sein könnte und dass seine Schrift nur ein Beitrag neben anderen sein würde. Zur Veranschaulichung seiner Auffassung verwendete er die Metapher von der Trockenlegung eines Sumpfes: Selbst wenn zu vermuten wäre, dass die Arbeit „erst nach großen Anstrengungen und vielleicht erst sehr spät“ ihren Zweck erfüllen könnte, sei das Werk nicht vergebens. Kontinuierliche Bemühungen angesehener Männer würden letztlich Erfolg haben und den „Wunsch der Judenschaft realisi[eren]“.29

Unterschiedliche Einstellungen und Haltungen verschiedener sozialer Schichten in der hamburgischen Bevölkerung hinsichtlich einer Beurteilung und Behandlung der Juden benannte A. Sutor, ohne diese detailliert darzustellen. Nur auf den „Pöbel“ ging er näher ein und erwähnte dessen „herzzerreißende Späße“. Dazu zitierte er Klopstocks Verse aus dessen „Ode an den Kaiser“ (1782): „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Canaan´s Volk entmenscht?“ In der Unterschicht sah er keinerlei religiöse Antriebe für deren „Straßenbengelei“, sondern allenfalls „verdummten Brotneid“. Ausbrüche dunkler Energien eines gegen die Vernunft selbst losbrechenden Populismus und Pöbels erschienen ihm beherrschbar.30

Da A. Sutor als junger Anwalt nach Einrichtung einer Kanzlei sicherlich erst nach und nach einen Stamm von Klienten aufbaute, verfügte er 1838 wohl über hinreichend freie Zeit für eine vertiefte Beschäftigung mit Fragen und Problemen der Emanzipation. Ihm wird dabei bewusst gewesen sein, dass sein Engagement in diesem Bereich für einen beruflichen Erfolg kaum vorteilhaft sein konnte.

1841 heiratete A. Sutor, deshalb ist davon auszugehen, dass er zu diesem Zeitpunkt beruflich hinreichend etabliert war, um eine Familie zu ernähren.

Augenscheinlich erwarb sich Sutor nach seiner Niederlassung als „Advocat“ in der Öffentlichkeit einen guten Ruf. Jedenfalls kandidierte er während der Revolution 1848, ohne fest mit einem Klub verbunden zu sein, erfolgreich im Wahlkreis St. Pauli für die „Constituante“, die eine Verfassung für Hamburg ausarbeitete.31

Öffentlich hervorgetreten war A. Sutor bereits nach dem Hamburger Brand von 1842. In mehreren politischen Schriften zeigte er sich anlässlich der Debatte um die Konsequenzen dieses Unglücks als besonnener Reformer. In „Briefe an Hamburg. Geschrieben im Mai 1842“ (Hamburg 1842) beklagte er das durch die Brandkatastrophe dieses Jahres hervorgerufene große Unglück vieler Menschen, rief aber zugleich dazu auf, den Mut nicht sinken zu lassen. Er verwies eindringlich darauf, dass durch den Brand nur „der sechste Teil des Gesammtvermögens“ der Stadt vernichtet worden sei: „Dabei aber ist unser Handel und unsere Schiffahrt ungestört, wenn wir selbst sie nur nicht hemmen. Wie ein Zeichen des Himmels erschien es, daß während des Brandes 200 Schiffe in unsern Hafen einliefen.“

A. Sutor meinte, nach Beseitigung der gröbsten Not müsse vor allem dem Mittelstand geholfen werden. Dieser benötige Kredite und Bürgschaften, um seine Gewerbe wieder in Gang bringen zu können. Der Tagelöhner bedürfe keiner Hilfe mehr, er habe bereits Betten, Kleidung und Brot erhalten. Das Geld für den Wiederaufbau der verbrannten Teile der Stadt sollte nicht durch eine Erhöhung von Akzise, Stempelsteuer und Zoll beschafft werden. Wichtig war ihm der Grundsatz: „Wir dürfen unseren Handel nicht mehr belasten!“32

Gesellschaftspolitisch positionierte A. Sutor sich zwar kritisch, er sah aber keine realistische Möglichkeit einen auch in Hamburg herrschenden „Geldadel“ zu entmachten. Ein anderes „nothwendiges Übel“ sah er in der Armut, die sich nicht beseitigen ließe. Deshalb galt für ihn als ausgemacht: „Es wird immer ein Oben und Unten geben und das Oben wird über das Unten gewissermaßen herrschen.“ Diese faktischen Herrschaftsverhältnisse wären „vernünftigerweise“ zu dulden, sie dürften jedoch nicht rechtlich sanktioniert werden. Grundsätzlich zeigte A. Sutor sogar Verständnis für das nach dem Rezess von 1712 in Hamburg geltende von „Grundbesitz und Vermögen“ abhängige Stimmrecht „bei Berathung allgemeiner Angelegenheiten,… da man eben von de[m] Wohlhabenden ein überlegtes Votum zu erwarten hat, weil das Interesse des Staates genauer mit dem seinigen verknüpft ist.“ Für eine unterschiedliche Behandlung der Israeliten sollte dies aber ausdrücklich nicht als Vorwand oder Argument herangezogen werden.33

Wegen dieser Positionen läge es nahe, A. Sutor als Liberalen zu bezeichnen. Da eine solche Etikettierung jedoch leicht zu einer vorschnellen Einschränkung bei der differenzierten Wahrnehmung von Personen führen kann, wird eine solche Zuordnung hier vermieden.34

Festgehalten werden kann jedoch, dass er kein Demokrat war. Indirekt zeigt sich dies auch an der von ihm gewählten Textart für sein Projekt „Hamburg und die Juden.“ Mit seinen Schriften über die Juden richtete sich A. Sutor an begrenzte Teile der Öffentlichkeit, an Leser in jenen Schichten, die am intellektuellen Dialog über Probleme der Stadt Hamburg teilnahmen. Die Mehrheit der Einwohner Hamburgs kaufte und las keine aufklärenden Schriften. Um beim Werben für eine Emanzipation der Juden eine Breitenwirkung zu erzielen, um die Masse der Bevölkerung zu erreichen, bedurfte es literarischer Produkte wie sie Hamburger Demokraten ab 1848 z. B. in der Zeitung „Reform“ darboten. Beispielhaft ist die im Anhang abgedruckte mitleiderregende Kurzgeschichte über eine leidgeprüfte Jüdin.

Ein anderes Medium mit dem breite Kreise erreicht werden konnten, war das Theater. Auch hier gab es in Hamburg durchaus nennenswerte Versuche, das Schicksal der Juden zu Sprache zu bringen und Mitleid mit ihrem Schicksal zu erregen.35

Im Hinblick auf A. Sutors politische Orientierung ist insbesondere dessen 1842 erschienene Schrift „Die Supplik vom 8. Juni 1842 und ihre Bedeutung“ aufschlussreich. Diese machte ihn einer breiten hamburgischen Öffentlichkeit bekannt. Der bekannte Hamburger Jurist H. B. Sloman hielt in einer durchaus kritischen Gegenschrift grundsätzlich fest, deren Lektüre sei „dringend zu empfehlen“: Überall fänden sich „gründlichste Nachforschungen“ sowie selbständiges Denken und die feinsten Vorschläge zu einer Reform, die jetzt „unmöglich länger verzögert werden“ dürfe.36

Die von A. Sutor erläuterte „Supplik“ war von der „Patriotischen Gesellschaft“ angeregt, von etwa 500 „respectablen“ Personen unterzeichnet und dann dem Rat übergeben worden.37

In seinem Kommentar dieser „Supplik“ ging A. Sutor ähnlich vor wie 1838 bei seiner Arbeit „Hamburg und die Juden“. In dieser hatte er die Vorschläge des Rats aus dem Jahr 1814 für ein neues Reglement der Juden veröffentlicht und zum Ausgangspunkt seiner Darlegungen gemacht. Zur Unterstützung und Kommentierung der „Supplik vom 8. Juni 1842“ druckte er „Postulate“ einer nach der „Franzosenzeit“ von der Bürgerschaft gewählten Reformdeputation aus dem Jahre 1814 vollständig ab und nutzte diese anschließend als Grundlage für die Entfaltung seiner Argumente im Hinblick auf allgemeine Reformen in der Stadt.

Zusätzlich zu den „Postulaten“ der Bürgerschaft vom 1814 enthielt seine Schrift auch den Text der „Supplik“ der „Patriotischen Gesellschaft“ vom 8. Juni 1842 an den Rat. In Bezug auf die Juden war 1814 in den „Postulaten“ gefordert worden, dass diese zwar das für die Ausübung von Gewerben und den Erwerb von Immobilien wichtige Bürgerrecht „ aber keinen Anteil an der Regierung und Verwaltung“ erhalten sollten. Auch dürfte nur eine „beschränkte Zahl“ zu den Versammlungen der „Bürgerschaft“ als politischem Abstimmungsorgan zugelassen werden.

Die 1842 vom gehobenen Bürgertum geförderte Supplik erwähnte die Juden gar nicht. Sie ersuchte den Rat (Damals hieß es: „Magnifici, Hoch- und Wohlweise, Wohlgeborene, Hochgelahrte, Hochzuverehrende Herren!“) nur allgemein um eine Veränderung des Wahlmodus der Mitglieder der bürgerlichen Kollegien, Reformen in der Verwaltung sowie eine Trennung von Justiz und Verwaltung.

Sutor rechtfertigte seine gesonderte Veröffentlichung zur Unterstützung dieser „Supplik“ formal mit dem Hinweis auf zahlreiche Schriften und Artikel, die nach dem Brand „auf eine empörende Weise die Reformfrage in Hamburg behandelt“ hätten. In Kommentaren wäre „Spott mit den Bestrebungen der Bürger getrieben, weil ruhig und besonnen zu Werke gegangen, weil gesprochen und nicht geschrien ist.“ Um solche Lästerungen zu unterbinden, rief A. Sutor, dem erst vier Jahre zuvor die Veröffentlichung einer Schrift untersagt worden war, zumindest für diese Publikationen nach der Obrigkeit: „Unbegreiflich ist von den auswärtigen Regierungen, daß sie solche Aufsätze die Censur passiren ließen. Wenn ein Hamburger Blatt es wagen wollte über preußische Zustände ähnliche Artikel aufzunehmen, die Preußische Regierung würde dabei sich nicht beruhigen.“ Grundsätzlich bemerkte er nun zur Zensur, der er fünf Seiten seiner Schrift widmete: „in den richtigen Schranken ist sie nützlich“. Die allgemeine Forderung der Pressefreiheit und die Verdammung der Zensur in der Gesellschaft erklärte Sutor durch die Tatsache, dass Regierungen ihre „polizeiliche Gewalt gemißbraucht und nicht allein das Gemeinschädliche… sondern auch das Mißfällige“ unterdrückt hätten. Würde Pressefreiheit eingeräumt, müssten zugleich klare Gesetze und ein „strenges Gericht“ vorhanden sein. Nur eine entschiedene Rechtsprechung vernichte ein „auf dem Boden der Freiheit wuchernde[s] Unkraut.“ Der „Segen des wahren, offenen, freien Wortes“ könne sich nur dann entfalten, wenn der „Fluch des frechen, schamlosen, lügnerischen Wortes unwirksam“ gemacht worden sei. Diese Position überrascht. Hatte doch Sutor selbst unter der hamburgischen Zensur gelitten. 1838 verhinderte der Hamburger Zensor seine geplante Publikation „Hamburg und Juden“. Vier Jahre danach verwies Sutor nun auf den Nutzen einer „strengen“ Zensur, wenn sie die Jugend vor dem „wucherischen Unkraut von Büchern und Schriften“ schütze, die „Unsittlichkeit und Irreligiosität“ zu verbreiten drohten. Dabei verschwieg er allerdings nicht, wie die hamburgische „Censur… oft dem Fortschritte in den Weg getreten“ wäre und die städtische Presse erst seit dem Brand 1842 „manchen dunklen Punkt unserer Verfassung und Verwaltung“ und den „Schmutz, der sich angehäuft hatte“, beleuchten könne. Eine zu erwartende grundsätzliche Kritik der Zensur äußerte er nicht.38

Wenn Sutor sich auch scharf gegen eine radikale Kritik der Hamburger Verhältnisse aussprach, scheute er sich doch nicht, „eine Reihe von Mängeln“ in der hamburgischen Verfassung und Verwaltung aufzuzeigen. Er wandte sich nach dem Brand gegen einen bloßen Wiederaufbau, eine Restauration, sondern plädierte dafür, die Situation als Chance gleichermaßen für den Neuaufbau der zerstörten Stadtteile sowie für eine Reform von Verfassung und Administration zu nutzen. Dabei sei aber so vorzugehen, „daß die innere Ruhe unseres kleinen Freistaates keine Gefahr leide.“39

„Ein dunkles Gefühl im Publikum, daß Manches anders sein sollte“, hielt er als Grundlage politischen Handelns für gefährlich: „Es leitet auf Abwege; es führt zur Revolution.“ Diese Einstellung hätte 1842 eine entschiedene und deutliche Stellungnahme A. Sutors zur Judenemanzipation im Zusammenhang mit der Situation nach dem katastrophalen Brand der Stadt nicht behindert. Gemessen an dem Engagement, welches er nur vier Jahre zuvor in dieser Angelegenheit entwickelt hatte, erscheinen seine diesbezüglichen Ausführungen nun anderen Themen deutlich nachgeordnet. Ihrer Bedeutung durchaus angemessen behandelte er zunächst politische Fragen wie die Wahl der Mitglieder aller „Kollegien“ durch die Bürgerschaft unabhängig von der Kirchenorganisation sowie eine frühzeitige Bekanntmachung von Anträgen und Gesetzesinitiativen seitens des Rats. Ausführlich erläuterte er Vorschläge zur Reform des Gerichtswesens sowie der Strafjustiz und beklagte den „Haß“ vieler Hamburger auf die Polizei.

In der Schrift ist dann dreimal mehr über ein Verbot des Lotteriewesens und „öffentliche Mädchen“ im Bereich der Damthorstraße [!] und des Gänsemarktes zu lesen als über die durch Ungerechtigkeiten verursachte elende Lage vieler Juden in der Stadt. Das ist überraschend. Anders als es zu erwarten gewesen wäre, widmete A. Sutor diesem Problem nur eine der über hundert Seiten seiner Publikation. Er skizzierte in knappster Form jene Position, die er bereits 1838 in seinem von der Zensur unterdrückten Text „Hamburg und die Juden“ dargelegt hatte. Zunächst verwies er auf die Gleichstellung während der Franzosenzeit, die tadellose Haltung der Juden „im Freiheitskampfe“ gegen die napoleonische Unterdrückung. Auf „alle die tausend Gründe, die in Nord und Süd geltend gemacht sind, ihre Emancipation herbeizuführen,“ ging er jedoch nicht ein, verwies aber lobend auf die Senatsproposition von 1814, die, „wenn wir sie auch nicht in allen Stücken billigen, zumal da, wo sie eine Classification der Juden vorschlagen, doch hätte angenommen werden müssen.“40

Deren Ablehnung durch die Bürgerschaft kritisierte er als „engherzig“ und bedauerte, dass seither keine Versuche unternommen worden wären, die damals selbst seitens des Rates offen benannten Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Ob er meinte, die Einstellungen der Bürger im Hinblick auf eine Gleichberechtigung der Juden hätten sich seither zum Positiven geändert, lässt sich aus den wenigen Zeilen nicht erschließen. Seine entsprechende Formulierung klingt nicht so, als wäre er davon überzeugt gewesen: „Die Ansicht der Bürger muß und wird sich geändert haben.“ Falls diese bei den Juden den „Mahnungen der Humanität“ nicht folgten, sollten sie sich nicht beschweren, wenn auch ihnen genehme Reformen ausblieben. Auch vom Willen des Rats, Regelungen zu einer wirklichen Emanzipation der Juden durchzusetzen, scheint A. Sutor nicht (mehr) völlig überzeugt gewesen zu sein. Hier hoffte er: „die Ansicht des Senats wird will `s Gott noch dieselbe sein“ wie 1814.

Eine Bewertung der Position A. Sutors zu allgemeinen Reformfragen kann hier nur angedeutet werden. Sie ließe sich durch einen im Folgenden angedeuteten Vergleich mit Stellungnahmen anderer Hanseaten versuchen, die aber wegen der Zensur nicht in Hamburg publiziert werden konnten.

Die „Rheinische Zeitung“ (Köln) vom 23.6.1842 (Beiblatt S. 1) brachte z. B. einen – offensichtlich aus der Hansestadt - eingesandten Artikel über die „Reformfrage in Hamburg“. Zwei Monate später folgte im gleichen Blatt eine direkte und scharfe Kritik explizit an A. Sutors Publikation. Beide Artikel werden hier nacheinander behandelt.

Der Autor des ersten Textes, der „Reformfrage“, formulierte, nach dem großen Brand wäre in Hamburg die Aufregung in „allen Klassen gleich groß“ gewesen. Die Bürger hätten nach einer Reform der in „Haupt und Gliedern… veraltete[n], verrottete[n] Verfassungs- und Verwaltungs-Zustände“ verlangt. Eine klare Bestimmung, eine Klärung der politischen Interessen, die über „das dunkle Verlangen nach einer Veränderung der… bisherigen…öffentlichen Verhältnisse“ hinausginge, habe sich jedoch bisher in Hamburg wegen der Zensur noch nicht ausbilden können. Diese verhindere seit jeher „jede freimüthige Diskussion über einheimische Verfassungs- und Verwaltungszustände“.

Die Kritik an der von A. Sutor unterstützten und verteidigten Supplik des Jahres 1842 lautete, deren Veröffentlichung stelle eine Scheinaktivität dar. Die Autoren und Unterstützer (wie A. Sutor) hätten „ geschickt und wohlbedacht die allgemeine Aufmerksamkeit auf Nebendinge und Kleinigkeiten geleitet“ und so das Entstehen einer politischen Bewegung absichtlich verhindert. Wichtig und zukunftsweisend wäre es gewesen, die Selbstergänzung des aus Kaufleuten und Advokaten bestehenden Rats und die an der Spitze der Stadt herrschende Vetternwirtschaft anzuprangern und möglichst zu ändern. Es habe an Mut und dem Willen gefehlt, dieses Problem zu thematisieren und zudem eine Änderung der sozial einseitigen Zusammensetzung der im Rathaus stimmberechtigten „Bürgerschaft“ zu fordern.41

Der anonyme Hamburger Autor stellte noch mehr klare Forderungen auf. Notwendig wäre es gewesen, ein Stimmrecht für alle Bewohner der Stadt und des Landgebiets zu erstreiten. Die „Supplik“ der „Patriotischen Gesellschaft“ verkünde hingegen ausdrücklich, sie wolle an der bestehenden über 100 Jahre alten Verfassung nichts ändern. Dies bedeute u. a., dass in der „Bürgerschaft“ weiterhin nicht im Plenum, sondern nach Kirchspielen abgestimmt würde. Das benachteilige die Mehrheit der Hamburger benachteiligt, die in zwei bevölkerungsstarken Stadtteilen lebe. In den anderen drei Kirchspielen wohnten insgesamt weniger, dafür aber wohlhabendere Bürger. Zudem bliebe das Recht der Initiative für Gesetzesvorschläge faktisch allein beim Rat, außerdem würden Abstimmungen weiterhin ohne eigentliche Diskussion und vorherige Veröffentlichung und Bekanntmachung der Senatsanträge erfolgen.

Der Autor des hier wiedergegebenen „Eingesandt“ in der „Rheinischen Zeitung“ verwies auch auf das Fehlen von Aussagen über die Judenemanzipation in der „Supplik“ der „Patriotischen Gesellschaft“. Alles dies zeige einmal mehr: „Es ist ein Unterschied zwischen liberalem Schwatzen und liberalem Handeln; auf liberale Thaten nicht auf liberale Worte kommt es an.“ Zur Situation der in Hamburg Juden führte der Anonymus aus: „Den Juden wurden die unter der französischen Regierung erlangten Rechte in den freien Hansestädten nach ihrer Wiederherstellung auf eine solche Weise entrissen, daß sogar der preußische Staatskanzler Fürst Hardenberg sich energisch aber vergeblich für sie bei den Senaten der freien Städte verwandte. Sie wurden auch in Hamburg in den ehemaligen Rechtszustand zurückversetzt, dabei aber zu manchen bürgerlichen Lasten, von denen sie früher befreiet, mit herangezogen: ihre Pflichten wurden vergrößert, ihre Rechte wurden verringert. Von Zünften und Handwerken, wie von der Advokatur ausgeschlossen, sind sie auf den Handel, auf Schacher und Wucher angewiesen, mit ihren Wohnungen eigentlich auf die Neustadt beschränkt.“

Hier gab es inhaltlich eine deutliche Übereinstimmung mit A. Sutors Positionen in dessen 1838 unterdrückte Schrift, die dem Kritiker aber nicht bekannt sein konnte. Die Einwände in der „Rheinischen Zeitung“ zeigen jedoch, dass Sutor mit seinen Ansichten zur Emanzipation durchaus nicht allein stand, aber Zensur und Vereinsgesetze eine organisierte öffentlichkeitswirksame Aufklärungsarbeit verhindert hatten.

In der „Rheinischen Zeitung“ erschien 1842 noch ein zweiter Artikel über die Reformfrage in Hamburg.42 Er ist hier ebenfalls zu behandeln; denn er formulierte gezielt eine scharfe Kritik an A. Sutors Schrift „Die Supplik vom 8. Juni 1842 und ihre Bedeutung“. Der anonyme Verfasser bezeichnete Sutor als „Repräsentant der Hamburger politischen Bildung“. Gemeint war damit ein ungenügendes Niveau an politischem Verstand. Als typischem Hanseaten mangele es Sutor „an Konsequenz… im Denken“. Er und seinesgleichen fühlten nicht, dass „Wahrheit nicht in einen Complimentsballen“ gehüllt werden dürfe. Der Hamburger „als ehrbarer Spießbürger hält… vor allem auf Ruhe, Anstand, Sitte, Höflichkeit, wie Mama ihn gelehrt.“ August Sutor meine und schreibe, „der Staat sei eine große Familie“. Eine solche Grundposition führe in die falsche Richtung: „Der Staat ist grade das Gegentheil der auf das Haus angewiesenen Familie, des Privatlebens, denn der Staat, der vernünftige Staat ist eben das öffentliche Wesen, das öffentliche Leben freier Menschen.“ (Sutor hatte formuliert: „Die Angehörigen eines Staates bilden gleichsam eine große Familie und wenn sich Uebelstände in derselben zeigen, so spricht man unter sich offen und ruhig darüber, aber man geht nicht auf den Markt hinaus, und verunglimpft das Haus.“) Entschiedene Auseinandersetzung gehöre zum Wesen des Staates, sonst drohten „innere Fäulnis“ und „Versumpfung“. Der schärfste Angriff des anonymen Autors richtete sich jedoch gegen A. Sutors Bemerkungen zur Zensur. Der Vorwurf lautete, dieser „Denunciant“ schreibe, er würde nur notgedrungen für die Pressefreiheit plädieren, „weil wir der Censur ihre Grenzen nicht vorschreiben können, und weil ihr Mißbrauch zu leicht“ wäre. „Preßfreiheit ist ihm [dem A. Sutor] nicht ein unveräußerliches Urrecht freier Menschen, [nicht] nothwendige Folge, der mit uns geborenen Denkfreiheit.“ Eine „zweckmäßige Zwangsjacke“, wie Sutor sie wünsche, gebe es hinsichtlich der öffentlichen Meinung jedoch nicht.

Um eine solche zunächst abstrakte Kritik an A. Sutors Ansichten und Publikationen fundiert beurteilen zu können, müsste genauer untersucht werden, ob dessen Äußerungen feste Überzeugungen verdeutlichten oder auch taktische Rücksichtnahme die Federführung beeinflussten. Möglicherweise sind manche von Sutors Formulierungen damit zu erklären, dass er davon ausging, der Versuch entschiedenere Positionsbestimmungen zu veröffentlichen, würde in Hamburg an der - zwar nach dem Brand deutlich gemilderten aber immer noch bestehenden - Zensur scheitern. Zumindest die eine Bemerkung über die preußische Zensur ließe sich als Hinweis auf diese stets mit zu bedenkende Institution deuten. Vielleicht ging A. Sutor außerdem mit guten Gründen davon aus, radikale politische Parolen und Forderungen könnten in den Kreisen der politisch berechtigten Hamburger Bürger, ohne die eine gesetzliche Reform nicht mögliche wäre, nicht auf positive Resonanz hoffen. Wem es in Hamburg darauf ankam, Reformen zumindest in Gang zu bringen – und seien sie auch kleinschrittig – musste womöglich Kompromisse machen und Abstriche an eigenen Plänen, Vorstellungen und Wünschen vornehmen.

Die „Rheinische Zeitung“ gab selbst ein Beispiel, was mit solchen Organen der öffentlichen Meinung geschah, die bei der Obrigkeit Anstoß erregten. Bereits am 19. Januar 1843 beschloss die preußische Regierung deren Ende.

In den Jahren 1842 und 1843 publizierte A. Sutor wahrscheinlich auch in den liberalen „Neuen Hamburgischen Blättern“. Dort finden sich jedenfalls mehrere mit Dr. A. S. gekennzeichnete Artikel. Der Autor widmete sich technischen Aspekten der städtischen Politik. Die Artikel thematisierten insbesondere die Stadtplanung und eine neu anzulegende Wasserversorgung für die Stadt. Über diese Fragen eines Umbaus der Stadt stritten die Bürger zwar auch politisch – aber vor allem wegen der Kosten.

Welche Gründe zur Hinwendung Sutors zu kommunalpolitischen Problemen führten, lässt sich nicht sagen. Es gibt jedenfalls in seinem späteren Wirken keine Hinweise, dass er seine allgemeinpolitischen und humanen Orientierungen aus der Zeit um 1838 wesentlich geändert hätte. Zur Redaktion der als fortschrittlich geltenden „Blätter“ gehörten mehrere bekannte Hamburger Juden wie Gabriel Riesser, mit denen der Autor A. S. demnach nun in Kontakt stand.

Wie A. Sutor sich wenige Jahre später während der auch für die politische Entwicklung Hamburgs wichtigen Revolution von 1848 verhielt, wäre noch genauer zu untersuchen. Nach dem ersten Eindruck trat er während der ersten Monate nach dem März weniger mit Taten als mit Worten hervor. Ihm erschien wohl eine Neugestaltung auf dem Wege der Gesetzgebung beziehungsweise der Erarbeitung einer neuen Verfassung möglich. Öffentlich trat er jedenfalls erst auf, nachdem auf Druck der Bürgerbewegung im August 1848 in der Stadt die Wahl einer „Verfassunggebenden Versammlung“ bereits durchgesetzt war.43 Zu dieser sogenannten „Konstituante“ kandidierte A. Sutor, wie erwähnt, erfolgreich im 8. Wahlbezirk (St. Pauli). In den Debatten trat er u. a. für ein höheres Wahlalter ein. Nach seiner Meinung galt: In jungen Jahren „schwärmt man für das Schöne und Gute, man denkt aber nicht an Politik.“44

Ein Schwerpunkt der Arbeit A. Sutors in der Constituante lag bei der juristischen Erarbeitung von Ausführungsbestimmungen der Verfassung. Hier setzte er sich kenntnisreich für eine Gleichberechtigung der Einwohner der Vorstädte und des Landgebiets ein. Bei der Beratung der Gemeindeverfassungen für die Landgebiete machte A. Sutor eine Bemerkung, die für die Zeit um 1814 hinsichtlich der Haltung der „Bürgerschaft“ formal auch zur Behandlung der Judenemancipation passte: „Der Rat machte nach der französischen Zeit zum Theil sehr liberale Vorschläge. Die Bürgerschaft schlug sie jedoch ab, und so kam es, daß der Senat den Mut verlor, keine Verbesserungsanträge mehr machte und daß der alte Schlendrian blieb.“ Vielleicht waren es solche Erfahrungen mit der „Bürgerschaft“, die ihn vor den Möglichkeiten einer direkten Mitwirkung der Bürger an der Politik zurückschrecken ließen. Jedenfalls plädierte A. Sutor gegen einen Antrag auf Zulassung von Volksbefragungen über verabschiedete Gesetze. Ein blinder Glaube an die Kraft von Argumenten und Rationalität findet sich bei ihm nicht, deshalb ist sein aufklärerisches Engagement für unterdrückte Mitmenschen umso anerkennenswerter.

Beim Wahlrecht wollte Sutor die Rechte von Minderheiten gewahrt wissen. Staat und Verfassung sollten z. b. orthodoxen Juden in zivilrechtlichen Angelegenheiten nicht vorschreiben können, wie sie ihre Sabbatregeln gestalteten. Das Recht des Staates habe nicht über staatsbürgerliche Angelegenheiten hinauszugehen. Diese Position hatte A. Sutor bereits 1838 in seinem Text über „Hamburg und die Juden“ vertreten.

Ein explizites Thematisieren der Belange der unterdrückten und benachteiligten Juden vermieden die Mitglieder der „Constituante“. Probleme der jüdischen Mitbürger sollten zugleich mit der Verkündung der allgemeinen Grund- und Menschenrechte in den Verfassungen für das Deutsche Reich und Hamburg abgehandelt und gelöst sein.

Für eine genaue und ausführliche Untersuchung der Haltung A. Sutors in den Jahren 1848/49 ist hier nicht der geeignete Ort. Festzuhalten ist aber, dass er kein Opportunist war. Als der Hamburger Rat gestützt auf preußische Truppen die Anerkennung der neuen Verfassung verweigerte, schwieg er nicht, sondern erklärte öffentlich, dass: „die Regierung das Gesetz offenbar mißachtet, seitdem sie in ihrem gewaltthätigen Verfahren so weit gegangen, sich Hülfe zu verschaffen aus fremden Landen.“ Die Hamburger wären „seit dem März 1848 unaufhörlich vertröstet“ worden. Der Rat hätte zur Beruhigung „Reformen, in Bezug auf Verwaltung, Justiz, Finanzen“ versprochen, aber der Bürger „hat von dem Allen noch nichts gesehen.“45

Im Sinne A. Sutors wäre hier sicherlich zu ergänzen, dass dies in besonderer Weise für die jüdischen Hamburger galt. Ihnen war mit der neuen Verfassung Gleichberechtigung zugesprochen worden, aber sie erhielten diese zunächst nur formal durch die Grundrechte der Paulskirchen-Verfassung, die in Hamburg allerdings auch nach 1849 in Kraft blieben. Immerhin hatte sich während der Revolutionsmonate etwa durch die Aufstellung jüdischer Kandidaten - und die hohe Zustimmung, die diese bei den Wahlen fanden - gezeigt, dass ihre Akzeptanz in der Bevölkerung in erfreulichem Maße zugenommen hatte. Dies berechtigte zu weiterführenden positiven Erwartungen. Andererseits versuchte bereits 1849 eine „wieder mächtig erstarkende Rückschrittspartei“ im Rat, den Juden den Zugang zu öffentlichen Ämtern zu verwehren, indem sie diese zwar (wie Reformierte u. Katholiken) in das „Verhältnis christlicher nicht lutherischer Bürger eintreten“ ließen, sie aber nicht mit den Lutheranern gleichstellte. Traditionell waren jedoch nur diese ratsfähig. Eine solche „Verhöhnung der Grundrechte“ hat nach der Wahrnehmung des Publizisten Hermann Uhde seinerzeit viele Juden „leidenschaftlich aufgeregt.“ Ein weiteres Indiz für eine Verschleppung von Reformen ist, dass sog. Mischehen erst 1850 und dann nur widerwillig gestattet wurden.46

Über A. Sutors weiteren Lebensweg nach der Revolution ist im Detail bisher wenig bekannt. Die Wahl zum Richter am Handelsgericht im Jahr 1860 verweist auf eine positive gesellschaftliche und berufliche Reputation. Auf dessen Quellenwerk „Die Errichtung des Handels-Gerichts in Hamburg. Zur Erinnerung an den 21. Februar 1816, Hamburg 1866“ ist hier nicht einzugehen. Immerhin belegt diese Schrift einmal mehr, dass A. Sutor auch unbequeme Wahrheiten aussprach. Seinen Hinweis in dem Buch, dass die Erfahrungen der Kaufmannschaft während der Franzosenzeit mit dem vom französischen Gouvernement eingerichteten Commerz-Tribunal ein wichtiger Grund für die Einrichtung eines Handelsgerichts waren, hätte er auch weglassen können, zumal die Erinnerungen an die französische Herrschaft höchst unerfreulich waren. Hier ein Lob auszusprechen, konnte nicht jedermanns Beifall finden, insbesondere weil die Bürgerschaft 1814 nach Abzug der französischen Besatzung die Einrichtung eines solchen Gerichts abgelehnt hatte.47

Am Handelsgericht blieb A. Sutor bis 1871, dann versetzte ihn die Behörde wegen andauernden Krankheitszustandes in den Ruhestand.

11 Vgl. zum Folgenden im vorliegenden Buch das erste Kapitel von A. Sutors Schrift sowie das Lexikon der hamburgischen Schriftsteller bis zur Gegenwart, 7. Bd., Hamburg (1879), S. 357 f.

12 „Geldwechsler“ vermittelten Wechsel- und Kreditgeschäfte. Eine solche Tätigkeit erforderte den täglichen Besuch der Börse, um sich z. B. über Wechselkurse zu informieren. Vgl. hierzu: Krünitz. J. G., Ökonomisch-technologische Encyklopädie, 83. Th., Berlin 1801, S. 55 ff. und allgemeiner zum komplexen Geldwesen der Zeit: Klüber, J. L., Das Münzwesen in Teutschland nach seinem jetzigen Zustand mit Grundzügen zu einem Münzverein, Stuttgart 1828, S. 222 f.

13 Zu dem Rektor vgl. etwa Gurlitt, J., Über das Bürgerrecht der Juden (1805), in: J. Gurlitt`s Hamburgische Schulschriften. Hg. von C. Müller, Magdeburg 1829, S. 385 ff. und zum frühen (kritischen) Echo auf dessen Ansichten und humanitäres Engagement die Artikel in der Zeitschrift „Hamburg und Altona“, 4. Jg., 10. u. 11. Heft, 1805, S. 61 ff. und S.143 ff. Allgemein siehe den kurzen Überblick bei: Freimark, Peter, Juden auf dem Johanneum, in: 450 Jahre Gelehrtenschule des Johanneums zu Hamburg 1979, Hamburg 1979, S.123 - S. 129. Dieter Klemenz (Der Religionsunterricht in Hamburg von der Kirchenordnung von 1525 bis zum staatlichen Unterrichtsgesetz von 1870, Hamburg 1971, S. 146 f.) hat gezeigt, dass die Position J. Gurlitts wohl vor allem aus dessen rationalistischer Weltsicht resultierte und nicht in erster Linie im Mitgefühl für benachteiligte Juden wurzelte. Zum Lehrer vgl. Meyer, E., Gegen L. Börne, den Wahrheit-, Recht- und Ehrvergessnen Briefsteller aus Paris, Altona 1831 und ders., Nachträge zu einer Beurtheilung der Börne`schen Briefe aus Paris, Altona 1832. Zur Kritik an E. Meyer siehe u. a.: Riesser, G., Börne und die Juden. Ein Wort der Erwiderung auf die Flugschrift des Herrn Dr. Eduard Meyer gegen Börne, Altenburg 1832.

Zur Einschulung von A. Sutor vgl. im Archiv des Johanneums: Index puerorum et invenum qui in disciplinam Scholae Joanneae Hamburgensio a. d. 18. Nov. 1802 recepti sunt. Dort steht: Nr. 1925 Augustus Sutor, Hamburgi natur annos 14 patre mercatore. Re[r] d. zs. Sept. 1826. Adscriptur cl. Lat. 3, graecae 4tae, in reliquis litera[?] classibus tertiär. Habitat auf dem Pferdemarkt num. 153. Der Wohnort „Pferdmarkt“ im Zentrum der Stadt gegenüber der Petri-Kirche verweist auf den hohen sozialen Status des Vaters.

14 Vgl. Lehmann, E., Lebenserinnerungen, Bd. 1, Bad Kissingen [1885], S. 16. Zu E. Meyer siehe auch S. 173 f.

15 Mit dem Druck müssen jedoch nicht die Erfahrungen in der Schule und Kränkungen seitens der Mitschüler oder Lehrer gemeint sein. Vgl. Lehmann, E., Lebenserinnerungen, Bd. 1, Bad Kissingen [1885], S. 80 f. Zum Folgenden siehe ebd. Bd. 3, S. 123.

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