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Im Unterschied zur Gestalttherapie handelt es sich bei der Gestaltpraxis um eine Übungspraxis, die jede und jeder ausüben kann, ohne auf medizinische oder psychologische Fachleute angewiesen zu sein - eine Übungspraxis zur Steigerung von Handlungskompetenz und Lebensfreude. Den Praktikerinnen und Praktikern werden Einführungs- und Vertiefungskurse angeboten, um sich mit der Vorgehensweise vertraut zu machen. Eine Ausgabe dieses Buches ist Bestandteil des Unterrichtsmaterials in den Kursen des SoulPartner®-Übungsnetzwerkes. Die Gestalt-Übungs-Praxis können Sie allein mit sich selbst ausüben. Schöner ist jedoch die Zusammenarbeit mit einer Übungspartnerin oder einem Übungspartner. Die Gewahrseinsübungen werden dann im Wechsel ausgeführt und es entsteht vor allem bei längerer Zusammenarbeit eine besonders förderliche und unterstützende Atmosphäre. Die Wirksamkeit der Gestaltpraxis beruht auf einer Steigerung des Gewahrseins für das, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, empfinden, denken und fühlen. Dabei folgen wir nicht der Illusion, es gäbe so etwas wie eine objektive Wahrnehmung. Vielmehr gehen wir davon aus, dass wir als Lebewesen immer das wahrnehmen, was für uns selbst von Bedeutung ist. Dem Wahrgenommenen nachzuspüren und ebenso den unterschiedlichen Bedeutungen, die es für uns, unser Leben, Erleben und Handeln hat, ist unsere Übung in der Gestalt-Übungs-Praxis. Dabei halten wir uns von jenen schnellen, wertenden Urteilen fern, durch die wir im Alltag allzu oft glauben, mit dem, was uns begegnet, fertig werden zu können. Der Autor John F. Callahan ist Jurist und es ist ihm auf Grund seiner eigenen umfassenden Erfahrungen in den Kursen von Richard (Dick) Price und anderen Gestaltpraktikern ein Anliegen, die Gestaltpraxis in der Tradition von Dick Price lebendig zu halten. Der Herausgeber Ulrich Flasche ist Diplompädagoge und hat sich der Vision verpflichtet, das SoulPartner®Gestalt-Übungs-Netzwerk zu initiieren, mit dem Ziel, jede und jeder möge, wo auch immer, Übungspartnerinnen und Übungspartner für eine lebendige Gestalt-Übungs-Praxis finden.
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Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gestaltpraxis basiert auf dem Dialog, dem Dialog zwischen Übungspartnern (Initiator und Reflektor), dem Dialog in Übungsgruppen und dem Dialog, den Sie mit sich selbst führen. In diesem Buch werden Sie als Leser meistens in der Sie-Form angesprochen. Es gibt aber auch Beispieldialoge, in denen das Gegenüber in der Du-Form angesprochen wird. Bitte wählen Sie in Ihrer praktischen Arbeit stets die Anrede, welche Ihnen in der jeweiligen Situation angemessen erscheint.
Wo in diesem Buch die grammatisch männliche Form gebraucht wird, geschieht dies nur, um den Text einfach lesbar zu halten. Die grammatisch männliche Form bezieht sich überall da, wo nicht explizit von einer männlichen Person die Rede ist, auf alle Personen, unabhängig von ihrem biologischen oder sozialen Geschlecht.
Der Text dieses Buches enthält zwei Arten von Anmerkungen: Anmerkungen des Autors und Anmerkungen des Herausgebers und Übersetzers. Die im Text mit arabischen Ziffern in eckigen Klammern gekennzeichneten Anmerkungen des Autors stehen am Ende jedes Buchteils (Teil 1, Teil 2, usw.) unter dem Text. Um sie klar von dem Originaltext des Buches zu trennen, stehen die im Text mit römischen Ziffern gekennzeichneten Anmerkungen des Herausgebers und Übersetzers am Ende des Buches.
Englische Fachbegriffe, die nicht übersetzt wurden, weil sie auch im Deutschen Verwendung finden, stehen in Anführungszeichen, z. B. „open seat“ und sind im Gestalt-Glossar erläutert.
Inhalt
Ich danke
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Autors
Dick Price – Eine Widmung
Teil 1: Gestaltpraxis
Einführung
Hier und Jetzt
Prozess
Einbezogensein
Grundlagen
Feldtheorie
Beziehung
Präsenz
Theorie der Persönlichkeit
Die Kontaktgrenze
Bedürfnisse, Unterscheidung und Homöostase
Die Widerstände
Organismische Selbstregulierung
Gewahrsein
Verantwortung
Veränderung
Kreative Anpassung
Impasse
Theoretisches zur Praxis
Arbeit
Kein „Sollte“
Integration
Rollen
Die Gegenwart
Bereiche
Experimente
Techniken
Gruppen
Zusammenfassung
Teil 2: Die wesentlichen Elemente der Praxis
Grundlegende Gestalt-Praxis-Fragen
Übung mit den Bereichen des Gewahrseins
Des Inneren – dein Gewahrsein des Körpers
Des Verstandes – deine mittlere Zone,einschließlich Gewahrsein des Denkens
Des Äußeren – dein externes Gewahrsein
Die drei Stadien der Gestaltpraxis
Die Leitlinien der Gestaltsyntax
Gestaltgrammatik
Teil 3: Dicks Theorie der Gestaltpraxis
M(essage) P(rogram) F(ilter)
Existenzialismus
Meditation und Phänomenologie
Teil 4: Gestalt-Gewahrseins-Übungen
Inhaltsübersicht (die 12 Anleitungen)
1. Eine einfache Achtsamkeitsübung
2. Präsenz pflegen
Ich-Gewahrsein initiieren
Du-Gewahrsein initiieren
Ich-Du-Gewahrsein integrieren
3. Über das, was im Gewahrsein ist, berichten
4. Zwischen Figur und Grund wechseln
5. Eine Rolle einnehmen
6. Gewahrsein von Gefühlen
7. Gewahrsein von Bedeutungen/Sinn
8. Emotionen fühlen
9. Projektionen in Besitz nehmen
10. Sich an Träume erinnern
11. Mit Träumen arbeiten
12. Top-Dog/Under-Dog- Übungen
Teil 5: Meditation und Buddhismus
Überblick
Buddhismus, alt und neu
Die Vier Edlen Wahrheiten
Der achtfache Pfad
Die fünf Gebote
Die Zuflucht des Buddhismus
Die sechs Bereiche des Daseins
Die Paramitas
Der Mahayana ... in aller Kürze
Meditation (Die 6 Übungsanleitungen)
1. Achtsamkeitspraxis
2. Stille
3. Konzentrationspraxis
4. Liebende-Güte-Praxis
5. Die Reiche leeren
6. Praxis des Gebens und Nehmens
Teil 6: Wandern, Wildnispraxis und Pilgerschaft
Steven Harper
Praxis des Pilgerns
Teil 7: Die Dynamik von Kleingruppen
Teil 8: Projektion in Kleingruppen
Teil 9: Encounter
Teil 10: Bindungstheorie
Teil 11: Arbeit mit Trauma
Teil 12: Extreme Zustände
Teil 13: Ökopsychologie
Teil 14: Phänomenologie und Existenzialpsychologie
Teil 15: Eine Geschichte der Gestaltpraxis
Teil 16: Gestalt-Glossar
Teil 17: Die Zukunft der Praxis
Erd-Gewahrseins-Meditation
Übertragung des Gewahrseins auf die Erde
Die Erde verlassen und Zuflucht finden
Teil 18: Anmerkungen zur Gestaltpraxis
Das Dao De Jing
Anmerkungen des Übersetzers und Herausgebers
Ich danke
• John F. Callahan für seine Beiträge zur Bewahrung der Gestaltpraxis in der Tradition von Dick Price mit dem Gestalt-Legacy-Project und insbesondere mit diesem Handbuch.
• Christine Stewart Price und Sharon Terry für die Einweisung in die „Gestalt Awareness Practice“
• Cynthia Sheldon (posthum), die viel zum Verständnis von Gestalt als Übungsweg beigetragen hat, für das Buch „Gestalt as a way of Life“ (deutsch etwa: Gestalt als Lebenskunst).
• Martin Siems (posthum) meinem ersten Lehrer in der Selbsterforschung und Eugene Gendlin, dem Begründer einer körperorientierten Gewahrseinspraxis genannt Focusing, sowie Christine und Sharon für das Verständnis des Selbstgewahrseins als kommunitäre Aufgabe.
• meinem Lehrer Erhard Doubrawa und den Freundinnen und Freunden in der Kassel-Gruppe für die Ermutigung, den Ruf zur Gestaltpraxis zu hören.
• den Teilnehmern in der Therapie-Ausbildungs-Gruppe von Martin Siems; Hamburg, 1984 bis 1986, den Teilnehmern und Lehrern in der Kölner Gestalt-Coaching-Ausbildung von Erhard Doubrawa, Stefan Blankertz und Peter Arnold, den Teilnehmern und Organisatoren des Gestalt Quarterly, den Teilnehmern und Lehrern bei Tribal Ground in Aptos, California, Freundinnen und Freunden, Kollegen in meinen sozialpädagogischen Arbeitsfeldner und den begleiteten Menschen für die Erfahrungen, die Sie mit mir geteilt haben. geteilten Erfahrungen.
• Gerd Otto, Künstler, Freund und SoulPartner seit beinahe 30 Jahren für die Textkorrektur, viele Vorschläge zur treffenden deutschen Formulierung und die Cover-Illustration zu diesem Buch.
• Ruis Icaro Cabral da Costa, Bacharel em Filosofia, Sao Paulo, für viele Anregungen zur vertieften Reflektion der philosophischen und politischen Dimension der Gestaltpraxis,
• meinen Eltern für Ihre Fürsorge, ihre Anstrengungen für meine Ausbildung und ihr Bemühen um Verständnis und Respekt.
Ulrich Flasche, Schwerte und Sao Paulo im August 2022
Vorwort des Herausgebers
In der Gestaltpraxis geht es um Gestalten, um die Gestalten nämlich Ihres eigenen Erlebens und um die Gestaltungsmöglichkeiten Ihres Handelns, letztlich um das Leben selbst, als eine Gestalt, die uns gelingen möge. Dabei ist Gestaltpraxis nicht zu verwechseln mit Gestaltungspraxis oder Gestaltungstherapie, einer Übung, bei der innere Zustände in äußeren Gestaltungen – in Kunstobjekten – zum Ausdruck gebracht werden. Gestaltpraxis ist vor allem anderen eine Gewahrseins-übung, eine Übungspraxis, die Ihnen hilft sich der Gestaltungen und und Gestalten Ihres eigenen Tuns und Erlebens gewahr zu werden. Durch die Schaffung eines solchen Gewahrseins für uns selbst, unsere Wünsche, Verletzungen, Bedürfnisse, Möglichkeiten, Perspektiven und …, für unser Sein in diesem Augenblick, trägt die Gestaltpraxis zur Entwicklung von Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung bei. Zu diesem Zweck bietet Sie Übungen an, welche letztlich das eine Ziel verfolgen – die Belebung des Selbst. Ich spiele mit dieser knappen Zusammenfassung auf den Untertitel der amerikanischen Ausgabe des Grundlagenwerkes Gestalttherapie von Fritz Perls, Ralph F. Hefferline und Paul Goodman an. Und ebenso auf den Untertitel von Band 2 der deutschen Ausgabe, in dem hierzulande der Praxisteil des Werkes erschien. Diese Beschreibung ist bei aller Knappheit aus meiner Sicht heute ebenso zutreffend wie vor über 70 Jahren, als im Jahre 1951 das Grundlagenwerk der Gestaltarbeit erstmals erschien. Künstlerische – grafische oder dramatische Darstellungsformen – sind dabei durchaus einige der der eingesetzten Mittel, durch die unser Gewahrsein intensiviert wird.
Vor allem der Praxisteil des soeben erwähnten Buches, der wesentlich durch die Arbeit von Ralph F. Hefferline zustande gekommen ist und als praktische Veranschaulichung der Gestaltarbeit zugleich ein Übungsbuch zur Selbstentfaltung darstellt, wird wohl zu wenig beachtet. Die Gestalttherapie, die eine ihrer Wurzeln in der Psychoanalyse hat, wurde als ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung der Psychotherapie und zur Überwindung psychoanalytischer wie auch verhaltenstherapeutischer Begrenzungen ernst genommen. Es wurden auch von unterschiedlicher Seite viele Anstrengungen unternommen, sie für die Entwicklung der Psychotherapie nutzbar zu machen. Bereits der Praxisteil des Grundlagenwerkes stellt ein umfassendes Übungsprogramm bereit, mit dem jeder und jede gemeinsam mit anderen oder allein an der Entfaltung des Gewahrseins und somit der eigenen seelischen Entwicklung und Überwindung von seelischen Konflikten und Engpässen arbeiten kann. Und doch wurde Gestaltarbeit bislang kaum als ein gemeinschaftlicher Übungsweg wahrgenommen oder gar unterrichtet und verbreitet. Der Autor John F. Callahan hat große Anstrengungen unternommen, um dies zu ändern.
In Esalen, dem Mekka der Human-Potential-Bewegung der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts, sowie in Fritz Perls letzter Lehrstation am Lake Cowichan in Kanada entstand auf der Grundlage seiner Lehrtätig- keit aus der Gestalttherapie die Gestaltpraxis als Übungspraxis. Sie wurde und wird in Gruppen unterrichtet, in denen einzelne Teilnehmer als „Initiatoren“ in Begleitung eines „Reflektors“ auf dem „open seat“ an dem Gewahrsein ihrer Selbst, ihrer Selbstanteile sowie ihres natürlichen und sozialen Feldes arbeiten. Dick Price einer der Gründer des Esalen Institute führte nach dem Tod von Fritz Perls als dessen Schüler über viele Jahre diese Gruppen durch, später zusammen mit seiner Frau und Schülerin Christine. Aus seiner „Schule“ sind unter anderen Dorothy Charles, Steven Harper und Christine Stuart Price als heutige Gestaltpraktiker hervorgegangen, welche die Gestaltpraxis – jede und jeder auf seine/ihre Weise – weiterentwickelt haben.
Was mir bis heute noch weitgehend uneingelöst erscheint, ist die Per- spektive einer sich selbst heilenden und entfaltenden Community, wel- che in der Gestaltpraxis und keimhaft schon in dem oben zitierten Praxisteil des Grundlagenwerkes von Perls, Hefferline und Goodman angelegt ist. Die Einlösung dieses Versprechens durch Einführungen in die Gestaltpraxis und durch die Organisation eines Netzwerkes von Übungspartnern ist die Aufgabe, welche ich mir mit dem Lehrinstitut SoulPartner® gestellt habe. In seinen Kursen vermittelt dieses Institut, wie jede und jeder in ihrer/seiner Arbeit mit sich selbst, vor allem aber als SoulPartner® in einer Übungspartnerschaft an den praktischen Übungen der Gestaltpraxis wachsen kann – Klarheit gewinnen kann über sich selbst, die ihr/ihm zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten und den Weg, den sie oder er im gegenwärtigen Augenblick seines Lebens einschlagen möchte.
Für jeden, der an Gestalt als Therapie- oder Übungspraxis interessiert ist, bietet das hier auf Deutsch vorgelegte Werk von John F. Callahan eine sowohl praktisch wie theoretisch umfassende Einführung in alle Aspekte der Gestaltpraxis. Insbesondere die Teile 4 und 5 des Buches, die im Inhaltsverzeichnis durch Auflistung aller Unterabschnitte hervortreten, enthalten eine Vielzahl von Übungsanleitungen für die praktische Arbeit in Übungspaaren. Diese Übungen lassen sich leicht für die individuelle Arbeit wie für die Arbeit in größeren Gruppen adaptieren. Möge die Gestaltpraxis als gemeinsamer Übungsweg von SoulPartnern in Deutschland und darüber hinaus umfassende Verbreitung finden.
Da die Gestaltpraxis in ihren Anfängen sowohl durch die Philosophie des Existentialismus und der Phänomenologie als auch durch den Buddhismus stark beeinflusst wurde, geht John F. Callahan in Teil 3 des Buches auch diesen Spuren nach. Die umfassende Übungssammlung in Teil 5 bereichert die Praxis. Diese Übungen stammen aus dem bislang in Deutschland im Vergleich zu Zen und tibetischem Buddhismus weniger beachteten Theravada-Buddhismus. Darüberhinaus bieten die theoretischen Ausführungen dieses Teils eine schöne Einführung in diese älteste buddhistische Schulrichtung und in die Lehrreden des Buddha selbst, wie sie im Pali-Kanon aufgezeichnet wurden.
Schließlich untersucht der Autor, wie sich neuere, sozusagen nach-Perls’sche Entwicklungen in der Psychologie, wie die Bindungstheorie, die Trauma-Arbeit und die Ökopsychologie zur Gestaltpraxis verhalten und in sie integrieren lassen. Vor allem die Teile 6 und 13 bieten viele Anregungen für die Rückgewinnung eines freundschaftlichen Verhältnisses zur Natur in der Arbeit der Gestaltpraktiker, insbesondere durch die Darstellung der Arbeit von Steven Harper. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass das Buch im Anhang mit einer von John F. Callahan redigierten neuen Textfassung des Dao De Jing endet. Die Gestaltpraxis steht auf Grund der Inspirationen, die Dick Price als ihr Gründer aus dem Dao De Jing gezogen hat, mit diesem Werk klassischer chinesischer Philosophie in enger Verbindung. Es steht an den Anfängen der chinesischen Naturmystik und zeigt uns den Weg der Einfachheit, des Tuns durch Nichttun und der Verbundenheit mit der Natur.
Dick Price wurde zu Zeiten seines Lebens als schizophrener Psychotiker diagnostiziert. Vor dem Hintergrund dieser seiner eigenen Erfahrungen mit extremen psychischen Zuständen und der ihm widerfahrenen psychiatrischen Behandlung hatte er das Esalen Institute ursprünglich auch als eine Zufluchtsstätte für die Durcharbeitung extremer psychischer Zustände geplant. Er hat an dieser Geburtsstätte der Gestaltpraxis zeitweise Sitzdienste für Personen organisiert, die Psychosen durchlebten. Auch hat er eine der größten empirischen Studien zum nicht-medikamentösen Umgang mit Schizophreniepatienten angestoßen und durch Esalen sponsern lassen. Aus diesem Grund enthält das vorliegende Buch in Teil 12 auch einen Text, der sich extremen Zuständen widmet.
Für diejenigen, welche sich bislang weder unter Übungs- noch unter Therapiegesichtspunkten mit der Gestaltarbeit beschäftigt haben, aber an ihr und ihrer Entstehungsgeschichte interessiert sind, bietet Teil 14 eine geschichtliche Einführung. In ähnlicher Weise schildert Teil 18 die Anfänge in Esalen, aus der Sicht Ihres Gründers, obwohl dieser selbst nie etwas Schriftliches veröffentlicht hat. Es handelt sich bei diesem Text um eine fiktionale Erzählung aus der Sicht des Ich-Erzählers Dick Price, die viele spannende Details der Anfangsjahre enthüllt. Die Atmosphäre jener aufregenden Jahre der kalifornischen Renaissance und vor allem die menschliche und liebenswürdige Art von Dick Price werden hier lebendig.
Der Reiz des vorliegenden Buches liegt neben seinem ungeheuren Nutzen für die Übungspraxis darin, dass der Autor aus eigener lebendiger Erfahrung von einer Praxis berichtet, die er in vielen Workshops und in ihren Entstehungsgründen selbst miterlebt und geübt hat. Aus diesem persönlichen Erleben und im Geist des Eingetauchtseins in die Gestaltpraxis nach Dick Price legte John F. Callahan im Jahre 2014 dieses inspirierte Handbuch dem englischsprachigen Publikum vor - 51 Jahre nach Fritz Perls erstem Auftauchen in Esalen, 44 Jahre nachdem Dick Price selbst begann, Gestaltpraxis zu unterrichten und 36 Jahren nach Dicks Tod. Ich freue mich heute der deutschen Leserschaft eine deutschsprachige Ausgabe dieser umfassenden Einführung in die Gestaltpraxis vorlegen zu können und erhoffe mir, dass das Buch zur Belebung und Verbreitung der Gestaltpraxis im deutschen Sprachraum beiträgt, in erster Linie indem es seinen übenden Lesern ein lebendigeres Leben ermöglicht. In diesem Sinne wünsche ich mir für das Buch viel Erfolg als ein wahres Handbuch für die Übungspraxis.
Ulrich Flasche, Schwerte und Sao Paulo im August 2022
Vorwort des Autors
Viele großartige Ideen gehen verloren. Dieses Handbuch soll das in einem wichtigen Fall verhindern.
Die Tradition der Gestaltpraxis, die von Dick Price begründet wurde, ist in Gefahr, verloren zu gehen. Dick war Mitbegründer des Esalen Institute und ein Schüler von Fritz Perls, dem Mann, der die Gestalttherapie ursprünglich entwickelt hatte. In Esalen führte Dick Price Gestaltarbeit aus dem Büro des Therapeuten heraus. Er erweiterte sie zu etwas, das er Gestaltpraxis nannte, basierend auf dem, was er von Fritz Perls gelernt hatte, und auch auf seinen Erfahrungen mit ostasiatischen Religionen und Meditationspraktiken. Dick hinterließ jedoch keine schriftlichen Aufzeichnungen über seine Ideen. Dieser Text soll Dicks weitgehend mündliche Tradition bewahren, die in den letzten fünfundzwanzig Jahren von Gestaltpraktikern verfeinert wurde, die an Dicks Erbe teilhatten.
Gestalt[1] ist eine kraftvolle Praxis, die für jeden zugänglich ist. Das Ziel des Prozesses ist es, Selbst-Gewahrsein, Selbst-Verantwortung und Integrität zu entwickeln. Idealerweise wird Gestalt also zu etwas, das Teil des Weges ist, wie Menschen sich selbst und anderen begegnen, als Obleute ihrer eigenen Integration und als Unterstützer für andere.
Nach Dicks Auffassung braucht man keinen klinischen Doktortitel, um mit der Anwendung von Gestalttechniken zu beginnen. Es ist vollkommen akzeptabel, dass jemand eine Gestalt-Sitzung mit einem Partner macht, während er in einem Besprechungsraum am Arbeitsplatz oder in seinem Wohnzimmer zu Hause sitzt. Jeder kann sofort mit der Gestaltpraxis beginnen. Aber wie bei der Meditation braucht man eine kleine Anleitung, um anzufangen.
Dieser Text soll Interessierte darüber aufklären, wie die Gestaltpraxis funktioniert, sie in die Lage versetzen, selbst mit der Übung zu beginnen und ihnen eine gewisse Vorstellung davon geben, was sie erwartet, wenn sie in eine Gestalt-Gruppe gehen. Darüber hinaus soll dieses Handbuch jenen, die darüber nachdenken, selbst eine Gestaltgruppe zu leiten, einige grundlegende Ideen darüber vermitteln, wie sie einen Anfang finden können und auf was sie sich vorbereiten müssen.
Das Konzept, das diesem Handbuch zu Grunde liegt, besteht darin, einen gründlichen, aber dennoch zugänglichen Hintergrund für die Gestaltarbeit zu liefern, zusammen mit praktischen Übungen, die jeder sofort ausprobieren kann, entweder allein, mit einem Partner oder in einer Gruppe. Aber anstatt langwierige theoretische Diskussionen über Gestalt zu führen, ist es das Ziel, die Menschen so schnell wie möglich in die Praxis zu bringen, sowohl als Initiatoren ihrer eigenen Arbeit als auch als Reflektoren für die Arbeit anderer Menschen. Das ist die Art und Weise, wie Dick es gewollt hätte.
Das folgende Handbuch basiert auf der von Dick Price entwickelten Praxis. Es ist zum Teil abgeleitet aus den Lehren von Christine Stewart Price, Dicks Frau, die seine Tradition weiterführte, aus denen von Dorothy Charles, einer Praktikerin, die Dick ausbildete, und von Steven Harper, der einer von Dicks engsten Freunden war. Letztlich will dieses Handbuch jene Tradition, die Dick Price begonnen hat, von diesen Gestaltpraktikern in die Zukunft überliefern. Der folgende Text wird die Grundlagen der Gestaltpraxis erklären – was zu tun ist und wie es zu tun ist -, so dass späterhin neue Praktizierende in der Lage sein werden, auf Dicks Ideen und Methoden aufzubauen.
[1] Eine Definition des Wortes Gestalt aus der Perspektive der Praxis findet sich im Gestalt-Glossar.
Dick Price – Eine Widmung
Dick Price war gutaussehend, innovativ, charismatisch und manchmal verrückt. Durch seine Freundschaft mit Michael Murphy war Dick in der Lage, das Esalen Institute in Big Sur, Kalifornien, zu gründen. Viele Jahre lang, bis zu seinem Tod, leitete Dick Esalen als ein Zentrum für das Heilen und Experimentieren. Er brachte den Ort mit seinem Genie für Prozesse und mit seiner echten körperlichen Arbeit zum Laufen. In den 1960er Jahren brachte ein kleiner, dicker und gelegentlich unausstehlicher deutscher Therapeut namens Fritz Perls eine neue Form der Psychotherapie ins Esalen Institute, die Gestalttherapie. Danach war die Gestalttherapie etwa zwanzig Jahre lang bei den etablierten Psychotherapeuten beliebt. Dann geriet sie im Zuge der „kognitiven Revolution“, welche die CBTI populär machte, in den Hintergrund. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Dick Price bereits viele von Fritz' Techniken übernommen und sie mit dem kombiniert, was er über Meditationspraxis gelernt hatte. Dick verrührte diese Mischung im Topf der kalifornischen Gegenkultur und brachte eine neue Form der persönlichen Erkundung hervor, die sich gegenüber der Therapie durch den Namen Gestaltpraxis auszeichnetII und die das dauerhafteste Produkt von Dicks Experiment Esalen wurde.
Dick Price wurde 1930 in Chicago geboren. Herman, sein Vater, war ein litauischer Jude, der seinen Nachnamen änderte und ein wohlhabender, erfolgsorientierter Sears-Manager wurde. Dicks Mutter, Audrey, war eine holländisch-irische Frau aus Indiana, die wie viele andere in der verwirrten Welt der Neureichen in den nördlichen Vororten Chicagos mit Fragen der Herkunft und des Status zu kämpfen hatte. Dick entschied sich für ein Studium in Stanford, das er 1952 mit einem akademischen Grad in Psychologie abschloss. Er begann ein Graduiertenstudium in Harvard, brach es aber ab, nachdem er von der forschungsorientierten Fakultät frustriert war. III Dann ging Dick zur Luftwaffe und zog zurück in die Bay Area von San Francisco. Sein Einsatz bei den Streitkräften kann nur als töricht bezeichnet werden. So verbrachte Dick schließlich die meiste Zeit an der American Academy of Asian Studies in San Francisco, wo er den Stanford-Professor Frederic Spiegelberg und andere dekorierte Koryphäen traf. Dick verkehrte auch in North Beach mit Leuten wie Jack Kerouac und Gary Snyder. Zur gleichen Zeit heiratete Dick seine erste Frau Bonnie, eine Tänzerin,
in einer Zen-Zeremonie, die Dicks Eltern vor den Kopf stieß. Sein Beatnik-Lebensstil holte Dick schließlich ein, als er in einer Kneipe in der Grant Avenue „ausflippte“ und eine manische Episode erlebte. Er wurde in einem Krankenwagen abtransportiert, ins Krankenhaus eingeliefert und fälschlicherweise als schizophren diagnostiziert. Schließlich wurde er aus der Luftwaffe entlassen.
1956 landete Dick wieder in Chicago. Herman ließ Dick in eine private „Nervenheilanstalt“ in Connecticut einweisen, wo er mit Elektroschocks und Insulinschocks gefoltert wurde. Audrey ließ Dicks Ehe annullieren, während er in der Anstalt war. Dick konnte kurzzeitig fliehen und wurde schließlich mit Hermans Zustimmung entlassen.
1960 kehrte Dick nach San Francisco zurück, wo er einen anderen Stanford-Absolventen, Michael Murphy, kennenlernte. Michaels Familie besaß ein altes Thermalbad an der Küste südlich von Monterey. 1962 gründeten die beiden Freunde dort das Esalen Institute, das von Leuten wie Alan Watts, Aldous Huxley und Gregory Bateson unterstützt wurde. Dicks Ziel war es, ein alternatives Umfeld zu schaffen, in dem Menschen in sicherer Abgeschiedenheit von psychiatrischen Kliniken und fehlgeleiteten Fachleuten jegliche Art von Prozessen durchleben konnten, was auch immer sie benötigten. Der Rest ist Geschichte... wie man so schön sagt. Dick entwickelte sich zu einem Meister der Gestaltarbeit. Esalen lief erfolgreich im Schweiße seines Angesichts, bis er Ende 1985 bei Arbeiten an der Wasserversorgung in einer Schlucht durch einen Unfall ums Leben kam.
„Wir Gestalt-Studenten fühlten uns zu diesem Ansatz nicht nur wegen der Theorie und der Methode hingezogen, sondern auch wegen der impliziten Überzeugung, dass wir die Welt zum Besseren verändern würden.“ -- Ed Nevis
Einführung
Die Gestaltpraxis ist nicht nur eine weitere Form der Psychotherapie. Gegenwärtig ist die Psychotherapie eine Sammlung von kognitiven, verhaltenstherapeutischen und pharmakologischen Methoden zur Behandlung sorgfältig diagnostizierter Symptome. Im Gegensatz dazu befasst sich die Gestaltpraxis mit dem Leiden, das aus der Armut des Seins entsteht[2]. Der entscheidende Vorteil dieses Ansatzes für die Gestaltpraktiker[3] besteht darin, dass sie von den Kulturkriegen des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs sowie von den Marketingstrategien der Pharmaunternehmen befreit sind.
Die Gestaltpraxis ist ein phänomenologisch-existenzieller Prozess der Selbstentdeckung. (Eine kurze Erläuterung der Phänomenologie und des Existenzialismus finden Sie in Teil 14 dieses Handbuchs.) Im Grunde genommen ist die Gestaltpraxis eine Gewahrseinsübung, bei der das Erleben des gegenwärtigen Spürens, Wahrnehmens, Fühlens und Verhaltens gegenüber der Interpretation in den Vordergrund gestellt wird. In der Gestaltpraxis wird die Analyse als weniger zuverlässig angesehen als das unmittelbare Erleben des Lebens.
Das Ziel eines Gestalt-Reflektors ist es, die Arbeit eines Gestalt-Initiators zu erleichtern, ihm dabei zu helfen, vollständiger lebendig zu werden – frei von unerledigten Aufgaben und innerpsychischen Blockaden, die Zufriedenheit, Kreativität und Wachstum hemmen. (Initiator und Reflektor sind im Glossar definiert.) Um diese Aufgabe zu erfüllen, konzentriert sich die Gestaltpraxis auf die Aspekte des Erlebens des Initiators, die als die wichtigsten angesehen werden – nämlich das Gewahrsein des Initiators im gegenwärtigen Moment, die Fähigkeit des Initiators zur Selbstregulierung und zur Befriedigung seiner Bedürfnisse sowie die Beziehungen des Initiators, einschließlich der Modellbeziehung zum Reflektor. Das übergeordnete Ziel besteht darin, dem Initiator zu helfen, sich seiner Bedürfnisse mehr gewahr zu werden, damit er die Verantwortung für die Befriedigung dieser Bedürfnisse auf transparente Weise übernehmen kann.
Hier und Jetzt
Gestalt konzentriert sich auf das, was hier und jetzt existiert. Die Initiatoren werden in der Gestaltarbeit auf den Unterschied zwischen dem Reden über Vergangenes – sei es gestern oder in der Kindheit – und dem Erleben dessen, was jetzt gerade geschieht, aufmerksam gemacht. In der Gestaltpraxis lernt ein Initiator, zwischen seinen Erinnerungen und der Gegenwart zu unterscheiden, zwischen gewohnheitsmäßigen Verhaltensmustern und neuen Wegen des Seins.
Ein Gestaltpraktiker hilft dem Initiator, seinen Prozess des In-der-Welt-Seins direkt zu erleben. Die Gestaltpraxis lehrt eine Person, wie sie – mit dem Ziel innerhalb des Horizonts ihrer eigenen Umwelt selbstunterstützender zu werden – ihr inneres und äußeres Gewahrsein zustande bringt. Durch Hier-und-Jetzt-Experimente wird das Gewahrsein verbessert und der Initiator der Arbeit entdeckt seine Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbstverantwortung.
Das Gestaltziel des unmittelbaren Gewahrseins ist kraftvoller als abstrakte Diskussionen. Die meisten therapeutischen Systeme fördern das Intellektualisieren – das Reden über die Irrationalität der Gedanken und Glaubenssätze oder das Reden über Verhaltensänderungen. Stattdessen setzt die Gestaltmethode aktive Techniken ein. Beim fortwährenden Experimentieren liegt der Schwerpunkt auf dem Erleben. In der Gestaltpraxis geht es darum, den Gewahrseinsprozess durch die Ausdehnung des Erlebenshorizonts zu fördern und nicht durch das Nachdenken über den Inhalt des Erlebens.
Prozess
Der Prozess des Lebens ist ein fortwährender Rhythmus der Herstellung eines Gleichgewichts zwischen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung. Alle Lebewesen verarbeiten Energie und Information. Prozess ist für das Leben grundlegend. Aus diesem Grund beruht die Gestaltpraxis stärker auf dem Prozess – dem lebendigen Erleben dessen, was gerade geschieht – als darauf, was dieses Erleben „bedeutet“. Die Betonung liegt also auf dem, was im gegenwärtigen Moment getan, gespürt und gefühlt wird, und nicht auf dem, was sein könnte oder hätte sein sollen. Das Ziel für einen Initiator ist es, zu lernen, wie er sich dessen gewahr wird, was er spürt, was er fühlt, was er tut und wie er es tut, und gleichzeitig wie er seine Fähigkeit des Gewahrseins verbessern kann. Dick Price' Maxime für die Gestaltpraxis lautete: „Vertraue dem Prozess, unterstütze den Prozess und gehe aus dem Weg.“ Dieser Maxime folgend, versucht ein Gestaltpraktiker nicht, das Erleben des Initiators zu programmieren.
Einbezogensein
Um diese grundlegenden Ziele zu erreichen, schafft ein Gestalt-Reflektor ein Umfeld der Einbeziehung für den Initiator. Er tut dies, indem er auf seine eigene Präsenz achtet und gleichzeitig dem Initiator die Freiheit gibt, ebenfalls präsent zu werden. Der Praktiker akzeptiert den laufenden Prozess des Initiators voll und ganz und lässt sich auf alles ein, was geschieht, anstatt zu versuchen, das Geschehen zu kontrollieren. Zu dieser Praxis des EinbeziehensIV gehört es, die Art der Kontaktaufnahme des Initiators mit Gleichmut zu akzeptieren, ganz gleich ob sie aggressiv, defensiv, nachgiebig oder oberflächlich ist, ohne dabei die eigene Autonomie oder Selbstachtung aufzugeben. Einbeziehung zu üben, unterstützt die echte Existenz des Initiators, so wie er ist, zusammen mit gleich welchem Widerstand, den er zeigen mag, als Bestätigung seines Seins und Wertes.
Gestalt nutzt die gegenseitige Präsenz von Reflektor und Initiator in einer Beziehung, die auf echtem Kontakt und Empathie beruht. Ein Gestaltpraktiker „zeigt sich“ als authentisches menschliches Wesen, anstatt lediglich eine Rolle zu übernehmen. Analytische Ideen von „Übertragung“ werden in der Gestaltpraxis nicht verfolgt. Zwischenmenschliche Probleme, die zwischen dem Initiator und dem Reflektor auftreten können, werden explizit in einer Begegnung angesprochen, in der beide Praktiker als echte Menschen anwesend sind. Solche Begegnungen erzeugen nicht nur ein Gefühl der Einbeziehung, sondern auch ein erhöhtes Gewahrsein und dienen als Modelle für gesunde Beziehungen.
Der Gestaltprozess minimiert den Praktiker als Autoritätsfigur, um die Selbstfindung des Initiators zu unterstützen. Idealisierte, autoritäre oder charismatische Psychotherapeuten können das persönliche Wachstum des Initiators sogar behindern. Außerdem gibt es in der Gestaltarbeit kein „sollte“. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu therapeutischen Techniken, bei denen der Therapeut „weiß“, was der Patient tun „sollte“. Anstatt zu betonen, was geschehen sollte, wird in der Gestaltpraxis das Gewahrsein für das betont, was tatsächlich geschieht, genau jetzt.
Die Gestaltpraxis legt Wert auf Ganzheitlichkeit. Ihr Ziel ist die Integration. Gestalt arbeitet mit dem gesamten Spektrum biologischen, emotionalen, umweltbezogenen und außersinnlichen Erlebens. Sie nutzt alle körperlichen, wahrnehmungsbezogenen, kognitiven und spirituellen Aspekte der Existenz der beiden Praktizierenden. Gesunde Bindungen und Interaktionen mit anderen sind wesentlich für ein erfülltes Leben. Daher spricht die Gestaltpraxis die ganze Person an, wie sie in Beziehung und Transzendenz verkörpert ist.
Grundlagen
Die drei wichtigsten Grundlagen der Gestaltpraxis sind Phänomenologie, Existenzialismus und Begegnung. Die Phänomenologie ist eine philosophische Disziplin, die als wichtige Grundlage für die Gewahrseinspraxis dient. Die Phänomenologie ist eine Technik, die es einer Person ermöglicht, ihren gewohnten Bezugsrahmen neu auszurichten, so dass sie die Objekte ihres Gewahrseins direkt erleben kann, ohne die Einmischung bereits vorhandener Ideen und Interpretationen. Die Gestaltpraxis betrachtet das, was im gegenwärtigen Moment subjektiv wahrgenommen wird, als das, was wirklich ist und der Aufmerksamkeit wert ist. Dies steht im Gegensatz zum Ansatz eines Therapeuten, der das beunruhigende Erleben eines Patienten lediglich als Symptom behandelt und entweder versucht, es umzugestalten oder es durch Interpretation zu dekonstruieren.
Die Untersuchung des Prozesses, in dem man gewahr wird, ist für eine vollständige phänomenologische Untersuchung von entscheidender Bedeutung. Ein Phänomenologe untersucht nicht nur den Inhalt des Gewahrseins, sondern auch den Gewahrseinsprozess selbst. In ähnlicher Weise verwendet die Gestaltpraxis geführte Gewahrseinsübungen und Experimente. Durch diese Praktiken lernt der Initiator etwas über den Prozess des Gewahrwerdens und darüber, wie er das reine Gewahrsein lenken kann.
Die phänomenologische Methode zielt darauf ab, die Auswirkungen bereits vorhandener kognitiver Dispositionen durch wiederholte Beobachtung und Untersuchung systematisch zu vermeiden. Die Methode lässt zunächst Voreingenommenheit oder Vorurteile beiseite, um bereits bestehende Annahmen außer Kraft zu setzen. Sie legt den Schwerpunkt auf die Beschreibung und nicht auf die Erklärung. Sie bevorzugt die unmittelbare und konkrete Beobachtung und verzichtet auf Interpretationen. Jedes Detail der Beschreibung eines Erlebens wird als gleichwertig und gleichbedeutend behandelt. Dadurch wird jede vergleichende Zuweisung von Bedeutung vermieden, die dazu führen könnte, dass Details kategorisiert oder privilegiert werden. Das Ziel dieser phä-nomenologischen Praxis ist einfaches Gewahrsein ohne Wertung.
Feldtheorie
Ein Aspekt des phänomenologischen Ansatzes, der für die Gestaltpraxis besonders relevant geworden ist, wird als „Feldtheorie“ bezeichnet. Die phänomenale Welt eines Individuums kann als ein „Feld“ konzeptualisiert werden, das sowohl eine Umweltdimension als auch eine persönliche Dimension hat. Die Umweltdimension besteht aus dem äußeren Milieu, in dem ein Individuum lebt. Die persönliche Dimension hingegen besteht aus kognitivem, sensorischem und wahrnehmungsbezogenem Erleben, einschließlich aller subjektiven Phänomene. Die Gesamtheit des Erlebens einer Person ist gekennzeichnet durch ein sich veränderndes Gewahrsein innerhalb des einheitlichen Feldes ihrer äußeren und inneren Welt. Idealerweise stellt sich ein Gestaltpraktiker auf die Felddynamik eines Initiators ein, um effektiv mit der Art und Weise zu arbeiten, wie dieser sein Gewahrsein organisiert.
Aus der Perspektive der Feldtheorie ist das Selbst ein phänomenologisches Konzept, welches das Gewahrsein organisiert. Dieses Selbstkonzept wird durch die Interaktion zwischen dem Selbst und dem Anderen geschaffen. Carl Rogers, der humanistische Psychologe, nahm eine phänomenologische Perspektive ein, um seine Theorie des Selbstkonzepts zu entwickeln, das er als die Gesamtgestalt aller Arten, wie Menschen sich selbst und andere erleben, beschrieb. Wie der andere erlebt wird, hängt von dem Erleben des Selbst ab und umgekehrt. Die Kontinuität des Selbst ist ein Merkmal des Feldes und nicht etwas, das der Person innewohnt. Für Rogers liegt eine psychologische Fehlanpassung vor, wenn der Organismus das Gewahrsein jener Erlebnisse verweigert, die folglich nicht in einer Gestalt des Selbst organisiert werden können. Wenn hingegen eine Person in der Lage ist, alle ihre erlebten Erfahrungen zu akzeptieren, ist sie nach Rogers in der Lage, ein integriertes Selbstkonzept zu bilden. Aus der Sicht von Rogers ist eine Fehlanpassung die Starrheit eines unterentwickelten Selbstkonzepts, das in einem undeutlichen und künstlich begrenzten Erlebensfeld existiert. In der Gestaltpraxis ist das operante Paradigma die unvoreingenommene Erkundung aller erfahrenen Erlebnisse, die zum phänomenalen Feld des Initiators beitragen könnten – unabhängig davon, ob diese erlebten Erfahrungen lästig oder angenehm, langweilig oder aufregend sind bzw. nicht sind. Das Ziel dieser Übungsmethode ist es, die Fähigkeit einer Person zu fördern, ein integriertes Selbst zu werden, eingebettet in ihr Feld.
So wie die Phänomenologie Grundlage des Existenzialismus ist, ist auch die Gestalttherapie ein im Wesentlichen existenzieller Prozess. Der Existenzialismus konzentriert sich auf die unmittelbare Existenz – die Herausforderungen des Lebens, wie sie direkt erlebt werden, einschließlich des Erlebens von Beziehungen zu anderen. Die meisten Menschen funktionieren im abstrakten Kontext des konventionellen Denkens, welches das tatsächlich Existierende verdunkelt oder nicht wahrhaben will. Dies trifft insbesondere auf das eigene Gewahrsein der Welt und der eigenen Entscheidungen in dieser Welt zu.
Selbsttäuschung ist die Grundlage für ein nicht authentisches Leben – ein Leben, das nicht auf der Wahrheit der eigenen Existenz in der Welt beruht. Ein nicht authentisches Leben führt zu Gefühlen der Leere und Schuld. Das existenzielle Ideal geht davon aus, dass sich der Mensch durch seine Entscheidungen immer wieder neu erfindet. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen und neue Möglichkeiten, denen zu begegnen ist. Indem sie ihre Gewahrseinsfähigkeit entwickeln, erwerben Menschen Wahlfreiheit. Dann können sie anfangen, ihre eigene Existenz sinnvoll zu gestalten. Die Gestaltpraxis lehrt die Menschen, authentisch zu werden und die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen.
Beziehung
Ein weiteres wichtiges Grundelement der Gestaltpraxis ist die Beziehung zwischen Reflektor und Initiator – eine Beziehung, die im Idealfall einen zweifelsfreien zwischenmenschlichen Kontakt gestaltet. Auf einem existenziellen Verständnis von Beziehung gründend, bildet die Begegnung einen unentbehrlichen Teil der Gestaltmethodik.
Kontakt ist das Erleben der Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen. Es ist das Erleben, mit dem anderen zu interagieren, während die Selbst-Identität aufrechterhalten wird. Durch Kontakt wachsen Menschen und entwickeln Identität. Durch Begegnung wachsen Beziehungen aus diesem Kontakt heraus.
Begegnung lässt Fähigkeiten zu gesundem Kontakt wachsen. Die Gestaltpraxis lehrt Menschen, wie sie eine angemessene Unterstützung entwickeln, um anderen begegnen zu können. Diese Unterstützung stellt die Ressourcen bereit, die Kontakt möglich machen – einschließlich körperlicher Unterstützung, Atmung, klarer Wahrnehmung, Erregung, Einfühlungsvermögen und direktem Sprechen. Ein ausreichender Zugang zu all diesen Ressourcen ist notwendig, um einen zufriedenstellenden Kontakt aufrechtzuerhalten.
Die Begegnung basiert auf dem Erleben einer anderen Person, wie sie wirklich ist, während man sein wahres Selbst zeigt und sein Gewahrsein unverstellt mitteilt. Ein solcher Kontakt ist geprägt von Fürsorge, Wärme, Akzeptanz und Selbstverantwortung. Begegnung verkörpert Authentizität und Verantwortung. Martin Buber sagte, dass eine Person (ein „Ich“) nur in Beziehung zu einer anderen Person (einem „Du“ oder einem „Es“) Bedeutung hat, entweder in einer echten „Ich-Du“-Begegnung oder in einer manipulativen „Ich-Es“-Transaktion. Wenn ein Therapeut den therapeutischen Prozess auf ein bestimmtes Verhaltensziel hin manipuliert, kann der Patient nicht die Verantwortung für sein eigenes Wachstum und seine Selbst-Unterstützung übernehmen. Aus diesem Grund arbeitet ein Gestaltpraktiker mit einem Initiator durch eine echte „Ich-Du“-Begegnung und nicht durch therapeutische Manipulation.
Die existenzielle Beziehung, die zwischen dem Initiator und dem Reflektor in der Gestaltpraxis hergestellt wird, betont den empathischen Charakter der Begegnung. Dieser erfordert es, dass der Reflektor so vollständig wie möglich in das Erleben des Initiators eintritt, ohne zu urteilen, während er gleichzeitig ein Gespür des Getrenntseins und der Autonomie aufrechterhält. Empathie bietet ein sicheres Umfeld für die Arbeit des Initiators. Der empathische Kontakt hilft dabei, das Selbst-Gewahrsein des Initiators zu fördern, indem er die Bedeutung seines Erlebens betont.
Präsenz
Ein weiteres Merkmal der Begegnung ist die Präsenz, d. h. das echte Erlebnis dessen was ist. Ein Gestalt-Reflektor drückt sein unverfälschtes Erleben gegenüber einem Initiator aus, indem er regelmäßig seine Beobachtungen, seine Gefühle, sein persönliches Erleben und seine Gedanken mitteilt. Ein Gestaltpraktiker berichtet modellhaft über sein eigenes Gewahrsein, was dem Initiator dabei hilft, etwas über unverfälschte Kommunikation zu lernen. Würde sich der Praktiker ausschließlich auf theoriebasierte Interventionen statt auf echte persönliche Präsenz verlassen, würde er den Initiator in die Abhängigkeit von Ideen führen, anstelle zu zweifelsfreien zwischenmenschlichen Beziehungen.
Ein zusätzlicher Aspekt der Präsenz ist ihre existenzielle Qualität als unmittelbares Erleben – hineingeworfen in das fortlaufende Gewebe der Zeit. Gestalt beinhaltet die Idee, dass eine echte Begegnung etwas tatsächlich Gelebtes ist und nicht nur etwas, worüber man spricht. Bei dieser Art von Erleben stehen Energie, Erregung und Unmittelbarkeit im Vordergrund. Neben dem Sprechen kann der Modus einer solchen Begegnung auch Bewegung, Gesang, Berührung, Malen oder jede andere Ausdrucksform umfassen, die die eigene unmittelbare Präsenz vermittelt. Die Gestaltpraxis erweitert die Grenzen der Kommunikation durch den Einsatz des nonverbalen Ausdrucks und fördert auf diese Weise den transparenten Austausch zwischen echten Menschen.
Theorie der Persönlichkeit
Die Gestalttheorie der Persönlichkeit entwickelte sich hauptsächlich aus den klinischen Erfahrungen von Fritz Perls. Er konzentrierte sich auf die Entwicklung eines Modells, das die Arbeit des persönlichen Wachstums unterstützt, und nicht auf die Formulierung einer akademischen Theorie der Persönlichkeitsmerkmale. Die Konstrukte der Gestaltpersönlichkeitstheorie basieren also eher auf der Praxis im Hier und Jetzt als auf der Ätiologie. Sie sind eher erlebensbasiert als hypothetisch.
Die Kontaktgrenze
Nach der Persönlichkeitstheorie der Gestaltarbeit existiert eine Person, indem sie sich von anderen unterscheidet und sich mit anderen verbindet. Dies sind die beiden Funktionen, die sich an der Kontaktgrenze abspielen. Um einen guten Kontakt herzustellen, ist es notwendig, die eigenen Grenzen zu entdecken und das Risiko einzugehen, auf andere zuzugehen. Zu einer wirksamen Selbstregulierung gehört der Kontakt. Während des Prozesses der Kontaktaufnahme wird eine Person dessen gewahr, was in der Umgebung neu ist und entweder nährend oder toxisch sein kann. Im Idealfall wird das, was nahrhaft ist, aufgenommen, und das, was toxisch ist, wird abgelehnt. Diese Art von differenziertem Kontakt führt zu Wachstum.
Bedürfnisse, Unterscheidung und Homöostase
In der Gestaltpraxis wird der Stoffwechsel als grundlegende Metapher für das psychologische Funktionieren verwendet. Menschen haben Bedürfnisse. Sie wachsen, indem sie Bedürfnisse befriedigen – indem sie ein Stück der Umwelt aufnehmen, sei es Nahrung, Ideen oder Beziehungen. Dann verdauen sie das Aufgenommene, denken darüber nach und entdecken, ob es nahrhaft oder giftig ist. Wenn es nahrhaft ist, assimilieren sie es im Idealfall, machen es zu einem Teil von sich selbst und wachsen dadurch. Wenn es toxisch ist, lehnen sie es im Idealfall ab und stoßen es aus sich heraus. Aus psychologischer Sicht erfordert dieser Prozess, dass der Mensch bereit ist, sich selbst und seinem Unterscheidungsvermögen zu vertrauen.
Unterscheidungsvermögen erfordert die aktive Wahrnehmung äußerer Reize und die Verarbeitung dieser Reize zusammen mit den inneren Reaktionen, die sie auslösen. Unterscheidung erfordert also ein Gewahrsein für das Grenzerleben. Die Grenze zwischen dem Selbst und der Umwelt muss durchlässig gehalten werden, um einen Austausch zu ermöglichen, aber auch fest genug, um die Autonomie zu wahren. Die Umwelt kann Giftstoffe enthalten, die es auszuscheiden gilt. Und selbst die Nahrungsaufnahme muss je nach Bedarf reguliert werden.
Diese quasi-metabolischen Prozesse werden durch die Funktion der Homöostase gesteuert. Die Befriedigung von Bedürfnissen durch den Kontakt mit und die Aufnahme von Aspekten der Umwelt hält die Homöostase aufrecht. Im Idealfall versorgt das dringendste Bedürfnis den Organismus so lange mit Energie, bis dieses Bedürfnis befriedigt ist oder durch ein anderes aufkommendes Bedürfnis verdrängt wird. Das Leben ist eine Abfolge von Bedürfnissen, wobei die Befriedigung eines Bedürfnisses ein momentanes homöostatisches Gleichgewicht schafft, auf das im nächsten Moment ein neues Bedürfnis folgt.
Wenn die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen aufgelöst und unklar oder starr und undurchlässig wird – mit anderen Worten, wenn das Gewahrsein beeinträchtigt ist – kommt es zu einer Störung der Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen – einer Störung des Kontakts. Bei einer gut funktionierenden Grenze wechseln die Menschen zwischen Verbindung und Trennung, zwischen Kontakt und Rückzug ab. Aber dieser natürliche Rhythmus von Kontakt und Rückzug kann durch eine Störung der Kontaktgrenze beeinträchtigt werden.
Die Widerstände
Die Kontaktgrenze kann auf entgegengesetzte Weise verloren gehen, nämlich durch Zusammenfluss oder Isolation. Bei Konfluenz wird die Trennung und Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen so unklar, dass sich die Grenze auflöst. (Das Standardbeispiel für Konfluenz ist ein, Säugling, der gestillt wird.) Es gibt nur Anklammern. Es gibt keinen Rückzug. Aber in der Isolation wird die Grenze derartig undurchlässig, dass jede Verbindung blockiert wird und die Bedeutung der Anderen für das Selbst aus dem Gewahrsein verloren geht. Bedürfnisse werden verdrängt. Es besteht kein Kontakt. Andere Verirrungen, die wie diese an der Kontaktgrenze stattfinden, können als die Widerstände der Retroflektion, Introjektion, Projektion oder Deflektion beschrieben werden.
Bei der Retroflektion handelt es sich um eine Spaltung des Selbst und eine Rückbesinnung auf das Selbst. Dabei wird das Selbst durch die Umwelt ersetzt, indem man sich selbst das antut, was man einem anderen antun möchte, oder indem man für sich selbst das tut, was man von einem anderen möchte. Selbst zugefügter Schaden kann aus retroflektierter Wut resultieren, die eigentlich auf einen anderen gerichtet sein sollte. Die Illusion der Selbstgenügsamkeit ist ein weiteres Beispiel für die Retroflektion, weil sie die Umwelt durch das Selbst und die Erfüllung durch die Phantasie ersetzt. Dieser Mechanismus führt zur Isolation. Allerdings kann retroflektierendes Verhalten unter besonderen Umständen vorübergehend funktionieren – zum Beispiel, wenn jemand beschließt, den Mund zu halten, anstatt etwas Schädliches zu sagen.
Introjektion ist ein Prozess, bei dem ein Aspekt der Umwelt ohne Unterscheidung oder Assimilation absorbiert wird. Introjizierte Werte und Verhaltensweisen sind selbst auferlegte Einschränkungen, die von anderen ohne unabhängige Bewertung übernommen werden. Typischerweise übernimmt das Kind eines überheblichen Elternteils Werte, die nicht unbedingt angemessen sind. Durch das Verschlucken des Ganzen entsteht ein falsches Selbst. Aber wie bei allen Grenzstörungen kann das Verschlucken des Ganzen entweder gesund oder pathologisch sein, je nach den Umständen und dem Grad des Gewahrseins, mit dem es durchgeführt wird. Ein Student zum Beispiel, der vor einer Prüfung paukt, kann sich die Antworten, zumindest vorübergehend einprägen und wiederkäuen, auch ohne die Informationen vollständig verinnerlicht zu haben.
Projektion ist eine Spaltung innerhalb des Selbst, begleitet von einer Verwechslung von Selbst und Anderem, die dazu führt, dass wir den abgespaltenen Aspekt, der eigentlich zum Selbst gehört, einem äußeren Wesen zuschreiben. Mit anderen Worten, wir sehen in anderen (und manchmal in anderen Dingen) die abgespaltenen Teile von uns selbst. Natürlich gäbe es ohne ein gewisses Maß an Projektion keine Kommunikation, denn wir müssen uns eine erste Theorie darüber machen, wie eine andere Person ist, um mit ihr in Kontakt zu treten. Aber pathologische Projektion resultiert daraus, dass man der Facetten des Selbst, die man fälschlicherweise dem anderen zuschreibt, nicht gewahr ist und die Verantwortung für sie nicht akzeptiert. Die Grenzunterscheidung geht verloren.
Deflektion ist die Vermeidung von Kontakt durch körperliche, rhetorische oder emotionale Abwendung. Typischerweise geschieht dies, wenn jemand ausweicht, anstatt direkt zu sein. Deflektion kann eine Möglichkeit sein, Bedürfnisse nicht direkt auszudrücken, oder sie kann von jemandem genutzt werden, der nicht in der Lage ist, zu empfangen. Im ersten Fall ist die Person ineffektiv und ärgert sich darüber, dass sie nicht bekommt, was sie will. Im zweiten Fall fühlt sich die Person in der Regel von echtem menschlichem Kontakt nicht berührt. Natürlich kann Deflektion nützlich sein, wenn sie mit Gewahrsein praktiziert wird, je nach den Erfordernissen der Situation – zum Beispiel, wenn eine schwierige zwischenmenschliche Interaktion vermieden werden soll. Andere Beispiele für Ablenkungsmanöver sind, dass man eine Person nicht anschaut, dass man sich wortreich und vage ausdrückt, dass man untertreibt und dass man über jemanden spricht, anstatt ihn direkt anzusprechen.
Organismische Selbstregulierung
Grenzstörungen haben negative Auswirkungen auf die Selbstregulation. In unterschiedlichem Maße ist die persönliche Regulierung entweder organismisch, d. h. sie beruht auf einem relativ vollständigen und genauen Gewahrsein dessen, was wirklich geschieht. Oder sie ist mechanistisch, d. h. sie beruht auf der willkürlichen Auferlegung einer unangemessenen Form der Kontrolle. Im Idealfall gibt es nur eine Sache, die kontrolliert – nämlich die Situation – und nicht ein vorsätzliches Verhaltensprogramm, das auf dem Scheitern eines robusten Kontakts beruht. Echte Selbstregulierung entsteht nicht durch irgendein künstliches Programm der Selbstkontrolle. Echte Selbstregulierung entsteht durch offenen Kontakt und Gewahrsein der unmittelbaren Situation, einschließlich der eigenen gegenwärtigen Bedürfnisse, und nicht durch Übereinstimmung mit dem, was geschehen „sollte“.
Bedürfnis, Auswahl und Assimilation geschehen ganzheitlich durch einen organismischen Prozess der Selbstregulierung – mit natürlicher Integration von Geist und Körper, Denken und Fühlen – und mit Spontaneität. Bei einer mechanistischen Regulierung hingegen wird die Reaktion durch starre, vorsätzliche Verhaltensmuster überkontrolliert, und es findet eine Spaltung des Selbst statt. Es gibt kein integriertes Gefühl mehr für ein Wesen, das als Ganzes funktioniert. Stattdessen kommt es zu Konflikten.
Mangelnde Integration ist gekennzeichnet durch Spaltungen innerhalb des Selbst – zwischen Geist und Körper, Denken und Fühlen, Gut und Böse, Infantilismus und Reife. Die Gestaltpraxis kann jedoch einen inneren Dialog zwischen diesen Polen anregen und eine Beziehung zwischen diesen abgespaltenen Bestandteilen des Selbst wiederherstellen und sie zurück zur Integration bringen. Mit Gewahrsein können alle diese Spaltungen – zum Beispiel zwischen dem idealen Selbst und dem bedürftigen Kind, zwischen Rationalität und Wahn, zwischen gesellschaftlichen Normen und persönlichen Bedürfnissen – geheilt werden. Diese Konflikte können akzeptiert und integriert werden. Die organismische Selbstregulierung und Integration erfährt eine Wiederherstellung.
Gewahrsein
Es liegt auf der Hand, dass nicht alles, was für die Regulierung der Kontaktgrenzen relevant ist, ständig im vollen Gewahrsein gehalten werden kann. Die meisten Vorgänge werden automatisch oder gewohnheitsmäßig und mit minimalem Gewahrsein abgewickelt. Die organismische Selbstregulierung setzt jedoch voraus, dass das, was ansonsten gewohnheitsmäßig abläuft, bei Bedarf in das volle Gewahrsein eintreten kann. Das Ausbleibende spontane Auftauchen solcher Inhalte im Gewahrsein deutet auf eine Störung der Bedingungen an der Grenze hin.
Dieser Mangel an Gewahrsein ist entweder das Ergebnis davon, dass eine Person nicht in Kontakt mit der äußeren Umgebung ist, weil sie in ihre inneren Sorgen vertieft ist, oder er resultiert daraus, dass eine Person nicht in Kontakt mit ihren inneren Bedürfnissen ist, weil sie auf das fixiert ist, was im Außen vor sich geht. Wenn das Gewahrsein nicht spontan auftaucht und Störungen an der Grenze den Kontakt behindern, ist es durch intensive Anwendung von Gestalttechniken möglich, das Gewahrsein zu erhöhen und einen ausgeglichenen Kontakt wiederherzustellen.
Erhöhtes Gewahrsein ist das wichtigste Werkzeug der Gestaltpraxis. Gewahrsein ist eine Form des Erlebens, die als In-Kontakt-Sein mit der eigenen Existenz beschrieben werden kann – mit dem eigenen Körper, mit dem, was man fühlt, denkt und sich vorstellt, und mit dem, was tatsächlich in der Umgebung geschieht, hier und jetzt. Das Thema der Gestaltpraxis ist das Kontinuum des Gewahrseins – der fortlaufende Prozess der Gestaltbildung, der das dringendste Bedürfnis in den Vordergrund bringt. Dort eröffnet sich die Möglichkeit, das Bedürfnis vollständig zu erleben und zu befriedigen, so dass es schließlich in den Hintergrund zurücktritt. Die Nahrung kann assimiliert oder integriert werden und der Vordergrund ist frei für das nächste aufkommende Bedürfnis.
Wirksames Gewahrsein gründet in dem vorherrschenden gegenwärtigen Bedürfnis des Organismus und wird durch dieses angeregt. Es beinhaltet nicht nur Selbsterkennen, sondern auch ein direktes Erkennen der aktuellen Situation. Jede Verleugnung der Situation und ihrer Anforderungen oder der eigenen Bedürfnisse und des Potenzials zur Befriedigung ist eine Störung des Gewahrseins. Sinnvolles Gewahrsein besteht aus einem Selbst, das in Kontakt mit der Umwelt und dem Anderen steht. Gewahrsein ist keine exklusive, nach innen gerichtete Introspektion. Gewahrsein ist ein Feldphänomen, welches das Andere ganz natürlich einschließt.
Der Akt des Gewahrseins ist immer hier und jetzt, auch wenn der Inhalt des Gewahrseins weit entfernt sein kann. Der Akt des Erinnerns zum Beispiel geschieht jetzt, obwohl das, woran erinnert wird, nicht jetzt ist. Wenn die Situation Wissen über die Vergangenheit oder Antizipation der Zukunft erfordert, berücksichtigt das gegenwärtige Gewahrsein die Fähigkeiten des Erinnerns oder der Planung für die Zukunft.
Das Gewahrsein ist kognitiv, sensorisch, affektiv und instrumentell. Eine Person ist dann nicht voll gewahr und nicht in vollem Kontakt, wenn sie nur ihre Situation erkennt, ohne als Antwort darauf zu wissen, zu fühlen und zu handeln. Ein Mensch, der jedoch gewahr ist, kennt seine Bedürfnisse, seine Alternativen, seine Wahlmöglichkeiten, weiß, was er für sich selbst tun kann und wie er es tun kann. Volles Gewahrsein geht mit In-Besitz-Sein einher, das heißt mit der Kontrolle über das eigene Verhalten, der Wahl des eigenen Verhaltens und der Verantwortung für das eigene Verhalten. Ohne diese Elemente zu sehen, kann eine Person zwar ihrer selbst und ihrer Umgebung gewahr sein, nicht aber ihres Potenzials.
Verantwortung
Gewahrsein erzeugt „Verantwortung“, was im Kontext der Gestaltpraxis bedeutet, „zur Reaktion in der Lage zu sein“. Mit anderen Worten: Eine Person, die gewahr ist, wird zum Hauptverantwortlichen für die Bestimmung ihres eigenen Verhaltens. Wenn Menschen jedoch Verantwortung mit Kontrolle, Zwängen, Schuldzuweisungen oder „Sollen“ verwechseln, setzen sie sich selbst unter Druck, manipulieren sich und „versuchen“, etwas Bestimmtes zu werden. Wenn dies geschieht, ignorieren sie ihre Bedürfnisse und Entscheidungen und fügen sich zu sehr, ärgern sich und rebellieren gegen all das „Sollen“, mit dem sie zurechtkommen müssen. Ihre Fähigkeit, zu reagieren, wird vereitelt.
Gestaltpraktiker betonen die Bedeutung einer klaren Unterscheidung zwischen dem, was man selbst wählt, und dem, was einem von der Umwelt aufgezwungen wird. Die Menschen sind für das verantwortlich, was sie zu tun beschließen. Äußeren Kräften, der Genetik, der Gesellschaft oder den Eltern die Schuld für das zu geben, was man tatsächlich wählt, ist Selbstbetrug. Aber die Verantwortung für das zu übernehmen, was von außen aufgezwungen wird, ist ebenfalls Selbstbetrug. In diesem letzteren Sinne kann ein angemessenes Gewahrsein für Verantwortung tatsächlich befreiend sein.
Verantwortung hängt von der Integrität ab. Während ihrer ethischen Entwicklung übernehmen Kinder viele Verhaltensweisen, Ideen und Werte von ihren Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen. Das Ergebnis ist oft eine starre Erwachsenenmoral und kein organisch konsistentes ethisches Verhaltensmuster. Infolgedessen können sich Erwachsene schuldig fühlen, wenn sie sich in Übereinstimmung mit ihren legitimen Bedürfnissen und Entscheidungen verhalten. Manche Menschen investieren viel Energie in die Aufrechterhaltung der Spaltung zwischen der von außen auferlegten Moral und ihren inneren Bedürfnissen. Die Lösung dieses Konflikts erfordert die Entwicklung echter Integrität im Gegensatz zu einem introjizierten Moralkodex. Introjektion sabotiert die natürliche ethische Entwicklung. Je mehr Menschen gezwungen werden, das zu sein, was sie nicht sind, umso stärkeren Widerstand bauen sie auf, bis ihr Verhalten vorhersehbar wird und Veränderungen sehr schwierig werden.
Veränderung
Das Konzept der Veränderung ist also wichtig für die Wiederentdeckung der Integrität. Die Gestalt-Sichtweise besagt, dass der Kontakt mit dem Gewahrsein – der Besitz, Wahl und Verantwortung einschließt – eine natürliche und spontane Veränderung bewirkt.
Echte Veränderung geschieht nicht durch Zwang. Sie geschieht nur, wenn eine Person authentisch sein kann. Erzwungene Veränderung ist ein Versuch, ein Ideal zu verwirklichen. Echte Veränderung ist jedoch die Verwirklichung des wahren Selbst. Wachstum geschieht durch Gewahrsein und Selbstakzeptanz. Erzwungenes Eingreifen verzögert echte Veränderung.
Veränderung führt zu Integration und gesunder Gestaltbildung. Ein grundlegendes Prinzip der Gestaltbildung ist, dass sich der Hintergrund in die beste Vordergrundgestalt strukturiert, die die Bedingungen zulassen. In Analogie dazu glauben Gestaltpraktiker, dass Menschen einen natürlichen Drang zur Gesundheit haben und dass Gewahrsein die Integration fördert. Gewahrseinsübungen sind das wichtigste Werkzeug, um diesen spontanen Drang nach Gesundheit in Fluss zu bringenV.
Gesundheit ist durch die Bildung von „guten Gestalten“ gekennzeichnet. Dieser Ausdruck beschreibt die Organisation des Wahrnehmungsfeldes mit Struktur und Klarheit. Eine gut geformte Figur hebt sich deutlich von einem weniger deutlichen Hintergrund ab. Die Beziehung zwischen dem, was sich abhebt – der Figur – und dem, was Kontext ist – dem Grund – konstituiert Bedeutung. Bei einer guten Gestalt ist die Bedeutung klar. Das Konzept einer guten Gestalt liefert also eine inhaltsfreie existenzielle Definition von Gesundheit.
Die Befriedigung von Bedürfnissen ist eine Funktion äußerer Faktoren – wie die Verfügbarkeit von Nahrung, anderen Menschen und günstigen natürlichen Bedingungen – sowie innerer Faktoren – wie Hunger, Anziehung und Interesse. In einem Zustand gesunden Funktionierens verändert sich die entstehende Figur, wenn sich die Bedürfnisse ändern. Die Figur verlagert sich auf einen anderen Interessenschwerpunkt, wenn ein Bedürfnis befriedigt ist oder durch ein dringenderes Bedürfnis ersetzt wird. Wenn die normale Figur-Grund-Transformation gestört wird, ist die Befriedigung der Bedürfnisse unterbrochen. Eine zu schnelle Veränderung der Figur verhindert die Befriedigung der Bedürfnisse. Die Befriedigung wird auch verhindert, wenn sich die alte Figur so langsam verändert, dass eine neue Figur keine Chance hat, die Vorherrschaft zu erlangen. Wenn Figur und Grund gestört sind, hat der Mensch eine Figur ohne Kontext oder einen Kontext ohne Fokus. Im gesunden Zustand verschieben sich Figur und Grund reibungslos und das Gewahrsein repräsentiert genau das vorherrschende Bedürfnis.
Kreative Anpassung
Das Gestaltkonzept des gesunden Funktionierens beinhaltet auch den operativen Faktor der kreativen Anpassung. Dabei handelt es sich um den grundlegenden menschlichen Prozess des Gleichgewichts zwischen Bedürfnissen und Ressourcen. Die Grenzen sind frei und das Feld klärt sich auf natürliche Weise.
Techniken, die versuchen, den Prozess der kreativen Anpassung kurzzuschließen, sind partiell und unvollständig. Eine Verhaltensmodifikation, die lediglich das äußere Erreichen der sozialen Anpassung erleichtert, führt nur zu Konformität und stereotyper Existenz. Andererseits birgt eine kognitive Umstrukturierung, die eine Person dazu veranlasst, sich ihrer Umwelt effizienter aufzudrängen, die Gefahr von Narzissmus und egoistischer Isolation. Wer jedoch zu kreativer Anpassung fähig ist, übernimmt die Verantwortung für ein kontinuierliches ökologisches Gleichgewicht zwischen sich und seiner Umgebung.
ImpasseVI
Der „impasse“, die Sackgasse, ist eine Bedrohung für die Gesundheit und ein Hindernis für die kreative Anpassung. Eine Sackgasse ist ein Zustand, in dem eine Person keine Unterstützung von außen erhält, während sie gleichzeitig nicht in der Lage ist, ihre eigene Unterstützung zu mobilisieren. Häufig versucht ein Mensch, der in einem „impasse“ feststeckt, seine Bedürfnisse zu befriedigen, indem er andere anstelle seiner eigenen Ressourcen instrumentalisiert. Eine organismisch selbstregulierende Person hingegen übernimmt die Verantwortung für das, was sie für sich selbst tut, und für das, was ihr von anderen freiwillig angeboten wird. Eine solche Person steht natürlich in einem Austausch mit der Umwelt, aber die grundlegende Unterstützung für ihre Existenz kommt aus ihrem eigenen Selbst. Wenn das Individuum nicht in der Lage ist, sich selbst zu unterstützen, wird die Unterstützung von außen lediglich zu einem Ersatz für die Selbstunterstützung, anstatt eine gegenseitige Interaktion zwischen Selbst und Umwelt zu sein.
In vielen Formen der Psychotherapie wird die Sackgasse, in die ein Patient gerät, wenn er nicht in der Lage ist, sich selbst zu unterstützen, durch die Unterstützung von außen durch einen Therapeuten umgangen. In der Gestaltpraxis leitet man die Initiatoren dazu an, mit einfühlsamer Ermutigung durch einen Praktiker an der Sackgasse zu arbeiten, ohne dass ein Therapeut die Arbeit des Initiators übernimmt – ohne dass ein Therapeut ihn rettet oder infantilisiert.
Wenn man dem Initiator erlaubt, in seiner Sackgasse zu verbleiben und sich dessen gewahr zu werden, wird er schließlich dazu gebracht, seine eigenen persönlichen Ressourcen zu mobilisieren. Erst dann ist er in der Lage, von der Unterstützung durch die Umwelt zur Selbstunterstützung überzugehen. Diese Gestaltstrategie ist als „Frustration“ bezeichnet worden. Aber leider hat die umgangssprachliche Bedeutung dieses Begriffs als Rechtfertigung dafür hergehalten, dass manche Praktiker, welche die Gestalttheorie der Praxis nicht richtig verstehen, einen falschen Umgang mit den Initiatoren pflegen.
Theoretisches zur Praxis
Die Gestaltpraxis ist weder als ein „Heilmittel“ gedacht, noch wurde sie konzipiert, um Symptome zu lindern. Sie will als eine Lebensphilosophie und –übung verstanden werden. Es ist daher für alle Teilnehmer dieser Übungspraxis wichtig, zunächst ihr Wesen zu verstehen. Gestalt ist eine ausgefeilte Gewahrseinsübung, ähnlich wie eine intensive Meditation. Für den Gestaltpraktiker geht es darum, wie gut der Initiator sein Gewahrsein aufrechterhält und wie gut er sich selbst bei der Kontaktaufnahme unterstützt. Gestaltpraxis ist in erster Linie etwas für Menschen, denen es gefällt, mit dem Gewahrsein zu arbeiten, und die ihre Fähigkeiten im Umgang mit ihrem Gewahrseinsprozess entwickeln wollen. Dann erleichtert die Gestaltpraxis durchaus das Lösen von Problemen, indem sie die Selbstwahrnehmung, die Selbstunterstützung und die Selbstregulierung verbessert.
Arbeit
In jedem Fall wollen die meisten Menschen, die mit der Gestaltpraxis beginnen, von einem Problem in ihrem Leben befreit werden. Oft erwarten Sie jedoch, dass die Veränderung von einem Therapeuten herbeigeführt wird, der für sie an dem Problem arbeitet, und nicht durch ihre eigenen Bemühungen. Für diejenigen, die eine sofortige Linderung ihrer psychischen Symptome wünschen, sind jedoch instrumentelle Formen der Psychotherapie, wie z. B. kognitive Verhaltenstherapie oder Medikamenteneinnahme vielleicht besser geeignet. Allerdings bedeutet die anfängliche Abneigung eines Initiators gegen die Gewahrseinspraxis nicht automatisch, dass er nicht arbeiten will. Gewahrseinsübungen erfordern echte Anstrengung und es kann Blockaden geben, die überwunden werden müssen, um diese anstrengende Arbeit möglich zu machen. Ein Gestaltpraktiker hat die Möglichkeit, die Anstrengung eines Initiators zu unterstützen, der erleben möchte, wie es dazu kommt, dass innere Widerstände, zum Beispiel Gewohnheiten, Schuldgefühle oder Erinnerungen an traumatische Verletzungen, ihn am unmittelbaren Erfolg der Gewahrseinspraxis hindern.
So ist ein Gestaltpraktiker eher als ein Führer anzusehen. Anstatt Distanz zu wahren und lediglich ein Symptom zu behandeln, begegnet er als Gestalt-Reflektor dem Initiator unmittelbar und leitet dessen Gewahrseinsübung an. Die Präsenz des Praktikers ist ehrlich und direkt. Dem Initiator kann gesagt werden, was der Reflektor erlebt und wie er sich fühlt. Wachstum entsteht durch authentischen Kontakt zwischen ebenbürtigen Menschen. In der Gestaltpraxis sind der Initiator und der Reflektor gleichberechtigt. Sie sprechen die gleiche Sprache – die Sprache des gegenwärtigen Gewahrseins – und betonen das direkte Erleben beider Teilnehmer. Die Beziehung zwischen den Praktikern ist horizontal – ganz anders als bei therapeutischen Interventionen durch einen „Experten“. In der Psychotherapie ist der Patient ein „Laie“, der nicht über den theoretischen Hintergrund verfügt, um eine Therapie durchzuführen. In der Gestaltpraxis hingegen wird die gegenwärtige Erlebensfähigkeit des Initiators anerkannt, ebenso wie die Beobachtungen des Reflektors über das, was im gegenwärtigen Gewahrsein des Initiators noch nicht vorhanden ist, aber durch Übung erfahren werden kann. Dies ermöglicht es dem Initiator, ein gleichberechtigter Partner zu sein, der vollen Zugang zu allen Informationen hat, die für seine eigene Transformation notwendig sind.
Ein wichtiger Aspekt der Gestalt-Beziehung ist die Frage der Verantwortung für die Arbeit. Die Gestaltpraxis geht davon aus, dass sowohl der Reflektor als auch der Initiator verantwortliche Akteure sind. Wenn ein Reflektor sich fälschlicherweise als verantwortlich für den Initiator ansieht, wird er sich mit der mangelnden Selbstverantwortung des Initiators einverstanden erklären und dadurch den Wunsch nach externer Unterstützung verstärken, der auf der Überzeugung beruht, dass der Initiator nicht in der Lage ist, sich selbst zu unterstützen und zu regulieren. Es ist jedoch nicht ausreichend, wenn ein Praktiker einzig und allein selbstverantwortlich ist – es gibt auch eine Beziehung zwischen Initiator und Reflektor, die sorgfältig beobachtet werden muss. Reflektoren sind für die Schaffung und Aufrechterhaltung einer Atmosphäre der Einbeziehung verantwortlich. Sie sind verantwortlich für die Qualität ihrer Präsenz, für die Aufrechterhaltung einer nicht wertenden Haltung und dafür, dass ihr eigenes Gewahrsein und ihre Kontaktprozesse klar und auf den Initiator abgestimmt sind.
In der Gestaltarbeit ist das einzige explizite Ziel die Steigerung des Gewahrseins. Dazu gehört ein gesteigertes Gewahrsein für die körperlichen, sensorischen, wahrnehmungsbezogenen, emotionalen und kognitiven Erlebensbereiche sowie eine größere Aufmerksamkeit für undeutliche Denk- und Verhaltensweisen, die ansonsten leicht übersehen werden. Der Initiator lernt, inwiefern sein Gewahrsein eingeschränkt ist, und zwar nicht dadurch, dass er über seine Probleme spricht, sondern dadurch, dass er lernt, wie er einen besseren Kontakt zu dem aufnehmen kann, was er tut. Die Gestaltpraxis umfasst eine breite Palette von Techniken, von einfachen Gewahrseinsexperimenten bis hin zu Übungen, die auf den Erfahrungen des Praktizierenden mit dem Initiator basieren. Aber all das ist zweitrangig gegenüber der Beobachtung des direkten Gewahrseins.
Kein „Sollte“
Die Gestaltpraxis ist eher eine Erkundung als eine Verhaltensänderung. In der Gestaltpraxis gibt es kein „Sollte“. Es gibt keine Imperative oder Anordnungen. Die Autonomie und Selbstbestimmung der Gestalt-Praktizierenden wird höher bewertet als externe Kriterien. Die Ethik des „Nicht-Sollens“ hat Vorrang vor allen Zielen.
Der allgemeine Ansatz der Gestaltpraxis besteht darin, jene Art von Gewahrseinsbeobachtung zu erleichtern, welche das vollständige Gelingen des Entfaltungsprozesses ermöglicht. Die Gestaltpraxis fördert das Gewahrsein in einer Weise, die Wachstum ohne direkte Intervention ermöglicht. Dies wird durch das Erlernen der Grundlagen der Gewahrseins-übung erreicht, so dass die Praxis vom Initiator selbst weiweitergeführt werden kann. Während einer Sitzung greift der Reflektor nur bei Bedarf ein und bietet nur das Maß an Unterstützung, das zur Förderung der Selbstentdeckung notwendig ist. Gestalt betont damit die eigenen Ressourcen des Initiators zur Selbstentdeckung. Als Ergebnis einer Gestalt-Sitzung kann der Initiator beschließen, nach dem Ende der Sitzung eine Gewahrseinsübung wie eine Meditation selbst durchzuführen. Auf diese Weise wird die Gewahrseinspraxis zu einem kontinuierlichen Wachstumsprozess. Es werden aber in der Gestaltpraxis keine Hausaufgaben gestellt.
Integration
Eine erfolgreiche Praxis fördert die kontinuierliche Integration. Die Ablehnung von Empfindungen, Gefühlen, Gedanken oder Handlungen einer Person führt zu einer Entfremdung. Eine geschickte Begleitung ermöglicht es der Person, wieder ganz zu werden. Die Aufgabe eines Gestaltpraktikers besteht darin, den Initiator zu ermutigen, sich der zuvor entfremdeten Teile seiner selbst gewahr zu werden und sie zu assimilieren, bis der Integrationsprozess selbstverwirklichend wird. Das letztendliche Ziel jeder Intervention durch einen Reflektor ist das Erreichen eines ausreichenden Grades an Integration, der dann eine weitere Entwicklung aus eigener Kraft ermöglicht.
Eine Person beginnt die Gestaltpraxis in der Regel mit einem eingeschränkten Gewahrsein für ihre eigenen Bedürfnisse und Stärken – sie widersetzt sich ihrer organismischen Selbstregulierung, anstatt sie zu unterstützen. Menschen versuchen oft, jemand anderen dazu zu bringen, das für sie zu tun, was sie glauben, nicht für sich selbst tun zu können. Wenn ein Reflektor sich dem fälschlicherweise fügt, wird der Initiator nicht angeleitet, sein verlorenes Potenzial wiederzuerlangen und zu integrieren. Er kann dann weder die organismische Selbstregulierung entdecken, noch kann er dazu kommen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Er wird nicht herausfinden, dass er die Kraft hat, autonom zu existieren. Ein geschickter Reflektor wendet daher die richtige Mischung aus Unterstützung und Distanz an. Ein Gestaltpraktiker erforscht die Bedürfnisse des Initiators, anstatt sie zu befriedigen. Das kann für den Initiator ein frustrierendes Erlebnis sein. Das Anbieten von Kontakt ist unterstützend, aber geschickter Kontakt kann auch als frustrierend erlebt werden. Der Gestalt-Reflektor behält seinen eigenen Sinn für Autonomie bei, während er den Initiator in seinen Erkundungen ermutigt – einschließlich der Erkundung des Wunsches des Initiators nach Nachgiebigkeit. Ein ausgewogenes Verhältnis von Einfühlungsvermögen und Entschlossenheit wird für den Veränderungsprozess wichtig. Der Initiator lernt allmählich, gewahr und verantwortungsbewusst zu werden, und sein Funktionieren an der Grenze verbessert sich. Infolgedessen erwirbt er Fähigkeiten, die weitere noch tiefere Erkundungen ermöglichen.
Das Paradoxe an der Veränderung ist, dass man umso mehr derselbe bleibt, je mehr man versucht, etwas zu sein, was man nicht ist. Umgekehrt unterstützen die Bedingungen der Ganzheitlichkeit und des Wachstums automatisch den Wandel, wenn sich jemand mit seinem aktuellen Erleben identifiziert. Mit anderen Worten: Veränderung entsteht durch die volle Akzeptanz dessen, was ist, und nicht durch das Streben, anders zu sein.
Viele Menschen konzentrieren sich auf das, was sie „sein sollten“, während sie sich gleichzeitig gegen dieses „Sollen“ wehren und sich somit in Konflikten verstricken. Das Gestalt-Medium für echte Veränderung ist die Beziehung eines Initiators zu einem Gestaltpraktiker, der mit dem Initiator echten Kontakt herstellt, ihn akzeptiert und ihm aufrichtig begegnet. Die Anwesenheit des Gestalt-Reflektors kann dann die Integration fördern, weil sie den Initiator ermutigt, seine widersprüchlichen Rollen zu identifizieren, indem er diese Rollen ins gegenwärtige Gewahrsein bringt, wo echte Veränderung möglich wird.
Rollen
Fritz Perls entwickelte ein Rollenschema, das den Mechanismus beschreibt, der Veränderungen verhindert. Seiner Ansicht nach besteht der Charakter aus fünf Schichten. Die erste Schicht ist die Klischeeschicht der Rollen. Diese Rollen sind die bedeutungslosen Merkmale des Verhaltens, wie gewohnheitsmäßige Begrüßungen und Händeschütteln. Sie können leicht umgangen werden, sobald sie ins Gewahrsein gerückt werden. Hinter diesen Klischees verbirgt sich eine zweite Ebene mit ausgefeilteren zwischenmenschlichen Spielen. Dies ist die manipulative soziale Ebene, auf der die Menschen vorgeben, besser, stärker, schwächer oder höflicher zu sein, als sie es tatsächlich sind. Wenn diese
