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Die Hannah-Reihe dreht sich um die chaotische, aber lebensbejahende Cellistin und Musiklehrerin Hannah York, die an ihren ersten erwachsenen Schüler Damion Treasure gerät und so schnell nicht mehr von ihm los kommt. Das liegt nicht nur an seiner Aura und seinem Auftreten, das hat vor allem mit seinem "Beruf" zu tun. Dazu gesellen sich der Butler Winfried, die Hausdame Magda und Damions Schwester Cecile, die Hannah nicht nur unendlich viele Fragen aufgeben, sondern ihr Leben auch gehörig auf den Kopf stellen. Was wäre, wenn es zwei Welten auf dieser Erde gäbe?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hannah: Hannahs Entscheidung
Jenny Trautmann
Die Wahrheit ist eine Matroschka.
Gerd Künzel
Eins
Mein Name ist Hannah York und ich hätte soeben beinahe meinen Geliebten umgebracht. Wobei das natürlich absoluter Schwachsinn ist, denn man kann ihn nicht töten. Dafür bräuchte man irgendwelche präparierte Kugeln und ich weiß noch nicht einmal, wie ich die aufzubereiten hätte. Insgeheim weiß ich nur, dass ich gerade wie eine Furie auf den Teufel losgegangen bin. Aber von
Anfang an ...
Man möge sich sogleich darauf einstellen, dass folgende Geschichte ein verquere und ganz und gar nicht normale ist. So begann es und war es auch immer – zumindest bis zu seinem Tod, den mir dieser Vollpfosten vorgetäuscht hat. Vorgetäuscht. FÜNF JAHRE LANG!
Wenn man sich das nur einmal kurz auf der Zunge zergehen lässt und darüber nachdenkt, wie ein Mensch mit einem vollends funktionsfähigen Verstand, dann würde man spätesten hier die Grenze ziehen. Oder man macht einfach weiter, so wie ich.
Damion Treasure, einst Mädchen für alles für den Sonnenkönig – Ja, ich meine das ernst! – und dann Abgesandter der Hölle, befindet sich seit nun mehr sieben Jahren in meiner Umlaufbahn. Obwohl das so nicht richtig sein kann. Ich befinde mich eher in seiner. Und komme da nicht raus, nicht einmal nach einem halben Jahrzehnt seines vorgetäuschten Ablebens. Vielleicht liegt das daran, dass wir mal so was wie eine Zukunft geplant hatten, eine Patchwork-Familie waren und ein gemeinsames Kind namens Rahel haben. Die steht gerade im Türrahmen meines Hauses für potenzielle Witwen und starrt mit riesigen Augen auf die unwirkliche Szene, die sich gerade in ihrem Vorgarten abspielt. Sie und gefühlt zwanzig meiner Nachbarn.
Ich bin vor zirka zwei Minuten aus meiner Oscar-reifen Darstellung der Salzsäule erwacht und bin, samt all meiner Gliedmaßen, auf ihn los. Wenn man es genau nimmt, prügle ich gerade wie eine gesengte Sau auf ihn ein. Denn das Bild, was mich dazu bewegt, die Emotionen, die daran haften, lassen mich einfach nicht los.
„Du Verräter!“, kreische ich so laut, dass sich meine Stimme überschlägt. „Wie konntest du mir das antun?! Fünf Jahre, Damion! FÜNF JAHRE!“
Erst habe ich auf seine Brust eingehämmert, als gäbe ich statt eines Cello-Konzerts meine Bongokünste zum Besten. Ich war nämlich mal eine ausgezeichnete Cellistin und Musiklehrerin und dieser wild gelockte Idiot mit den dämlich grünen Augen hat das für sich ausgenutzt. Was meine Rage noch mal so richtig schön potenziert hat, sodass Damion stolperte und umfiel wie ein gefällter Baum. Ich hocke auf ihm und lasse alles auf ihn niederprasseln, worauf ich gerade zugreifen kann: Hände, Arme, Schimpfwörter, Flüche – das ganze Programm eben.
Ich schreie und kreische, weine und heule; und zwischen all den Hasstiraden, die ich seinem Gesicht entgegen schleudere, kann ich so etwas wie Abwehr seinerseits vernehmen. Insgeheim habe ich wohl jedes Recht so auszurasten, was allerdings nur er und ich so sehen. Der Rest, der sich mittlerweile in Form einer sprachlosen und entsetzten Meute um uns schart, glaubt eher, ich hätte meinen Verstand verloren. Was ich auch habe, denk ich mal. Ich meine, wer verliebt sich denn bitte freiwillig in den Teufel? Goethe hat bereits vor mehr als zweihundert Jahren bewiesen, dass dieser Herr namens Mephisto eine Ausgeburt der Hölle ist und man da prinzipiell einfach mal die Finger von lassen sollte.
Aber nicht so Hannah York. Nee-e, die setzt dem Ganzen nochmal das Krönchen auf, arbeitet für ihn, verliebt sich ihn und hat auch noch ein Kind mit ihm. Die immer noch im Türrahmen steht, ihr Spielzeug fest an sich gedrückt. Das denke ich zumindest, denn sehen kann ich sie nicht. Ich habe ihr den Rücken zugewandt. Aber ich weiß, dass es ihr gut geht. Cooper weicht ihr schließlich nicht von der Seite, obwohl der sehr aufgebracht wirkt, so wie er da wie ein Wahnwitziger vor sich hin bellt. Kann mir aber egal sein, der ist auch nur ein Beweis dafür, dass Damion absolut nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Cooper hatte er mir nämlich mal als Begleiter aufgezwungen, wobei dabei nicht ganz unwichtig ist, dass dieses Tier ein Höllenhund ist. Und sich verwandeln kann. Also Entschuldigung, aber spätestens da hätte ich Damion den Vogel zeigen und abhauen müssen. Aber nein, ich blieb. Und nun hab ich den Salat.
Oder eher den Kollaps. Kurz vor dem stehe ich gerade, ich bekomme keine Luft mehr. Ich japse nach Luft, die Hände habe ich auf Damions Brust abgestützt. Ich heule Rotz und Wasser, die Haare stehen mir wüst vom Kopf. Dann erhebe ich mich, bleibe aber auf ihm sitzen. Damion hat die Hände immer noch in der Höhe, sieht mich ernst an. Sein Gesicht ist auch nass, aber ich vermute mal, das sind eher meine Tränen und allerhöchstens sein Schweiß.
„Ich hasse dich so sehr“, keuche ich und versuche, ihn herablassend anzusehen. Was mir natürlich nicht gelingt. Ich sehe wohl eher aus, als hätte ich was im Auge. Ich zwinkere so vor mich hin wie ein unter Strom stehender Frankenstein. Am Ende sehe ich gerade auch so aus. Meine Wangen brennen heiß, genau wie mein Innerstes, hormongesteuerte Mittfünfzigerinnen sind ein Dreck gegen mich. Ich hole Luft, als hätten meine Lungen die Größe von Walnüssen. Die würde ich Damion gerade nur zu gern mal in einen Kornquetscher packen.
Doloris von neben an wagt sich als Erste einen Schritt in unsere Richtung. Sie wartet darauf, dass ich mich erkläre. Aber was soll ich ihr denn erzählen? Dass meine totgeglaubte große Liebe nur so getan hat, als ob sie unter der Erde vor sich hingammelt, weil seine Kollegen alles geisteskranke Ganzkörperclowns sind?
„Hannah ... “, setzt Damion an, doch ich bin noch lange nicht fertig.
„Sei ruhig, du Idiot! Ich hasse dich! Du bist ein Idiot, ein Arschloch vorm Herrn, ein elender Hurens ... “
Weiter komm ich nicht, denn er versiegelt mir die Lippen mit einem Kuss. Ein zögerliches Raunen geht durch die Menge. So etwas Spektakuläres haben die wohl seit dreißig Jahren nicht erlebt.
„Lass das!“, schimpfe ich und scheuere ihm eine. Entsetztes Luft holen. Doloris hat sich gar die Hand vor den Mund gehauen.
„Du verlässt dieses Grundstück und lässt mich gefälligst zufrieden“, sage ich, immer noch aufgebracht und heulend. „Ich habe jetzt eine Tochter und muss Verantwortung übernehmen. Ich kann nicht dauernd Teil deiner perfiden Spielchen sein.“
Ich erhebe mich schwerfällig, es fühlt sich an, als hätte ich einen der riesigen Bauklötze der Cheopspyramide auf meinem Rücken. Ich wische mir mit dem Handrücken über meine rotzverschmierte Nase und sehe ihn noch einmal kurz an, dann wende ich mich Doloris zu. Ihr steht der Mund offen und sie starrt mich ohne jegliche Gesichtszüge an. Würde ich auch, ganz ehrlich.
„Ist schon gut, Doloris. Nur ein Missverständnis. Er wollte mir Sexspielzeug verkaufen, so ein Widerling.“
Ich schnaufe verächtlich und stapfe dann zurück ins Haus. Ich höre, wie sich Damion erhebt und in mir die krampfhaft weggesperrte, tiefe Sehnsucht nach ihm. Ungeachtet dessen, gehe ich auf mein völlig verängstigtes Mädchen zu.
„Alles gut, meine Süße. Es ist nichts, geh zurück ins Haus.“ Ich beuge mich etwas nach unten und strecke meine Arme nach ihr aus. Cooper hechelt wie ein Ertrinkender neben ihr.
„Aber Mama, das ist der Junge aus meiner Geschichte“, sagt sie hoffnungsvoll und ich presse meine zitternden Lippen aufeinander, meine Augen füllen sich schon wieder Tränen. Sie weiß nicht recht, ob sie sich freuen oder Angst haben soll. Bei seinem Anblick Ersteres, bei meinem wohl eher Letzteres.
„Rahel, ich weiß ... “
„Kann er nicht reinkommen, Mama? Vielleicht hat er Durst oder muss mal. Er war bestimmt ganz lange unterwegs.“
Kopfschüttelnd hole ich sehr tief Luft und puste sie laut wieder aus. Ich streiche ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht und schniefe. Dann erhebe ich mich, verschränke die Arme und drehe mich zurück zu Damion. Es stehen immer noch ein paar meiner Nachbarn rum, aber die meisten haben sich wohl enttäuscht zurückgezogen – nur eine völlig übertriebene Reaktion einer Mutter, die ihr Kind zu schützen versucht. Wundert mich, dass bisher keiner die Bullen gerufen hat.
Damion steht noch an Ort und Stelle, hat seine Hände in den Hosentaschen vergraben. Es ist eine solch banale, aber typische Geste für ihn, dass meine Pferde schon wieder drohen, auszubrechen.
Ich weiß, was du durchmachen musstest und ich verstehe deine Reaktion.
Verschwinde!
Ich war immer in eurer Nähe und habe euch beschützt.
„Gar nichts hast du!“, keife ich ihn an. „Hau endlich ab! Du hast mich im Stich gelassen!“ Mittlerweile heule ich schon wieder und kreische wie eine wild gewordene Krähe. „Was noch nicht einmal das Schlimmste an der Sache ist. Du hast sie im Stich gelassen, sie hatte nicht einmal eine Wahl. Und dann schickst du uns diesen Schwachsinn, der uns trösten soll. Glaubst du wirklich, dass mich das auch nur ansatzweise getröstet hat? Deine Schrift?“
Ich könnte ihm den Kopf abschlagen. Damion zeigt nicht einmal einen Funken Reue und wenn er jetzt auch nur ein falsches Wort sagt, dann hole ich mein neues Keramikmesser und teste es an ihm aus. Wollen doch mal sehen, ob der Teufel nicht vielleicht doch sterben kann.
Ich muss an den letzten Moment denken, den ich mit Damion hatte und alles kommt wieder hoch. Über die Jahre habe ich dieses Bild versucht zu verdrängen, mich das erste Jahr nicht einmal getraut, im Dunkeln zu schlafen. Immer hatte ich diese alles einnehmende Angst, die Dunkelheit würde mir wieder diesen schrecklichen Moment heraufbeschwören. Automatisch sehe ich auf meine Hände und spüre fast wieder das Blut an meinen Fingern. Sein Blut.
„Bitte geh“, wimmere ich, traue mich aber nicht, ihn anzusehen. „Noch nie habe ich so viel Leid ertragen müssen und du ... “
Bevor Damion mich unterbrechen kann, kommt Saras Wagen angerast. Sie parkt, als ginge es um ihr Leben. Aber das hat nichts mit dieser Situation zu tun, sie macht das immer so. Erst, als sie den Motor abstellt und einen Blick Richtung Haus wirft, wird ihr klar, wer da in meinem Vorgarten steht. Sie und Damion sehen sich an, dann, sie kann kaum ihre Augen von ihm abwenden, sagt sie etwas zu ihren Kindern und mit einem Schlag ist es totenstill. Nicht nur in ihrem Auto, sondern auf der ganzen Welt.
„Cooper, du bleibst bei ihr“, sage ich und gehe zu Sara, ignoriere Damion dabei aber vollends.
An ihrem Auto angekommen, lässt sie die Fensterscheibe hinunter.
„Hannah, ist das ...?“ Sie kann ihren Satz nicht einmal zu Ende sprechen, sie ist vollkommen fassungslos. Ich versuche, sie anzulächeln. „Könntest du auf Rahel aufpassen?“, frage ich ruhig und Sara sieht andauernd über meine Schultern zu Damion. Als müsse sie sich das wahrhaftige Bild vor Augen führen, um sicher zu sein, dass es keine Halluzination ist.
„Natürlich.“ Sie nickt abwesend. Dann wägt sie ihre nächsten Worte ab. „Bist du dir sicher? Ich meine, kommst du zurecht? Also, allein mit ihm und so ...?“, fragt sie mich nun und Besorgnis zeichnet ihre Miene. Wir müssen nicht darüber sprechen, welch gravierende Folgen diese Situation für uns alle haben wird, wir fühlen es, instinktiv.
„Mach dir um mich keine Sorgen“, sage ich, klinge aber wenig überzeugend. „Nimm sie einfach mit, okay? Ich will ihr nichts zumuten, was ich selber noch nicht richtig einschätzen kann.“
„Mama, wann können wir endlich mit dem Prinzessinnen-Tag anfangen?“, hören wir eines der Mädchen von hinten quengeln. Ich erhebe mich. So viel zum Thema Prinzessin. Prinz Untot-Tag würde wohl besser passen.
Zwei
Ich schäle mittlerweile den gefühlt fünfzigsten Apfel und muss aufpassen, dass ich mir nicht irgendwann auch die Haut von den Knochen säble. Das Messer fährt in sehr kurzen Abständen über das Obst und nur dieses Geräusch ist zu hören. Ratsch. Ratsch! Sonst ist es ruhig in der Küche. Da wäre vielleicht noch mein wütendes Schnauben, aber sonst könnte es ziemlich friedlich sein. Hätte ich da nicht diesen stummen Lockenkopf an meinem Esstisch sitzen.
Ich habe Rahel und Cooper in Saras Familienkarre verfrachtet, obwohl das dem Hund gar nicht gefiel. Er wollte wahrscheinlich so eine ganz besonders abgefahrene Verwandlung abziehen, nur, um sein geliebtes Herrchen für einen Moment umarmen zu dürfen.
„Cooper kann sich nicht beliebig verwandeln. Es ist vom Mond und den Gezeiten abhängig.“
„Du sollst dich aus meinen Gedanken raushalten!“, rufe ich ungehalten und zeige mit der Messerspitze auf ihn. Es könnte sein, dass der Schwung meiner Bewegung ihn mit Apfelsaft bespritzt hat, aber das hätte er mehr als verdient. Ich bin immer noch eine Furie und über die Maße wütend auf ihn. Und verletzt. Und enttäuscht. Und wenn ich ehrlich bin, auch ein klein wenig froh. Aber ihn das wissen zu lassen, würde ihn ja nur in allem bestätigen und zu noch ausgefalleneren Taten motivieren. Wobei ich nicht weiß, wie man das noch toppen könnte ...
„Ich denke, mehr Äpfel braucht es für einen Kuchen nicht“, sagt Damion und ich knalle das Messer auf das Brett. Ich schließe langsam meine Augen und fahre mit dem Handrücken über meine Stirn. Ich übe so viel Druck aus, ich habe danach sicherlich rote Striemen. Ist mir aber egal, ich weiß nicht, ob Damion vielleicht zu viel Red Bull getrunken und damit alle seine Gehirnzellen verloren hat.
„Sag mal, was glaubst du eigentlich, was du hier tust?“, frage ich ihn gepresst. Ich sehe ihn nicht an, das würde nur meine Wut gefährlich ins Wanken bringen. Ich halte meinen Blick starr aus dem Küchenfenster gerichtet. „Damion, ist dir eigentlich klar, was ich durchgemacht habe?“
„Ja, ich war bei dir.“
„Warst du eben nicht!“, bricht es aus mir heraus. „Du warst nie hier! Nie!“
„Ich bin euch nicht von der Seite gewichen.“
„Aber du warst tot für uns, verdammte Scheiße! TOT!“, schreie ich und reiße das Brett mit meinen mühselig geschnittenen Äpfeln von der Anrichte.
Ich kann das nicht. Ich kann ihn einfach nicht ansehen und so tun, als wäre nichts gewesen. Damions Blick ist undurchschaubar, ernst und ohne jegliche Emotion, die mir wiederum das Innerste zerfleischt. Wut, Zorn, Ohnmacht – all das vereint sich zu einem Fleischwolf, der meine Gedärme zu Brei verarbeitet.
„Scheiße, Damion“, sage ich leise und stütze mich ab. Mir schwindelt und heulen könnt ich auch schon wieder.
„Nenn mich nicht Scheiße-Damion“, sagt er und steht auf. Fassungslos starre ich ihn an, doch seine Miene ist unverändert. Oder? Ist sie das? Vielleicht sehe ich es nur nicht, weil ich zu sehr in meinem eigenen Wust an Gefühlen gefangen bin. Damion geht auf einmal auf die Knie und sammelt alle Stückchen ein, die wild verteilt in der Küche herumliegen. Ich sehe auf seinen Kopf, seine Locken glänzen ganz wunderbar im milden Licht der Sonne. Die Versuchung, sein Haar wieder unter meinen Fingern zu spüren, ist übermächtig. Damion erhebt sich und ich bin froh, dass ich nicht nachgegeben habe. Er wirft alles in die Spüle und nimmt mich ins Visier. Ich schaffe es geradeso, seinem Blick standzuhalten.
„Es brauchte diese Zeit, um alles bis zum letzten Faden aufzulösen. Wärst du wirklich in ernsthafter Gefahr gewesen, hätte ich mich eher gezeigt.“
„Damion, es geht nicht darum, ob wir in Gefahr waren oder nicht. Wir waren allein, verstehst du das denn nicht? Rahel brauchte einen Vater und ich ... “
Ich schlucke hart. Was brauchte ich denn? Einen Beschützer? Einen Mann an meiner Seite? Die Chance darauf hatte ich mehr als einmal, aber ich konnte nicht. Irgendetwas hielt mich stets zurück. Am Anfang habe ich Rahel als Ausrede benutzt, selbst, wenn die Kandidaten kein Problem mit ihr gehabt hätten. Irgendwann konnte ich mein schlechtes Gewissen ihr gegenüber nicht mehr zum Schweigen bringen. Ich musste mich dem stellen, was ich all die Jahre versucht hatte, zu verdrängen: Ich wollte keinen anderen. Nicht Rahel, nicht meine Eltern. Ich. Ganz gleich, wie lange ich noch hätte auf Erden ausharren müssen. Ich habe mich hinter meiner Pflicht als Mutter versteckt, um mich meiner eigenen Sehnsucht nicht stellen zu müssen. Aber insgeheim wusste ich wohl, dass ich einsam war.
„Ich wollte stark für sie sein ... Ich musste stark für sie sein “, sage ich leise. Dann erinnere ich mich wieder an das eine Mal in meinem Leben, als ich am stärksten sein musste und sehe auf meine Hände. „So viel von deinem Blut“, sage ich abwesend und betrachte sie. Ich bin mir fast sicher, wenn ich ganz genau hinsehe, kann ich immer noch welches finden. Tränen laufen mir die Wangen hinunter. So viel von seinem Blut …
Einen winzigen Moment passiert nichts, wir stehen einfach nur schweigend in meiner Küche für doch-nicht-Witwen. Es ist unendlich vertraut ihn in meiner Nähe zu haben. Und fremd zugleich. Dann umfasst Damion meine Handgelenke, ganz sanft, als würde er sich nicht trauen, mich anzufassen. Er dreht sie so, dass er meine Handinnenflächen sieht. Ich beobachte ihn und in mir platzen Un-mengen kleiner Kapseln. Sie geben Erinnerungen frei, die ich vor langer Zeit einmal weggesperrt habe. Sie brechen auf und der Inhalt fließt durch meinen Körper, durch meine Blutbahnen, mit ihnen auch die daran geknüpften Gefühle. Es fühlt sich warm und doch schwer an. Damion hebt meine Handgelenke in die Höhe seines Gesichtes, sodass ich gezwungen bin, ihm in die Augen zu sehen. Darin liegt so Vieles, was ich kenne, was ich über die Jahre unendlich und auf schmerzlichste Weise vermisst habe. Er sagt nichts, aber das braucht er nicht. Ich weiß, was er sagen möchte. Ich fühle es. Dann legt er meine Hände um seinen Nacken, streicht mir über die Arme und legt dann seine um mich. Als er sein Gesicht an meinem Hals, in meinem Haar vergräbt, seine Wärme seicht über meine Haut streichelt, beginne ich, heftiger zu weinen. Ich halte mich an ihm fest, meine Finger bohren sich fast in seinen Nacken und ich lege mein Gesicht ganz nah an seines, mein zu Hause, meinen Rückzugsort, meine Festung der Sicherheit. Schluchzend und zitternd halte ich mich an ihm fest, halte mich an uns fest, ich würde es nicht ertragen, wenn wir noch einmal getrennt werden würden.
„Tu das nie wieder“, murmle ich mit bebenden Lippen. Damion lässt die Umarmung noch enger werden, ich verschwinde fast darin.
Niemals. Versprochen.
Drei
„Hi.“
„Hi“, sagt Sara zögerlich. Im Hintergrund ist immer noch mächtiges Gewusel zu hören, aber sie hören sich alle schon ziemlich kaputt an.
„Wie läuft’s?“, frage ich und sehe über meine Schulter. Ich habe mich zum Telefonieren in die Küche zurückgezogen. Damion ist im Obergeschoss und zieht sich um. Wenn ich das richtig verstanden habe, wollte er erst duschen. Da habe ich kurz an meinem Gehör gezweifelt. Damion duscht so gut wie nie, das war immer eine Sache, die zu nah am Menschlichem war. Ich schüttle leicht mit dem Kopf.
„Ganz gut“, unterbricht Sara meine Gedanken.
„Aber Rahel ist natürlich traurig, dass du nicht hier bist.“ Sie pausiert, ich kann spüren, wie sie mit sich hadert.
„Ja?“, frage ich vorsichtig.
„Naja, und der große Junge eben. Wenn sie etwas sagt, dann geht es nur um ihn.“ Wieder eine Pause. „Ist es wirklich ...?“
„Ja, er ist es ... “, bestätige ich leise, fahre mir mit der Hand übers Gesicht.
„Wow, okay. Das ist ganz schön... “ Sie bricht ab und wir schweigen einen Moment. Wir sind beide nicht in der Lage, es in Worte zu fassen. Wir sind sprachlos und schockiert. Aber letztlich ist es nur wieder eine Sache der Gewöhnung, oder nicht?
„Gibst du sie mir mal?“, frage ich Sara.
„Natürlich. Warte kurz“, bittet sie und ich kann hören, wie sie nach Rahel ruft. Dann höre ich ihre kleinen, tapsigen Schritte durch die Leitung und auch, wie Cooper ihr über das Parkett hinterher schlittert. Guter Junge.
„Hallo?“, fragt Rahel neugierig und ihre Stimme rinnt mir wie Honig durch meine Blutbahnen.
„Hallo, mein Schatz. Na? Hast du einen schönen Tag?“
„Ja“, sagt sie gedehnt.
