Hannah: Damions Dilemma - Jenny Trautmann - E-Book

Hannah: Damions Dilemma E-Book

Jenny Trautmann

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Beschreibung

Die Hannah-Reihe dreht sich um die chaotische, aber lebensbejahende Cellistin und Musiklehrerin Hannah York, die an ihren ersten erwachsenen Schüler Damion Treasure gerät und so schnell nicht mehr von ihm los kommt. Das liegt nicht nur an seiner Aura und seinem Auftreten, das hat vor allem mit seinem "Beruf" zu tun. Dazu gesellen sich der Butler Winfried, die Hausdame Magda und Damions Schwester Cecile, die Hannah nicht nur unendlich viele Fragen aufgeben, sondern ihr Leben auch gehörig auf den Kopf stellen. Was wäre, wenn es zwei Welten auf dieser Erde gäbe?

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jenny Trautmann

Hannah: Damions Dilemma

Mortui vivos docent.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hannah: Damions Dilemma

Mortui vivos docent.

Jenny Trautmann

Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los.

Goethe, Faust II

Eins

Ich habe keine Ahnung, wie ich hier hergekommen bin. Klar, ich kam mit dem Bus aus der Kleinstadt Doundare bis nach Woodstershire, einer Grafschaft. Aber alles ist so nebelig, in Doundare schien noch die Sonne – irgendwie unheimlich. Ich befürchte, niemand kann England je so klischeehaft beschreiben, wie es sich mir gerade zeigt. Ich kenne meine Heimat auch nicht wirklich als das unheilvolle Etwas, was sich zwischen Hügeln und Wäldern in die tiefsten Ecken deines angsterfüllten Herzens krallt. Jedoch kommt es mir in diesem Moment genauso vor.

Da stehe ich nun also, auf dieser Landstraße, die wohl das letzte Mal im Jahre 1920 erneuert wurde, teils bricht der Asphalt, teils verliert sie sich in fester, kahler Erde. Mein Blick folgt ihrem Verlauf und erspäht diese Villa. Obwohl es eigentlich keine Villa ist. Es ist ein Monstrum aus grob gehauenem Stein, fast burgähnlich. Zwei in die Fassade einfließende, turmähnliche Erhöhungen umrahmen den simplen, schnörkellosen Hauptkörper des Hauses, es wirkt so erschlagend groß, selbst von meinem Standpunkt aus. Der Wind bläst mir meine Haare ins Gesicht und mein Blick wird verfälscht vom dunklen Braun der einzelnen Strähnen. Plötzlich bekomme ich eine Gänsehaut. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Horrorfilm, in dem der Zuschauer den Protagonisten anfleht, nicht in der Dunkelheit des Gebäudes zu verschwinden.

„Sei nicht albern!“, schimpfe ich mich selbst. Gebäude können einen nicht verspeisen. Außerdem ist Herbst, da wirkt sowieso alles grau und farblos. Ich nicke mir selbst zu, mit neugewonnener Zuversicht schnappe ich mir mein Cello, meinen Koffer und stiefle den Hügel hinauf.

Nachdem ich endlich oben angekommen bin und diese endlos große Auffahrt überquert habe, muss ich erst einmal verschnaufen. Obwohl ich mir immer die Fitnesstipps aus den Zeitschriften oder dem Internet durchlese, bin ich irgendwie nicht fitter geworden.

Nun kann ich mir das Haus noch einmal ansehen und wieder wundere ich mich über diese schlechten Klischees.

Der eiserne Zaun umrahmt die Einfahrt wie zornige Soldaten, die perfekte Verteidigung. Der Efeu, der sich wie todbringende Tentakeln eines Kraken die Mauern hinauf schlängelt. Zwischen den Türmen, am Kranzgesims des mittleren Bereichs, sitzen überall Steinfiguren. Es sind drachenähnliche Monster, die ihre scharfen Krallen im Mauerwerk vergraben haben, als wären sie bereit für ihren Angriff auf unliebsame Besucher. Mir schauert es, schon wieder. Ich dachte immer, romanische Architektur ist beeindruckend. Aber irgendwie ist sie nur mehr als unheimlich.

Okay, das ist ziemlich albern. Ich benehme mich wie ein kleines Mädchen, nicht wie eine Lehrerin um die 30. Ich bin hier, um Unterricht zu geben, nicht um die Geschichten meine Kinderbücher wieder aufleben zu lassen. Manchmal verliere ich mich zu sehr im Wust meiner eigenen Gedanken.

Ich gehe die riesige Steintreppe hinauf, ignorierend, dass ich schon wieder wahnsinnig schnell außer Atem gerate. Meinen Koffer stelle ich ab und entdecke, dass an der Tür ein bronzener Löwenkopf darauf wartet, dass ich den in seinem Maul befindlichen Ring nehme, um zu klopfen. Just in dem Moment, in dem ich, etwas zögerlich, zugreifen will, geht die Tür auf. Ich zucke merklich zusammen, für einen winzigen Augenblick ist mir gerade das Herz stehen geblieben.

Hinter der Tür, wie aus dem Nichts heraus, sieht mich ein altes, faltiges Gesicht an.

„Hi“, sage ich etwas zu überschwänglich. „Mein Name ist Hannah York, ich bin die. . . “

„Die Lehrerin. Kommen Sie herein.“ Die Tür öffnet sich ganz und dahinter erscheint ein hagerer, älterer Herr im Anzug eines Bediensteten. Etwas verdutzt nehme ich meinen Koffer und mache einen Schritt in die Empfangshalle. Für einen Moment herrscht nichts als Schweigen. Als ich fragen will, wo mein künftiger Schüler ist, ergreift der Butler plötzlich wieder das Wort.

„Mr Treasure ist jeden Augenblick bei Ihnen. Er bittet Sie kurz Platz zu nehmen.“ Ohne auf eine Reaktion von mir zu warten, läuft er geräuschlos davon und verschwindet fast in einem Nebenraum. Kurz vorher dreht er sich zu mir um, ungeduldig auf mich wartend.

„Oh, Verzeihung.“ Hastig nehme ich meinen Koffer und folge ihm. Der Nebenraum ist mindestens genauso groß wie die übermächtige Eingangshalle, in einem Kamin knistert ein Feuer vor sich hin, der alte Mann weist mir einen der beiden olivgrünen Ohrensessel zu.

„Kann ich Ihnen einen Tee oder Kaffee bringen, Miss?“ Ich schüttle meinen Kopf. „Nein, bitte. Keine Umstände.“

Sein Blick bleibt an mir haften. Obwohl der Butler so alt und zerbrechlich wirkt, sieht er mich unverhohlen, ja geradezu arrogant an. Als wäre ich die Bedienstete. Merkwürdige Gestalt. Passt irgendwie zum Haus, denke ich mir.

Er deutet eine winzige, fast nicht existente Verbeugung an, verlässt geräuschlos den Raum und überlässt mich meinen Gedanken. Vorsichtig, als könnte ich bereits damit etwas kaputt machen, sehe ich mich um. Über dem Kaminsitz thront eine einzige silberne Schale, deren Bemalung Szenen eines Kampfes zeigt. Reliefartig ergießt sich die Geschichte über den Bauch des Gefäßes: ein spärlich bekleideter Mann, wie er einer übergroßen Schlange den Kopf abschlägt. Etwas angewidert wende ich mich ab. Im Raum, der mit sehr schwerem, tiefrotem und gelb ornamentierten Teppich ausgelegt ist, befinden sich noch ein Abstelltisch zwischen den Sesseln, eine Glasvitrine mit Alkoholflaschen und unzähligen, wertvoll aussehenden Karaffen, und eine kleine, mit Bordeaux-farbenen Samt bezogene Sitzecke. An den mehr als mannshohen Fenstern hängen schwere, ebenfalls dunkelrote Vorhänge, die halb zurückgehangen wurden. Die ganze Einrichtung wirkt so beklemmend, dass mir mit einem Mal der Mund austrocknet. Ich wünschte, ich hätte doch den Tee genommen.

Ich konzentriere mich auf den Grund, warum ich hier bin: um Unterricht zu geben. Wahrscheinlich für einen längeren Zeitraum, das wird sich heute zeigen. Meine Mutter hatte erst Bedenken, als ich ihr davon erzählte. Aber die glaubt ja sowieso, dass alle zur Mafia gehören. Seit meine Eltern Pay-TV haben, flippen sie völlig aus, wenn ich auch nur erzähle, mal bis spät aus gewesen zu sein. Ich muss ihnen diese Krimi-Serien abgewöhnen. Ich musste meiner Mutter versichern, dass ich auf mich aufpassen würde.

Meine Güte, es wäre ja nur ein längerer Zeitraum als sonst, weiter nichts. Und selbst das steht noch aus. Ich musste ihr klar machen, dass ich das Geld bräuchte. Worauf sie wieder vermutete, ich wäre völlig blank. Was ich ihr ausredete, auch wenn ich dabei log. Man muss seine Eltern auch mal schonen.

„Miss York.“

Ich schrecke auf. Ich war derart gedankenversunken, dass ich ihn nicht habe kommen hören. Wie auch, bei diesem dämlichen Teppich, ärgere ich mich innerlich über den erneuten Schreckmoment an diesem Vormittag.

Als ich seinen Namen in der E-Mail las, die er mir für eine Anfrage schickte, habe ich erst geschmunzelt, dann lauthals gelacht. Damion Treasure, wer heißt denn bitte so? Als er jedoch jetzt im Türrahmen steht, würde ich mich am liebsten in die Ritze des Sessels verkriechen, bis nur noch meine rot betupften Socken herauslugen.

In den Bruchteilen von Sekunden, in denen keiner etwas sagt, sondern den anderen nur beäugt, scheint sich alles um uns herum in eine unscharfe Masse zu verwandeln. Er betritt den Raum und formt mit seiner Präsenz ein Vakuum, sodass alles scheinbar von ihm aufgesogen wird. Er ist groß, sehr schlank, fast hager, hat derart ausgeprägte Wangenknochen, man könnte meinen, er wollte damit seinen Gegnern die Kehle aufschlitzen. Seine Augen stehen etwas zu weit auseinander, dadurch wirken sie katzenartig. Sie sind in einem unnatürlichen Grün, es strahlt irgendwie zu mir durch. Ja okay, ich übertreibe etwas, aber sie sind so unfassbar grün! Sein Haar liegt in undurchdringlichen, dunklen Locken um seinen Kopf, umspielt seine recht hohe Stirn wie eine verführerische Tänzerin, die ihn streichelnd liebkost. Seine Lippen sind schmal, formen einen Strich und wirken fast so, als hätte er noch nie in seinem Leben gelächelt. Sein Blick verheißt nichts Gutes, zumindest denke ich das. Instinktiv möchte ich meine Tasche greifen und fluchtartig aus dem Haus rennen. Er sieht mich scharf an, als hätte ich bereits jetzt meine Qualitäten als Versager-Lehrerin bewiesen, als müsste er mich strafen. Bevor ich einen Keuchanfall bekomme, kommt er einen weiteren Schritt auf mich zu und reicht mir die Hand, die vorher noch lässig in seiner Hosentasche steckte.

„Es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten. Damion Treasure, mein Name. Seien Sie herzlich willkommen.“

Etwas apathisch nehme ich seine Hand und schüttele sie zaghaft. Sie ist erstaunlich warm und weich. Ich hätte mit Temperaturen um den Gefrierpunkt gerechnet.

„Ja, äh. Kein Problem. Und. . . danke.“

Schlagartig fühle ich mich ausgelaugt. Als hätte ich Jahre in einem Kloster verbracht, um dort einem Schweigegelübde nachzugehen, und nun durfte ich endlich meinen ersten Satz sagen. Das ist anstrengender als ein Marathon, den ich nie laufen würde. Ich räuspere mich, setze mich, überschlage die Beine und streiche meinen Rock glatt. Benimm dich gefälligst wie eine ernstzunehmende Geschäftsfrau, ermahne ich mich selbst. Wenn meine Ma mich sehen könnte, würde sie beschämt den Kopf schütteln.

„Wie immer.“

Ich sehe ihn erschrocken an. „Verzeihung?“

„Möchten Sie Tee, Miss York?“, fragt er mich ruhig. Im selben Moment sehe ich den alten Butler im Türrahmen stehen. Wie lange steht der schon da? Kann man sich denn nicht kurz räuspern oder sonst wie ankündigen?

„Ja, gern. Grün, wenn Sie haben.“ Der Alte will sich schon abwenden, da überlege ich es mir anders. „Oder nein! Schwarzen! Mit Milch! Bitte.“

Meine Nerven liegen blank. Keiner der beiden scheint das mitzukriegen oder es interessiert sie schlicht und ergreifend nicht. Der Alte schleicht davon. Damion sieht mich festen Blickes an.

„Wie viel wollen Sie, Miss York?“ Ich bin verwirrt. „Äh, Tee? Ich weiß nicht, eine Tasse reicht mir eigentlich.“

„Was verlangen Sie für Ihren Unterricht?“

Oh. Mir wird heiß. Ich stelle mich an wie der erste Mensch. Das ist nicht lustig. Er muss damit aufhören, sonst hat er in einem Jahr noch kein Cellospielen gelernt. Insgeheim frage ich mich, was eigentlich mit mir los. Sonst bin ich nicht aus der Ruhe zu bringen, kann gut verhandeln. Aber sonst unterrichte ich auch zwölfjährige Mädchen mit Zöpfen, keine erwachsenen Männer mit diabolischem Auftreten. Außerdem überrumpelt er mich ganz schön. Kein Smalltalk, nichts. Er poltert hier durch den Raum, ohne auch nur eine Floskel zu nutzen. Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet.

„Zwischen achthundert und eintausend. Es kommt auf den Schüler und das Anfangsstadium an. Auf die Dauer des Unterrichts. Es sind einige Faktoren zu berücksichtigen.“

Er stützt sein Kinn auf eine Hand, wobei sein Mund hinter seinen Fingern verschwindet. Jetzt bin ich seinen Augen ausgesetzt und ich fühle mich nackt dabei. Das ist nicht gut.

„Das ist recht viel für Ihren Status, finden Sie nicht?“

Ich stutze. Was soll das denn heißen? Nur, weil ich gerade meine Ausbildung beendet habe, muss ich mich deswegen ja nicht komplett unter Wert verkaufen. Mein Kühlschrank füllt sich schließlich nicht von allein. Außerdem habe ich meinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht und besitze zahlreiche zusätzliche Qualifikationen, die . . .

Ich halte inne. Ich sollte mich nicht in Rage bringen, auch nicht in Gedanken. Das endet meist in einem Desaster. Am liebsten würde ich meiner schlechtesten Angewohnheit nachgehen, aber ich reiße mich zusammen und hole tief Luft.

„Es ist der übliche Preis und ich bin gern bereit zu verhandeln. Nur wissen Sie ja wahrscheinlich selbst, dass es nicht allzu viele Musiklehrer auf dem Markt gibt, die zu ihren Schülern fahren, geschweige denn auf solch engem Raum mit ihnen zusammenarbeiten. Für üblich ist es anders herum. Zudem können Sie sich sicherlich vorstellen, dass ich ungebunden bin und keinerlei Sicherheiten habe. Ich muss also darauf achten, auch für weniger rosige Zeiten vorzusorgen. Das verstehen Sie sicherlich, nicht?“

Ha! Friss das, du ungehobelter Schnösel! Mein absolutes K. O.-Argument. Ich habe nach meinem Abschluss sehr schnell gemerkt, dass es für manche einfacher ist, wenn der Lehrer zu ihnen kommt. Ich bin ein recht flexibler Mensch und habe keine Probleme damit, auch mal etwas außerhalb zu unterrichten. Mir ist die Musik wichtig und dass der Mensch mit ihr etwas fühlen oder ausdrücken kann. Was er für einen sozialen Status hat, ist mir dabei egal – solange mein Schüler meine Arbeit zu schätzen weiß, ist alles gut. Das heißt, dass eben auch mal die eine oder andere Stunde weniger oder gar nichts kostet. Ich habe mich deswegen mal aus Versehen vor meiner Ma verplappert und sie war kurz vorm Explodieren. Am liebsten hätte sie sich wohl die Haare ausgerissen. Sie hat mir meine Gutmütigkeit zum Vorwurf gemacht. Ich wäre fast eingeknickt, aber die Musik hat gewonnen. Hat sie schon immer.

Ich begegne Damions kühlem Blick. Da ist nichts zu entdecken, keine Emotion, keine Regung, nichts. Das Kaminfeuer neben uns ist das Wärmste an ihm. Mir fröstelt ein wenig. Ich war noch nie so froh, zu viele Strickpullover eingepackt zu haben.

„Also gut, Miss York. Sie haben mich überzeugt.“

Ach ja, habe ich das?

Er steht auf und reicht mir erneut die Hand, während die andere wieder in seiner Hosentasche verschwindet. Er trägt einen grau melierten Anzug, ein weißes Hemd ohne Krawatte. Der oberste Knopf steht offen, für ihn ja fast schon provokativ. Dennoch wirkt er wie ein Geschäftsmann, der keine Kompromisse kennt. Ein wenig schäme ich mich für meinen legeren Look. Ich trage einen schokofarbenen Cordrock, dazu einen dünnen Rollkragenpullover in Creme und meine schwarzen Wildlederboots. Er hat das perfekte Bild von mir. Ich, die Dorfmusiklehrerin, die ein zu großes Herz und zu wenig Geld hat, um über die Runden zu kommen. Ich nehme seine Hand.

„Ich zahle Ihnen das Doppelte für die ersten drei Monate, danach sehen wir weiter. Sie haben Ihr Zimmer hier. Ich brauche Ihre Anwesenheit Tag und Nacht.“ Sein Gesicht bleibt regungslos. Meines dagegen schläft augenblicklich ein.

„Das ist ein wenig unüblich, finden Sie nicht?“ Ich versuche, freundlich zu bleiben. Ganz abgesehen von dem Geld . . . Der hat sie doch nicht mehr alle! Vielleicht schlafe ich noch in dieser übergroßen, steinernen Gruselhöhle hier!? Als er nicht reagiert, versuche ich es erneut. „Ich meine, ich habe schon ein Zimmer in einer Pension reserviert und . . . “

„Ich zahle Ihnen mehr als das Doppelte des üblichen Satzes und biete Ihnen überdies Kost und Logis. Ich glaube nicht, dass Sie wirklich eine Wahl haben.“ Noch bevor mir meine Gesichtszüge ganz entgleisen können, fährt er kühn fort. „Sie können selbstverständlich jederzeit von diesem Job absehen, was ich natürlich sehr bedauern würde. Ich bin der festen Überzeugung, dass Sie die Richtige sind. Ihre Referenzen und Ihr Ruf sind überragend.“

Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. Ich bin hin und hergerissen zwischen: Ich möchte ihm eine Ohrfeige verpassen, dass er die Engel singen hört. und Seine Schmeicheleien lassen mich vom wulstigen Teppich abheben.

Was stimmt denn mit diesem Kerl nicht? Meine Hände graben sich in das absolut widerspenstige, nicht nachgeben wollende Plastik meines Cello-Kastens. Mein inneres, winziges Ich schreit, ich solle verschwinden. Aber es verliert gegen den geldgierigen Teil in mir. Ich brauche das Geld, ich brauche das Geld wirklich ganz, ganz dringend.

So schlimm kann es schon nicht werden, denke ich. Hoffentlich.

„Geht in Ordnung“, höre ich mich sagen, mit überraschend fester Stimme. „Zeigen Sie mir bitte das Zimmer.“

Was tust du hier eigentlich?, schreie ich mich innerlich selbst an, als ich Damion die wuchtige Holztreppe hinauf folge. Bist du noch ganz bei Trost?, geht es weiter, während wir weitergehen. Du kannst nicht hier schlafen! Du hast dich verkauft, du bist eine Hure. Eine musikalische Hure, also eine Musiknutte! Ich werde rot, während mein Kopf gen Boden sinkt. Wenn Damion wüsste, wie ich mich fühle, dann würde er wahrscheinlich. . . nichts tun. Ich glaube nicht, dass er sozial wirklich sehr kompetent ist. Damion stoppt kurz, zögert und geht dann die letzten Stufen hinauf. Hm?

Das Haus hat während unseres Gesprächs gefühlt an dreißig Metern Höhe gewonnen. An den Wänden hängen alte Gemälde von bärtigen Männern in Uniformen und düster dreinschauenden Personen, alle gemalt auf dunklem Hintergrund. Mein Gott, kann man sich denn in so ein Haus keine Bilder von bunten Frühlingswiesen oder fröhlich umher galoppierenden Pferden aufhängen?

Auch auf der Treppe liegt dieser alles an Geräuschen schluckende Teppich. Wenn ich also hier mal nachts hinunterfalle und mir das Genick breche, würde es keiner merken. Ich bin mir sicher, dass Damion und der dämliche Butler nur achtlos über mich drüber steigen würden, um ihre starren Gesichter sonst wohin zu tragen.

Nachts.

Plötzlich wird mir ganz flau im Magen, während ich Damion einen Gang entlang folge. Überall sind dunkle Holztüren, hinter denen sich wahrscheinlich unzählige Folterinstrumente aus dem Mittelalter oder noch mehr finster dreinschauende Butler mit Filetiermessern in den Händen befinden. Allein der Gedanke, dass hier nachts alles noch dunkler und gruseliger wirkt, bringt mich um den Verstand. Während wir noch mehr Gemälde oder Soldatenrüstungen passieren, die ich mit Absicht nicht ansehe, habe ich Schwierigkeiten, regelmäßig zu atmen. Vielleicht sollte ich mir Beruhigungsmittel oder Baldriantropfen besorgen, um das hier unbeschadet zu überstehen. Am Ende des Flurs bleibt Damion vor einer zweiflügeligen Tür stehen.

„Da wären wir, Miss York“, verkündet er und schwingt sie auf. Mit einem Schlag werde ich von so viel Tageslicht überschwemmt als wäre ich gerade aus einer tausendjährigen Gefangenschaft entkommen. Oder in den Himmel gelangt. Ich atme dieses wohliges Licht tief ein, denn ich habe das Gefühl, ich muss auch mein Innerstes von dieser Dunkelheit befreien. Ich trete näher und sehe eines der größten Zimmer, das ich je gesehen habe. Eine ganze Fensterfront bildet einen zimmereigenen Himmel. Rechts befindet sich das Bett, das wahrscheinlich drei Personen beherbergen könnte. Es ist hochgebockt auf ein Holzplateau, das mit aufwendigen Schnitzereien zahlreicher Blumen bearbeitet ist. Die helle Bettwäsche lässt es wie eine Wolke wirken. Im rechten hinteren Teil, vor einem der hohen Fenster, steht ein Kosmetiktisch bei dem eine Prinzessin neidisch wäre. Links von mir befindet sich einer mit beigem Stoff bezogener Diwan, auf dem zahlreiche, pastellfarbene Kissen liegen. Etwas abseits davon, auch zum Fenster gewandt, steht ein beeindruckender Sekretär.

Da taumeln einem die Sinne. Das ganze Zimmer wirkt wie aus einem anderen, viel freundlicher gestalteten Haus abgerissen und hier angesetzt. Es ist wie ein eigenes, kleines Reich im Zentrum eines Universums aus Dunkel und Schnörkellosigkeit.

Ich merke, wie mich Damion beobachtet und fühle mich sogleich unbehaglich. Ich habe Angst, meine Freude über die Schönheit des Zimmers könnte ihn vergiften.

Damion Treasure verstarb vergangenen Vormittag an einer Überdosis Begeisterung. Die mutmaßliche Täterin ist wohl eine mittellose Musiklehrerin, die es auf sein Gästezimmer abgesehen hatte.

Meine Mundwinkel zucken ganz kurz. Das wären doch mal ungewöhnliche Schlagzeilen. Als ich Damion ansehe, entdecke ich ein kurzes Aufblitzen von Schalk in seinen Augen. Lacht der mich etwa aus?

„Das ist Ihr Reich für die Zeit, in der Sie hier arbeiten. In diesem Zimmer können Sie tun und lassen, was Sie wollen. Magda kommt jeden Morgen, um es zu reinigen. Darum brauchen Sie sich also nicht zu kümmern. Über entsprechende Einzelheiten möchte ich mich mit Ihnen heute Nachmittag unterhalten, dann ist auch der Vertrag fertig. Abendessen wird um sieben serviert, pünktlich.“

Das pünktlich betont er extra, wahrscheinlich gibt es die Todesstrafe, wenn ich eine Minute zu spät bin. Noch ehe ich sagen kann „Sorry, ich hab mich verlaufen“, wäre mein Kopf ab.

„Haben Sie noch Fragen?“ Sein Blick wirkt dezent neugierig, das ist mal erfrischend, wenn auch immer noch unangenehm.

„Ich glaube. . . nicht. Nein.“ Ich muss dringend aufhören mit diesem Gestottere.

„Gut, dann sehe ich Sie später. Erneut herzlich willkommen.“ Er neigt seinen Kopf zirka einen halben Millimeter nach unten, dann geht er und ich entdecke, einem weiteren Herzanfall ausgesetzt, dass der Butler die ganze Zeit hinter uns war. Der geht mir vielleicht auf den Geist mit seinem lautlosen Getue. Er nimmt meinen Koffer und Cellokasten, stellt sie neben den Diwan und geht zurück an die Tür. Etwas verunsichert trete ich weiter ein, dann nimmt er beide Türhälften und schließt sie, ohne ein Wort zu sagen.

Als die Tür ins Schloss fällt, lasse ich einen lauten Seufzer los. Erschöpft lasse ich mich auf den Diwan sinken, mein Kopf liegt auf der Rückenlehne. Die Polster sind weich wie Zuckerwatte, ich könnte auf der Stelle einschlafen. Ich sehe auf meine Armbanduhr, bis zum Nachmittag sind es noch gut zwei Stunden. Jede Menge Zeit also. Ich beschließe, mich erst einmal umzuziehen, dann das Zimmer zu erkunden. Spontan entscheide ich als erstes ein Bad zu nehmen. Einen kurzen Moment habe ich für diese freigeistige Entscheidung ein schlechtes Gewissen, beruhige mich aber mit dem Gedanken, dass ich hier schließlich leben soll.

Und da wird mir übel. Ich glaube, das war die dümmste Entscheidung meines Lebens. Was, wenn hier nur Irre wohnen, die sich bis jetzt nicht gezeigt haben? Was, wenn ich nachts von Geistern heimgesucht werde? Oder schlimmer noch: von Damion?

Er erwähnte, dass er mich sozusagen vierundzwanzig Stunden am Tag braucht. Für Musikunterricht? Spätestens da hätte ich fliehen sollen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Ich brauche den Vertrag ja nicht zu unterschreiben. Ich sage ihm einfach, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und das man so was kein normales Arbeitsverhältnis nennen kann.

---ENDE DER LESEPROBE---