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Die Hämophilie ("Bluterkrankheit") ist eine erbliche Erkrankung, die nach wie vor nicht heilbar ist. Wenn die Blutgerinnung nicht oder nur verzögert abläuft, können kleine Verletzungen zu einer großen Gefahr werden. Dieser Ratgeber informiert umfassend über das Krankheitsbild, die Therapiemöglichkeiten und das Leben mit Hämophilie. Eltern hämophiler Kinder finden wertvolles Wissen aus langjähriger ärztlicher Behandlungserfahrung und konkrete Tipps, wie sie die Herausforderungen des Alltags meistern können.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2008
PD Dr. med. Mario von Depka Prondzinski leitet das Niedersächsische Hämophiliezentrum und das Werlhof-Institut in Hannover.
Dr. med. Karin Kurnik betreut als Oberärztin am Dr. v. Haunerschen Kinderspital der Universität München junge Hämophiliepatienten. Sie ist Mitglied im ärztlichen Beirat der Deutschen Hämophiliegesellschaft und im Vorstand der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung.
dieses Buch wendet sich an Menschen, die mit dem Krankheitsbild der Hämophilie konfrontiert sind – weil sie selbst erkrankt sind oder der eigene Sohn, weil sie Überträgerin der Krankheit sind oder weil es in ihrer Familiengeschichte Hinweise auf eine Hämophilie gibt. Die Konfrontation mit der Diagnose Hämophilie ist für die meisten Betroffenen zunächst ein tiefer Schock. Dann breitet sich eine große Unsicherheit aus, die mit dem Bedürfnis einhergeht, sich intensiv mit der Krankheit und den daraus resultierenden Konsequenzen auseinanderzusetzen.
Wir haben uns daher zum Ziel gesetzt, Sie umfassend und verständlich über die Ursachen dieser vererbbaren Blutgerinnungsstörung und über die genetischen Hintergründe zu informieren, aber auch darüber, wie Sie eine Hämophilie rechtzeitig erkennen können und wie moderne Behandlungsstrategien, etwa die Heimselbstbehandlung mit Faktorpräparaten, aussehen. Zur Sprache kommt zudem die Problematik der Konduktorinnen, also der Frauen, die die Krankheit auf ihre Söhne übertragen, aber selbst nicht erkranken. Außerdem erhalten Sie zahlreiche Tipps, wie sich der Alltag mit Hämophilie am besten meistern lässt, sowie Hinweise, wo Sie sich weiter informieren können.
Die Hämophilie, die in verschiedenen Schweregraden auftreten kann, ist nach wie vor keine heilbare Erkrankung. Sie werden jedoch beim Lesen des Buches erfahren, dass sie inzwischen gut behandelbar ist und der betroffene Patient mit seiner Familie ein nahezu normales Leben führen kann – mit einer Lebensqualität und Lebensdauer, die nur wenig vom Durchschnitt der Bevölkerung abweichen. Ganz entscheidend für den Verlauf der Erkrankung aber ist, dass der Hämophile so gut wie möglich betreut wird. Gewährleistet werden kann dies in qualifizierten Hämophiliezentren, die inzwischen in ganz Deutschland vorhanden sind.
PD Dr. med. Mario von Depka Prondzinski
Dr. med. Karin Kurnik
Die Hämophilie ist eine angeborene, vererbbare Blutgerinnungsstörung. Der Begriff »Hämophilie« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Blut-Neigung«, weist also auf die vermehrte Neigung zu Blutungen hin. Die Krankheit ist auch unter der Bezeichnung »Bluterkrankheit« oder »Krankheit der Könige« bekannt. Und sie ist aufgrund des Vererbungsgangs nahezu eine reine »Männerkrankheit«. Von weltweit wenigen Fällen ausgenommen, kommen ausschließlich Jungen mit dieser Erkrankung zur Welt.
Hämophilie ist eine seltene angeborene Gerinnungsstörung. Etwa einer von 5 000 Männern ist an Hämophilie erkrankt. In Deutschland mit einer Bevölkerungszahl von etwa 80 Millionen Menschen leben demnach 8 000 bis 10 000 hämophile Patienten. Weltweit liegt die Zahl der Hämophilen laut aktuellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation bei über 400 000. Die tatsächliche Zahl dürfte allerdings weit höher sein. Dass die Blutgerinnung gestört ist, liegt bei hämophilen Patienten an einer defekten Erbanlage. Sie führt dazu, dass ein Eiweiß, das dringend für die Blutgerinnung benötigt wird, im Körper nur unzureichend oder gar nicht hergestellt wird. Bei diesem Eiweiß handelt es sich um einen Gerinnungsfaktor. Deshalb heilen Wunden nach Verletzungen nur sehr langsam ab oder brechen immer wieder auf, innere Blutungen können auch ohne äußere Einwirkung auftreten. Hämophile bluten aber nicht ständig, wie häufig angenommen wird. Sie haben Phasen, in denen sie keinerlei Beschwerden haben. Problematisch sind vor allem lebensbedrohliche Hirnblutungen sowie die langfristigen Folgen von Gelenk- und Muskelblutungen, die zu schweren Fehlhaltungen und Bewegungseinschränkungen führen können.
Die Entwicklung wirksamer Medikamente, sogenannter Faktorpräparate, die den fehlenden Gerinnungsfaktor ersetzen, hat der Krankheit in den letzten Jahrzehnten zunehmend ihren Schrecken genommen. Werden sie konsequent eingesetzt, können die mit der Hämophilie verbundenen Risiken weitgehend gesenkt werden. Dennoch: Die Hämophilie ist nach wie vor eine lebensbedrohliche, mit einem hohen Invaliditätsrisiko verknüpfte Erkrankung. Es ist deshalb von immenser Bedeutung, dass hämophile Patienten und ihre Familien in spezialisierten Hämophiliezentren betreut werden und ein enger Austausch zwischen den betreuenden Ärzten, etwa dem Kinderarzt oder dem Hausarzt, mit den Ärzten im Hämophiliezentrum stattfindet. Umfassend aufgeklärt und betreut können hämophile Jungen und Männer dann ein annähernd normales Leben führen.
In der Menschheitsgeschichte gibt es schon früh Hinweise auf das Krankheitsbild der Hämophilie. Die älteste Mitteilung der Weltliteratur über eine Blutungskrankheit, die von ihrer Symptomatik her eine Hämophilie gewesen sein könnte, stammt aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. auf Tontafelfunden in Kalach, der damaligen Hauptstadt des neuassyrischen Reiches. Im 5. Jahrhundert n. Chr. finden sich im jüdischen Talmud Hinweise auf erbliche Blutgerinnungsstörungen. Er befreit die Jungen von der rituellen Beschneidung, bei denen zwei Brüder durch Blutungen nach der Beschneidung gestorben sind. Anfang des 2. Jahrtausends, etwa im 12. Jahrhundert, scheint bereits bekannt gewesen zu sein, dass sich die Hämophilie geschlechtsgebunden vererbt. 1349 wurde dann von Alexander Susslin erstmals eine von der Hämophilie betroffene Familie in Deutschland beschrieben. Im 18. Jahrhundert wurde dann die heute noch gebräuchliche volkstümliche Bezeichnung »Bluter« für hämophile Patienten geprägt. Und schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Mütter, die die Erbanlage von ihrem Vater erhalten haben, die Krankheit an ihre Söhne weitergeben. Der Begriff »Hämophilie« wurde erstmals 1828 verwendet. Ende des 19. Jahrhunderts fiel schließlich der Startschuss für eine intensive Forschung über die Hämophilie mit dem Erfolg, dass die Erkenntnisse Schlag auf Schlag kamen, das Wissen über die Bluterkrankheit stetig zunahm. Zunächst wurde entdeckt, dass bei Hämophilen die Blutgerinnung verlängert ist. Dann konnte der Mangel an Gerinnungsfaktoren als Ursache identifiziert werden. Noch bis 1947 wurde die Hämophilie aber als eine Krankheit aufgefasst. Erst später konnte gezeigt werden, dass es zwei verschiedene Hämophilieformen gibt. 1953 erhielten die beiden Hämophilieformen A und B dann ihre endgültige Bezeichnung.
Besondere Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit erlangte die Hämophilie, weil sie in den letzten zweihundert Jahren gehäuft in europäischen Fürstenhäusern auftrat. Deshalb wurde sie lange auch als »Krankheit der Könige« bezeichnet. Der Ursprung dafür liegt weit zurück, nämlich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, als in England dem Herzog von Kent und seiner Ehefrau Prinzessin Marie Luise Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld eine Tochter geboren wurde, die sich später als Überträgerin der Hämophilie entpuppte. Von der späteren Queen Victoria ausgehend verbreitete sich die Erbanlage durch die weit verzweigte Verwandtschaft in mehreren europäischen Fürstenhäusern. Auch die russische Zarenfamilie war eine Hämophilie-Familie. Bekanntester Vertreter: der kleine Zarewitsch Alexej. Ob bereits Vorfahren des kleinen Prinzen an Hämophilie erkrankt waren, oder ob es bei Vater oder Mutter zu einer plötzlichen, spontanen Veränderung (siehe → Seite 15) des Erbgutes gekommen war, darüber kann sich die Wissenschaft heute noch nicht einigen.
Bluten ist etwas Alltägliches. Wir schneiden uns beim Kartoffelnschälen, Kinder fallen vom Fahrrad und kommen mit blutenden Knien nach Hause, bei der Gartenarbeit stechen wir uns an einem Rosenstrauch und bei einem Autounfall kommen wir vielleicht gerade noch mal mit einer Platzwunde davon. Selbst die innere Blutung eines Körperorgans, etwa der Leber oder des Darms, können wir unbeschadet überstehen. Das Geheimnis ist eine gut funktionierende Blutgerinnung. Sie sorgt dafür, dass wir nicht verbluten, sondern dass die Blutung zum Stillstand kommt und die Wunde verheilt. Als Erinnerung bleibt im schlimmsten Fall eine Narbe zurück. Dass kleine und größere Verletzungen oft so glimpflich abgehen und wir viele kleine Blutungen in unserem Körper erst gar nicht bemerken, liegt an einer hervorragend funktionierenden und perfekt organisierten Blutstillung.
Wenn wir uns verletzen, läuft ein genau ausgeklügeltes System ab, die Blutstillung. Entscheidend sind dabei folgende drei Schritte:
Die Gefäßwand der verletzten Blutgefl=zieht sich sofort zusammen. So kann weniger Blut durch die Blutgefäße fließen, der Blutverlust wird eingedämmt.
Die Blutplättchen (Thrombozyten), die neben den weißen und roten Blutkörperchen zu den Blutzellen gehören, werden aktiviert. Sie kursieren ständig im Blut und achten darauf, ob innere oder äußere Verletzungen auftreten. Tritt der Ernstfall ein, lagern sie sich, unter Einfluss des von-Willebrand-Faktors (→
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), auf der Wunde ab und locken immer mehr Blutplättchen an, die sie unterstützen. Um die Blutung zu stoppen, klumpen sie zu einem kleinen Häufchen, dem sogenannten Thrombus, zusammen. Dieser Blutpfropf dichtet die Wunde zumindest vorläufig ab und verhindert übermäßigen Blutverlust. Um die Wunde komplett zu verschließen und abzuheilen, genügt dieser »Schnellverband« allerdings nicht.
Die Gerinnung ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer vollständigen Blutstillung. Notwendig dafür sind die Gerinnungsfaktoren. Dabei handelt es sich um Eiweiße, die den Gerinnungsprozess vorantreiben. Viele von ihnen werden in der Leber gebildet und ins Blut abgegeben. Insgesamt gibt es 10 verschiedene Gerinnungsfaktoren, die mit den römischen Zahlen I bis XIII bezeichnet werden (III, IV und VI fehlen). Solange wir nirgends bluten, sind die Gerinnungsfaktoren inaktiv. Kommt es zu einer Verletzung, wird, ähnlich wie bei einem Kreislauf, eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Angestoßen durch den Gewebefaktor, der durch die Verletzung mit den Gerinnungsfaktoren in Kontakt kommt, aktiviert nun ein Gerinnungsfaktor den anderen. Am Ende des »Gerinnungsnetzwerkes« steht die Bildung ausreichender Mengen an Gewebekleber, der als »Fibrin« bezeichnet wird. Fibrin legt sich in dichten Fäden um den Blutpfropf. Das zunächst noch lösliche Fibrin wird in unlösliches Fibrin umgewandelt. Es bildet sich eine auch von außen sichtbare Kruste. Erst jetzt ist die Wunde komplett verschlossen und kann abheilen.
Das Gerinnungsnetzwerk funktioniert nur dann, wenn die meisten Gerinnungsfaktoren ausreichend vorhanden sind. Ist auch nur einer der Gerinnungsfaktoren nur eingeschränkt wirksam oder fehlt er gar völlig, bricht der komplexe Regelkreislauf mehr oder weniger zusammen. Das für den Wundverschluss notwendige Fibrin, der Gewebekleber, wird nur noch in unzureichender Menge gebildet.
Bei der Hämophilie handelt es sich um eine Krankheit, bei der gar kein, zu geringe Mengen oder nicht funktionierender Gerinnungsfaktor in der Leber gebildet wird. Hämophilen mangelt es entweder an Gerinnungsfaktor VIII oder, seltener, an Gerinnungsfaktor IX (siehe → Seite 12), die beide etwa in der Mitte des Gerinnungsprozesses aktiv sind. Wenn Hämophile bluten, laufen die ersten Schritte der Blutstillung deshalb völlig normal ab. Die Blutgefäße verengen sich und es bildet sich ein Blutpfropf für die Notversorgung. Da es aber letztlich an Gewebekleber fehlt, wird die Wunde nicht richtig verschlossen. Es dauert deshalb viel länger, bis die Blutung komplett gestillt ist. Die Wunde, die nur unvollständig durch den Blutpfropf verschlossen ist, kann immer wieder aufbrechen. Auch die Blutungsneigung ist erhöht. Denn kleine Blutungen in unserem Körper, die wir häufig gar nicht bemerken, werden von der »Blutstillungsfeuerwehr« nicht sofort zum Stillstand gebracht.
Wie ausgeprägt die Blutung ist, hängt auch damit zusammen, ob große oder kleine Gefäße verletzt sind. Wenn sich Jungen mit Hämophilie Schürfwunden zuziehen oder sich beim Basteln in den Finger schneiden, bluten sie kaum mehr als ihre gesunden Freunde. Die kleinen Blutgefäße unter der Hautoberfläche lassen sich durch den Blutpfropf ausreichend verschließen. Sind dagegen größere Gefäße verletzt, etwa in den Gelenken oder Muskeln, ist eine funktionierende Gerinnung für den Gefäßverschluss absolut notwendig.
Die Hämophilie ist gekennzeichnet durch den Mangel an einem Gerinnungsfaktor. Dabei werden zwei Krankheitsformen unterschieden:
Hämophilie A:
Die Hämophilie A ist die klassische »Bluterkrankheit«, an der 85 Prozent der Hämophilen leiden. Ihnen mangelt es an Gerinnungsfaktor VIII. Dieser Gerinnungsfaktor hat innerhalb des Gerinnungsnetzwerkes eine zentrale Aufgabe: Er beschleunigt die Spaltung des Gerinnungsfaktors X zu Gerinnungsfaktor X a durch den Gerinnungsfaktor IXa. Eng verknüpft mit der Wirkung von Faktor VIII ist der von-Willebrand-Faktor (siehe →
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). Er verhindert den Abbau von Faktor VIII im Blut und sorgt für ausreichende Faktor VIII-Mengen am Ort der Verletzung.
Hämophilie B:
Die Hämophilie B ist mit dem verbleibenden Anteil von etwa 15 Prozent wesentlich seltener als die Hämophilie A. Wer an einer Hämophilie B leidet, dem mangelt es an dem Gerinnungsfaktor IX, der auch als Christmas-Faktor bezeichnet wird. Er hat die Aufgabe, den Gerinnungsfaktor X zu Gerinnungsfaktor Xa zu aktivieren.
Die Aufgaben der Gerinnungsfaktoren VIII und IX innerhalb des Gerinnungssystems liegen, wie die aufeinanderfolgende Zahlengebung schon vermuten lässt, eng beieinander.
Keine wesentlichen Unterschiede zwischen Faktor VIII- und Faktor IX-Mangel gibt es im Erbgang, den Krankheitserscheinungen und der Art der Behandlung. Sie können deshalb im Weiteren gemeinsam besprochen werden.
Angeborene Mangelzustände anderer Gerinnungsfaktoren sind im Vergleich zur Hämophilie A und B äußerst selten. Beim sehr seltenen Faktor XI-Mangel, der Hämophilie C, ist die Blutungsneigung meist nur leicht ausgeprägt.
Hämophilie ist nicht gleich Hämophilie. Die Bluterkrankheit kann sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Mit weitreichenden Folgen für die damit verbundenen Beschwerden und Risiken. Allerdings entwickelt die überwiegende Mehrzahl der betroffenen Männer eine schwere Hämophilie. Der Schweregrad der Hämophilie hängt davon ab, wie viel wirksamen Faktor VIII die Leber des hämophilen Patienten noch produzieren kann, sprich wie hoch die Restaktivität des Gerinnungsfaktors noch ist (siehe Kasten).
INFO
Schweregrade der Hämophilie: eine Sache der Faktor VIII-Restaktivität
Der Schweregrad der Hämophilie hängt von der für die Blutgerinnung noch zur
Verfügung stehenden Faktor VIII-Aktivität ab.
Schweregrad
Restaktivität
Leichte Verlaufsform (Subhämophilie)
15 bis 50 Prozent
Milde Verlaufsform
5 bis 15 Prozent
Mittelschwere Verlaufsform
1 bis 5 Prozent
Schwere Verlaufsform
maximal 1 Prozent
Wie stark die Hämophilie ausgeprägt ist, hängt davon ab, wie stark und in welcher Weise die Erbanlage für den Gerinnungsfaktor geschädigt ist (siehe → Seite 15). Diese Abhängigkeit des Schweregrads der Hämophilie vom Defekt der Erbanlage hat folgende ganz konkrete Konsequenzen:
Innerhalb einer Hämophilie-Familie bleibt der Schweregrad der Erkrankung immer gleich. Hatte der Opa eine leichte Hämophilie, gilt dies auch für den Enkel.
Alle Söhne einer Familie, die die Hämophilie erben, erkranken gleich schwer.
Der Schweregrad der Erkrankung ändert sich im Laufe des Lebens nicht. Wird bei einem Kind eine leichte Verlaufsform festgestellt, besteht kein Grund zur Sorge, dass sich der Krankheitszustand im Laufe des Lebens verschlechtern wird. Umgekehrt wird sich eine schwere Hämophilie auch langfristig nicht in eine milde Verlaufsform ändern (außer »Faktor IX-Leiden«, die wird im Laufe des Lebens besser).
Der Schweregrad der Hämophilie schlägt sich direkt in den Symptomen der Krankheit nieder.
Bei der milden und leichten Hämophilie treten häufiger blaue Flecken, sogenannte Hämatome, auf. Kommt es zu schwereren Verletzungen, beispielsweise bei einem Autounfall oder auch bei Operationen, ist die Gefahr von Nachblutungen größer als bei Patienten ohne Hämophilie.
Bei der mittelschweren Hämophilie ist die Blutungsneigung nach Verletzungen und Operationen bereits erheblich erhöht. Auch Zahnbehandlungen, insbesondere wenn ein Zahn gezogen wird, können starke Blutungen hervorrufen. Blutungen ohne äußere Einwirkungen, sogenannte »spontane« Blutungen, sind eher selten, aber durchaus möglich. Und: Auch bei der mittelschweren Hämophilie kann es zu lebensbedrohlichen Blutungen kommen.
Bei der schweren Hämophilie bietet sich das typische Erscheinungsbild der Krankheit mit starken Blutungen bereits nach leichten Verletzungen sowie spontanen Blutungen in Gelenken, Muskeln, Haut und Organen, aber auch im Mund-Nasen-Rachen-Raum.
Umfassende Informationen über die Symptome und ihre langfristigen Folgen für hämophile Patienten finden Sie ab → Seite 26.
Die Hämophilie ist eine Erbkrankheit, an der nahezu ausschließlich Männer erkranken. Übertragen wird die Erbinformation über die Mütter, die das defekte Gen von einem Elternteil geerbt haben. Der Defekt wandert also von Oma oder Opa mütterlicherseits zum Enkel. Der Erbgang, der schon seit Langem bekannt ist, folgt klaren Vererbungsregeln. Das Risiko für die Nachkommen von Hämophilen, ebenfalls zum Träger der Erbkrankheit zu werden, lässt sich deshalb genau berechnen. Allerdings handelt es sich dabei lediglich um Statistik. Ob die defekte Erbinformation tatsächlich vererbt wird oder nicht, hängt im Einzelfall vom Zufall ab.
Eine Hämophilie tritt auf, wenn die Erbanlage, die den Bauplan für die Bildung des Gerinnungsfaktors enthält, verändert ist. Man spricht dann von einer Mutation der Erbanlage oder auch einer Genmutation. Das Gen, das die Erbinformation für den Gerinnungsfaktor trägt, besteht aus einer Vielzahl von Bausteinen. 186 000 Bausteine müssen korrekt sein, damit Faktor VIII richtig hergestellt wird. Das Gen für den Faktor IX ist mit 35 000 Bausteinen dagegen eher klein. Fehlt ein Baustein oder sitzt er nicht am richtigen Platz, kann die Produktion von wirksamem Gerinnungsfaktor in Gefahr sein. Je mehr der Bauplan verändert ist, um so größer sind die Konsequenzen. Für die Hämophilie ist eine ganze Palette von Genmutationen bekannt, die die Bildung von Gerinnungsfaktor beeinträchtigen. Sie reichen von geringfügigen Veränderungen im Bausatz bis hin zum Verlust des kompletten Gerinnungsfaktors.
Die meisten Genmutationen lassen sich molekulargenetisch exakt identifizieren. Diese Untersuchung gehört inzwischen zum Standard in der Diagnostik von Patienten mit mittelschwerer und schwerer Hämophilie und deren Familien. Denn die Genmutation gibt Informationen über den Schweregrad der Erkrankung, aber auch über das Risiko für eine Hemmkörperhämophilie (siehe → Seiten 43 u. 58).
Um den Erbgang genau zu verstehen, ist ein kleiner Ausflug in die genetischen Grundlagen notwendig. Jede Zelle unseres Körpers enthält 46 Chromosomen – die Träger der Erbinformation. Die Hälfte der Chromosomen stammt aus der Eizelle der Mutter, die andere Hälfte aus der Samenzelle des Vaters. Diese Gene enthalten alle Informationen, die not
