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„Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle! Gerade für traumatisierte, gläubige Menschen ist die Chance auf Besserung ihrer Probleme oder sogar auf Heilung sehr groß, wenn sie die richtige Hilfe bekommen.“ Seelsorger, Berater, Therapeuten haben zunehmend mit traumatisierten Menschen zu tun. Die Ratsuchenden sind verzweifelt, kommen mit ihrem Leben nicht zurecht, erleben inneres Chaos. Trotz aller Bemühungen scheint sich wenig zu verändern. Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind die Folge. Dieses Handbuch richtet sich an alle Wegbegleiter traumatisierter Menschen. Es will informieren, Verständnis wecken, Verstehen fördern und praktische Hilfestellung geben. Der erste Teil des Handbuchs zur Traumabegleitung vermittelt grundlegende Kenntnisse zu den Themen: Trauma und Folgen, posttraumatische Störungen, Dissoziation und Therapiemöglichkeiten. Der zweite Teil beschreibt eine Traumabegleitung, bei der die Erkenntnisse der modernen Traumatherapie mit dem christlichen Glauben und Gottes heilender Kraft zusammenwirken. Mit vielen Erklärungen, Beispielen aus der Praxis, persönlichen Berichten Betroffener und eindrücklichen Abbildungen lässt sich das Handbuch von jedermann gut lesen und verstehen, ob „Laie“ oder „Profi“.
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Seitenzahl: 570
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Ursula Roderus
Handbuch zurTraumabegleitung
Hilfen für Seelsorger, Berater und Therapeuten
Copyright © 2011 by Asaph-Verlag
3. Auflage 2018
Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf
(unter Verwendung eines Fotos von fotolia.de)
Satz/DTP: Jens Wirth
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
Bibelzitate sind der Übersetzung „Neues Leben“, Brockhaus, entnommen bzw. folgendermaßen gekennzeichnet:
GN – Gute Nachricht Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft
REÜ – Revidierte Elberfelder Übersetzung, Brockhaus
Hfa – Hoffnung für alle, Brunnen
L – Luther, Deutsche Bibelgesellschaft
ISBN 978-3-940188-38-0
Best.-Nr. 147438
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Fontis Media GmbH, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid,
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Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Der zerbrochene Krug
Gottes Wort für Wegbegleiter
Einleitung
Trauma und Folgen – ein aktuelles Thema
Eine Brücke schlagen
Querdenken erwünscht
An wen richtet sich das Buch?
Meine Prägungen
Was erwartet Sie in diesem Buch?
Teil I: Wissenswertes
Trauma – Ursachen und Auswirkungen
Was ist ein Trauma?
Häufigkeit von Traumata und Folgen
Welche Ursachen gibt es?
Familiengeheimnis
Emotionaler und körperlicher Missbrauch
Sexueller Missbrauch
Geistlicher Missbrauch
Weitere Kindheits-Traumata
Traumatypen und andere Unterscheidungen
Schädigende und schützende Faktoren
Folgestörungen
Die Ursache: „Giftiger Stress“
Die Traumafolgestörungen im Überblick
Posttraumatische Belastungsreaktion
Posttraumatische Belastungsstörung – PTBS
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung
Dissoziative Identitätsstörung (ehemals „Multiple Persönlichkeitsstörung“)
„Nicht näher bezeichnete dissoziative Störung“
Borderline-Persönlichkeitsstörung
Weitere Diagnosen
Ein weiter Weg
Diagnosestellung
Ausblick
Traumatisierte Menschen verstehen
Was ist nur mit mir los?
Gefühlswelt
Verwirrung
Erinnerungen überfluten
Schuld und Scham
Alles tun, um geliebt zu werden
Körperbeziehung
Der Körper trägt den Schmerz
Körperwahrnehmung
Sexualität
Selbstverletzungen
Was nicht sein darf, ist nicht
Beziehungsstörungen
Nähe und Distanz
Schutzmauern
Gottesbeziehung
Der Lebensgarten
Dissoziation – Fluchtweg der Seele
Warum ist Dissoziation Folge von Trauma?
Was geschieht bei Dissoziation?
Erscheinungsformen der Dissoziation
Alltagsdissoziation
Strukturelle Dissoziation
Schweregrade der strukturellen Dissoziation
Trauma und Bindung
Urvertrauen als gesunde Basis
Mangel an Bindung
Weitergabe von Traumata über Generationen
Was passiert im Gehirn?
Verarbeitungsweg der Informationen
Die Geschichte von Amy und Hippo
Ist es denn auch wahr?
Dissoziation verstehen
Dissoziation als Bewältigungsmechanismus
Täteranteile – innere Feinde
Jeder Persönlichkeitsanteil hat eine Aufgabe
Die Dissoziative Identitätsstörung
Einblick in die allgemeine Traumatherapie
Therapie – eine wichtige Option
Erste Schritte
Therapieformen
Die Prinzipien der allgemeinen Traumatherapie
Phasen der allgemeinen Traumatherapie
Stabilisierung und Ressourcenmobilisation
Trauma-Exposition
Trauma-Integration
Lebensbegleitung im Alltag (Ulrike Willmeroth)
Der ganz normale Alltagswahnsinn
Gesundheit
Arbeit und individuelle Belastbarkeitsgrenze
Arbeitssuche
Betreuung, betreutes Wohnen
Hilfsorganisationen und weiterführende Hilfsangebote
Opferentschädigungsgesetz
Schlusswort
Teil II: Ein christlicher Wiederherstellungsweg
Grundlagen
Der Lebensgarten soll wieder blühen
Wiederherstellung mit Gottes Hilfe
Glaubensbasis
Das biblische Menschenbild
Gottesbild
Zur Beziehung geschaffen
Die Bibel – Quelle der Wahrheit
Folgerungen
Unser Auftrag
Etappe 1: Vertrauensaufbau, Erkenntnis und Stabilisierung
Vertrauensaufbau und Beziehungsgestaltung
Warum ist Vertrauen so schwer?
Anforderungen an den Wegbegleiter
Entscheidungsfreiheit achten und fördern
Modell für gute Bindung sein
Störungen ansprechen
Sichere Basis sein
Voraussehbare Verfügbarkeit statt ständiger Verfügbarkeit
Empathische Abstinenz
Gehört werden
Allein mit dem Leid
Reden – aber zur rechten Zeit
Das Lernfenster beachten
Zweifel
Wie wichtig ist der Wahrheitsgehalt?
Die Widersprüchlichkeit bekommt Raum
Gott als Gegenüber
Informationen weitergeben
Du bist nicht verrückt
Den Weg planen
Stabilisieren
Bestandsaufnahme
Stabilisierung bedeutet Schutz
Was hilft beim Stabilisieren?
Ressourcen entdecken
Etappe 2: Sicherheit außen und innen
Äußere Sicherheit
Täterkontakte
Praktische Lebensbewältigung
Innere Sicherheit
Distanzieren – auf Abstand bringen
Innere Bilder als Hilfe
Distanzieren praktisch
Reorientieren – lernen, im Hier und Jetzt zu bleiben
Selbstwert aufbauen
Eine Gebirgswanderung muss gut vorbereitet sein
Etappe 3: Arbeit mit dem Inneren. Erste Schritte und Grundsätzliches
Arbeit mit der Alltagsperson
Die Alltagsperson verstehen
Die Alltagsperson gewinnen
Das Innere kennenlernen
Was gibt es alles?
Anni entdeckt ihr Herz
Grundsätzliches
Stabilität aufrecht halten
Überblick bewahren
Gefühle und Gedanken der Anteile entdecken
Zuerst mit Beschützern und Schlüsselfiguren arbeiten
Unliebsame Anteile darf und kann man nicht „wegbeten“
Innere Evangelisation
Weitere Hilfen beim Prozessieren
Etappe 3: Arbeit mit dem Inneren. Prozessieren
Innere Veränderungsprozesse
Ich bin falsch! – Ein Beispiel aus der Praxis
Gottes Wahrheit macht frei
Das Alte ablegen, das Neue anziehen
Hindernisse überwinden
Wichtige Themen beim Prozessieren
Phobien
Innere Kommunikation
Ursprungsperson und Ursprungs-Ich
Innere Feinde
Täteranteile und ihre Kennzeichen
Die Arbeit mit Täteranteilen
Verbündet mit falschen „Helfern“
Gefahr abwenden
Umgang mit Krisen
Irgendwo – der Ort, an dem man nichts fühlt
Angst kann zur Hyperventilation führen
Keine Gewalt gegen sich oder andere
Schutzverträge
Notfall-Liste
Etappe 4: Verarbeitung des Traumas
Der Weg von „Amy“ zu „Hippo“
Spannungsfeld Seelsorge und Therapie
Traumabilder erfahren Veränderung
Ein letzter „Check“
Wichtige Aspekte
Das verzweifelte einsame Kind – ein Beispiel aus der Praxis
Auswirkungen
Etappe 5: Integration, Trauern und Zukunftsperspektiven
Gottes Handeln
Integration
Wie geschieht Integration?
Angst und Unsicherheit
Praktische Schritte zur Integration
Auswirkungen
All das Schlimme ist mir passiert!
Trauern und andere Verarbeitungsprozesse
Die Trauer bekommt Raum
Weitere Verarbeitungsprozesse
Zukunftsperspektiven
Das Ende einer Begleitung
Trauerprozesse und Umgang mit dem Leid (Ulrike Willmeroth)
Grundsätzliches zum Thema Leid
Wie kannst du, Gott, das zulassen?
Anfang des Leides
Jesus, der Leidende und Mitleidende
Vom Sinn des Leidens
Begleitung der Trauerprozesse
Diesmal nicht allein
Trauern ist wichtig
Die Verluste anerkennen
Tränen zulassen
Von der Sprachlosigkeit zur Klage kommen
Klage gegen Gott
Verarbeitungsprozesse
Vergebungsschritte
Eigene Schuld erkennen
Die Liebe finden
Zurück ins Leben – Annas Weg
Einleitung
Die Angst überwinden
Etappe 1
Etappe 2
Etappe 3
Etappe 4
Etappe 5
Fehler und Grenzen
Das Miteinander gestalten
Vertrauen und Misstrauen
Klare Absprachen vermitteln Sicherheit
Freiheit lassen, Raum geben
Gesunde Grenzen
Abhängigkeiten und Bindungen
Gegenüber bleiben
Verstehen statt verwickelt sein
Abstand und Mitgefühl
Berührungen
Alle Menschen machen Fehler
Überforderungen
Nichts aufdecken ohne Grundstabilität
Flashbacks erfordern immer Reorientierung!
Ängste beachten
Hinweise auf Überforderung
Veränderungen brauchen Zeit und Kraft
Die Wahrnehmung trainieren
Augen auf!
Unnötige Konfrontationen vermeiden
Worte und was gehört wird
Anteile und ihre Anliegen
Co-Bewusstsein fördern
Erkennen, was im anderen vorgeht
Am Ende eines Gesprächs
Themen speziell für Christen
Glaube kann auch krank machen
Fromme Sätze
Der Unterschied von Selbstverleugnung und Heilung
Christliche Themen – anders betrachtet
Vorsicht mit Befreiungsgebeten
Formulierungen überdenken
Gott vertrauen ist nicht so einfach
Glaube ist eine Einladung
Umgang mit Gottes Reden
Prophetien
Jesus wirken lassen – aber wie?
Gottes Reden oder eigene Fantasie?
Hindernisse für das Hören
Ein Kapitel für Wegbegleiter: Selbstfürsorge und Selbstreflexion
Selbstfürsorge
Eigene Betroffenheit
Sekundär-Traumatisierung
Glaubenszweifel
Selbstfürsorge als Wegbegleiter
Selbstfürsorge ganz privat
Selbstreflexion
Begrenzungen erkennen – Zusammenarbeit wagen
Ein Plädoyer für gute Zusammenarbeit
Dank
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Weitere Bücher
Öffne dem Hungrigen dein Herz und hilf dem, der in Not ist. Dann wird dein Licht in der Dunkelheit aufleuchten und das, was dein Leben dunkel macht, wird hell wie der Mittag sein. Dann wird dich der Herr beständig leiten, und dir selbst in Dürrezeiten innere Zufriedenheit bewahren. Er wird deinen Körper erfrischen, sodass du einem soeben bewässerten Garten gleichst und bist wie eine nie versiegende Quelle. Deine Leute werden die Ruinen aus alter Zeit wieder aufbauen. Die Grundmauern vieler (vergangener) Generationen werdet ihr wieder errichten. Dann wird man euch folgendermaßen nennen: „Die die Risse ausbessern und die Straßen erneuern, um sie bewohnbar zu machen.“ (Jesaja 58,10–12)
Diese Bibelstelle ist mir im Laufe meines Lebens wieder und wieder begegnet. Sie wurde mir von anderen Menschen zugesprochen, ich habe sie im Gebet von Gott erhalten, sie ist zu einem Lebensauftrag geworden, sie stärkt und bestärkt mich.
Was haben die Worte aus Jesaja mit diesem Buch zu tun?
Menschen, die in ihrem Leben Traumata erlitten haben, erleben besondere Not. Trotz aller Bemühungen scheint ihr Leben nicht zu funktionieren. Viele sind aufgrund der schlimmen Erfahrungen ihrer Vergangenheit zerbrochen. Jesaja spricht von den Ruinen der alten Zeit, die wiederaufgebaut werden müssen. Ich nutze gern das Bild des zerbrochenen Kruges.
Gott hat jeden Menschen mit Liebe und Sorgfalt erdacht. Ähnlich wie ein Töpfer einen schönen Krug erschafft, hat er voller Kreativität und Begeisterung sein wertvolles Gefäß, den Menschen, gestaltet. Durch schlimme Erlebnisse hat dieses Gefäß Schaden erlitten. Risse überziehen die Oberfläche, haben sich oft tief eingegraben. Manchmal waren die Verletzungen so schwer, dass der Krug in viele Scherben zerbrochen ist.
Der Töpfer ist darüber sehr traurig, aber da er sein Gefäß kennt, weiß er, wie er es wiederherstellen kann. Er sammelt all die entstandenen Scherben, berührt sie mit seinen heilenden Händen und fügt sie liebevoll wieder zusammen. So kann aus dem, was zerbrochen war, wieder ein Ganzes, ein Neues werden. Auf diesem Wiederherstellungsweg braucht Gott Helfer, die bereit sind, diese Menschen mit ihm zusammen auf ihrem Weg zu begleiten.
Dann wird man euch folgendermaßen nennen: „Die die Risse ausbessern und die Straßen erneuern, um sie bewohnbar zu machen.“ (Jesaja 58,12)
Wir Wegbegleiter sind beteiligt am Wiederaufbau der zerbrochenen Menschen. Wir dürfen mithelfen, die Risse auszubessern. Wir sollen den Betroffenen einen Weg aufzeigen, der für sie gehbar ist, der ihnen Hoffnung und neue Perspektiven vermittelt, einen Weg, auf dem sie Gott begegnen, einen Weg, der Heilung und Wiederherstellung bedeutet.
Löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den Misshandelten die Freiheit und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen! (Jesaja 58,6–7 GN)
Diese Worte enthalten konkrete Aufträge:
„Löst die Fesseln der Gefangenen!“ Traumatisierte Menschen erleben sich als Gefangene: Gefangene ihrer Geschichte, Gefangene ihrer Gefühle und ihrer Lebensmuster, Gefangene der Lügen, die sie über sich glauben. Sie sind gefangen in sich selbst. Die Fesseln, die sie gefangen halten, gilt es zu entdecken, damit sie gelöst werden können.
„Nehmt das drückende Joch von ihrem Hals!“ Für Traumatisierte ist das Leben schwer, sie fühlen sich erdrückt von Traurigkeit, Schmerzen, Erinnerungen, Angst und Scham. Dieses Joch soll nicht länger auf ihrem Leben liegen, sie sollen erfahren, dass es Heilung, Trost und Erneuerung gibt.
„Gebt den Misshandelten die Freiheit!“ Auf vielfache Weise wurden Betroffene misshandelt, sie haben unzählige Verletzungen davongetragen, wurden ihrer Freiheit beraubt. Selbst wenn diese Geschehnisse schon lange zurückliegen, wirken sie weiter. Schritt für Schritt dürfen sie nun aus dem Opfer-Sein aussteigen und die Freiheit, zu der sie berufen sind, für sich in Anspruch nehmen.
„Macht jeder Unterdrückung ein Ende!“ Diese Menschen wurden nicht gehört, ihre Grenzen wurden nicht geachtet, ihr Wille wurde übergangen und ihr Leben bedroht. Diese Zeit ist vorbei, das sollen sie mit allem, was in ihnen ist, begreifen lernen. Da, wo noch Unterdrückung ist, muss diese wahrgenommen und beendet werden.
„Ladet die Hungernden an euren Tisch!“ Menschen, die nicht wissen, wohin in und mit ihrer Not, sollen bei uns einen Ort finden, an dem sie sein dürfen, an dem sie willkommen sind und Gottes Liebe, Trost und Annahme erfahren können.
„Gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen!“ Diejenigen, deren Äußeres und Inneres zerrissen ist, die sich entblößt und beschämt fühlen, beschmutzt von Worten und Taten, ihrer Würde beraubt, dürfen diese „Lumpen“ ablegen. Sie sollen neu gekleidet, wiederhergestellt und in ihren Stand als Kinder Gottes zurückversetzt werden.
„Helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!“ Wachen wir auf und stehen denen in unserem Volk, in unserer Umgebung bei, die so sehr Hilfe brauchen! Unser Auftrag als Wegbegleiter ist, verletzte Menschen dorthin zu führen, wo sie Wiederherstellung und Heilung erleben können. Gott sehnt sich danach, dass seine Kinder bei ihm wieder gesunden können. Er sucht Menschen, die bereit sind, seine verletzten Kinder auf diesem Weg zu begleiten!
Mit diesem Buch lade ich ein, sich aufzumachen, mitzukommen auf diesem Weg der Wiederherstellung, sich einzulassen, Wegbegleiter zu werden und zu sein. Auch wenn diese Aufgabe häufig eine große Herausforderung darstellt, ist sie doch lohnend und bereichernd!
Ich hoffe, dass viele Leser sich hineinnehmen lassen in das, was in und durch unseren großen Gott möglich ist!
Kleinried, im August 2011
Ursula Roderus
Trauma und Folgen – ein aktuelles Thema •
An wen richtet sich dieses Buch? • Meine Prägungen
• Was erwartet Sie in diesem Buch?
„Warum scheint bei mir ‚normale Seelsorge‘ nicht zu funktionieren? Warum verändert sich so wenig, obwohl ich es wirklich möchte? Warum geht bei mir nicht, was bei anderen so einfach wirkt?“ Diese verzweifelten Fragen wurden mir schon häufig von traumatisierten Christen gestellt. Die Betroffenen haben, wie schon so oft in ihrem Leben, das Gefühl zu versagen, nicht normal oder sogar ein hoffnungsloser Fall zu sein. Aber das stimmt nicht: Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle! Gerade für gläubige traumatisierte Menschen ist die Chance auf Besserung ihrer Probleme oder sogar auf Heilung sehr groß, wenn sie die richtige Hilfe bekommen.
Franz Ruppert, Psychotherapeut und Dozent an der katholischen Stiftungsfachhochschule München, beschreibt, wie tiefgreifend das Wissen über Trauma und seelische Spaltungen seine Wahrnehmung veränderte:
Seit ich es bei mir und vielen anderen Menschen entdecke, dass seelische Spaltungen etwas sehr Häufiges sind, verändert sich mein Menschen- und Weltbild von Grund auf. Es wird klarer und viele Rätsel, warum wir Menschen uns so oder so verhalten, werden lösbarer.1
Auch Ihnen werden viele Probleme der von Ihnen begleiteten Menschen verständlicher werden. Bestimmte Reaktionsweisen können ganz anders eingeordnet und im Rahmen der Traumabegleitung unter völlig neuen Aspekten gewertet werden.
Während traditionelle Ansätze im Symptom selbst das Problem sehen, macht die Traumatheorie einen radikalen Perspektivenwechsel möglich: Das Symptom ist ein notwendiger Schutzmechanismus zur Bewältigung einer traumatischen Erfahrung. Daher kann man Symptome nicht einfach wegtherapieren. Man muss ihre eigentliche Funktion verstehen … Erst wenn daher die wahren Ursachen gefunden und (therapeutisch) bearbeitet werden, kann auch das Symptom zu Ruhe kommen oder sich in eine andere seelische Struktur verwandeln.2
In den letzten Jahren wurden im Bereich Trauma viele neue Erkenntnisse gewonnen, Forschungsergebnisse der Neurobiologie und der Bindungstheorie lieferten wertvolle Beiträge. Das aktuelle Wissen über Trauma, Hintergründe und Folgen sowie therapeutische Möglichkeiten nimmt immer mehr Einzug in die Fachliteratur und findet Beachtung und Anwendung in der Praxis. Trotz dieser positiven Entwicklung besteht in manchen Bereichen weiterhin ein großes Informationsdefizit, gerade auch im christlichen Umfeld. Dabei suchen Menschen, die so schwer verletzt worden sind, oft gerade hier Hilfe und Unterstützung. So ist es für Seelsorger, Berater oder Gemeindeverantwortliche besonders wichtig, verständliche Informationen und Hilfen für die Wegbegleitung Betroffener zu erhalten.
Die Einbeziehung des christlichen Glaubens bei der Trauma-Aufarbeitung spielt in der allgemeinen Traumatherapie bisher kaum eine Rolle und wird häufig sogar eher negativ bewertet. Für viele Christen ist es daher schwierig, sich einer säkularen Psychotherapie anzuvertrauen. Oft haben sie grundsätzliche Vorbehalte gegen die Erkenntnisse der Psychologie und Psychotherapie, Ängste vor dem, was dort mit ihnen geschehen könnte, oder vor Einflüssen aus anderen Glaubensrichtungen. Leider nehmen aus diesen Gründen manche betroffene Christen wertvolle Hilfe nicht in Anspruch und bleiben so in ihrer Not gefangen.
Eine Brücke schlagen
So verfolge ich mit diesem Buch zwei Ziele: Zum einen will ich informieren, eine Wissensgrundlage schaffen, sodass Wegbegleiter das Thema Trauma, Folgen und mögliche Hilfsangebote verstehen und einordnen können. Zum anderen will ich den Ansatz einer christlichen Wegbegleitung beschreiben. Mein Anliegen ist, Wegbegleiter zu ermutigen, Gottes Hilfe und die Kraft des Glaubens in den Wiederherstellungsweg miteinzubeziehen, wenn die Betroffenen dies wünschen.
Mir ist wichtig, mit diesem Buch eine Brücke zu schlagen: Als Ärztin und christliche Therapeutin habe ich im Bereich der Psychotherapie viel Gutes, Hilfreiches und Wertvolles gelernt. Von diesem fachlichen Hintergrund fließen wesentliche Bestandteile in den vorgestellten Ansatz einer christlichen Traumabegleitung ein. Als Christin bin ich geprägt von meinen eigenen Glaubenserfahrungen, meiner persönlichen Beziehung zu Gott. Entstanden ist ein integratives Konzept, in dem theoretische und praktische Anregungen aus verschiedenen traumatherapeutischen Richtungen ebenso wie seelsorgerliche Aspekte und persönliche Glaubenserfahrungen Raum und Anwendung finden.
Dabei erhebe ich nicht den Anspruch eine Wegbegleitung vorzustellen, die alle Betroffenen gleichermaßen anspricht – auch wenn sie für alle offen ist. Sie soll Möglichkeit, Angebot, Chance und Bereicherung sein. Vor allem sollen die Betroffenen das Recht und die Freiheit haben, ihren Aufarbeitungsweg so zu gestalten, wie es für sie gut und hilfreich ist.
Der verstorbene Psychotherapieforscher Klaus Grawe untersuchte, welche Faktoren in der Psychotherapie nachweisbar wirksam sind. Unter anderem betonte er, wie bedeutend es sei, dass der Therapeut sein Angebot ganz auf die Möglichkeiten, Eigenarten und innersten Motivationen des Klienten abstimmt. Viele Christen wünschen sich sehr, ihren Aufarbeitungsweg auf der Basis und mit Hilfe ihres Glaubens gestalten zu können, in ihrer tiefen Verletztheit Gottes Heilungskraft zu erleben. Sie sehnen sich nach einem Ort, wo ihre Fragen und ihre Suche nach Hilfe durch Gott Verständnis finden, ernst genommen werden und Raum bekommen. Sie wollen als ganzer Mensch gesehen und nicht nur auf ihr Problembild ohne ihre Lebensinhalte und Werte reduziert werden.
Querdenken erwünscht
Der vorgestellte Ansatz fordert heraus, alte, eingetretene Pfade zu verlassen und Neues zu wagen, Anregungen und Ideen zu überprüfen, aufzugreifen oder zu verwerfen. Es gibt viele Wege einer Trauma-Aufarbeitung. Der in diesem Buch beschriebene christliche Wiederherstellungsweg ist einer davon – einer, den ich bereits mit vielen Betroffenen gegangen bin. Aufgrund der zahlreichen positiven Erfahrungen, dem Erleben, wie in und durch Gottes Wirken tiefgreifende Heilung stattfinden kann, und der Hoffnung, die sich daraus für betroffene Christen ergibt, habe ich mich entschlossen, diesen Weg zu beschreiben.
Traumatisierte benötigen auf dem herausfordernden, oft langen und beschwerlichen Wiederherstellungsweg Menschen, die mit ihnen gehen. In ihrem Alltag sind dies Angehörige, Freunde und Mitchristen, der Hauskreis, die Gemeinde, Pfarrer oder Pastor. Im Aufarbeitungsprozess stehen Seelsorger, Berater und Therapeuten an ihrer Seite. Jeder Wegbegleiter ist wichtig und wertvoll! Alle diese Leser werde ich im Folgenden als „Wegbegleiter“ ansprechen, sie will ich ermutigen und auf den Weg der Wiederherstellung mitnehmen.
Wie können Wegbegleiter, die verschiedenste Hintergründe, unterschiedlichen Wissens- und Ausbildungsstand haben und verschiedenste wichtige Aufgaben im Verlauf des Weges ausfüllen, dieses Buch nutzen? Die Wegbegleitung aus dem Trauma erfordert Hintergrundwissen und Erfahrung. Informationen sind wichtig, um Denk- und Verhaltensweisen der Betroffenen einordnen und verstehen zu können, um Sicherheit im Umgang zu gewinnen und die Etappen des Wiederherstellungsweges nachvollziehen zu können. Die Begleitung mancher Wegabschnitte ist denen vorbehalten, die eine fundierte Ausbildung durchlaufen haben, manches gehört in die Hände einer fachkundigen therapeutischen Begleitung.
Immer müssen Wegbegleiter im Blick behalten, dass traumatisierte Menschen sehr verletzt sind und somit besonders leicht erneut verletzt werden können. Wir alle sind herausgefordert, uns für sie einzusetzen, dabei aber äußerst verantwortungsvoll und sorgfältig zu handeln. Dazu gehört es, die eigenen Grenzen und Begrenzungen wahrzunehmen und zu achten. Es liegt somit in der Verantwortung des Lesers, je nach Schwerpunkt seiner Wegbegleitung, nach Ausbildung und beruflicher Qualifikation dieses Buch auf seine Weise anzuwenden. So werden einige Wegbegleiter bestimmte Kapitel als wertvolle Hintergrundinformation lesen, während andere sie als direkte Anregung nehmen, um weitere Schritte mit den Betroffenen zu gehen. Alle will ich ermutigen, sich auf die Begleitung einzulassen, mitzugehen, offen und lernbereit zu sein. Wenn jeder in der Verantwortung vor Gott seinen Platz einnimmt und die eigenen Möglichkeiten einbringt, können alle miteinander zum Segen für die betroffenen Menschen werden.
Es gibt also nicht entweder Seelsorge oder Beratung oder Psychotherapie, sondern es gibt ein breites Spektrum von Hilfen für unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Problemen und Fragestellungen – und das ist gut!3
Meine Arbeit und auch dieses Buch sind geprägt von den Menschen, denen ich auf meinem Werdegang begegnet bin oder die mich begleitet haben. Meine Ausbildung zur christlichen Therapeutin bei der Ignis-Akademie für christliche Psychologie und die langjährige bereichernde Mitarbeit bei der überkonfessionellen Familienarbeit Team.F bilden die Grundlage meines seelsorgerlichen und christlich-therapeutischen Ansatzes. Die wiederholte Zusammenarbeit mit der Seelsorgerin Sandra Skinner-Young, einer ehemaligen Mitarbeiterin des Seelsorgedienstes Elijah-House in den USA, hat mich auf die Spur gebracht. Sandra Skinner-Youngs Schwerpunkt liegt auf der christlichen Arbeit mit Menschen mit dissoziativen Störungen. Ich konnte ihr bei der Arbeit „über die Schulter schauen“ und so ganz praktisch miterleben und lernen. Dann folgten wertvolle und äußerst hilfreiche Fortbildungen in der allgemeinen Traumatherapie, die ich bei Michaela Huber und Lutz Besser absolviert habe. Ihr Engagement und ihre Kompetenz haben mich fasziniert und angesteckt. Auch Franz Ruppert, Luise Reddemann und die Lehre der strukturellen Dissoziation von Onno van der Hart und Kollegen haben meinen Ansatz beeinflusst.
Die Menschen, die ich begleiten konnte, – einige davon werden in diesem Buch zu Wort kommen – haben mich zu vielen Erkenntnissen geführt. Ich staune über ihren Mut und ihren Glauben und bin bewegt von ihrem Zeugnis.
Besonders tief prägt mich meine persönliche Beziehung zu Gott. Als liebender Vater wünscht er von Herzen, dass seine tief verletzten Kinder Veränderung, Trost und Heilung erleben, ihren Stand als Königskinder wieder neu einnehmen können und auf diese Weise frei werden, in die für sie vorbereitete Berufung einzutreten. Die Wiederherstellung, die durch diesen lebendigen Gott möglich ist, habe ich in so vielen Wegbegleitungen erlebt, dass ich davon weitergeben möchte.
Dieses Buch bezieht sich in erster Linie auf die Begleitung von Menschen mit Langzeittraumata, die sich bereits in der Kindheit ereignet haben.
Der eher informative Teil I beschreibt die theoretischen Grundlagen von Trauma und Folgen. Zugrunde liegende Theorien, neue Erkenntnisse der Traumatherapie und entsprechende Erklärungen aus der Neurobiologie und der Bindungstheorie werden erläutert. Teil II nimmt den Leser mit auf einen christlichen Wiederherstellungsweg und ist sehr persönlich gestaltet. Anfangs beschreibe ich die Glaubensbasis, die allen weiteren Schritten zugrunde liegt. Dann folgen die einzelnen Wegetappen mit einer Fülle von Ideen und praktischen Hinweisen. Eine beispielhafte Wegbeschreibung und ein Kapitel zu vermeidbaren Fehlern schließen sich an. Immer wieder finden sich persönliche Zeugnisse und Beispiele von Betroffenen, die den Lesern Einblick und tieferes Verstehen ermöglichen. Zum Schutz der Betroffenen und um der besseren Verständlichkeit willen sind Namen, Umstände und Zeitabläufe zum Teil leicht verändert. Ulrike Willmeroth, die ihren persönlichen Weg der Trauma-Aufarbeitung in unserem Buch „Berufen zum Königskind“ schildert, ergänzt die Thematik aus Sicht einer Betroffenen und Seelsorgerin. Sie bereichert das Buch durch die Kapitel „Trauerprozesse und Umgang mit dem Leid“ und „Lebensbegleitung im Alltag“. So zeugt auch das Buch von gegenseitiger Ergänzung und Unterstützung. Den Abschluss bilden Ideen zur Selbstfürsorge der Wegbegleiter und Gedanken zum Zusammenspiel von psychotherapeutischen und Glaubens-Aspekten. Alle Leser werden der Einfachheit halber als Wegbegleiter angesprochen, wobei dieser Begriff sowohl Frauen als auch Männern, sowohl Seelsorgern als auch Beratern sowie Therapeuten und all den anderen Menschen gilt, die sich mit auf den Weg gemacht haben. Ebenso können alle Abschnitte, in denen von Betroffenen gesprochen wird, auf beide Geschlechter bezogen werden. Ich habe bewusst versucht, den gesamten Text einfach und verständlich zu formulieren, um damit auch Lesern ohne medizinischem oder psychologischem Hintergrund einen guten Einblick zu vermitteln.
Das Handbuch zur Traumabegleitung soll Zuversicht und Hoffnung transportieren. Durch Gottes Wirken ist viel mehr möglich, als wir uns vorstellen können. Wenn wir Wegbegleiter diesen Menschen, die in Not sind, unser Herz öffnen, werden auch wir selbst Gottes Segen erleben.
Dann wird dein Licht in der Dunkelheit aufleuchten und das, was dein Leben dunkel macht, wird hell wie der Mittag sein. Dann wird dich der Herr beständig leiten und dir selbst in Dürrezeiten innere Zufriedenheit bewahren. Er wird deinen Körper erfrischen, sodass du einem soeben bewässerten Garten gleichst und bist wie eine nie versiegende Quelle. (Jesaja 58,10–12)
Ist das nicht eine wirklich Mut machende Perspektive?
Was ist ein Trauma? • Welche Ursachen gibt es?
• Traumatypen und andere Unterscheidungen
• Schädigende und schützende Faktoren
Trauma bedeutet Wunde, Verletzung, Schock.1
In diesem Buch geht es um Verletzungen psychischer Natur, die die Betroffenen in einen Schockzustand versetzen. Traumata sind überwältigende Ereignisse, die völlig überfordern. Meist handelt es sich um Situationen, aus denen es keinen Ausweg gibt. Die Betroffenen können weder weglaufen noch sich zur Wehr setzen, das Schlimme geschieht und sie können nichts dagegen tun. Sie erleben starke seelische Schmerzen, Todesnähe und Todesangst. Sie sind überzeugt, dass dieses Geschehen eigentlich nicht auszuhalten oder zu überstehen ist. Im Gehirn wird es als zersplitterte Erinnerung im sogenannten Traumagedächtnis abgelegt. Dies hat zur Folge, dass die Betroffenen sich später nicht mehr oder nur bruchstückhaft an das Geschehen erinnern.
Häufigkeit von Traumata und Folgen
Nach Aussagen von Michaela Huber erleben 50–90 % der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens ein Trauma. Traumatisierungen im Kindesalter zählen zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine spätere psychische Störung.2 In den letzten Jahren wurde den Folgen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zunehmend Aufmerksamkeit gewidmet. Viele Kinder mussten ohne Vater oder mit traumatisierten und daher emotional abwesenden Vätern und Müttern aufwachsen. Eine Studie Michael Ermanns ergab, dass Kriegskinder weit häufiger unter psychischen Störungen wie Ängsten, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden leiden als der Bevölkerungsdurchschnitt, jeder Zehnte ist traumatisiert oder hat deutliche traumatische Beschwerden. Ermann erklärt, viele hätten den Krieg wie Wissen aus dem Geschichtsbuch zur Seite gelegt und die dazugehörigen Gefühle verdrängt. Die unverarbeiteten Traumata wurden an die eigenen Kinder, die sogenannten Kriegsenkel weitergegeben. Diese leiden heute unter Ängsten, Mangel- und Verlusterleben, fühlen sich heimatlos und entwurzelt, ohne diese Erfahrungen persönlich gemacht zu haben.3
Bei dem Begriff „Trauma“ denken die meisten Menschen an ein seltenes, schwerwiegendes, meist einmaliges Ereignis: einen schweren Unfall, einen Banküberfall, die Vergewaltigung auf der Straße, das Miterleben eines Amoklaufes … Diese Erlebnisse würde jeder als traumatisch bezeichnen.
Sehr viel häufiger sind allerdings die sogenannten Langzeit-Traumata. Viele Menschen wurden in ihrer Kindheit über Jahre vernachlässigt und mit harten Worten gedemütigt, erlebten brutale Misshandlungen oder sogar sexuelle Übergriffe. Emotionaler, körperlicher und sexueller Missbrauch in der eigenen Familie oder im nahen Umfeld wirkt als schwerwiegendes Trauma. Solche Ereignisse haben ein Leben über viele Jahre geprägt und manchmal zerstört. Sie geschahen in der Vergangenheit meist unbemerkt und bis in die Gegenwart ist weder den Betroffenen noch ihrem Umfeld bewusst, dass es sich bei diesen Erlebnissen um tiefe Traumata handelt.
Familiengeheimnis
Die Atmosphäre in einer dysfunktionalen Familie ist geprägt von Angst und Schweigen. Nichts darf nach außen dringen. Häufig ist die Familie sozial abgestiegen, aber auch scheinbar intakte, vielleicht gut angesehene Familien, sogar mitten in einer christlichen Gemeinde können betroffen sein. Wenn die Familie nach außen strenge Moral und hohe ideelle Werte präsentiert, es intern aber zu Versagen und zum Übertreten der eigenen Normen kommt, ist die Scham besonders groß. Niemand darf entdecken, dass es zwei Wirklichkeiten gibt. Das, was nicht sein darf, muss geheim gehalten und versteckt werden. Niemand darf darüber reden, die möglichen Folgen wären zu bedrohlich.
Emotionaler und körperlicher Missbrauch
Emotionaler Missbrauch ereignet sich typischerweise im Verborgenen. Die Kinder hören unzählige negative und beschämende Worte, erleben Ablehnung und Ausgrenzung, werden mit Liebesentzug, Zwang und Manipulation erzogen. Manchmal wird ein Kind zum Partnerersatz, um die Bedürfnisse eines Elternteils nach Nähe und Zuneigung zu erfüllen. Ein anderes Extrem ist die Rolle des Sündenbocks, an dem der Erwachsene die eigene Unzufriedenheit und Wut auslässt. Oft ist emotionaler Missbrauch mit körperlichem Missbrauch gepaart. Das Kind wird geschlagen, getreten, eingesperrt oder noch schwerer misshandelt.
Sexueller Missbrauch
Besonders zerstörerisch ist, wenn Kinder zusätzlich zu den emotionalen und körperlichen Misshandlungen sexuellen Missbrauch erleben. Innerhalb dysfunktionaler Familien ist dies keine Seltenheit. Dabei versteht man unter sexuellem Missbrauch nicht nur die Penetration, sondern jede Form des Grenzübertritts, bei der das Kind der Erfüllung sexueller Bedürfnisse des Erwachsenen dient. Gerade wenn diese Art von Gewalt von einer eigentlich geliebten und wichtigen Bezugsperson verübt wird, hat das sehr weitgreifende Auswirkungen.
Geistlicher Missbrauch
In vielen christlichen Familien können die Kinder sehr behütet und umsorgt aufwachsen. Wenn allerdings Eltern oder Gemeinden krank machende und falsche Gottesbilder vermitteln, damit persönliche Grenzen überschreiten oder Gott benutzen, um Druck auszuüben, kann das Leben in einem frommen Umfeld auch sehr negative Auswirkungen haben.
Weitere Kindheits-Traumata
Ereignisse, die für einen Erwachsenen kein großes Problem bedeuten, können ein Kind völlig überfordern und traumatisierend wirken. Ein häufiges Beispiel sind schwere Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte, bei denen das Kind Trennung von den Eltern erlebt und das Geschehen überhaupt nicht einordnen kann. Auch der Verlust der Familie oder eines Elternteils, z. B. als Folge von Krankheit, Tod oder Scheidung, ist für ein Kind traumatisch. Selbst der Tod der geliebten Katze oder die extreme Angst vor dem Nachbarshund kann solche Auswirkungen haben.
Ebenso hat Vernachlässigung, also langanhaltende Mangelversorgung, nachhaltige Folgen. „Vernachlässigung ist eine Form der Traumatisierung, bei der wichtige Bezugspersonen körperliche oder emotionale Zuwendung versagen und beruhigende und erholsame Erlebnisse nicht ermöglichen, die sind aber für eine positive Entwicklung eines Kindes unverzichtbar.“4 Ein Großteil der Pflege-, Adoptiv- und Heimkinder hat in der Herkunftsfamilie bereits Vernachlässigung und Misshandlung erlebt, auch die Herausnahme aus und Trennung von dieser Familie sind belastende Erfahrungen. So kann man davon ausgehen, dass bei vielen dieser Kinder eine Traumatisierung vorliegt. Nicht vergessen werden dürfen vorgeburtliche Traumata, z. B. durch Probleme oder schwere Erkrankungen der Mutter, besonders auch durch Abtreibungsversuche. Da das Kind bereits im Mutterleib erste Lernerfahrungen macht,5 können diese Erlebnisse deutliche Auswirkungen auf das Kind haben.
Häufig führt das Aufwachsen mit einem traumatisierten Elternteil beim Kind zur erneuten Traumatisierung, da Mutter oder Vater in einem solchen Fall unbewusst im eigenen Schmerz gefangen und nicht fähig ist, sich auf das Kind einzulassen. Das Kind kann die unberechenbaren Reaktionen dieses Elternteils nicht einschätzen: einmal erdrückend in seiner Liebe, einmal unnahbar und unerreichbar, dann wieder überreizt oder in seiner Wut tief verletzend. Auf diese Weise werden Traumata über Generationen weitergegeben. „Trauma-Erfahrungen erzeugen Bindungsstörungen und Bindungsstörungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, selbst eine Trauma-Erfahrung zu erleiden oder anderen Menschen Traumatisierungen zuzufügen.“6
Kriegserlebnisse, bedrohliche Naturkatastrophen und andere existenzielle Notsituationen sind offensichtlich furchtbare Erfahrungen. Erst in den letzten Jahren wird immer deutlicher, wie viele Menschen Traumata durchlebt haben und heute an den Folgen leiden.
Traumata vom Typ I werden auch Akuttraumata genannt. Sie beziehen sich auf Ereignisse, die plötzlich und unerwartet auftreten und akute Lebensgefährdung bedeuten. Dabei spielt es keine Rolle, ob man selbst betroffen ist oder das Ganze aus nächster Nähe miterlebt.
Traumata vom Typ II gehen auf langanhaltende, wiederholte Erlebnisse zurück, die mit Todesangst, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Demütigung und Scham verbunden sind.7
Des Weiteren unterscheidet man Traumata, die durch Menschen verursacht und ausgeübt werden, von solchen, die sich durch schicksalhaftes Geschehen, wie bei Naturkatastrophen oder einem Zugunglück, ereignen.
Traumaforscher berichten auch von geschlechtsspezifischen Unterschieden: Auf der Opferseite erleben Mädchen häufiger sexuellen Missbrauch, während Jungen eher körperliche Gewalt zugefügt wird. Bei der späteren Aufarbeitung berichten Frauen oft über innerfamiliäre Traumata wie Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch, Männer über außerfamiliäre Gewalterfahrungen wie Rivalitätskämpfe oder Kriegserlebnisse. Auf der Täterebene äußert sich die Gewaltneigung traumatisierter Männer mehr in Aggression gegenüber anderen, wogegen traumatisierte Frauen die Aggression eher gegen sich selbst richten, was zu Selbstverdammung, selbstschädigendem Verhalten und Selbstverletzungen führt. Sind traumatisierte Frauen Mütter, reagieren sie meist mit Gleichgültigkeit, wenn sich Partner oder andere Menschen ihren eigenen Kindern gegenüber missbräuchlich verhalten.
Nicht alle Menschen, die ein Trauma erleben, reagieren auf die gleiche Weise. Untersuchungen zeigen, dass circa zwei Drittel der Betroffenen ein Akuttrauma „gesund“ überstehen. Ein schwerer Verkehrsunfall zieht nur bei 10 % seelische Folgeschäden nach sich, während nach einer Vergewaltigung ungefähr die Hälfte der Opfer an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.8 Die Entwicklung und Ausprägung von Folgestörungen hängt sehr stark von Art, Schwere, Dauer und Zeitpunkt der Traumatisierung ab. „Ereignisse sind nicht an sich und für sich traumatisch, sondern sie können auf bestimmte Menschen traumatisierend wirken. Deshalb wird nicht jeder, der ein extrem belastendes Ereignis miterlebt, dadurch tatsächlich traumatisiert … Wie stark ein Mensch traumatisiert wird, hängt ab von den allgemeinen Faktoren der Verletzlichkeit und von den objektiven Merkmalen des Ereignisses.“9
Da Kinder grundsätzlich verletzlicher sind, sich noch im Entwicklungsprozess befinden und nicht so viele Möglichkeiten haben, Traumata zu verarbeiten, wiegen Kindheits-Traumata schwerer. „Je früher in der Kindheit eine chronische Traumatisierung beginnt, desto wahrscheinlicher entsteht ein Trauma, weil die mentale Effizienz noch nicht ausgereift und die psychobiologische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist.“10 Das Kind bräuchte bei der Bewältigung Hilfe von liebevollen, sich kümmernden Erwachsenen. Falls es diese nicht bekommt, die traumatischen Ereignisse sich wiederholen, vielleicht sogar über einen langen Zeitraum, sind die Folgen besonders ausgeprägt. „Wiederholtes Erleben von starkem Stress über längere Zeit, wie es beispielsweise bei Kindesmissbrauch häufig vorkommt, hat auf Traumatisierte offenbar die schädlichste Wirkung.“11
Von Menschen ausgeübte Gewalt ist schwerer zu verkraften als schicksalhafte Ereignisse, vor allem, wenn körperliche und sexuelle Gewalt beteiligt sind. Besonders schlimm ist es, wenn nahestehende oder geliebte Personen Täter sind oder es mehrere Täter gibt. Spielt Sadismus eine Rolle, d. h. der Täter ergötzt sich an der Angst des Opfers, erlebt Befriedigung, indem er es demütigt, quält und ihm Schmerzen zufügt, führt dies zu extremer Verwirrung und Verängstigung. Häufig wird dem Opfer Mitschuld vermittelt. Auf diese Weise wird es manipuliert, weiterhin mitzumachen und Stillschweigen zu bewahren.
Wird das betroffene Kind in seinem Umfeld mit dieser Not allein gelassen, kann es sich niemandem anvertrauen und erfährt keine Hilfe, ist auch eine Verarbeitung der schlimmen Geschehnisse nicht möglich. Gute und sichere Bindungen dagegen helfen, traumatische Erfahrungen zu überwinden. Das Kind erlebt einen Ort der Sicherheit, kann seinen Gefühlen freien Lauf lassen, kann weinen und wütend sein oder Geborgenheit finden, wenn es Angst hat. Es kann erzählen und reden, wird getröstet und gehalten. Auf diese Weise können die schwierigen Erlebnisse verarbeitet werden.
Aber nicht nur Art und Schwere des Traumas oder Hilfsmöglichkeiten des Umfelds spielen eine Rolle, sondern auch individuelle Faktoren wie die sogenannte Resilienz. Darunter versteht man die persönliche innere Widerstandsfähigkeit, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist. Ein „Stehaufmännchen“, das immer wieder auf die Füße kommt, besitzt gute Resilienz. Weitere solche Eigenschaften oder Haltungen sind: sich nicht hängen lassen, ein dickes Fell haben, immer wieder Hoffnung und Zukunftsperspektive entwickeln, zielorientiert vorwärts gehen, gutes Durchhaltevermögen besitzen; auch Mut und eine positive Grundeinstellung gehören dazu. All dies hilft der Person, schlimme Geschehnisse relativ unbeschadet zu überstehen.
Schützende Faktoren wie gute Bindungen und die individuelle Resilienz können als Erklärung dienen, weshalb die eine Person, deren Kindheit voll schwerer Erlebnisse und Schwierigkeiten war, trotzdem ein Leben mit relativ wenigen Beeinträchtigungen führt, während eine andere Person schwerwiegende Folgestörungen entwickelt, obwohl ihre Kindheit nur mehrere „kleinere“ Traumata aufweist. Die gleichen Lebensbedingungen können bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen und Auswirkungen nach sich ziehen, je nachdem, wie viel innerer Stress ausgelöst wurde und inwieweit dieser bewältigt und wieder abgebaut werden konnte.
Die Ursache: „Giftiger Stress“ •
Die Traumafolgestörungen im Überblick •
Ein weiter Weg • Diagnosestellung • Ausblick
Traumata der Kindheit können bis ins Erwachsenenalter Auswirkungen haben. Wie ausgeprägt diese sind und wie stark sie das Leben beeinträchtigen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die nochmals zusammenfassend aufgelistet sind:
Schwere und Art der Traumata
Früherer/späterer Beginn
Vorhandensein/Fehlen von Hilfe und Unterstützung
Vorhandensein/Fehlen von sicheren Bindungen
Zugriff auf Ressourcen
Persönliche Resilienz
Trauma kann somit als „Diskrepanz-Erlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten“1 bezeichnet werden.
Erfahrungen, welche die Betroffenen in ihrer Kindheit völlig überfordert haben, ziehen im Erwachsenenalter Folgen in den verschiedensten Bereichen nach sich. Psyche und Körper sind betroffen. Gedanken und Gefühle, Körperempfinden und -erleben, sogar Körperabläufe und das gesamte Verhalten sind von diesen Geschehnissen geprägt.
Bei Bedrohung reagiert der Körper mit Ausschüttung von Stresshormonen. Alles wird aktiviert, der ganze Mensch ist auf Flucht oder Kampf eingestellt. In einer traumatischen Situation ist meist keine dieser beiden Reaktionen möglich, der innere Stress nimmt weiter zu. Eine Art Notfallmechanismus tritt in Kraft. Es kommt zur Erstarrung. Innerlich ist der Mensch höchst erregt, voll Angst und Panik, die Gedanken arbeiten auf Hochtouren: „Es muss doch einen Ausweg geben!“ Äußerlich dagegen scheint er bewegungslos. Wird die Situation noch bedrohlicher, kippt die Stressreaktion des Körpers. Das war zu viel! Der Mensch gibt auf. Nichts geht mehr! Alles erschlafft! Die Gefühle sind wie abgeschnitten, eine Trennung von Bewusstsein und Körper scheint stattzufinden. Viele erleben das weitere Geschehen aus einer Beobachterposition, von außen, als hätte das Ich den Körper verlassen. Eine Aufspaltung ist geschehen.2
Die Grafik veranschaulicht die verschiedenen Vorgänge. Auf der linken Seite des Bildes zeigt der dicker werdende Pfeil die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer Dissoziation an.
Ulrike beschreibt eine solche Dissoziation im Rückblick:
Meine Pflegemutter ist sehr wütend auf mich. Sie packt mich und schleppt mich die zwei Etagen in den Keller hinunter, den ich sowieso sehr fürchte. Schreien kann ich nicht, weglaufen ebenfalls nicht, ich habe nur schreckliche Angst vor dem, was mit mir geschieht. Im Keller angekommen legt sie mich über ihr Knie und schlägt voller Wut mit einem hölzernen Kleiderbügel auf mich ein. Meine Angst und Panik werden immer größer. „Hilfe, ich halte das nicht aus!“, denke ich. Sie schimpft über mich und mein schlechtes Verhalten, ergießt Beschuldigungen über mich, schreit, wird zunehmend lauter und wütender. Völlig außer Kontrolle schlägt sie immer und immer wieder auf meinen Po und Rücken. Ich bin verzweifelt und voller Angst: „Sie schlägt mich tot! Ich muss hier weg!“ Dann spüre ich keinen Schmerz mehr, halte die Schläge irgendwie aus. Irgendwann ist sie fertig, stellt mich wieder auf die Beine und schreit mich an, dass ich auf keinen Fall etwas sagen darf. Mein Pflegevater hat ihr verboten, mich zu schlagen, also darf er nichts davon erfahren. Zitternd schleiche ich die Treppe hinauf und – trete mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus der Kellertür.
Dissoziation und Körperreaktionen
Die Traumazange
Aus: Michaela Huber „Trauma und Folgen“ S.39 Junfermann Verlag
Ulrike erlebt in dieser Situation
große Angst und Panik (Kinder haben Todesangst),
das Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein,
Ohnmacht und keine Chance, sich wehren zu können.
Michaela Huber illustriert diese Situation mit der sogenannten „Traumazange“.
No Fight – man kann sich nicht wehren,
No Flight – man kann nicht fliehen, also bleibt nur
Freeze – Erstarrung, wie wir sie als Schreckstarre aus der Tierwelt kennen, und
Fragment – inneres Zerbrechen.
Der extreme Stress, der während dieses Geschehens entsteht, bildet sich nicht völlig zurück. Er wirkt wie Gift, das Körper und Psyche des Betroffenen angreift und unbemerkt weiter wirkt. Folge ist eine chronische Stressreaktion. Betroffene befinden sich ständig in Alarmbereitschaft, sind schreckhaft, unruhig und reizbar, leiden unter Schlafstörungen und Erschöpfung. So kann man den inneren Stress als eigentlichen Auslöser der posttraumatischen Folgeerscheinungen bezeichnen.3
Nachfolgend gebe ich einen Überblick über die häufigsten Traumafolgestörungen und ihre jeweiligen Erscheinungsbilder. Die Beschreibung lehnt sich an die von Ärzten und Therapeuten verwendeten üblichen Diagnoseschlüssel ICD 10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) und DSM IV (das „Diagnostische und statistische Manual der psychischen Erkrankungen“) an. Damit Wegbegleiter jederzeit nachlesen können, was sich hinter einer bestimmten Diagnose verbirgt, ist jede Folgestörung einzeln dargestellt, auch wenn sich dadurch Wiederholungen in der Beschreibung der verschiedenen Störungsbilder ergeben.
Posttraumatische Belastungsreaktion
Nach einer akuten Traumatisierung ist die posttraumatische Belastungsreaktion typische Folge. Sie hält circa vier bis acht Wochen an. In dieser Zeit verlaufen Verarbeitung und Folgezustände wellenförmig, abwechselnd kommt es zur Überflutung mit traumatischem Material (Albträumen, Bildern, Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen), dann wieder zur völligen Vermeidung jeder Erinnerung.
WIEDERERLEBENDE SYMPTOME:
Angstzustände, erhöhte Schreckhaftigkeit,
Albträume und Schlafstörungen,
Häufiges Wiedererleben von Teilen des Traumas, z. B. körperliche Schmerzen, Gefühle von Angst und Panik, Schreckensbilder.
VERMEIDENDE SYMPTOME:
Vermeidung von Reizen, die an das Trauma erinnern, z. B. Begegnungen oder Situationen,
Empfindungslosigkeit, das Gefühl, nicht richtig da zu sein,
Unfähigkeit, die Umwelt, den Körper, Körperteile oder die eigenen Gefühle richtig wahrzunehmen,
Einsamkeit, Rückzug von anderen,
AUSSERDEM:
Konzentrations- und Leistungsprobleme,
Gereiztheit und Gefühlsausbrüche.
Was hilft nach einem akuten Trauma?
Akutes Trauma braucht mitmenschliche Geborgenheit und Hilfe,
nie drängen, Betroffenen selbst entscheiden lassen,
dem inneren Chaos durch äußere Stabilisierung begegnen.
Betroffene brauchen in dieser Zeit menschliche Zuwendung und Geborgenheit, Zeit und sensible Unterstützung. Diese äußere Stabilisierung hilft, das innere Chaos zu überwinden. Nie sollte man dazu drängen, über das Geschehene zu reden. Betroffene sollen selbst entscheiden dürfen, wann und wem sie sich mitteilen wollen. Hilfreich ist, als Gegenüber ruhig zu bleiben und Ruhe zu vermitteln. Oft spüren Betroffene selbst am besten, was sie gerade brauchen. Diese Bedürfnisse gilt es wahrzunehmen und zuzulassen. Der vom Trauma ausgelöste Stress wirkt im Inneren der Betroffenen weiter. Jeder Gefühlsausbruch trägt dazu bei, dass dieser Stress einen Weg nach außen finden kann. Die Betroffenen sollen in dieser Zeit alles aus sich „herausfließen“ lassen können. Alle Gefühle und Reaktionen, lautes Weinen oder Schreien, Wutanfälle oder völliger Rückzug dürfen sein. Dadurch kann der Stress abgebaut und das Trauma besser überstanden und verarbeitet werden. Die Rückkehr zum normalen Leben erfolgt schrittweise, langsam und vorsichtig. Größerer Stress sollte in der nachfolgenden Zeit noch vermieden werden.
Während ein Drittel der Menschen, die eine traumatische Erfahrung gemacht haben, das Ganze gut übersteht, entwickelt ein weiteres Drittel Traumafolgestörungen und erholt sich nicht ohne fremde Hilfe. Ein weiteres Drittel wirkt auf den ersten Blick, als ob es das Trauma bewältigt hätte und gut im Leben zurechtkäme.4 Erst wenn die Betroffenen später erneut starker Belastung ausgesetzt sind, Situationen erleben, in denen sie mit Ohnmachtsgefühlen und Kontrollverlust konfrontiert werden, wird deutlich, dass die früheren Traumata nicht vollständig verarbeitet werden konnten; die Betroffenen entwickeln viele Jahre später die Symptome einer Traumafolgestörung.
Im gesamten Körper oder in bestimmten Körperteilen bleibt die Erinnerungsspur an das Trauma erhalten. Die Trauma-Erfahrung mit ihren Schreckensbildern und Horrorgefühlen kann vom bewussten Erleben abgespalten wie eine Zeitbombe ticken, die jederzeit hochgehen kann.5
Posttraumatische Belastungsstörung – PTBS
Das Erscheinungsbild der PTBS ähnelt dem der posttraumatischen Belastungsreaktion, auch hier wechseln sich wiedererlebende und vermeidende Symptome ab.
WIEDERERLEBENDE SYMPTOME:
Häufiges Wiedererleben von Teilen des Traumas, z. B. körperliche Schmerzen, Gefühle von Panik, Schreckensbilder – alles in Form von Erinnerungsbruchstücken
Flashbacks,
Angstzustände, z. B. Panikattacken, Angst vor bestimmten Situationen, vor Enge, vor geschlossenen Räumen usw.,
erhöhte Schreckhaftigkeit, Zustand der inneren Alarmierung in der Erwartung einer Gefahr,
körperliche Mitreaktionen wie Herzrasen, Atemnot, Beklemmungen, Unruhe,
Albträume und Schlafstörungen, z. B. Ein- und Durchschlafprobleme.
BEI EINEM SCHWEREN TRAUMA BEWIRKEN DIE STRESSHORMONE EINE AUFGESPLITTERTE SPEICHERUNG DES GESCHEHENS IM GEHIRN. GEDÄCHTNISINHALTE BLEIBEN GETRENNT UND KÖNNEN NICHT ZUSAMMENGEBRACHT WERDEN.
VERMEIDENDE UND EINSCHRÄNKENDE SYMPTOME:
Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen oder daran erinnern,
Amnesie, d. h. wenig oder fehlende Erinnerungen an traumatische Situationen oder bestimmte Bereiche der Vergangenheit,
Auftreten von dissoziativen Zeichen,
Gefühl nicht richtig „da“ zu sein,
Unfähigkeit, die Umwelt, den Körper, bestimmte Körperteile oder die eigenen Gefühle richtig wahrzunehmen,
die Umgebung wird als fremd erlebt (Derealisation),
man selbst oder Bereiche des eigenen Körpers werden als fremd und nicht zu sich gehörig erlebt (Depersonalisation),
Betroffene haben das Gefühl, diesen verschiedenen Zuständen ausgeliefert zu sein,
Rückzug von anderen, Beziehungsstörungen wie starkes Misstrauen oder Feindseligkeit,
Einsamkeit, Gefühl der Isolation und Entfremdung von anderen,
depressive Verstimmungen, Verlust von Zukunftsperspektiven,
Kraftlosigkeit, Konzentrations- und Leistungsprobleme,
Reizbarkeit, Gefühlsausbrüche.
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung
Da Traumatherapeuten zunehmend entdeckten, dass die Störungsbilder weitaus umfassender und schwerwiegender waren als bis dahin angenommen, entwickelten sie die Definition der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung.6 Sie findet man bei stärker ausgeprägten traumatischen Kindheitserfahrungen, vor allem, wenn die verletzenden Ereignisse sehr früh begonnen haben, das Kind von seinen nahen Bezugspersonen weder Schutz noch Verständnis erhalten hat oder diese selbst Täter waren.
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung ähnelt der einfachen posttraumatischen Belastungsstörung, wobei ihr Ausmaß schwerwiegender ist und zusätzliche Problembereiche dazukommen. Zur besseren Übersichtlichkeit sind diese nachfolgend kursiv gedruckt.
WIEDERERLEBENDE SYMPTOME:
Häufiges Wiedererleben von Teilen des Traumas in Form von Erinnerungsbruchstücken und Flashbacks,
Angstzustände, z. B. Panikattacken, Angst vor bestimmten Situationen, vor Enge, vor geschlossenen Räumen usw.,
erhöhte Schreckhaftigkeit bis zur ständigen Übererregung,
körperliche Mitreaktionen wie Herzrasen, Atemnot, Beklemmungen, Unruhe,
Albträume und Schlafstörungen,
Erleben verschiedener Gefühlszustände, über die man scheinbar keine Kontrolle hat, z. B. anhaltende Missstimmung, aufbrausende Wut, selbstschädigende Impulse, Selbstmordgedanken.
VERMEIDENDE UND EINSCHRÄNKENDE SYMPTOME:
Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen oder daran erinnern,
Amnesie – die Erinnerungslücken sind ausgeprägter,
Auftreten von dissoziativen Zeichen – immer vorhanden,
Empfindungslosigkeit, Gefühl nicht richtig „da zu sein“,
Unfähigkeit, die Umwelt, den Körper, Körperteile oder die eigenen Gefühle richtig wahrzunehmen,
Auftreten verschiedener Persönlichkeitsanteile in der Person.
Störungen der Selbstwahrnehmung,
negatives Selbstbild, geringes Selbstwertgefühl bis zum Empfinden, keine Existenzberechtigung zu haben,
unzureichende Selbstfürsorge, d. h. die Betroffenen gehen nicht gut mit sich um, sorgen nicht für sich und ihre Bedürfnisse,
Ohnmachtsgefühl, die Person lebt weiterhin in der Opferrolle, fühlt sich unfähig, Dinge zu verändern, der oder die Täter werden als allmächtig erlebt,
Scham- und Schuldgefühle, Gefühle der Beschmutzung, Empfinden, unwert und anders zu sein,
Rückzug von anderen, Beziehungsstörungen, starkes Misstrauen oder Feindseligkeit,
Einsamkeit, Gefühl der Isolation und Entfremdung von anderen,
Angst vor Kontrollverlust und Angst, sich jemandem anzuvertrauen,
depressive Verstimmungen, oft chronische Suizidgedanken,
Verlust der Zukunftsperspektiven, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, Veränderung des Wertesystems, Verlust fester Glaubensinhalte,
Somatisierung, d. h. seelische Probleme führen zu körperlichen Beschwerden,
psychosomatische Erkrankungen, wie z. B. Fibromyalgie (Schmerzzustände im Bereich der Muskeln und Gelenke mit Müdigkeit, Antriebsschwäche), starke Verspannungen der Muskulatur, häufige Scheiden- und Blasenentzündungen, Magen-Darm-Erkrankungen,
einmal spüren Betroffene im Körper zu viel, einmal zu wenig,
Kraftlosigkeit, Konzentrations- und Leistungsprobleme,
Reizbarkeit, Gefühlsausbrüche.
HINZU KOMMEN HÄUFIG:
selbstverletzendes Verhalten, Missbrauch von Substanzen, wie z. B. Drogen, Alkohol, Schmerzmittel,
Ess-Störungen,
Probleme im Bereich der Sexualität, z. B. gehemmte oder grenzenlos gelebte Sexualität, sexuelle Identitätsstörungen.
Dissoziative Identitätsstörung (ehemals „Multiple Persönlichkeitsstörung“)
Sind die Auswirkungen der Traumata noch schwerwiegender, kann sich als stärkste Ausprägung einer Dissoziation die dissoziative Identitätsstörung, früher „Multiple Persönlichkeitsstörung“, entwickeln. Lange Zeit wurde diese Störung als exotisch oder überhaupt nicht existent eingestuft. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass sie häufiger vorkommt, als bisher angenommen. „Zusammenfassend muss man aufgrund der gegenwärtigen Ergebnisse davon ausgehen, dass schwere dissoziative Störungen und insbesondere die Dissoziative Identitätsstörung regelhaft als eine spezifische Folge von schweren aggressiven und sexuellen Misshandlungen in der Kindheit auftreten.“7 Die auslösenden Traumata müssen nicht immer besonders selten oder völlig ungewöhnlich sein. „Etwa 3–12 % je nach Studie der untersuchten multiplen Probandinnen nannten keine physischen oder sexualisierten Gewalterfahrungen, sondern andere belastende Erfahrungen wie extreme Vernachlässigung und/oder eine außerordentlich strikte Erziehung mit erheblichem Anpassungsdruck.“8
Es existieren zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände, die unterschiedliche Ansichten, verschiedenes Auftreten und andere typische Merkmale haben,
mindestens zwei dieser Persönlichkeitszustände übernehmen abwechselnd die Kontrolle über das äußere Verhalten der Person,
die verschiedenen Persönlichkeitszustände wissen z. T. nichts von der Existenz der anderen bzw. erleben deren Verhalten als nicht zu sich gehörig,
Zeitverluste treten auf (wenn die verschiedenen Persönlichkeitszustände abwechselnd das äußere Geschehen regeln und in eine Art Schlafzustand geraten, wenn sie gerade nicht aktiv sind),
man kann sich nicht an wichtige persönliche Informationen erinnern, was weder durch gewöhnliche Vergesslichkeit noch als Folge von Rauschmitteln oder Medikamenten zu erklären ist.
„Nicht näher bezeichnete dissoziative Störung“
Für alle Erscheinungsformen, die nicht den beschriebenen Störungsbildern zugeordnet werden können, gibt es eine Sammelkategorie: die „nicht näher bezeichnete dissoziative Störung“. Die Merkmale sind ähnlich wie bei der Dissoziativen Identitätsstörung, allerdings ist die Dissoziation weniger ausgeprägt, die Persönlichkeitsanteile sind nicht so deutlich getrennt und weniger direkt am Alltagsleben beteiligt. Im Vordergrund stehen die Überflutungen von Gefühlen und Gedanken, die von den inneren Persönlichkeitsanteilen ausgehen.9
Borderline-Persönlichkeitsstörung
wechselnde, launenhafte Stimmung,
Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und Unfähigkeit, das impulshafte Verhalten zu regeln,
Störungen im zwischenmenschlichen Bereich, häufig wechselnde instabile Beziehungen, extremer Wechsel von Überidealisierung und Abwertung der anderen Person,
Unfähigkeit, Alleinsein auszuhalten, Angst vor dem Verlassenwerden,
Störungen des Selbstbildes, chronische innere Leere, die irgendwie zu füllen versucht wird,
selbstschädigendes Verhalten (im Umgang mit Geld, Missbrauch von Substanzen, grenzenlos gelebte Sexualität, Ess-Störungen),
Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten mit Selbstverletzungen und Suizidversuchen.
Lange Zeit hatte die Borderline-Störung den Ruf, nahezu therapieresistent zu sein. Gerade in den letzten Jahren hat sich zunehmend herauskristallisiert, dass auch bei ihr in vielen Fällen die Ursache in einer traumatischen Kindheit zu finden ist.10 Dies betont auch Martin Bohus, einer der führenden Borderline-Experten Deutschlands, in einem Interview der Berliner Zeitung: „Ein Auslöser der Störung steht allerdings fest: traumatische Erlebnisse in der Kindheit, allen voran sexueller Missbrauch. 65 Prozent der Patienten haben Übergriffe dieser Art erleben müssen.“11 Diese Erkenntnis eröffnet den Betroffenen neue Behandlungsmöglichkeiten und damit deutlich bessere Heilungschancen.
Weitere Diagnosen
Vielen Betroffenen ist der traumatische Hintergrund als mögliche Ursache ihrer Probleme nicht bewusst. Auch von Fachleuten wird dieser Zusammenhang häufig zu wenig beachtet, so erhalten Betroffene auf ihrer Suche nach Hilfe ganz unterschiedliche Diagnosen. „Viele Patienten haben im Verlauf mehrerer Therapien die Erfahrung gemacht, dass ihre Beschwerden unterschiedlich eingeordnet wurden und sie eine Reihe von verschiedenen Diagnosen erhalten haben. Die Bandbreite an gestellten Diagnosen umfasst psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression, Angst- und Zwangsstörungen, Somatisierungs-Störungen, Ess-Störungen und Substanzmissbrauch. Darüber hinaus werden Persönlichkeits-Störungen wie Borderline-Störung diagnostiziert.“12
Häufig findet man eine sogenannte Komorbidität, d. h. zusätzlich zur posttraumatischen Störung haben sich andere Erkrankungen wie eine Depression oder Angststörung entwickelt. Reddemann und Dehner-Rau berichten: „80 % der Patienten mit PTBS hatten mindestens eine weitere psychiatrische Diagnose.“13 „Menschen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, bringen 26-mal mehr die Wahrscheinlichkeit mit, dass sie sogenannte affektive Störungen, also vor allen Dingen Depressionen entwickeln, 27-mal mehr besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Angststörung entwickeln, 28-mal mehr besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Alkoholabhängigkeit leiden. Auch die Wahrscheinlichkeit, eine Panikstörung zu entwickeln, ist hoch.“14
Suchtverhalten, Selbstverletzungen und Ess-Störungen betrachten die meisten Traumatherapeuten nicht als zusätzliches Störungsbild, sondern als – wenn auch nicht wirklich hilfreichen – Versuch zur Selbsthilfe.
Nachfolgend beschreibe ich kurz die häufigsten der in diesem Rahmen gestellten Diagnosen:
Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion
entsteht innerhalb von drei Monaten nach Einsetzen der Belastung, hält bis zu sechs Monate danach an,
typisch sind depressive Stimmung, Angst oder Sorge sowie eine Mischung davon,
Probleme, den Alltag zu meistern,
z. T. auch Störungen des Sozialverhaltens.
Depression
Stimmungslage eher negativ, traurig, bis zum Nichts-mehr-Fühlen,
sich nicht aufraffen können, keine Initiative,
Konzentrationsprobleme,
innerlich oft Ängste, innere Unruhe,
Neigung zum Grübeln, unangemessene Schuldgefühle,
Gefühle der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit,
Rückzug,
körperliche Auffälligkeiten wie versteinerter Gesichtsausdruck, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit,
häufig Suizidgedanken.
Bipolare Störung
Auftreten von depressiven und manischen Phasen
DEPRESSIVE PHASEN
Symptome wie oben beschrieben
MANISCHE PHASEN
Stimmung gehoben bis aggressiv,
auffällige Leistungsfähigkeit, Unruhe, starker Rededrang,
ganz geringes Schlafbedürfnis,
Grenzenlosigkeit im Tun, z. B. in Geldausgaben oder bei sexuellen Kontakten, starke Selbstüberschätzung,
keinerlei Krankheitseinsicht.
Abgrenzung von dissoziativen Phänomenen zur Schizophrenie
Betroffene haben oft die Sorge, als „verrückt“ abgestempelt zu werden. „Stimmen hören“ oder „gespalten sein“ wird häufig mit Schizophrenie gleichgesetzt. Tatsächlich sind innere Unterhaltungen oder Lautwerden eigener Gedanken eher ein Merkmal von Dissoziation als von Schizophrenie. Luise Reddemann beschreibt die Unterschiede von Psychose, Schizophrenie und Dissoziation folgendermaßen:
Eine Psychose zeichnet sich dadurch aus, dass der Bezug zur Wirklichkeit verloren geht. Eine Psychose führt in der Regel zur Einweisung in die Psychiatrie und zur Behandlung mit entsprechenden Medikamenten. Die Schizophrenie ist eine Psychose, bei der unter anderem das Hören von Stimmen vorkommen kann. Betroffene erleben diese Stimmen als von außen kommend, sie können hören, wie diese ihnen z. B. Befehle erteilen. Patienten mit einem psychotischen Schub geht der Realitätsbezug verloren. Patienten mit dissoziativen Störungen berichten oft von Stimmen im Kopf, einem inneren Chaos oder inneren Dialogen. Sie hören keine Stimmen von außen, der Bezug zur Realität bleibt erhalten oder ist mit der Orientierung im Hier und Jetzt wieder herstellbar. Dennoch ist die Abgrenzung nicht immer ganz klar und erfordert manchmal eine eingehendere Diagnostik.15
Typisch ist auch, dass die Stimmen bei einer Schizophrenie sehr starren, sich wiederholenden Mustern folgen, während sie bei einer Dissoziation dialogfähig sind. Sie gehören ja zu den inneren Persönlichkeitsanteilen.
Mit diesen ist eine Kontaktaufnahme möglich, man kann mit ihnen reden, sie können auf Fragen eingehen und aufgrund der gemeinsamen Arbeit können sich Inhalte, Gedanken und Gefühle verändern.
Nach Reddemann und Dehner-Rau sind viele Ärzte und Psychologen über Traumafolgeerkrankungen nicht ausreichend informiert; aufgrund der häufigen Komorbidität werden dann eher andere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert. Manchmal verlagert sich die Not auch ganz in den körperlichen Bereich und psychosomatische Beschwerden stehen im Vordergrund. Der Körper wird zum Auffangbecken der unerträglichen Gefühle und seelischen Schmerzen. „Das Symptom erlaubt, das Geschehene zu verbergen, ohne dass es wirklich verloren geht.“16
Wenn der traumatische Hintergrund nicht erkannt wird, bleibt das eigentliche Problem unentdeckt und Betroffene müssen lange Wege gehen, bis sie die Hilfe bekommen, die sie wirklich brauchen.
Anna: „Schon seit meiner Kindheit hatte ich heftige, krampfartige Bauchschmerzen, die fast zum ständigen Begleiter in meinem Alltag wurden. Immer wieder wurden verschiedene Ursachen dafür verantwortlich gemacht: chronische Blasenentzündungen, Magenprobleme oder gynäkologische Störungen. Die Schwangerschaften und Entbindungen waren sehr problematisch und stürzten mich jedes Mal in eine tiefe Krise. Es war, als ob mein Körper alle weiblichen Funktionen konsequent ablehnen würde. Mit den Wechseljahren wurden diese Probleme besser, aber nun quälten mich massive Darmprobleme. Einen Zusammenhang mit dem Missbrauch, der mir zu dieser Zeit bewusst geworden war, sahen die Fachleute nicht. Außerdem hatte ich ständige Rückenschmerzen, die mich in meinem Alltag sehr einschränkten.
Meine Erinnerung wies viele Lücken auf. Meine Gefühle waren oft sehr gegensätzlich, einmal ‚himmelhochjauchzend‘ und dann wieder ‚zu Tode betrübt‘. Ich wurde richtig zwanghaft und kontrollierte alles und jeden. Oft hatte ich unerträgliche Kopfschmerzen und spürte diesen beständigen Druck in meinem Kopf. Medikamente gegen Migräne wirkten kaum. Meine tiefe Erschöpfung sah man mir äußerlich nicht an, keiner nahm mich darin ernst. Immer mehr wuchs in mir die Angst, durchzudrehen und schließlich weggesperrt zu werden. Erst aufgrund einer schweren Depression, die ebenfalls lange nicht erkannt worden war, kam ich in psychologische Behandlung. Obwohl ich inzwischen mehr Erinnerungen an einen langjährigen Missbrauch hatte, bekam ich die Botschaft, dass ich nach vorne schauen und die lange zurückliegenden Probleme vergessen sollte, sie würden nach so langer Zeit keine Rolle mehr spielen. Als keine Besserung eintrat, behandelte der zuständige Arzt die Depression medikamentös, auch für ihn schien der Missbrauch nicht wichtig zu sein. Als ich in einen Zustand fiel, in dem ich mich zusammenkrampfte und eine Zeitlang bewegungsunfähig war, wurde dies als epileptischer Anfall gewertet. Die körperliche Untersuchung zeigte aber, dass keine Epilepsie vorlag. Danach erkämpfte ich mir eine psychotherapeutische Behandlung, aber auch dort erlebte ich, dass der Missbrauch nicht ernst genommen wurde, also brach ich die Behandlung wieder ab.
Alle diese Versuche waren für mich sehr demütigend. Ich fühlte mich nur noch abgeschoben, weder in meinen Beschwerden noch dem inneren Schmerz ernst genommen, war tief verletzt, verunsichert, wütend und immer noch krank. Meine Suche nach Hilfe erschien mir hoffnungslos, so beendete ich sie. Ich hatte keine Kraft mehr.
Inzwischen habe ich erlebt, dass Hilfe möglich ist. Jetzt verstehe ich meinen Zustand, weiß, was innerlich abläuft, warum mein Körper so darauf reagiert, und habe gelernt, damit umzugehen. Das Trauma muss ich nicht mehr verbergen, kann endlich auch den Schmerz Stück für Stück zulassen. Mein Leben hat sich stark verändert und es geht mir viel besser – körperlich und psychisch.“
Falls Sie als nicht-therapeutischer Wegbegleiter eine Traumafolgestörung vermuten, empfehlen Sie der betreffenden Person, sich an einen im Bereich Trauma fachkundigen Arzt oder Psychologen zu wenden, damit dieser die entsprechende Diagnose stellen und evtl. nötige therapeutische Hilfe einleiten kann. Oft werden zur genaueren Identifizierung Tests eingesetzt, zum Beispiel der SKID-D, das „Strukturierte klinische Interview für dissoziative Störungen“, mit dessen Hilfe verschiedene Formen dissoziativer Störungen unterschieden werden können.17 In „Trauma und Folgen“ von Michaela Huber finden sich im Anhang weitere Beispiele für interessante Fragebögen. Eine gute Diagnosestellung benötigt viel Erfahrung und Überblick. Selbstdiagnosen sind auf jeden Fall nicht hilfreich. Aufgrund der Diagnose kann das weitere Vorgehen geplant werden, außerdem hängt die Kostenübernahme einer eventuellen Therapie durch die Krankenkassen davon ab.
SELBSTDIAGNOSEN SIND NICHT HILFREICH!
Ans Ende dieses Kapitels, in dem so viel von Störungen und Krankheiten die Rede ist, will ich ein Zitat von Franz Ruppert stellen. Er beschreibt sehr anschaulich, wie Menschen typischerweise mit ihren Problemen umgehen, und hebt hervor, dass jede Krise eine Chance beinhaltet:
Das Unbewusste regiert das Bewusstsein mehr, als uns Menschen oft lieb ist. Unsere frühen Erfahrungen, besonders unsere frühkindlichen Erlebnisse, bilden die Grundlage für das, was wir als Erwachsene empfinden, fühlen und daher auch denken … Wenn Unwohlsein, Schmerzempfindungen und Angst uns informieren, dass in unserem Körper oder in unserem sozialen Dasein etwas nicht rund läuft, beginnt ein gedanklicher Suchprozess nach einer möglichst raschen Abhilfe des Problems … Im Grunde sind wir Menschen keine Ursachenforscher, sondern Pragmatiker des Alltags. Solange etwas halbwegs zufriedenstellend funktioniert, passen wir uns an die jeweiligen Gegebenheiten an, ohne viel nachzudenken, oder legitimieren das, was wir aufgrund unserer Gefühle weiterhin machen werden, mit einigen dürftigen Gedanken. Was wir denken, muss mit der Realität wenig zu tun haben, solange wir immer wieder praktische Lösungen finden, mit unseren Problemen umzugehen. Daher ist die menschliche Gedankenwelt auch voll abstruser Vorstellungen, absurder Ideen und Halbwahrheiten … Erst durch die Not werden wir oft gezwungen, näher hinzusehen, wo unser Elend seine Wurzeln hat. In solchen Momenten kann unser Geist sich zu ungeahnten Höhen aufschwingen und tiefe Erkenntnisse und Wahrheiten über uns Menschen und die Welt ans Licht bringen. Daher sind nach meiner Erfahrung traumatisierte Menschen, die den Mut haben, bei sich genauer hinzusehen, oft die besten Kenner der menschlichen Seele. Durch Trauma-Erfahrungen und seelische Krankheiten werden wir am stärksten gezwungen, unser Verständnis von unserem Innersten neu zu überdenken und zu erweitern.18
Was ist nur mit mir los? • Gefühlswelt
• Körperbeziehung • Was nicht sein darf, ist nicht
• Beziehungsstörungen • Der Lebensgarten
Das Leben funktioniert nicht mehr. Irgendetwas stimmt nicht, aber was? Nach langem Zögern, unter vielen Bedenken und Ängsten, öffnet sich die betreffende Person für ein Gespräch. Jetzt kommt es darauf an, ihr mit Verständnis und Fachkompetenz zu begegnen. So soll dieses Kapitel helfen zu verstehen, was in einem traumatisierten Menschen vorgeht.
Bei Langzeit-Traumatisierten zeigen sich die Probleme oft erst Jahre nach den eigentlichen Geschehnissen. Der Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ trifft hier offensichtlich nicht zu: „Je mehr Zeit vergeht, desto schwerer ist die psychische Stabilität insgesamt aufrechtzuerhalten. Die Auf- und Abspaltungsprozesse zum Fernhalten des Traumas aus dem Bewusstsein verbrauchen fortwährend die psychische Kraft und erschöpfen die Energiereserven. Der innere Zusammenhalt der psychischen Strukturen geht immer mehr verloren.“1
Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer erklärt, dass durch den ständig erhöhten Stresspegel Bereiche des Zwischenhirns geschädigt werden. Dies hat zur Folge, dass neuer Stress immer schlechter verarbeitet werden kann. Betroffene bewältigen das Leben bis zum mittleren oder sogar höheren Alter, dann kippt die Situation.2 Auslöser sind meist erneute Stress-Situationen, z. B. Geburt eines weiteren Kindes, Unfälle, Beziehungskrisen, Probleme am Arbeitsplatz, Überforderung … Zu diesem Zeitpunkt haben viele Betroffene wenig bis keine Erinnerung an ihre Kindheits-Traumata und erkennen den Zusammenhang ihrer aktuellen Beschwerden mit den Problemen meist nicht. Nur die typischen Symptome einer posttraumatischen Störung weisen darauf hin.
Diesen Zusammenhang will ich am Beispiel der Verletzung eines Fingernagels verdeutlichen: Wird das Nagelbett geschädigt, kommt es zur Störung der Nagelentwicklung in einer frühen Wachstumsphase. Die sichtbare oberflächliche Wunde verheilt, alles scheint in Ordnung. Der Nagel wächst weiter, erst nach geraumer Zeit kann man auf seiner Oberfläche Veränderungen entdecken: weiße Verfärbungen, Rillen oder Verformungen. Meist hat die betreffende Person zu diesem Zeitpunkt keine Erinnerung mehr an die verursachende Verletzung, aber der jetzt erkennbare Nagelschaden ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit eine Verletzung stattgefunden haben muss.
Michaela Huber vergleicht Trauma mit einer „mentalen Wunde“, die nicht heilt, sondern aufreißt, blutet, eitert und schmerzt, die danach verlangt, „besser versorgt“ zu werden.3
Auf den ersten Blick wirken viele Betroffene nach außen lebenstüchtig und stark. Innerlich sind sie oft angespannt, als könne jeden Moment etwas Schlimmes passieren, finden kaum Ruhe, sind schreckhaft und misstrauisch, ständig auf der Hut. Sie kämpfen sich durchs Leben, sind häufig müde und erschöpft und versuchen, irgendwie zu funktionieren.
Verwirrung
Sie wundern sich über bestimmte Gedanken und Verhaltensmuster, die sie selbst als unangemessen erleben und die im Alltag zu Schwierigkeiten führen: „Warum benehme ich mich so seltsam? Warum reagiere ich so extrem?“ Da sie keine Erklärung haben, sind sie überzeugt, selbst an dem „Problem“ schuld zu sein, andererseits wissen sie gar nicht, was sie anders machen könnten.
Lisa: „Als sehr anstrengend und verwirrend habe ich empfunden, dass ich immer wieder starke und gleichzeitig sehr entgegengesetzte Gefühle hatte, zum Beispiel konnte ich mich an einer schönen Landschaft erfreuen und, im selben Moment, aus einer inneren Qual heraus, die ich nicht wirklich verstand, intensive Selbstmordgedanken haben.“
Betroffene erleben verschiedenste Zustände und widersprüchliche Gefühle: unvermutet starken Zorn, ausgeprägtes Misstrauen, Erstarren und Steifwerden, extreme Angst, Panik, plötzliches Blockiertsein, tiefe kindliche Sehnsucht nach Liebe, Annahme und Geborgenheit. Im Inneren herrscht großes Durcheinander.
Erstarrung
