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Die Hannah-Reihe dreht sich um die chaotische, aber lebensbejahende Cellistin und Musiklehrerin Hannah York, die an ihren ersten erwachsenen Schüler Damion Treasure gerät und so schnell nicht mehr von ihm los kommt. Das liegt nicht nur an seiner Aura und seinem Auftreten, das hat vor allem mit seinem "Beruf" zu tun. Dazu gesellen sich der Butler Winfried, die Hausdame Magda und Damions Schwester Cecile, die Hannah nicht nur unendlich viele Fragen aufgeben, sondern ihr Leben auch gehörig auf den Kopf stellen. Was wäre, wenn es zwei Welten auf dieser Erde gäbe?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hannah: Rahels Traum
Amor vincit omnia. Jenny Trautmann
Alle große Liebe will nicht Liebe : - die will mehr.
Friedrich Nietzsche
Eins
Seine eisblauen Augen haben mich genau im Visier. Für einen kurzen Moment passiert nichts und einzig die Ruhe ist unser gegenwärtiger Gesell. Plötzlich knurrt er und bellt mich an.
Quiekend mache ich einen Hüpfer nach hinten.
„Damion“, jammere ich leidvoll und sehe jenen verzweifelt an. Der steht neben mir und bleibt ungerührt. Ungerührt und absolut
er selbst:
Er hat die Arme verschränkt, sein Stand ist fest. Er wirkt durch und durch selbstsicher, resolut und ist absolut unbeeindruckt von den Drohgebärden des Tieres.
„Er bleibt“, verkündet er nun und sein Blick wird noch düsterer. Ein unüberhörbarer Seufzer entweicht mir und ich werfe den Kopf in den Nacken.
„Aber er macht mir Angst“, widerspreche ich und versuche, meine bestmögliche Darstellung einer zu beschützenden Hannah inklusive Knopfaugen hervorzuholen. Interessiert Damion natürlich null. Der behält den Hund weiterhin im Auge, es wirkt, als ob die beiden ein Zwiegespräch unter alten Kumpels führen würden.
„Es macht uns Angst“, setze ich gespielt zaghaft nach und lege, betont langsam meine linke Hand auf meinen Bauch.
Ha! Hab ich dich!
Nach endlos langer Zeit wendet sich mir Damion endlich zu, wobei man sich dabei nicht ein übliches Aufnehmen eines Dialogs vorstellen darf. Seinen Körper lässt er dem Hund zugewandt, die Arme bleiben ebenfalls verschränkt. Mir wird die Ehre zuteil, dass ich nahezu achtzig Prozent seines Gesichtes zu sehen bekomme und da ist der Gesichtsausdruck noch gleichbleibend. Ernsten Blickes sieht mich Damion an, fast schon gelangweilt hebt sich eine Augenbraue dezent gen Himmel. Seine lockigen Haare liegen in königlicher Erhabenheit um seinen Kopf und sein schmaler Mund bildet eine fast schon verachtende Linie. In Momenten wie diesen, in denen ich schon der Versuchung erliege, mich für mein eigenes Verhalten schämend in die nächstgelegene Ecke zu begeben, zweifle ich ernsthaft daran, meinen Geliebten vor mir zu haben.
Mein Name ist Hannah York, ich war einst Cellistin und Musiklehrerin bis sich mein letzter Auftrag als Knebelvertrag für den Teufel entpuppte. Nicht nur, dass ich trotz seiner zweifelhaften Methoden Gefühle für ihn entwickelte. Mittlerweile planen wir unseren ersten gemeinsamen Urlaub (wobei wir aus fünfundneunzig Prozent ich und fünf Prozent er bestehen) und erfreuen uns der größer werdenden Kugel, die ich da vor mir herschiebe.
Damions Blick wandert zu meiner auf meinem Bauch ruhenden Hand und ich tänzle innerlich über die Siegerlinie. Dann wandelt sich der Ausdruck in seinen (immer noch) undurchschaubaren, grünen Augen und ich sehe das Siegertreppchen in sich zusammenstürzen wie ein schlecht gemachtes Soufflé.
„Hannah“, beginnt er und ich kann mir nicht helfen, es klingt wie eine Warnung. „Hör endlich auf, die Schwangerschaft als Ausrede für alles zu nutzen. Du bist schwanger, nicht todkrank.“
Wie in den letzten beiden Jahren üblich, landet auch jetzt meine Kinnlade auf dem Boden.
„Entschuldige mal!“, rufe ich entsetzt aus. „Es darf ja wohl erlaubt sein, dass ich hier auf mich und das zukünftige Leben in mir Acht gebe.“
Ich stemme die andere Hand in meine inzwischen gut gepolsterte Hüfte und mache einen ganz kleinen Mund. Damion tadelt mich mittels Schweigen und einer höher wandernden Braue.
„Hannah, was glaubst du, ist seine Aufgabe?“, fragt er. Wir sehen beide zu dem Tier vor uns. Als mich der Hund direkt ansieht, versteife ich innerlich.
„Aber er ist riesig“, widerspreche ich leise und hoffe, dass das Tier mich nicht verstehen kann und mich folglich nicht in Stücke zerreißt.
„Das ist nun mal seine Rasse“, gibt Damion ungerührt zurück. Seine Rasse meint in diesem Fall einen Höllenhund. Einen Höllenhund!
Man möge sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen: Ein Höllenhund soll auf mich aufpassen!
Fassungslos starre ich auf den schneeweißen Rüden, der mir mindestens bis zur Brust geht und mich kampflustig anstiert. Bis auf das helle Fell und die blauen Augen hat er beunruhigend viele Gemeinsamkeiten mit Damion. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sich mein Verlobter null in diese Sache reinreden lässt.
Der Hund legt sich nun auf den Boden, behält mich aber weiterhin im Blick. Sein mächtiger Schwanz, der schon mehr ein Schweif ist, bleibt dabei in dauerhafter Bewegung. Mein Gesicht zerknautscht bei dem Gedanken, dass ich dieses Tier nun ununterbrochen an meiner Seite haben soll. Abwesend streichle ich meinen Bauch, eine mich und das Kind beruhigende Angewohnheit.
Dies scheint Damion doch aus seiner Darstellung des unverwüstlichen Mannes zu lösen und er wendet sich mir vollends zu. Er sieht kurz auf meinen Bauch und ich kann sehen, wie sich sein Blick ändert. Ich kann sehen, wie das Kind für ihn ein Symbol unserer Verbindung ist. Wie es letztlich ein Abschluss der unsagbaren Schwierigkeiten ist, der wir uns anfänglich ausgesetzt sahen. Oder wie es einen Beginn dessen darstellt, was unsere gemeinsame Zukunft sein wird.
Damion sieht mich an und während sich meine Körpertemperatur unweigerlich auf achtzig Grad Celsius erhitzt, mein Herz wie ein Rennpferd davon galoppiert, spüre ich den Drang in mir, meine Hände in seinem Haar zu vergraben. Bevor ich jedoch auf ihn zugehen kann, gibt der Hund einen undefinierbaren Laut von sich und reißt uns aus diesem Moment.
„Scheint, als ob er einen Namen braucht“, verkündet Damion, bleibt aber nah bei mir stehen. Die Nähe seiner Person, die Wirkung seiner Präsenz macht mich immer noch wahnsinnig. Ich könnte mich auf der Stelle auf ihn stürzen, ihn direkt hier vernaschen. Damion schenkt mir einen fast schon zweifelnden Blick.
„Sorry“, hechle ich entschuldigend. „Müssen die Hormone sein.“
„Ein weiterer Grund für ihn. Du bist nicht du selbst, das könnte dich in ungeahnte Schwierigkeiten bringen.“
Mir schläft das Gesicht ein. Schönen Dank auch! Das klingt ja gerade so, als ob ich überhaupt nicht in der Lage wäre, auf mich selbst aufzupassen. Ich kann fühlen, wie Damion meinen Gedanken folgt und nun auf meine Reaktion wartet.
„Jetzt hör aber auf!“, rufe ich beleidigt. „Das ist eine völlig übertriebene Aktion! Ich meine, am Ende dreht der Hund noch frei und dann wirst du es bereuen, so überreagiert zu haben.“
„Er wird nicht . . . freidrehen, Hannah“, widerspricht Damion und ist leicht gereizt. Er tut gerade so, als ob ich diese völlig bekloppte Idee hatte.
„Damion, er ist ein Höllenhund“, mein Finger jagt in die Richtung des Tieres. „Weißt du denn überhaupt alles über ihn? Tiere sind unberechenbar und, dass er einer seiner Rasse ist, macht das Ganze wahrscheinlich nicht wirklich entspannter.“
Damions Hände wandern in seine Hosentaschen und sein Gesicht bekommt diesen dezent dunklen Schatten.
Oh nein, mein Freund, denke ich mir. Die Tour kannst du dir abschminken! Damion versucht wieder einmal – wie tausende Male zuvor – mich zum Opfer meiner eigenen Gedanken zu machen. Anfänglich bin ich darauf reingefallen, zu oft für meinen Geschmack. Es kann ja wohl nicht angehen, dass man gegen sich selbst verwendet wird. Als Mittel, als Waffe. Ich beginne, meinen Kopf hin und her zu werfen.
„Komm mal wieder runter, klar? Ich sage ja nicht, dass es die schlimmste Idee ist, die du je hattest. Aber überleg doch mal kurz“, bitte ich ihn, warte aber nicht auf seine Reaktion. „Allein die Rassenbezeichnung beinhaltet ein Wort, wovor die meisten Menschen einen Riesenrespekt haben. Selbst weniger religiöse Leute wissen, dass das Wort Hölle nicht gerade für Heidenspaß in der Unterwelt steht. Das wäre dann Punkt eins. Soll ich weitermachen bis Punkt zwanzig?“, frage ich rotznäsig.
Äußerlich ist Damion die Ruhe selbst, aber ich weiß es inzwischen besser. Würde er sitzen, würde er sofort in seine Standardhaltung gehen: Arm aufstützen, Finger vor den Mund, die Augen auf das vermeintliche Opfer vor ihn gerichtet und den Charakter einfach wirken lassen.
Ich gebe zu, es gibt noch reichlich Momente, in denen das funktioniert. Das kann sogar verschiedene Konsequenzen haben, eine davon ist quicklebendig und in meinem Bauch. Andererseits birgt das auch oft so seine Risiken. Damion ist nicht gerade berühmt für seine ausschweifende Diskussionsleidenschaft. Das bedeutet, dass man sich schon mal ordentlich in Rage reden kann, ihn am Ende anfährt oder wüst beschimpft. Das Problem dabei ist, man steht prinzipiell nur für meine Wenigkeit. Ganz zu schweigen davon, dass Damion einen immer, wirklich immer den Spiegel vorhält und man sich andauernd wie der letzte Esel vorkommt. Sinnlos.
Der Wind weht uns leicht um die Ohren. Es klingt beruhigend, wie die Natur uns leise ihr Lied vorsingt. Wir stehen inmitten eines Kornfeldes, Winfried, Damions ehemaliger Chauffeur und derzeitiger Sekretär, wartet unweit von uns auf der Landstraße in seinem heiß geliebten Wagen. Damion und ich hatten Magda, unsere gute Fee des Alltags, damit beauftragt, auf Theodora und Sophia aufzupassen. Das sind die Damions Kinder, ein niedliches Kleinkind und eine pubertierende Rotznase, die er mir irgendwann einmal, lange
nach unserer Bekanntschaft, endlich mal vorstellte. Wir wohnen irgendwie alle zusammen in unserem hübschen Haus am Stadtrand, nicht wie im ersten Jahr in einer Gruselhöhle, welche die Treasure Villa einfach mal ist. Ich hasse diesen kalten Steinklotz. Man könnte ihn tonnenweise mit bunter Farbe übergießen und er wäre immer noch hässlich.
Dabei fällt mir ein, dass wir die Villa immer noch nicht verkaufen konnten. Der Makler bekommt immer Zustände und Schweißausbrüche, wenn er uns erneut berichten muss, dass er keinen Käufer finden konnte. Wieder nicht. Ich beiße mir in diesen Momenten auf die Zunge, denn wundern tut mich das nicht. Es ist eher gemein, dass wir den armen Makler nicht von seiner unerfüllbaren Aufgabe erlösen. Damion wird diese mittelalterliche Burg niemals los, nicht einmal, wenn er den künftigen Besitzer mit Rubinen überschüttet.
Der Rüde legt gelangweilt seinen Kopf auf eine Pfote und holt mich damit zurück in die Realität; zwischen all die Gersten, einen rauer werdenden Wind und einen unnachgiebigen Damion.
Ich betrachte ihn vorsichtig von der Seite. Er wirkt ungewohnt ernst, seit wir hier sind. Er hatte mich an diesem ersten Nachmittag des Herbstes hierher beordert und mir dieses . . . Ding vorgestellt. Und nun wird mir klar, dass Damion bereits während der Autofahrt hierher ungewohnt grummelig war. Also klar, dieser Mann ist jetzt nicht eine Plaudertasche par excellence und er wird auch nie einer von diesen modisch ambitionierten, super smarten Business-Männern werden. Er hat eben seine Art, frag den Fuchs, wieso mich das so einnimmt. Jedenfalls . . . eigentlich hatte sich sein Wesen ein wenig gewandelt, seit wir zusammen wohnen. Bevor es mich beunruhigen kann, dass er eventuell wieder der schweigsame Abgesandte des Teufels wird, schiebe ich diese Befürchtungen ganz schnell beiseite.
„Ich denke, dass ihr euch erst einmal auf einander einstellen müsst“, beginnt Damion. Ich sehe ihn leicht verängstigt an.
„Was meinst du damit?“
„Winfried wird euch beide nun ins Kaufhaus fahren und dort werdet ihr. . . “
„Was? Nein!“, unterbreche ich ihn entsetzt und bin kurz davor, mir die ersten Haare auszureißen. Damions Blick spricht Bände. Ich denke, küssen möchte er mich gerade eher nicht.
„Also, ich meine, was, wenn er ausrastet und Leute brutzelt?“, frage ich nun etwas zu aufgeregt. „Oder die Leute rufen die Polizei?“, frage ich vorsichtshalber hinterher.
Damion schweigt weiter. Mein Gott, manchmal möchte ich die Antwort aus ihm heraus prügeln.
Zwei
Da wären wir. Der Hund und ich. Vor einem Kaufhaus. Mitten in der Stadt. Mit ganz vielen Menschen.
Die Angst steht mir ins Gesicht geschrieben. Mir ist unfassbar warm und das liegt ganz sicherlich nicht an meiner Schwangerschaft. Meine Hand krallt sich dermaßen fest um die Hundeleine, dass sich meine Fingernägel schon in meinen Handinnenflächen graben. Der Hund steht ziemlich gelassen neben mir, er erinnert mich jede Minute mehr an Damion. Ich könnte ihn auf der Stelle in den dämlichen Brunnen da vor uns werfen.
Apropos Damion. Der hatte doch echt wieder mal einen sozialen Komplettausfall, schleppte mich und den Rüden zurück zum Wagen, befahl Winfried zu fahren und uns hier abzusetzen. Es sei das Beste, murmelte er nur und ließ sich davon kutschieren wie der Sonnenkönig in der Sänfte.
Ich könnte auf der Stelle explodieren. Genau wie meine Blase. Ich müsste mal ungeheuer dringend. Mein Blick wandert umher, auf der Suche nach der Erlösung aus Porzellan.
Es ist Sonntagnachmittag. Es ist unfassbar, wie viel Zeit die Menschen haben, um sich wie die Sardinen durch schmale und überdachte Einkaufsgassen zu quetschen. Mir schläft das Gesicht ein, schon wieder. Innerlich jammere ich kurz auf, was mir einen seltsamen Blick seitens des Tieres einhandelt.
„Was?“, frage ich genervt. Eine ältere Dame geht an uns vorbei und schüttelt leicht mit dem Kopf. Den ich ihr, zugegebener Maßen, gern abschlagen würde. Was geht sie das an, mit wem ich rede? Sie weiß ja nicht, wie dieses Vieh in Wirklichkeit aussieht. Zur Schonung der Nerven aller hat Damion dem Höllenhund befohlen, sich umzuwandeln. Ja, richtig. Umwandeln.
Das heißt, ich habe zwar immer noch einen mordsmäßig großen Rüden neben mir stehen. Allerdings hat der inzwischen ein stinknormales Fell in Durchschnittsbraun und knuffige Hundeaugen. Die Leute finden ihn alle zum Knutschen und ich immer noch zum K . . .
Na fein, ich muss jetzt damit leben. Aber erst mal eine Toilette. Als ich zielstrebig auf die Eingangstüren zugehe, kommt ein Security-Mensch schnellen Schrittes und erhobener Hand auf mich zu.
„Entschuldigen Sie, aber den dürfen Sie nicht mit reinnehmen.“ Er verweist auf ein Hinweisschild an der Eingangstür und scheint sichtlich stolz über die vorbildliche Erfüllung seiner dienstlichen Pflichten. Ich möchte ihm am liebsten den P. . . Mein Gott, was bin ich denn so aggressiv?
„Alles klar, sorry“, rufe ich leicht zu euphorisch. Der doch recht stämmige Mann rümpft kurz die Nase wie ein aus Urzeiten übrig gebliebener Cowboy, nickt bestätigend und geht zurück an seinen Platz. Fehlt nur noch, dass er seinen imaginären Hut hebt und nicht vorhandenen Kautabak in die Ecke spukt. Ekelhaft.
„Okay, Kumpel“, ich beuge mich runter zum Hund, der mich leicht trottelig ansieht. „Du musst leider hier warten, nützt nix.“
Er knurrt kurz und rümpft ebenfalls die Nase. Ah ja, heute ist also Nasenrümpf-Tag. Ich tue es ihm gleich und leine ihn an.
„Nicht abhauen“, warne ich ihn. „Damion killt mich, wenn er mitkriegt, dass ich ohne dich herumspringe.“
Der Rüde setzt sich auf sein Hinterteil, beginnt zu hecheln und sieht mich geduldig an. Mir ist das Tier nicht geheuer, irgendwas stimmt doch mit dem nicht.
Zehn Minuten später könnte ich quer durch das Zentrum hüpfen, so erleichtert fühle ich mich. Selbst meine schlechte Laune und damit verbundenen Aggressionen scheinen verflogen. Was so eine geleerte Blase alles ausmachen kann, fantastisch.
Ich laufe, nein, eigentlich watschle ich Richtung Ausgang, mein Blick auf den Hund gerichtet. Als er mich sieht, springt er auf einmal wie ein Angestochener auf und beginnt überlaut zu bellen. Mein Blick jagt durch die Menge, die Leute fangen schon an sich umzudrehen und nach der nervigen Lärmquelle zu suchen. Mit meinem Blicken versuche ich verzweifelt, dieses dumme Tier zum Schweigen zu bringen. Aber natürlich hat er keinen telepathischen Zugang oder kann mich, wie Damion, kategorisch ausblenden. Ich bin fast an den Drehtüren, als der Hund schon ohnmächtig wird vor Getöse. Äußerlich bekomme ich einen hochroten Kopf, innerlich einen Tobsuchtsanfall.
„Jetzt haben wir den Salat. Ein völlig freidrehender und unerzogener Rüpelrüde“, denke ich noch, als ich die Tür greifen will.
Mit einem Ruck wirft es mich plötzlich nach hinten, als mir jemand gewaltsam meine Tasche von den Schultern reißt. Ich höre noch wie der Hund nun überhaupt nicht mehr zu bändigen ist, dann schalte ich und laufe dem Dieb hinterher.
„Haltet ihn! Haltet den Dieb!“, rufe ich noch, schon völlig außer Atmen. Das Ganze ist ein einziges Klischee, denn ich bin nicht nur kurz vorm Umkippen vor Anstrengung. Nein, nicht einmal ein einziger verschlafener Einkaufszombie hat es nötig, mir zu helfen. Stattdessen gucken sie alle doof, wie die Ahnungslosen vor einer modernen Maschine. Bevor ich mich in meiner Rage verlieren kann, versuche ich lieber, das Tempo zu halten. Man möge sich nur kurz vor Augen halten, wie das ungefähr aussieht:
Eine gut genährte Schwangere schleppt sich hechelnd durch die Mengen, halb japsend, halb nach Hilfe rufend, ein übersportlicher Dieb, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schlängelt sich mit außerirdischen Reflexen zwischen Passanten, Pfeilern und Pappnasen hindurch.
Mein Watscheln hat merklich Züge einer waschechten Teichente angenommen. Wundert mich, dass ich noch keine Reihe mir blind folgender Küken hinter mir habe.
„Haltet ihn, Gott verdammt noch mal“, kriege ich zwischen mehreren Keuchanfällen hervor. Interessiert gerade mal den dicken Jungen neben mir, der ungerührt und genüsslich an seinem viel zu großen Schokoeis herumschlappert.
Ich sehe den Dieb in einen Seitengang flüchten, hole tief Luft und jage hinterher. Also jagen in Zeitlupe, nur damit das klar ist.
Man muss dazu sagen, dass ich davor ungefähr so eine Sportskanone war wie Damion eine Quasselstrippe ist. Mit den zusätzlichen Pfunden und dem Braten in der Röhre wurde das Ganze irgendwie potenziert.
Keine Zeit drüber nachzudenken wie du aussiehst, denke ich und sammle meine letzten Kraftreserven.
Als ich um die Ecke biege, flüchtet der Dieb gerade aus einem Hinterausgang. Ich hinterher, nun völlig außer Atem. Ich gelange nach draußen und bin erst einmal ziemlich geblendet vom gleißenden Tageslicht, für Sekunden aus dem Konzept gebracht. Dann kann ich erkennen, dass wir auf dem Parkdeck sind, umgeben von Milli-arden von Autos. Mein Kopf macht eine Rundumdrehung, als ich ihn drei Reihen vor mir entdecke. Ich befehle meinen Beinen, sich zu bewegen, aber sie weigern sich.
„Manno . . . “, jammere ich leise, dann hole ich noch mal Luft. „Ey, du Idiot!“, schreie ich gegen seinen Rücken. „Du beklaust gerade eine Schwangere, du demoralisierter Esel!“
Tatsächlich hält er inne. Erstaunt warte ich auf eine Reaktion, aber er rührt sich nicht, bleibt einfach nur so stehen. Ich stemme eine Hand in meine dicke Hüfte.
„Ich mach dir ’nen Vorschlag, Freundchen. Du schwingst deinen Hintern zu mir, gibst mir die Tasche zurück, legst ’ne Entschuldigung oben drauf und wir vergessen das Ganze. Klingt das nach ’nem Deal?“
Ist mir gerade ziemlich gleich, dass ich mit Gossensprache um mich werfe. Ich habe keine Lust mehr, der Tag kann gern auf der Stelle aufhören.
Er dreht seinen Kopf leicht, aber nur so weit, dass ich sein Gesicht immer noch nicht sehen kann. Er murmelt etwas, aber auf die Distanz kann ich es nicht verstehen.
„Was?“, keife ich ihm entgegen. „Ich kann dich nicht verstehen, Kumpel. Du musst entweder lauter reden oder . . . .“
„Vergessen ist nicht meine Stärke!“, schreit er auf einmal, dreht sich blitzschnell zu mir um, wirft etwas und dann gibt es einen ohrenbetäubenden Knall. Mit einem erschrockenen Aufschrei wirft es mich ziemlich weit nach hinten und ich lande sehr unsanft auf dem Boden.
Erst einmal sehe ich nichts außer lauter Sterne, die Ringelreihe vor meinen Augen spielen. Lamentierend halte ich mir den Rücken und Kopf und warte, dass das Feuerwerk vor meinen Augen aufhört.
„So ein elender Mistgriebel“, schimpfe ich vor mich hin. Endlich ist die Lichtshow vorbei und ich erkenne meine Umgebung wieder. Erneut schreie ich. „Was zum . . . ?“, entweicht es mir.
Der Parkplatz ist verschwunden und einem weiten Feld gewichen. Vollkommen schockiert sehe ich mich um. Zu meiner Rechten befindet sich ein riesiger Acker, der irgendwo, weit weg am Horizont abschließt. Zu meiner Linken erkenne ich eine völlig ramponierte Landstraße. Dann reichen sich endlich all meine Sinne die Hände und ich sehe runter auf meinen Bauch, der . . . verschwunden ist.
„Nein!“, schreie ich nun angsterfüllt und springe auf. Ich taste meinen Bauch ab, meine Oberschenkel, suche wie wild eine Wunde und den Boden nach Blut ab, doch da ist nichts.
Schwer atmend und den Tränen nahe fahre ich mir durch die Haare. Verzweifelt sehe ich mich um, suche Spuren oder irgendwelche Zeichen, welche mir zu einer Lösung verhelfen könnten.
Dann sehe ich am unteren Ende der Straße ein Auto aufbiegen. Mit leeren Kopf und sich fast ineinander verknotenden Beinen haste ich darauf zu. Ich erkenne Winfried und noch während mir die
Erleichterung die ersten Tränen die Wangen hinunter kullern lässt, werfe ich meine Arme in die Luft und wedle sie wild hin und her.
Während ich auf das Auto zu sprinte, rufe ich Winfrieds Namen, bis er mich tatsächlich wahrnimmt. Er hält den Wagen, ich erkenne Damion, renne einmal um das Auto herum und springe hastig auf den freien Rücksitz.
„Damion, Gott sei Dank!“ Ich lehne mich zurück und versuche erst einmal Luft zu holen. Jetzt erst merke ich, dass Winfried neben mir in der Tür steht und leicht besorgt wirkt.
