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Das kurze Leben des streitbaren Rechtsanwalts Hans Litten, der 1938 im KZ Dachau in den Selbstmord getrieben wurde. In einem spektakulären Prozess vor dem Berliner Kriminalgericht in Moabit stellte der junge Rechtsanwalt Hans Litten 1931 den »Schriftsteller« Adolf Hitler als Zeugen für die Gewaltbereitschaft von SA und NSDAP zur Rede. Litten verteidigte in zahlreichen Prozessen straffällige Jugendliche, trat als Nebenkläger für die von faschistischen Rollkommandos attackierten Kommunisten auf und legte sich mit der rechtslastigen Justiz der Weimarer Republik an. Seine Biografie ist eine deutsche Lebensgeschichte, die mit der jüdischen Jugendbewegung in Ostpreußen begann und im Konzentrationslager Dachau endete. Im geteilten Deutschland wurde sie in unterschiedlichen Versionen überliefert. Die einen würdigten den antifaschistischen Bündnispartner der Arbeiterklasse, die anderen – mit jahrzehntelanger Verspätung – den Verteidiger des republikanischen Rechtswesens. Heute ist Hans Litten – nicht zuletzt durch die TV-Serie »Babylon Berlin« – weit über Deutschland hinaus als politischer Anwalt bekannt, der sich kompromisslos und mutig für seine Mandanten eingesetzt hat.
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Knut Bergbauer | Sabine Fröhlich |Stefanie Schüler-Springorum
Hans Litten – Anwalt gegen Hitler
Eine Biographie
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2022
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf
Lithos: Basta Werbeagentur, Göttingen
ISBN (Print) 978-3-8353-5159-2
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4836-3
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4835-6
Für Margot Fürst (1912-2003)
Kurt Neheimer (1924-1995)
Elnis Hans Fürst (1933-2013)
Birute Hanna »Mop« Stern geb. Fürst (1930-2021)
Eine Straße in Berlin-Mitte
Orte/Verortungen
Jugend/Bewegung
Jugend/Revolution
Bücher, Lieblingsbücher
Heiden, Juden, Christen
Künstler, Mystiker, Expressionisten
Forever young
Jungen in Not
Der »Lump« und die Sittlichkeit
»Blutmai« 1929
»Politische Gefangene« oder »gemeine Verbrecher«?
Der Kampf um die Straße
Raufhandel oder Totschlag – Rollkommandos oder Legalität
Gegenspieler
Polizeischutz für wen?
Kollegen, Freunde, Freundinnen
Straßenkämpfe, Wortgefechte
Vom Ende der freien Advokatur
Vom Edenpalast zum Edenpalast
Die Rache der »neuen Herren«
Hoffnung auf Befreiung
Der Buchbinder der »Lichtenburg«
Im »jüdischen« Block
Tod in Dachau
Eine Mutter kämpft
Bilder, Nachbilder
Ex-Post. Nach-Bemerkungen
Anhang
Anmerkungen
Archive und Bibliotheken
Zeitschriften
Auswahlbibliographie
Veröffentlichungen von Hans Litten
Veröffentlichungen über Hans Litten
Weitere Literatur
Bildnachweise
Dank
Personenverzeichnis
Nicht weit vom Alexanderplatz führt eine schmale Straße von der Grunerstraße zur Spree. Sie ist geprägt von Bauten aus verschiedenen Zeiten: an das Jugendstilgebäude des Amtsgerichts Berlin-Mitte – zu DDR-Zeiten die Zentrale Justizbehörde – grenzt der Neubau der Bundesrechtsanwaltskammer und anderer Juristenverbände. Schräg gegenüber, an einem Reststück der alten Berliner Stadtmauer, liegt das traditionsreiche Lokal »Zur letzten Instanz«, ein paar Meter weiter die Ruine der Klosterkirche.
Seit dem späten 18. Jahrhundert hieß die Straße »Neue Friedrichstraße«. Im Mai 1951 wurde sie in »Littenstraße« umbenannt, und am Gerichtsgebäude montierte man zur gleichen Zeit eine Gedenktafel mit den Worten »Hans Litten, unerschrockener Kämpfer für Menschlichkeit und Frieden, Anwalt und Verteidiger der Unterdrückten, ermordet 1938 im KZ-Lager Dachau«. Für die älteren Vertreter der »neuen deutschen demokratischen Justiz«, so schrieb ein Reporter anlässlich der Ehrenfeier, war Hans Litten der Inbegriff des »›proletarischen Anwalts vom proletarischen Angeklagten‹«.[1]
Als zum Jahreswechsel 2000/2001 die Bundesrechtsanwaltskammer ihr Berliner Büro bezog, wurde auch der angrenzende Neubau nach Hans Litten benannt, so dass nun die Adresse der BRAK »untrennbar mit dem Namen Hans Litten verbunden« ist: »Vor dem Hintergrund des Erstarkens der Nationalsozialisten und deren brutaler Vorgehensweise stand im Mittelpunkt seiner anwaltlichen Tätigkeit die Vertretung von Mandanten, die Opfer nationalsozialistischer Gewaltakte geworden waren«, heißt es auf der Webseite der BRAK.[2]
Beide Benennungen, von Haus und Straße, waren in den Jahren zuvor keineswegs unumstritten gewesen. So verhinderte Anfang der neunziger Jahre erst eine größere öffentliche Protestaktion, dass die Littenstraße dem nach dem Ende der DDR einsetzenden Umbenennungsaktivismus zum Opfer fiel. Ein Berliner CDU-Stadtrat hatte 1992 vorgeschlagen, die Straße in »An der Klosterkirche« umzutaufen, um jedwede Spur von lokaler kommunistischer Vergangenheit auszulöschen. Nachdem der Name Littens für die Straße erfolgreich verteidigt worden war, kam es wenige Jahre später zu einer neuen Auseinandersetzung, unter umgekehrten oder zumindest ungewöhnlichen Vorzeichen: Nun ging es um die Benennung des Neubaus der Rechtsanwaltskammer, und gerade jene Rechtsanwälte, die sich seit Jahren für die Erinnerung an Hans Litten eingesetzt hatten, argumentierten jetzt gegen den nochmaligen Gebrauch des Namens Litten. Sie vermuteten, wohl nicht ganz zu Unrecht, dass man sich mit dieser Namensgebung gewissermaßen ›auf der sicheren Seite‹ wähnte, zumal ja schon die Straße so hieße. Genau dies, so plädierten die Vertreter des »Arbeitskreises historisch interessierter Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen«, eröffne jedoch die Chance, »noch einer anderen Anwaltspersönlichkeit zu gedenken«, die die liberalen und demokratischen Traditionen der Weimarer Anwaltschaft ebenso und weniger polarisierend verkörpere. Ohne die Verdienste Littens schmälern zu wollen, wiesen Gerhard Jungfer und Tillmann Krach, der wohl beste Kenner der Anwaltsszene der Weimarer Republik, darauf hin, dass weder Littens Persönlichkeit noch sein professionelles Vorgehen unter den Kollegen damals allgemein akzeptiert gewesen seien.[3] Dass man dennoch Litten wählte und nicht z. B. Julius Magnus, den Herausgeber der Juristischen Wochenschrift, der 1944 in Theresienstadt verhungerte, mag neben bequemen auch erinnerungspolitische Gründe gehabt haben: Der Aufstieg Hans Littens zur Ikone linker Juristen in Westdeutschland begann in den späten achtziger Jahren. Im Jahre 1988 erschienen gleich zwei Aufsätze über Litten, und die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen e.V. verlieh in einer zusammen mit dem Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein veranstalteten eindrucksvollen Feierstunde zum 50. Todestag Littens in der KZ-Gedenkstätte Dachau zum ersten Mal den Hans-Litten-Preis, gestiftet zur Ehrung von »Juristinnen und Juristen, die in besonders hohem Maße demokratisches Engagement bewiesen haben«.[4]
Die Umbenennung der »Neuen Friedrichsstraße« in »Littenstraße« 1951
Dass man auf der Suche nach einer, wie Norman Paech formulierte, »Tradition deutscher Juristen …, die in den Justizklassenkämpfen nicht auf jener Seite gestanden haben oder zu ihr übergelaufen sind, die wir viel eher mit dem Begriff Tradition assoziieren und die in der Bezeichnung ›furchtbarer Jurist‹ (Rolf Hochhuth) ihren Ausdruck gefunden hat«[5], dass man auf der Suche also nach einer ›eigenen‹, nicht vom Nationalsozialismus kontaminierten juristischen Tradition so schnell auf Hans Litten gestoßen war, hat zunächst vermutlich banale Ursachen: Über sein Leben, seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und seinen Leidensweg durch die faschistischen Lager lagen bereits mehrere Veröffentlichungen vor, von denen zwei in der DDR, zwei in der Bundesrepublik erschienen waren. Aus ihnen ließ sich die Geschichte eines freiheitlichen linken Anwalts rekonstruieren, der sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik mehrere spektakuläre Gerichtsduelle mit den Nationalsozialisten geliefert hatte und der, sofort nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 verhaftet, dafür mit fünfjähriger Lagerhaft und schließlich mit dem Leben bezahlte. Zwar hatte sich Litten immer bewusst als »proletarischer Anwalt« gefühlt und häufig im Auftrag der Roten Hilfe Kommunisten vertreten, er war jedoch nie ein treuer Parteigänger der KPD gewesen und hatte wohl auch mindestens einmal – so betonte er zumindest in einem Schreiben aus der Haft – Anarchisten und oppositionelle Kommunisten in Prozessen gegen KP-Stadt- bzw. Bezirksräte verteidigt – er repräsentierte also, wenn man dies so sehen wollte, trotz der vereinnahmenden Erinnerung in der DDR den nicht-stalinistischen Flügel der deutschen Linken in der Weimarer Republik.
Und schließlich, auch dies mag eine Rolle spielen, war Litten Protagonist einer der eindrücklichsten Gerichtsszenen vor der »Machtergreifung«, die in allen Bearbeitungen seiner Lebensgeschichte immer und immer wieder geschildert wird: Hitlers Vernehmung als Zeuge im sogenannten Edenpalast-Prozess: Im November 1930 hatte ein Rollkommando des berüchtigten SA-Sturms 33 ein Tanzlokal überfallen und dort anwesende Mitglieder eines Arbeitervereines zusammengeschlagen. Als Anwalt der Nebenklage war Hans Litten bestrebt, die planmäßige Anwendung terroristischer Methoden seitens der NSDAP nachzuweisen. Er ließ zu diesem Zweck Hitler als Zeugen laden und versuchte ihn mit einer Fülle von Zitaten derart in die Enge zu treiben, dass Hitler sich von den eigenen Parteipublikationen und von seinem Propagandastrategen Goebbels öffentlich distanzieren musste, um den Anschein der Legalität und Verfassungstreue seiner Partei vor Gericht zu wahren. Zwar fielen die Urteile gegen die SA-Täter trotz dieses spektakulären Auftritts recht milde aus, sie trugen Litten jedoch, so wurde immer wieder kolportiert, die persönliche Feindschaft Hitlers ein, was sich bei allen späteren Gnadengesuchen fatal auswirken sollte.
Der in Halle geborene und in Königsberg aufgewachsene Berliner Rechtsanwalt wurde nur 34 Jahre alt. Die vielen Facetten seiner Persönlichkeit jedoch – der jugendbewegte Aktivist, der engagierte Rechtsanwalt, der aufrechte KZ-Häftling – haben seit seinem Tod immer wieder aufs Neue Beachtung gefunden, wenngleich aus sehr unterschiedlichen Motiven. Insofern lässt sich die Rezeptionsgeschichte seiner Biographie auch als Beispiel lesen: für die Interessengebundenheit der Erinnerung, für ihre politische Instrumentalisierung und für die Identifikationsbedürfnisse der Erinnernden über mittlerweile mehrere Generationen von Nachgeborenen hinweg.
Gleichzeitig wirft gerade der Edenpalast-Prozess ein Schlaglicht auf die Art und Weise der Litten’schen Prozessführung, in deren Tradition sich linke Anwälte in der BRD der achtziger Jahre gerne verorten wollten. Zutiefst überzeugt davon, dass die Justiz im kapitalistischen System den Interessen der herrschenden Klassen dient, war Hans Litten immer bestrebt, den politischen Charakter der Strafverfahren und die Verantwortung bis in die höchsten staatlichen Sphären nachzuweisen. Dies galt für Prozesse gegen SA-Leute ebenso wie für seine Versuche, die letzten politischen Gefangenen der Plättner-Bewegung freizubekommen, oder seine Klage gegen den Polizeipräsidenten Zörgiebel als Verantwortlichen für die Toten bei der als »Blutmai« in die Geschichte eingegangenen Maidemonstration 1929. Und bei der Verteidigung des Pazifisten Ernst Friedrich gegen eine Beleidigungsklage Gustav Noskes bemühte er sich in einem mehrseitigen Beweisantrag um den politischen Nachweis, dass jener eben tatsächlich »eine Anzahl von Handlungen begangen hat, die seine Kennzeichnung durch den Ausdruck ›Lump‹ und ›Schurke‹ rechtfertigen«.[6] Auch wusste Litten um die Macht der Öffentlichkeit, wenn er z. B. publikumswirksam öffentliche Zeugenvernehmungen veranstaltete oder in der Presse über noch laufende Verfahren berichtete, was, zusammen mit seinen unorthodoxen Ermittlungsmethoden, bei vielen zeitgenössischen Kollegen standesrechtlich mindestens als bedenklich galt.
Heutige Juristen jedoch, die sich intensiv mit seiner Prozessführung auseinandergesetzt haben, fasziniert vor allem seine profunde Kenntnis und virtuose Handhabung der Strafprozessordnung und sein unermüdlicher, bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehender persönlicher Einsatz für seine Mandanten. Dass Litten dafür vermutlich privat einen hohen Preis zahlte und auch seine engsten Freundschaften oftmals auf eine harte Probe stellte, wird in den Darstellungen des »herausragenden Kämpfers gegen den Nationalsozialismus« meist ausgeblendet. Sein bester Freund Max Fürst erinnert diese Zeit, in der seine Frau Margot als Littens Sekretärin arbeitete, aus einer anderen Perspektive: »Er war fanatisch wie einer ist, der die letzte Schlacht schlägt. Er hatte den Atem, diesen Kampf drei Jahre durchzuhalten. Ich war wohl in der letzten Zeit ein schlechter Freund, zog mich mehr und mehr von ihm zurück … Natürlich wusste ich, um was es ging, aber es ist zweierlei, das Richtige zu erkennen und es gegen seine eigensten Interessen zu dulden. Ich sah nicht nur eine politische, sondern auch eine menschliche Katastrophe voraus.«[7]
Max Fürsts Erinnerungen an seine Jugend in Ostpreußen und seine Zeit in der Jugendbewegung, die ein einfühlsames Portrait seiner Freundschaft mit Hans Litten enthalten, waren schon in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik erschienen. Umso erstaunlicher ist es, dass Marion Gräfin Dönhoff die Litten-Geschichte erst 1986 »entdeckt« haben will – womit sie vielleicht die »demokratischen Juristinnen und Juristen« auf die Spur brachte – und die Fürst’sche Darstellung, die nicht nur ausführlich auf die gemeinsame Jugend in Königsberg, sondern auch auf das Schicksal anderer, kommunistischer Jugendfreunde einging, nicht zur Kenntnis nahm. Stattdessen bezog sie sich auf jenes Buch, das zwei Jahre zuvor erstmals in Westdeutschland erschienen war, aber bereits seit 1947 in einer DDR-Ausgabe vorlag, die 1984 noch einmal nachgedruckt wurde: Irmgard Littens im englischen Exil verfasster Bericht über ihren Kampf um den inhaftierten Sohn, der 1940 erstmals unter dem Titel »Die Hölle sieht Dich an« in Paris erschien. Niedergeschrieben kurz nach dem Tod ihres ältesten Sohnes, hat Irmgard Littens Darstellung das Bild von Hans Litten bis heute nachhaltig, ja fast ausschließlich geprägt. Dies gilt schon für das »Bild« im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Zeichnung eines Mithäftlings aus dem KZ Lichtenburg, die seit der 1940er Ausgabe für alle Veröffentlichungen und Veranstaltungen bis hin zu den diversen Webseiten genutzt wird. Sie zeigte einen abgemagerten und kahlköpfigen, einen durchgeistigten Hans Litten, einen »franziskanischen Menschen« (so Rudolf Olden in seinem Vorwort zu Irmgard Littens Buch), der nur noch entfernte Ähnlichkeit hat mit dem eher rundlichen und schüchternen jungen Mann auf den Fotos vor seiner Verhaftung. Betont wird darüber hinaus sein zutiefst bürgerliches Kunstinteresse und die christlichen, ja katholischen Neigungen des KZ-Häftlings Litten. Nur undeutlich erwähnt sie dagegen die jüdische Herkunft ihres Sohns und sein phasenweise großes Interesse für das Judentum. Das Gleiche gilt für seine Beziehung zu Sulamith (Charlotte) Siliava, die 1933 mit dem Fotografen Walter Reuter nach Spanien emigrierte und die Litten, liest man seine Briefe aus dem Gefängnis, sehr geliebt zu haben scheint. Zwar lässt sich angesichts dieser Auslassungen – und der damit einhergehenden Entsexualisierung – trefflich über das Mutter-Sohn-Verhältnis psychologisieren, aber die Zeichnung als bürgerlich-christlicher Märtyrer war vor allem dem Appellcharakter des Buches geschuldet, das sich ja in erster Linie an die alliierte Öffentlichkeit richtete. Dies gilt einmal mehr für die Fokussierung auf den Kampf einer Mutter um ihren Sohn. Denn auch der Bruder und die Freunde setzten sich unermüdlich für Littens Freilassung ein (was Irmgard Litten nicht unerwähnt lässt), aber nur das publikumswirksame Bild der Mutter Courage versprach die nötige Aufmerksamkeit – ein Effekt, der noch Jahrzehnte später funktionierte, wie der Dönhoff-Artikel oder das Interesse eines englischen Filmemachers an dem Stoff belegen.
In dem mittlerweile auch als gesamtdeutsche Auflage vorliegenden Buch schildert Irmgard Litten ihre sofort nach der Verhaftung des Sohnes in der Nacht des Reichstagsbrandes einsetzenden Bemühungen um seine Freilassung, ihre Auseinandersetzungen mit kleinen und mittleren Schergen des Regimes und ihre Bittgänge zu hohen und höchsten Würdenträgern des Dritten Reiches, mit denen die deutschnational gesinnte Familie Litten in früheren Zeiten befreundet gewesen war. Daneben rekonstruiert sie so minutiös, wie es ihr damals möglich war, Hans Littens Leidensweg durch die Gefängnisse und Konzentrationslager Spandau, Sonnenburg, Moabit, Brandenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald und schließlich Dachau. Eindringlich schildert sie die dauernden psychischen und physischen Qualen, Folterungen und Scheinhinrichtungen, denen Hans Litten vor allem zu Beginn seiner Haftzeit ausgesetzt war und die ihn schon im April 1933 einen ersten Selbstmordversuch unternehmen ließen. Als er schließlich im KZ Lichtenburg, wo er über drei Jahre blieb, eine gewisse Ruhe in der Arbeit in der Lagerbuchbinderei und -bibliothek fand, war er ein schwer gezeichneter, zum Invaliden geprügelter halbblinder und halbtauber Mann, der nur noch am Stock gehen konnte und unter Ohnmachtsanfällen und Herzkrämpfen litt. Dennoch nahm er in den Jahren in Lichtenburg seine sprachwissenschaftlichen und kunsttheoretischen Betrachtungen wieder auf, und die zahlreichen Schilderungen von Mitgefangenen über Littens Vorträge und sein Bemühen um andere stammen meist aus dieser für KZ-Verhältnisse vergleichsweise »ruhigen« Zeit. Erst jetzt – und auch nur bei längerem Verbleib an einem Ort – konnten sich unter den Häftlingen solidarische Strukturen verfestigen, die Litten psychischen und physischen Halt gaben. Als diese Beziehungen im Sommer 1937 mit der Verlegung nach Buchenwald und dann nach Dachau auseinandergerissen wurden und gleichzeitig die Brutalitäten wieder zunahmen, scheinen Littens Lebenshoffnungen rasch geschwunden zu sein. Zwar versuchten Mitgefangene ihn – zu diesem Zeitpunkt wohl einer der letzten noch in Haft Überlebenden der ersten Verfolgungswelle – auch in den neuen Lagern nach Kräften zu schützen. Aber nach dem Foltertod eines Freundes und entsprechenden Drohungen der Wachmannschaften scheint er sich entschlossen zu haben, seinen Mördern zuvorzukommen. In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1938 wurde Hans Litten in der Latrine des KZ Dachau erhängt aufgefunden.
Der »franziskanische Mensch« Hans Litten im KZ Lichtenburg; Zeichnung des Mithäftlings Gustav Hammermann
Schaut man heute aus dem Fenster der ehemaligen Wohnung in der Zola-Straße 1a, wo Hans Litten vom Sommer 1930 bis zu seiner Verhaftung Ende Februar 1933 mit Max und Margot Fürst zusammenlebte, so reicht der Blick nur bis zu den Anbauten neben der »Volksbühne«. Das war Anfang der 1930er Jahre anders, als die Straße noch Koblanck-Straße hieß. Damals konnte man bis auf den Bülowplatz schauen, also bis zum Platz vor der »Volksbühne«, der heute den Namen Rosa Luxemburgs trägt. Und so lag auch das 1929 eröffnete Kino »Babylon« an der Ecke Hirten-Straße immer im Blickfeld der Littenschen Wohnung: es war nur ein kurzer Fußweg dorthin. Heute verbinden allerdings die meisten Menschen hierzulande mit der Wort-Kombination »Babylon Berlin« nicht das legendäre Kino, sondern eine äußerst erfolgreiche deutsche TV-Serie. Durch sie ist auch die Person Hans Litten nun einer breiten Öffentlichkeit, also weit über Historiker- und Juristinnenkreise hinaus bekannt geworden. Und obgleich für den Plot der Serie gesicherte Fakten mit fiktiven Ereignissen frei verbunden wurden, hilft dieses prominente Schlaglicht zugleich, die zeithistorische Bedeutung Littens noch einmal hervorzuheben.
Das Leben von Hans Litten ist in groben Zügen bekannt. Aber es sind gerade die noch unbekannten Details, die es möglich machen, Geschichten neu zu erzählen, bisher unbeachtete Akzente zu betonen. Hebt man, entlang des Wegs der biographischen Erzählung den einen oder anderen Stein hoch, gräbt man etwas tiefer, fragt man etwas genauer, so wird das Bild von Littens Leben jedoch meist widersprüchlicher als zuvor.
Für die Neuauflage der Biographie haben wir uns zugleich für einen neuen, prägnanten Titel entschieden: Die Auseinandersetzung zwischen Adolf Hitler und dem jungen Anwalt vor dem Kriminalgericht Moabit im Jahre 1931 hat nicht nur das kurze Leben Littens beeinflusst und vermutlich seinen gewaltsamen Tod mitverantwortet, sondern sie prägt bis heute sein Bild in der Öffentlichkeit. Dennoch bleibt der Begriff der »Denkmalsfigur« aus dem alten Titel für dieses Buch weiter passend: »Denkmalsfigur« war der Code, den sich Irmgard Litten für die Korrespondenz mit ihrem inhaftierten Sohn Hans ausgedacht hatte.[8] Die Buchstaben eines Wortes mussten verschoben werden, um zu den eigentlichen Inhalten zu gelangen. Als AutorInnen der vorliegenden Biographie versuchen auch wir, scheinbar Feststehendes in Bewegung zu setzen, um Hans Litten in all seiner Widersprüchlichkeit gerecht zu werden.
Die Stadt Berlin, in der heute Straßen und Gebäude an Hans Litten erinnern, war der Schauplatz seiner politischen und juristischen Kämpfe, sie war der Ort einer nicht mehr sehr deutlich auszumachenden Liebe, aber auch von Verhaftung und ersten Qualen. Verstanden hat er sich selbst als »östlicher« Mensch, geliebt hat er die ostpreußische und litauische Landschaft, zu Hause war er in Königsberg. Geboren wurde Hans Litten in Halle, aber während sich an seinem Geburtsdatum, dem 19. Juni 1903, nur schwerlich heruminterpretieren lässt, erlaubte der Geburtsort schon frühe Traditionsbildungen: Nicht in Halle an der Saale sei er geboren, gab der junge Hans Litten an, sondern in Burg Giebichenstein, was insofern nicht falsch ist, als dass er tatsächlich unweit der Burg in der elterlichen Wohnung zur Welt kam, im drei Jahre zuvor nach Halle eingemeindeten gleichnamigen Ortsteil. Vielleicht war ihm die dort in den frühen zwanziger Jahren eingerichtete Kunstgewerbeschule sympathisch, vielleicht war »Halle« zu sehr mit der väterlichen und großväterlichen Professorenwelt verknüpft, vielleicht aber klang der Burgname einfach besser, romantischer – zumindest in den Ohren eines Jugendlichen, der gerade mit Enthusiasmus zur Jugendbewegung gestoßen war.
Irmgard Wüst und Fritz Litten in Halle, 1899
Allen romantischen Verortungswünschen zum Trotz war es eine ordentliche deutsche Professorenfamilie, in die Hans Litten hineingeboren wurde, was geradezu typisch war für jene jungen Menschen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als »Jugendbewegung« gegen ebendiese bürgerlichen Elternhäuser rebellierten. Aus dieser Phase, dem Aufbegehren und Dagegen-Sein, gibt es viele mündlich wie schriftlich überlieferte Äußerungen von Litten selbst – aus der Zeit davor dagegen wenig. Und da fast alles, was über seine familiäre Herkunft bekannt ist, aus durchaus interessierter Feder stammt, aus der der Mutter und der des besten Freundes, so ist hier natürlich Vorsicht geboten. Dennoch evoziert das Aufwachsen in einer bürgerlichen Familie der Vorkriegszeit auch ohne große Phantasie sofort klare Bilder: Matrosenanzüge, überladen möblierte Wohnzimmer und Lehrer mit Rohrstöcken. So ähnlich wird es gewesen sein bei den Littens, die sich irgendwann zwischen 1895 und der Jahrhundertwende in Halle kennengelernt hatten: Dorthin hatte es den aus einer angesehenen Elbinger Kaufmannsfamilie stammenden Jurastudenten Fritz Litten im Alter von 22 Jahren verschlagen, dort promovierte er, dort leistete er seinen Militärdienst und anschließend einen Teil seiner Referendarszeit ab. Wann und wie er die sechs Jahre jüngere Irmgard Wüst traf, deren Vater in Halle landwirtschaftliche Ingenieurswissenschaft lehrte, ist nicht bekannt, es mag eine der vielen studentischen Vergnügungen gewesen sein, zu denen standesgemäße Professorentöchter gerne geladen wurden. Geheiratet wurde gleich nach dem Assessorexamen, und während sich der junge Jurist mit einigen Schwierigkeiten zu habilitieren versuchte, gründete man in der Burgstraße 43 einen Hausstand und bald darauf auch eine Familie: Der erstgeborene Sohn erhielt die Namen Hans Achim Albert, den letzteren nach dem zwei Jahre zuvor verstorbenen Großvater Wüst. Fünf Tage später absolviert der frisch habilitierte Privatdozent Litten seine Antrittsvorlesung an der Universität Halle über »die Haftung des Tierhalters im Bürgerlichen Recht«.
Irmgard Litten mit Hans Achim, Halle 1904
Die Litten-Kinder Hans, Rainer und Heinz (v. l. n. r.) in Königsberg, um 1910
Nach dem bürgerlichen Familienmodell scheint es zunächst auch weitergegangen zu sein: Irmgard Litten kümmerte sich um Haus und Kinder – 1905 und 1909 kamen die Brüder Heinz und Rainer zur Welt –, während Fritz Litten seine Karriere vorantrieb: 1906 wurde der Spezialist für Römisches Recht zum außerordentlichen Professor ernannt, zwei Jahre später erfolgte der lang ersehnte Ruf ausgerechnet in jene Stadt, in der er seit seinem 12. Lebensjahr aufgewachsen war und in der noch seine Mutter lebte, ins ostpreußische Königsberg. Dort bezog man eine standesgemäße Wohnung in der Kastanienallee, im gutbürgerlichen Villenvorort »auf den Hufen« gelegen. Später, nach dem Weltkrieg, erfolgte noch einmal ein Umzug ins noch ein wenig grünere und vornehmere Julchental. Die Söhne besuchten das beste Gymnasium der Stadt, das Haus entwickelte sich zu einem beliebten Treffpunkt der lokalen Honoratioren.
Das Königsberg der Vorkriegszeit war ein kleines, wenn auch weit abgelegenes bürgerlich-liberales Idyll. Mehr als die Garnison prägten die Universität und eine weltgewandte Kaufmannschaft, zu der auch der 1906 verstorbene Großvater Litten gezählt hatte, die ostpreußische Hauptstadt. Hier war man liberal, was in erster Linie linksliberal hieß, man wähnte sich in Kant’scher Tradition in der »Stadt der reinen Vernunft« und pflegte ein behagliches Avantgarde-Gefühl gegenüber dem »Reich«. Umso erstaunlicher also, dass sich die Familie Litten nicht dort verortete, im dominanten linksliberalen Milieu, sondern viel stärker nach rechts tendierte, als man es von einem jungen Rechtsprofessor an der Albertina hätte erwarten können. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg, den Fritz Litten als Hauptmann sowohl an der Front wie auch im Kriegsgerichtswesen absolvierte, suchte man im Hause Litten den gesellschaftlichen Kontakt zur anderen, zur deutschnationalen Königsberger »Fraktion« und hier vor allem zu den adligen Militärs und zur hohen Beamtenschaft. Fritz Litten, bald Dekan und später Rektor der Universität, trat der DVP bei und schrieb regelmäßig für die konservative Königsberger Allgemeine. Dies tat seiner Beliebtheit unter den Studenten keinen Abbruch, die ihn durchweg als faszinierenden Redner und brillanten Lehrer schilderten, der jovial und witzig sein konnte, aber auch von großer intellektueller Schärfe.
Fritz Litten, in Uniform, mit seinen drei Söhnen, ca. 1914/15
Zu Hause scheint es dagegen zu einer ganz anderen Fraktionsbildung gekommen zu sein: Die allseits als warmherzig und aufgeschlossen beschriebene Mutter mit den von ihr erzogenen Söhnen gegen den autoritären Vater – ein geradezu klassisches bürgerliches Setting. Von einer Königsberger Freundin der Litten-Söhne wird diese Konstellation in der Rückschau eindrücklich skizziert: »Mit Irmgard Litten waren wir alle ganz innig. So nahe sie uns war, er war Äonen entfernt. Da war immer eine Distanz. Er wollte. Ob andere wollten, war nicht so wichtig. Er war gescheit, logisch-souverän, bar jeden Vorurteils, aber schwierig. Was auch geschah, nie war er dabei oder aktiv beteiligt. Er war immer irgendwo in seinem Arbeitszimmer. Aber nicht da.«[9]
Unter gänzlich anderen Umständen, als er um Gnade für seinen mittlerweile seit zwei Jahren inhaftierten Sohn bitten musste, hat Fritz Litten dies selbst in einem Brief an Hitler bestätigt und dabei gleichzeitig auch den Zeitpunkt markiert, an dem sich das Vater-Sohn-Verhältnis rapide zu verschlechtern begann: »Ich war während seiner wichtigsten Entwicklungsjahre im Felde, also auch ohne Einfluss auf seine Erziehung und hatte ihn daher aus der Hand verloren.«[10] Vieles spricht für diese Deutung, denn der Weltkrieg, der für Hans Litten mit der beginnenden Pubertät zusammenfiel, scheint tatsächlich den bald auch politischen Bruch zwischen Vater und Sohn zu markieren. Hatte der Siebenjährige »dem Papa zu Weihnachten 1910« noch herzige Gedichte von »Englein« und »Silberglöcklein« verehrt, wenige Jahre später Hindenburg als »Befreier Ostpreußens« gefeiert und im patriotischen Überschwang den »Russen und Kosaken« und überhaupt allen Feinden Deutschlands wortgewaltig Prügel angedroht (»haut sie gleich in lauter Scherben!«), so muss sich dies irgendwann auf dem Gymnasium geändert haben.[11]
Über den Schulbesuch Hans Littens, immerhin von 1909 bis 1921, sind eigentlich nur drei Dinge überliefert: er sei nach der Grundschule auf das Wilhelms-Gymnasium gekommen; er habe zwei Primen seiner Schule »gesprengt«, und er habe einen Witz über Hindenburg gemacht. Hier mischen sich Übertreibungen mit falschen Erinnerungen, zumal so gut wie keine schriftlichen Quellen erhalten sind. Hans-Joachim Litten wurde ab 1915 im Collegium Fridericianum – dem Friedrichs-Kolleg – als Schüler geführt, seine Brüder folgten 1916 und 1918. Vielleicht war Hans zuvor wirklich am vornehmeren Wilhelms-Gymnasium gewesen und hatte dann gewechselt, vielleicht aber ist dies nur eine Legende, da das »Wilhelms« als »vornehmer« galt, und Littens sich ja gerne »nach oben« orientierten. Wie auch immer, Hans Litten ging auf das Friedrichs-Kolleg, das einen hervorragenden Ruf besaß und die höhere Bildungsanstalt des gehobenen christlichen wie jüdischen Königsberger Bürgertums war: »Die Schule prägte sie alle zu waschechten Ostpreußen, gleich ob sie mit Pregelwasser getauft waren oder nicht.«[12] An patriotischem Geist scheint es tatsächlich nicht gemangelt zu haben: Zu Beginn des Weltkrieges meldeten sich 20 Lehrer und 193 Schüler freiwillig an die Front, aber wenige Jahre später gärte es dann wohl auch am Friedrichs-Kolleg, und es kam zu Konflikten zwischen den konservativen Lehrern und revolutionär gestimmten, aufmüpfigen Schülern. Heinz Litten, der jüngere Bruder, erinnerte sich später »nur mit Abscheu« an seine alte Schule: »Es war eine der reaktionärsten Schulen Deutschlands, und der Geist, in dem diese Schule geleitet wurde, hat stark dazu beigetragen, Deutschland den Nazis in die Arme zu treiben und schließlich unsere ostpreußische Heimat zu verscherzen.«[13] Liest man die Erinnerungen anderer Schüler, so scheinen spätere Kommunisten wie Heinz Litten jedoch eher in der Minderheit gewesen zu sein. Werner Pilaski, der mit Hans Litten einem Lesezirkel angehörte, hat die damalige Stimmung unter den Jungen so beschrieben: »Dieser Lesezirkel spiegelt recht gut den Geist der damaligen Schülergeneration des Friedrichs-Kollegs wider. Unter uns waren zwei bewusste Katholiken und ein fanatischer Kommunist [Litten]. Die übrigen neigten zu den National-Liberalen … Der Bauernsohn Erwin Gehrmann war deutsch-national, also rechts eingestellt. Im übrigen traten die politischen Dinge in unserem engeren Kreis sehr stark zurück, da wir uns vornehmlich mit geistigen Dingen beschäftigten.«[14] Immerhin gründeten einige Schüler im revolutionären Winter 1918/19 einen Schülerrat, und später, als Hans Litten in der Oberprima war, kam es dort zu einem »Streik«, der in Königsberg großes Aufsehen erregte und vermutlich den wahren Kern der Geschichte von der »Sprengung« der Prima bildete: Als es im Hochsommer im Klassenzimmer zu warm geworden war und kein Verantwortlicher für ein Ende des Unterrichts gewonnen werden konnte, verließ die Klasse geschlossen die Schule. In den Zeugnissen stand dann bei allen Schülern die Notiz, ihr Betragen wäre nicht einwandfrei gewesen, weil sie sich gegen das Schulgesetz aufgelehnt hätten. Obgleich dies aus heutiger Sicht relativ harmlos erscheinen mag, war es für eine im wilhelminischen Geist geführte Schule natürlich ein Skandal, nicht minder ungehörig wie Hans Littens angebliche Bemerkung über Hindenburg (den man, wie sein Bild, am besten »aufhängen sollte«[15]) oder der von Pilaski kolportierte Streich: »Hans-Joachim Litten und ich kletterten an einem pechschwarzen Winterabend über das Gittertor auf den Schulhof und hefteten am schwarzen Brett eine gefälschte Bekanntmachung unseres Studienrates Noske an. In dieser gab Herr Noske, der ja mit dem Wehrminister namensgleich war, bekannt, er hätte seinen Namen nunmehr in den Namen ›Nauke‹ umgeändert, den er ja offiziell (es war sein Spitzname) schon längst geführt hätte … Der Erfolg dieses Anschlages war großartig. Bei Schulbeginn stauten sich die Jungen vor dem schwarzen Brett. Unser Anschlag wurde mit lauter Stimme vorgelesen, und ganz Königsberg hat darüber gelacht.«[16]
Hans Litten in der Prima des Fridericianums (vorn, 2. v. r.), um 1920
Nur sein Vater vermutlich nicht, der auch in der Republik stramm konservativ blieb und dem nun erst sein Ältester und bald auch die anderen beiden Söhne rasch entglitten. Angesichts der klar vorgeschriebenen bürgerlichen Vaterrolle, die zwischen Distanz und Strenge oszillierte, war es ein Leichtes für die Mutter, nicht nur die Herzen und Seelen ihrer Söhne zu gewinnen, sondern sie auch für ihre Lieblingsthemen zu begeistern – und die lagen vor allem, in Übereinstimmung mit ihrer Mutter Wilhelmine, im Bereich von Kunstgeschichte und Theater. Denn letztlich war Irmgard Litten bis 1933 eine zutiefst unpolitische Frau, die treusorgend ihren Aufgaben als Professorengattin nachkam, den konservativ-reaktionären Freundeskreis ihres Gatten »am Littenschen Hofe« freundlich bewirtete und sich im Übrigen der schöngeistigen Bildung ihrer Kinder widmete. Sie selbst war sich dessen auch bewusst, wie sie später schreiben sollte: »Ich war bisher mit den Unannehmlichkeiten des Lebens wenig in Berührung gekommen. Mein Mann hatte immer auf dem Standpunkt gestanden, dass in einer Ehe der Mann dazu da sei, die Frau vor den Rauheiten des Lebens zu bewahren. Wenn ich mich mal wieder vorbei benahm, so schützte mich die Stellung meines Mannes.«[17]
Und sowenig sie gegen diesen in politischer Hinsicht aufbegehrte, so wenig setzte sie sich durch, als die Söhne begannen, die von ihr vermittelten Werte ernst zu nehmen, und dadurch einen weiteren klassisch-bürgerlichen Familienkonflikt heraufbeschworen: den um die Berufswahl. Den Anfang machte naturgemäß der Älteste, auf dem ohnehin alle Ambitionen des Vaters lasteten. Der Aufstieg vom kaufmännischen Milieu der Großeltern in die akademische Welt des Vaters musste natürlich fortgesetzt werden, und dies selbstverständlich in einem Feld, in dem man nicht nur seinen Lebensunterhalt verdienen, sondern auch staatstragende Reputation erlangen konnte: in der Jurisprudenz.
Was dieser erzwungene väterliche Berufswunsch für den jungen Hans Litten bedeutet haben mag, lässt sich nur ansatzweise nachvollziehen, wenn man z. B. die Fotos aus dieser Zeit betrachtet, die ein intelligentes, zugleich weiches und rundes Kindergesicht zeigen, das sicher mehr Kunst- als Paragraphensinn verrät. Weder ihn noch den Bruder Heinz – der später wenigstens über Theaterrecht promovieren durfte – rettete die Mutter, und auch eine kurzzeitige Fluchtphantasie – »Ich werde Hafenarbeiter« – setzte der damals schon recht verbalradikale jugendbewegte Abiturient nicht in die Tat um. Stattdessen begann der 18-jährige Hans Litten im Sommersemester 1921 folgsam sein Jurastudium an der heimischen Albertina. Auch noch zehn Jahre später, mittlerweile Anwalt in Berlin, ließ er sich von seinen Eltern finanziell unterstützen und bestätigte brav den Erhalt der Königsberger »Fresspakete« mit Käse, Butter und Kaffee.[18] Der Kampf mit dem Vater wurde zunächst auf einem anderen Feld ausgefochten – und zwar dort, wo man ihn mindestens so hart treffen konnte wie mit der Berufswahl oder den kleinen Rebellionen aus der Schulzeit, die dank des väterlichen Einflusses ohnehin ohne Konsequenzen geblieben waren: Hans Litten beschloss ungefähr zeitgleich mit dem Studienbeginn, zur »Religion seiner Väter« zurückzukehren, zum Judentum.
Irmgard Litten mit ihren Söhnen, um 1917
Fritz Litten hatte sich als junger Mann taufen lassen, vermutlich 1895, auf jeden Fall vor seiner Promotion im Juli jenes Jahres in Halle, weit weg von zu Hause, wo sein Vater Joseph Litten nicht nur ein bekannter Kaufmann und Bankier, sondern auch ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde war, deren Repräsentantenversammlung er ab 1899 bis zu seinem Tod vorstand. Joseph Litten gehörte zu jener Generation deutscher Juden, die es »geschafft« hatten: Er konnte das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von seinem Vater in Elbing erarbeitete Vermögen ausbauen und mit bürgerlicher Respektabilität versehen. Dazu gehörte auch, dass die Söhne nun akademische Laufbahnen einschlagen und die Töchter mit ebensolchen Männern verheiratet werden sollten. Dies gelang, wenngleich Joseph Litten dafür einen hohen Preis zahlte: Seine Tochter Margarete heiratete ebenfalls einen Christen, den Königsberger Privatdozenten Ludloff, und sein einziger Sohn trat gleich selbst, und noch vor seiner Eheschließung, zum Protestantismus über. Joseph Littens Frau Marie, deren Bruder Ludwig Lichtheim ebenfalls ein getaufter Professor an der Albertina war, soll dies weniger ausgemacht haben als ihm selbst, dessen verstärktes Engagement für die jüdische Gemeinde vielleicht nicht zufällig mit der Apostasie seines Sohnes zusammenfiel.
Wann auch immer der Enkel Hans von seinen jüdischen Vorfahren erfuhr und sich für diesen Teil seiner Familiengeschichte zu interessieren begann – sicher ist, dass ihm dieses Thema zumindest anfänglich ein willkommener Anlass war, die Autorität seines Vaters zu untergraben und ihn, bald auch öffentlich, zu provozieren. Er verachtete ihn für die »Karrieretaufe« und bemerkte noch 1931 nicht ohne unterschwelligen Hohn, dass ihn dieser Schritt kaum vor dem Antisemitismus seiner reaktionären Freunde und Feinde bewahren würde: »Dass Du Jude bist, war in Königsberg offenes Geheimnis«, schrieb er dem Vater anlässlich des letzten großen Streits zwischen den beiden: »Die ›Volkszeitung‹ pflegte in gewissen Abständen die Tatsache zu registrieren, dass der Name Deines Vaters an der Ehrentafel der Synagoge steht, auch hat schon im Jahre 1919 ein demokratischer Redner der antisemitischen Volkspartei zu ihrer Toleranz gratuliert, dass sie einen Juden als Redner auftreten ließen.«[19]
Aber dabei beließ es der Enkel des Repräsentantenvorstehers keineswegs: Er belegte in der Schule Hebräisch, wählte dies sogar als Abiturfach und vertiefte sich in den Talmud und vor allem in die jüdische Mystik, die ihn, dem später alle, die ihn näher kannten, einen »tief religiösen Charakter« bescheinigen sollten, besonders reizte. Wohl in dieser Phase, um 1920, begann er auch mit seinen Synagogenbesuchen, die von verschiedenen Königsberger Zeitgenossen erinnert werden. So hat z. B. ein Gemeindefunktionär, Kurt Sabatzky, später über ein Treffen an Jom Kippur berichtet, als ihm der junge Litten auf die »Gretchenfrage« nach der Religion geantwortet habe: »›Ich lebe in einem Elternhaus, wo man vom Judentum nichts wissen will. Von Konfession bin ich evangelisch, und ich betrachte diesen Begriff als einen rein staatsrechtlichen, aber‹ – hier wird er feurig – ›von Bekenntnis bin ich mit ganzem Herzen Jude‹.«[20]
Nun ist bekanntlich das Judentum keine Religion, zu der man rein subjektiv »gehört« oder eben nicht. Noch Jahrzehnte später sollte die »nichtjüdische Herkunft« Littens zum Streit zwischen ehemaligen Freunden aus der Jugendbewegung führen oder aber willkommener Anlass sein, die von ihm geführte und später nach links driftende Jugendgruppe insgesamt als »nichtjüdisch« abzuqualifizieren. Doch schon damals, in den frühen zwanziger Jahren, reichte ein bloßes feuriges Bekenntnis keineswegs aus, um unter gleichaltrigen Jugendlichen als Jude anerkannt zu werden. Als Hans Litten die Rebellion gegen den Vater perfekt machen und einer jüdischen Jugendgruppe beitreten wollte, stieß er auch dort zunächst auf leise Vorbehalte. Sein bald darauf bester Freund, Max Fürst, erinnerte sich zwanzig Jahre später an das erste Zusammentreffen als 17- bzw. 15-Jährige:
»Kennen lernte ich Hans 1920 im Herbst bei irgendeinem Vortrag des jüdischen Jugendvereins. Hans war es wohl damals zum Bewusstsein gekommen, dass er Jude war und er entdeckte mit wahrer Leidenschaft die Religion. Seine religiöse Natur fand da Nahrung und dazu kam, dass er, der zwischen beidem stand, sich einen Standpunkt suchte. Er bestimmte damals, dass er Jude sei, und stürzte sich auf alles, was jüdisch war. Das blieb er dann auch. Nun war damals eigentlich schon klar, dass er, wenn man überhaupt davon reden kann, viel mehr Erbschaft von seiner Mutter als von seinem Vater in sich trug, und ich besinne mich, wie ich einmal, als er so sehr sein Judentum betonte, prägte: dass jeder am meisten das bei sich betont, was ihm fehlt. Hans war mir über diesen Satz, der ihm dann oft vorgehalten wurde, damals sehr böse, aber es war doch so.«[21]
Es war sicher auch so, und es war sicher vor allem Teil einer allgemeinen Suchbewegung eines Jugendlichen, der, im deutschnationalen Elternhaus aufgewachsen, irgendwann im Ersten Weltkrieg, während der Pubertät, gegen alle Autoritäten, Vater, Kaiser, Vaterland, zu rebellieren begann – und dem die Zeitläufe dafür reichlich Nahrung boten: Erst der in Schule und Elternhaus gleichermaßen mit Verve vermittelte nationale Überschwang von 1914/15, dann 1917/18 der verlorene Krieg und die Revolution in Russland, in Berlin und ein bisschen auch in Ostpreußen, wo sie jedoch recht harmlos verlief und nichtsdestotrotz schnell und brutal zusammenkartätscht wurde. Die Zeichen standen also auf Sturm, und dies umso mehr, wenn man all jenes als so offensichtlich intellektueller, dem gängigen Männerbild wenig entsprechender und schon allein deshalb unter dem autoritären Vater leidender Junge erlebte.
Die erlösende Richtung war klar: Religiös zum Judentum, politisch nach links und ansonsten gegen alles »Alte« – also hin zur Jugendbewegung, die zu dieser Zeit kollektiv genau jene Suchbewegungen unternahm, die den jungen Litten umtrieben. Der bunte Mix aus antibürgerlichen, antiurbanen und reformpädagogischen Versatzstücken, der die Jugendbewegung allgemein kennzeichnete, erhielt in der jüdischen Jugendbewegung durch die Auseinandersetzung mit dem »assimilierten« Leben der trotzdem oftmals antisemitisch diskriminierten oder ausgegrenzten Eltern eine zusätzliche Dimension. Kein Wunder also, dass sich hier die innerfamiliären Konflikte z.T. noch verschärften, und dies vor allem dann, wenn die Bürgerkinder sich den zionistischen Gruppen anschlossen. Dies tat Hans Litten zwar nicht, aber vielleicht auch nur deshalb nicht, weil in diesen Jahren, also um 1920 herum, die nicht-zionistische Variante, die sich Deutsch-jüdischer Wanderbund Kameraden nannte, in Königsberg die intellektuell interessantere war.
Versucht man sich den Gymnasiasten vorzustellen, der mehrere Sprachen, darunter Sanskrit und Chinesisch lernte und sich zusammen mit seiner Mutter und Großmutter in die Kunst des Mittelalters vertiefte, so entsteht nicht gerade das Bild eines geselligen, von Freunden umgebenen Teenagers, sondern eher das eines hoch intellektuellen, aber einsamen »Strebers«, der vermutlich erst in der Prima durch seine offene Rebellion gegen die Lehrer an Renommee unter Gleichaltrigen gewann. Ob er als Jugendlicher tatsächlich eher ein »abweisender Einzelgänger«[22] war oder nicht – später zumindest sollte er immer wieder als »schüchtern« beschrieben werden –, sicher ist, dass Hans Litten bei den Kameraden, zu denen er im Frühjahr 1921 stieß, nicht nur eine Gruppe fand, Jungen und Mädchen, denen er sich zugehörig fühlte, sondern mit Max Fürst auch einen lebenslangen Freund: »Vielleicht hat er später so an mir gehangen«, vermutete dieser, »weil ich ihm, ohne es zu wissen, aus einigen Schwierigkeiten herausgeholfen habe. Er sagte es oft, aber ich habe es nie beachtet …«[23]
Allerdings war es keineswegs Liebe auf den ersten Blick zwischen den beiden Jungen: »Hans lehnte in einem blauen bürgerlichen Anzug am Klavier, ein Kreis hatte sich um ihn gebildet«, so Fürst an anderer Stelle, » … und man unterhielt sich gebildet. Ich hatte den Verdacht, dass es wieder um Nietzsche-Zitate ging. Jedenfalls verstand ich kein Wort.«[24] Nach Littens Tod hat Max Fürst diesen Beginn einer wunderbaren Freundschaft für Irmgard Litten ausführlich geschildert:
»Ein großer Junge mit noch größerer Brille, dem man schon auf 10 Meilen den Intellektuellen und die gute Pflege zu Hause ansah. Dann erfuhr ich von seinen außerordentlichen geistigen Fähigkeiten. Alle sprachen mit großer Begeisterung von ihm. Mein Urteil war damals gleich fertig und ich sagte: ›Gesellschaftslöwe‹ und ›na wart nur, wenn der Ernst des Lebens an Dich heran tritt‹. Ich ging damals oder war wenigstens entschlossen, Tischler zu werden und in die Fabrik zu gehen, und hatte mehr als Verachtung für alle Intellektuellen. Damals war die Zeit, wo sich unserer Verein langsam von einem Diskutierclub in einen Wanderbund verwandelte, und ich war natürlich für den Wanderbund, während ich und meine ganze Richtung (ihm) zu wild, zu romantisch und zu geistlos schienen. So verachteten wir uns beide, ich ging mit meinen Pimpfen auf Fahrt und er hielt Heimabende und Kurse über Gott und die Welt. Unsere Gegensätze in der kleinen Gruppe verstärkten sich noch … und eines Tages kam es auf Fahrt zu einer wüsten Schlägerei zwischen uns. Dann aber haben wir uns vertragen, und ›ausgesprochen‹, zu jener Zeit konnten wir alle noch ›aussprechen‹, was wir wollten, und mit einer richtigen Aussprache waren dann Gegensätze zu klären und aus der Welt zu schaffen. Es war ein schöner Tag, wir blieben auf einem Feldrain sitzen, ließen die Gruppen vorangehen und blieben; was wir gesprochen haben, weiß ich nicht mehr, … aber von diesem Feldrain wurden immerhin mehrere Dinge geklärt. Unsere ewige Liebe zu Ostpreußen, und unsere Stellung zueinander. Seither war ich immer der Führer … der Gruppen und er war der Geist.«[25]
So oder ähnlich wird die Arbeitsteilung der beiden, die den von ihnen geleiteten Gruppen eine besondere Intensität verliehen zu haben scheint, auch von anderen beschrieben: »Beide brauchten sich gegenseitig, der eine für das Intellektuelle, der andere für das Menschliche«[26], sollte sich später eine Freundin aus der Berliner Zeit erinnern, während Hans Litten selbst dies so formulierte: »Max baut die Gruppe auf, ich zerschlage sie«[27], wobei »zerschlagen« hier im Sinne einer »permanenten (geistigen) Revolution« zu verstehen ist, die sich nicht mit einfachen Schlagwörtern zufriedengeben, sondern alles immer mit »unerbittliche(r) Logik … bis zu Ende durchdenken« wollte.[28]
Mit »seiner überragenden Intelligenz, seinem ungewöhnlichen Wissen und seinem zielbewussten Willen« dominierte Hans Litten rasch die Königsberger Ortsgruppe der Kameraden, wie Erwin Lichtenstein, damals der offizielle Leiter der lokalen deutsch-jüdischen Jugendarbeit, beobachten konnte.[29] Während Max Fürst weiterhin für das wilde Wandern zuständig war, wurde auf den Heimabenden unter Littens Anweisung gearbeitet, und zwar hart: Betrachtet man seine Lektüreliste, die er zwischen 1919 und 1922 führte, so wird nicht nur sein großer Bildungseifer deutlich – mindestens zwei Bände pro Woche –, sondern auch Züge eines gewissen Zwangscharakters. Der akribisch mit Feder und Tinte in Schönschrift angelegte Katalog, Blatt für Blatt nummeriert, jede Edition detailliert ausgewiesen, füllt nahezu zwei volle Hefte. Auf 108 Seiten sind an die 300 Titel versammelt, gegliedert in nicht weniger als 25 Sachgebiete: antike bis moderne Literatur und Kunst, Philosophie, Geschichte und Politik. Dabei war es nur eine Auswahl, das, was er den »Grundstock« nannte. In einem Brief an Fritz Sauer, einen Freund aus einer anderen Kameraden-Gruppe, beschrieb Hans Litten 1925 sein Vorgehen bei der »Gruppenarbeit« zum Thema Literatur, wobei er – auf die entsprechende Anfrage hin – zunächst einmal streng feststellte: »Um die moderne Literatur kennen zu lernen, braucht man an sich keine Literaturgeschichte, sondern die Dichter selbst.« Dann folgt eine Aufzählung von 30 modernen Schriftstellern und Dichtern, und schließlich deren Vorstellung anhand typischer Werke auf 12 Abenden: »An den fraglichen Abenden wurde nur vorgelesen (die Aussprache war besonderen Abenden vorbehalten). Die kurzen Einleitungen, die ich gegeben habe, führe ich, wo sie wichtig sind, in Schlagworten mit an, ebenso knüpfe ich, wo nötig, eine Kritik an den Abend. Die Abende dauerten im Durchschnitt 2 - 2 ½ Stunden.«[30]
In der Rückschau Max Fürsts hört sich dies allerdings weniger rigide und sehr viel lebendiger an: »Ausgehend von der Jugendbewegung mit Wynecken: Schule und Jugendkultur, Blüher, Romantik, Liedern, Wandern, Sonnwendfeuern, kamen wir zu Rilke, George, Pfemfert, Karl Kraus, expressionistischer Dichtung, der Auseinandersetzung mit dem Nationalismus jeder Art, also auch mit dem Zionismus, mit der Generation der Eltern mit ihren Göttern, mit dem Judentum und anderen Religionen und immer wieder mit Marx und bemühten uns darum, unsere Einstellung zu den täglichen politischen Ereignissen zu klären.«[31] Was sich 50 Jahre später wie ein wilder Reigen jugendlichen Aufbruchs ausnimmt, scheint damals jedoch einer gewisse Reihenfolge, einem sich ändernden Interesse gefolgt zu sein. So stand wohl am Anfang von Littens Jugendbewegungsjahren – ganz dem ursprünglich provokanten Charakter dieser Unternehmung entsprechend – eindeutig das Judentum im Vordergrund: Alle ehemaligen Gruppenmitglieder stimmen darin überein, dass er es war, der sie näher an die jüdische Religion heranführte, sie mit in die Synagoge nahm und sich und die anderen für jüdische Mystik begeisterte. Im Winter 1923/24 las er mit seiner Gruppe gemeinsam Teile eines Talmudtraktats, um, wie es in dem Bericht dazu heißt, ihr »Verhältnis zur jüdischen Religiosität« im Buber’schen Sinne zu »klären«. Die Jugendlichen lernten dabei unter Littens Anleitung, den Talmud als »geistiges Prinzip« zu begreifen, dessen Bedeutung für die eigene Existenz, jenseits des »dumpfen Buchstabenglaubens des Orthodoxen« und »der flachen Verstandesmäßigkeit des Liberalen«, es zu »erleben« galt: So interpretierte die Gruppe beispielsweise den Satz »nächstes Jahr in Jerusalem« als »Umkehr vom Unwesentlichen zum Wesentlichen«, als »Überwindung des Zwiespalts zwischen Leben und Lehre«, und entdeckte so in den »Sätzen unserer heiligen Bücher, die, wie wir glauben, unter unmittelbar göttlicher Eingebung niedergeschrieben wurden«, die gleichen »Grundkräfte …, die in der Jugendbewegung am Werke sind«.[32]
Dergestalt religiös gestärkt, konnte man sich umso euphorischer dem jugendbewegten Leben widmen, und dies hieß in Ostpreußen natürlich in erster Linie dem Wandern und Zelten am Meer, an der Samlandküste oder am endlosen Strand der Kurischen Nehrung. Ein Foto, vielleicht aus dem Sommerlager in Sorgenau 1923, das allen so lebhaft in Erinnerung blieb, zeigt junge, glatte Kindergesichter und in der Mitte einen Hans Litten, der, damals ca. 20, aussieht wie höchstens 15. »Wir waren übermütig vor Jugend«, sollte Max Fürst später schreiben: »Fast schäme ich mich aufzuschreiben, wie schön meine Jugend oft war, wenn wir sonnentoll durch das Schilf brachen, wie eine Horde Elefanten uns Wege schufen, nicht der Quaddeln achtend, die wir an den Beinen und im Gesicht von Stechmücken und Bremsen hatten. Oder zu Ostern, wenn wir das dünne Eis auf den Bächen zerbrachen und uns im kalten Wasser wälzten wie die Wildschweine im Dreck.«[33] In Hans Littens eigener Diktion erhalten solche Erlebnisse zwar sofort eine literarische Überhöhung, aber dennoch spürt man die Lebenslust, die Freude an der eigenen verschworenen Gemeinschaft und ihrer geheimen Sprache, wenn man den Eintrag ins Fahrtenbuch der Gruppe des damals immerhin schon Jura Studierenden liest:
»Gang über die Cranzer Promenade. Unter dem zusammengebrochenen Seesteg entdeckten wir den Tanzsaal der Nixen. An der Decke hängen riesige Eiszapfen, wenn die einem auf den Kopf fallen, stecken sie im Gehirn wie der Rettich in der Erde. Von dort Einblick in die Privaträume der Nixen. Die Nixen sitzen, mit Pelzmantel, Pelzmütze, Fausthandschuhen, Muff und Futteralen aus Pelz für die Fischschwänze bekleidet, am Ofen. Der Wassermann schimpft, weil das morsche Holz vom Seesteg so schlecht brennt – Das Meer, das wie ein Sturzacker am Nordpol aussah, seufzte bedenklich und machte verdächtige Bewegungen. Gratwanderung über die Ostsee.«[34]
Hier, an der nordöstlichen Peripherie des »Reiches«, von dem man nach dem Krieg zusätzlich durch den Korridor getrennt war, hatte sich im Laufe der Geschichte immer wieder ein lokales »Sonderbewusstsein« ausgeformt, das sich selbst als Avantgarde begriff. Dies war zu Kants Zeiten so gewesen und im Vormärz, und selbst während des Kaiserreichs hatten sich Reste davon in Königsberg bewahrt. So ist es kaum erstaunlich, dass auch die Jugendlichen sich als etwas Besonderes fühlten, irgendwie anders und vor allem »wilder« als die Kameraden im »Reich«, und eher von einem Bund der baltischen Staaten träumten als von Verbrüderung mit Schwaben oder Rheinländern. Diese wiederum beobachteten das »starke Zusammengehörigkeitsgefühl«[35] der Ostpreußen mal mit Neid, mal mit Sorge, schien es doch die viel umkämpfte »Einheit des Bundes« der Kameraden zu gefährden. Denn natürlich fand man auch immer wieder inhaltliche Gründe, um sich von den anderen zu distanzieren. Zu Beginn ging es dabei um das Judentum, später sollte die Politik hinzukommen.
Die Königsberger Ortsgruppe der Kameraden an der Ostsee ( Hans Litten hintere Reihe, links außen), um 1923
Irgendwann im Jahre 1923 hatte man sich in der fleißig »jüdisch arbeitenden« Königsberger Gruppe auf folgende Formulierung als Grundlage der Zugehörigkeit geeinigt: »›Wir sind jüdisch kraft unserer Abstammung und wir sprechen deutsch.‹ (Hans Litten fügte hinzu: und auch das nicht immer richtig).«[36] Dies sollte allen größtmögliche Gewissensfreiheit und die von der Jugendbewegung postulierte »innere Wahrhaftigkeit« garantieren, wie Litten selbst betonte: »Im Gau Nordost ist Platz für den ehrlichen Heiden, aber nicht für den Religionsjuden, der es nur aus Konvention ist.«[37] Allerdings kollidierte diese vage Grundhaltung mit dem von anderen Kameraden-Gruppen geforderten und wortreich in vielen Artikeln beschriebenen »Willen zum Judentum« – was immer man sich darunter vorstellen mochte. Was aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbare Debatten sind, waren für die Jugendlichen damals existentielle Diskussionen und dramatische Kämpfe. Als die Königsberger auf dem Bundestag in Sudershausen mit ihrem Vorhaben scheiterten, ihre »Sätze« zur Grundlage des Gesamtbundes zu machen, kam dies zumindest für sie einem kleinen Erdbeben gleich, dessen Erschütterungen in den zeitgenössischen Berichten über dieses Ereignis noch zu spüren sind: Von »niederschmetternden Eindrücken« ist da die Rede, vom »Grabgeruch der Verwesung« der übrigen Kameraden-Gruppen, die die wahren Ideale der Jugendbewegung verraten hätten, und von »leergebrannten Schlacken«, die durch »gespreiztes Zurschaustellen der äußeren Führerwürde … ihren Mangel an innerem Führertum zu verhüllen suchten«.[38] Und einem Mitglied der Breslauer Kameraden-Gruppe gegenüber, das zu vermitteln versucht hatte, verwahrte sich Hans Litten mit scharfen Worten gegen jede »Ostpreußenbeweihräucherung«: »Wir Ostpreußen sind Leute, die gelegentlich auch mal ganz nett sentimental sein können. Aber: ›jedes Ding hat seine Zeit‹. Und wenn man uns über wichtige Fragen des Bundes, die ein gewisses Nachdenken erfordern, einen 6 Seiten langen Brief schreibt, der nichts weiter enthält als sentimentales Geschleime … dann haben wir dafür absolut kein Verständnis. Und wenn man uns in jedem Brief von neuem versichert, was für herrliche Menschen wir wären – dann wird uns speiübel.«[39]
Hans in der Zeit des Schwarzen Haufen bei einer Rast
In diesen wortgewaltigen Kaskaden wurde zum ersten Mal auch für Außenstehende eine Tendenz sichtbar, die Litten rasch zur wohl umstrittensten Figur innerhalb der Kameraden werden ließ. Im jugendbewegten Universum des jungen Studenten gab es nur Getreue und Verräter, man war entweder »dafür« oder »dagegen«, Zwischentöne waren nicht erlaubt, und er vertrat seinen Standpunkt unerbittlich und in einem Ton, der durchaus an Schilderungen seines brillanten, aber auch gefürchteten Vaters erinnert. Sein Freund Max Fürst hat dazu später beschwichtigend bemerkt: »Leider war Hans immer sehr für starke Worte, vor denen ich zurückschreckte, er war schnell bereit, Verrat zu rufen, wenn es taktisch besser gewesen wäre, still zu halten und auf seine Zeit zu warten, das ist eine Sache des Temperaments und das wenigstens in gewissen Grenzen zu zügeln, ist ihm erst später gelungen.«[40] Was die einen faszinierte und an ihn band, war für andere jedoch »gewissenlose Demagogie« und ein schädlicher, ja »hypnotischer Einfluss«. Auch blieb es keineswegs bei Worten, sondern es kam regelmäßig zu dramatischen Ausbrüchen, wie sie z. B. Erwin Lichtenstein erinnert: »Als die damalige Bundesleitung diese allumfassende und zu nichts verpflichtende Formel (die ›Königsberger Sätze‹) ablehnte, tobte Hans los: Lügner, Verräter usw. Ich hielt ihn von einer, ein anderer (wohl Walter Lepehne) von der anderen Seite, um ihn zu beruhigen. Ich weiß nicht, ob seine Wut … nicht auch zum Teil gespielt war. Denn die schauspielerische Begabung hatten nicht nur seine Brüder Heinz und Rainer, sie war wohl ein Erbteil vom alten Litten.«[41] Einen ähnlichen Verdacht äußerte später Hella Riebensahm, die ihn in Königsberg nur von ferne kannte: »Mir lag er nicht, er war mir zu maßlos … er hatte auch deutlich neurotische Züge. Ich habe ihn mal in einen Lachkrampf ausbrechen hören, der uns andere schließlich ängstigte. Dabei war ich nicht sicher, ob seine krankhaften hu-hu-hu-Kaskaden, die er ausstieß, nicht nur Mache waren.«[42] Sie und Erwin Lichtenstein erinnern sich auch an eine spiritistische Phase Hans Littens: »Einmal wollte er Hannah Arendt, die er hasste [und die er aus der intellektuellen Jugendszene der bürgerlichen Königsberger Vororte kannte, d. A.], per Telepathie ins Jenseits befördern ›durch Tod des Ertrinkens‹«, so Hella Riebensahm, die eine enge Freundin Hannah Arendts war: »Es war an einem Sonntag, als er Friede Grünwald in dieses Geschehen einweihte. Friede wusste, dass Hannah an die See gefahren war, und sie zitterte um Hannahs Leben, den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht. Aber Hannah erschien am Montag wohlbehalten in der Schule.«[43]
Während seine spiritistischen Kräfte – zum Glück für die politische Philosophie des 20. Jahrhunderts – nicht allzu stark ausgeprägt gewesen zu sein scheinen, war sein Einfluss auf die Jugendlichen um ihn herum umso größer. Nach dem Streit um die »Königsberger Sätze« hatte man sich im »Gau Nordost« noch weiter vom Gesamtbund entfernt, gab mit Hilfe einer »Gausteuer« (1 Prozent vom Lohn, 10 Prozent vom Taschengeld) ab Herbst 1923 sogar ein eigenes »Gaublatt« heraus und fühlte sich den Ideen der Jugendbewegung umso mehr verpflichtet. Was dies nach innen bedeutete, erläuterte Litten in einem Artikel unter der Überschrift »Gesetz«:
»Die verhängnisvollste Erscheinung in der Jugendbewegung ist das Mitläufertum. Wie groß diese Gefahr ist, haben wir mit Schrecken erlebt. Dies haben wir als klare Erkenntnis vom Bundestag mitgenommen: bei uns darf es so etwas nicht geben! … Wir brauchen Entschiedenheit, Verantwortungsgefühl, Selbstdisziplin. Gesetze zwingen zu klarer Entscheidung. Wem Jugendbewegung nichts weiter ist als ein modernes Gesellschaftsspiel, eine angenehme Unterhaltung für die Sonntage und ein bis zwei Abende in der Woche – der mag gehen, und wir werden uns freuen, ihn los zu sein. Wer aber weiß, dass Jugendbewegung eine verpflichtende Idee ist, die den ganzen Menschen fordert, dass sie Opfer von uns verlangt (denkt nur an die dauernden Reibungen mit der Umwelt!), dass jede unserer Handlungen diktiert sein muss von diesem inneren Gesetz – der wird sich auch freiwillig der äußeren Formulierung dessen unterwerfen, was er als innere Notwendigkeit anerkannt hat.«[44]
Irgendwann im Laufe des Jahres 1925 gab man sich, um den Zusammenhalt weiter zu verstärken, den Namen Schwarzer Haufen (kurz bald nur noch: SH), in Anlehnung an das in der Jugendbewegung beliebte Bauernkriegslied: »Wir sind des Geyers Schwarze Haufen«. Der Name war, wie sich ein Mitglied später erinnerte, »deutlich Programm … im Sinne von Provokation und Radikalität«.[45] Die Jugendlichen erfanden eine eigene Kluft – schwarze, lose hängende Satinkleider oder schwarze Kittel mit roter Kordel, und inszenierten sich sowohl gegenüber der Erwachsenenwelt als auch innerhalb der Kameraden als radikal antibürgerliche Avantgarde – und Hans Litten vorne weg: » … er war Jemand, man konnte ihn nicht übersehen«, sollte Hella Riebensahm später schreiben:
»Ich sehe ihn noch in seiner Rippelsamtkluft, die vollgepackte Aktentasche auf der Hüfte, in den Konzertsaal treten, leicht gebeugt mit großen Wandervogelschritten den Gang herunterkommen, um sich in einer der breiten Fensternischen häuslich einzurichten. Das taten wir alle, wir Schüler mit Stehplatzkarten. Die meisten von uns gingen aber ein bisschen festlich angezogen zu Konzertveranstaltungen, während es zu Hansens Prinzipien gehörte, in Fahrtenkluft und ungeblänkten Schuhen zu erscheinen. Er liebte es, immer noch etwas mehr Ärger zu erregen als alle Gleichgesinnten.«[46]
Auf den Bundestreffen der Jugendgruppen gewann der Schwarze Haufen die Völkerballturniere, und Hans Litten leitete aufsehenerregende Schrei- und Bewegungschöre, die bei manchen zwar nur Kopfschütteln hervorriefen, den »wilden« Ruf seiner Gruppe aber noch verstärkten. Da zudem auffallend viele selbstbewusste Mädchen in den, im Gegensatz zu vielen anderen Jugendgruppen, ›geschlechterpolitisch‹ bewusst egalitären Schwarzen Haufen drängten, nimmt es kaum wunder, dass die Fürst’sche Werbearbeit recht erfolgreich war und sich im Laufe der Jahre 1925 und 1926 immer mehr Kameraden-Gruppen »im Reich«, vor allem aus dem Ruhrgebiet, aber auch aus Berlin, dem Schwarzen Haufen anschlossen.
Aber man würde den Jugendlichen und auch Hans Litten Unrecht tun, täte man alles nur als gelungene Inszenierung von antibürgerlicher Radikalität ab. Die Jugendlichen lasen und diskutierten ja wirklich, und es war gerade Hans Litten, der dem diffusen Aufbegehren eine klare politische Richtung gab: Es »wurde mir gleich zugeflüstert«, so Max Fürsts Erinnerung an ihr erstes Treffen, »dass er Kommunist sei, und auch das blieb so. Damals waren wir so kurz nach der Revolution noch alle unklar sozialistisch. Wir waren bürgerliche Jugend und hatten verschwommene sozialistische Ideale, doch waren wir noch stark genug mit der bürgerlichen Klasse verbunden, um nicht leise alle wirklichen Taten zu fürchten, die unseren Eltern schadeten.«[47] Genau diese Ambivalenz sollte Litten einige Jahre später in einem Artikel für das »Bundesblatt« der Kameraden
