Hannah: Austins Geschenk - Jenny Trautmann - E-Book

Hannah: Austins Geschenk E-Book

Jenny Trautmann

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Beschreibung

Die Hannah-Reihe dreht sich um die chaotische, aber lebensbejahende Cellistin und Musiklehrerin Hannah York, die an ihren ersten erwachsenen Schüler Damion Treasure gerät und so schnell nicht mehr von ihm los kommt. Das liegt nicht nur an seiner Aura und seinem Auftreten, das hat vor allem mit seinem "Beruf" zu tun. Dazu gesellen sich der Butler Winfried, die Hausdame Magda und Damions auf Rache sinnender Bruder Austin, die Hannah nicht nur unendlich viele Fragen aufgeben, sondern ihr Leben auch gehörig auf den Kopf stellen. Was wäre, wenn es zwei Welten auf dieser Erde gäbe?

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jenny Trautmann

Hannah: Austins Geschenk

Absens heres non erit

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hannah: Austins Geschenk

Absens heres non erit.

Jenny Trautmann

In der Muße scheint das Glück zu liegen. Es gehört denen, die sich selber genügen.

Aristoteles.

Eins

Ich öffne meine Augen und sehe das Meer aus blau gefärbten Kacheln, die friedlich in der gesamten Halle ein beruhigendes Dasein fristen und mir doch nach dem Leben trachten. Ich spüre meine Füße, wie sie unheilvoll über dem steinernen Loch hängen, freier als ein Vogel und dennoch dem Tode geweiht, rühre ich mich nicht auch nur einen Zentimeter.

Ich sitze am vorderen Ende des Sprungbrettes, meine Hände sind hinter meinem Körper gefesselt, an einem langen Strick. Das klingt nach verführerischer Freiheit, aber ich weiß, sobald ich mich bewege, besiegle ich mein eigenes Sterben. Der Strick ist exakt abgemessen, gebe ich mich auch nur kurz meiner Angst hin, zerre ich daran und jener betätigt eine Mechanik, die wiederum eine Barriere löst. Das angesägte Brett würde sofort in das leere Schwimmbecken stürzen und mich in die Arme des Schwarzen Mannes werfen.

Vor zirka zwei Minuten habe ich beschlossen, nicht mehr zu weinen und somit den leeren Bauch der verlassenen Schwimmhalle nicht mehr mit wimmernden Echos zu füttern. Ich bin vor nicht allzu langer Zeit direkt hier aufgewacht, ich weiß also nicht, wer oder was mich hierhergebracht hat. Mir läuft die Nase; meine Augen und mein Hals brennen, aber ich kann und will mich nicht bewegen. Rühr dich nicht, flüstere ich mir unentwegt zu. Rühr dich keinen Millimeter. Damion wird kommen und dich hier rausholen.

Damion!

Ich schreie es innerlich, so laut ich kann, und die Hoffnung schreit mit mir. Wir haben solche Angst, das Herz ist uns eingefroren und insgeheim wünschte ich, ich wäre nie allein zu diesem Auftrag gefahren. Eigentlich wünschte ich, ich hätte Damion nie kennengelernt.

Ich beiße auf den Knebel und schluchze erneut. Ich will Damion nicht nicht kennengelernt haben und gleichzeitig verfluche ich ihn für meine missliche Lage. Er ist an allem schuld, war er bereits, als er mir damals seine erste E-Mail schrieb.

Mein Name ist Hannah York und eigentlich bin ich eine unbedeutende Musiklehrerin, die es liebt, unbedarften Menschen das Cellospielen beizubringen. Seit mittlerweile sechs Monaten arbeite ich jedoch für den Teufel und so verschroben das klingen mag, es ist die Wahrheit – wenn auch ich mich manchmal damit noch höchst lächerlich fühle. Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass all die Geschichten über den Teufel, seine verführerischen und gleichzeitig irreführenden Fähigkeiten nahezu jeden in sein eigenes Verderben zu bringen, wahr sind. Man sollte sich von solchen Wesen fernhalten. Ich habe es mehrmals versucht und habe schließlich meine Gutmütigkeit siegen lassen, was mich hierherbringt. In eine alte Schwimmhalle. Geknebelt und gefesselt. Dem Tode direkt in seine leeren Augen blickend.

Tränen fließen meine Wangen hinunter und versickern im Leinenstoff des Knebels. Mir ist schummrig und ich versuche krampfhaft, mir nette Gedanken zu machen. Ich denke wieder mal an Peppy, meinen Basset aus Kindertagen, aber es will nicht funktionieren. Sowieso funktioniert nichts mehr, seit ich für Damion arbeite. Habe ich mich halbwegs gefangen, schleudert er mit der nächsten Begebenheit um sich und wirft mich ins Chaos. Man könnte meinen, ich sollte mich innerhalb des letzten halben Jahres daran gewöhnt haben. Allerdings passierten dermaßen abstruse Dinge, dass ich mich wohl nie daran gewöhnen werde. Niemals. So lange ich lebe. Also nicht in der nächsten Stunde, oder wie lange ich hier auch noch festsitzen werde.

Selbst der Gedanke an Theodora bringt mich nur wenig zur Ruhe. Vor etwa fünf Monaten, als ich Damion aus der Gefangenschaft eines verrückt gewordenen Spähers befreien musste, lernte ich seine beiden Töchter kennen. Sophia ist eine unverfrorene, kaltschnäuzige und freche Dreizehnjährige – also genau ihrem Alter entsprechend. Ich begegne ihr meistens mit wissendem Verständnis, aber oftmals musste Damion als Kampfrichter zwischen uns gehen. Sie bringt mich viel zu oft ganz schön auf die Palme, muss sie von ihrem Vater haben. Theodora habe ich sofort ins Herz geschlossen, dieses vierjährige kleine, zarte Pflänzchen. Sie ist ein typisches Mädchen, schüchtern und herzergreifend naiv. Ich unternehme viel mit ihr, wenn die beiden denn in der Treasure Villa sind. Sie können nicht allzu oft zu uns kommen, ihre Mutter ist da wahnsinnig eigen. Sie ist die genaue Gegenspielerin zu Damion, sie arbeitet für die andere Seite. Abgesehen von der Tatsache, dass das unbegreiflich ist und doch zu erwarten war, haben sich die beiden nicht wirklich im Guten trennen können. Sofern man bei Damion überhaupt von gut sprechen kann. Mehr weiß ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, Damion ist unfassbar verschwiegen darüber.

Eines steht fest: Komme ich hier lebend raus, muss er mir alles erzählen, was ich wissen will. Die Spielchen sind dann vorüber.

Vorsichtig schließe ich meine Augen – ich will mich nicht zu sehr bewegen – und denke an Theodora. Sie ist ein verzauberndes Ding, so unverdorben und einnehmend. Sie hat wunderschöne blaue Augen, wahrscheinlich die ihrer Mutter. Sie hat langes, dunkles Haar, welches ihr in seichten Locken sanft bis tief in den Rücken fällt. Manchmal, wenn wir gemeinsam Zeit verbrachten, streifte mich der liebliche Duft ihres Hauptes und ich vergaß all meinen Groll gegenüber Damion, gegen die Gefahren, denen er mich dauernd auszusetzen schien und die Unstimmigkeiten, den Streit, die Diskussionen, die wir zu Hauf hatten. Er ist ein fürchterlicher Dickkopf, gefangen in seiner noblen und konventionellen Welt, welche geprägt ist durch sein eigentliches Leben, das Leben eines intriganten Helfers des Sonnenkönigs. Bei diesem Gedanken muss ich leicht schmunzeln, obwohl mir das kaum möglich ist, jemand hat es sehr gut gemeint mit dem Knebel.

Damion liebt das Auftreten als zurückgenommener, wenn auch zeitweise verschroben wirkender Gentleman. Einzig, wenn seine Kinder den Raum betreten, bekommt sein Gesicht etwas unverhofft Mildes. Ich habe mich in letzter Zeit oft dabei ertappt, wie ich ihn mit größer werdender Zuneigung beobachtete, wenn er Theodora liebevoll den Kopf streichelte oder Sophia mit einem mahnenden, wenn auch liebenden Blick tadelte. Es wärmt mir das Herz ihn so zu sehen – oder ihn so gesehen zu haben. Ich schniefe, ich weiß ja nicht, ob ich hier heil herauskommen werde.

Plötzlich höre ich Türen aufgehen und versuche unvermittelt, meinen Atem zu beruhigen. Damion kann es nicht sein, der würde einfach so im Raum auftauchen, ohne auch nur eine Türklinke angefasst zu haben. Ich höre, wie jemand langsamen, ja drohenden Schrittes den Seitengang entlangläuft, es sind nur noch wenige Meter, ehe sich derjenige zeigen wird. Ich versuche, regelmäßig und tief zu atmen, sobald ich hastig die Luft einsauge, habe ich das Gefühl, auf der Stelle zu ersticken.

Ich starre auf den Punkt, an dem derjenige auftauchen wird, kann bereits einen Schatten erkennen und noch bevor ich vor lauter Spannung das Bewusstsein verliere, taucht er auf.

Sein fester Blick lässt mich zu Stein erstarren, für einen kurzen Moment vergesse ich wie man atmet. Er ist komplett in schwarz gekleidet, trägt einen langen Mantel, der fast den kahlen Boden berührt. Darunter trägt er ein Hemd, dessen Kragen in steifem Zynismus um seinen Hals liegt. Er hat lange, weißblonde Haare, die in bedrohlicher Eigensinnigkeit über seine Schultern fallen. Seine Arme hat er hinter dem Rücken verschränkt. Sein Stand ist fest, bestimmt und hoheitsvoll. Ich spüre sofort, dass das kein Spaß wird, dass ich mir absolut keine Kinkerlitzchen erlauben darf. Er sieht zu mir auf und doch habe ich das Gefühl, ich bin ein niederes Stück Mensch, welches seine Gegenwart in vollendeter Dankbarkeit und Demut entgegennehmen sollte. Mit einem Mal beginnt er, ein angsteinflößendes Lächeln um seine Lippen zu legen.

„Ich hatte gehofft, Sie wären eine intelligente Frau. Aber Ihre Gedanken übertreffen gar meine Erwartungen. Würden wir noch etwas mehr Zeit miteinander verbringen, dessen bin ich mir sicher, hätte ich wahre Freude an Ihrer mannigfaltigen Gedankenwelt.“

Sein Ton ist ruhig und versetzt mich dennoch in höchste Alarmbereitschaft. Ich begegne seinem kühnen Blick. Ich bin nicht sonderlich überrascht, dass er meine Gedanken lesen kann. Bereits seine Aufmachung ließ mich die Vermutung haben, dass er einer wie Damion ist. Warum sonst sollte er mich festhalten? Ich bin ganz offensichtlich ein Werkzeug, das gegen Damion eingesetzt wird. Anscheinend ist unsere Verbindung zueinander weit bis über die Grenzen der Treasure Villa bekannt. Wer weiß, welche eifersüchtige Kollegin ich dieses Mal auf den Plan gerufen habe. Ich sollte viel-leicht eine Pressemitteilung herausgeben, dass Damion und ich rein geschäftlicher Natur miteinander verbunden sind. Und ich sollte ihnen klar machen, dass ich keinerlei sonderbare Fähigkeiten mein Eigen nennen kann, sondern ein stinknormaler Mensch bin, der verletzt und leichthin auch getötet werden kann.

Bereits an meinem dritten Tag in der Villa wurde ein Anschlag auf mich verübt, vor zirka zwei Wochen schlug mir Damion fuchsteufelswild ein Softeis aus der Hand, dass ich von einem freundlichen Verkäufer bekommen hatte, der eigentlich Werbung machen, mich in Wahrheit aber vergiften wollte. Und nun sitze ich am äußersten Rand eines wackeligen Sprungbrettes, habe zirka sieben Meter Luftlinie zwischen mir und meinem todbringenden Genickbruch, einen perfiden Weißhaarigen, der mich lüsternen Blicks anstiert und keine Ahnung, wie ich die nächsten fünf Minuten überleben soll.

Der Weißkopfalter lacht kurz in sich hinein, rümpft sich die Nase, um sie dann zu kratzen. Er beginnt, ein paar langsame Schritte in meine Richtung zu machen, was ich mit Argusaugen beobachte. Ich befürchte, dass seine Bewegung ein Vibrieren auslöst, welches das Stück Holz unter meinen Hintern zum Bersten bringt. Wieder lacht er.

„Sie sind eine fantasievolle, junge Lady. Ich kann durchaus nach-vollziehen, warum Damion so sehr Ihre Gesellschaft genießt.“

Ich will ihm etwas Unerhörtes an den Kopf werfen und erinnere mich schlagartig daran, dass ich weder sprechen kann, noch mich sonderlich viel bewegen sollte.

„Ich möchte durchaus hören, was Sie zu sagen haben, Hannah“, spricht er gelassen, macht eine winzige Fingerbewegung und mit einem Mal ist der Knebel fort.

Für einen kleinen Moment bin ich darüber perplex und genieße bereits im Folgenden mein kleines Stück wiedergewonnene Freiheit. Ich fange mich und sende ihm Zornesblitze, ohne mich dabei wirklich zu bewegen.

„Sie haben ja keine Ahnung, mit wem Sie es hier zu tun haben! Außerdem nennt man das Freiheitsberaubung und auch versuchten Mord, man wird Sie verklagen und zur Rechenschaft ziehen!“, schreie ich nach unten und ihm entgegen. Es interessiert ihn natürlich nicht und bringt nicht mal ein Fünkchen Reaktion in ihm hervor. Er und Damion sind sich verdammt ähnlich. Zu ähnlich für meinen Geschmack. Er lacht nur müde, sogar ein klein wenig gelangweilt.

„Ach, ihr modernen Menschen und euer Gerechtigkeitswahn“, seufzt er theatralisch. Er macht weitere Schritte in meine Richtung, sieht kurz auf seine blitzblank geputzten Schuhe, dann wieder zu mir. „Finden Sie nicht, dass Sie damit übertreiben? Ihre augenscheinlich nicht Ihren eigenen Gedanken entsprungene Auffassung von Moral und Recht, von sozialen Widrigkeiten und wahrheitsentfernter Vorstellung von Richtigkeit sind ein Aufguss dessen, was die Menschheit für gesetzt ersieht.“

Er lacht verächtlich, als er mein eingeschlafenes Gesicht sieht. Was zum Henker will er mir damit sagen?

„Hannah, Sie erstaunen mich. Ich hatte mir dann wahrscheinlich doch etwas mehr von unserer ersten Begegnung erhofft.“

„Das kann man wohl kaum eine Begegnung nennen“, knurre ich und merke, wie meine Hände taub werden. Er verschränkt die Arme, geht in eine Denkerpose, seine rechte Hand berührt seinen Mund. Eine fast schon harmlose Situation, würde ich nicht so wehrlos hierben hocken.

„Ich frage mich, ob Damion Ihrer aufbrausenden Art wirklich genügend Einhalt gebieten kann?“

Er schenkt mir einen erwartungsvollen Blick, während mein Gesicht in die Fassungslosigkeit abdriftet.

„Was soll das denn bitte heißen?“

„Ob er Ihrer wirklich Herr genug ist, meine ich.“ Seine arrogante Art bringt mich augenblicklich auf hundertachtzig.

„Für wen halten Sie sich denn bitte? Warum sollte Damion denn so etwas tun müssen?“ Noch bevor er antworten kann, unterbreche ich ihn. „Überhaupt, was soll das heißen? Sie haben da wohl etwas ganz und gar nicht mitbekommen. Ich bin nicht Damions Sklavin, nicht sein Dienstmädchen oder Untergebene. Ich bin seine... “

„Musiklehrerin?“, fragt er nun missfällig. „Das können Sie vielleicht Ihren Eltern als schmackhafte Lüge auftischen, aber ich bin des gleichen Schlags wie Damion. Ich weiß, dass Sie seine derzeitige Lebensfrucht sind.“

Ich weiß nicht, worüber ich fassungsloser bin. Über die Informationen, die er hat und die nichts Gutes in seinen Händen sein können, oder über die Art und Weise wie er mich betrachtet. Als was er mich betrachtet. Wieder schenkt er mir ein teuflisches Lächeln.

„Glauben Sie ernsthaft, das wird von Dauer sein?“ Er sieht mich an und als ich nichts antworte, bekommt er einen fast freudigen Gesichtsausdruck. „Hannah, das ist ja geradezu lachhaft naiv von Ihnen! Wie blind Sie doch sind, das hätte ich gar nicht gedacht – so resolut Sie doch jeden Ihrer Gedanken vertreten können.“

„Hören Sie sofort auf, Damion schlecht zu machen“, zische ich und er hebt sofort abwehrend die Hände.

„Um Gottes willen! Nichts ist mir ferner, als meinem Bruder einen dreckigen Ruf zu verschaffen.“

Mir sackt das Gesicht gen Boden, mein Herz bleibt prompt stehen. „Was?“, flüstere ich fassungslos. Er deutet eine kleine Verbeugung

an.

„Lassen Sie mich die anfänglichen Momente unverzeihlicher Unhöflichkeit vergessen machen, indem ich mich Ihnen in aller Form vorstelle.“ Sein Gesicht bekommt etwas grauenhaft Dunkles. Mir rinnt der Schweiß den Rücken hinunter und Tränen schießen mir in die Augen.

„Mein Name ist Austin Treasure und ich bin hier, um Damion ein Geschenk zu machen.“

Zwei

Ich versuche, den übergroßen Brocken in meinem Hals hinunterschlucken, aber es bleibt mir vergönnt, ein normal atmender Mensch zu sein. Frei, in einem stinknormalen Bürojob, genervt vom Wetter und den dauernd lärmenden Nachbarn. Seit ein paar Monaten vermisse ich ein wenig Normalität, aber momentan sehne ich mich nach einem anderen Leben.

Austin sieht mich wissend an, seine Augen haben einen seicht tiefroten Farbton angenommen. Ich verliere meinen Verstand, wenn er die Aktion mit der monsterhaften Verwandlung macht. Wenn er einer wie Damion ist, ist sein derzeitiges Aussehen nur eine täuschende Hülle. In Wahrheit hat er schlitzartige, rote Augen, wahrscheinlich spitze Zähne und eine grässlich furchteinflößende Stimme. Austin reißt mich aus meinen Gedanken.

„Ich werde Ihnen nun erzählen, wie wir in Zukunft miteinander verfahren werden. Es wird weiterhin eine kleine Korrespondenz zwischen mir und Damion bestehen, allerdings habe ich schon immer gern etwas Spannung der alltäglichen Trägheit vorgezogen. Ich habe Sie beide schon eine Weile beobachtet, ich weiß also, dass Sie Damion mehr bedeuten, als seine bisherigen Lebensfrüchte. Er wird sich ordentlich ins Zeug legen, um Sie zu erhalten. Daher werden Sie mein kleines Brieftäubchen. Sie werden vermitteln, was ich Damion zu sagen habe.“ Ich öffne meine Mund, aber er erhebt sofort seinen Zeigefinger. „Ich weiß natürlich, dass das Ihren Widerwillen hervorruft. Aber lassen Sie mich eines von Anfang klarstellen“, damit kommt er noch ein Stück näher und obwohl fast sieben Meter zwischen uns liegen, habe ich das Gefühl, er stünde direkt neben mir. Eine Gänsehaut jagt über meinen Körper. „Sie werden vermitteln oder Sie werden töten.“

„Ich . . . ich töte nicht“, stottere ich.

„Ich habe nicht gesagt, dass Sie das freiwillig tun werden. Stellen Sie sich einfach vor, wozu ich noch fähig bin, wenn ich Sie ohne großen Aufwand hierher und diese Lage bringen konnte.“

Ich lecke mir über meine ausgedörrten Lippen. Angst ist ein staubtrockener Geselle.

„Keine Sorge“, er winkt lässig ab. „Das Spiel wird nicht ewig gehen, dafür langweile ich mich zu schnell.“

Panik ergreift mich und ich fange an, stoßweise zu hecheln. Austin erhebt erneut seinen Zeigefinger.

„Eins. Sie werden Damion sagen, dass ich wieder da und nicht gewillt bin, dorthin zurückzukehren, wo er mich derzeit wähnt.“ Ein weiterer Finger erhebt sich und mir steigt die Übelkeit die Speiseröhre hinauf.

„Zwei. Er wird Sie finden, seien Sie sich dessen sicher. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass er das rechtzeitig tun wird. Das Brett wird Sie noch etwa fünf Minuten halten können.“ Ich japse nach Luft. Austins Hand zeigt nun drei Finger.

„Drei. Damion wird die Fesseln nicht auf übliche Weise lösen können, es sind präparierte Fäden. Er wird sich die Hände verätzen, kommt er auch nur in die Nähe des Stricks“, er zwinkert mir zu und mich hebt es sofort.

Meine Nase und Tränen laufen um die Wette, ich habe Todesangst. Ich sehe nichts, alles um mich herum verschwimmt, nur dumpf kann ich noch Austins Stimme wahrnehmen.

„Hannah, es war mir eine außerordentliche Freude, Sie endlich einmal persönlich kennenlernen zu dürfen. Ich sehe voller Freuden unserer nächsten Begegnung entgegen. Meine Empfehlung.“ Austin verbeugt sich und macht auf den Ansatz kehrt. In dem Moment geht die Panik in mir durch.

„Nein! NEIN! Bleiben Sie! Bitte! Austin!“, kreische ich und spucke ihm die Wörter gegen den Rücken. Ich höre noch ein boshaftes Kichern, dann ist er verschwunden.

Heftige Angst peitscht mich und mein Blick jagt zur Uhr, die erbarmungslos tickt und nicht willens ist, mir etwas Zeit zu verschaffen.

„Bitte!“, ehe ich in den steinernen Bauch und es echot die Verzweiflung zu mir zurück. Ich lasse meinen Kopf auf meine Brust sinken und schluchze gegen meinen Körper.

„Ich will nicht sterben. Ich will das nicht“, jammere ich und meine Klagelaute versickern im Nichts meiner achtlosen Umgebung. „Bitte.“

Ich verliere das Gefühl in meinen Unterarmen, mein Kopf ist leer und doch voller schwarzer, klebriger Masse. Ich sehe zur Uhr und mir bleibt ungefähr noch eine Minute.

Oh Gott.

Nun weine ich rückhaltlos, schreie und jammere meinem Tod entgegen.

„Ich liebe euch, Mama und Papa. Sara, ich lege ein gutes Wort für dich ein, versprochen.“, schluchze ich und werfe meinen Kopf nach hinten. „Danke für die schöne Zeit, danke für mein Leben. Ich . . . “

„Hannah!“

Mein Kopf jagt in Richtung Beckenrand und ich sehe Damion die Treppe hochjagen.

„Damion! Bitte! Hilf mir“, winsle ich und kann mich kaum noch beherrschen.

„Ich bin gleich bei dir!“, ruft er und ich höre, wie er in Windeseile eine Stufe nach der nächsten erklimmt.

„Ich weiß nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt“, bringe ich zwischen all dem Schluchzen hervor.

„Fast da, Hannah. Gleich.“

„Damion, beeil dich!“

„Okay, ich bin hier“, höre ich ihn hinter mir und dann ein lautes Zischen, einen Schmerzschrei.

„Damion, nicht! Nicht den Strick!“, krampfhaft versuche ich, mich nach hinten zu drehen, aber ich habe Angst, uns beide in den Abgrund zu stürzen. „Komm nicht näher! Der Strick und das Brett – um Gottes willen, hilf mir!“ Die letzten Worte schreie ich in die Halle hinein.

„Hannah, beruhige dich.“

„Aber ich werde sterben! Wir werden sterben! Ich werde …“

„HANNAH!“, brüllt mir Damion entgegen und ich verstumme, wenn ich auch das Schluchzen nicht unterdrücken kann.

„Wir haben es gleich geschafft“, fährt er wesentlich ruhiger fort. „Du darfst nur nicht panisch sein. Hast du mich verstanden?“

„Aber, die Zeit und . . . “, hechle ich und fühle, wie Damion selbst nur schwer ruhig bleiben kann.

„Hannah, hör mir zu. Wir werden jetzt einen kleinen Trick anwenden, denn letztlich ist das hier nichts anderes. Ein Trick, hörst du?“

„Aber, ich . . . “, wimmere ich und verstumme ganz. Ich spüre Damions sorgenvollen Blick auf meinen schweißnassen Rücken.

„Hannah“, beginnt er leise. „Es ist gleich vorbei, du hast es fast überstanden. Aber du musst dich beruhigen.“ Mein Kopf macht teils eine bestätigende, teils eine verneinende Bewegung.

„Deine Aufgabe ist es, ruhig zu atmen und an nichts zu denken. Mehr verlange ich nicht von dir. Kannst du das für mich tun?“

„Ich weiß es nicht“, weine ich in meinen Ausschnitt. Meine Schultern schmerzen und ich will nach Hause.

„Hannah.“

Damion spricht es so leise und voller Zuneigung aus, dass ich für einen kurzen Moment alles um mich herum vergesse. Ich kann seinen Atem über meinen Nacken streichen spüren, sein Blick, wie er mich undurchdringbar und doch völlig einnehmend ansieht, ich spüre fast seine Hand langsam meinen Arm hinuntergleiten. Ich schließe die Augen, gebe mich ganz diesem wohligen Gefühl hin und atme lange aus.

Plötzlich lande ich in Wasser, erschrecke über das mich umgebende Nass, welches aus dem Nichts kam, um mich zu töten. Voller Panik strample ich hin und her, meine Hände noch gefesselt, ich merke wie ich sinke, wie mich Poseidons Finger krallen und in einen tödlichen Abgrund zerren.

Dann ist mein Kopf schon wieder über Wasser und ich ringe nach Luft. Ich habe das Gefühl, meine Lunge sind viel zu klein für die Masse an Luft, die das Leben in mir beansprucht. Ich höre mich, wie ich stürmisch und von tiefgehender Panik ergriffen nach Luft japse, ich keuchend und nach Atmen ringend daliege. Bis ich merke, dass ich in Damions Armen liege, er mir leise Worte zu flüstert und mich innig hält. Immer noch keuchend suche ich das Wasser, aber das Becken neben uns ist leer.

„Ein Trick, alles nur ein Trick“, flüstert Damion an meinem Ohr und schlingt die Arme enger um mich. „Es tut mir leid, Hannah. Ich hätte besser auf dich aufpassen sollen.“

Langsam beruhige ich mich. Ich nehme seinen Duft wahr und spüre seinen Herzschlag. In all der Zeit, in der ich bei ihm bin, habe ich ihn noch nie dermaßen aufgelöst erlebt. Ich glaube fast, das erste Mal den wahren Damion zu sehen, sein lang verborgenes, streng gehütetes und so über die Maße verletzliches Ich, der Teil Mensch, der nicht zerfressen ist von diabolischer Arbeit und unnachgiebigen Mauern. Ein versteckter Raum, kleiner als eine finstere Kellernische, in der kaum Platz für Gefühle freudvoller Natur ist.

Damions Gesicht hat sich an meinen Hals vergraben, er murmelt unaufhörlich vor sich hin. Stück für Stück kehrt das Gefühl und die Handhabe über meine Arme zurück, sodass ich sie vorsichtig, ganz zaghaft, um ihn lege. Als meine Finger seinen Rücken berühren, hält er inne und ich fürchte, dass ich all das neugewonnenen Vertrauen zwischen uns unbeabsichtigt zerschnitten habe. Er hebt seinen Kopf und ich zucke merklich zusammen. Es ist deformiert, sein Gesicht ist von Angst zerfressen. Da ist nichts Hartes oder Unnachgiebiges mehr.

„Ich dachte, es ist zu spät.“

Seine Worte balsamieren mir die Seele.

„War es aber nicht.“

Er sieht mich noch eine Weile an und ich will ihm gerade eine Hand auf sein Gesicht legen, endlich einmal seine Haut fühlen, als sich sein Blick merklich verändert. Obwohl ich in seiner seichten Umarmung voller Wonne und tiefer Geborgenheit sein sollte, ist mir sofort unwohl. Ein beklemmendes Gefühl kriecht mir die Wirbelsäule hinauf, wiederholt traue ich mich nicht, mich zu bewegen, geschweige denn, zu atmen.

„Wir sollten gehen.“

Der eisige Hauch, der mir gegen das Gesicht schlägt, löscht sämtliche Näherungsversuche der letzten Monate binnen Bruchteilen von Sekunden aus. Damion löst die Umarmung, hilft mir auf die Beine. Aber seine neuerliche Distanz rasselt wie ein Schauer Eispickel auf mich nieder. Kühlen Blicks verschließt er sein Sakko und begibt sich in Richtung Ausgang.

Mein Mund ist ausgedörrt, vielleicht auch, weil er seit einer gefühlten Ewigkeit offen steht. Meine Hände liegen unentschlossen auf meiner Brust, ich sollte mich über mein gerettetes Leben freuen, aber ich kann es nicht.

„Hannah!“, höre ich ihn vom Seitengang her ungeduldig rufen.

Während der gesamten Autofahrt zurück zur Villa fällt kein einziges Wort. Natürlich bin ich diese größtenteils schweigsamen Fahrten gewohnt, wir haben unzählige davon in letzter Zeit unternommen. Wenn uns Winfried zu den zahlreichen Gesprächen, Geschäftsessen und Partys fuhr, hat keiner von uns wirklich auch nur einen Mucks von sich gegeben. Anfänglich habe ich versucht, Konversation zu führen, habe mitunter ziemlich schlechte Witze erzählt, um wenigstens ein Fünkchen Reaktion zu bekommen. Aber alles, was ich dafür bekam, waren – wenn überhaupt – merkwürdige Blicke und innerliche Krämpfe der Scham.

Ich müsste also an diese Situation gewöhnt sein. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass dies jedoch die schlimmste Autofahrt aller Zeiten ist. Ich sitze leicht zusammen gekauert auf meiner Seite, habe die Arme um meinen Körper gelegt und starre eigentlich die ganze Zeit über nach unten. Es herrscht eine Eiseskälte im Wagen, es würde mich nicht wundern, würde ich im nächsten Moment meinen Atem sehen. Damion starrt nur finster aus dem Fenster, Winfried ist sein eigener, stummer Klon.

Mein Hirn rattert unermüdlich vor sich hin, ich habe das Gefühl, man kann es bis zum Südpol rumpeln hören. Was ist hier los? Was ist hier passiert?

Wir fahren die Auffahrt hinauf, der Wagen stoppt, Damion stürzt sofort hinaus und in die Villa. Wie ich ihn so davonstieben sehe, reißt etwas in mir.

Noch bevor Winfried mir die Tür öffnen kann, reiße ich sie auf und jage Damion hinterher. Ich sehe ihn noch am zweiten Absatz der Treppe und schieße selbst den ersten hinauf, als wäre es Teil des Empire State Building-Marathons.

„Was sollte das?“ Meine Stimme ist fest, obwohl ich ziemlich aus der Puste bin (Mann, ich sollte wirklich mehr Sport machen).

Damion hält inne, ich sehe, wie er seinen Kopf leicht senkt. Wahrscheinlich überlegt er sich gerade wieder irgendetwas, was mich verstummen lassen sollen. Das Spiel habe ich die letzten sechs Monate mitgespielt, mir steht’s Oberkante, Unterlippe.

Er wendet sich mir zu, lässt eine Hand in seiner Hosentasche verschwinden, sein Blick könnte nicht weniger herablassend sein. Ich schüttele nur meinen Kopf.

„Was . . . was ist denn auf einmal los mit dir? Ich dachte, wir hätten dieses Stadium längst hinter uns gebracht?“ Fassungslos sehe ich ihm entgegen. Sein Verhalten verletzt mich zutiefst, aber das muss ich diesem Hornochsen ja nicht auf die Nase binden. Am Ende kommt er noch auf die Idee, dass ich ihn mögen könnte. Dann hätten wir dasselbe Problem wie zu Anfang: Er würde sich an meinen netten, allzu menschlichen Gefühlen verschlucken und qualvoll daran ersticken. Man könnte fast Mitleid mit ihm haben. Als er

nicht reagiert, schüttle ich erneut mit dem Kopf.

„Ich versteh‘s nicht, du bist . . . “, verzweifelt suche ich nach Worten. „Du bist wieder du.“

Damion sieht mich an, ich könnte schwören, ich sehe den inneren Kampf, den er gerade führt. Ich wünschte, er würde endlich aufhören, mich vor seinem tiefsten Inneren abzuschirmen. Soweit ich das beurteilen kann, ist das nämlich gar nicht so schlecht. Im Gegenteil, es gefällt mir weitaus besser als dieses herablassende 24-Stunden-vor-den-Kopf-Gestoße.

„Jetzt sag doch was, verdammt noch mal!“, entfährt es mir.

In diesem Augenblick kommt er auf mich zu und ist schneller bei mir, als mir lieb ist. Seine durch und durch bösartige Erscheinung lässt mich die Luft zwischen meinen Zähnen hindurch ziehen, als hätte ich mich gerade verbrannt. Meine rechte Hand krallt sich instinktiv um das Geländer hinter mir.

---ENDE DER LESEPROBE---